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Archiv der Kategorie Berlin
Die Bürger sind gefordert: 8 km Autobahn oder gebauter Sinn?
7.3.2010 von admin.
Haben wir in Deutschland ein Autobahn-Defizit oder ein Sinn-Defizit? “Törichte Frage!” - werdet ihr mir einwenden - “die Autobahnen sind doch der Sinn Deutschlands, das wird jeder Raumfahrer, der vom Mars nach Deutschland kommt, sofort bestätigen! Autobahnen verbinden Städte, Autobahnen umhegen Städte, Autobahnen gliedern Städte im Inneren auf sinnstiftende Weise! Autobahnen ermöglichen Freiheit. Autos sind das Symbol der Freiheit! Nur wer Auto fährt, ist ein freier Mensch. Der Mensch diene dem Auto! Nicht umgekehrt! Denn das Auto verkörpert den Traum jedes Unfreien, endlich frei zu werden. Schlösser sind das Symbol der Unfreiheit! Deshalb gab es zu Zeiten der Hohenzollern auch fast keine Autos. Deshalb wurde das Stadtschloss in Schutt und Asche gelegt!”
Deshalb hat der Verkehrsminister auch gefordert, lieber 8 km Autobahn zu bauen statt dem Schloss eine Kuppel aufzusetzen.
Ist das alles so einfach? Ich hege Zweifel. Zumal ja das Fahrrad ebenfalls diesen Traum der individuellen Freiheit dank Mobilität verkörpert - mindestens innerhalb der Städte. Man müsste also erst einmal 8.000 km sichere, leicht erkennbare, gut ausgeschilderte Fahrradrouten in Berlin-Brandenburg anlegen, ehe man noch für dasselbe Geld weitere 8 km Autobahn baut. Wir brauchen die Fahrradbahn! Also eine Art Radbahn, die die Städte ähnlich engmaschig erschließt, wie dies die Autobahnen landesweit, außerhalb der Wohngebiete tun sollen.
Das Foto zeigt eine “vorgezogene Aufstellfläche für Radfahrer” in der Landeshauptstadt Düsseldorf.
Der Tagesspiegel bringt heute auf S. 16 einige Leserbriefe zu diesem Thema “Kuppel oder Autobahn?”. Ich zitiere einen davon - von der Kreuzbergerin Annette Ahme:
Die Bürger sind gefordert
Jeder sieht mit einem Blick, dass ohne Kuppel oder mit einer Minikuppel das Schloß stark an Attraktivität verliert. Schon Schlüter hatte eine Kuppel geplant, die dann der Schinkel-Schüler Stüler in nobler Weise realisiert hat. Durch Kuppel und Eosander-Portal ist die Kastenhaftigkeit des Schlosses vermieden, welche ihm ohne diese Bauelemente anhaften würde. Späterhin ist der Raschdorffsche Dom entstanden, dessen Kuppel auf die Schloßkuppel antwortet. Die Silhouette mit den Kuppeln der damaligen Religionsgemeinschaften - goldene Kuppel der großen Synagoge in der Oranienburger Straße, Domkuppel, St. Hedwig - im Zusammenspiel mit der Schloßkuppel und später mit der Reichstagskuppel. Noch sind nicht alle Menschen ausgestorben, die solche Stadtsilhouetten zu lesen und schätzen wissen. Zu schätzen über den Tag hinaus. Zu schätzen als wertvoller als 8 km Autobahn …Annette Ahme, Berlin-Kreuzberg
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“Wir haben uns versündigt”
3.3.2010 von admin.
Diesen Satz sprach der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet bei seiner Berliner Lesung kürzlich aus. Er hatte mich schon beim ersten Lesen des Buches stark berührt. Warum? Das öffentliche Eingeständnis von eigenen schweren, fortgesetzten Fehlern ist der Nährboden für die Besserung, die Heilung eines politischen Übels.
Dies galt natürlich besonders für die Neugründung des Jahres 1949, die Bundesrepublik Deutschland. Es gilt auch für den Neuansatz in der Integrationspolitik, die “dritte deutsche Einheit”, wie das Laschet nennt.
“SIE HABEN SICH VERSÜNDIGT.” Solche Sätze hört man immer wieder, wenn über die Berliner Landespolitik gestritten wird. Sie gefallen mir nicht. Ich meine vielmehr: Man sollte jede Gelegenheit nutzen, mit den Berliner Politikerinnen und Politikern zu sprechen, die noch in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihr goldenes Handwerk erlernt haben. Oft geraten sie dabei ins Schwärmen über vergangene Erfolge. “Ja, das waren noch Zeiten!” Man kannte sich quer durch alle Parteien, man zankte sich nach außen hin, man haute sich in die Pfanne und trank miteinander.
Das ABC der Verteilungspolitik konnte man nirgendwie so gut erlernen wie in der alten West-Berliner Politik.
Was aussteht, ist ein umfassender Rechenschaftsbericht, ein öffentliches Eingeständnis eigener Fehler derjenigen Politiker, die schon damals mitgemischt haben und die damals ihr Handwerk lernten. Die zahlreichen Skandale - Garski, Antes usw. - lenken davon ab, dass die Skandale nur in einem solchen vom Verteilungsdenken geprägten Politikverständnis möglich waren. Verteilt wird dabei stets das Geld anderer. Die Folgen sind heute noch zu besichtigen.
Der Tagesspiegel bringt heute eine inoffizielle Zählung: Welche Partei führt das Skandalregister an? Recht langweilig. Wichtiger wäre, dass die Berliner Politiker, die damals bereits mitmischten und ihr Verteilungs-Handwerk erlernten, den Mut eines Armin Laschet aufbrächten.
Nur so wird es zu einem echten Neuansatz in der Berliner Landespolitik kommen können: mit neuen Menschen, einem neuen Politikverständnis, neuen Themen, neuem Schwung.
Bei den Bauskandalen führt die SPD knapp
die alte Geschichte von Geld gegen Auftrag, Gier und Genehmigung, west-berlinische Dekadenz, anderswo Klüngel geheißen.
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“Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen …”
3.3.2010 von admin.
Gute erste Ansätze zu stärkerer Bürgerbeteiligung bei außergewöhnlichen Lagen:
Schmutz - Stadtreinigung startet mit Frühjahrsputz in Berlin - Berlin Aktuell - Berliner Morgenpost
Wer nicht mehr so lange warten will, bis die BSR auch vor der eigenen Haustür kehrt, kann selbst tätig werden: Die BSR stellt Besen zur Verfügung und bittet Anlieger, die selbst fegen wollen, darum, das Streugut aufzuhäufen. Das erleichtere das Aufsammeln in den Außenbezirken ab dem 26. März.
Ich sehe dies ringsum: Die Leute greifen selbst zum Besen, zur Schippe. Ich selbst lege auch mit Hand an. Gemeinsam läuft’s. Der Schmutz verschwindet schneller, wenn viele Hände mithelfen. Die BSR-Jungs tun, was sie können!
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Gute Nacht? Was machen die 35.000 im Märkischen Viertel?
1.3.2010 von admin.
Leider stimmte die gestern genannte Bewohnerzahl 10.000 für das Märkische Viertel nicht. Es war eine Schätzung. Die Zahl der Wohnungen beträgt ungefähr 10.000, genauer gesagt 17.000. Die Zahl der Bewohner liegt bei 35.000.
Sie alle haben nur wenige bis 20 Minuten Weg bis zum Fontanehaus.
Das coole Konzert von Jugend musiziert besuchten etwa 50 Menschen. Der Eintritt war frei. Das Konzert war öffentlich. Es war öffentlich im Fontanehaus durch Anschlag bekanntgemacht. “In Russland wäre der Saal brechend voll gewesen”, sagte mir eine Russin danach. “Was macht ihr in Deutschland für die Kultur bei den Kindern und Jugendlichen?” Ich schwieg. Ich antwortete der Russin mit einer Handbewegung, ohne Worte.
So viel zum Thema Bildungsgutscheine. Solange es schrankenlos Playstation, i-pod und Wii gibt, könnt ihr den Kindern Musikinstrumente und Instrumentalunterricht und Jugend-musiziert-Konzerte getrost gratis anbieten. Die 10-jährigen deutschen Kinder gucken laut wissenschaftlichen Erhebungen mehr als 3 Stunden fern. 212 Minuten pro Tag. Das kann ich kaum glauben.
Und nebenan spielt die Musik. Nebenan ist der Rodelberg menschenleer.
Berlin-Märkisches Viertel – Wikipedia
Das Märkische Viertel (kurz MV) in Berlin ist eine Großwohnsiedlung, Satellitenstadt oder Trabantenstadt im Bezirk Reinickendorf. Die Siedlung wurde von 1963 bis Frühjahr 1974 gebaut und war mit ihren ca. 17.000 Wohnungen für bis zu 50.000 Bewohner ausgelegt. Seit Juni 1999 ist das Märkische Viertel ein Ortsteil des Bezirks Reinickendorf (mit eigenem Wappen). Davor gehörte es zum Ortsteil Wittenau. Das Märkische Viertel ist nach der Mark Brandenburg benannt.Ende 2007 betrug die Bevölkerungszahl 35.439.[1]
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Freifahrtschein zur Selbstbedienung?
26.2.2010 von admin.
Die Verquickung öffentlicher Ämter mit Tätigkeiten in der Wohnungswirtschaft, das war über Jahrzehnte hinweg eine sprudelnde Quelle von Skandalen in der Berliner Politik. Wir bezeichneten den Sozialen Wohnungsbau gestern als “Freifahrtschein zur Selbstbedienung der Machtelite” - zu harte Worte für das, was einmal war?
“War” - in der Tat, das Schlimmste ist wohl vorbei, aber es gibt immer wieder ein Nachbeben, wie die derzeit laufende Howoge-Angelegenheit beweist. Die Berliner Zeitung meldet heute:
Die Stadt als Beute? - Berliner Zeitung
Im Streit um die Vergabe von Aufträgen der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Howoge an das Ingenieurbüro des SPD-Abgeordneten Ralf Hillenberg hat die Opposition schwere Vorwürfe gegen die regierenden Sozialdemokraten erhoben. CDU-Fraktionschef Frank Henkel sprach gestern bei einer Debatte im Abgeordnetenhaus von „SPD-Baufilz“ und warf den Sozialdemokraten vor: „Sie machen sich die Stadt zur Beute“. Henkel forderte, die gesamte Vergabepraxis von Aufträgen der landeseigenen Wohnungsunternehmen auf den Prüfstand zu stellen. Vertreter von SPD und Linkspartei erklärten, sie wollten die Vergabepraxis der Howoge aufklären, sie warnten aber vor einer Vorverurteilung.
Ich stimme den Ausführungen der Vertreter von CDU, SPD und Linke zu. Macht mal!
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Fahrspaß für Autofahrer statt Lebensqualität für alle!
19.2.2010 von admin.
Na, habt ihr ihn erkannt? Den alten Mann von gestern, der für jeden von uns mit 20.000 Euro in der Kreide steht, den alle anpumpen wollen, und den jeder mit seiner Leierkastenmelodie nervt: “Gib, gib, gib mehr!” Richtig, es ist der alte Spendier- und Kümmereronkel - Vater Staat! Etwa 60 Milliarden Staatsschulden hat das Bundesland Berlin zu unser aller Wohl angehäuft - weil die Kinder ja so unersättlich sind.
Heute kam schon wieder eine neue Forderung: 4 Milliarden Euro bis 2030 fordert der ADAC für neue Straßen, neue Tunnels unter der Berliner Innenstadt, neue Autobahnen, neue S-Bahn-Trassen - und, ach wie niedlich! - 25 Millionen Euro für 100 km neue Fahrradstraßen. Zitat aus der Berliner Zeitung:
100 Kilometer Fahrradstraßen wären nötig, um Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern zu verhindern - zum Ausgleich könnten auf parallelen Hauptstraßen die Fahrradspuren wieder verschwinden.
Aha! Das Auto holt sich seine Hauptstraßen zurück! Damit noch mehr Menschen, noch mehr Grundschüler aus Angst vor dem Autoverkehr das Fahrrad zuhause lassen und lieber ins Auto steigen.
Allen Prognosen, wonach der Autoverkehr in Berlin wie in den letzten Jahren schon weiter abnehmen dürfte, entgegnet der ADAC:
“Der Fahrspaß wird bleiben.”
Das bedeutet: Die Leute wollen weiter ihren Spaß haben, sie wollen weiter das Auto für ihre Freizeit nutzen. Sie wollen weiter ihre Kinder mit dem Auto zur Grundschule bringen. Jeden Morgen sehe ich das gleiche Bild: Vor allen Grundschulen meines direkten Wohnumfeldes bilden sich lange Schlangen mit wartenden, an- und abfahrenden Autos, mit parkenden Autos. Die Kinder huschen zwischen den Autos zur Grundschule. Ausgerechnet im armen Kreuzberg, wo es doch so viele Hartz-IV-Empfänger gibt?
Und wir haben keinen Platz in einer wohnortnahen, für uns bequem erreichbaren Grundschule bekommen, weil die Autobesitzer aus lauter Fahrspaß ihre Kinder lieber mit dem PKW in die Volkschule bringen! Da stimmt etwas nicht!
Unser Bild zeigt heute mal zur Abwechslung die in vier Reihen parkenden Autos vor der Charlotte-Salomon-Grundschule, aufgenommen heute. Das gleiche Bild zeigt sich vor allen anderen Grundschulen in Kreuzberg-West. Mit einem Fahrrad kommt man zum Glück noch leicht durch.
Durch das Autofahren geht die Erfahrung der Nähe verloren. Freundschaften können nicht so leicht entstehen, weil die Kinder so weit entfernt wohnen. Man kann nicht mehr auf den Straßen spielen. Schon die Grundschulwege werden sehr gefährlich - oder allzu weit.
Ich meine: Dieser Lebensstil mit dem vielen überflüssigen Autofahren ist teuer, er verringert Lebensqualität, vor allem für Kinder. Der Autoverkehr bindet Ressourcen, die anderswo dringendst benötigt werden! In der Bildung, in der Kranken- und Altenpflege, in der Freizeitgestaltung von Jugendlichen.
Es gibt kein Geld für Lesebücher in der Grundschule! Aber die Eltern verfahren jeden Monat Hunderte von Kilometern, um ihre Sprösslinge in der Grundschule abzusetzen. Da stimmt etwas nicht!
Der ADAC will Berlin untertunneln
ADAC-Chef Müller dagegen ist von einer weiteren Zunahme des Autoverkehrs überzeugt. „Der Fahrspaß wird bleiben.“
Mein Tag wurde komplettiert durch eine weitere Fahrrad-Diebstahls-Meldung aus meinem Wohnhaus:
Da haben wir’s! Die Eltern fahren Auto, weil die Fahrräder so leicht gestohlen werden! Was bleibt ihnen anderes übrig?
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Gemeindrang eilt die Lücke zu verschließen …
17.2.2010 von admin.
Diese Worte aus dem 5. Akt von Faust II kamen mir unwillkürlich in den Sinn, als ich eben wieder von einer Eishack-Selbsthilfe-Aktion las. Diesmal in Charlottenburg.
Aber mein türkischer Friseur in der Großbeerenstraße war der erste, der diese fabelhafte Idee hatte! Wie sagte doch Mephisto im ersten Akt des zweiten Teiles (Vers 5039f.)?
Nimm Hack und Spaten
Grabe selber!
Das ist der Weisheit höchster Schluss,
Dass jeder Mensch was leisten muss.
Da hilft kein Betteln, hilft kein Zwang:
Wir brauchen mehr Gemeindrang!
Da wo die öffentliche Hand vorübergehend überfordert ist, wie etwa bei diesem ungewöhnlichen Dauerfrost, da sind wir Bürger gefordert, die Lücke zu verschließen. So wurden die Niederlande groß! So kann auch in Berlin wieder etwas Großes entstehen!
Denken wir doch an die Tausenden von Trümmerfrauen, die nach dem 8. Mai 1945 uns bundesdeutschen Faulpelzen (diesen Blogger eingeschlossen) den Weg buchstäblich freigeschaufelt haben …Hier noch die vier Zeilen:
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand;
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Räumaktion - Berliner befreien Kurfürstendamm von Eis - Berlin Aktuell - Berliner Morgenpost
Seit Wochen sind Berlins Gehwege vereist, immer lauter werden die Klagen. Auf dem Kurfürstendamm haben nun Anwohner und Geschäftsleute gehandelt. Statt auf eine Reaktion des Bezirkes zu warten, griffen sie zu Schaufeln und Hacken und befreiten den Kudamm von Schnee und Eis.
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Nehmt Hack und Spaten - Wie machen es die anderen?
14.2.2010 von admin.
“Ihr Deutschen seid ein sehr verwöhntes Volk, alles soll der Staat für euch bereitstellen - zum Nulltarif”, so schmunzeln meine russischen Freunde immer wieder.
Na, ich bin mittlerweile doppel-immunisiert: gegen die deutsche Jammerseligkeit, die sich mal an Massenarmut, mal an menschenunwürdigen Hartz-IV-Sätzen, mal an skandalösen Eisschichten entzündet - und aufmerksam-immunisiert gegen jedwede ausländische Fundamentalkritik an uns Deutschen.
Einen echten Winter (was wir jetzt haben, ist immerhin eine Ahnung davon) erlebe ich immer wieder in Moskau. Davon können wir hier nur träumen! Er dauert etwa 6 Monate. Schnee- und Eisbeseitigung ist eine Daueraufgabe für mindestens 3-4 Monate. Jeder echte Wintertag mit Schnee- und Eisräumpflicht kostet die Stadt etwa 1 Million Dollar. Das Eis auf den Gehwegen wird tatsächlich “bis zur Platte” abgehackt. Und zwar durch die Eigentümer oder im Auftrag der Eigentümer. Die Straßen werden durch die öffentliche Hand systematisch geräumt. Der Schnee wird mit LKW nach außerhalb geschafft. Das alles kostet. Aber der russische Winter lässt nicht mit sich scherzen.Das musste bereits Napoleon erfahren.
Gegen das Eis hat mir meine aus Moskau stammende Frau zu Weihnachten ein billiges, zur Nachahmung empfohlenes Mittel geschenkt: Stiefel mit umklappbaren Spikes. Erst dachte ich - was soll das? Heute weiß ich, dass die gesamte Eisdebatte überflüssig wäre, wenn jeder so etwas hätte. Mehrkosten pro Bürger: geschätzt 20 Euro, denn diese Stiefel waren sicher nicht billig. Der Berliner Bürgermeister - so berichtete der Tagesspiegel vorgestern - trägt anziehbare Spikes. Auch gut! Vorbildlich! Leider sind z. Zt. kaum Spikes zu kaufen. Wo ist der Markt?
Noch etwas habe ich festgestellt: Man muss auf Eis vorsichtig gehen. Erst den Fuß aufsetzen, dann nach und nach belasten. Durch die Belastung entsteht Wärme, das Eis taut minimal auf, und so bildet sich zwischen Sohle und Eis eine Art Griffzone - man geht und steht einigermaßen sicher.
Besser aber in jedem Fall: Spikes, umklappbar oder überziehbar.
Foto: Straßenszene vor einer Kreuzberger Grundschule. Februar 2010. Die Schüler werden von den Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht.
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Fasching oder Faschismus? (2)
13.2.2010 von admin.
Die Berliner Neocons waren vorhin in einem recht lustigen Konfetti-Licht erschienen. Die Paarung von verstockt-konservativer Bewahrung des Status quo und aktionistischer Überraschung entlockte uns kaum mehr als ein müdes Lächeln. Was schrieb nun gestern eine andere Quelle, der Tagesspiegel, über dasselbe Ereignis? Lest selbst:
Klaus Wowereit: Auf Spikes und Socken durch Neukölln
Auf dem Boden des Quartiersmanagement-Büros, das die Entwicklung des armen und größtenteils von muslimischen Einwandererfamilien bewohnten Viertels koordinieren und fördern soll, liegt Konfetti. Das hatte eine Gruppe von etwa zehn linksautonomen Protestierern am Nachmittag zuvor verstreut. Die Gruppe war, unkenntlich gemacht mit weißen Masken, am Mittwoch in die Räume an der Schillerpromenade eingedrungen, hatte Mitarbeiter des Quartiersmanagements bedrängt, als Rassisten beschimpft und Plakate aufgehängt, auf denen stand, dass man wiederkommen werde.Hintergrund der seit einem guten halben Jahr anhaltenden Attacken auf das Quartiersmanagement ist neben der Angst vor einer mit Mietsteigerungen verbundenen Aufwertung des Viertels die sogenannte Task Force Okerstraße, eine Arbeitsgruppe von Sozialarbeitern, Mitarbeitern des Bezirksamtes und der Polizei, die in einem als sozial besonders schwierig geltenden Teil des Viertels eingesetzt werden. Für die linksradikalen Systemkritiker ist das Teil der „gewaltsamen Umgestaltung des Kiezes“ – aus Senatssicht ist es der Versuch, der Not und den wachsenden Spannungen unter den Bewohnern etwas entgegenzusetzen.
Bedrängen, beschimpfen, bedrohen - vor allem aber die Wortkeule “Rassisten” - das ist schon ein anderes Kaliber! Wenn das stimmen sollte, was der Tagesspiegel berichtet, dann wäre hier die Grenze zwischen Fasching und Faschismus überschritten. Denn Beschimpfen, Bedrängen, Bedrohen, Beleidigen, lustige Verkleidungen und Uniformen, Rollkommandos, Überfälle, Feindschaft gegen “Immobilien-Itzigs” - das ist ja das Instrumentarium des Faschismus. Damit fing der italienische Faschismus in den 20-er Jahren an. Damit fing der deutsche Faschismus (der Nationalsozialismus) an. Die Feindschaft gegen den vermeintlichen damaligen “Immobilienkapitalismus” war ein ganz wesentliches Merkmal der braunen Genossen um Hitler. Damals, in den 30er Jahren, hetzte man gegen die “Immobilien-Itzigs”, heute bekämpft man die “Immobilien-Heinis”. Ob nun “Itzig” oder “Heini”, der Name spielt keine Rolle. Die Nazis haben später mit gigantischen Verbrechen dafür gesorgt, dass all die “Itzigs” verschwunden sind. Wesentlich für rechts- und linksfaschistische Systemkritiker ist der gezielte Aufbau und die sorgsame Pflege eines Feindbildes.
Welcher Quelle soll man nun mehr trauen? Dem äußerst unabhängigen Blog der Berliner Neocons, indymedia, oder der altehrwürdigen Stimme des progressiven Berliner Bürgertums, dem Tagesspiegel?
Meine Antwort: Ich war nicht dabei. Ich kann dazu nichts sagen. Über mich persönlich hat der Tagesspiegel bisher nur sachlich Zutreffendes berichtet. Insofern genießt er weiterhin mein Vertrauen.
Dies ist nur eine Übung für euch Leser. Ihr könnt euch selbst ein Bild machen. Es herrscht Pressefreiheit.
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Fasching oder Faschismus? (1)
13.2.2010 von admin.
Eine kleine Übung in Bewertung und Einordnung von medialer Wirklichkeit haben wir uns heute vorgesetzt! Unterschiedliche Medien berichten über dasselbe Ereignis unterschiedlich. Lest zum Beispiel aus einem nach eigenen Angaben unabhängigen Internet-Portal die folgende Meldung:
de.indymedia.org | Die Überflüssigen protestierten in B-Neukölln
Die Menschen mit weißen Gesichtsmasken und in roten Kapuzis waren wieder einmal da. In Berlin-Neukölln haben sie diesmal das örtliche Quartiersmanagement besucht, das das lokale Wohnumfeld aufzuwerten versucht - Verdrängungstendenzen durch steigende Mieten sind die Folgen.
Linke Gruppen haben am Mittwoch in Neukölln gegen die Verdrängung Einkommensschwacher aus dem Kiez protestiert. Die Unbekannten stürmten in roten Kapuzenjacken und weißen Masken gegen 16 Uhr die Räume des Quartiersmanagements in der Schillerpromenade, streuten Konfetti und beklebten Wände und Fenster mit Plakaten. Drei Stunden später protestierten rund zehn Personen in einem Einkaufszentrum an der Karl-Marx-Straße.
Was ist euer Eindruck? Man könnte denken: Ein harmloser kleiner Faschings-Scherz. Ein kleines mediales Gekräusel. Die üblichen Worthülsen, Wort-Konfetti wie etwa “Verdrängung Einkommenschwacher”, “gegen Aufwertung des Wohnumfeldes” usw. Ein Teil der Berliner Bezirkspolitik erschöpft sich im mehr oder minder höflichen Austausch solcher innig gehegter Überzeugungen. Manchmal garniert mit Beleidigungen oder der einen oder anderen Sachbeschädigung. Echte Aufarbeitung von politischen Problemen sollte man nicht davon erwarten! Irgendwelche Anstöße zur Veränderung der Lage gehen davon nicht aus. Es sind eben alles stockkonservative Leute, die mit den Konfettiberegnungen, die ihren Karneval feiern und am liebsten alles so lassen, wie es ist, ob nun im im guten alten Köln (”Mer lasse de Fasching in Kölle”) oder im lustigen arbeitsamen Neukölln: “Bitte keine Veränderung in Neukölln!” Das ist das Motto der linken Stockkonservativen. Nennen wir sie doch: die Berliner Neocons.
Aber einige Leute, die sich vom zahlenden Elternhaus abzunabeln versuchen, verschaffen sich im guten arbeitsamen Neukölln das Gefühl, dass dadurch die Zeit vergeht. Und ihren Spaß haben sie auch. Gerade jetzt zur Faschingszeit! Oder sollte man Karneval sagen?
Ist das alles? Nein! Lest den Bericht des Tagesspiegels über dasselbe Ereignis im nächsten Beitrag! Er folgt sogleich.
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