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Archiv der Kategorie Persönliches

Der Schlag ans Hoftor

Wenn jemand im Vorbeigehen ohne Grund an ein Hoftor schlägt, dann werden ihm vielleicht Leute aus dem Dorf entgegenkommen. Sie werden ihn warnen oder, selbst gebückt vor Angst, mit deutlichen Gebärden ihn dazu auffordern, sich an die Hauswände zu drücken. Sie werden stumm den Zeigefinger auf die Lippen legen. Ihr verstohlenes  Bedeuten und Zeigen, all dieses Nicken, dieses heimliche Raunen scheinen ihm zu sagen: Ach, hättest du doch nicht ans Hoftor geschlagen!

Aber warum sollten die Leute ihn mit allerlei Zeichen vor dem Richter und dem Polizisten warnen wollen? Werden Richter und Polizist, die gerade heute zufällig im Dorf ihren Amtsgeschäften nachgehen, den Schlag ans Hoftor überhaupt als strafwürdig einschätzen? Wollen die Leute aus dem Dorf den Mann einschüchtern oder warnen? Was für einen Grund sollten sie haben, ihm ihr Mitgefühl auszudrücken? Könnte es sein, dass sie den Mann, der ans Hoftor geschlagen hat, in die falsche Richtung lenken und ihn so dem Richter geradezu in die Arme treiben? All diese Fragen werden den Mann beschäftigen, während er den Weg weitergeht. Sie werden ihn nicht loslassen, sodass er zu zweifeln beginnt, ob er den Schlag ans Hoftor überhaupt ausgeführt hat. Ich habe es getan, sagt seine Erinnerung. Ich habe es nicht getan, sagt sein Gewissen. Und schließlich gibt die Erinnerung nach.

Zuletzt wird der Mann, der ans Hoftor geschlagen hat, selbst nicht mehr wissen, ob er es mit Absicht getan hat oder ob es ihm nur widerfahren ist. Einem solchen Mann wird es zuletzt vorkommen, als habe es nur so aus ihm herausgeschlagen. Und mit diesem Wissen durchquert er das Dorf, verlässt das Dorf und zieht weiter. Kein Richter und kein Polizist hat ihn gesehen. Er ist frei zu gehen, wohin er will.


Bahn der Wunder

02012010013.jpg Ein Volkssport, bei dem ich abseits stehe, ist das Schimpfen auf die Bundesbahn. Vielleicht habe ich Pech, dass ich nicht zu den Schimpfsportlern dazugehöre: Aber ich bin mit der Deutschen Bahn sehr zufrieden. Heute z.B. fuhr der ICE von Augsburg nach Berlin nur mit einer Hälfte - die andere Häfte blieb wegen technischer Probleme abgehängt. In dieser waren auch unsere reservierten Plätze. Wir mussten stehen - oder auf dem Boden sitzen.

“Das wird Ärger geben!”, schoss es mir durch den Kopf. Und in der Tat: “Stellt euch vor, der ICE fährt nur zur Hälfte - das ist eine Ka-ta-strophe …!” jammerte ein etwa 40-jähriger Mann ins Handy.  “Den Grube sollte man mal auf die Gleise festbinden!”, echote ein anderer. Kurz: Die Welt war sauer, die Welt war böse auf die Deutsche Bundesbahn.

Ich knüpfte harmlose Gespräche mit Mitreisenden an: “Können Sie mir den Unterschied erklären: Hier auf dem TIME-Titelbild steht Frau Europa, Angela Merkel has more power than any leader on the continent. Und schauen Sie hier: A trailblazer and the unchallenged leader of Europe’s largest economy, steht hier auf S. 20. Und die Süddeutsche titelt an eben diesem Tage: Vor Wildbad Kreuth: Christsoziale attackieren Merkel. Wer hat recht? TIME oder die Süddeutsche?”, frug ich unschuldig.

“Beide haben recht”, erwiderte mir ein bayerischer Mitreisender. Und dann löste er mir in gut bayerischer Art den Widerspruch auf. Er meinte: Wir Bayern haben schlechtere Karten, wenn es ums Reden und “Dischkerieren” geht. Und dafür rächen wir uns an den Norddeutschen.

Wieder waren 50 km verstrichen. “NICHT auf die Bahn schimpfen!” schärfte ich mir ein. “Na, Sie kriegen heute sicher vieles zu hören …” fragte ich den Schaffner. “Ich schalte auf Automatik-Modus”, erklärte er mir. Wir hatten gerade bequeme Plätzchen vor der Behindertentoilette ergattert, ein türkisches Mädchen unterhielt uns mit Fragen und Davonlaufen. Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Dinosaurier-Quiz.

Ich dachte an die winterlichen Zugfahrten der Deportierten, die Herta Müller beschreibt: Dutzende Leute tagelang zusammengepfercht in einem Viehwaggon, statt Toilette ein Loch, 1 bullernder überforderter Ofen irgendwo am Raum.

Ich dachte an die winterlichen Zugfahrten der Deportierten, die Primo Levi beschreibt. Dutzende Leute tagelang zusammengepfercht in einem Viehwaggon, statt Toilette ein Loch im Boden, kein Ofen. Kalt. Sehr kalt.

Hier war es warm, hier traf man Leute. Und ich war sehr froh und glücklich.

Und doch - nach weiteren 50 km kam der Schaffner zurück: “Ich habe drei Plätze für Sie. Kommen Sie mit.” So war es! Durch den vollgestopften Zug hindurch geleitete er uns an drei Plätze, die eben freigemacht wurden. Durfte ich sittlicherweise den Platz annehmen, wo doch soviele andere Reisende stehen bleiben mussten? Waren wir irgendwie bevorrechtigt? Ich weiß es nicht. Wir haben die Plätze angenommen.  Bis Göttingen reisten wir sitzend auf bequemen Plätzen. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich doch. Aber dann räumte meine Frau auch schon ein bisschen Platz für eine Russin, so dass auf zwei Plätzen nunmehr drei Menschen saßen, die sich russisch miteinander unterhielten.

Dann stiegen wir um, nahmen die reservierten Plätze im Anschluss-ICE ein und erreichten Berlin mit 13 Minuten Verspätung. Unterwegs spielten wir Mikado und plauderten zwei drei Worte mit Mitreisenden.

Und ich bin sehr froh.  Ich brauche den Volkssport “Auf-die-Bahn-Schimpfen” nicht. Ich bin ein begeisterter Bahnfahrer. Man kommt ins Nachdenken …

“Ihr Wichtelmänner!” Macht 1000 Euro! Wegen Beleidigung der Grenztruppen … ?

Noch gut erinnere ich mich an das ungute Gefühl, das mich immer wieder beim Passieren der DDR-Grenzanlagen beschlich. Dennoch behielt ich meine Gedanken über Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl bei allen Kontrollen stets für mich, legte brav meinen Ausweis vor und verhielt mich unauffällig.

Nur ein einziges Mal sind mir gegenüber den Ordnungskräften die Nerven durchgegangen: Das war, als ich bei einem “Tagesbesuchs”-Versuch aus irgendeinem Grund im Jahr 1987 komplett - einschließlich der Brieftasche - durchsucht wurde und mir dann die Einreise über die Übertrittsstelle Friedrichstraße verweigert wurde. “Warum darf ich nicht in die Hauptstadt der DDR?”, fragte ich. “Darüber geben wir keine Auskunft”, hörte ich. Ich schluckte. “Was SEID ihr doch für lächerliche Wichtelmänner!” entfuhr es mir. Ich schimpfte drauf los. Ich war so wütend! Mann! Die DDR-Grenzer ließen stoisch alles an sich abprallen. Dies empfand ich noch einmal als demütigend. Nicht einmal beleidigen konnte ich sie also. Darüber wurde ich noch wütender.

Soeben  lese ich, was die Beleidigung “Wichtelmann” nach heutigem Recht kostet: 1000 Euro! So führt es der in der Morgenpost wiedergegebene Bußgeldkatalog auf.

Ich finde das zu hart.

Was ist denn soo schlimm daran, wenn man jemanden einen Wichtelmann nennt? Wir schauen häufig im Kika die sehr schöne Verfilmung von Nils Holgersson an, jeden Tag um 19.00 Uhr. Auch Nils empfindet es als Beleidigung, wenn er als Wichtelmann bezeichnet wird. Denn er ist in Wahrheit ein verzauberter Mensch.

Oft habe ich mir gewünscht, mit jenen Grenzern zusammenzutreffen, die ich damals als “Wichtelmänner” bezeichnete. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden haben. Und ich würde sie wegen meiner damaligen Beleidigungen um Verzeihung bitten. Waren die Grenzer auch verzauberte Menschen?

1000 Euro werde ich aber nicht bezahlen. DAS finde ich viel zu hoch!

Lest hier den Katalog der Bußgelder in der Morgenpost:

ADAC-Bericht - Jeder zweite Radfahrer gefährdet sich und andere - Motor - Berliner Morgenpost

Der einzige Deutsche

“Rudi war der einzige Deutsche in der Glasfabrik. “Er ist der einzige Deutsche in der ganzen Umgebung”, sagte der Kürschner. “Anfangs haben die Rumänen sich gewundert, daß es nach Hitler immer noch Deutsche gibt. ‘Immer noch Deutsche’, hatte die Sekretärin des Direktors gesagt, ‘immer noch Deutsche. Sogar in Rumänien.”

Die Manschettenknöpfe. Eine kleine bittere Prosa-Miniatur von Herta Müller. Bei Dussmann in der Friedrichstraße streife ich fuchsartig durch die Regale. Ich spüre das Buch Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt auf. “Wie haben Sie das geschafft?”, fragt mich ein Reporter vom Nicht-Ersten Deutschen Fernsehen. “Seit Jahrzehnten durchstreife ich die Weiten der Berliner Buchhandlungen”, so lautet meine listige Antwort. “Ich kenne die versteckten Winkel. Bei Herta Müller lernen wir, was es heißt, in der Diaspora zu leben. Sie hält die Fackel hoch. Sie verkörpert das leibhaftig Unselbstverständliche. Die Freiheit. Das gilt auch für ihre Sprache. Kein Wort in ihrer Prosa ist vorhersagbar. Vielmehr versuchen die Worte mühsam, einander die Hand zu reichen.”

Beim Nachhauseweg fällt mir ein, dass dieses Gefühl der Diaspora mich selbst immer häufiger befällt. Sogar in Deutschland. Ich beschließe, noch mehr von Herta Müller zu lesen! Aber ihren neuesten Roman Die Atemschaukel konnte ich heute nicht mehr erhalten.

Herta Müller: Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt. Eine Erzählung. Hanser Verlag, München 2009, S. 44 (Erstauflage: 1986, Rotbuch Verlag)

Zeichen der Einsamkeit

11032009001.jpgEin Arbeitstag in Österreich.Bei der Rückfahrt vom Dienstort entdecke ich aus dem Fond der Limousine heraus ein Schild: Zur Erinnerung an Franz Schubert - leider dauerte diese Begegnung nur wenige Sekunden. Aber sie lässt mich an den verehrten Meister denken, der meine Jugend geprägt hat wie nur zwei oder drei andere Komponisten. Er war der große Sänger der Vereinsamung.

Im Flieger erhalte ich die neuste Ausgabe des Magazins News. Ich lese einen Artikel über Elina Garanca. Sie sagt: “Auch wenn es wenig zu essen gab und wenig zum Anziehen, gab es doch immer eine Familie, die zusammenhielt und in der zusammen gesungen wurde. Das bleibt mir. Ich bin Patriotin und freue mich, nach Riga zurückzukehren.” Vorbildlich!

Bei meinen Reisen in der ehemaligen Sowjetunion habe ich viele Menschen kennengelernt, die echten Hunger, echte Not erlebt haben. Aber einen Franz Schubert, einen Peter Tschaikowskij, einen Pasternak kannten und liebten sie. Wie entäuscht sind viele von ihnen, wenn sie nach Deutschland kommen und entdecken, dass hier fast niemand mehr die großen Musiker und Dichter liebt, kennt und singt. Man wird durch eine Industrie abgefüllt, Tag und Nacht.

Obwohl wir immer genug zu essen zu haben und genug zum Anziehen. Alle.

Zugleich die Nachricht vom Amoklauf in Winnenden. Entsetzlich. Familienministerin von der Leyen sagt: “Viele solche Taten werden aus Vereinsamung heraus begangen.” Sie schlägt Erziehungspartnerschaften vor. Guter Gedanke!

Bin in Nürnberg, steige gerade in anderen Flieger um.

Foto zeigt das Dorf mit der Gedenktafel Schuberts. Aufgenommen in einer Heurigengegend, am heutigen Tag.

Wer mahnt besser - die Überlebenden oder die Toten?

Der Ausdruck Holocaust gefällt mir nicht. Ich kenne ihn aus der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der Tora,  als Bezeichnung für das Opfer, bei dem das Tier ganz verbrannt wird - das “Ganzopfer”. Nein, ich ziehe den Ausdruck Schoah bei weitem vor - wie in Israel üblich.

Mein erstes KZ besuchte ich im Alter von 16 Jahren - es war Majdanek bei Lublin. Ich reiste zusammen mit einer Gruppe des BDKJ - des Bundes Deutscher Katholischer Jugend.  Wir wurden durch das Lager geführt - durch einen polnischen Überlebenden. Er zeigte uns die Baracken, die Reste der Öfen, er deutete in bestem Deutsch einiges an von den Schrecken, die er erlebt hatte. Anschließend lud er uns zu sich nachhause ein, wir wurden bewirtet, wir sangen gemeinsam einige Lieder und spielten auch auf dem Klavier, das da stand.

Warum ich das erzähle? Ich meine: Es ist ein Privileg, mit Überlebenden sprechen zu dürfen. Es ist noch ein größeres Glück, von ihnen bewirtet zu werden. Und am schönsten ist es, mit ihnen zu singen. Und ich meine: An jeden KZ-Besuch, an jede Gedenkveranstaltung sollte sich eine “Rückführung ins Jetzt” anschließen. Irgendetwas, eine Geste, eine gemeinsame, fast rituelle Handlung, die zeigt: Wir erkennen die Vergangenheit an - aber das Jetzt ist stärker. Das kann ein Lied sein - oder sogar ein Witz.

Immer wieder bin ich danach in meinem Leben Überlebenden begegnet - verschiedenen KZ-Überlebenden, aber ich begegnete auch im Kreis meiner russischen Verwandten Menschen, die die Belagerung Leningrads überlebt hatten. Und ich habe Menschen kennengelernt, deren Angehörige durch den sowjetischen Terror in Russland vernichtet worden sind.

Bei all diesen Begegnungen war es für mich entscheidend zu erfahren: Wir sind im Jetzt, - die Schrecken der Vergangenheit sind hinter uns und diese Überlebenden sind Menschen aus Fleisch und Blut wie ich auch. Was mir immer wieder auffiel: Sie wirkten in der Erinnerung viel befreiter und … sogar humorvoller als wir Nachgeborene. Nur ganz wenige habe ich kennengelernt, deren ganzes nachfolgendes Leben zerstört war.

Zurück zur Frage: Wer mahnt besser? Ich meine: Die Toten mahnen uns nicht wirklich - nur die Lebenden können uns etwas sagen. Wir, die Lebenden, die Nachher-Lebenden müssen uns selbst mahnen.

Eklat um Holocaust-Gedenken - ”Überlebende wie Zaungäste” - Politik - sueddeutsche.de
Bundespräsident Horst Köhler hat dazu aufgerufen, die Erinnerung an das Verbrechen des Holocaust zu bewahren. “Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele”, sagte Köhler zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Verantwortung aus dem Völkermord an den Juden sei Teil der deutschen Identität. “Die Trauer über die Opfer, die Scham über die furchtbaren Taten und der Wille zur Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und den Kriegsgegnern von einst sie führen uns zu den Wurzeln unserer Republik”, sagte Köhler in der Gedenkstunde des Bundestages.

Die Männer mit den zwei Hunden

02012009004.jpg Dieses Foto zeigt einen Eindruck von meinem Neujahrsspaziergang. Er führte mich zusammen mit den zwei Hunden Rita und Kusja und meinem jüngeren Sohn an den Ufern des Flusses Moskwa entlang. Es herrschte klirrender Frost, Eiskristalle blitzten und spiegelten, dass es eine Lust war! Wir feierten Neujahr in einer Datscha an der Rubljowka-Straße - mitten in jener Gegend, welche die geistige und politische Elite Moskaus seit Jahrzehnten für Wochenende und Ferien auserkoren hat - von Swjatoslaw Richter über den Wirtschaftswissenschaftler Kondratieff bis hin zu Jelzin und Putin … e tutti quanti. Die häufigen Straßensperrungen belegen, wie wichtig diese Leute sind. Dank meiner zwei Hunde kam ich immer wieder in kurze lockere Gespräche mit anderen Spaziergängern und tauschte Neujahrsgrüße aus.

Vor wenigen Stunden flogen wir wieder in Deutschland ein. Ich bin froh und dankbar, dass ich diese zwei reich angefüllten Wochen in Russland verbingen durfte. Ich werde in den kommenden Tagen das eine oder andere aus dem öffentlichen Leben dieses Landes berichten und meinen holzschnittartigen Gesamteindruck hier auf diesem Blog niederlegen.

Ich habe in Moskau kaum gebloggt, da ich nur sehr eingeschränkten Internet-Zugang hatte. Aber jetzt geht es wieder los - ich melde mich zurück.

Das Jahr, es rollt sich sausend ab …

29122008004.jpg … so hielt Annette von Droste-Hülshoff am letzten Tag des Jahres inne. So halte auch ich in den letzten Stunden des alten Jahres 2008 inne. Wir bereiten uns hier auf das größte in Russland gefeierte Fest vor: Neujahr.

Die vergangenen Tage brachten wieder Zufälle jeder Art, Überraschungen, neue Freundschaften. Im Obrastsow-Puppentheater begegneten wir beispielsweise niemand geringerem als der Zarin Katharina II. Wir erkannten sie an ihrem heftigen deutschen Akzent. “Fürst Potemkin zeigt Uns endlich das Volk. Denn Wir sind ja dem Volke noch nicht begegnet.” Was für eine Freude! In Gogols “Weihnachtsabend” erwies sich die Zarin als gütig - sie schenkte das Paar Schuhe, das den Weg zum vollkommenen Glück bereitete. Schuhe können glücklich machen, das ist der Beweis, von den herrlichen Puppenspielern unwiderleglich erbracht! Frauen wussten es schon vorher.

Den Geiger Viktor Tretjakoff durfte ich im Moskauer Konservatorium hören, und auf dem Roten Platz liefen wir Schlittschuh. Ich kaufte gestern einige neueste russische Geschichtsbücher für die allgemeinbildenden Schulen und vertiefe mich mit Feuereifer in die derzeit gepflegte Sicht auf die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie im Lande selbst gepflegt wird. Höchst spannend, spannender als jeder Agententhriller! Wir müssen ein gemeinsames Verständnis für das vergangene Jahrhundert aufbauen, etwas, was jetzt eben noch nicht besteht.

Und jeden Tag lese ich ein Gedicht von Puschkin.

In diesem Sinne: Alles Gute Ihnen allen - Auf ein Frohes Neues Jahr 2009! Möge es die Gemeinsamkeit stärken, das Trennende abbauen, Zukunft schaffen, Leiden mindern!

Vom Wagnis der Freude. Meine Weihnachtsansprache


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Ich wende mich aus Moskau an Sie. Ein ganz feiner Schneehauch liegt hier auf den Straßen. Er hat sich überwiegend aus Rußkörnchen gebildet. Um diese Körnchen herum hat sich Wasserdampf kristallisiert, der dann zu einer Art künstlichem Schnee herangewachsen ist. Zum ersten Mal seit Jahren erlebe ich also die russische Hauptstadt ohne die üblichen Schneemassen. Der Klimawandel hat auch hier bereits in vollem Umfang eingesetzt. Nicht alles, so zeigt sich, ist in bester Ordnung.

Halten wir Rückschau: Hinter uns liegen Zeiten, die für viele nicht leicht waren. Die Zeiten, die vor uns liegen, werden für viele von uns nicht leichter sein. So sagt die eine: „Wir von der Bürgerrechtsbewegung suchten Gerechtigkeit, aber was wir bekommen haben, ist nur der Rechtsstaat.“ Ein zweiter beschwert sich: „Ich habe Arbeit in meinem erlernten Beruf gesucht, aber was ich bekomme habe, ist nur ein Vermittlungsschein vom Jobcenter.“ Eine dritte klagt an: „Ich habe für den Mindestlohn gekämpft, stattdessen wirft der Staat mitten in der Finanzkrise unser hart erarbeitetes Geld den Banken in den Rachen, um fürstliche Vergütungen zu sichern.“

Alle diese Klagen haben ihren Sinn. Sie zeigen die Enttäuschung von Menschen, die sich für ihr Leben einmal mehr vorgestellt haben. Dieses „Mehr“ ist nicht eingetreten. Dann baut sich ein Grundgefühl auf: „Irgendetwas stimmt nicht in unserem Lande!“

Nun, liebe Leserinnen und Leser, diese Enttäuschung werde ich Ihnen nicht ausreden können. Auch ich habe immer wieder Zurücksetzungen, Niederlagen und Demütigungen erfahren müssen. Aber ich habe mir irgendwann vorgenommen: Diese Erfahrungen dürfen nicht in die Sackgasse der Verzagtheit führen. Ich habe es in aller Bitterkeit in der Hand, das Schöne zu stärken. Zu den schönsten Erfahrungen der vergangenen 12 Monate zählte für mich, als ich Bachs Weihnachtsoratorium auf meiner Geige mitspielen durfte. Und zwar in genau jener Kirche in Prenzlauer Berg, in der viele wichtige Treffen der Bürgerrechtsbewegung der DDR stattfanden. Wie viele der Menschen, die dort mitsangen oder wie ich mitgeigten und mitbliesen, glaubten tatsächlich, dass in jenem Stall in Bethlehem wirklich der Erlöser als Kind zur Welt gekommen war? Ich bin sicher, es war und ist in der Bundesrepublik Deutschland nur eine Minderheit, der sich dieser wörtliche Sinn der Weihnachtsbotschaft noch erschließt. Aber wir alle spürten: Dieser überwältigende Ausruf „Jauchzet, frohlocket!“, das ist etwas, was uns alle trägt! Ich konnte das geradezu als Anhauch spüren, als Anwehen und Andrängen.

Es gibt also doch Augenblicke, in denen die Bekümmernis verschwindet. Augenblicke, in denen wir das Zittern und Klagen abschütteln. Solche Anlässe zur Freude gibt es viele. Und wenn es nicht der Glaube an einen Gott hinter den Wolken ist, so liegt ein Anlass zur Freude darin, dass wir diesen Aufruf zur Freude gemeinsam spüren. Und wenn es nicht die Gerechtigkeit auf Erden ist, die jetzt sofort anbricht, so ist es der hart erkämpfte Rechtssaat, in dem wir nunmehr Schritt um Schritt die Wirklichkeit näher an das heranführen können, was wir als menschenwürdig empfinden. Und wenn der Staat mir keine Arbeit verschaffen kann in dem Beruf, den ich mir erwählt habe, so kann diese Freude an meiner Hände Arbeit mich dazu bringen, etwas anderes zu lernen, da anzupacken, wo mein Zutun gerade jetzt gefordert wird. Und wenn riesige Geldströme in die falschen Kanäle versickert sind – wohlan, es steht in unserem Vermögen, die Ordnung der Finanzmärkte so umzubauen, dass so etwas in Zukunft irgendwann seltener geschieht.

Die Freude, die wir heute erleben, flößt uns Zuversicht ein. Dieses Zutrauen tritt an die Stelle der Zukunftsangst. Angst vor dem, was kommt, lähmt. Freude über das, was gelungen ist und gelingen kann, stärkt uns die Herzen und Hände. Wir brauchen starke Herzen, starke Hände, um auch das vor uns liegende Jahr zu gestalten. Ich feiere Weihnachten in diesen Tagen zusammen mit meiner Frau, meinen beiden Söhnen und meinen russischen Verwandten in Moskau. Und auch dies ist für mich ein Grund zu großer Freude. Überall in diesem großen Land, das für sich bereits die Hälfte Europas bildet, sehe ich ein ehrliches Suchen und Ringen um das Neue. Überall wird das Ganze der vergangenen Jahrhunderte in den Blick genommen. Niemand lässt sich bannen vom starren Blick auf die Herrschaft des Schreckens. Denkverbote gibt es nicht mehr. Stattdessen wird gefragt: „Welche Reformen sind nötig, um unser Land für die Zukunft tauglich zu machen?“

Wer so fragt, hegt Zutrauen. Er lässt sich nicht verdrießen und durch Zweifel bekümmern. Er weiß: Wir können Zukunft schaffen. Die Freude, die wir heute erleben, vertreibt die Schatten. Sie macht uns stark. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie diese Freude erleben. Es kann die Musik Johann Sebastian Bachs sein, es kann ein festliches Essen mit Freunden sein oder auch das Glück über ein Weihnachtsgeschenk. Freude kann auch darin liegen, dass man einen einzigen Menschen aus seiner Einsamkeit erlöst. In diesem Sinne bitte ich Sie: Öffnen Sie die Türen. Lassen Sie die Zuversicht ein, verscheuchen Sie den Kummer. Lassen Sie sich anwehen. Gehen Sie das Wagnis der Freude ein. Ich wünsche Ihnen zusammen mit meiner Familie: Frohe Weihnachten!

Man sieht sich: von der Cyberworld in die echte Welt

28112008002.jpg So ein Blog, die unendlichen Weiten des Internet - das sind alles nur Behelfe, Wellenbretter, mit denen man unermessliche Strecken im Nu überwindet. Gleichwohl sind sie nicht das echte Leben. Schöner und erfüllender sind Begegnungen mit Menschen in Fleisch und Blut! Deshalb lade ich euch Leserinnen und Leser herzlich zu einigen öffentlichen Veranstaltungen in den nächsten Tagen ein. Ich werde sicher dort sein! Ich hoffe - man sieht sich!

Freitag, 05. Dezember 2008, 15.00 Uhr: doppelgedächtnis. Es spricht der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski. Eine Veranstaltung der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa. Ort: Vertretung der Europäischen Kommission, Unter den Linden 78, Berlin-Mitte. Eintritt frei, Anmeldung erbeten unter: anmeldung@kultur-in-europa.de oder per Fax: 030 80 48 20 83

Freitag, 05. Dezember 2008, 16.30 Uhr: Ferdinand der Stier. Eine Geschichte von Munro Leaf. ErzählZeit mit Silvia Freund. Mit dabei sind Kinder der Kita am Kleistpark, Johannes Hampel (Violine), Michael Köke (Gesang und Gitarre), Elena Marx (Tanz). Großer Saal im Nachbarschaftsheim Schöneberg, Holsteinische Straße 30, Berlin-Schöneberg. Eintritt frei

Dienstag, 09. Dezember 2008, 19.30 Uhr: Treffen der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg, Café Sybille, Karl-Marx-Allee 72. Eintritt frei

Mittwoch, 10. Dezember 2008, 19.00 Uhr: Jahreskonzert der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa. Mit Sonora Vaice, Sopran, und Tereza Rosenberga, Klavier. Atrium der Deutschen Bank, Unter den Linden 13/15, Berlin-Mitte (Eingang Charlottenstraße). Eintritt frei, Anmeldung erbeten unter: anmeldung@kultur-in-europa.de oder per Fax: 030 80 48 20 83

Ihr seht: Musik, Kunst, Kinder, Europa, Radfahren in Berlin, Kultur, eine Kita, ein Geldhaus … alles was das Leben lieb und teuer macht, kommt vor! Kommt ihr auch!

Unser Bild zeigt ein großes buntes Stoffgemälde, gemalt von Kindern der ersten Klasse aus der Staatlichen Grundschule am Brandenburger Tor. Für den lustigen Gesellen Papageno. Für eine Aufführung von Mozarts Zauberflöte