Dez 152017
 

Geburtstagsfeier heute im Gesamteuropäischen Kindergarten! EinE BetreuerIn fragt die Kinder:
– Wer hat denn heute, am 15. Dezember Geburtstag, liebe Kinder Europas?
– Der Lucius!
– O, unser berühmter Lucius! Was für ein schöner, modischer Name! Und wie heißt seine Mama?
– Agrippina! So ein schöner Name! Und wer ist sein Vater?
– Der Gnaeus!
– Ja, der Gnaeus Domitius! Fein! In welcher Sprache singen wir das Geburtstagslied?
– Auf Italienisch, der Muttersprache des europäischen Gesangs!
– Jaaa! Wisst Ihr, was mir der Nikolaus gebracht hat? Ein italienisches Liederbüchlein. Kinder, es ist super, es ist so cool! Ich singe es euch vor!
– Juhuu, jaa!

Die Kinder des Europa-Kindergartens und ihre BetreuerInnen singen auf Italienisch das Lied „Tanti auguri a te“, wobei sie den Namen des Geburtstagskindes Lucius einfügen. Die Melodie des Liedes stammt von Mildred Hill, der Text von Patty Smith Hill. Beide Schwestern waren Kindergärtnerinnen im Kindergarten von Louisville, Kentucky (USA).

Sie verwenden folgendes vortreffliche Büchlein:

Canzoni d’Italia. 52 canzoni popolari d’Italia e del Ticino. Herausgegeben von Elisabeth Profos-Sulzer. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19909, Stuttgart 2017, S. 140

Rätsel des Tages:
Wer ist dieser Lucius? Tipp: Er war einer der ersten Europäer, die sich von einem Mann zur Braut nehmen und heiraten ließen. Seine Mutter Agrippina ließ er ermorden. Sein voller Name lautete bei der Geburt: Lucius Domitius Ahenobarbus. Unter welchem Namen kennt ihn Europa heute?

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Dez 122017
 


Im Unterrrichtsgespräch mit der Maestra modello ergab sich gestern jenes Gefühl des Singens im alldimensionalen Raum. Was heißt das? Nun, die Stimme des Sängers ist mitnichten nur nach vorne hin, zum Publikum also gerichtet. Sie strahlt vielmehr ebenso sehr nach unten, nach hinten und nach oben hin aus – in alle drei Dimensionen des euklidischen Raums also. Daneben aber erstreckt sie sich auch in die Binnendimension des Körpers des Singenden, denn der Ton soll buchstäblich Körperfülle gewinnen. In die zeitliche Dimension des Vorher und des Nachher, in die geistige Dimension des Verschollenen und Versteckten, in das augenfällige Aufstrahlen des optischen Wahrnehmens, in die taktile Erschütterungsdimension des Leidenschaftlichen langt der Ton des Sängers hinein. In beliebig viele Dimensionen lässt sich also die Singstimme einspannen, vergleichbar der in den Saitenhalter eingespannten Saite. Der „Ton“ ist ja der „Tonus“, die Spannung also, welche in die verschiedenen Dimensionen gewissermaßen eingehängt ist.

So ergibt sich also unser Ideal: das Singen im alldimensionalen Raum.

In der Quantenmechanik hat sich übrigens durchaus der Ausdruck alldimensional eingebürgert. So lassen sich – um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen – in alldimensionalen Rechenmodellen theoretisch die komplexen Wechselwirkungen zwischen molekularem Wasserstoff und Kohlenmonoxid in einem sehr weit gefassten Temperaturbereich erfassen und berechnen:

J Chem Phys. 2017 Feb 7;146(5):054304. doi: 10.1063/1.4974993.
All-dimensional H2-CO potential: Validation with fully quantum second virial coefficients.
Garberoglio G1, Jankowski P2, Szalewicz K3, Harvey AH4.

Klimamodelle wiederum beruhen heute auf derartigen hochkomplexen Gleichungen nichteuklidischer Art, bei denen zahlreiche Unbekannte gleichzeitig einfließen und so mögliche Entscheidungspfade beschreiben, die freilich stets mit Unsicherheitskoeffizienten behaftet sind; von daher lässt sich schon aus theoretischen Gründen die unhaltbare Annahme widerlegen, aus Klimaberechnungen könnten sich eindeutige Handlungsempfehlungen für die staatliche oder zwischenstaatliche Politik ergeben, etwa des Typs: „Alles kommt darauf an, den Kohlendioxidgehalt unter der Schwelle von x ppm Kohlendioxid zu halten. Sonst ist alles aus. Das Klima kippt unumkehrbar, sobald die Schwelle von x ppm Kohlendioxid überschritten ist.“ Eine nähere Befassung mit alldimensionalem Denken immunisiert gegen derartige Versuchungen des allzu leichtfertigen Denkens.

Bild: Diese syrischen Busse stehen physikalisch zunächst im dreidimensionalen euklidischen Raum vor dem Brandenburger Tor. Aber sie sind phänomenologisch eingespannt in zahlreiche Verweisungszusammenhänge, die wir als n-te Dimensionen beschreiben können. Erst eine alldimensionale Beschreibung würde der Bedeutung dieser beiden Busse gerecht.
Aufnahme vom 23. November 2017

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Feb 132016
 

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Wieder und wieder stoße ich auf ungläubiges Staunen, wenn ich vorschlage, man sollte die alten maßgeblichen Schriften der europäischen Geschichte in den Originalsprachen studieren, ggf. auch singen und nicht bloß stumm in Übersetzungen lesen. „Das Neue Testament auf Griechisch singen? Wie schräg ist dieser Vorschlag denn!“

Nun, ich vertrete den Standpunkt, daß man Albert Einsteins Weg zur Relativitätstheorie, ja die Relativitätstheorie selbst umfassend nur erklären und verstehen kann, wenn man Albert Einsteins Schriften im Original, also in deutscher Sprache, d.h. in der Kindheits-, Mutter- und Arbeitssprache Albert Einsteins liest. Ein gleiches gilt für die Quantenmechanik Werner Heisenbergs, bei der ebenfalls sehr gute Deutschkenntnisse zum Verständnis unerlässlich sind.

Goethes West-östlichen Divan wird man nur umfassend verstehen und erklären können, wenn man ihn im Original, also in deutscher Sprache liest, und auch den Faust und auch seine Italienische Reise sollte man ruhig in deutscher Sprache lesen.

Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Phänomenologie des Geistes, das Kapital Karl Marx‘, die Psychoanalyse Sigmund Freuds, Grimmelshausens Simplicissimus teutsch, die deutschen Predigten des Meisters Eckhart, Martin Luthers Sendbrief vom Dolmetschen und all die anderen überragend wirkungsreichen Schriften der europäischen Geistesgeschichte, ja der Weltgeschichte wird man nur umfassend verstehen und erklären können, wenn man sie im Original, also in deutscher Sprache liest. Um überhaupt europäische Geschichte verstehen und lehren zu können, muss man die sieben oder acht großen, wirkungsmächtigen Europasprachen lernen und kennen, zu denen nun einmal neben und hinter dem Griechischen und dem Lateinisch-Romanischen auch das Deutsche gehört.

Ohne gute bis sehr gute Deutschkenntnisse wird man Albert Einstein nicht verstehen. Und dasselbe gilt eben auch für die fortzeugenden Urschriften des Christentums, die samt und sonders in griechischer Sprache verfasst worden sind, so wie die Bibel der Juden in hebräischer – und zu kleinen Teilen auch in der eng verwandten aramäischen Sprache – verfasst worden ist.

Alle Autoren unseres vielzitierten Neuen Testaments, aber auch noch die maßgeblichen östlichen UND westlichen Kirchenväter des 2. Jahrhunderts wie etwa Clemens von Rom (sic!) und Hippolytos von Rom (!) dachten und schrieben nachweislich in griechischer (nicht in lateinischer!) Sprache. Das Griechische und nur das Griechische ist die entscheidende Sprache, in der sich im 1. bis 3. Jahrhundert alle noch heute geglaubten Grundlagen der verschiedenen christlichen Konfessionen ausbildeten.

Das Christentum lässt sich also in diesem angedeuteten historischen Sinne cum grano salis als „West-östliche griechische Religion“ bezeichnen. Ohne Griechisch kein Christentum! Alle bis heute grundlegenden Bekenntnisschriften des Christentums sind griechisch verfasst.

Wer also beispielsweise den ersten Korintherbrief des Apostels Paulus mit dem Hohenlied der Liebe, das Johannesevangelium oder auch das noch heute im Gottesdienst verwendete Nikänische Glaubensbekenntnis umfassend verstehen, auslegen und in moderne Muttersprachen übersetzen will, muss sich mit der griechischen Urfassung kritisch und auch textkritisch auseinandersetzen.

Wer dies verweigert und sagt, dies – also die Befassung mit den griechischen Quellen oder mit der griechischen Sprache – sei nicht mehr nötig, da dies die „Kirchen es im Laufe der Jahrhunderte schon alles richtig gemacht“ hätten, der leistet Verzicht auf einen großen Teil der Bedeutungsfülle, die jenen uralten Glaubenszeugen innewohnt. Er beschneidet sich und seine Freiheit unnötig!

„Aber auf die heutigen Übersetzungen der Bibel ist doch wenigstens Verlaß, oder?“, so fragte den Gräzisten ein Sangesbruder einmal.

Antwort des Gräzisten: „Die Übersetzer haben das Neue Testament verschieden übersetzt. Es kömmt aber heute drauf an, die verschiedenen, teilweise einander glatt widersprechenden Übersetzungen richtig zu interpretieren!“

Sangesbruder: „Du redest und singst in Rätseln. Nenne mir ein Beispiel!“

Der Gräzist: Gern, hier kommt es: καὶ καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν (sprich: kai ho logos ähn pros ton theón). Johannesevangelium Kapitel 1, Vers 1.

Die übliche deutsche Übersetzung lautet: „und das Wort war bei Gott“. Eine mögliche, nicht völlig falsche Übersetzung!

Richtiger wäre aus dem gut bezeugten griechischen, eindeutig belegten und textkritisch gesicherten Wortlaut jedoch: „zu Gott hin“, oder auch „gegen Gott hin“, „angesichts Gottes“ und nicht „bei Gott“.

Denn die griechische Präposition πρὸς mit Akkusativ bezeichnet in all den Jahrhunderten des alten griechischen Sprachgebrauchs – und ohne Zweifel auch im Neuen Testament – keine räumliche statische Nähe („bei“), sondern vielmehr eine gerichtete Bewegtheit zu etwas hin, keine Identität, sondern dynamische Spannung, kein Zusammen, sondern ein Auseinander und ein Zueinander. Eine pulsierende kosmische Bewegung! Gravitationswellen! Saiten, „Strings“, wie die Astrophysiker heute sagen würden, die das gesamte Universum durchziehen! Johannes verfasste lange vor den Astrophysikern der heutigen Zeit eine bildliche String-Theorie des Kosmos.

„Das Wort war zu Gott“, darin steckt eine geradezu Heisenbergsche Unschärferelation, ein energetisches Kraftfeld, eine komplexe Gleichung mit Unbekannten, eine geradezu einsteinisch anmutende Formel, bei der nicht klar ist, ob es sich um Materie, Energie, Gravitation, um dunkle Masse oder um Licht handelt, oder ob alles sich in alles hinein verwandelt.

Beleg:
„Die Präpositionen“, in: Eduard Bornemann, Oberstudienrat i.R. und Honorarprofessor in Frankfurt Main: Griechische Grammatik. Unter Mitwirkung von Ernst Risch, Ordinarius für indogermanische Sprachwissenschaft in Zürich. Verlag Moritz Diesterweg, 2. Aufl., Frankfurt am Main u.a. 1978, S. 197-208, hier insbesondere zu πρὸς cum accusativo S. 204-205

Bild:
Morgenröte, das Heraufdämmern eines neuen Tages über dem Gasometer! Das Heute, das Itzt, das Nu, das Hier!

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Feb 062016
 

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„The strangeness of the equation makes it beautiful.“ So schreibt es Clara Moskowitz über den Mathematiker David Mumford von der Brown University.

Fliehe, Freund, hinaus ins weite Land! Laß dich nicht zerstechen von Ideologien!

Guter, erhebender Ausflug nach Potsdam, erneut führte uns der Weg zum Einstein-Turm in Potsdam. Hier sammelt sich der Geist! Physik, Mathematik, Naturwissenschaften sind wie Musik. Sie erfrischen den Geist, sie sind frei von Ideologie, sie öffnen sich dem Streit unter Freunden, — und sie haben eine Ähnlichkeit mit Kunst. Sie verströmen Gelassenheit!

Gern höre ich auch die Vorlesungen von Leonard Susskind, dem Physiker aus Stanford. Er sieht so ähnlich wie Aristoteles aus, finde ich. Und er geht beim Lehren auf und ab. Ein echter Peripatetiker! Vielleicht hat Aristoteles in seinen Vorlesungen zur „Physik“, von denen Abschriften auf uns gekommen sind, so ähnlich seine Gedanken entwickelt. Die Art und Weise, wie Susskind seine Gedanken vorträgt, wirkt lindernd, heilend auf die zerstochene, unruhige Seele!

Zitat: Clara Moskowitz: Elegant Equations, in: Scientific American, January 2016, Seite 66-69, hier Seite 68
Bild: Im Eingangsbereich des Einsteinturmes, heute

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Mrz 032015
 

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Eine mit uns korrespondierende Kore übersandte uns gestern einige Bilder aus Athen: herrliche, unvergängliche Stadt, immer von neuem sprießen zu Füßen der Akropolis die Ginsterstauden auf! Eine Ahnung von Unsterblichkeit ergreift uns beim Betrachten dieses Ginsters.
Dieser große Atem der Jahrtausende erlaubt uns einen kühnen Sprung, einen Adler-Schwung zu tun. Wohin treibt unseren Adler auf seinem Flug heute der Frühlingswind?

Er treibt uns von Werner Heisenberg zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von Ferraris „Principe“ zu Hegels „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“! Wir erinnern uns: Heisenbergs Bemühen, der letzten, der kleinsten Teilchen der Materie habhaft zu werden, trieb ihn in eine Aporie hinein: die kleinsten Teilchen waren als Teilchen nicht durchgängig vorstellbar, ja sie waren als Teilchen unabhängig von ihrem Ladungszustand nicht einmal mehr messbar. Die Materie wurde damals, also in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, in der Weltgemeinde der Physiker zunehmend „dünner“, oder sogar „leerer“, sie, die Materie wurde im Grunde zu etwas Immateriellem. Die Materie ist – so Heisenbergs Einsicht – im Grunde nur noch als Nicht-Materie zu begreifen.

Hier ergreift Hegel das Wort: … und dieses Begreifen von etwas (zum Beispiel das Begreifen der Materie als Nicht-Materie) ist das Werden des Geistes. Aus diesem In-Eins-Denken des vorderhand einander Ausschließenden erwächst der Begriff des Geistes. So nennt es Hegel.

Sein Begriff des Geistes ist also ein relationaler, ein in Beziehungen sich entfaltender Begriff, so wie Heisenbergs Quantenbegriff ein relationaler, ein in Masse-Ladung-Relationen sich entfaltender Begriff ist. Heisenberg wird nachgerade durch Hegel besser verständlich!

Hegel schreibt beispielsweise unter der ersten Abteilung seiner Philosophie des Geistes in § 389 der Enzyklopädie:

„Die Frage um die Immaterialität der Seele kann nur dann noch ein Interesse haben, wenn die Materie als ein Wahres einerseits und der Geist als ein Ding andererseits vorgestellt wird. Sogar den Physikern ist aber in neueren Zeiten die Materie unter den Händen dünner geworden; sie sind auf imponderable Stoffe als Wärme, Licht usf. gekommen, wozu sie leicht auch Raum und Zeit rechnen könnten. Diese Imponderabilien, welche die der Materie eigentümliche Eigenschaft der Schwere, in gewissem Sinne auch die Fähigkeit, Widerstand zu leisten, verloren, haben jedoch noch sonst ein sinnliches Dasein, ein Außersichsein; der Lebensmaterie aber, die man auch darunter gezählt finden kann, fehlt nicht nur die Schwere, sondern auch jedes andere Dasein, wonach sie sich noch zum Materiellen rechnen ließe.“

Hegels Philosophie lässt sich mit einer unerschöpflichen, lebendigen Akropolis des Denkens vergleichen. Selbst die Erkenntnisse eines Werner Heisenberg, ja selbst noch der erbitterte Einspruch des aus dem schwäbischen Ulm stammenden Albert Einstein gegen Heisenbergs durch und durch relationales Denken der Materie dürfen bezogen werden auf den durch Hegel nachvollzogenen, ja vorvollzogenen Gang der europäischen Philosophie, dürfen eingeschrieben werden in diesen großartigen, in allen Teilen noch heute staunenswerten Versuch, das gesamte damalige und selbst noch das spätere Wissen in ein durch seine allseitige Offenheit beeindruckendes System einzutragen.

Quelle:
G.W.F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Hg. von Friedhelm Nicolin und Otto Pöggeler. 7. Aufl. 1969, erneut durchgesehen 1975, Felix Meiner, Hamburg 1975, hier S. 319
Bild: Athen, am gestrigen Tage

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Feb 252015
 

Wo alles sich durch Macht beweist
Und tauscht das Geld und tauscht die Ringe
Im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
Dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Mon Dieu, c’est tellement beau! Kein anderes Buch hat mir in den letzten Wochen so viel Glück gegeben wie das Buch „Le principe“ von Jerôme Ferrari. Diese behutsame Annäherung, diese erfundene Zwiesprache eines offensichtlich gescheiterten, heute lebenden französischen Physikstudenten an den verstorbenen deutschen Physiker Werner Heisenberg ist der perfekte Gegenentwurf zu dem, was die verehrte Zentralmacht des Geldes nicht leistet, nicht leisten kann: das Verstehen-Wollen, das Anfragen, das An-die-Tür-Klopfen. Das Schreiben, das Hören, das Miteinander-Reden.

Was hat das mit Europa zu tun? Sehr viel! Denn Heisenberg versuchte nichts anderes, als was die Philosophen und Physiker Europas vor ihm seit Jahrtausenden, beginnend von den Zeiten eines Heraklit, Thales oder Platon wieder und wieder versucht hatten: ein einigendes Prinzip, eine leitende Idee, eine erklärende Formel all dessen zu finden, was sich in bunter Vielfalt darbietet.

Im philosophischen Bereich konkurrieren in Europa seit Jahrtausenden eher idealistische mit eher empiristischen Ansätzen.

„Das Wahre ist eins. Und das absolut Eine ist Geist. Die Materie ist für den Geist letztlich erkennbar. Der Geist kommt zu den Dingen selbst. Er trifft wahre Aussagen über Seiendes.“ So der Platon der Politeia, so der Hegel der Enzyklopädie.

„Nein! Das Wahre ist vieles. Und eine absolute Erkennntnis ohne Erkenntnis der mannigfaltigen Bedingtheiten des Erkennens ist unmöglich. Das Wahre ist eine Vielfalt von Einzelerkenntnissen. Das Ding an sich bleibt prinzipiell unerkennbar.“ Mindestens hierin kommen Aristoteles und Kant überein.

Heisenberg wiederum gelangte in Abhebung von Einsteins Relativitätstheorie zur Überzeugung, dass die Materie im subatomaren Bereich, also bei den sogenannten Quanten, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht mehr eindeutig, nicht mehr unabhängig vom Standpunkt des Messenden zu bestimmen seien. Im letzten, im kleinsten Bereich herrsche also ein „Unbestimmtheitsprinzip“, eine „Unschärferelation“, die nicht mehr hintergehbar seien. Das letzte gründende Prinzip der Physik wäre also nicht das Eine – sondern eine Relation zwischen dem Zweierlei aus Impuls und Masse, wobei weder Impuls noch Masse außerhalb dieser Relation existierten.

Etwas Übergreifendes, etwa Zusammenführendes vermochte Heisenberg noch im Erlebnis des Schönen, in der Musik etwa, im Erklingen etwa der Bachschen d-moll-Chaconne für Violine solo, im Anblick des Walchensees zu erkennen. Das Ding an sich, die unverhüllte Wahrheit bliebe unabschließbar, bliebe in der gegebenen langen oder kurzen Zeit unerfindlich.

Man könnte sagen: Lang oder kurz ist die Zeit, es ereignet sich allenfalls das Wahre.

Zu „erkennen“? Nein, das Letzte, den tiefsten Grund – so schildert es mehrfach Ferrari – den konnte er nicht mehr erkennen. Den kann er nur „heraushören“, oder „hineinhören“.

Ich höre jetzt den ungeduldigen Zwischenruf:
„Schluss damit! Einheit oder Vielfalt? Platon oder Aristoteles? Kant oder Hegel? Albert Einstein oder Werner Heisenberg? Wer hat denn nun letztlich recht? Es können doch nicht beide recht haben!“

Wenn man nur lange genug forsche, dann müsse doch auch einmal die wissenschaftliche Wahrheit ein für alle Mal hervortreten, sagt unser Gegenüber. So dachte auch ich als Kind, so denken heute noch viele. Und doch deutet bis heute nichts darauf hin. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass mit jeder neuen Erkenntnis die Unabschließbarkeit des Erkennens sich deutlicher offenbart.

Genau dieses Hin und Her zwischen Alternativen, diese unabgeschlossene Bewegtheit und Beweglichkeit ist es, die so etwas wie Freiheit eröffnet. Wenn es so ist, dass am Grund der Materie keine letzte Bestimmtheit herrscht, dann ist genau diese Unbestimmtheit auch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Freiheit gedacht werden kann.

Und der bewusste Träger dieser Freiheit ist – was? Oder wer? Die Antwort lautet: Im einen Fall ist es Werner Heisenberg, im anderen Fall ist es Jérôme Ferrari. Oder der Leser Heisenbergs, der Leser Ferraris.

Inbild und Inhaber dieser Freiheit kann sein oder ist überhaupt und jederzeit, so er dies will – der Mensch: das Du, das Ich, das Wir. Alle. Il maggior dono di Dio all’uomo è la libertà.

Ich erlebte das öffentliche Gespräch über Ferraris „Principe“, zu dem die Französische Botschaft in Berlin eingeladen hatte, als rundweg gelungenes europäisches Miteinander über Sprachengrenzen hinweg, als Gegenglück, als lustvolles Eintauchen in den Kern des europäischen Freiheitsdenkens.

Und die Reaktion darauf waren – Tränen. Was ist ist inopportun oder schlimm an solchen Tränen?

Der Dichter sagte doch: Lasst mich weinen. Das ist keine Schande. Weinende Männer sind gut.

Zitat:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, hier bsd. S. 75 sowie S. 3 (handschriftliche Widmung des Autors)

 Posted by at 18:07