Feb 132019
 
Im Niedwald. Aufnahme vom 13.02.2019

Recht heimlich ist mir’s im Niedwald. Über die Jahrtausende hat er sich gebildet, hier, wo mich vorgestern bei der Ankunft der Habicht mit seinem lauttönenden Ruf begrüßte. Beiderseits der Altarme der Nidda erstreckte er sich, hier zu meinen Füßen, wo Hainbuche, Ahorn, Wildkirsche, Esche, ja vereinzelt auch noch bis zu 250 Jahre alte Stieleichen aufragen. O wie dunkel ist’s hier in der finsteren Nacht gestern gewesen. Wie gern röche ich hier im Frühjahr den Bärlauch, der als weißer Blütenteppich den Boden bedeckte und mit leichtem Knoblauchgeruch die Luft erfüllte wie damals, als wir die wilden Pentlands bei Edinburgh durchstreiften!

Horch hinein in die Zeitentiefe! Hier an der Via regia sicherte einst berittenes Geleit vor Überfällen durch die Straßenräuber. Diese Straße hier verband damals den Bischofssitz Mainz mit Fulda und Hersfeld, den bedeutenden Abteien, und führte Berittene auf Heerfahrt, Krämer, Marketender weiter nach Eisenach und Erfurt, den Städten, die ich bei der Herfahrt mit dem ICE-Zug kurz grüßte.

Bei Leisenwald im Vogelsberg ist heute noch ein Verbotsstein erhalten, der es „bei fünff Gulden Straff“ verbot, die Straße ohne die Bezahlung des Wegezolls von 4 Schilling zu benutzen.

Doch ich, ich bin ja nicht so, bin ja kein Wegelagerer noch auch Wege-Erschleicher. Ich zolle dieser Straße meinen Wegezoll der Achtsamkeit! Ich wende ihr genau die Aufmerksamkeit zu, die sie verdient genau so wie der Niedwald, den sie hier durchquert. Künftiger Bärlauch, Esche im Niedwald, berittene Wächter, lauter Habicht im Auenwald, Wegstein im Leisenwald, Fulda, Hersfeld, Mainz – seid mir gegrüßt, ich werde vorübergehen, aber die Erinnerung an euch wird bleiben wie an den, der hier vorüberzog eine winzige Wegstrecke seines Lebens.

Quellennachweis: „VIA REGIA. Kulturroute des Europarates“, auf: Obelisk aus dem 21. Jahrhundert, aufgestellt vor dem alten Ramada im Niedwald an der alten Via Regia (heute: Oeserstraße 180, 65933 Nied/Hessen)

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Sep 202018
 

Ich soll euch noch recht festlich grüßen:
Herr Sommer, der den Abschied nimmt,
Winkt uns noch zu, als wäre es sein letzter Tag!
Die Beute legt er sich zu seinen Füßen:
Ein Volleyball, der auf den Wellen schwimmt.
Aus gelbgeflecktem Schnabel noch ein Schrei.
So sehr die Möwe ihr Gefieder spreizen mag,
Herrn Sommer ist es mittlerweile einerlei,
Er hat sich’s überlegt: er geht vorbei.
Zwar war er groß, doch größer ist das Jahr,
Das hinter ihm den dunklen Berg erklimmt.
Die Sonne sinkt, das Licht strahlt hart und klar.
Beim Abschiedsfest erklingt die Melodie: Es war.

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Mai 252018
 

Eine ungeheure Fülle an Eindrücken für lauschendes Ohr und lugendes Aug, für unbeschuhten Fuß und witternde Nase bot uns die Wanderung durch den sonnenbeschienen Oberlauf der Schlaube am vergangenen Sonntag.  Die Schlaube ist ein geheimnisreicher, weithin unbekannter Fluss, den nur sehr wenige kundige Wanderer dem Namen nach kennen – und noch weniger Menschen zu erreichen wissen. Hier gleich in aller Frühe das Konzert der Frösche im Erlenbruch:

Ein paar Schritte weiter, und silbrig hell sprang uns ein Bächlein entgegen:

Doch damit nicht genug! Hinaufgeschaut, und über dem See an der Kieselwitzer Mühle kreisten zwei Seeadler, auf Beute lauernd, einander folgend im azurenen Himmel, einander umspielend. Dies alles innerhalb weniger Minuten erleben zu dürfen, flößte mir ein ungeheures Glücksgefühl ein, das noch heute anhält, da ich mich dankbar daran erinnere!

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Mai 232018
 

Im Schlaubetal, 20. Mai 2018

[…] „Der abendliche Rundgang um den Wirchensee bezauberte uns. Die Sonne sank als glühender Ball der Götter über die halkyonisch glatte, unergründliche Wasserfläche.“ —

 

„Die Luft war erfüllt von soviel Sanftheit, soviel Wärme, solchem Dämmerschein. Von einem erhöht gelegenen Aussichtspunkt der Jäger genossen wir die unendliche grüne Weite. Überall regte sich huschendes Geraschel, Gezirpe, Vogelschlag erfüllte den Wald. Hier oben, da in den Wiesen, da entspringt glucksend die Schlaube.“ [—]

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Apr 292018
 

Wir haben heute einen herrlichen Ausflug mit Wanderung zum Liepnitzsee bei Wandlitz unternommen, wo ich in das immerhin 12 Grad warme Seewasser eintauchte und 20 Sekunden schwamm! Überall schmückte sich der Wald mit zartem Grün; der Himmel bestach uns am Vormittag mit sattem, tiefem, dunklem Blau, wie man es sonst nur ganz selten im Hochgebirge sieht!

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Apr 072018
 


Io ritornai da la santissima onda rifatto sì come piante novelle rinnovellate di novella fronda com’è puro e disposto a salire alle stelle.

88 weltweit anerkannte Sternbilder gibt es. Ihre Namen gehen zum Teil auf antike Sternsagen zurück. Ursa major, Haar der Berenike, Perseus, Pegasus, Phoenix … der munter erzählende Astronom in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte bot uns gestern nacht einen sehr aufschlussreichen Sternenspaziergang. Wir fanden auch den Polarstern, indem wir fünf Mal die Hinterachse des Großen Wagens abtrugen, der Teil des Großen Bären, Ursa maior, ist.
In jeder Betrübnis, die Geist und Sinn gefangen hält, kann der Mensch sich wieder durch Betrachtung des gestirnten Himmels aufrichten. Die oben angeführten Verse vom Ende des Purgatorio beweisen dies. Dante fühlt sich nach längeren Gesprächen über die Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung erschöpft. Der Anblick des Sternenhimmels macht ihn neu. Er gewinnt Zutrauen, er gewinnt seine Erinnerung zurück. Er fühlt sich wie ein begrünter Zweig, der mit frischem Laub wiederbelebt wird.
Die unendliche Größe der Welt, die uns gestern vor Augen geführt wurde, wird aufgewogen durch die strahlende, überschießende Freude beim Anblick des ersten zarten Grüns und dieser frischen Weidenkätzchen im Schöneberger Südgelände.

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Mrz 022018
 

Wir gehen den Weg in den Wald hinein. Froststarrend ruhen die Baumstämme. Unverrückbar liegen sie da, als warteten sie auf den Schnee, der nicht kommt. Doch das ist nur Schein. So scheinhaft sind sie wie auch ein Pochen, ein Klopfen, ein Hämmern. Erst unhörbar, so dass du erst einmal an eine Sinnestäuschung denkst. Vor uns breitet sich der froststarrende Wald aus, der Düppeler Forst. Schabt ein Riemen deines Rucksacks taktgenau an der Kapuze, ja, nein? Du hältst inne. Du fragst die Mitwandernde, du drehst den Kopf in die hell strahlende Sonne.


Da, horch! — Ein weiteres Klopfen, ein Hämmern, ein insistierendes Pochen. Holz auf Holz! Kastagnetten des Frosts! Die beiden Pocher, die beiden Hämmerer scheinen aufeinander zu lauschen. Sie senden sich Signale zu, unsichtbare Morsezeichen. Die Morsezeichner auf ihren Bäumen sind’s! Jetzt drehst du den Kopf weiter, da vernimmst du aus einer dritten Richtung, leicht erhöht, vielleicht um einen Ganztonschritt, wieder ein inständiges Hämmern und Trommeln. Der dritte fällt den beiden ersten ins Wort. Er befiehlt ihnen zu schweigen. Doch die beiden ersten lassen sich nicht beirren. Sie fallen einander in den Tanz, sie hämmern herum, dass es eine Lust ist.

„Jetzt erst recht!“ Da hörst du die Späne fliegen! Sie raufen sich zusammen, diese drei Baumtrommler, sie spannen uns einen Konzertsaal auf, mitten im Wald. Sie pochen und hämmern, wild und doch präzis, weit über unseren Köpfen führen sie ihr Konzert auf. Sie zerbrechen ernst, unbeirrbar, leidenschaftlich die Kirchenstille des Sonntagmorgens. Dabei haben sie nicht studiert, diese Schlagzeuger mit ihren hämmernden Schnäbeln. Kein Dirigent könnte ihre Symphonie dirigieren, kein Komponist könnte eine derartige Fülle an Rhythmen, Tonhöhen und Nuancen aufschreiben. Kein Konzertsaal, auch nicht der neue holzvertäfelte Saal, der nach Pierre Boulez benannt ist, könnte dir ein derartiges überwältigendes Lauschen und Staunen bieten wie diese drei unsichtbaren Hämmerer.

Hört die Spechte am Stamme! Sie lernen nicht, sie erwarten keinen Lohn, sie verlangen keinen Eintritt, und doch übertreffen sie an Erfindungsreichtum und Klangfülle, an Pracht und Herrlichkeit jedes hochdekorierte Meisterschlagzeugerensemble im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Die Fotos zeigen Blicke in diesen Konzertsaal im Düppeler Forst, den wir am vergangenen Sonntag durchwanderten.

Die Strecke dieser Wanderung, welche zum Konzertsaal Düppeler Forst führt, ist hier zum Nachwandern beschrieben:
Manfred Schmid-Myszka: Von Wannsee nach Babelsberg. Wanderung am südlichen Berliner Stadtrand. In: M. Schmid-Myszka: Rund um Berlin. Von der Ruppiner Schweiz bis in den Spreewald. 50 ausgewählte Wanderungen in der Mark Brandenburg. Bergverlag Rother, München 2016, S. 104-106, hier bsd. S. 105

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Sep 282017
 

Kaum beachtet, meist verwechselt, schwer zu benennen, schwer zu erkennen: die Echte Mehlbeere. Wer achtet ihrer? Wer kann sie von einer Holz-Birne oder einer Echten Mispel sicher unterscheiden? Du, der Du dies liest? Ihr dort draußen? Ich nicht!

Wie dem auch sei – es gibt bei uns in der Schöneberger Heimat nicht nur die Robinie, die Weide, die Esche, die Kastanie, die Buche, sondern eben auch sie: die Echte Mehlbeere. Wie tüchtig ist sie doch! Wie klug schützt sie sich vor dem Klimawandel! Denn ihr Haarfilz auf den Blättern setzt die Verdunstung herab und ermöglicht es dem Baum, auch in sandiger Ödnis zu wachsen. Das ist wichtig, ja vorbildlich in Zeiten der Erderwärmung!

Mein gutes, kenntnisreiches Biologen-Ehepaar schreibt: „Die mehlig-weichen, fad schmeckenden Früchte, sind zwar essbar, eignen sich aber nur als Notnahrung. Getrocknet und vermahlen mischte man sie früher unter das Mehl, um Brot zu backen. Auch für die Gewinnung von Essig lassen sie sich verwenden.“

Mir kam ein Wandersang in den Sinn:

O ihr essigsauren Früchte, ich schätze euch sehr! Mir sollt ihr in Zeiten der Not willkommen sein! Wieviele hungrigen Mägen sättigtet ihr schon? Wie oft stilltet ihr das Geschrei der unmündigen Kindlein? Dein unten silberweiß behaartes Blatt, Aria, nötigt mir Ehrfurcht und Scheu ab wie das spärliche aschene Haar meiner Urgroßmutter Shulamith.  Sei mir gepriesen, Sorbus aria, sei mir gelobt und sei mir gesegnet, du echte, trutzige, nährende Beere! Andere starben, du lebst und wirst leben!

 

Bild: Echte Mehlbeere, Sorbus aria im Schöneberger Natur-Park Südgelände. 28.09.2017
Zitat:
Echte Mehlbeere. Sorbus aria (Rosengewächse), in: Margot und Roland Spohn: Welcher Baum ist das? Kosmos Naturführer, Stuttgart 2014, S. 111

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Jul 162017
 

Ich: Borstige Blattrosette im ersten Jahr.
Lanzettliche Blätter, wechselständig.
Erst sind rot in der Knospe die Blüten,
Rosa dann und blau erst ganz geöffnet.

Euch Menschen soll ich wohl gefallen? Mitnichten!
Dafür verantwortlich: Änderungen des Zellsäuregehalts,
zelluläre Innenverhältnisse, da staunt ihr, was?
Dennoch: den Bienen besonders, aber auch andren Insekten,

Biete ich mit meinen geöffneten, noch rosafarbenen
Blüten wohlschmeckenden Seim, den klebrigen Nektar.
„Natternkopf“, einen ganz gewöhnlichen nennt ihr mich,
Pah! Fürchtet ihr meine weit herausragenden

Staubblätter, die euch an meine Muhme die Schlange
Gemahnen? S’ist nur mein Fraßschutz vor euch, Menschen!
Das habe ich mir einfallen lassen, ebenso auch
Die steifen Borstenhaare, meinen Stolz!

Ihr nennt mich giftig? Ich bekräftige: Jeder Fraßschutz
Ist recht und richtig vor euch, ihr Menschen!
Ich kenne nichts Gewöhnlicheres als euch, ihr Räuber!
Ihr verbannt mich ins Unkraut, im Ödland tummle ich mich,

Auf Felsen, im Bahngelände, auf Schuttflächen, im Abweg,
Da bin ich zuhaus. Wisst ihr denn, was dies bedeutet?
Was es mir bedeutet? Starrer Hansl, Natterngezücht,
„Echion vulgare“, Stolzer Heinrich, so nennt ihr mich.

Ich nenn euch undankbar, vulgär, gemein! Wegelagerer,
Irrtümler, Unbehauste, „Bipous vulgaris“, bleiche Riesen,
So nenn ich euch, Menschen, ihr allzu Gewöhnlichen!
Ihr begreift mich nicht, werdet mich nicht erfassen, so sei es!

Meine tiefen trichterförmigen Blüten sind euch verschlossen,
Ihr Ungründlichen! Es ist gut so, ihr Menschen.
Ich blühe weiter, unbeachtet von euch. Ich komm schon zurecht.
Ich brauche euch nicht. Geht mir aus dem Schatten!

Ich bleibe sitzen auf meinen Borstenhaaren,
Bin ein Raublattgewächs und bleibe es auch
Und will euch nicht gleichen, EUCH – NIE!

Wertvolle Hinweise und Auskünfte zum besseren Verständnis des hier zitierten Gewöhnlichen Natternkopfes lieferte uns folgendes vortreffliche Werk:
Margot und Roland Spohn: Welche Blume — ist das? Über 450 Blumen Europas. Kosmos Naturführer, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2017, hierin: „Gewöhnlicher Natternkopf. Echium vulgare (Raublattgewächse)“, S. 189

Foto: gewöhnlicher Natternkopf, aufgenommen heute auf einer Radtour in der Nähe von Mögelin/Brandenburg

 Posted by at 19:49
Mai 232017
 

Frage: Ja, wie heißt du denn?  Du mit deinen nickenden blauvioletten Blüten, mit deinen fünf Blütenblättern, deinem zierlichen Sporn? Jetzt bist du seit einigen Tagen aufgeblüht im Schöneberger Südpark! Und wartest du schon auf die Bestäuber, die Hummeln und emsigen Bienen? Fürchtest du dich vor den Guteschafen, deren Ankunft wir seit Tagen herbeiwünschen?

Ja, du! Heißest du etwa Narrenkappe, Stanitzelblume, Tauberln, Hüetli, Schlotterhose, Tintenglocke, Truerblüemli?

Antwort: Ich bin all das und vieles mehr, doch kümmert es mich nicht, wie du mich nennst, denn ich bin …

… die Akelei.

 Posted by at 18:22