Archive for the ‘Nachhaltigkeit’ Category

Mensch, werde wesentlich! Sei selber das Rad der Nachhaltigkeit!

Sonntag, Mai 13th, 2012

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Ich rate zur Vorsicht bei allen Bekenntnissen zur Fernstenliebe! Ich hege Zweifel gegenüber all jenen, die Forderungen an andere, an den Staat, an die Politik erheben, ohne sich selbst als Person zuerst und vorrangig in die Pflicht zu nehmen. Bekenntnisse nützen nichts, wenn sie nicht mit der nachprüfbaren Selbst-in-Dienst-Stellung verbunden sind. Das gilt gerade für Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz. Man zeige mir doch bitte an einer sichtbaren Handlung, dass man es ernst meint, statt kostspielige Programme und Projekte aufzulegen, deren Finanzierbarkeit in den Sternen der Fernstenliebe steht. So zeigt sich beispielsweise, dass die staatlichen Pflicht-Programme zur energetischen Gebäudesanierung ebenso wie die Subventionierung der Elektro-PKW zunächst einmal einen kräftigen Verteuerungseffekt für die öffentlichen und die privaten Haushalte haben, ohne dass ein Klimaschutzeffekt sofort einträte. Sie steigern jedoch das Bruttoinlandsprodukt und haben insofern eine volkwirtschaftlich erwünschte, wachstumsfördernde Wirkung.

Umgekehrt gilt: Das Umsteigen vom PKW auf das mit Muskelkraft betriebene Fahrrad führt nachweislich zu einem sofortigen Umweltschutz- und Klimaeffekt, verlangt aber dem Einzelnen etwas ab, insbesondere den Verzicht auf Annehmlichkeiten des Alltags. Massives Umsteigen vom PKW auf ÖPNV und Fahrrad kann zwar zu einem Rückgang der Verschuldung, zugleich aber auch zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung eines Landes führen und ist insofern unerwünscht. 

Nachhaltigkeit erstreckt sich nicht nur auf die Nachwelt, sondern zunächst und zumeist auf den Umgang mit dem eigenen Leib und mit der Mitwelt. Nachhaltigkeit strebt stets neben der Ressourcenschonung und dem Klimaschutz die leibliche Gesundheit der eigenen Person und das Wohlergehen des begegnenden Nächsten an. 

All jenen, die da glauben, durch Programme, Planvorgaben, Absichtserklärungen und wohl gar weit in die Zukunft reichenden Soll-Zahlen etwas zugunsten der zukünftigen Generationen zu bewirken, rufe ich zu:

Mensch, lebe nachhaltig! Sei selbst das Rad, das Nachhaltigkeit bewirkt.  

Einer meiner wichtigen Lehrer, der heute bei meinen Deutschen fast schon in Vergessenheit geratene Breslauer Johannes Scheffel, drückte diesen Gedanken so aus:

 37. Die Unruh kombt von dir.
Nichts ist das dich bewegt/du selber bist das Rad/
Das aus sich selbsten laufft/und keine Ruhe hat.

 

Quelle:

Johannis Angeli Silesij
Cherubinischer Wandersmann [… ]
Glatz / auß Neu auffgerichter Buchdruckerey Ignatij Schubarchi Anno 1675, Seite 39.

 http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/lo-6724

http://diglib.hab.de/drucke/lo-6724/start.htm?image=00032

 

 

 

Boris oder Ken? Unterwegs zur Hauptstadt der Nachhaltigkeit

Donnerstag, Mai 3rd, 2012

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3. Mai – ein wichtiger Tag! Die Polen feiern heute ihren Verfassungstag. Sie waren das erste europäische Land, das 1791 eine geschriebene demokratische Verfassung annahm. Einige Monate später taten es ihnen die Franzosen nach. Sie folgten dem polnischen Vorbild. Hurra! Leider pfuschten den Polen die umgebenden Mächte mehrfach ins Handwerk und zerstörten den polnischen Staat, dennoch können die Polen und wir Europäer stolz auf die demokratischen Patrioten des 3. Mai 1791 sein!

Demokratischer Bürgersinn, Eigeninitiative, Innovationsgeist, Klimaschutz, Nachhaltigkeit – all diese Ziele sollte eine moderne Hauptstadt, wie es Berlin anzustreben behauptet, im Blick behalten. Was geschieht andernorts? In London wird heute der Bürgermeister gewählt. Wird es der radfahrende Boris Johnson schaffen – oder wird ihn der bekennende U-Bahn-Fahrer Ken  Livingstone vom Sattel stoßen? Er bevorzugt das bequeme Geschaukel in größeren Fahrzeugen, etwa in der Tube.

Gutes Foto von Boris Johnson heute im Berliner Tagesspiegel auf Seite 3! Der Fahrradhelm des Londoner Bürgermeisters sitzt vorbildlich! Man kann auch als Bürgermeister einer Nachhaltigkeitsmetropole Fahrrad fahren!  Ich bin deshalb für den progressiven, unangepassten  Boris.

Nachhaltigkeit fängt in der eigenen Lebensführung an. Jedes Marmeladenglas, das nicht völlig ausgegessen wird, belastet dein persönliches Klimakonto!

Eine klimaneutrale Stadt ist ohne massive Investitionen in eine moderne Radverkehrs-Infrastruktur nicht denkbar.  Dazu gehören in meinen Augen Radverkehrsanlagen an allen Hauptstraßen, insbesondere die neuartigen Radstreifen, die meist sicherer sind als die baulichen Radwege. Unnötiger PKW-Verkehr sollte unterbleiben. Das soll und kann auch jeder für sich selbst entscheiden: Muss ich meine Freundin mit dem tiefergelegten BMW beeindrucken – oder kann es auch ein neu gestyltes, strahlend sauber geputztes Tandem mit Navi zum Date sein?

Jeder ist verantwortlich. Zeig’s den Londonern und den Berlinern, Boris!

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/zu-scherzen-aufgelegt/6581580.html

Ist bei 5 Millionen Menschen Schluss?

Dienstag, Oktober 25th, 2011

Orientalische Mythen drehten sich schon vor Jahrtausenden, als etwa 5 Millionen Menschen die gesamte Erde bewohnten, um das Problem der Übervölkerung der Erde durch die Menschen. “Nur die Vernichtung der Menschen scheint einigen Göttern als Ausweg in Frage zu kommen. Übrigens klagen sie auch darüber, dass deren Lärm ihnen den Schlaf raube.

So berichtet es der Historiker Christian Meier. Lärmbelastung, Umweltverschmutzung, Raubbau an den natürlichen Schätzen, ja, das können die Menschen, und das werfen ihnen die Götter der alten Welt wieder und wieder vor.

Als Ausweg aus der Resourcenknappheit und der Überbevölkerung empfahlen die alten Götter einander, sie sollten der Menschheit Kriege, Zank, Tadel, Uneinigkeit, ewiges Streiten senden, ferner periodische Vernichtung von großen Teilen der Menschheit durch Pest, Dürre und Sintflut bewirken.

Nun, die Erde hat es bisher ausgehalten, auch mit mehr als 5 Millionen Menschen. Die alten Götter haben es ausgehalten. Sie schlafen oft – und fest. Niemand kennt mehr Enlil, den obersten der altorientalischen Götter.

Nur wir Menschen zanken und streiten weiter. Aber wir sind mehr als 5 Millionen. Mindestens 1200 Mal so viele. Und die Erde kann uns alle ernähren, wenn wir es wollen.

Quelle: Christian Meier: Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anfänge – Anfang Europas? Siedler Verlag, 2. Aufl., München 2009, S. 88

“Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut …?

Montag, Juni 20th, 2011

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… so hoch da droben?” Sehr schöner Artikel  über die Forstakademie Tharandt heute in der Süddeutschen Zeitung auf S. 9! Unbedingt lesenswert! Herrliches Bild “Einsamer Baum” von Caspar David Friedrich! Online leider nicht abrufbar, Kauf der Druckausgabe lohnt sich aber.

Burkhard Müller greift unter dem Titel “Die Schönheit des Waldbaus” in seinem Bericht über 200 Jahre “Forstakademie Tharandt” die zentralen Themen der deutschen Forstwirtschaft auf: Nachhaltigkeit, Biodiversität, Monokultur, Naturschutz, behutsame Walderneuerung.

Joseph von Eichendorff dichtete in genau jenen Jahren eins der ersten Wald-Lobpreis-Gedichte – Hunderte andere von Dutzenden anderen Dichtern werden dann folgen! Felix Mendelssohn Bartoldy, der im tiefsten Geschoß, 500 Meter von meinem Kreuzberger Ansitz, ruht, hat das großartige Nachhaltigkeitsgedicht 1841 in Melodie gesetzt.

Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport – sueddeutsche.de

Die Jahre um 1810 sind die Gründerjahre des forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeitsgedankens!  Von Tharandt aus trat das Leitbild der nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen seinen Siegeszug an – bis nach Cuba, Vietnam, Litauen, Russland, Polen – ja sogar in den Mittelmeerraum.

Bild: Einsamer Baum im Havelland, aufgenommen im Jahr 2007.

Ruhe sanft, ruhe im Forst: Bilder des Todes

Sonntag, April 24th, 2011

23042011517.jpg Der Karsamstag  führte mich erneut ins Havelländische Luch. Von Spandau aus lenkte ich das Rennrad, den treuen Burâq, quer über die Dörfer, hin zum immer wieder gesuchten, immer wieder verfehlten Radfernwanderweg Havelland. Endlich, in einem der zahlreichen Ortsteile von Schönwalde hatte ich das asphaltierte Band, die “Fahrradstraße” erreicht. Was für ein Vergnügen! Nun flog ich rauschend mit meinem Burâq dahin, was die Beine hergaben. Rapsfelder, Kiefernwälder, Büsche, Luche, zart belaubte Birken, Dörfer und Hütten rauschten vorbei.

Bei Paaren bog ich – abweichend von der ausgeschilderten Führung – Richtung Nauen. Was mich leitete? Kein Plan, nur das Gefühl, dort noch etwas  entdecken zu können. Und wirklich, nach wenigen Hundert Meter entdeckte ich den RuheForst Nauen. Was war das?

YouTube – RuheForst Nauen entdecken23042011158

Ruhe sanft, ruhe forst! Hier war der RuheForst Nauen. Kein Geräusch störte den Besucher. Schweigen umfing mich. Nach wenigen Minuten entdeckte ich die Tafel, welche die Bewandtnis erklärte.

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Ich war auf eine Weihestätte der neuesten Natur-Religiosität gestoßen – sterben, und dann wieder zurücksinken, ohne eine dauerhafte Spur zu hinterlassen! Die Idee hat etwas Verblüffendes. Anders als Faust, der sich noch brüstete

Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn

versucht der heutige Naturgläubige, alle Last, die er für die Mutter Natur gebracht, wegzunehmen. Der Naturgläubige sagt:

Es soll die Spur von meinen Erdentagen
nicht in Äonen noch bestehn.

Denn “Jeder Mensch, der geboren wird, ist doch nur eine zusätzliche CO2-Quelle.”  In Abwandlung jenes bekannten Mephisto-Wortes könnte man sagen:

So ist denn jeder, der entsteht,
Auch wert, dass er zugrunde geht.

Durch den Tod zahlen die Menschen die Schuld, die sie durch Ressourcenverbrauch eingegangen sind, an die Natur zurück. Und der naturnahe Wald ist die CO2-Senke, die Grabsenke, das Zu-Grunde-Gehen des Störfaktors Mensch! Es ist genau dieses Denken, das in den Kreisen gebildeter deutscher Akademiker durchaus großen Anklang findet. Ich nenne es: das neopagane Denken, welches häufig mit der antideutschen Ideologie ein verschwiegenes Bündnis eingeht.

Weiter fuhr ich in den Kathedralen-Saal des deutschen Nachhaltigkeitsdenkens: den deutschen Wald im Havelländischen Luch. Es wehte ein entgotteter Karfreitagszauber um die Speichen. Verse von Rilke kamen mir in den Sinn:

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, vom ihren,
wird auch den leisesten Ton
nicht mehr verlieren.

Tröstung rann mir aus diesen Versen, aus diesem planlosen Dahinfahren. Und das Sterben? Ich stellte es mir in jenem Augenblick so vor: das Zufahren auf ein großes Portal, hinter dem der Weg in einer Biegung weitergeht. Der Tod als solches muss nichts Schreckliches sein, wenn man ihn so fasst: ein Sich-Einfügen in das, was vor uns war und nach uns sein wird. Das Zugehen auf eine Biegung, hinter der noch etwas kommt. Genau dies erfuhr ich im Fahren im alten Holze:

RuheForst Nauen erfahren

Vom Ruheforst aus kehrte ich nach Berlin zurück. Ab Niederneuendorf bis nach Spandau, von Spandau wiederum bis nach Berlin-Mitte führt der vorbildlich ausgeschilderte Radweg fast durchweg am Wasser entlang, erst an der Havel, dann am Hohenzollernkanal und schließlich am Spandauer Schifffahrtskanal entlang. Ein überwältigend schönes Erlebnis im Abendsonnenschein!

Ein ganz anderes Todesbild steuerte ich auf der letzten Etappe an: gleich zwei der vom ADFC aufgestellten Geisterräder entdeckte ich bei der Querung der Seestraße. Hier muss der Tod furchtbar schrecklich, dumpf, unfassbar, qualvoll  gekommen sein. Eine Radfahrerin war hier – obwohl vorfahrtberechtigt – durch einen rechtsabbiegenden LKW erfasst worden, die andere war beim Queren der Straße erfasst worden.

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Ich murmelte einige Worte des Gedenkens. Nicht allen ist das sanfte Sterben und Zurücksinken vergönnt. Manche werden getroffen und mitgeschleift. Wie und wann es uns treffen wird, können wir nicht wissen – sehr zu unserem Besten.  Aber die Vorbereitung, die können wir sicherlich leisten, etwa durch das bewusste Uns-Öffnen für die verschiedenen Arten der Todesbewältigung.

Meinen letzten starken Eindruck von der Fahrt nahm ich ausgerechnet vom Reichstag mit. Die Fassade leuchtete plastisch und deutlich skulptural in sandigem, warmem Braun auf. Und gerade hier am Reichstag gelangte mein Radausflug zu einem versöhnlichen Abschluss: Denn als ich anhielt, um das Foto zu machen, hörte ich vor mir eine spanische Gesellschaft, hinter mir eine russische Gesellschaft sich unterhalten. Dass hier und heute Spanier, Russen und Deutsche sich bei der Betrachtung dieses Monuments, das nicht frei von düsteren Schatten ist, treffen und verbinden können, war für mich eine starke, eine ermutigende Botschaft: Ich sehe den Menschen nicht als schädliches Ereignis in der Natur, sondern als etwas Gutes. Die Menschen sind hier willkommen. Denn ich glaube: Das menschliche Leben ist über die gesamte Länge der Fahrt hinweg etwas Gutes, das es zu hegen, zu schätzen und zu pflegen gilt.

Wisse das Bild! Fasse das Leben. Du hast Rückenwind!

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Wär’s denn so schlimm? Wäre es der Weltuntergang?

Freitag, April 22nd, 2011

Na endlich sagt es mal einer: Richard David Precht geht in seinen Erörterungen der Frage nach, ob der Mensch gut oder böse sei. Er meint, der Mensch sei neutral. Ich würde sagen: Der Mensch ist in die Entscheidung hineingestellt, ob er gut oder böse handeln will. Gut ist meiner Meinung nach grundsätzlich das, was gleichermaßen gut für den anderen wie für mich ist.

Ich kann beispielsweise sagen:

1. “Menschen wollen und sollen gesund sein.” Darüber müsste eigentlich Einigkeit bestehen. Wenn jemand sagt: “Nein, Menschen sollen nicht gesund sein. Ich will krank sein“, dann ist schwer mit ihm zu diskutieren. Diesen Sonderfall, dass jemand wirklich das Böse für sich und andere will, lassen hier einmal außer Betracht. Daraus ergibt sich logisch der zweite Satz:

2. “Es ist gut, wenn ich Fahrrad statt Auto fahre.” Denn Fahrradfahren fördert meine Gesundheit und die Gesundheit der anderen, da ich meine Umwelt und die der anderen weniger belaste, weniger Lärm und Stress für mich und für die anderen verursache, statistisch gesehen weniger Kinder verletze oder töte.

Besteht ein Widerspruch zwischen “gut für mich” und “gut für die anderen”? Ich meine: nein. Aufs Ganze gesehen, über die gesamte Lebenszeit eines Menschen fällt das “Gut für mich” und “Gut für den anderen” überwiegend zusammen. Der kurzfristige Vorteil, der schnelle Gewinn an der Aktienbörse, mag anderes besagen. Aber aufs Ganze gesehen macht der schnelle Gewinn “nur für mich” nicht glücklich.

Hören wir die Botschaft Prechts. Er kommt in seinem sehr schlüssigen, klugen Interview zu folgenden Ergebnissen:

Richard David Precht: “Lieber böse als dumm” – Wissen – Tagesspiegel
Das heißt, das christliche Liebesgebot ist eigentlich absurd?

Nein, es ist wichtig, den Kindern, die ja sehr stark prägbar sind, Vorstellungen von Nächstenliebe, Gemeinschaftssinn, Verantwortungsgefühl beizubringen. Wenn die Kinder diese Werte nachahmen können, dann haben wir die Chance, später in einer Gesellschaft zu leben, die moralischer ist, als wenn es diese Werte nicht gäbe. Erwachsene allerdings ändern sich durch fromme Sprüche nicht.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Wir leben in einer der am meisten privilegierten Gesellschaften, die es je in der Weltgeschichte gegeben hat. Doch die Wohlstandsentwicklung wird nicht so weitergehen können, wie das bisher der Fall war. Also müssten wir all unsere Anstrengungen darauf richten, auch ohne weiteres Wirtschaftswachstum glücklich zu leben. Aber das geschieht nicht, wir sind nicht darauf vorbereitet, dass der Wohlstand sinken wird. Das wird politisch noch sehr gefährlich.

Dieser letzte Satz ist besonders wichtig! Denn es ist unlauter, wenn die Politiker den Bürgern wieder und wieder das Gegenteil vormachen. Viele behaupten: “Wir Politiker können und müssen vor allem unseren Wohlstand halten und sichern.” Dies gelingt nur durch Wachstum.

Und wenn dies nicht gelingt?  Nun, dann wird der Wohlstand sinken. Dann fallen wir auf den Grad an Wohlstand und Reichtum zurück, der – sagen wir mal – etwa um 1960 herrschte. Wäre das schlimm? Wäre das eine Katastrophe?

Nein. Der individuell erfahrene Wohlstand kann immer wieder für gewisse Zeiten sinken. Dies gilt fast zwingend insbesondere in Zeiten der hohen Staatsverschuldung. Diese Kröte müssen die Wähler und vor allem die Politiker schlucken.

Bedenken wir: Hier im Bundesland Berlin ist die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleitung erborgt, erpumpt, von echten Hallodris aufs Blaue hinaus ans Volk verschenkt.

Die Menschen verfahren ihren ganzen privaten Reichtum mit ihren fetten Autos, legen ihn in Gamekonsolen, Flachbildfernsehern und Flugreisen an. 50% davon, die Hälfte von all dem Plunder und Krempel, ist erborgt und erbettelt.

Und das schlimmste ist: Die Kinder und Jugendlichen hier in Kreuzberg lernen weder richtig rechnen noch lesen, weder richtig Deutsch noch richtig Türkisch noch richtig Arabisch. Es fehlt am Nötigsten. Es herrscht Fülle des Überflüssigen.

Es fehlt an der Zukunftsfähigkeit unseres Bundeslandes Berlin.

Wäre es schlimm, würde es uns schaden, wenn jeder plötzlich nur noch 10 statt 20 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung hätte, Fahrrad statt Auto fahren müsste?

Wäre es schlimm, wenn die Menschen selber singen und tanzen müssten, da es keine iPods, keine MP3-Player gäbe? Wenn sie Theater spielen müssten, da es keinen Fernseher mehr gäbe? Wenn sie Gedichte lernen müssten, da es kein Kino gäbe?

Wäre es schlimm, wenn die Kinder im Sandkasten spielen, wenn sie Hüpfspiele und “Häschen in der Grube” spielen müssten, statt die heute üblichen 3-4 Stunden am Fernseher und an der Spielkonsole zu verbringen?

Wenn es Coca-Cola und Capri-Sonne nur noch einmal im Jahr gäbe und die armen Kinder stattdessen tagaus tagein Milch, Früchtetee und WASSER trinken müssten?

Nein, es wäre nicht schlimm. Es wäre kein Weltuntergang.

Der brave Mann aus dem Schwabenland

Freitag, April 15th, 2011

Thomas Schmid im Gespräch mit Winfried Kretschmann. Für mich eins der besten politischen Interviews der letzten Wochen. Viele der Aussagen Kretschmanns rennen bei mir offene Türen ein. Insbesondere sein leidenschaftliches Bekenntnis zur Subsidiarität, sein Eintreten für den Vorrang des Kommunalen, sein Kämpfen für die Haushaltskonsolidierung, sein Bekenntnis zur begrenzten Gestaltungsmacht des Menschen. Mir gefällt auch, dass er sich durch viele innerparteiliche Niiederlagen nicht hat entmutigen lassen.

Ach gäbe es doch mehr solche Gedanken auch bei uns im Bundesland Berlin!

Wie anders klingt es bei uns: Die Parteien überbieten sich schon wieder in Versprechungen, wobei die linken Parteien sich als besondere Meister hervortun. Denn was soll der Staat nicht alles bezahlen: Milieuschutz, Mieterschutz, Wasserbetriebe zurückkaufen, neue Mietwohnungen kaufen, Autobahn bauen, Klimaschutzprogramm auf Staatskosten durchziehen, Schulen sanieren, Kita-Versorgung ausbauen, Polizisten einstellen usw. usw.

Ich erwarte finanzpolitisch etwas mehr, oh Berliner Parteien! Ihr überzeugt mich alle nicht!

Wo wollt ihr ansetzen? Wo streicht ihr? Seid doch ein bisschen unbequemer zu uns Bürgern!

Meine Vorschläge liegen teilweise schon auf dem Tisch. Hier z.B.  zwei:

a) Beheiztes Wasser im Sommer-Schwimmbad abschaffen.

b) Klassenfrequenzen deutlich erhöhen, dafür dann Unterrichtsgarantie.

Was haltet ihr davon?

Winfried Kretschmann: “Der Einspruch der Bürger ist eine Errungenschaft” – Nachrichten Politik – Deutschland – WELT ONLINE
Linke Ideen konnten die Grünen nicht tragen – schon deswegen nicht, weil es dafür schon eine Partei gibt, die Sozialdemokratie.

Welt am Sonntag: Diesen Sieg der Nachhaltigkeit kann ich bei den Grünen nicht erkennen. Außerhalb des gallischen Dorfs Baden-Württemberg spielt der linke Gedanke des Umverteilens noch eine starke Rolle – das passt schlecht zu deiner Philosophie der Subsidiarität. Du bist immer noch ein Außenseiter.

Winfried Kretschmann: Woran soll man einen in der Wolle gefärbten Katholiken wie mich erkennen – wenn nicht am Subsidiaritätsgedanken? Bei den baden-württembergischen Grünen, die ich sehr stark geprägt habe, hat sich dieser Gedanke durchaus durchgesetzt.

Brauchen wir in Deutschland Mindestlöhne wie in der Türkei?

Montag, April 11th, 2011

1973, zum Ende der Anwerbung türkischer Arbeitskräfte nach Deutschland, lebten 800.000 Türken in Deutschland. Was mich immer wieder verblüfft, ist, dass wir heute mehr als 3 Millionen Türken in Deutschland haben und die Deutschen sich so wenig für das interessieren, was in der Türkei geschieht. Dabei könnte ein Vergleich zwischen den Wirtschafts- und Sozialsystemen der beiden so eng verzahnten Länder ausgesprochen spannend und lehrreich sein! Denn die Türkei und Deutschland konkurrieren direkt um die besten Köpfe! Wo lohnt es sich zu leben und eine junge Familie zu gründen? Wo steht man als Türke besser da – in der Türkei selbst oder in Deutschland?

Dieselbe Frage sollte man auch für andere Länder stellen, aus denen Zuwanderung in unser Land erfolgt ist, etwa Libyen und Libanon.

Lest hier zum Beispiel diese aufschlussreiche Meldung der Sozialisten über türkische Mindestlöhne aus dem Jahr 2005:

Türkei: IWF-Plan verlangt neue Angriffe auf arbeitende Bevölkerung
Ein deutliches Signal für neue Angriffe

Am 6. Mai, kurz vor der offiziellen Absegnung des neuen Abkommens, machte die stellvertretende IWF-Direktorin Anne Krüger in ihrer Rede in Ankara empörende Bemerkungen über dieses jüngste Abkommen. Sie verlangte eine neue Runde von Angriffen auf die Arbeiter in der Türkei. Sie betonte, dass in der Türkei “ein flexiblerer Arbeitsmarkt… dringend nötig ist. Die Starre im Arbeitsmarkt und hohen Mindestlöhne halten davon ab, neues Personal einzustellen“.

Krueger wurde von einem Journalisten gefragt: “Kann man denn mit dem Mindestlohn in der Türkei leben?” Sie antwortete arrogant: “Wenn man das muss, muss man es eben. Viele Menschen leben sogar noch von weniger Geld, weil sie als nicht registrierte Arbeiter nicht einmal den Mindestlohn bekommen. Meiner Meinung nach müssen wir [die Gesetze über] die Einstellung und Kündigung von Mitarbeitern und alle Bedingungen des Arbeits- und Wirtschaftslebens gründlich überprüfen.”

Der monatliche Mindestlohn für über 16-Jährige beträgt Netto etwa 350 YTL (200 Euro), während die gegenwärtige Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie bei etwa 1.600 YTL (915 Euro) liegt, also dem 4,5-Fachen des Mindestlohns.

Ein kürzlich von der türkischen Regierung erarbeiteter Bericht zeigt, dass jeder vierte türkische Bürger unter der Armutsgrenze lebt, während 82 Prozent von ihnen nicht vom Sozialsystem abgedeckt sind. Der Bericht zeigt auch, dass nur 48 Prozent aller Erwerbstätigen sozialversichert sind.

“Wie kann man die Gesundheitskosten senken?”

Donnerstag, April 7th, 2011
“Die Gesundheits- und Pflegekosten werden durch die Decke schießen!”

So hört man es immer wieder! Was tun?

Ich phantasiere mal für mich hin und unterbreite folgende ungewöhliche Vorschläge in der Reihenfolge der Dringlichkeit:

In den ärmsten Ländern sind relativ einfache, relativ billige Mittel zur Hebung der Gesundheit:

1) Sauberes Trinkwasser für alle
2) Abwasserkanalisation für alle
3) Erziehung zu einfachen Hygienemaßnahmen wie etwa häufiges Händewaschen und Zähneputzen
4) Impfungen
5) Sexualerziehung zur Vermeidung von HIV-AIDS
6) Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit

Bei uns in Deutschland, einem sehr reichen Land, wo es praktisch keine Armut gibt,  wären nach meinen Erkundigungen einfache und billige Mittel zur Hebung der allgemeinen Gesundheit – in dieser Reihenfolge der Dringlichkeit:

1) Weniger essen.
2) Täglich mindestens 1-2 Stunden mäßige Bewegung für alle in frischer Luft bei jedem Wetter.
3) Alle Kinder, alle Frauen, alle Männer lernen verpflichtend Lesen, Schreiben und Rechnen in deutscher Sprache mindestens auf dem Niveau des früheren deutschen Hauptschulabschlusses.
4) Grunderziehung in gutem Kochen, in guter Haushaltsführung, in guter Kindererziehung für alle Kinder bereits in Kita und Grundschule.


Das würde in wenigen Jahren die Krankheitskosten im zweistelligen Prozentbereich senken. Aber niemand wagt es zu sagen. Warum sagt dies niemand? Weil es den Interessengruppen an den Pelz geht!

“Werden wir im Jahr 1990 noch leben?”

Mittwoch, April 6th, 2011

Im Jahr 1972 las ich erstmals als 12-jähriger Gymnasiast den Bericht des Club of Rome. Die Botschaft war eindeutig: Wenn wir so weitermachen, zerstören wir die Erde! Ein dumpfes Gefühl der Angst beschlich mich. War es noch zu verantworten, Kinder in die Welt zu setzen? War es nicht unverantwortlich von unseren Eltern, uns Kinder in eine derart von Umweltzerstörung, Kriegen und Atomunglücken geprägte Welt hineinzugebären? Würden wir im Jahr 1990 noch leben? So fragten wir nicht nur stillscheigend, sondern ganz offen!

Die tiefe Verunsicherung, welche die damals entstehende Ökologie- und Anti-Atom-Bewegung in die Kinderseelen einpflanzte, hat eine ganze Generation geprägt. Diese Generation der etwa 50-Jährigen stellt heute das Führungspersonal in großen Teilen der Parteien. Diese Bangnis überlagerte in mir nach und nach wie Mehltau das tiefe Urvertrauen, das ich in meiner frühen Kindheit erlebt hatte. Bis zum heutigen Tag entdecke ich in vielen Deutschen eine völlig überflüssige, eine lähmende Zukunftsangst und Kleinmütigkeit. Sie stürzen sich mit Wollust auf Unglücksnachrichten, quälen sich mit düsteren Ahnungen und vergessen dabei, das Leben wie es kommt und ist anzupacken. Ganz zu schweigen davon, dass niemandem, der in Not ist, geholfen wird, wenn er wieder und wieder hört: “Die Welt ist bedroht. Du bist Opfer. Böse Mächte haben uns alle im Griff.” In meinem Bekanntenkreis hatten wir vor wenigen Jahren einen schrecklichen Selbstmord zu beklagen. Der Jugendliche hatte ausdrücklich  die unaufhaltsame Umweltzerstörung und die weltweit tobenden Kriege als Auslöser seines Freitodes genannt!

Heute wissen wir: Die Voraussagen des Club of Rome waren viel zu düster. Sie sind nicht eingetreten. Ihre Voraussetzungen waren teilweise wissenschaftlich falsch, teilweise wurde durch das Handeln der Menschen Abhilfe geschaffen. Das Ausmaß der Umweltschädigung in den sozialistischen Staaten war größer als bekannt. Die Abhilfe gegen die unleugbare Umweltzerstörung war in den freien Marktwirtschaften besser, effizienter, als man damals annahm. Insbesondere die natürlichen Ressourcen haben sich als viel größer herausgestellt als damals angenommen. Der Hunger, die Kindersterblichkeit, die Zahl der Kriege sind seit 1970 zurückgegangen, obwohl die Erdbevölkerung zugenommen hat.

Aber diese düstere Grundstimmung wird weiterhin in die Kinderseelen eingepflanzt. Soeben sah ich mit meinem Sohn logo, die Kindernachrichten des öffentlichen Fernsehens KiKa. Aufmacher der ganzen Sendung: “Verseuchtes Wasser quillt unaufhörlich aus dem AKW Fukushima in das Meer, Radioaktivität wird von Fischen aufgenommen, gelangt in die Nahrungskette.” Unterschwellige Botschaft an die Kinder: “WIR SIND ALLE BEDROHT.  Die japanischen AKWS fügen uns unermesslichen Schaden zu!”

Diese Angst der Deutschen vor Verunreinigung, vor Verseuchung, vor Zerstörung durch fremde Mächte hat schon sehr viel Unheil bewirkt. Ist es eine typisch deutsche Angst? Ja! Genau diese Angst hat zu den größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik geführt!

Ich halte diese Panikmache bei den Kindern, wie sie etwa KiKa einflößt, für unverantwortlich. Mit teilweise unhaltbaren, teilweise falschen Aussagen wird den Kindern, die den KiKa kucken, eine tiefe Weltangst eingepflanzt. Die Aufmerksamkeit der Kinder wird auf einen einzelnen fernen Punkt in Japan fokussiert. Fukushima – das ist das Böse. Das tiefe Leid der Menschen, die durch den Tsunami (nicht durch den Unfall im AKW) ihre Habe und ihr Obdach verloren haben, wird überhaupt nicht erwähnt. Das ist obendrein zynisch.

Toll dagegen, wie Schalke gestern Abend Inter Mailand zerlegt hat!  Rangnick hat die Mannschaft gedreht, obwohl Magath große Verdienste um den Spielaufbau erworben hat. Magath kommt in der Darstellung meist zu schlecht weg, finde ich. Die Grundeinstellung stimmte einfach! Sie haben sich durch das frühe Tor nicht entmutigen lassen. Eine Zuversicht, ein Glück des Gelingens war in den allermeisten Spielzügen zu erkennen. Keine Spur von Zukunftsangst! Sehr gut!

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