Archive for the ‘Pers’ Category

“Hör die Stimme der Natur!”

Freitag, November 16th, 2012

Die drei auf dem Baum. Was die wohl erleben?
Vorfreude auf das Stück morgen mit Roberta Ascani, Jana Hampel, Thomas Ruff.

Am 17. und 18. November 2012 im Ackerstadtpalast Berlin in der Ackerstraße 169 in Berlin Mitte. Um 20.30 Uhr.

www.ackerstadtpalast.de

Der Mann mit den zwei europäischen Flügeln

Donnerstag, September 6th, 2012

Ein steter Mittler zwischen Ost und West ist für mich immer wieder in meinem Leben mein Onkel Adolf Hampel, der am 7. September 1933 in Klein-Herrlitz bei Troppau geboren wurde.  Er war es, der mich 1959, wenige Monate nach seiner im byzantino-slawischem Ritus erteilten katholischen Priesterweihe als seinen ersten Täufling auf den Namen Johannes des Täufers taufte. Bis zum heutigen Tag sehe ich diesen Taufnamen als steten Aufruf zum Umdenken, als Aufruf zur Aussöhnung der Väter und Söhne, als Versuch der Wiedergewinnung der verlorenen Sprachen, wie es ja insbesondere aus der im Lukasevangelium erzählten Geschichte um den Vater des Johannes, den vorübergehend verstummten Priester Zacharias, hervorgeht.

Das Ideal des freiwillig gewählten Konsumverzichts, das Johannes am Jordan vorzuleben versuchte, hat sich mir bereits in frühesten Kindertagen eingeprägt. Ich meine in der Tat: Bequemlichkeit ist kein Argument – im Gegenteil, etwas mehr Unbequemlichkeit, mehr Treppensteigen, mehr Verzicht, mehr Strampelei tut Herz und Sinn und Kreislauf gut.  Vor allem aber sehe ich das zentrale Motiv der Johannesgestalt im Gebot des Um-Denkens, also des Ausbruchs aus eingeschliffenen Routinen des bloß Zweckdienlichen, des allzu leichtfertig wiederholten Immergleichen.

In seinen Lebenserinnerungen schildert Adolf Hampel auch eine anekdotische Begebenheit, an der ich selbst beteiligt war: eine nette kleine Verhaftung in der bosnischen Stadt Bihać. Es war am 28. August 1968. Der Einmarsch der befreundeten Panzer aus den verbündeten Staaten in Prag lag gerade eine Woche zurück. Eine kleine Reisegruppe – bestehend aus Onkel Adolf, meinem Vater, meinem Bruder und mir – war von der Insel Rab aufgebrochen, um dieses wichtige Zentrum der bosnischen Muslime zu besuchen. Doch erregten wir offenkundig Verdacht bei der jugoslawischen Polizei UDBA: Wieso sollten einige Deutsche sich ausgerechnet eine Woche nach dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Pakts in Prag für eine Moschee in Bihać interessieren? Da stimmte doch etwas nicht!

Schatten der Weltgeschichte, deren Sinn sich mir nicht enträtselte! Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem ein Spucknapf, der in der Polizeistation in einer Ecke stand. “Im alten Österreich-Ungarn fand sich so etwas häufiger in den Amtsstuben”, erklärte mir mein Vater mit leiser Stimme.

Das Missverständnis klärte sich nach langen Stunden auf. Ein Anruf bei den Milizionären auf der Ferieninsel ergab, dass es sich bei uns wirklich um eine harmlose Reisegruppe handelte, die im Kloster der hl. Eufemia wohne und  die den Milizionären besonders oft durch falschparkende Autos auffalle, was andererseits zu durchaus erwünschten Bußgeldzahlungen führe.

Die bosnische Moschee habe ich damals nicht gesehen. Aber  vor wenigen Tagen begrüßte ich eine Gruppe offensichtlich südslawischer Reisender bei uns im Hof mit einem herzhaften Dobar dan! und fragte:

- Woher kommt ihr?

- Aus Bosnien!

-Aha! Das kenne ich gut. Ich war schon als Kind in Bihać, der Stadt mit der berühmten Moschee!

Wir plauderten noch ein wenig, und so gelang mir die vollkommene Aussöhnung mit dem weit zurückliegenden Abenteuer, zusammen mit meinem Onkel, meinem Vater und meinem Bruder von der jugoslawischen Geheimpolizei UDBA verhaftet worden zu sein.

Ad multos annos, o Adolphe!

Quelle:

Adolf Hampel: “Falsch parken kann auch nützlich sein”, in: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012, S. 152-155

Die Für-mich-Gesellschaft

Freitag, April 6th, 2012

Heute besuchte ich eine Trauerfeier. Es ging um einen vor Gericht abgeurteilten Menschen, der nicht viel hermachte. Deshalb gibt’s auch keine Fotos. Er, um den es ging, hatte keine schöne und edle Gestalt. Hatte er Freunde? Er hatte zwar einige Freunde, aber als es hart auf hart kam, als es darum gegangen wäre, sich für ihn einzusetzen, ging jeder seiner Wege.

Zitat aus der Berichterstattung: “Ich kenn doch den Menschen gar nicht!” Ein merkwürdiger Prozess – zu urteilen nach der Berichterstattung – vor einem eigentlich gar nicht zuständigen Gericht entspann sich, geprägt von Missverständnissen und endlosem Aneinander-Vorbeireden. Der Richter zeigte sich heillos überfordert, im Gerichtssaal tobte der aufgehetzte Mob. “Ja, was soll ich denn jetzt noch für wahr halten?” Selbstaufgabe des Richters!

Ein paar erbauliche Reden wurden gehalten. Beeindruckend fand ich die folgenden Sätze:

Jeder ging für sich seinen Weg.” Diagnose: Die Menschen kümmerten sich nicht umeinander. Jeder lebte nach dem Motto: Für mich. Die perfekte Jeder-ging-für-sich-seinen-Weg-Gesellschaft! War das die Ursache der endlosen Missverständnisse?

Wer war gemeint? Wir doch nicht etwa? Ich doch nicht etwa?


La verità è contro-vertibile – die umkehrbare Wahrheit

Donnerstag, Januar 5th, 2012

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Zu Beginn des unterhaltsamen Buches Der Name der Rose versetzen wir uns in eine Mönchsseele hinein. Sie sagt, es sei ihre Aufgabe, jeden Tag das einzige Ereignis zu wiederholen, dessen Wahrheit unbestreitbar sei, oder, in der unvergleichlich anmutigen Lautung der Muttersprache des Jubilars, der heute seinen 80. Geburtstag feiert:

ripetere ogni giorno con salmodiante umiltà l’unico immodificabile evento di cui si possa asserire l’incontrovertibile verità.

Schön gesagt! Und umgekehrt drückt’s auch das aus, worin ich das Wesen dieses großartigen Europäers, dieses unerschöpflichen Geschichtenliebhabers und Rätselerzählers sehe: Die Wahrheit ist bestreitbar, die Wahrheit ist im Wortsinn umkehrbar, sie ist ein wieder holbares Ereignis, sie ist das Ereignis der Wieder-Holung.

Ich entbiete somit Umberto Eco con salmodiante umiltà allerherzlichste Glückwünsche zur 80. Wiederholung des unbestreitbar großen, ja vielleicht vielleicht des unbestreitbar größten Ereignisses seines Lebens!

In aenigmate la verità!

Quelle:

Umberto Eco: Il nome della rosa. Gruppo editoriale Fabbri, XXVII edizione “I Grandi Tascabili”, Milano, febbraio 1990, Seite 19

Wieviel bedarf es froh zu sein?

Samstag, Juni 4th, 2011

04062011681.jpg Schöner Radausflug zum Schlachtensee! Das Volk ist froh! Ich sehe viele Jugendliche mit ihren neuerdings üblichen Bierflaschen, einige Gruppen rauchen Shisha. Dass schon 15- oder 16 Jährige in der Öffentlichkeit ein Bier nach dem anderen zischen, habe ich noch vor 5 oder 8 Jahren nicht beobachtet.  In Moskau hingegen ist es schon länger üblich.

Der Drogenkonsum der Berliner Jugendlichen – soweit sie trinken, keineswegs alle trinken regelmäßig Alkohol  – bewegt sich zur Zeit weg von Hanf und hanfbasierten Drogen hin zum Alkohol. Das Einstiegsalter für regelmäßigen Alkoholkonsum sinkt unter die 16, unter die 15 Jahre.

Großer Menschenauflauf, als ein neues Brausegetränk unters Volk geworfen wird. Ich greife ebenfalls begeistert zu und leere die Dose sofort. Das schmeckt! Das macht froh!

Was macht die Menschen froh? Wieviel bedarf es froh zu sein? Bier, Alkohol, Shisha, Schlachtensee, Videospiele?

Bei einem Kindergeburtstag mit 13 typischen Berliner Kindern im Alter von 7 bis 9 Jahren und deren Eltern kannte niemand außer mir (und meiner Schwester) das Lied “Froh zu sein bedarf es wenig”. Was mag dahinter stecken?  Ich stimmte das Lied zur Geburtstagstorte an und sang es tapfer zu Ende. Dann schwieg ich betroffen und warf ein paar Münzen in den Spielautomaten für die Kinder ein.

Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?

Freitag, April 29th, 2011

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Of course there is love as well as war, laughter as well as howling, joy as well as torture. But have these two sets of features, positive and negative, really balanced out in the account book of human history to date? The answer is surely no. On the contrary …

Freunde, was würdet ihr auf diese Frage Terry Eagletons antworten? Ich las diese Frage heute Vormittag. Bitte eine rationale Begründung eurer Antwort!

Am besten fangen wir bei uns selbst an. Jede möge sich fragen: Was überwiegt in meinem Leben? Das Böse oder das Gute?

Zitat:
Terry Eagleton: On Evil. Yale University Press, New Haven and London 2010, Seite 146

Bild: Blogger im Hof

“Hört auf zu jammern und arbeitet!”

Freitag, Dezember 24th, 2010

Hört auf zu jammern und arbeitet!” So entfährt es mir in Gedanken des öfteren, wenn ich mir wieder einmal die lange Litanei einer sich neu erfindenden Gruppe an Benachteiligten angehört habe. Ich hüte mich selbstverständlich, diese Gedanken je auszusprechen, vertraue sie nur diesem Blog an, das nur von wenig mehr als 1000 Menschen gelesen wird. Diese Gedanken bleiben also unter uns. Bitte nicht weitersagen!

Diese Gruppen der Benachteiligten wachsen gerade in Berlin rasch an: die Hartz-IV-Empfänger, die ehrlichen Steuerzahler, die Kreuzberger Restdeutschen, die Türken, die Libanesen, die Moslems, die Arbeitslosen, die Angestellten, die Kranken, die Gesunden, die Transgender-Menschen, die Autofahrer, die Radfahrer, die Schwulen, die Heteros, die alleinerziehenden Väter, die verheirateten Mütter, die alleinerziehenden Mütter, die Nur-Hausfrauen, die mit Familie und Beruf doppelt belasteten Frauen, die Nur-Hausmänner, die Flugschneisenbewohner, die Flughafenfernen  … alle sind sie irgendwo benachteiligt!

Die Benachteiligten-Klagen machen mittlerweile mehr als die Hälfte der deutschen Innenpolitik aus. Sie alle schließen sich der unsterblichen Formulierung an: “Wir haben keine Bürgerrechte! Wir werden unsere Minderheitenrechte einklagen!”

Ich selbst könnte mich mühelos in ein Halbes Dutzend solcher Kategorien einreihen!

Soeben lächelte ich über Thomas Buddenbrooks treffenden Satz: “Und du begreifst nicht, Mensch, daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?! Arbeite! Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu reden.”

Gestern schaute ich hingerissen die Verfilmung der Buddenbrooks durch Breloer an. Großartig!

Na, ich meine: Irgendwo – hat der wackere Mann, dieser Tom Buddenbrook, ja recht. Buddenbrooks, 9. Teil, 2. Kapitel

Ob aber Thomas Mann selbst  sich stets an diese trefflichen Maximen seines von ihm erschaffenen Namensvetters gehalten hat? Ich bezweifle dies. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass er sich hin- und hergerissen fühlte zwischen dem liederlichen Christian und dem fleißigen ehrenwerten Thomas.

Wer ist etwas Besonderes?

Montag, Dezember 20th, 2010

Heftige Debatte über Migration und Integration bei Facebook! “Wir Einwanderer müssen doch zusammenhalten, dürfen uns nicht gegenseitig schwächen, gegenüber den Deutschen! Wir sind doch in einer besonderen Lage!” Ich widerspreche!

Ich werde herausgefordert, mische mich ein, spreche mich gegen eine Bevorzugung von Menschengruppen aus. Denn ich vertrete das Einheitsmodell des Staatsbürgers! Ich meine: Alle Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten, unabhängig davon, ob ihre kulturellen Wurzeln in Patagonien oder Paraguay oder Polen oder Pommern liegen.

Alle Ausländer ohne deutsche Staatsbürgerschaft, die sich in der Bundesrepublik Deutschland aufhalten, haben grundsätzlich gleiche Rechte und Pflichten. Franzosen haben ebensolche Rechte wie Türken, Russen ebensolche wie Italiener.

Es gibt keine “anerkannten ethnischen Minderheiten” in Deutschland und soll sie auch nicht geben (außer den Dänen und den Sorben).

Ich meine:

Einwanderer sind nichts Besonderes. Sie haben weder besondere Rechte noch besondere Pflichten noch benötigen sie besondere Förderung. Sie müssen sich wahrscheinlich mehr anstrengen als andere. Aber selbst das ist normal. Ur-Deutsche sind auch nichts Besonderes.

Für mich ist einzig und allein jeder einzelne Mensch etwas Besonderes. Jede Persönlichkeit verdient gleichermaßen unsere Zuwendung, unsere Bemühung, unseren Respekt.

DAS ist der Winter!

Samstag, Dezember 18th, 2010

All jenen, die ganze Zeitungsseiten mit den Winterklagen bedrucken, empfehle ich Adalbert Stifters schöne Novelle “Bergkristall” oder auch die folgende Winterklage Walthers von der Vogelweide:

bibliotheca Augustana
«Uns hât der winter geschadet über al:
heide unde walt sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
sæhe ich die megede an der strâze den bal
5

werfen, sô kæme uns der vogele schal.

II
L 39,6
Möhte ich verslâfen des winters zît,
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weiz got, er lât ouch dem meien den strît,
5

sô lise ich bluomen dâ rife nû lît.

Um das nur klarzustellen:

Dieser Dichter drückt einen Hass auf den Winter aus: “so hân ich sîn nît”! Er würde ihn am liebsten verschlafen. Da dies aber nicht möglich ist, empfindet er echten Widerwillen gegen den Winter, den er offenkundig als Feind des Lebens empfindet.

Wen kennst du?

Dienstag, Mai 11th, 2010

“Man kennt nur die, von denen man leidet.” Ein Wort, das einen mitten ins Herz trifft. Gesagt hat es Goethe.

Er sagt nicht: ” … an denen man leidet”. Das wäre der Jammerton. Von jemandem leiden – das bedeutet, dasjenige anzunehmen, was am anderen lästig, schrecklich oder unerträglich ist.