Von der Überflüssigkeit der weiteren Opfer

 Religionen  Kommentare deaktiviert für Von der Überflüssigkeit der weiteren Opfer
Apr 052017
 

Gutes, dankbares, weidliches Nachblättern im Sündenbock, den uns René Girard geschenkt hat!  Dieser Autor ist einer der wenigen Kulturwissenschaftler unserer Jahre, die es wirklich auf sich genommen haben, die Evangelien genauestens anzuhören, sie wieder und wieder zu lesen, im griechischen Original ebenso wie in den verschiedenen modernen Sprachen. Er empfiehlt sogar, mithilfe des Sich-Versenkens in den Wortlaut der Evangelien andere Sprachen von innen zu erkunden, wenn er sagt:

Quand on connait les Évangiles, leur traduction dans une lange inconnue est un excellent moyen de pénétrer, à peu de frais, dans l’intimité de cette langue.

Zentral ist bei diesem Bemühen für Girard die Passionserzählung, insbesondere in der Fassung des Johannes, des vierten Evangelisten; ihr widmet er zwei ganze Kapitel seines Büchleins. Die Verurteilung und Hinrichtung Jesu deutet Girard als den Widerhall, die Überbietung, die Zusammenfassung und die Überwindung aller bisherigen Opferungen.

Hart in der Nähe des weltberühmten Mahnmals,  mit dem deutsche Erinnerungskultur sich ein Denkmal gesetzt hat, fügen wir noch einige unvorgreifliche Gedanken an, die sich aus einigen Gesprächen mit Holocaustforscherinnen und -forschern meiner Bekanntschaft ergeben haben:

Das übliche, in der judengriechischen Bibel, der Septuaginta hunderte Male vorkommende Wort für die ganzkörperlichen Opfer ist der Holokaust, die Holokausts (meist im Plural ὁλοκαυτώματα / holokautomata verwendet). Wer hätte das gedacht, dass die prophetischen Bücher der jüdisch-griechischen Bibel so oft von den Holokausts sprechen und den ständigen, zunehmend trivialisierten Bezug auf die Holokausts wieder und wieder verwerfen und zurückweisen!

Hier nur ein Beispiel für viele mögliche andere, entnommen  aus Buch Amos 5:

21μεμίσηκα ἀπῶσμαι ἑορτὰς ὑμῶν καὶ οὐ μὴ ὀσφρανθῶ ἐν ταῖς πανηγύρεσιν ὑμῶν·

22διότι καὶ ἐὰν ἐνέγκητέ μοι ὁλοκαυτώματα καὶ θυσίας ὑμῶν, οὐ προσδέξομαι αὐτά, καὶ σωτηρίου ἐπιφανείας ὑμῶν οὐκ ἐπιβλέψομαι.

Wir halten fest: Mehrfach hat er sich in den Schriften des Judentums über den Mund der Propheten (etwa Amos, etwa Jeremias) beschwert, dass die Menschen ihm mit ihren Holokausts in den Ohren lägen. Ich mag eure Holokausts nicht mehr, ich kann sie nicht mehr riechen, spricht er.

Nach diesem Tod Jesu, so die Deutung, die bereits der Brief an die Hebräer vorgeformt hatte, werden vollends nicht nur die ritualisierten Tieropfer entbehrlich, vielmehr wird jedes weitere ganzkörperliche Opfer überflüssig; kein einzelner muss mehr sterben, damit das Volk leben kann. Das Leiden als solches um eines höheren Zieles willen ist nichts, womit man Gott beeindrucken könnte.

All die Opfer, mit denen die Menschen Gott in den Ohren liegen, werden nach Golgatha überflüssig.  Das Geschehen am Golgatha ist das letzthinnige Opfer; danach wird der Opfergedanke entkräftet; kein Mensch soll mehr geopfert werden, kein Mensch soll mehr sterben für ein größeres Ziel; Gott will keine ganzkörperlichen Opfer mehr! Wir werden vom Gedanken der Opferung befreit oder erlöst, wobei Befreiung und Erlösung häufig als Synonyme auftreten.

Nur noch die Erinnerung an das letzthinnige Opfer, der ritualisierte, symbolische Nachvollzug, der bleibt, in der Sprache, in den Sprachen, im Wort, in den Künsten, im Gespräch.

 

René Girard: Le Bouc émissaire. Grasset, Paris 1982; darin insbesondere: Les maîtres mots de la passion évangélique, S. 151-167; Qu’un seul homme meure…, S. 167-186. Zitat hier: S. 227

 Posted by at 11:10

„Der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“. Giulio Tremontis treffende Metapher

 Populismus, Religionen  Kommentare deaktiviert für „Der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“. Giulio Tremontis treffende Metapher
Jan 172017
 

„La talpa del popolo ha minato la cattedrale della globalizzazione – „der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“, mit diesem sehr treffenden Vergleich hat Giulio Tremonti, der bekannte europäische Hochschulprofessor und Jurist  gestern Nachmittag etwa um 17 Uhr  in dem Fernsehsender RAI news 24 die aktuelle Weltlage in ein sehr aussagefähiges Bild gefasst (hier sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergegeben).

Ein sehr hörenswertes Interview! Die Globalisierung, so der gute Europäer Tremonti, sei seit dem Fall der Berliner Mauer eine Religion geworden. Auf dem Grundgedanken des weltweit einheitlichen Marktes habe man den einheitlichen Verbraucher erstehen lassen wollen. Man habe sich bemüht, eine Art Homo novus zu schaffen, unabhängig davon, ob die Menschen (also das Volk, il popolo) dies wolle oder nicht. Traditionen, gewachsene Bindungen, Herkünfte seien eingeebnet worden, um darauf die Kathedrale des einheitlichen Marktes zu errichten.

Bei dem Bemühen eine neue einheitliche Welt mit einem neuen einheitlichen homo consumator zu schaffen, sei zu viel in zu kurzer Zeit angepackt worden. Er selbst habe während seiner aktiven Zeit als italienischer Minister vergeblich versucht, längere Übergangsfristen zu bewirken, z.B. durch die Beibehaltung oder Einführung von Übergangszöllen, die den Schock der plötzlichen Einebnung beim Bau der Kathedrale hätten abmildern sollen.

Doch das Volk, dieser Maulwurf, habe sich nicht an die Wünsche der Herren und Meister der Globalisierung gebunden gefühlt. Mittlerweile habe das Volk die Kathedrale zu unterwühlen begonnen.

Spannend, finde ich! Man sollte darüber diskutieren. Tremonti merkt zu recht an, dass der Glaube an die Einheit des Marktes, der Glaube an den einheitlichen neuen Verbraucher, der Glaube an die Einigungskraft des Geldes eine echte politische Religion geworden ist, in deren Dienst sich viele Politiker gestellt haben. Alte Bindungen an Herkünfte, Sprachen, Orte, der Glaube an Gott und Götter, an Kunst und Sitten, an bestehende Rechtsordnungen werden ausgehebelt. Nichts darf dem Bau der einen einzigen überragenden Kathedrale entgegenstehen.

Nur das störende, störrische Volk sperrt sich gegen diesen Vorgang, denn – il popolo è populista, das Volk ist nun mal populistisch. Es ist ja sein Wesen.

Ähnlich, wenn auch nicht so brillant zugespitzt  formuliert wie bei dem live gesendeten Interview von RAI News äußerte sich Tremonti auch im Corriere della sera (Fettdruck durch dieses Blog):

Professore, non le pare eccessivo evocare l’estinzione della globalizzazione?
«Qualche giorno dopo le elezioni americane, Obama disse a Berlino che la vittoria di Trump non sarebbe stata la fine del mondo. Non è stata la fine del mondo ma sarà la fine di “un” mondo. La giovane talpa populista ha via via scavato il terreno su cui la globalizzazione aveva costruito nell’ultimo ventennio la sua cattedrale».

http://www.corriere.it/esteri/17_gennaio_16/donald-trump-fa-storia-finita-utopia-globalizzazione-giulio-tremonti-intervista-ff95f7c8-db5e-11e6-8da6-59efe3faefec.shtml?refresh_ce-cp

 

Bild: Eine Kathedrale der Zukunft wird in Mailand gebaut

 Posted by at 14:41

Ich habe genug

 Religionen  Kommentare deaktiviert für Ich habe genug
Jan 122017
 

 

 

 

 

 

Am Sonntag, dem letzten Tag der Weihnachtszeit, hörte ich vormittags eine Radiosendung mit Musik im rbb Kulturradio:
So 08.01.2017 | 09:04 | Gott und die Welt. Drehtür Glauben. Wenn Menschen zur Kirche zurückfinden. Von Matthias Bertsch

Der Autor hat das Thema Kirchenaustritt und Wiederannäherung auf gewundenen Pfaden, so meine ich, in vier ausgewählten Stimmen in den wesentlichen Aspekten glaubwürdig eingefangen. Die Musik Johann Sebastian Bachs aus der Kantate „Ich habe genug“ entfaltete dazwischen  ihre überwältigende Kraft geradezu „gnadenlos“ – wieder einmal! So ist er halt, unser Bach. Unwiderstehlich. Er ist einer der Brückenbauer für verirrte Schafe, für Wege zurück.

Die leuchtende schöne Weihnachtszeit klang  mit einem abendlichen Konzert und Chören und einem kleinen Orchester und strahlenden Kinderaugen in der Kirche St. Bonifatius aus. Ich selbst fiedelte am Pult der Bratsche, das Instrument unters Kinn geklemmt, das Bach mit Vorliebe im Orchester spielte.

Die Chöre der Gemeinde haben mich nachhaltig inspiriert, und ich wünsche ihnen weiterhin diesen Eifer und diese von oben herabströmende Begeisterung. Ihnen steht die Gewalt der Hl. Cäcilie zu Gebote, die die wilden Tiere an den Streicherpulten mühelos bändigt!

Ich habe genug!
Ein Dankeschön den Chören

Bin nur ein armer Spielmann, kaum beacht,
meist mild belächelt, oft verlacht,
die Zahl der Noten, die ich spiel,
ist recht gering, drum hör ich viel,
denn ich hab Ohren groß und weit,
zum Zuhören sind sie bereit,
was andre spielen, andre singen,
das bringt in mir das Herz zum Klingen,
drum dank ich euch, Ihr Sängerinnen,
Ihr Sänger, die ihr singt im Geistesbraus,
die Töne in mir weiterschwingen,
sie leuchten, stärken, machen klug,
Ich packe ein und geh nachhaus.

Ich habe genug.

Bild: ein Schneemann, gestern Abend am Gasometer in Schöneberg

 Posted by at 19:17

Was sind eigentlich „Kulturchristen“, „Ramadanmuslime“, „Passportjuden“?

 Leitkulturen, Religionen  Kommentare deaktiviert für Was sind eigentlich „Kulturchristen“, „Ramadanmuslime“, „Passportjuden“?
Apr 252016
 

Manchmal höre ich in Diskussionen die Ausdrücke „Ramadanmuslime“, „Passportjuden“, „Kulturchristen.“

Was bedeuten diese Ausdrücke? Versuchen  wir eine  vorläufige, nicht eine wissenschaftliche Definition, so können wir sagen:

„Ramadanmuslime“ sind Menschen aus muslimisch geprägten Ländern, die sich nur im Ramadan äußerlich weitgehend an die Gebote des Islam halten – etwa in Deutschland lebende Türken oder in Deutschland lebende Kurden. Der Islam ist in ihren Augen eine unbestreitbare Grundtatsache ihrer Herkunftsgeschichte – vor allem auch insofern, als die nicht muslimisch geprägten Kulturen als fremdartig, als nicht zu einem selbst gehörend erlebt werden.  Der Islam ist ein unleugbares Phänomen ihrer Herkunftsgeschichte.

„Kulturchristen“ sind Menschen aus christlich geprägten Ländern, die anerkennen, dass das Christentum früher eine gewisse prägende Rolle in der Kultur ihres Landes gespielt habe oder spiele – etwa Deutsche, die zwar getauft, aber nicht gläubig sind, oder die – obwohl getauft – aus der Kirche ausgetreten sind, oder die nie einer christlichen Konfession angehört haben. Sie hören etwa in der Karwoche ein Mal pro Jahr die Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs und lassen sich zutiefst anrühren, würden sich selbst aber nicht als Nachfolger Jesu Christi bekennen. Sie wissen meist auch, was eine „Ecce-homo-Darstellung“ ist.  Das Christentum ist oder war in ihren Augen vor allem ein Phänomen der Kulturgeschichte.

„Passportjuden“ sind Juden, die in atheistisch geprägten Ländern, etwa in der früheren Sowjetunion, aufgewachsen sind, die keinen lebendigen Bezug zum Gott des Judentums, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zur jüdischen Religion, zu jüdischem Brauchtum und Traditionen aufbauen konnten und als Bürger der ehemaligen Sowjetunion nur noch die Nationalität Jude in ihren Pässen stehen hatten. „Jude“ war eben in der Sowjetunion keine Religion oder Kultur, sondern eine Volkszugehörigkeit, ein ethnisches Attribut – so wie Russe, Georgier oder Armenier. Die Sowjetunion arbeitete seit dem 1917 inszenierten  Putsch der Bolschewisten, also seit der sogenannten „Oktoberrevolution“, gezielt auf die Überwindung, Zurückdrängung, Auslöschung der Religionen hin. Religionen wie etwa Christentum, Islam oder Judentum sollten in der Öffentlichkeit und der Politik keinerlei Rolle mehr spielen dürfen. Trotzkij, der nicht verbarg, ethnisch von jüdischen Eltern abzustammen, der sich aber als „nicht-jüdischer Jude“ oder als „atheistischer Jude“ bekannte, ist die geradezu idealtypische Personifikation dieser Grundeinstellung.

Der Bezug der Passportjuden zum Judentum besteht heute überwiegend darin, dass sie wissen, von jüdischen Eltern abzustammen. Die Religion Israels spielt hingegen  in der Lebenspraxis fast keine Rolle. Von mehr oder minder erheblicher, oft überragender Bedeutung aber ist das Bewusstsein, von Juden abzustammen und selbst auch Jude zu sein. Aber worin nun das Judesein jenseits der Abstammung und jenseits der – meist unklaren – Zugehörigkeit zum jüdischen Volk liegt, darauf wird man meist keine klare Antwort erhalten. Die jüdische Religion, der jüdische Glaube ist in den Augen der „Passportjuden“ kein Kriterium. Allerdings scheint nach der Mehrheitsmeinung  der Rabbiner das Judesein durch den erklärten  Übertritt zu einer anderen Religion, etwa zum Islam oder zum Christentum, verloren zu gehen.

Diese zugegebenermaßen unwissenschaftlichen Definitionen scheinen mir nötig zu sein, um die in Europa derzeit höchst lebhaft geführten religionspolitischen Debatten zu verstehen.

 Posted by at 11:46
Feb 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

 Posted by at 12:55

„La vera Europa, l’Europa dell’euro, l’Europa del centro-nord… “ Der Mahnruf Mario Montis

 Religionen  Kommentare deaktiviert für „La vera Europa, l’Europa dell’euro, l’Europa del centro-nord… “ Der Mahnruf Mario Montis
Feb 042016
 

Zu den wirklich guten europäischen Sendungen zähle ich das studio24 des italienischen Senders RAINews, das ich bei Gelegenheit immer wieder einmal vormittags einschalte. Klug ausgewählte Fachleute aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Währung, Politik, ehemalige hochrangige Politiker und auch Fachpolitiker aus der zweiten Reihe kommen dort zu Wort. Keine Schaumschläger, keine Quasselstrippen.

Ich glaube, dass man in den Fachkreisen südlich der Alpen die im Norden der Alpen laufende Debatte durchaus mit wachen, klugen, kritischen Ohren und mit klug abwägendem Sinn verfolgt.

Herrliche Dialoge entspannen sich soeben in der heutigen Folge, an der neben anderen Senator Mario Monti und der stellv. Direktor des Corriere della sera Federico Fubini teilnahmen.

Monti malte die Gefahr an die Wand, es könne bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Politiken der nationalen Regierungen zu einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro (was niemand wünsche) und folglich dann zu einem Auseinanderbrechen der Europäischen Union zwischen dem eigentlichen, dem echten Europa, also dem Europa im Norden und in der Mitte Europas einerseits und dem Europa im Mittelmeerraum andererseits kommen. Als „wahres Europa“ (L’Europa vera, la vera Europa) bezeichnete Monti ausdrücklich das Europa des Euro. Gemeint sind damit jene Länder der Europäischen Union, die den Euro eingeführt haben.

Bedarf es noch eines weiteren Beweises? Der Euro, die über alles geliebte Währung, wird wieder einmal, zum hundertsten oder auch zum tausendsten Male als die Sinnklammer, das allesentscheidende, das einzige Kriterium der Zugehörigkeit zum wahren Europa verkündet. Das ist die gängige Lehre.

Die gängige Lehre behauptet – und wir übersetzen die gängige Euro-Ideologie einmal in eine theologische Sprache – dadurch wird manches klarer:

„So wie jemand, der nicht an Jesus Christus glaubt, kein wahrer Christ sein kann, so kann auch jemand, der nicht an den Euro glaubt, kein wahrer Europäer sein.“ Darauf läuft es hinaus. Der Euro ist alternativlos. Ein nominalistischer Taschenspielertrick der Geldfüchse. An den Euro hat die Europäische Union ihr ganzes Sinnen und Trachten, ihre ganze pseudoreligiöse Inbrunst gehängt. Gefordert ist also Zuneigung zum euro, simpatia verso l’euro, idolatria del denaro, Götzendienst am Gelde!

Wir dürfen zweifellos sagen: L’euro è il vitello d’oro dell’Unione europea. Der Euro ist das Goldene Kalb der Europäischen Union. EUROPA = EURO. Ganz Europa tanzt nach der Pfeife des Euros.

„La non-simpatia verso l’Europa, cioè la non-simpatia verso l’euro…“ – die Abneigung gegen Europa, das heißt die Abneigung gegen den Euro, diesen Eindruck gelte es zu vermeiden, so lautete die eindeutige Aufforderung Mario Montis an die amtierende italienische Regierung.

Das vormittägliche studio24 von RAI News ist allen Nordeuropäern sehr zu empfehlen.

http://www.rainews.it/dl/rainews/live/ContentItem-3156f2f2-dc70-4953-8e2f-70d7489d4ce9.html

 Posted by at 12:36

Darf man heute immer noch straffrei behaupten, die Erde sei keine Kugel?

 Das Böse, Einzigartigkeiten, Religionen, Sokrates  Kommentare deaktiviert für Darf man heute immer noch straffrei behaupten, die Erde sei keine Kugel?
Nov 132015
 

„Es ist müßig, mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren“, sagte er demnach. Auf die Behauptung Haverbecks, dass es keine Beweise für den Holocaust gebe, habe der Richter geantwortet: „Ich muss auch nicht beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.“

Mit dieser Begründung steckte ein Hamburger Amtsrichter gestern eine 87 Jahre alte Dame für 10 Monate ohne Bewährung ins Gefängnis. Ihre Straftat: Sie leugnete zum wiederholten Male den Holocaust.

Völlig richtig, Herr Richter! Es ist unnötig mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren. Muss man allerdings Leute akzeptieren, die bestreiten, dass die Erde eine Kugel ist? Muss man es hinnehmen, wenn jemand behauptet, dass die Erde keine Kugel sei, sondern ein abgeflachtes Rotationsellipsoid, also ein geometrisch unregelmäßig geformter, leicht abgeplatteter Körper?

Wer hat nun recht: Der Hamburger Amtsrichter, der die Tatsache behauptet, dass die Erde eine Kugel ist, oder der Wissenschaftler, der behauptet, die Erde sei ein abgeflachtes Rotationsellipsoid?

Ich meine: Das Leugnen von Tatsachen, das Lügen lässt sich als solches nicht bestrafen – außer, ja außer bei Tatsachen, die als wesentlich, als unverzichtbar, als im Sinne einer bestimmten Gesellschaft als schlechterdings nicht bezweifelbar gelten.

Unbezweifelbare Tatsachen werden seit Jahrhunderten unter Strafandrohung gestellt.

So galt jahrhundertelang Gotteslästerung oder Gottesleugnung als strafwürdiges Verbrechen; viele hartnäckige Gotteslästerer wurden durch Hinrichtung bestraft, z.B. Jesus, Giordano Bruno, Jan Hus oder Sokrates. Die Existenz Gottes bzw. die Existenz der Götter galten als unumstößliche Tatsache; Zweifel an dieser millionenfach bewiesenen Tatsache wurden bestraft.

In der Bundesrepublik gibt es heute nur ein klassisches Meinungsdelikt, im Grunde wird nur noch eine falsche Meinung, wird eine Lüge unter Strafe gestellt: die Holocaustleugnung. Man darf in Deutschland den ukrainischen Holodomor leugnen, man darf die systematische Ermordung von vielen Millionen sowjetischer Zivilisten während des 2. Weltkrieges schweigend übergehen. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Jakow M. Swerdlow die Zarenfamilie erschießen ließ. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Leo Trotzkij den systematischen Mord an Zivilisten, die systematische Vernichtung der Klassenfeinde befahl. Man darf die Kolonialgreuel in Belgisch-Kongo ignorieren oder leugnen. Man darf die Massenmorde des Pol Pot und der chinesischen Maoisten übersehen oder leugnen. Nur den Holocaust darf man nicht leugnen. Er ist in der Strafrechtspraxis das Factum absolutum der deutschen Rechtsordnung geworden.

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor fasst diesen Prozess der Sakralisierung und absoluten Überhöhung des Holocaust im Anschluss an Überlegungen Alain Finkielkrauts so zusammen: „The Holocaust alone can provide the definition of evil.“ „Der Holocaust allein kann die Definition des Bösen liefern.“

Die enormen Vorteile dieser Absolutsetzung, dieser Sakralisierung des Holocausts als des schlechthin Bösen liegen auf der Hand. Es wird im Nu alles so einfach in der Welt!

Erstens, er ist vorbei. Er liegt in der Vergangenheit. Laor schreibt: „The great advantage of this is that the Holocaust took place in the past and is now over; we can congratulate ourselves on having awoken from a nightmare.“ Er ist damit der Nullpunkt der moralischen Argumentation geworden. Das absolute Böse, der Holocaust, ist glücklicherweise vergangen; solange man den Holocaust erinnert und eine Wiederholung des Holocaust verhindert, ist alles andere ja nur halb so schlimm. Das Wichtigste, aber auch das Tolle, das Phantastische, das Herrliche an der Weltgeschichte ist, dass der Holocaust einzigartig ist und sich deshalb nicht wiederholen kann. Es wird also automatisch alles immer besser in der Weltgeschichte, solange man nur verhindert, dass der Holocaust sich wiederholt.

Zweitens, es gibt ein eindeutiges Tätervolk, das dafür „Schuld und Verantwortung trägt“, wie es der Deutsche Bundestag erst kürzlich wieder festgestellt hat: die Deutschen, oder besser gesagt: „wir Deutschen“. Die Vorteile für alle anderen europäischen Staaten, die in den Jahren 1939-1945 vorübergehend oder dauerhaft mit dem Deutschen Reich verbündet waren (Sowjetunion, Finnland, Frankreich, Italien) sind unleugbar: Die Deutschen sind das Tätervolk.

Drittens: Die Holocaustleugnung und die ganze Klasse verwandter Delikte lassen sich problemlos unter Strafe stellen. Holocaustleugnung, aber mittlerweile auch die Historisierung, die historische Einbettung des Holocausts in eine Ereigniskette, die Relativierung, die Vergleichung des Holocausts mit anderen systematischen Ausrottungspolitiken der Weltgeschichte ist ein in der deutschen Öffentlichkeit weithin als solches eingestuftes Meinungsdelikt. Dieses Meinungsdelikt zu begehen erweist sich immer wieder als selbstmörderisch für den eigenen Ruf. Man kann nur davor warnen. Selbst bestens ausgewiesene Historiker wie Ernst Nolte haben wegen dieses Meinungsdelikts ihren früher guten Ruf, Politiker wie Martin Hohmann, Schriftsteller wie Martin Walser haben aufgrund dieses Delikts ihren bis dahin unbescholtenen Leumund eingebüßt. Sie stehen bis heute am Pranger.

Viertens: Unabhängig von Geisteszustand oder Alter des Meinungsverbrechers erreicht die deutsche Justiz und die deutsche Gesellschaft die Gewissheit, auf der Seite des absoluten Guten zu stehen. Denn wer gegen die Leugnung des absoluten Bösen kämpft, muss auf der Seite des Guten stehen.

Fünftens: Das Verbot der Holocaustleugnung hat einen umfassenden, disziplinierenden Effekt auf die öffentliche Meinung. Der gemeine Bürger fängt aus Angst im Unterbewusstsein schon an zu überlegen: „Es gibt also Lügen, die in Deutschland unter staatliche Strafe gestellt werden. Wenn schon eine 87-jährige Frau, eine offenkundig verwirrte oder fanatisch verblendete ältere Dame wegen einer sonnenklaren geschichtlichen Lüge für 10 Monate ins Gefängnis gesteckt wird, hmm, darf ich das oder das dann noch sagen? Darf man noch an unumstößlichen Tatsachen zweifeln, z.B. an der Konstantinischen Schenkung, an der Goldenen Bulle, am Holodomor, an den Stalinschen Säuberungen, an der Sinnhaftigkeit des Euro, an der Legitimität der Rechtsakte der Europäischen Union? Darf man noch am Klimawandel zweifeln, oder wird man dafür irgendwann auch ins Gefängnis gesteckt werden?“

Der Staat bestraft falsche Meinungen, der deutsche Staat bestraft das hartnäckige Lügen, sofern er ihm das Potenzial zur Volksverhetzung beimisst. Das dürfen wir nie vergessen.

Das gestern ergangene Urteil des Hamburger Amtsrichters wirft – trotz aller hier aufgewiesenen strategischen Vorteile, die mit ihm einhergehen – viele Fragen auf.

Belege:
Yitzhak Laor: The Shoah Belongs to Us (Us, the Non-Muslims). In derselbe: The Myths of Liberal Zionism. Verlag Verso, London New York 2009, S. 15-35, hier bsd. S. 32

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/nazi-oma–87-jaehrige-ursula-haverbeck-muss-wegen-holocaust-leugnung-in-haft-6551784.html

 Posted by at 13:15

„Sünde“? „Schande“? „Ewige Schuld“? Scham? Reue? Versöhnung?

 Das Böse, Deutschstunde, Einzigartigkeiten, Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Religionen  Kommentare deaktiviert für „Sünde“? „Schande“? „Ewige Schuld“? Scham? Reue? Versöhnung?
Mai 052015
 

„Bitte etwas weniger Religion!“ Flehentlich höre ich immer wieder dieses Stoßgebet der säkularen Bevölkerungsmehrheit. In der Tat, die Diskurse, die sich um den 8./9. Mai 2015 ranken, quellen geradezu über von mystischen, halb- oder vierteltheologischen Aussagen.

DAS muss man sagen and bekennen, JENES darf man nicht sagen. So ist es unter den Deutschen in öffentlicher Rede stehender Ritus geworden, die absolute Unvergleichlichkeit der deutschen Verbrechen herauszustreichen, ebenso gilt es heute weithin unter Deutschen als Tabu, die von Angehörigen anderer Nationen im 20. Jahrhundert an Deutschen begangenen Verbrechen aktiv anzusprechen.

Die zahllosen deutschen Verbrechen der Jahre 1884 (Berliner Kongo-Konferenz) bis zum 8. Mai 1945 sollen weithin sichtbar in all ihrer absoluten Einzigartigkeit strahlen und funkeln. Es ist, als hörte man es überall erschallen: Wir Deutschen sind Weltmeister des Bösen. Und wir sind Weltmeister der Schuldbekenntnisse.

Es gilt als Tabubruch, als „Todsünde“, wenn ein deutscher Historiker von sich aus konkurrierende Verbrechenslisten eröffnet, z.B. die Kolonialgräuel in Belgisch-Kongo, die Ausmerzung der Indianderkulturen in den beiden Amerikas, die Gemetzel der Russen unter den slawischen und sozialistischen Brudervölkern anspricht, ohne doch zugleich die unvergleichliche, die überragende Qualität der deutschen Verbrechen in dem großen Völkergemetzel der Jahre 1939-1945, wahlweise auch 1933-1945 hervorzuheben. „Wir Deutschen sind die absolut Schuldigsten in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.“

Wo sind eigentlich all die guten oder weniger guten alten Faschismustheorien eines Reinhard Kühnl, eines Ernst Nolte geblieben? Ist ihnen denn etwas Schlimmes passiert? Wo bleiben in der deutschen Historiographie die ökonomischen oder die strukturellen Analysen, wie sie etwa Timothy Snyder oder kürzlich etwa Adam Tooze erneut vorgelegt haben? Wer arbeitet sich noch durch die Originalquellen eines Mussolini, eines Rosenberg, eines Trotzkij, eines Lenin, Ehrenburg oder Stalin durch – und zwar in den Originalsprachen?

Wer spricht heute noch von den faschistischen Regimen Italiens, Spaniens, Griechenlands, Österreichs, Ungarns, der Slowakei, Rumäniens? Einige von ihnen, also das Italien Mussolinis, das Ungarn Horthys, die Slowakei Tisos, das Rumänien Antonescus waren doch Verbündete und Mitstreiter des Deutschen Reiches im 2. Weltkrieg. Sie nahmen bereitwillig als Partner und Spießgesellen an den verbrecherischen Unterwerfungs-, Vernichtungs- und Beutekriegen Hitlers teil. Sie saßen doch – ebenso wie der ehemalige Verbündete Finnland – noch bei der Pariser Friedenskonferenz 1946/47 als Verlierer, als schuldige Kriegsauslöser am Verhandlungstisch, sie mussten als Schuldige und Schuldner des Weltkrieges Reparationen an ihre Kriegsfeinde zahlen. Alles vergessen?

Es ist auffällig, dass nahezu die gesamte rituelle, in Deutschland um sich selbst kreisende Debatte über den 2. Weltkrieg fast komplett unter das Vorzeichen erstens des Nationalen, zweitens des moralisch Bösen, ja des absoluten Bösen geraten ist, als dessen einzige Verkörperung heutzutage weithin das Deutsche Reich in den Jahren 1933-1945 gilt: Nur die Deutschen waren böse, alle anderen waren also gut. Auch Stalin und der Stalinismus waren gut, denn sie kämpften gegen das absolute Böse.

Das Deutsche Reich der Jahre 1933-1945 und nur Deutschland gilt nunmehr und auf alle Ewigkeit in der Geschichte der Neuzeit als „Inkarnation des Bösen“ schlechthin (so der dem Freiburger Historiker Ulrich Herbert zugeschriebene Ausspruch).

Nicht anders wird dies heute auch im sich eifrig rechristianisierenden Russland gesehen. Dies berichtet heute erneut Friedrich Schmidt in der FAZ auf S. 3 unter dem Titel „Unter jeder Beere eine Leiche“. Die Russen sehen sich offiziell heute als „Nation der ewigen Sieger“. Ich selbst las den Spruch noch vor wenigen Monaten breit auf Häuserwänden in den Vorstädten Moskaus: „WIR SIND EIN VOLK VON SIEGERN.“ Und der größte Sieg der Russen, das war der nach russischer Auffassung alleine und ausschließlich durch Russland erfochtene „Sieg über den Faschismus und das nationalsozialistische Deutschland als das absolute Böse“. So gibt Arsenij Roginski – völlig korrekt, wie ich meine – die offizielle Staatsdoktrin wieder.

 Posted by at 17:32

Ein Volk, eine Einzigartigkeit, kein Gott: Deutschland

 Deutschstunde, Einzigartigkeiten, Gedächtniskultur, Jesus Christus, Ostern, Philosophie, Religionen  Kommentare deaktiviert für Ein Volk, eine Einzigartigkeit, kein Gott: Deutschland
Apr 222015
 

Der Mönch Adso von Melk berichtet in dem Namen der Rose von dem einzigen Ereignis, das unbestreitbar und unleugbar sei – die unumkehrbare Wahrheit, la verità incontrovertibile, von dem das süße Psalmodieren der Mönche im Kloster summt und singt. Welches ist nun dieses Ereignis, die einzige ereignete Wahrheit, auf der der Glaube dieser Mönche in der Erzählung Umberto Ecos gründet?

Wir vermuten: Es ist die Botschaft von Gottes eingeborenem Sohn, der filius unigenitus, Jesus Christus, dieses für die Christen aller Zeiten so einzigartige Ereignis, die Geschichte von Leben, Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christi, welche nach den Worten des Geschichtsphilosophen Hegel die Weltgeschichte in ein Vorher und ein Nachher trennt.

Für die gläubigen Christen aller Zeiten (sie sind stets eine Minderheit gewesen und sind es in Deutschland heute mehr denn je) gibt es dieses eine, einzigartige große Ereignis – die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, die Menschwerdung Gottes in jedem einzelnen Menschen, der heute und morgen geboren wird: Weihnachten.

Die Kreuzigung Jesu ist für die Christen das exemplarische Menschheitsverbrechen schlechthin: schuldlos und grundlos hingerichtet wegen seines So-Seins, wegen seines Anders-Seins: Karfreitag.

Christus ist auferstanden: Die Auferstehung Jesu Christi ist das einzige einzigartige Ereignis für den Adso von Melk, für Johannes den Evangelisten, ja sogar für den Apostel Petrus: Ostern.

Alle anderen Ereignisse erscheinen im Spiegel dieses Heilsgeschehens wie ein Reflex, wie eine Steigerung, Wiederholung, Abwandlung oder Anverwandlung dieser einzigartigen biblischen Geschichte. Abwendung von Jesus Christus bedeutet Leugnung der Einzigartigkeit dieses Ereignisses. Die Einzigartigkeit Jesu Christi wurde im Christentum hunderttausendfach besungen, bebildert, verankert, seine Botschaft der Einheit und Einzigartigkeit von Gottes- und Menschenliebe wurde von früh bis spät gesungen, gepredigt, vorgelebt und nachgeahmt. Das ganzkörperliche Opfer Christi (im Judengriechisch also der Holokaust Jesu Christi) wird gedeutet als Vorspiel und Nachspiel jeder anderen Hinmetzelung von Menschen.

Genau diese Einzigartigkeit eines Ereignisse wollen nun die Fraktionen von CDU und SPD vereinnahmen für ein Ereignis des 20. Jahrhunderts: den Holokaust, besser die vielen, vielleicht 6 Millionen Holokausts der europäischen Juden in den Jahren 1942-1945. Diese 6 Millionen Holokausts werden durch diese neuartige pseudopolitische Ersatztheologie des Bundestages zum Substitut des früheren Glaubens der Christen an die Einzigartigkeit von Kreuzestod und Auferstehung!

Die Holokausts (der Holokaust) werden zum begründungslosen, nicht befragbaren, unhintergehbaren Kristallisationspunkt deutscher Identität. Der Holokaust wird in Deutschland immer stärker zum übergeschichtlichen Ereignis verklärt, wird tausend- und abertausendfach beschworen, bebildert, wiederholt und rituell verteidigt, durch strafrechtliche Leugnungsverbote eingehegt.

Wir zitieren beispielhaft aus dem neuesten Beschlussentwurf des Bundestages (Hervorhebung durch uns):

In dem neuen Text von Union und SPD im Bundestag steht nun, 1915 habe das damalige türkische Regime mit der planmäßigen Vernichtung von mehr als einer Million Armenier begonnen. Wörtlich heißt es: „Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen und der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist. Dabei wissen wir um die Einzigartigkeit des Holocaust, für den Deutschland Schuld und Verantwortung trägt.“

Auffallend: Nicht Nazi-Deutschland, nicht die deutschen oder besser europäischen Mörder von damals trugen nach Meinung des Bundestags individuelle Schuld, sondern ganz Deutschland trug damals und trägt auch heute und fürderhin weiterhin Schuld. So sehen das die Fraktionen von CDU und SPD im Deutschen Bundestag. Also tragen alle Deutschen Schuld am Holokaust – auch Thomas Mann, auch Paul Gerhardt, auch Albert Einstein, auch die deutschen Juden von damals und heute, auch Margot Käßmann, alle alle alle Deutschen sind schuldig in alle Ewigkeit.

Es ist eine reizvolle Aufgabe nachzuvollziehen, wie der ehemals verstandene Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes nunmehr in der deutschen Gesellschaft und im Deutschen Bundestag durch einen universal durchgesetzten, nicht mehr bezweifelbaren Holokaust-Bezug ersetzt werden soll.

Eine Gesellschaft wie die unsrige, die mit dem Gedanken der Einzigartigkeit der Menschwerdung Gottes nichts mehr anfangen kann, hat sich eine felsenfeste Ersatzgewissheit gesucht und gefunden und schickt sich an, an diesem Freitag durch den deutschen Bundestag die Einzigartigkeit deutscher Schuld, die Unvergänglichkeit der Schuld Deutschlands auf alle Zeiten in Stein zu meißeln.

Während das Judentum und das Christentum Religionen des Lebens sind, möchte der Deutsche Bundestag offenbar eine absolute Religion des Bösen, eine dauerhafte Fixierung an die Gewissheit kollektiver, völkischer Schuld verkünden: die Holokaustbindung der Bundesrepublik Deutschland wird so zur leibhaftigen Religion des Todes.

Es ist reizvoll zu erkennen, dass der Bundestag ein zutiefst reliöses Wort aus dem alexandrinischen Judengriechisch übernimmt, um dem Holokaust eine abgründige, sakrale Würde zu verleihen. Diese Sakralisierung des abgrundtief Bösen ist spiegelbildlich verkehrt zur Banalität des Bösen, von der Hannah Arendt sprach.

Für den Deutschen Bundestag tritt wohl am Freitag der Holokaust des europäischen Judentums als Ersatzmythos an die Stelle des weithin verdrängten und vergessenen früheren Glaubens an den Menschen Jesus Christus. Statt an den auferstandenen Menschen Jesus Christus glauben sie an den immer zu besiegenden Teufel, sie glauben, dass Deutschland die Inkarnation des Bösen darstellt.

via Genozid: Merkel nennt Massaker an Armeniern nun doch Völkermord – DIE WELT.

 Posted by at 22:51

„Das Eifern für den eifernden Gott ist dem Monotheismus eingeschrieben“

 31. Oktober 1517, Religionen  Kommentare deaktiviert für „Das Eifern für den eifernden Gott ist dem Monotheismus eingeschrieben“
Nov 032014
 

2014-08-13 17.31.43

 

 

 

 

 

 

 

Dem Monotheismus ist eine Anlage zum Zelotismus  – zum (auch) gewalttätigen Eifern für den eifernden Gott eingeschrieben, der mit der Verteufelung der Bilder zusammenhängt.“

So sprach der Ägyptologe Jan Assmann am Reformationstag in der fünften seiner bewusst zugespitzten, gleichsam keilschriftartig verknappten Thesen bei der Disputation in der Wittenberger Leukorea.

Der Disputant Ralf Elger, Islamwissenschaftler und Arabist an der Martin-Luther-Universität,  bemerkte diesen metaphorischen Gebrauch des Verbums „einschreiben“, er bezeichnete das Verbum „einschreiben“ als ein neuartiges, geradezu modisches, ihn offenkundig nicht überzeugendes  Sprachbild.

Neuartig, modischer Sprachgebrauch? Ein Blick in den vielfältigen Gebrauch des Wortes „einschreiben“ vermag zu enthüllen, dass bereits im 3. Jh. v. Chr. dieser metaphorische Gebrauch des Tätigkeitswortes „einschreiben“ gut belegt ist!

Hier ein paar Belege aus dem Liddell-Scott-Wörterbuch! Besonders hervorzuheben, wie Xenophon in seiner Kyrupädie schreibt, den Menschen könnten gewisse „Gedanken“ eingeschrieben, „eingeritzt“ werden wie etwa die Inschriften auf den Spruchbändern eines ägyptischen Obelisken!

 

ἐγγράφω engrave, inscribe, ἐν τῇσι στήλῃσι Hdt.2.102, cf. 4.91; νόμους Lys. 30.2 of codifiers, opp. ἐξαλείφω: —Med., ἢν ἐγγράφου σὺ μνήμοσιν δέλτοις φρενῶν A.Pr.789:— Pass., to be written in, ἐνεγέγραπτο δὲ τάδε ἐν αὐτῇ sc. τῇ ἐπιστολῇ Th.1.128; αὑτὸν εὗρεν ἐγγεγραμμένον κτείνειν found his name entered in the letter for execution, ib. 132; δέλτον ἐγγεγραμμένην συνθήμαθ’ S. Tr.157. 4. metaph., εἰ μέλλουσι τοιαῦται διάνοιαι ἐγγραφήσεσθαι ἀνθρώποις X.Cyr.3.3.52. 5. Geom., inscribe a figure in another, εἰς . . Euc.4.4, al.; ἐν . . Archim.Sph. Cyl.1

Assmann entfaltete vor dem dichtgedrängten, staunend lauschenden Publikum seine Gedanken häufig in bildlichen Wendungen, die das Gemeinte besser hervortreten lassen als es rein begriffliche Abstraktion vermöchte.

Einen besonders schönen Beleg für diesen übertragenen Gebrauch des Wortes einschreiben fand ich in meinem Gedächtnis bei Andreas Gryphius, und zwar in seinem Sonnett auf den dritten Ostertag:

Doch wenn mich dünckt/ daß ich im Elend itzt vergeh/
Vnd meine daß vor mich kein Mittel zu gewinnen/
So werd ich deiner Hülff vnd gegenwart recht innen/
Vnd daß in deine Hand ich eingeschriben steh:
Denn sagstu wie der Zorn deß Höchsten abgelehnet
Wie Gott mit mir zu fried’/ vnd wie du mich versöhnet.
Denn lern ich/ daß ich Fleisch/ gleich deinem Fleische sey.

Der Mensch ist eingeschrieben in die Hand Gottes – das ist doch ein herrliches Bild! Man möchte es jedem Sterbenden hinterherrufen, dessen Dasein verweht und vergeht. „Du bist eingeschrieben in die Hand des Höchsten!“ Nicht eingemeißelt, sondern weich hineingezeichnet, hineingedrückt in die Hand eines Größeren.

Nicht das eifernde Zupacken der gewalttätigen Hand des Eifersüchtigen, sondern das bergende, hegende, aufnehmende Umfassen drückt sich darin aus.

Bild: ein kleiner Frosch am Fluss Moskwa, 13.08.2014

 

 

 Posted by at 23:54

мнр вам – wir wünschen euch Frieden

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Religionen  Kommentare deaktiviert für мнр вам – wir wünschen euch Frieden
Jul 222014
 

2014-07-14 15.53.35

Мир вам: Im Zeichen des Kreuzes werdet ihr den Frieden gewinnen.

Was für ein Glücksfall: die vier mächtigsten Politiker auf der Bühne, die den Schlüssel zur Lösung der Ukraine-Krise in ihren gefalteten Händen halten, sind alle bekennende Christdemokraten! Sowohl Petro Poroschenko als auch Wladimir Wladimirowitsch Putin, sowohl Angela Merkel als auch Barack Obama haben sich wiederholt und öffentlich – auch als amtierende Politiker – zum Christentum bekannt.  Sie sind alle auf den Namen Jesu Christi getaufte, christliche, demokratische Politiker, die sich den sittlichen Grundgeboten Jesu Christi öffentlich unterstellt haben. Sie alle beten – jeweils in ihrer Muttersprache – das Vater unser in nahezu textgleicher Fassung.

Diese sittlichen Grundgebote, die die russisch-orthodoxen, die ukrainisch-unierten, die lutherisch-protestantischen und die römisch-katholischen Christen gleichermaßen anerkennen, sind: die allgemeine Pflicht zur Wahrhaftigkeit, die unbeschränkte Pflicht zur Versöhnung untereinander, die universale Pflicht der Nächstenliebe, die Pflicht zur Gewaltlosigkeit in der Durchsetzung eigener Ansprüche, die Anerkennung des Legitimitätsprinzips im Verkehr der Staaten untereinander, der Vorrang des Wortes vor dem Schwert, der Vorrang des Herzens vor dem Geld. Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder.

Ich glaube, dass die christlich geprägten Völker wie etwa die Russen und die Ukrainer, dass die christlich-demokratischen Politiker, insbesondere auch Petro Poroschenko und Wladimir Putin im Zeichen des Kreuzes zunehmend ihre Gemeinsamkeiten erkennen und anerkennen werden und damit auch den Weg zum Frieden finden werden. Ein gemeinsam gefeierter Gottesdienst, ein gemeinsam gesungenes Kirchenlied in ukrainischer und russischer Sprache, ein gemeinsam in der jeweiligen Muttersprache gebetetes Vater unser können Wunder bewirken. Ich glaube fest daran.

Bild: Unsere herrliche Тарзанкa, die Tarzanschaukel am Fluss Moskwa, in der Nähe von Cосны westlich von Moskau. Aufnahme des Verfassers vom 14.07.2014, 15.53 Uhr

 Posted by at 09:21

Wer ist denn heutzutage noch ein Christ?

 Goethe, Magdeburg, Religionen  Kommentare deaktiviert für Wer ist denn heutzutage noch ein Christ?
Jan 132014
 

2014-01-03 12.56.54

„Wer ist denn noch heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich für einen Heiden haltet“. So Goethe zu Kanzer Müller am 7. April 1830.

Ein starkes, schroffes Wort des Alten vom Frauenplan. Er sprach viel und trank nicht wenig. Gleichwohl trifft Goethe, der ewige Ungläubige, der ewige credente und ewige  non-credente, dessen Faust und dessen Mephisto so oft  über die Kirchen ablästerten, den Kern des Christseins.

Ich allein vielleicht.

Die Kraft des Ich! Die Kraft des Alleinseins! Die Kraft des Vielleicht!

Es gibt und muss geben im Grunde des „Ich allein vielleicht“ ebensoviele Spielarten des Christseins, als es Christen gibt. Entscheidend bleibt stets ein Akt des Wählens, eine Tathandlung des „Für-Wahr-Haltens“, ein Schritt des Sich-in-Freiheit-Bindens. Wählen, Für-Wahr-Halten, Sich-Binden-in-Freiheit, das sind die drei Ausfaltungen des alten hebräischen, nur unzureichend ins Griechische, nur unzureichend ins Deutsche übersetzbaren Wortes Glauben.

Ohne diesen persönlichen Glauben ist es alles nichts mit dem gesamten Christentum. Er ist das Alpha und Omega. Die ganze „Dogmatik“, die gesamte „Christologie“, all die „absoluten Wahrheitsansprüche“,  ja die gesamte christliche „Theologie“, die „allgemeine Kirche“, verlieren dann ihren Grund. Dann leeren sich die Kirchen. Und zuletzt werden sie gnadenlos gesprengt, und einige Jahrhunderte oder Jahrtausende menschlicher Geschichte werden gewaltsam weggesprengt, wie in Magdeburg oder Potsdam in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gleich mehrfach geschehen.
Quelle des Zitats:

Wolfgang Klien: „Er sprach viel und trank nicht wenig“. Goethe. Wie berühmte Zeitgenossen ihn erlebten. Mit 22 Abbildungen. Langen Müller, 2. erw. Auflage, München 2000, S. 34
Bild: eine Krippe vor der Petrikirche in Magdeburg.

 Posted by at 10:25

„Du sollst deines Glaubens leben!“

 Religionen  Kommentare deaktiviert für „Du sollst deines Glaubens leben!“
Sep 122013
 

Ein frisches gelbes Büchlein eines Stuttgarter Verlages aus dem Jahr 2012 schlug soeben der Kreuzberger Hausfreund zum Schall der Glocken von St. Bonifatius (r.-kath. = e‘) – oder war es der Schall der Glocken der ev. Christuskirche in der Hornstraße, die auf a‘ steht? – auf.

Die Bekehrung„, so lautet die herrliche Schnurrpfeiferei des Erzählers aus dem Jahr 2012. Ein Katholik bekehrt über Fernwirkung einen Lutheraner – und gleichzeitig bekehrt der Lutheraner über Fernwirkung den Katholiken zum Lutheraner.  Die beiden sind Brüder aus dem Westfälinger Land.

Der Kreuzberger ist hin- und hergerissen, staunt und fragt: Ja, wat denn nu?

Der schalkhafte Erzähler zieht den Schluss: „Du sollst deines Glaubens leben, und was gerade ist, nicht krumm machen. Es sei denn, dass dich dein Gewissen selber treibt zu schanschieren.“

Quelle:
Johann Peter Hebel: Schatzkästlein. Ausgewählt von Richard Müller-Schmitt. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2012, S. 47-49, hier insonderheit S. 49

 Posted by at 08:20

Wird jetzt ausgerechnet der grüne Daniel Cohn-Bendit MdEUP zum Gralshüter der europäischen Bürgerrechte?

 Das Böse, Freiheit, Gedächtniskultur, Populismus, Religionen, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Wird jetzt ausgerechnet der grüne Daniel Cohn-Bendit MdEUP zum Gralshüter der europäischen Bürgerrechte?
Jul 032013
 

2013-06-22 08.38.08

http://www.liberation.fr/societe/2013/07/03/cohn-bendit-a-vote-contre-la-levee-d-immunite-parlementaire-de-le-pen_915564

Spannende Kiste, spannende schwarze Komödie, spannende Inszenierung, die jetzt das Europa-Parlament liefert! Ich würde eher so sagen: Ein Stück aus dem Tollhaus. Ein paar patzige, grobe, deplatzierte Äußerungen haben Marine Le Pen die parlamentarische Immunität gekostet.  Sie tat etwas Unverzeihliches, sie verletzte ein Tabu der französischen Seele: sie verglich ein Phänomen der Jetztzeit mit einem Phänomen der Jahre 1940-1945. Die Libération zitiert Marine Le Pen mit folgenden Worten:

«Je réitère qu’un certain nombre de  territoires, de plus en plus nombreux, sont soumis à des lois  religieuses qui se substituent aux lois de la République. Oui il y a  occupation et il y a occupation illégale»

Marine Le Pen meint also in Frankreich das Aufkommen einer Art islamischer Parallelgesellschaft zu erkennen, die nach eigenen Gesetzen lebe. Eine Art sanfte Besatzung sei eingezogen, zwar ohne deutsche Panzer und ohne deutsche Soldaten, aber eben doch kraftvoll durchgesetzt, mit demonstrativen öffentlichen Freitagsgebeten auf den Straßen, mit Durchsetzung der islamischen Speisevorschriften, mit Durchsetzung der islamischen Polygamie, mit zunehmenden antisemitischen Gewaltvorfällen usw. usw.

Es gebe also etwas, was – abgesehen von fehlenden Panzern und fehlenden Soldaten – fast so schlimm sei wie die deutsche Besatzung der Jahre 1940-1945. Damit bricht Le Pen ein Tabu des französischen Bewusstseins – die Identifizierung des absoluten Bösen mit den Deutschen der Jahre 1940-1945, die Identifizierung der Franzosen mit dem absoluten Guten in den Jahren 1940-1945.  Sie leugnet gewissermaßen die Einzigartigkeit der Verbrechen, die die Deutschen an den Franzosen in den Jahren 1940-1945 begangen haben, indem sie behauptet, dass im heutigen Frankreich erneut eine Art sanftes Besatzungsregime einkehre.

Damit tat sie etwas, was viele Französinnen in den Jahren der deutschen Besatzung taten: Sie ließ sich geistig mit dem absoluten Bösen, dem deutschen Besatzer ein. Etwa 80.000 bis 200.000 Kinder der Schande, die verspotteten und geächteten Bâtards de Boche, verdankten diesem Sich-Einlassen mit dem deutschen Teufel ihr Leben. Sie sind ein lebendes Zeugnis für das hohe Maß an Entgegenkommen, das die Mehrheit der französischen Bevölkerung in den Jahren 1940-1945 gegenüber den deutschen Teufeln an den Tag legte.

Die französischen und die internationalen Autoren (z.B. Michel Tournier, Ernst Jünger, Céline, Jonathan Littell), aber auch Geschichtsforscher wie etwa Henry Rousso beschreiben die Besatzungszeit nach dem 22. Juni 1940 mehr oder minder einhellig als schiedlich-friedliches Nebeneinanderherleben. Von den Schrecknissen der Besetzung Polens, wo ein erheblicher Teil der Zivilbevölkerung dem Terror der Deutschen zum Opfer fiel,  blieb Frankreich weitgehend verschont. Im Gegenteil: Die französischen Behörden, die französische Polizei, die französische Bevölkerung kollaborierten überwiegend – mit löblichen Ausnahmen –  willig und gern mit den deutschen Besatzungstruppen. Die Judenverfolgung der Deutschen konnte sich auf die Kooperation der Franzosen in Frankreich in der Regel verlassen. Panzergerassel und Soldatengewalt wurden nur in Ausnahmefällen zur Durchsetzung des Besatzungsregimes eingesetzt. Zu keinem Zeitpunkt war mehr als 1% der französischen Bevölkerung am aktiven Widerstand gegen die deutschen Besatzer beteiligt. So war es – nach allem, was uns heute noch berichtet wird.

Nach 1945 bildete sich rasch – wider alle Erfahrung der Zeitgenossen – der prägende Konsens, dass Frankreich, oder mindestens eine Mehrheit der Franzosen Widerstand gegen die deutsche Besatzung geleistet habe. Eine glatte Lüge zwar, wie die französische Historiographie wieder und wieder herausgearbeitet hat. Gleichwohl eine unverzichtbare Lüge, ohne die das Frankreich des Generals de Gaulle nicht hätte aufleben können.

Daniel Cohn-Bendit, einer der wenigen wirklich europäisch sozialisierten Politiker,  dürfte dies nicht zuletzt im Lichte der eigenen Lebensgeschichte so ähnlich sehen. Und aus diesem Grunde blieb ihm fast keine andere Wahl als gegen die Aufhebung der parlamentarischen Immunität Marine le Pens zu stimmen. Er kennzeichnete die Äußerungen Marine le Pens als abwegig, fern der Wahrheit, „irreführend“, „dumm“  und dergleichen mehr. Aber sie erfüllten eben den Tatbestand der Volksverhetzung, der Aufstachelung zum Hass nicht und seien deshalb vom Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt.

Dem grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit ist aus dem wahren Multi-Kulti-Bezirk Kreuzberg höchster Respekt zu zollen. Er hat sich in die Nesseln der Wahrheitsliebe gesetzt. Seine Analyse der Argumentationen trifft ins Schwarze.

Ich meine: Die Aufhebung der parlamentarischen Immunität von Marine Le Pen ist ein Bärendienst für die Demokratie, die Meinungsfreiheit, die Bürgerrechte. Eine politische Dummheit, um es diplomatisch auszudrücken. Frankreichs veröffentlichte Meinung dreht mittlerweile frei am Rad durch. Was das Europäische Parlament gemacht hat, wird dem Front National wieder einmal kräftige Stimmenzuwächse bescheren.

Daniel Cohn-Bendit, der Unbeugsame, der Lernende, der Bekennende,  hat sich dem Tollhaus im Europäischen Parlament widersetzt. Cohn-Bendit hat recht. Chapeau.

Bild: Ville de Sevran, U-Bahn-Station mit der place Nelson Mandela: eine von zwei muslimischen Metzgereien an diesem Platz, die Lebensmittel nach den islamischen Hallal-Vorschriften anbieten. Eigene Aufnahme vom 23.06.2013

 Posted by at 13:05

„Heiligkeit des Lebens“? Oder: Wer gibt und wer nimmt Leben?

 Das Böse, Frau und Mann, Philosophie, Religionen  Kommentare deaktiviert für „Heiligkeit des Lebens“? Oder: Wer gibt und wer nimmt Leben?
Mrz 092013
 

Ein heikles Thema zum Welttag der Frauen – das allerdings zum vorigen Thema „Platos perfekte Quotierung des Staates“ passt.

ZDF heute brachte einen Beitrag über die zahlreichen durch den Staat erzwungenen oder freiwilligen Abtreibungen in China. Etwa 13 Millionen sollen es pro Jahr sein, bei etwa 18 Millionen Lebendgeburten. Vor allem werden Mädchen abgetrieben, da sie nicht ins Konzept der Familien hineinpassten, wonach die Familie vor allem einen männlichen Stammhalter brauche, und da der Staat die Ein-Kind-Politik durchsetze, komme es zu sehr vielen selektiven Abtreibungen von Mädchen. Die hohe Zahl der in China vorgenommenen Abtreibungen wird im ZDF-Kommentar ausschließlich als schlimmer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frau gewertet.

Allerdings ist jede Überheblichkeit des Westens wegen einer derartigen selektiven Abtreibungspraxis unangebracht. Gestern wurden vom Statistischen Bundesamt die Zahlen zu den Abtreibungen in Deutschland vorgelegt. 106800 Schwangerschaften wurden 2012 in Deutschland abgebrochen. Knapp drei Viertel der Frauen waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. 2012 entfielen auf Tausend Geburten in Deutschland 159 Abbrüche (=15,9%). In drei Prozent der Fälle kam es zum Abbruch aus medizinischen Gründen oder weil die Schwangerschaft auf eine Vergewaltigung zurückzuführen war.

Als Gründe für den Schwangerschaftsabbruch hören und lesen wir immer wieder:

1) „Ich will selbst entscheiden, was mit meinem Körper geschieht. Da hat mir niemand dreinzureden.“
2) „Ein Kind passt überhaupt nicht in meine Lebensplanung. Ich muss erst einmal beruflich auf eigenen Beinen stehen.“
3) „Keine Frau entscheidet sich leichten Herzens für einen Abbruch. Also hat auch niemand dreinzureden, vor allem kein Mann. Das muss jede Frau letztlich ganz allein entscheiden.“
4) „Ein ungeborener Embryo ist kein Mensch, zumal ihm das Bewusstsein und die subjektive Erlebnisdimension fehlt, die wir als Voraussetzung für Menschenwürde anzusehen haben. Er ist nur eine Art Vormensch. Er ist eine Art vorübergehender Körperteil der Frau.“

Das Recht der Frauen auf Abtreibung wird sehr oft als Grundrecht der Frauen auf einen selbstbestimmten Körper und eine selbstbestimmte Sexualität gesehen. Ich habe mir einige aktuelle Ratgeber – sogenannte Aufklärungsbücher – für Jugendliche durchgesehen. In keinem wird Abtreibung als moralisches oder ethisches Problem gesehen. Es wird als ein Problem gesehen, bei dem jede Frau letztlich nur auf sich selbst gestellt ist und die Verantwortung ganz alleine übernehmen muss.

Auch im umfänglichen Integrations-Ratgeber der deutschen Bundesregierung aus dem Jahr 2008 wird Abtreibung ausschließlich als administrativ-finanztechnisches Problem dargestellt. Jeder Hinweis im Sinne von „Jedes Kind ist in Deutschland willkommen!“ wird strengstens vermieden.

[Beleg: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Chancen durch Integration. Ratgeber für Familien. Information, Beratung, Hilfe für Zuwanderinnen und Zuwanderer. forum integration. Wir machen mit. Stand: 2007. (unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 2008)]

Dementsprechend wäre die geschlechts-selektive Abtreibungspraxis in China nur ethisch verwerflich, sofern sie durch den Staat erzwungen wird, nicht aber sofern die Frauen selbst nach Geschlecht für oder gegen Abtreibung optieren. Die Selbstbestimmung der Frau ist das A und O in der westlichen Darstellung.

Dies entspräche etwa der selektiven Annahme oder Ablehnung bzw. Tötung von neugeborenen Kindern, wie sie dem römischen Familienvater – aber nicht der Mutter – als selbstverständliches Recht bis etwa 319 n. Chr. zustand.

Das „Sanctity-of-Life“-Argument, wie es beispielsweise der australische Philosoph Peter Singer darstellt, taucht freilich in keinem aktuellen Sex-Ratgeber für Jugendliche auf. Verkürzt lautet es so:

1) Menschliches Leben ist prinzipiell unverletzlich oder unverfügbar. Das Leben ist etwas „Heiliges“. Der Mensch soll nicht aktiv entscheiden, welches menschliche Leben weitergeht und welches beendet wird.
2) Wir „haben“ unseren Körper nicht wie eine Sache, sondern wir „sind“ der Körper und müssen insofern die Normen einhalten, die wir für den Umgang mit lebendigen Körpern grundsätzlich anerkennen. Genau so argumentiert übrigens Immanuel Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, wenn er sagt, wir sollten in der Sexualität den anderen Menschen nicht als Mittel zum Zweck missbrauchen, nicht als Objekt zur Erreichung der eigenen Befriedigung nutzen.
3) So wie eine Gesellschaft mit dem allerschwächsten und allerwehrlosesten menschlichsten Leben umgeht, so geht sie mit dem menschlichen Leben überhaupt um.

Peter Singer lehnt übrigens dieses Sanctity-of-life-Argument neuerdings entschlossen ab. Es sei rational und philosophisch nicht begründbar, sondern sei aus der jüdisch-christlich-muslimischen, religiös fundierten Mitleidsethik in die europäische Diskussion eingeschleppt worden. Der Trick der Propheten (Mose, Jesus, Mohammed usw.) dabei sei, dass man das Leben als „gottgegeben“ hingestellt habe. Und gegen das Gottesargument sei argumentativ nichts auszurichten. Die Berufung auf einen Gott sei nichts anderes als das Gegenteil eines rationalen Arguments. Die völlig irrationale Annahme, das Leben sei eine Gabe Gottes, sei ebenso sinnvoll oder sinnlos wie alle anderen Aussagen, denen kein sinnvoller Bedeutungsgehalt zugeschrieben werden könne.

Auffallend an der gegenwärtigen Gerechtigkeits- und Familiendebatte in Deutschland ist, dass stets das Leben der einzelnen Erwachsenen, das Leben der „richtigen Menschen“ also, zum Dreh- und Angelpunkt gemacht wird. Ob eine Gesellschaft gerecht oder ungerecht zu den Frauen ist, wird bei uns danach bemessen, ob sie eine angemessene Quote an gesellschaftlicher und finanzieller Macht erringen können oder nicht. Individuelles Verhalten und politische Maßnahmen werden danach beurteilt, ob sie den erstrebten Zweck – etwa Verringerung der Ungleichheit in der Vermögensverteilung – erreichen.

Keine Partei bringt laut, vernehmlich und überzeugt folgendes Argument, das ich gern mindestens einmal gehört hätte:

„Es ist wichtiger, dass wir als Gesellschaft uns vor allem dem kleinsten und wehrlosesten Leben als barmherzig und hilfreich erweisen. Gerade der unerwünschte Mensch, der kleinste Mensch, der zur falschen Zeit kommt, ist ein Prüfstein für unsere Mitleidsfähigkeit und Barmherzigkeit.  Hierfür bedürfen gerade die allerkleinsten Kinder unseres besonderen Schutzes. Denn sie können ja nicht schreien. Es ist wichtiger, dass wir als Gesellschaft das unvollkommene Menschliche achten, hegen und pflegen, als Frauen mit dem Muster einer starren Quotierung in staatliche Erwartungsmuster hineinzupressen. Jedes menschliche Leben ist willkommen. Leben weiterzugeben, Leben zu hegen und zu pflegen ist schöner und besser als der wirtschaftliche Erfolg und der Reichtum. Und dafür – vor allem dafür – ist nach allem, was wir wissen, die Ehe zwischen Mann und Frau, die sich zu Kindern hin erweitern kann und erweitern soll,  der seit Jahrtausenden unübertroffene Rahmen. Er hat deswegen – und nur deswegen – die Sonderstellung verdient, die ihm vom Grundgesetz zugesprochen worden ist.“

 Posted by at 01:43
Feb 252013
 

Die Geschwindigkeit, mit der die politische Mitte sich tatsächlichen oder gefühlten Mehrheiten, die oft nur angezüchtete Bequemlichkeiten sind, anpasst, ist immer wieder herzerfrischend.  „Was darf’s denn jetzt wieder sein?“, lautet die Frage nach jeder Meinungsumfrage. Entscheidend ist meines Erachtens, dass die CDU derzeit den Bürgern und vor allem dem Hauptstrom der veröffentlichten Meinung  immer mehr Zugeständnisse macht und oft nicht erkennbar ist, wofür sie steht.

Vor allem schreitet die Demontage des Gedankens der Familienverantwortung und die Unterhöhlung der Verantwortung des Einzelnen für andere und für sich selbst in atemberaubenden Tempo voran. In wahrlich nicht nebensächlichen Fragen wie den Anrechten der kleinen und allerkleinsten Kinder auf Leben und auf ihre beiden Eltern, Kritik an der routinemäßig vorgenommenen Abtreibung (etwa 100.000 pro Jahr in Deutschland), Kritik am vorherrschenden Materialismus, Kritik an der „Religion des Geldes“ (wie dies Väterchen Karl Marx nannte) hat die politische Mitte die Fahnen weitestgehend eingezogen. Hier sind es unter den Institutionen nur noch die Religionsgemeinschaften (Christen, Juden, Muslime), die nicht eingeknickt sind.

Allerdings sollte man, wenn man die Mann-Mann-Ehe und die Frau-Frau-Ehe de facto und steuerrechtlich der Mann-Frau-Ehe gleichstellt, dann schon richtig Nägel mit Köpfen machen! Man sollte dann fragen, ob man auch die nach dem Recht der Scharia geschlossene Ehe eines Mannes mit bis zu vier Frauen gleichzeitig (ein häufiger Fall, der im deutschen Sozialrecht routinemäßig anerkannt wird) ebenso zulassen und steuerlich fördern muss wie die Ehe einer Frau mit bis zu vier Männern gleichzeitig (die freilich nach islamischem Recht nicht zulässig ist, aber nach dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes selbstverständlich ebenfalls anerkannt werden muss). Die Diskussion muss geführt werden. Ich bitte darum.

Weitere Beispiele: Die Energiewende ist in der jetzigen Form ein Stück staatsdirigistische Planwirtschaft und droht sogar die Idee der Marktwirtschaft zu beschädigen. – Die plötzliche Abschaffung der Wehrpflicht war unbedacht. – Das viermalige Umschwenken im Atomenergie-Kurs hat viele überfordert, die es zu verstehen suchten. – Die viele Millionen Familien prägende historische Erfahrung der Vertreibungen der Polen, Juden, Ungarn, Slowaken, Tscherkessen, Deutschen, Armenier, Ukrainer, Griechen, Türken usw. von 1917 bis 1949 wird nicht mehr angesprochen, stattdessen wird das nachgeplappert, was ein Meinungskartell über die alleinige Schuld Deutschlands an allem Bösen, das seit 28.06.1914 in Europa geschah, nahezu ausschließlich zu Lasten der Deutschen anschreibt bzw. voneinander abschreibt. Es fehlt demnach der CDU auf Bundesebene empfindlich an einer sinnvollen Geschichts-, Erinnerungs- und Sprachenpolitik. Das Thema „deutsche Nation“ oder „deutsche Sprache“ ist weitgehend unbearbeitet, so überlässt man es lieber fast ausschließlich den Rechtsextremen und einigen Grünen.

Es fehlt der Union an einer breiten inhaltlichen und personellen Aufstellung. Das individualethische Moment – „Es kommt mehr auf das richtige Handeln der Personen an, nicht auf die Verhältnisse“ – ist in der gesamten politischen Öffentlichkeit meines Erachtens nicht mehr so recht erkennbar. Es herrscht eine links-kollektivistische Ethik vor. Deren Credo lautet: „Der Staat, die Politik muss erst einmal die richtigen Rahmenbedingungen setzen, dann werden wir Bürger auch anfangen, uns richtig zu verhalten.“

Die CDU droht sich derzeit zu ihrem eigenen Schaden komplett in der linken Mitte einzunisten und einzuhausen: staatsdirigistisch lenkend, mehr auf die aktuellsten Meinungsumfragen und Massenmedien des Hauptstroms als auf die Bürger und das Volk hörend. Versprechend, lockend, schmeichelnd, verwöhnend! Letztes Beispiel: die Abschaffung der Studiengebühren in den letzten beiden verbleibenden Bundesländern, die sie noch erhoben. Erneut ein Einknicken vor der bequemen Standardformel, mit denen die Bürger von den Politikern eingelullt werden: „Oh Staat, wenn du etwas von willst, musst du uns mehr für das Dasein und das Leisten zahlen! Liebe Politik, Du musst uns das Leben schöner, einfacher, reicher machen!“

Was mir persönlich große Sorgen bereitet, ist genau dieser Populismus der Mitte.

 Posted by at 13:43
Sep 052012
 

„Was hatten die Griechen des Altertums jenseits ihrer uns im Nachhinein fast unfassbaren Zerstrittenheit und kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Antwort: Recht wenig – außer der Verehrung der olympischen Götter, den olympischen Spielen und Homer. So schroff kann man es durchaus sagen.

„Was haben die heutigen europäischen Völker jenseits ihrer im Nachhinein oft unfassbaren kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Kulturell gesehen recht wenig – außer dem Bezug auf die drei mosaischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und einer zivilgesellschaftlichen Tiefenprägung durch das Imperium Romanum.

Einen weiteren Beleg für meine Diagnose eines zutiefst unvollständigen europäischen Bewusstseins meine ich in der Vernachlässigung all jener Richtungen des Christentums zu erkennen, die weder dem römisch-katholischen noch dem evangelischen Flügel zuzuordnen sind. Die Kirchenspaltung, zu deren Überwindung heute namhafte deutsche Laien aufrufen (siehe FAZ S. 1), wird in Deutschland und in Westeuropa ausschließlich als die Trennung zwischen römisch-katholisch und evangelisch gesehen.

Dabei gehören der EU mit Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien vier Länder an, deren Bevölkerung sich mit über 80%, ja bis zu 97%  zum Christentum bekennt, wenngleich sie weder römisch-katholisch noch evangelisch bzw. protestantisch sind.

„Wie denn das?“ Antwort: Während die Völker des europäischen Westens das Neue Testament in lateinischer Sprache empfingen, empfingen es die Völker des Ostens in griechischer Sprache. Diese Völker gehören zum weiten Bereich des orthodoxen Christentums. Die Spaltung zwischen orthodoxem und lateinischem Christentum datiert wesentlich auf das Jahr 1054.

Die Bibel, also erstens der ältere hebräische Teil, bei den Christen Altes Testament genannt, verbunden zweitens mit dem Neuen Testament der Christen ist in der Tat neben der paganen Antike eine überaus wichtige kulturelle Klammer, welche die beiden Lungenflügel Europas zusammenhält, in ihrer Bedeutung vergleichbar den Gesängen Homers oder den Olympischen Spielen für das alte Hellas.

Das gilt unabhängig davon, ob man sich zur Person Jesu Christi bekennt oder nicht, also ob man „Christ“ ist oder nicht. Und selbstverständlich sind die biblischen Geschichten auch überreich im Koran der Muslime weitergeführt, wenngleich unter leicht veränderten Namen. So heißt unsere Maria, die hebräische Miriam, dort auf arabisch Meryam.

Hebräischer Tenach, christliches Neues Testament, neuerdings auch muslimischer Koran – ohne eine Befassung mit diesen drei Büchern wird man Europa kaum vollständig ausbuchstabieren können.

Und deshalb meine ich: das ganze Christentum sollten wir in den Blick nehmen – nicht nur den westlichen Lungenflügel.

 Posted by at 13:53

Der Unnennbare

 Religionen  Kommentare deaktiviert für Der Unnennbare
Feb 282012
 

Man könnte nun meinen, der unerkennbare, sich verhüllende Gott sei eine Besonderheit der jüdischen und der christlichen Religion.

Aber nein, so ist es nicht. Auch im Islam ist Gott, oder „der-Gott“, wie er auf Arabisch heißt, grundsätzlich in seiner Gänze nicht erkennbar. Sehr wohl aber werden ihm – ebenso wie im Judentum und Christentum – Eigenschaften in Gestalt von Namen beigelegt, etwa der All-Erbarmer, der Huldreiche usw. usw. 

Genau wie im Judentum und im Christentum.

Der Berliner Journalistin Mely Kiyak ist zu danken, dass sie sich der mühevollen Arbeit der genauen Übersetzung der Rede von Ismail Yozgat unterzogen hat, an deren Beginn genau diese Beilegung erfolgt:

Kolumne: Lieber Ismail Yozgat! | Meinung – Berliner Zeitung
„Bismillahi r-rahmani r-ahimi. Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen: Guten Tag an alle. Lieber Präsident, liebe Bundeskanzlerin, liebe Gäste, ich grüße Sie alle in Respekt.

 Posted by at 18:55

Kultureller Reichtum für alle Kinder statt „Kinderarmut“!

 Europäisches Lesebuch, Integration durch Kultur?, Kinder, Religionen, Sprachenvielfalt, Vorbildlichkeit  Kommentare deaktiviert für Kultureller Reichtum für alle Kinder statt „Kinderarmut“!
Mai 132011
 

affe-in-waldsieversdorf-011.jpg Ein Wort, bei dem ich nur noch laut auflachen kann, ist das Wort „Kinderarmut“. Es wird so getan, als hätten die Kinder in Berlin, „der Hauptstadt der Kinderarmut“, zu wenig Kram, zu wenig Geld, zu wenig Zerstreuung, zu wenig Hab und Gut. Ein leider fest verwurzelter, wirklich nur noch lachhafter Unsinn! Eine jener grandiosen Dummheiten, die unauslöschlich die politische Debatte durchziehen! Oder sagen wir es mal so: Es gibt in der Tat eine große kulturelle Öde, eine geistige Kinderarmut, ausgelöst durch materielle Überversorgung, durch den Versorgungs- und Verschwendungsstaat, genannt Bundesrepublik Deutschland. Die armen Kinder kommen vor lauter Fernsehen, Computer, Wii und Nintendo nicht mehr in Kontakt mit dem „Reichtum“ der Kultur.

Ich meine im Gegensatz dazu:

Alle Berliner Kinder sollen frühzeitig mit großen Leitwerken und Leitwerten der europäischen und orientalischen Kulturen bekannt gemacht werden. An den Berliner Schulen ist leider ein äußerst zaghafter Umgang mit den großen europäischen und den orientalischen Kulturen der vergangenen Jahrhunderte zu beklagen, als hätten die Schulen Angst, den Kindern etwas anzubieten, was nicht vollständig den Wertvorstellungen und mehr oder minder erleuchteten geistigen Moden des Jahres 2011 entspricht. 

Die Kinder, aber vor allem die männlichen Jugendlichen wachsen bei uns in einer Öde, in einem kulturellen Vakuum heran, das dann von elektronischen Medien aufgefüllt wird. Die Kinder sind völlig wehrlos im Griff der kommerziellen Pop-Kultur und der glitzernden Verheißungen der Warenwelt.

Riesige Themenbereiche scheinen mittlerweile völlig ausgeklammert zu werden, so etwa die Fabeln und Märchen, die Gedichte der klassischen Autoren (soweit für Kinder fasslich), die Mythen und Sagen, die Religionen und die Motive der mündlichen Erzählung, des Singens und des Tanzens.

Die Schulen berauben die Kinder in ihrer prägbarsten Phase des Zugangs zu den reichen Quellen unserer europäischen und orientalischen Kulturen. Das muss sich ändern. Deutschland und Europa dürfen in den Berliner Schulen nicht als blinder Fleck erscheinen. Warum sollen Grundschulkinder nicht bereits erfahren, wer Odysseus oder Sindbad der Seefahrer waren? Warum sollten sie nicht wissen, dass der arabische Burâq unserem griechischen Kentauren entspricht? Warum sollten sie nicht Goethes „Ein großer Teich war zugefroren“ oder Schillers „Kraniche des Ibykus“ lesen und auswendig lernen? Warum nicht Heines „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ singen? Warum nicht Teile aus Mozarts Zauberflöte oder Bachs Matthäuspassion hören und mitsummen?

 Posted by at 11:26

Von Vorbildern lernen – Schulgelöbnisse einführen – Herkunftskulturen integrieren!

 Europäisches Lesebuch, Integration, Integration durch Kultur?, Kinder, Religionen, Sprachenvielfalt, Vorbildlichkeit  Kommentare deaktiviert für Von Vorbildern lernen – Schulgelöbnisse einführen – Herkunftskulturen integrieren!
Apr 072010
 

Mittlerweile habe ich meine Anregungen für den Integrationskongress der Berliner CDU, der am 13.04.2010 stattfinden wird, schriftlich eingereicht. Zu den Vorschlägen, die ich unterbreite, gehören auch folgende:

 Zeichen der Zugehörigkeit setzen!

Jede Berliner Schule sollte allen Kindern ein äußeres Zeichen der Zugehörigkeit anbieten. Das kann ein Schulpullover sein, das kann und soll ein Schulwimpel sein, das kann und soll eine Schulhymne sein. Auch ein regelmäßiges Schulgelöbnis nach dem Vorbild des türkischen Türküm, doğruyum, çalışkanım  ist empfehlenswert.

Mit solchen Symbolen des Dazugehörens wird laut und deutlich verkündet: “Du gehörst dazu. Jede, die den Schulpullover trägt, ist eine von uns! Jeder, der den Schulwimpel trägt, ist einer von uns!”

Kulturelle Erfahrungsräume an den Schulen schaffen!

Berlins Schülerinnen und Schüler aus Zuwanderungsländern wachsen heute vielfach in einem kulturellen Vakuum auf. Die kommerziellen Medien der Unterhaltungsindustrie (arabisches und türkisches Fernsehen, Internet, Spiele) bestimmen neben oftmals überforderten oder vernachlässigenden Eltern ihre Vorstellungswelt. Da der Staat Angst davor  hat, die Lernenden durch die Zumutungen der großen Werke zu verlieren, verzichtet er – im Gegensatz zu Schulsystemen des Nahen und Mittleren Ostens – fast völlig auf die frühzeitige Vermittlung der großen, zeitüberdauernden Namen. Von herausragender Bedeutung für gelingende Integration ist jedoch die Anerkennung und Pflege des kulturprägenden  Erbes der beteiligten Kulturen. Die herausragenden Leistungen der deutschen und der europäischen Kulturen, etwa die Werke Homers, Platons, Johann Sebastian Bachs, Johann Wolfgang Goethes und Immanuel Kants sollen von der Grundschule an gezeigt, erschlossen, gepflegt  und anempfohlen werden. Dazu sollen Kenntnisse der wichtigen Werke aus den Herkunftsländern treten, etwa die Werke Mevlanas oder die Gedichte Hafis‘.

Die Texte in den Schulbüchern spielen heute vorwiegend in einem neutralen Umfeld. Sie sollten jedoch reiches, wiedererkennbares Material aus den  kulturellen Erfahrungsräumen Deutschlands und der Herkunftsländer anbieten.

Soweit meine Anregungen.

Interessant: Die taz berichtet heute über die erste afrozentrische Schule in Kanada. Selbstverständlich wird dort größter Wert auf Englisch und Französisch gelegt. Aber daneben sollen die Kinder auch ein paar Brocken Suaheli lernen. Dort, an der Kanadischen Schule, machen sie bereits jetzt genau das, was ich für Berlins Schulen vorschlage: Klarer Akzent auf das Vorbild „großer Männer und großer Frauen“, Pflege der Hochkultur der beteiligten Länder – selbstverständlich in den Landessprachen Englisch und Französisch, Schulgelöbnis, klare Selbstverpflichtung zu bestimmten Tugenden wie Fleiß, Leistung, Wettbewerb. Jeden Morgen singen die Kinder die kanadische Nationalhymne. Ich denke, es wäre wichtig, dass auch die Berliner Kinder im Einwanderungsland Deutschland recht häufig die deutsche Nationalhymne sängen. Nicht auf Suaheli, nicht auf Arabisch, sondern auf Deutsch. Es muss nicht jeden Morgen sein wie im vorbildlichen Einwanderungsland Kanada. Und daneben sollten alle Kinder im Unterricht auch etwas über arabische, über armenische, über türkische Kultur erfahren. Bitte kein kulturelles Niemandsland aufkommen lassen – wie es heute besteht.

So läuft es. So kann es auch bei uns in Berlin laufen. Ist das denn alles so schwer?

 Positives Umfeld: Kanadas schwarze Schule – taz.de
Die Kinder sollen von Vorbildern lernen. An den Wänden hängen Bilder von berühmten Zeitgenossen afrikanischer Abstammung – Nelson Mandela etwa oder Michaëlle Jean, der in Haiti geborenen Generalgouverneurin Kanadas. Das Curriculum folgt den Richtlinien der Provinz Ontario, deren Hauptstadt Toronto ist. Doch Rektorin Hyman-Aman und das Lehrerkollegium versuchen, so viel afrikanische Elemente wie möglich in den Schulalltag zu integrieren. Die Kinder lernen afrikanische Tänze, ein paar Brocken Suaheli und können nach der Schule trommeln lernen. Sooft es geht, lesen sie Bücher schwarzer Autoren im Unterricht und studieren afrikanische Geschichte. Traditionelle afrikanische Spiele werden in den Mathematikunterricht integriert.

Nach der kanadischen Nationalhymne singen die Schüler jeden Morgen die von einem Afroamerikaner Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebene schwarze Nationalhymne „Erhebt alle Stimmen und singt“. Jeden Tag schwören die Kinder bei der Schulversammlung, stets ihr Bestes zu geben.Wir wollen, dass die Kinder die Führer von morgen werden. Sie sollen nicht nur über ihre Herkunft lernen, sondern Wissen über die ganze Welt erlangen und lernen, wo ihr Platz darin ist, was sie tun können, um Dinge zu ändern„, sagt Hyman-Aman.

 Posted by at 15:18