Sicherer Job! Planbares Leben! Oder: Von der unermesslichen Last des Mutterseins

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Sep 012017
 

Versagende Eltern, gefährdete Kinder, belastete Mutter-Kind-Beziehungen – das dürfte das enorm wichtige Grundmotiv sein, welches zwei Schriftstellerinnen in  ihren neuen Büchern aufgreifen. Gut, bedeutend, es stimmt mich nachdenklich! Ist dies eine Bestandsaufnahme einer Situation, die jeden von uns unvorbereitet treffen kann?

Katharina, die Mutter in Mareike Krügels neuem Roman Sieh mich an, musste ihre Karriereträume beerdigen, nachdem sie ihren Mann Costas geheiratet und das erste Kind  bekommen hatte. Sie erteilt jetzt, statt auf Konzertbühnen zu glänzen,  Musikunterricht für Vorschulkinder und setzt das Orffsche Instrumentarium ein. Das schwierige Muttersein, schwierige Schwangerschaften und ihre eigene schwere Krankheit strichen ihre Lebensplanung durch. Sie sagt:

Nichts ist mehr so, wie es gehört. Nichts ist so geworden, wie ich es wollte, gar nichts, und nun stehe ich da und muss mir selber zuhören, wie ich zu mir sage: War das nicht klar? Das hast du doch gewusst, Katharina, damit war doch zu rechnen.“

PLANBARES LEBEN! Das ist eine zentrale Verheißung, mit welcher eine bedeutende Partei, Die Linke, in diesen Bundestagswahlkampf zieht. Die Politik soll es einrichten, dass alles so kommt, wie man sich das wünscht und vorstellt. Und dann – dies! Krankheiten, Schwangerschaften und schwierige Kinder vermasseln einem die Lebensplanung.

Monika Helfer schildert in Schau mich an, wenn ich mit dir rede! eine U-Bahn-Szene. Eine Mutter nimmt ihre Tochter ins Verhör. Mutter und Tochter haben beide einen Stadtroller zwischen den Beinen, beide tragen eine Schildmütze auf dem Kopf. Die Mutter fragt:

„Und du? Du? Du? Magst du ihn immer noch, deinen lieben, lieben Vater? Ich will es wissen. Ich weiß schon, nichts darf ich, aber etwas wissen wollen darf ich wohl. Oder wollt ihr mir das auch noch verbieten?“
Der Mund des Mädchens nahm einen leidenden Zug an, und ich dachte, gleich wird sie weinen. Sie weinte nicht. Sie drehte sich weg von ihrer Mutter, sagte nur sehr leise: „Mmhm.“

Zwei kurze, meisterhaft verdichtete Miniaturen aus zwei lesenswerten Büchern!  In Monika Helfers Szene fällt mir etwas auf, was für viele unserer Familien charakteristisch geworden ist: Die Einebnung der Unterschiede zwischen Eltern und Kindern.  Die Eltern ziehen sich so an wie die Kinder, sie ziehen die Kinder aber auch in ihre eigene emotionale Verstricktheit hinein.

Das Kind wird behandelt, als sollte es ein gleichartiger Partner der Eltern sein. „Dein Kind – dein Partner“, so hieß der Ratgeber von Carl H. Schmitt-Rogge, den ich übrigens selbst als Jugendlicher las, um meine Eltern in ihrem Erziehungsstil besser zu verstehen.

Das Kind als Partner? Ich finde das bedenklich! Das Kind wird so allzu leicht hineingezogen in den Paarkonflikt. Und dies, so meine ich, stellt eine heillose Überforderung des Kindes dar. Das Kind wendet sich dann ab wie in der U-Bahn-Szene, es verweigert die Antwort.

Und der Grund ist: Es muss sich schützen. Das Kind möchte nicht Sparringspartner für die ungelösten Konflikte der Eltern werden.

Ich lese aus diesen beiden Grundkonstellationen zweierlei heraus: Ja, Kinder können alles durcheinanderbringen. Ja, das Leben ist fundamental nicht planbar. Ja, Muttersein ist nicht einfach schön. Es kann schrecklich sein. Muttersein ist nicht angeboren. Die Frau wird hineingestoßen in etwas, was ihre Pläne umwirft. Anders ist es meist für den Mann; ihm wird viel eher zugestanden, seine eigene Karriereplanung duchzuziehen.

Und ja, Kinder sind etwas anderes als Erwachsene. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist keine demokratische Beziehung zwischen Gleichberechtigten; es wird immer eine größere Macht, eine größere Verantwortung bei den Eltern geben.

Zwei Bücher, die jetzt, wo die Abende früher einsetzen, sicherlich das Lesen lohnen.

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! Jung und Jung Verlag, Salzburg 2017, hier zitiert nach: Deutscher Buchpreis. Die Longlist 2017. Leseproben. Börsenblatt, Frankfurt 2017, S. 27-31, hier S. 28-29
Mareike Krügel: Sieh mich an. Roman. Piper, München 2017, hier zitiert nach: Petra Pluwatsch: Begrabene Träume. Mareike Krügel zieht eine bitterböse Bilanz des Mutterseins. Berliner Zeitung, 1. September 2017, S. 23

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Was schuf Donatello: ein rilievo „stiacciato“ oder ein rilievo „schiacciato“?

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Sep 062015
 

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Kaum je sonst ist in einem Kunstwerk die innige Umarmung, die Fürsorge, Zärtlichkeit, die wechselseitige Stützung, Abhängigkeit und Obhut zwischen Mutter und Kind so ergreifend und so begreiflich dargestellt wie in dem Flachrelief Donatellos, das wir gestern in der Skulpturensammlung des Bode-Museums betrachteten.

Die Mutter Maria umfasst Jesus, das Buberl, mit beiden Händen; sie schützt, hegt, umfasst das Kind und zeigt der Welt zugleich das Kind mit seiner ganzen Geschichte. Durch seine unglaubliche Kunstfertigkeit gelingt es Donatello, Maria zugleich innerhalb wie außerhalb des steinernen Rahmens zu zeigen. Innerhalb weniger Millimeter Dicke erzeugt also der Bildhauer eine phänomenale räumliche Tiefe, die sich aufschließt, wenn man dieses gepresste Relief von verschiedenen Blickwinkeln aus in den Blick nimmt. Weltöffnung und Innigkeit, Ausgesetztsein und Geborgenheit treten auf ungeheuerliche, fast atemberaubende Weise ins Gleichgewicht:

Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn,

möglicherweise dachte der Dichter an einen ähnlichen Einklang von Innen und Außen, von Nacht und Tag, als er sein Gedicht Um Mitternacht schrieb. Wer weiß dies?

Abschließend besprachen wir noch die Terminologie: rilievo stiacciato oder rilievo schiacciato? Welcher der beiden Ausdrücke ist richtig? Antwort: beide, stellt doch das seltene Verbum stiacciare eine Abart oder Sonderform des geläufigeren schiacciare dar. Dieses Flachrelief Donatellos ist zweifellos ein rilievo stiacciato (so die in der Kunstgeschichte besser belegte Variante), ein Pressrelief, dessen Eigenart darin besteht, in sehr geringer tatsächlicher räumlicher Tiefe eine perspektivische Mächtigkeit zu erzielen.

Was sollte man danach noch anschauen? Ich war danach für die vielen anderen, vermutlich fast ebenso bedeutenden Kunstwerke dort drinnen im Bodemuseum schon fast verloren; erst draußen, auf den Stufen zum Bodemuseum, gelangte ich wieder ganz in die Außenwelt – und zwar durch Maria; denn das spielende Kind, dem wir dort begegneten und nach dessen Namen ich mich erkundigte, hieß genau so.

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Bronsteins Kinder, oder: die Macht des Menschen über Leben und Tod

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Mai 292015
 

Von der ungeheuren Macht, besser: der grenzenlosen Selbstermächtigung des 1879 im damaligen Neurussland, heute ukrainischen Janowka geborenen kommunistischen Revolutionärs Lew Davidovitsch Bronstein, besser bekannt als Trotzki, zeugt der folgende Wortwechsel zwischen einem (hier nicht näher bestimmten) Prof. Kusnetzow und Trotzki aus dem Jahr 1919. Zur Erinnerung: Wir stehen im Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen, Moskau wird belagert und ausgehungert. Der militärische Chef der Roten ist Trotzki, der unumstrittene Führer der Roten Armee.

Professor Kusnetzow schreibt an Trotzki: „Moskau stirbt buchstäblich vor Hunger“. Trotzkis überlieferte Antwort: „Das ist kein Hunger. Als Titus Jerusalem einnahm, aßen jüdische Mütter ihre eigenen Kinder. Wenn ich also Ihre Mütter zwinge, ihre eigenen Kinder zu essen, dann können Sie kommen und sagen: „Wir hungern“.

Wenn ich eure Mütter zwinge, ihre Kinder zu essen …“ Dieser hammerartig niederfallende Nebensatz scheint mir geradezu emblematisch die Signatur des frühen 20. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Weltkriege und Revolutionen zu sein. Trotzki, der hochintelligente, rhetorisch brillante, rundum gebildete, kluge Mensch, der sowohl den jüdischen Cheder in der ländlichen Ukraine wie auch die lutherische deutsche St.-Paulus-Schule in Odessa besucht hatte, gibt damit den Ton der Selbstermächtigung durch die Revolution im Zeichen von Hammer und Sichel an. Er sagt gewissermaßen: „Ich, Trotzki, erteile mir hiermit die Macht über Leben und Tod, die Macht über Mütter und deren Kinder.“

Trotzki, der sich in der Kommunistischen Partei handschriftlich unter seiner Volkszugehörigkeit Jude eingetragen hat, ordnet darüber hinaus die russische Oktoberrevolution ganz bewusst in die welthistorische Ereigniskette ein. Er stellt somit die von ihm maßgeblich bewirkte russische Oktoberrevolution auf eine Stufe mit der verheerenden Niederlage und Zerstörung des Judentums, mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70! Das ist der Hammer, das ist die Sichel.

Das durch den jüdischen Historiker Flavius Josephus im 6. Buch seines „Jüdischen Krieges“ erzählte Geschehen, wonach im Jahr 70 unter der Belagerung und Aushungerung Jersualems durch die Römer eine jüdische Mutter ihr eigenes Kind schlachtete, briet und verzehrte, wird durch Trotzki in bewusster Übertreibung noch überboten: In der kommunistischen Revolution, im Kampf zwischen Roten und Weißen wird also nicht nur der Hunger als bewusstes Kampfmittel eingesetzt, vielmehr wird das erste und innigste Band der Menschen untereinander, das zwischen Mutter und Kind, durch Gewalt ganz bewusst zerstört.

Hier im Original das Zitat, wie es Swetlana Alexijewitsch wiedergibt. Die originale Fundstelle habe ich bisher allerdings nicht gefunden. Die Echtheit des Zitats kann ich somit nicht bezeugen. Ich halte es für durchaus für möglich, dass diese Zitate echt sind.

«Москва буквально умирает от голода» (профессор Кузнецов — Троцкому). «Это не голод. Когда Тит брал Иерусалим, еврейские матери ели своих детей. Вот когда я заставлю ваших матерей есть своих детей, тогда вы можете прийти и сказать: “Мы голодаем”» (Троцкий, 1919).

http://pda.litres.ru/svetlana-aleksievich/vremya-sekond-hend/chitat-onlayn/

Die obenstehende Übersetzung des Trotzki-Zitates aus dem Russischen hat der hier Schreibende angefertigt.

Eine andere gedruckte deutsche Übersetzung des Zitates findet sich hier:

Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2013. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, hier S. 11

Eine handschriftliche Selbstauskunft Trotzkis aus dem Jahr 1922 anlässlich des 10. Kongresses der Sowjets findet sich in folgendem Buch:
Robert Service: Trotsky. A biography. Pan Macmillan Books, London 2010, Abbildung Nr. 14, digitale Ausgabe Pos. 15528

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Entschlafen. Über dem Tode. Hinübergehen

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Feb 112015
 

 

Schlaf ist ein kurzer Tod, Tod ist ein langer Schlaf. Am vergangenen Sonntag um 10.00 Uhr  ist unsere Mutter, Großmutter, Verwandte, Freundin, Weggefährtin Gerda nach langer Krankheit in völliger Ruhe und Gelassenheit im Schlaf hinübergegangen, hinübergeglitten in seine Hände.

Das letzte Geleit und Abschied:
Freitag, 13. Februar 2015, 09.00 Uhr
Requiem für Gerda Hampel, geb. Seiberl (28.07.1927 Berchtesgaden – 08.02.2015 Berlin-Kreuzberg)
Pfarrkirche Heilig Geist
Grüntenstr. 19
H
ochzoll-Nord
86163 Augsburg

 

Anschließend ab 10.20 Uhr:
Beerdigung auf dem Neuen Ostfriedhof
Zugspitzstr. 104
Hochzoll-Nord
86163 Augsburg

Nacht ruht in jeder Blume und schwarz ist geworden
der Mohn, kein Zittern, kein Lächeln mehr ist, und der Kuß
geendet: wie flügelt die Seele dann,
o wie schwebt sie, die unsre in eins gefaltete ruhelose,
über dem Tode.

Verse von Georg von der Vring

Quelle:
Erna Woll: Wo die Seele flügelbebend sich öffnet. Lieder für mittlere Singstimme und Tasteninstrument. Verlag P.J. Tonger, Rodenkirchen/Rhein 1971, S. 6-7

 

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Feder und Pinsel in Braun, laviert. 33,1 x 22,9

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Dez 272014
 

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Ein unerwartetes, unverdientes Geschenk, bei dem ich staune und dankbar bin: vor mir liegt die Ablichtung einer kleinformatigen Zeichnung Giambattista Tiepolos, wohl in zwei oder drei Stunden hingeworfen, irgendwann zwischen 1754 und 1762. „Feder und Pinsel in Braun, laviert.“ Ich schaue: Der markante Kopf des Mannes erinnert mich an den Teppichhändler Abdias, von dem Adalbert Stifter erzählt hat, erinnert an einen Mann, der lange in der Hitze gelebt hat, der lange umhergezogen ist. Hinter ihm meine ich schwach das Bellen der Wüstenhunde zu hören. Seinem Mund merkt man an, dass er lächeln muss, obwohl er nicht lächeln wollte. Er lächelt unwillkürlich! Die Augen der Frau sind verdeckt durch den Schleier. Wer wollte ihr jetzt in die Augen sehen? Die unsäglichen Mühen der Geburt liegen hinter ihr; es ist doch gerade erst geschehen. Hinter meinem „Abdias“ beugt sich ein dritter Erwachsener hinzu, ein Zeuge, der eher zurückweicht. Er weiß noch nicht, ob er gemeint ist, oder ob ihm nicht etwas widerfahren könnte, wodurch ihm Hören und Sehen vergeht. Rechts hinter und über den drei Erwachsenen ragt ein roh gezimmertes Kreuz auf.

Alles ist weich hineingezeichnet in das Papier, wie man ein schwaches neugeborenes Kind hineinlegt in wärmende Hände. Was mag daraus werden? Niemand weiß es. Und doch hat der Zeichner in Umrissen viele frei lavierende Geschichten hineingelegt – nein, nicht er hat sie hineingelegt! Wir legen sie lavierend im Fahrwasser, lavierend in den Strudeln des Lebens hinein.Wir können diese Geschichte aufgreifen, weiterführen, hinauserzählen. Ein unverhofftes, plötzliches Geschenk, hineingezeichnet mit wenigen Strichen, in nicht mehr als in zwei oder drei Stunden, mit Feder und Pinsel in Braun, auf 33,1 mal 22,9 cm.

Bild: Gasometer in Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom Balkon einer Wohnung, 27.12.2014. Abends: Künstliche Lichter, darüber der Mond

 

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Mutter. Das kürzeste (und längste) Gedicht der Welt

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Jul 262014
 

Mutter

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Soweit das meines Wissens allerkürzeste Gedicht, das Gottfried Benn uns hinterlassen hat. Ausgerechnet Benn, der doch um reimende, wohlgesetzte Hirtengesänge, dämmernde, treibende nie verlegen war, der langatmige Wortgeröllhaden aufschütten konnte – Benn! … und dazu fielen dir, zu ihr fielen dir nur die 6 kargen Zeilen ein? Sah so deine Mutterliebe aus? Wie lange schriebst du an diesem Gedicht, das es in fast keine Auswahlausgabe deiner Gedichte geschafft hat? Ist Mutter das unbedeutendste deiner dichterischen Themen? Oder das schwierigste?

Vor nicht langer Zeit betrachtete ich einmal Dürers Zeichnung „Mutter“, die ja der Politaktivist Klaus Staeck für eigene propagandistische  Zwecke so großzügig unters Volk gebracht hat. Ich entzifferte unter kundiger Anleitung die Notizen, die der Sohn an den Rand der Zeichnung gesetzt hat. Dürer sann der Mutter nach. Er wollte sie in ihrem 63 Jahre alten Gesicht,  in ihrer schönen, anmutigen Zerfurchtheit hervortreten lassen. Dürer, der sonst so geschäftstüchtige, trieb keine Propaganda für Mutter. Ich glaube, er wollte sich der Person der Mutter unverstellt und ohne Hintergedanken widmen. So sah seine Mutterliebe aus.

Mit Aufgeld satte 353 000 Euro gingen über den Tisch des Wiener Auktionshauses Im Kinsky, die das Frankfurter Städel für Medardo Rossos 52,5 cm hohe Kleinplastik Aetas aurea (Das goldene Zeitalter)  im Mai dieses Jahres hingeblättert hat. Es ist eine Mutter-Kind-Darstellung, die 1885 entstand, und in welcher Medardo Rosso seinen kleinen Sohn Francesco in inniger Einheit mit der Mutter darstellt. Eine zärtliche goldene Patina umgibt den Bronzeguss; der Künstler hat sie selber aufgetragen. Der soeben neu Geborene löst sich behutsam aus dem Körper der Mutter heraus, sein Antlitz ist erst umrisshaft, schattenhaft zu erkennen.

Drei Mal dasselbe Thema – drei unterschiedliche Versuche, die erste, prägende, in gewisser Weise schicksalhafte Beziehung jedes Menschen einzufangen. Gottfried Benn, Albrecht Dürer, Medardo Rosso – sie alle haben sich erkennbar allergrößte Mühe gegeben. Benn wusste, dass beim Thema Mutter jedes Wort zu viel ein falsches Wort sein kann. Dürer wusste, dass er seiner Mutter jede erdenkliche Mühe und Zärtlichkeit zuwenden musste, um sie als Person zu würdigen. Rosso schien zu ahnen, dass er als Vater sich in den Dienst der Mutter-Kind-Zweiheit stellen sollte, dass er als Dritter hinzukam, um diese zarte Zweiheit zu schützen, zu pflegen und zu vergolden.

Quellen:
Rose-Maria Gropp: So sah für ihn Mutterliebe aus. Medardo Rosso ist einer der bedeutendsten Bildhauer der Moderne. Seine Werke sind rar. Das Städel Museum hat jetzt eine großartige Bronze von ihm. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juli 2014, S. 14

Gottfried Benn: Mutter. In: Das große deutsche Gedichtbuch. Von 1500 bis zur Gegenwart. Neu herausgegeben und aktualisiert von Karl Otto Conrady. 4. Auflage, Artemis & Winkler, Zürich/Düsseldorf 1995, S. 541

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Mütterliche Gefühle hegen und pflegen!

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Jul 082014
 

Ich koche gern und hege zutiefst mütterliche Gefühle gegenüber allen, für die ich koche. Gestern zum Beispiel! Da gab es am Abend Lasagne, gekocht mit der Bologneser Sauce vom Vortage. Die wird ja am zweiten Tag noch besser. Hmmm, … das schmeckte, liebe Kinder!

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Alles mit deine Hände

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Mai 112014
 

Ausgerechnet Kurt Tucholsky und Heinrich Heine haben schöne Gedichte über ihre Mütter geschrieben. Diese redlich bewährten, alten, unerschrockenen Kämpen gegen alle falschen Obrigkeiten, meine vorbildlichen, ironischen Mitmänner beugen dankbar und verehrend ihr Knie vor ihren Müttern… und werden unironisch und ernst.

Der Heine Harry und der Tucho  wissen oder ahnen zumindest, dass die Mutter-Kind-Beziehung die erste, die wichtigste, die prägende Erfahrung im Leben jedes Menschen ist. Da mögen die Staaten und Herrscher, die Regierungen und Autoritäten, die Wissenschaftler*innen sich noch so sehr bemühen, das Mütterliche zu ergänzen oder zu ersetzen durch Fertigmilch und Babykrippen, durch pränatales Screening, durch Gender Studies, durch ganze Batterien an Tests und durch postnatales Baby-Vermessen. Alle, die keine Mutter hatten oder von ihrer Mutter früh getrennt oder weggerissen worden sind, spüren, dass ihnen etwas Wesentliches, etwas Unersetzliches fehlt.

Hier kommt das Gedicht von Heinrich Heine. Es zeigt eine tiefe Einsicht von uns Söhnen: dass wir nämlich nie „genug zurückgeben“. „Es kommt kaum etwas zurück von unseren Kindern“, das haben mir Mütter immer wieder bestätigt.

An meine Mutter

Ich bin’s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bißchen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.

Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen.

Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?

Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche Tat, die dir das Herz betrübet?
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

 

„Mit deine Hände“ vom Tucho find ich  ebenfalls sehr anrührend und sehr lesenwert. So beginnt es:

Mutters Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht…
alles mit deine Hände.

http://www.muttertagsseiten.de/gedichte/mutters-haende/home.html

 

 Posted by at 15:18
Mrz 192014
 

Die Politik und die Industrie verlangen immer stärker die Rundum-Verfügbarkeit aller erwerbsfähigen Menschen. Alle namhaften Parteien wollen die Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern steigern, alle wollen vor allem, dass die Wirtschaftsdaten stimmen. Alle wollen vor allem, dass alle Frauen ab 18 und alle Männer ab 18 ein gesundes, zufriedenes Leben führen. Alle Erwachsenen sollen vor allem glücklich und zufrieden sein.

Keine Bundestagspartei traut sich hingegen, für die nicht wahlberechtigten kleinen Kinder und für die nicht mehr wählenden Uralten die Stimme zu erheben. Was wollen die nicht wahlberechtigten kleinen Kinder, was wollen die Uralten, all die Hunderttausenden von Pflegebedürftigen, die Dementen, die Inkontinenten, die „Altersweisen“ (wie ich sie nenne)? Antwort: Sie wollen und brauchen die Familie, das Nest, das Vater und Mutter bauen und sichern. Sie wollen und brauchen quirliges, nachwachsendes Leben, Geschwisterkinder, Enkelkinder, Zärtlichkeit, Fürsorge, wie sie eben auf lange Sicht nicht die Pflegedienste, nicht der Staat, nicht die Pflegeheime, die Kitas und Waisenhäuser, sondern nur die Verwandten leisten können. Die Geschlechterquote in den DAX-Vorständen ist ihnen egal. Equal Pay und  Girls Day  geht ihnen  so was am Allerwertesten vorbei. Die finanzielle Ausstattung der Pflegeversicherung schert sie nicht.

Die Sehnsucht aller Menschen richtet sich von Natur aus in den ganz frühen und den ganz späten Jahren auf Fürsorge, Verantwortung, Schutz, Geborgenheit, wie sie am besten die durch Vater und Mutter gebildete, durch Mutter und Vater getragene  Familie bieten kann.

Es gibt in Deutschland keine einzige namhafte politische Partei, die der vollständigen Familie, die dem Glück der ganz Kleinen und der ganz Alten  den Vorrang vor der Erfüllung von „Planzielen“, „Erwerbsquoten“, der „Sicherung des Sozialstaates“ einräumen würde. Keine traut sich das zu sagen. Dabei täte es dringend not. Der Kreuzberger Blogger selber trug dieses Ansinnen bei passenden Gelegenheiten übrigens mehrfach in der CDU vor und erhielt eine Abfuhr nach der anderen: „Wenn wir das sagen, was Sie Kreuzberger da vertreten und was ja auch richtig ist, dann wählen uns die Leute nicht.“ Feige nenne ich das.

Es ist also ein Überbietungs- und Feigheitswettbewerb der Parteien gegenüber dem Wahlvolk in Gang gesetzt. Welche Partei überbietet die andere im Glücksversprechen? Das ist die Gretchenfrage.

Im Mittelpunkt der heutigen Politik steht die femina oeconomica und der homo öconomicus. „Mütterlichkeit“ und „Väterlichkeit“ haben fast völlig ausgedient, der bundesdeutsche Sozialstaat hat sich zum fürsorglichen Leviathan gewandelt, der die Menschen trägt, nährt, sichert, zeugt, gebiert und beerdigt oder dies doch zumindest fälschlich zu leisten behauptet.

Über den überragenden, unersetzlichen  Rang der vollständigen, aus Mutter und Vater gebildeten Familie schreibt der Soziologe Walter Hollstein am 18.03.2014 in der Zeitung:

„Wir wissen empirisch sogar mehr. Wir kennen inzwischen die folgende Gesetzlichkeit: Es gibt einen klaren Zusammenhang von Vater-Präsenz und gesunder Entwicklung des Sohnes auf der einen Seite und von Vater-Absenz und der Gefahr des Scheiterns auf der anderen. Zum Spektrum dieses Scheiterns gehören innere Verwahrlosung, Sucht, Kriminalität, Gewalt, Depression und Suizid der allein gelassenen Söhne. Selbstverständlich brauchen auch die Töchter ihre Väter, etwa für den Erwerb eines realistischen Männerbildes – aber eben – belegterweise – doch weniger.“

via Väter sind wichtig – Nachrichten Print – DIE WELT – Debatte – DIE WELT.

 Posted by at 11:58
Feb 242014
 

„Jedes Lebensjahr mehr bringt für die Frau einen Punkteabzug!“ So beredt klagte einmal Bascha Mika, die bekannte taz-Chefin, die jetzt zur FR wechselt, wozu wir armen Kreuzbergerinnen ihr von Herzen alles Gute wünschen.

In der Tat, die alte oder auch alternde Frau hat es schwerer, sich auf dem Markt zu behaupten, als der alte oder alternde Mann. Dies zu leugnen wäre sexistisch verblendet.

Freundinnen, dennoch gibt es ein Kriterium, das bei Frauen noch verheerender auf die Karrierechancen wirkt als das Lebensalter: starkes Übergewicht. Eine Frau mit starkem Übergewicht schafft es heute nicht mehr in die Öffentlichkeit; sie kann notfalls Rüschenblusen tragen, sie darf ruhig mehrfache Mutter oder (schlimmer noch) eine jener übel beleumundeten  Nur-Hausfrauen-und-Mütter sein, aber sie wird sich mit 10 oder 20 kg sogenanntem „Übergewicht“ gegen die Phalanx der ewig knabenhaften, nahezu alterslosen, kein Gramm zuviel aufweisenden Top-und-Gala-Frauen nie durchsetzen. Das herrliche Gala-Interview mit Julia K. (41), die sich erfolgreich vom weiblich-mütterlichen Erscheinungsbild zum mädchenhaft-knabenhaften Erscheinungsbild herunterfastete, spricht Bände.

Leserinnen, Freundinnen, ich kenne keine übergewichtige Frau in Deutschland, die nicht an diesem Stigma litte. Ich kenne sogar einige Mädchen oder Frauen, die durch diesen öffentlichen Gleichschaltungsdruck schwer krank, ja lebensbedrohlich krank geworden sind.

Beliebiger Tatsachenbeweis dieses, wie ich meine, pathologischen Befundes: SCHROT&KORN, unsere bei Weib&Mann beliebte Öko-Zeitschrift, Ausgabe März 2014! Ich nahm sie vorgestern  beim Einkauf für WEIB&KIND beim Kreuzberger Bio-Markt in der Obentrautstraße mit. Man sollte annehmen, dass im Öko- und Naturkost-Bereich doch auch einmal eine normalgewichtige Frau abgedruckt würde …? Oder ein dicker backender Vati oder eine dicke backende Mutti mit mehreren Kindern? Pustekuchen! Im gesamten Heft gibt es nur schlanke und ranke, nur – nach barocken Kriterien – leicht untergewichtige Frauen. Sicher, es gibt auch mal alternde oder alte Frauen mit Fältchen. Das wäre ja noch schöner, wenn sogar bei uns Ökotussis nur glattgesichtige faltenlose Hungerharken abgebildet würden.

Aber es gibt keine einzige Frau mit Übergewicht, keine dicke, keine nach barocken Kriterien „normalgewichtige“ Frau mit weiblichen Rundungen im redaktionellen und auch nicht im werblichen Teil des Heftes.

Wirklich keine einzige? Haben alle Frauen in den Zeitschriften das Idealgewicht? NEIN! Es gibt eine dicke, mütterliche Frau in diesem Heft: Eine namenlose, nach quasi-amtlichen Kriterien stark übergewichtige, glücklich am Herd kochende Schwarzafrikanerin lächelt uns auf S. 111 von SCHROT&KORN mütterlich&fürsorglich zu. Sie wirbt für „Faires Bio-Palmöl“ von RAPUNZEL.  „Wir machen Bio aus Liebe“. Und SIE kocht offensichtlich mit Wonne aus Liebe zu ihren Kindern und Enkelkindern! Was wohl die BVV-Friedrichshain-Kreuzberg zu so einer sexistischen Werbung sagen würde, wenn jemand sich erdreistete, sie auf einer der vier bezirklichen Werbeflächen anzubringen? Eine Werbung für Bio-Palmöl, die sich dem rassistischen und sexistischen Gleichschaltungsdruck, der heute auf den dicken Frauen in der Öffentlichkeit lastet, widersetzt?

HERRLICH! Die schwarze Afrikanerin oder die Afro-Europäerin oder die Negerin oder die Afro-Deutsche oder die Mohrin (sind doch eh alles rassistische Ausdrücke)  darf das alles noch. Sie darf noch lächelnd kochen, sie darf noch ein paar Pfunde zuviel haben.

Nicht eine Bascha Mika, nicht eine Julia Klöckner und … und … und … alle … tutte quante!

Es gilt für Frauen im Lichte der Öffentlichkeit (nicht für Männer) das eherne Gesetz der medialen Gleichschaltung: DU DARFST NICHT ZUVIEL WIEGEN! Du darfst nicht mütterlich sein. Du darfst nicht einmal mütterlich erscheinen! Sonst wirst du nicht gewählt. Du schaffst es nicht in die GALA, nicht in die BUNTE, nicht in die SCHROT&KORN.

Ist doch eh alles eine Soße – oder eine mediale Pampe, was heute den armen europäischen Frauen abverlangt wird. O Afrikanerinnen, ihr habt es da besser!

 

 Posted by at 12:13