Von der Überflüssigkeit der weiteren Opfer

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Apr 052017
 

Gutes, dankbares, weidliches Nachblättern im Sündenbock, den uns René Girard geschenkt hat!  Dieser Autor ist einer der wenigen Kulturwissenschaftler unserer Jahre, die es wirklich auf sich genommen haben, die Evangelien genauestens anzuhören, sie wieder und wieder zu lesen, im griechischen Original ebenso wie in den verschiedenen modernen Sprachen. Er empfiehlt sogar, mithilfe des Sich-Versenkens in den Wortlaut der Evangelien andere Sprachen von innen zu erkunden, wenn er sagt:

Quand on connait les Évangiles, leur traduction dans une lange inconnue est un excellent moyen de pénétrer, à peu de frais, dans l’intimité de cette langue.

Zentral ist bei diesem Bemühen für Girard die Passionserzählung, insbesondere in der Fassung des Johannes, des vierten Evangelisten; ihr widmet er zwei ganze Kapitel seines Büchleins. Die Verurteilung und Hinrichtung Jesu deutet Girard als den Widerhall, die Überbietung, die Zusammenfassung und die Überwindung aller bisherigen Opferungen.

Hart in der Nähe des weltberühmten Mahnmals,  mit dem deutsche Erinnerungskultur sich ein Denkmal gesetzt hat, fügen wir noch einige unvorgreifliche Gedanken an, die sich aus einigen Gesprächen mit Holocaustforscherinnen und -forschern meiner Bekanntschaft ergeben haben:

Das übliche, in der judengriechischen Bibel, der Septuaginta hunderte Male vorkommende Wort für die ganzkörperlichen Opfer ist der Holokaust, die Holokausts (meist im Plural ὁλοκαυτώματα / holokautomata verwendet). Wer hätte das gedacht, dass die prophetischen Bücher der jüdisch-griechischen Bibel so oft von den Holokausts sprechen und den ständigen, zunehmend trivialisierten Bezug auf die Holokausts wieder und wieder verwerfen und zurückweisen!

Hier nur ein Beispiel für viele mögliche andere, entnommen  aus Buch Amos 5:

21μεμίσηκα ἀπῶσμαι ἑορτὰς ὑμῶν καὶ οὐ μὴ ὀσφρανθῶ ἐν ταῖς πανηγύρεσιν ὑμῶν·

22διότι καὶ ἐὰν ἐνέγκητέ μοι ὁλοκαυτώματα καὶ θυσίας ὑμῶν, οὐ προσδέξομαι αὐτά, καὶ σωτηρίου ἐπιφανείας ὑμῶν οὐκ ἐπιβλέψομαι.

Wir halten fest: Mehrfach hat er sich in den Schriften des Judentums über den Mund der Propheten (etwa Amos, etwa Jeremias) beschwert, dass die Menschen ihm mit ihren Holokausts in den Ohren lägen. Ich mag eure Holokausts nicht mehr, ich kann sie nicht mehr riechen, spricht er.

Nach diesem Tod Jesu, so die Deutung, die bereits der Brief an die Hebräer vorgeformt hatte, werden vollends nicht nur die ritualisierten Tieropfer entbehrlich, vielmehr wird jedes weitere ganzkörperliche Opfer überflüssig; kein einzelner muss mehr sterben, damit das Volk leben kann. Das Leiden als solches um eines höheren Zieles willen ist nichts, womit man Gott beeindrucken könnte.

All die Opfer, mit denen die Menschen Gott in den Ohren liegen, werden nach Golgatha überflüssig.  Das Geschehen am Golgatha ist das letzthinnige Opfer; danach wird der Opfergedanke entkräftet; kein Mensch soll mehr geopfert werden, kein Mensch soll mehr sterben für ein größeres Ziel; Gott will keine ganzkörperlichen Opfer mehr! Wir werden vom Gedanken der Opferung befreit oder erlöst, wobei Befreiung und Erlösung häufig als Synonyme auftreten.

Nur noch die Erinnerung an das letzthinnige Opfer, der ritualisierte, symbolische Nachvollzug, der bleibt, in der Sprache, in den Sprachen, im Wort, in den Künsten, im Gespräch.

 

René Girard: Le Bouc émissaire. Grasset, Paris 1982; darin insbesondere: Les maîtres mots de la passion évangélique, S. 151-167; Qu’un seul homme meure…, S. 167-186. Zitat hier: S. 227

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„Der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“. Giulio Tremontis treffende Metapher

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Jan 172017
 

„La talpa del popolo ha minato la cattedrale della globalizzazione – „der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“, mit diesem sehr treffenden Vergleich hat Giulio Tremonti, der bekannte europäische Hochschulprofessor und Jurist  gestern Nachmittag etwa um 17 Uhr  in dem Fernsehsender RAI news 24 die aktuelle Weltlage in ein sehr aussagefähiges Bild gefasst (hier sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergegeben).

Ein sehr hörenswertes Interview! Die Globalisierung, so der gute Europäer Tremonti, sei seit dem Fall der Berliner Mauer eine Religion geworden. Auf dem Grundgedanken des weltweit einheitlichen Marktes habe man den einheitlichen Verbraucher erstehen lassen wollen. Man habe sich bemüht, eine Art Homo novus zu schaffen, unabhängig davon, ob die Menschen (also das Volk, il popolo) dies wolle oder nicht. Traditionen, gewachsene Bindungen, Herkünfte seien eingeebnet worden, um darauf die Kathedrale des einheitlichen Marktes zu errichten.

Bei dem Bemühen eine neue einheitliche Welt mit einem neuen einheitlichen homo consumator zu schaffen, sei zu viel in zu kurzer Zeit angepackt worden. Er selbst habe während seiner aktiven Zeit als italienischer Minister vergeblich versucht, längere Übergangsfristen zu bewirken, z.B. durch die Beibehaltung oder Einführung von Übergangszöllen, die den Schock der plötzlichen Einebnung beim Bau der Kathedrale hätten abmildern sollen.

Doch das Volk, dieser Maulwurf, habe sich nicht an die Wünsche der Herren und Meister der Globalisierung gebunden gefühlt. Mittlerweile habe das Volk die Kathedrale zu unterwühlen begonnen.

Spannend, finde ich! Man sollte darüber diskutieren. Tremonti merkt zu recht an, dass der Glaube an die Einheit des Marktes, der Glaube an den einheitlichen neuen Verbraucher, der Glaube an die Einigungskraft des Geldes eine echte politische Religion geworden ist, in deren Dienst sich viele Politiker gestellt haben. Alte Bindungen an Herkünfte, Sprachen, Orte, der Glaube an Gott und Götter, an Kunst und Sitten, an bestehende Rechtsordnungen werden ausgehebelt. Nichts darf dem Bau der einen einzigen überragenden Kathedrale entgegenstehen.

Nur das störende, störrische Volk sperrt sich gegen diesen Vorgang, denn – il popolo è populista, das Volk ist nun mal populistisch. Es ist ja sein Wesen.

Ähnlich, wenn auch nicht so brillant zugespitzt  formuliert wie bei dem live gesendeten Interview von RAI News äußerte sich Tremonti auch im Corriere della sera (Fettdruck durch dieses Blog):

Professore, non le pare eccessivo evocare l’estinzione della globalizzazione?
«Qualche giorno dopo le elezioni americane, Obama disse a Berlino che la vittoria di Trump non sarebbe stata la fine del mondo. Non è stata la fine del mondo ma sarà la fine di “un” mondo. La giovane talpa populista ha via via scavato il terreno su cui la globalizzazione aveva costruito nell’ultimo ventennio la sua cattedrale».

http://www.corriere.it/esteri/17_gennaio_16/donald-trump-fa-storia-finita-utopia-globalizzazione-giulio-tremonti-intervista-ff95f7c8-db5e-11e6-8da6-59efe3faefec.shtml?refresh_ce-cp

 

Bild: Eine Kathedrale der Zukunft wird in Mailand gebaut

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Ich habe genug

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Jan 122017
 

 

 

 

 

 

Am Sonntag, dem letzten Tag der Weihnachtszeit, hörte ich vormittags eine Radiosendung mit Musik im rbb Kulturradio:
So 08.01.2017 | 09:04 | Gott und die Welt. Drehtür Glauben. Wenn Menschen zur Kirche zurückfinden. Von Matthias Bertsch

Der Autor hat das Thema Kirchenaustritt und Wiederannäherung auf gewundenen Pfaden, so meine ich, in vier ausgewählten Stimmen in den wesentlichen Aspekten glaubwürdig eingefangen. Die Musik Johann Sebastian Bachs aus der Kantate „Ich habe genug“ entfaltete dazwischen  ihre überwältigende Kraft geradezu „gnadenlos“ – wieder einmal! So ist er halt, unser Bach. Unwiderstehlich. Er ist einer der Brückenbauer für verirrte Schafe, für Wege zurück.

Die leuchtende schöne Weihnachtszeit klang  mit einem abendlichen Konzert und Chören und einem kleinen Orchester und strahlenden Kinderaugen in der Kirche St. Bonifatius aus. Ich selbst fiedelte am Pult der Bratsche, das Instrument unters Kinn geklemmt, das Bach mit Vorliebe im Orchester spielte.

Die Chöre der Gemeinde haben mich nachhaltig inspiriert, und ich wünsche ihnen weiterhin diesen Eifer und diese von oben herabströmende Begeisterung. Ihnen steht die Gewalt der Hl. Cäcilie zu Gebote, die die wilden Tiere an den Streicherpulten mühelos bändigt!

Ich habe genug!
Ein Dankeschön den Chören

Bin nur ein armer Spielmann, kaum beacht,
meist mild belächelt, oft verlacht,
die Zahl der Noten, die ich spiel,
ist recht gering, drum hör ich viel,
denn ich hab Ohren groß und weit,
zum Zuhören sind sie bereit,
was andre spielen, andre singen,
das bringt in mir das Herz zum Klingen,
drum dank ich euch, Ihr Sängerinnen,
Ihr Sänger, die ihr singt im Geistesbraus,
die Töne in mir weiterschwingen,
sie leuchten, stärken, machen klug,
Ich packe ein und geh nachhaus.

Ich habe genug.

Bild: ein Schneemann, gestern Abend am Gasometer in Schöneberg

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Feb 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

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„La vera Europa, l’Europa dell’euro, l’Europa del centro-nord… “ Der Mahnruf Mario Montis

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Feb 042016
 

Zu den wirklich guten europäischen Sendungen zähle ich das studio24 des italienischen Senders RAINews, das ich bei Gelegenheit immer wieder einmal vormittags einschalte. Klug ausgewählte Fachleute aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Währung, Politik, ehemalige hochrangige Politiker und auch Fachpolitiker aus der zweiten Reihe kommen dort zu Wort. Keine Schaumschläger, keine Quasselstrippen.

Ich glaube, dass man in den Fachkreisen südlich der Alpen die im Norden der Alpen laufende Debatte durchaus mit wachen, klugen, kritischen Ohren und mit klug abwägendem Sinn verfolgt.

Herrliche Dialoge entspannen sich soeben in der heutigen Folge, an der neben anderen Senator Mario Monti und der stellv. Direktor des Corriere della sera Federico Fubini teilnahmen.

Monti malte die Gefahr an die Wand, es könne bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Politiken der nationalen Regierungen zu einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro (was niemand wünsche) und folglich dann zu einem Auseinanderbrechen der Europäischen Union zwischen dem eigentlichen, dem echten Europa, also dem Europa im Norden und in der Mitte Europas einerseits und dem Europa im Mittelmeerraum andererseits kommen. Als „wahres Europa“ (L’Europa vera, la vera Europa) bezeichnete Monti ausdrücklich das Europa des Euro. Gemeint sind damit jene Länder der Europäischen Union, die den Euro eingeführt haben.

Bedarf es noch eines weiteren Beweises? Der Euro, die über alles geliebte Währung, wird wieder einmal, zum hundertsten oder auch zum tausendsten Male als die Sinnklammer, das allesentscheidende, das einzige Kriterium der Zugehörigkeit zum wahren Europa verkündet. Das ist die gängige Lehre.

Die gängige Lehre behauptet – und wir übersetzen die gängige Euro-Ideologie einmal in eine theologische Sprache – dadurch wird manches klarer:

„So wie jemand, der nicht an Jesus Christus glaubt, kein wahrer Christ sein kann, so kann auch jemand, der nicht an den Euro glaubt, kein wahrer Europäer sein.“ Darauf läuft es hinaus. Der Euro ist alternativlos. Ein nominalistischer Taschenspielertrick der Geldfüchse. An den Euro hat die Europäische Union ihr ganzes Sinnen und Trachten, ihre ganze pseudoreligiöse Inbrunst gehängt. Gefordert ist also Zuneigung zum euro, simpatia verso l’euro, idolatria del denaro, Götzendienst am Gelde!

Wir dürfen zweifellos sagen: L’euro è il vitello d’oro dell’Unione europea. Der Euro ist das Goldene Kalb der Europäischen Union. EUROPA = EURO. Ganz Europa tanzt nach der Pfeife des Euros.

„La non-simpatia verso l’Europa, cioè la non-simpatia verso l’euro…“ – die Abneigung gegen Europa, das heißt die Abneigung gegen den Euro, diesen Eindruck gelte es zu vermeiden, so lautete die eindeutige Aufforderung Mario Montis an die amtierende italienische Regierung.

Das vormittägliche studio24 von RAI News ist allen Nordeuropäern sehr zu empfehlen.

http://www.rainews.it/dl/rainews/live/ContentItem-3156f2f2-dc70-4953-8e2f-70d7489d4ce9.html

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Darf man heute immer noch straffrei behaupten, die Erde sei keine Kugel?

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Nov 132015
 

„Es ist müßig, mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren“, sagte er demnach. Auf die Behauptung Haverbecks, dass es keine Beweise für den Holocaust gebe, habe der Richter geantwortet: „Ich muss auch nicht beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.“

Mit dieser Begründung steckte ein Hamburger Amtsrichter gestern eine 87 Jahre alte Dame für 10 Monate ohne Bewährung ins Gefängnis. Ihre Straftat: Sie leugnete zum wiederholten Male den Holocaust.

Völlig richtig, Herr Richter! Es ist unnötig mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren. Muss man allerdings Leute akzeptieren, die bestreiten, dass die Erde eine Kugel ist? Muss man es hinnehmen, wenn jemand behauptet, dass die Erde keine Kugel sei, sondern ein abgeflachtes Rotationsellipsoid, also ein geometrisch unregelmäßig geformter, leicht abgeplatteter Körper?

Wer hat nun recht: Der Hamburger Amtsrichter, der die Tatsache behauptet, dass die Erde eine Kugel ist, oder der Wissenschaftler, der behauptet, die Erde sei ein abgeflachtes Rotationsellipsoid?

Ich meine: Das Leugnen von Tatsachen, das Lügen lässt sich als solches nicht bestrafen – außer, ja außer bei Tatsachen, die als wesentlich, als unverzichtbar, als im Sinne einer bestimmten Gesellschaft als schlechterdings nicht bezweifelbar gelten.

Unbezweifelbare Tatsachen werden seit Jahrhunderten unter Strafandrohung gestellt.

So galt jahrhundertelang Gotteslästerung oder Gottesleugnung als strafwürdiges Verbrechen; viele hartnäckige Gotteslästerer wurden durch Hinrichtung bestraft, z.B. Jesus, Giordano Bruno, Jan Hus oder Sokrates. Die Existenz Gottes bzw. die Existenz der Götter galten als unumstößliche Tatsache; Zweifel an dieser millionenfach bewiesenen Tatsache wurden bestraft.

In der Bundesrepublik gibt es heute nur ein klassisches Meinungsdelikt, im Grunde wird nur noch eine falsche Meinung, wird eine Lüge unter Strafe gestellt: die Holocaustleugnung. Man darf in Deutschland den ukrainischen Holodomor leugnen, man darf die systematische Ermordung von vielen Millionen sowjetischer Zivilisten während des 2. Weltkrieges schweigend übergehen. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Jakow M. Swerdlow die Zarenfamilie erschießen ließ. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Leo Trotzkij den systematischen Mord an Zivilisten, die systematische Vernichtung der Klassenfeinde befahl. Man darf die Kolonialgreuel in Belgisch-Kongo ignorieren oder leugnen. Man darf die Massenmorde des Pol Pot und der chinesischen Maoisten übersehen oder leugnen. Nur den Holocaust darf man nicht leugnen. Er ist in der Strafrechtspraxis das Factum absolutum der deutschen Rechtsordnung geworden.

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor fasst diesen Prozess der Sakralisierung und absoluten Überhöhung des Holocaust im Anschluss an Überlegungen Alain Finkielkrauts so zusammen: „The Holocaust alone can provide the definition of evil.“ „Der Holocaust allein kann die Definition des Bösen liefern.“

Die enormen Vorteile dieser Absolutsetzung, dieser Sakralisierung des Holocausts als des schlechthin Bösen liegen auf der Hand. Es wird im Nu alles so einfach in der Welt!

Erstens, er ist vorbei. Er liegt in der Vergangenheit. Laor schreibt: „The great advantage of this is that the Holocaust took place in the past and is now over; we can congratulate ourselves on having awoken from a nightmare.“ Er ist damit der Nullpunkt der moralischen Argumentation geworden. Das absolute Böse, der Holocaust, ist glücklicherweise vergangen; solange man den Holocaust erinnert und eine Wiederholung des Holocaust verhindert, ist alles andere ja nur halb so schlimm. Das Wichtigste, aber auch das Tolle, das Phantastische, das Herrliche an der Weltgeschichte ist, dass der Holocaust einzigartig ist und sich deshalb nicht wiederholen kann. Es wird also automatisch alles immer besser in der Weltgeschichte, solange man nur verhindert, dass der Holocaust sich wiederholt.

Zweitens, es gibt ein eindeutiges Tätervolk, das dafür „Schuld und Verantwortung trägt“, wie es der Deutsche Bundestag erst kürzlich wieder festgestellt hat: die Deutschen, oder besser gesagt: „wir Deutschen“. Die Vorteile für alle anderen europäischen Staaten, die in den Jahren 1939-1945 vorübergehend oder dauerhaft mit dem Deutschen Reich verbündet waren (Sowjetunion, Finnland, Frankreich, Italien) sind unleugbar: Die Deutschen sind das Tätervolk.

Drittens: Die Holocaustleugnung und die ganze Klasse verwandter Delikte lassen sich problemlos unter Strafe stellen. Holocaustleugnung, aber mittlerweile auch die Historisierung, die historische Einbettung des Holocausts in eine Ereigniskette, die Relativierung, die Vergleichung des Holocausts mit anderen systematischen Ausrottungspolitiken der Weltgeschichte ist ein in der deutschen Öffentlichkeit weithin als solches eingestuftes Meinungsdelikt. Dieses Meinungsdelikt zu begehen erweist sich immer wieder als selbstmörderisch für den eigenen Ruf. Man kann nur davor warnen. Selbst bestens ausgewiesene Historiker wie Ernst Nolte haben wegen dieses Meinungsdelikts ihren früher guten Ruf, Politiker wie Martin Hohmann, Schriftsteller wie Martin Walser haben aufgrund dieses Delikts ihren bis dahin unbescholtenen Leumund eingebüßt. Sie stehen bis heute am Pranger.

Viertens: Unabhängig von Geisteszustand oder Alter des Meinungsverbrechers erreicht die deutsche Justiz und die deutsche Gesellschaft die Gewissheit, auf der Seite des absoluten Guten zu stehen. Denn wer gegen die Leugnung des absoluten Bösen kämpft, muss auf der Seite des Guten stehen.

Fünftens: Das Verbot der Holocaustleugnung hat einen umfassenden, disziplinierenden Effekt auf die öffentliche Meinung. Der gemeine Bürger fängt aus Angst im Unterbewusstsein schon an zu überlegen: „Es gibt also Lügen, die in Deutschland unter staatliche Strafe gestellt werden. Wenn schon eine 87-jährige Frau, eine offenkundig verwirrte oder fanatisch verblendete ältere Dame wegen einer sonnenklaren geschichtlichen Lüge für 10 Monate ins Gefängnis gesteckt wird, hmm, darf ich das oder das dann noch sagen? Darf man noch an unumstößlichen Tatsachen zweifeln, z.B. an der Konstantinischen Schenkung, an der Goldenen Bulle, am Holodomor, an den Stalinschen Säuberungen, an der Sinnhaftigkeit des Euro, an der Legitimität der Rechtsakte der Europäischen Union? Darf man noch am Klimawandel zweifeln, oder wird man dafür irgendwann auch ins Gefängnis gesteckt werden?“

Der Staat bestraft falsche Meinungen, der deutsche Staat bestraft das hartnäckige Lügen, sofern er ihm das Potenzial zur Volksverhetzung beimisst. Das dürfen wir nie vergessen.

Das gestern ergangene Urteil des Hamburger Amtsrichters wirft – trotz aller hier aufgewiesenen strategischen Vorteile, die mit ihm einhergehen – viele Fragen auf.

Belege:
Yitzhak Laor: The Shoah Belongs to Us (Us, the Non-Muslims). In derselbe: The Myths of Liberal Zionism. Verlag Verso, London New York 2009, S. 15-35, hier bsd. S. 32

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/nazi-oma–87-jaehrige-ursula-haverbeck-muss-wegen-holocaust-leugnung-in-haft-6551784.html

 Posted by at 13:15

„Das Eifern für den eifernden Gott ist dem Monotheismus eingeschrieben“

 31. Oktober 1517, Religionen  Kommentare deaktiviert für „Das Eifern für den eifernden Gott ist dem Monotheismus eingeschrieben“
Nov 032014
 

2014-08-13 17.31.43

 

 

 

 

 

 

 

Dem Monotheismus ist eine Anlage zum Zelotismus  – zum (auch) gewalttätigen Eifern für den eifernden Gott eingeschrieben, der mit der Verteufelung der Bilder zusammenhängt.“

So sprach der Ägyptologe Jan Assmann am Reformationstag in der fünften seiner bewusst zugespitzten, gleichsam keilschriftartig verknappten Thesen bei der Disputation in der Wittenberger Leukorea.

Der Disputant Ralf Elger, Islamwissenschaftler und Arabist an der Martin-Luther-Universität,  bemerkte diesen metaphorischen Gebrauch des Verbums „einschreiben“, er bezeichnete das Verbum „einschreiben“ als ein neuartiges, geradezu modisches, ihn offenkundig nicht überzeugendes  Sprachbild.

Neuartig, modischer Sprachgebrauch? Ein Blick in den vielfältigen Gebrauch des Wortes „einschreiben“ vermag zu enthüllen, dass bereits im 3. Jh. v. Chr. dieser metaphorische Gebrauch des Tätigkeitswortes „einschreiben“ gut belegt ist!

Hier ein paar Belege aus dem Liddell-Scott-Wörterbuch! Besonders hervorzuheben, wie Xenophon in seiner Kyrupädie schreibt, den Menschen könnten gewisse „Gedanken“ eingeschrieben, „eingeritzt“ werden wie etwa die Inschriften auf den Spruchbändern eines ägyptischen Obelisken!

 

ἐγγράφω engrave, inscribe, ἐν τῇσι στήλῃσι Hdt.2.102, cf. 4.91; νόμους Lys. 30.2 of codifiers, opp. ἐξαλείφω: —Med., ἢν ἐγγράφου σὺ μνήμοσιν δέλτοις φρενῶν A.Pr.789:— Pass., to be written in, ἐνεγέγραπτο δὲ τάδε ἐν αὐτῇ sc. τῇ ἐπιστολῇ Th.1.128; αὑτὸν εὗρεν ἐγγεγραμμένον κτείνειν found his name entered in the letter for execution, ib. 132; δέλτον ἐγγεγραμμένην συνθήμαθ’ S. Tr.157. 4. metaph., εἰ μέλλουσι τοιαῦται διάνοιαι ἐγγραφήσεσθαι ἀνθρώποις X.Cyr.3.3.52. 5. Geom., inscribe a figure in another, εἰς . . Euc.4.4, al.; ἐν . . Archim.Sph. Cyl.1

Assmann entfaltete vor dem dichtgedrängten, staunend lauschenden Publikum seine Gedanken häufig in bildlichen Wendungen, die das Gemeinte besser hervortreten lassen als es rein begriffliche Abstraktion vermöchte.

Einen besonders schönen Beleg für diesen übertragenen Gebrauch des Wortes einschreiben fand ich in meinem Gedächtnis bei Andreas Gryphius, und zwar in seinem Sonnett auf den dritten Ostertag:

Doch wenn mich dünckt/ daß ich im Elend itzt vergeh/
Vnd meine daß vor mich kein Mittel zu gewinnen/
So werd ich deiner Hülff vnd gegenwart recht innen/
Vnd daß in deine Hand ich eingeschriben steh:
Denn sagstu wie der Zorn deß Höchsten abgelehnet
Wie Gott mit mir zu fried’/ vnd wie du mich versöhnet.
Denn lern ich/ daß ich Fleisch/ gleich deinem Fleische sey.

Der Mensch ist eingeschrieben in die Hand Gottes – das ist doch ein herrliches Bild! Man möchte es jedem Sterbenden hinterherrufen, dessen Dasein verweht und vergeht. „Du bist eingeschrieben in die Hand des Höchsten!“ Nicht eingemeißelt, sondern weich hineingezeichnet, hineingedrückt in die Hand eines Größeren.

Nicht das eifernde Zupacken der gewalttätigen Hand des Eifersüchtigen, sondern das bergende, hegende, aufnehmende Umfassen drückt sich darin aus.

Bild: ein kleiner Frosch am Fluss Moskwa, 13.08.2014

 

 

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мнр вам – wir wünschen euch Frieden

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Religionen  Kommentare deaktiviert für мнр вам – wir wünschen euch Frieden
Jul 222014
 

2014-07-14 15.53.35

Мир вам: Im Zeichen des Kreuzes werdet ihr den Frieden gewinnen.

Was für ein Glücksfall: die vier mächtigsten Politiker auf der Bühne, die den Schlüssel zur Lösung der Ukraine-Krise in ihren gefalteten Händen halten, sind alle bekennende Christdemokraten! Sowohl Petro Poroschenko als auch Wladimir Wladimirowitsch Putin, sowohl Angela Merkel als auch Barack Obama haben sich wiederholt und öffentlich – auch als amtierende Politiker – zum Christentum bekannt.  Sie sind alle auf den Namen Jesu Christi getaufte, christliche, demokratische Politiker, die sich den sittlichen Grundgeboten Jesu Christi öffentlich unterstellt haben. Sie alle beten – jeweils in ihrer Muttersprache – das Vater unser in nahezu textgleicher Fassung.

Diese sittlichen Grundgebote, die die russisch-orthodoxen, die ukrainisch-unierten, die lutherisch-protestantischen und die römisch-katholischen Christen gleichermaßen anerkennen, sind: die allgemeine Pflicht zur Wahrhaftigkeit, die unbeschränkte Pflicht zur Versöhnung untereinander, die universale Pflicht der Nächstenliebe, die Pflicht zur Gewaltlosigkeit in der Durchsetzung eigener Ansprüche, die Anerkennung des Legitimitätsprinzips im Verkehr der Staaten untereinander, der Vorrang des Wortes vor dem Schwert, der Vorrang des Herzens vor dem Geld. Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder.

Ich glaube, dass die christlich geprägten Völker wie etwa die Russen und die Ukrainer, dass die christlich-demokratischen Politiker, insbesondere auch Petro Poroschenko und Wladimir Putin im Zeichen des Kreuzes zunehmend ihre Gemeinsamkeiten erkennen und anerkennen werden und damit auch den Weg zum Frieden finden werden. Ein gemeinsam gefeierter Gottesdienst, ein gemeinsam gesungenes Kirchenlied in ukrainischer und russischer Sprache, ein gemeinsam in der jeweiligen Muttersprache gebetetes Vater unser können Wunder bewirken. Ich glaube fest daran.

Bild: Unsere herrliche Тарзанкa, die Tarzanschaukel am Fluss Moskwa, in der Nähe von Cосны westlich von Moskau. Aufnahme des Verfassers vom 14.07.2014, 15.53 Uhr

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Wer ist denn heutzutage noch ein Christ?

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Jan 132014
 

2014-01-03 12.56.54

„Wer ist denn noch heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich für einen Heiden haltet“. So Goethe zu Kanzer Müller am 7. April 1830.

Ein starkes, schroffes Wort des Alten vom Frauenplan. Er sprach viel und trank nicht wenig. Gleichwohl trifft Goethe, der ewige Ungläubige, der ewige credente und ewige  non-credente, dessen Faust und dessen Mephisto so oft  über die Kirchen ablästerten, den Kern des Christseins.

Ich allein vielleicht.

Die Kraft des Ich! Die Kraft des Alleinseins! Die Kraft des Vielleicht!

Es gibt und muss geben im Grunde des „Ich allein vielleicht“ ebensoviele Spielarten des Christseins, als es Christen gibt. Entscheidend bleibt stets ein Akt des Wählens, eine Tathandlung des „Für-Wahr-Haltens“, ein Schritt des Sich-in-Freiheit-Bindens. Wählen, Für-Wahr-Halten, Sich-Binden-in-Freiheit, das sind die drei Ausfaltungen des alten hebräischen, nur unzureichend ins Griechische, nur unzureichend ins Deutsche übersetzbaren Wortes Glauben.

Ohne diesen persönlichen Glauben ist es alles nichts mit dem gesamten Christentum. Er ist das Alpha und Omega. Die ganze „Dogmatik“, die gesamte „Christologie“, all die „absoluten Wahrheitsansprüche“,  ja die gesamte christliche „Theologie“, die „allgemeine Kirche“, verlieren dann ihren Grund. Dann leeren sich die Kirchen. Und zuletzt werden sie gnadenlos gesprengt, und einige Jahrhunderte oder Jahrtausende menschlicher Geschichte werden gewaltsam weggesprengt, wie in Magdeburg oder Potsdam in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gleich mehrfach geschehen.
Quelle des Zitats:

Wolfgang Klien: „Er sprach viel und trank nicht wenig“. Goethe. Wie berühmte Zeitgenossen ihn erlebten. Mit 22 Abbildungen. Langen Müller, 2. erw. Auflage, München 2000, S. 34
Bild: eine Krippe vor der Petrikirche in Magdeburg.

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„Du sollst deines Glaubens leben!“

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Sep 122013
 

Ein frisches gelbes Büchlein eines Stuttgarter Verlages aus dem Jahr 2012 schlug soeben der Kreuzberger Hausfreund zum Schall der Glocken von St. Bonifatius (r.-kath. = e‘) – oder war es der Schall der Glocken der ev. Christuskirche in der Hornstraße, die auf a‘ steht? – auf.

Die Bekehrung„, so lautet die herrliche Schnurrpfeiferei des Erzählers aus dem Jahr 2012. Ein Katholik bekehrt über Fernwirkung einen Lutheraner – und gleichzeitig bekehrt der Lutheraner über Fernwirkung den Katholiken zum Lutheraner.  Die beiden sind Brüder aus dem Westfälinger Land.

Der Kreuzberger ist hin- und hergerissen, staunt und fragt: Ja, wat denn nu?

Der schalkhafte Erzähler zieht den Schluss: „Du sollst deines Glaubens leben, und was gerade ist, nicht krumm machen. Es sei denn, dass dich dein Gewissen selber treibt zu schanschieren.“

Quelle:
Johann Peter Hebel: Schatzkästlein. Ausgewählt von Richard Müller-Schmitt. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2012, S. 47-49, hier insonderheit S. 49

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„Heiligkeit des Lebens“? Oder: Wer gibt und wer nimmt Leben?

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Mrz 092013
 

Ein heikles Thema zum Welttag der Frauen – das allerdings zum vorigen Thema „Platos perfekte Quotierung des Staates“ passt.

ZDF heute brachte einen Beitrag über die zahlreichen durch den Staat erzwungenen oder freiwilligen Abtreibungen in China. Etwa 13 Millionen sollen es pro Jahr sein, bei etwa 18 Millionen Lebendgeburten. Vor allem werden Mädchen abgetrieben, da sie nicht ins Konzept der Familien hineinpassten, wonach die Familie vor allem einen männlichen Stammhalter brauche, und da der Staat die Ein-Kind-Politik durchsetze, komme es zu sehr vielen selektiven Abtreibungen von Mädchen. Die hohe Zahl der in China vorgenommenen Abtreibungen wird im ZDF-Kommentar ausschließlich als schlimmer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frau gewertet.

Allerdings ist jede Überheblichkeit des Westens wegen einer derartigen selektiven Abtreibungspraxis unangebracht. Gestern wurden vom Statistischen Bundesamt die Zahlen zu den Abtreibungen in Deutschland vorgelegt. 106800 Schwangerschaften wurden 2012 in Deutschland abgebrochen. Knapp drei Viertel der Frauen waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. 2012 entfielen auf Tausend Geburten in Deutschland 159 Abbrüche (=15,9%). In drei Prozent der Fälle kam es zum Abbruch aus medizinischen Gründen oder weil die Schwangerschaft auf eine Vergewaltigung zurückzuführen war.

Als Gründe für den Schwangerschaftsabbruch hören und lesen wir immer wieder:

1) „Ich will selbst entscheiden, was mit meinem Körper geschieht. Da hat mir niemand dreinzureden.“
2) „Ein Kind passt überhaupt nicht in meine Lebensplanung. Ich muss erst einmal beruflich auf eigenen Beinen stehen.“
3) „Keine Frau entscheidet sich leichten Herzens für einen Abbruch. Also hat auch niemand dreinzureden, vor allem kein Mann. Das muss jede Frau letztlich ganz allein entscheiden.“
4) „Ein ungeborener Embryo ist kein Mensch, zumal ihm das Bewusstsein und die subjektive Erlebnisdimension fehlt, die wir als Voraussetzung für Menschenwürde anzusehen haben. Er ist nur eine Art Vormensch. Er ist eine Art vorübergehender Körperteil der Frau.“

Das Recht der Frauen auf Abtreibung wird sehr oft als Grundrecht der Frauen auf einen selbstbestimmten Körper und eine selbstbestimmte Sexualität gesehen. Ich habe mir einige aktuelle Ratgeber – sogenannte Aufklärungsbücher – für Jugendliche durchgesehen. In keinem wird Abtreibung als moralisches oder ethisches Problem gesehen. Es wird als ein Problem gesehen, bei dem jede Frau letztlich nur auf sich selbst gestellt ist und die Verantwortung ganz alleine übernehmen muss.

Auch im umfänglichen Integrations-Ratgeber der deutschen Bundesregierung aus dem Jahr 2008 wird Abtreibung ausschließlich als administrativ-finanztechnisches Problem dargestellt. Jeder Hinweis im Sinne von „Jedes Kind ist in Deutschland willkommen!“ wird strengstens vermieden.

[Beleg: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Chancen durch Integration. Ratgeber für Familien. Information, Beratung, Hilfe für Zuwanderinnen und Zuwanderer. forum integration. Wir machen mit. Stand: 2007. (unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 2008)]

Dementsprechend wäre die geschlechts-selektive Abtreibungspraxis in China nur ethisch verwerflich, sofern sie durch den Staat erzwungen wird, nicht aber sofern die Frauen selbst nach Geschlecht für oder gegen Abtreibung optieren. Die Selbstbestimmung der Frau ist das A und O in der westlichen Darstellung.

Dies entspräche etwa der selektiven Annahme oder Ablehnung bzw. Tötung von neugeborenen Kindern, wie sie dem römischen Familienvater – aber nicht der Mutter – als selbstverständliches Recht bis etwa 319 n. Chr. zustand.

Das „Sanctity-of-Life“-Argument, wie es beispielsweise der australische Philosoph Peter Singer darstellt, taucht freilich in keinem aktuellen Sex-Ratgeber für Jugendliche auf. Verkürzt lautet es so:

1) Menschliches Leben ist prinzipiell unverletzlich oder unverfügbar. Das Leben ist etwas „Heiliges“. Der Mensch soll nicht aktiv entscheiden, welches menschliche Leben weitergeht und welches beendet wird.
2) Wir „haben“ unseren Körper nicht wie eine Sache, sondern wir „sind“ der Körper und müssen insofern die Normen einhalten, die wir für den Umgang mit lebendigen Körpern grundsätzlich anerkennen. Genau so argumentiert übrigens Immanuel Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, wenn er sagt, wir sollten in der Sexualität den anderen Menschen nicht als Mittel zum Zweck missbrauchen, nicht als Objekt zur Erreichung der eigenen Befriedigung nutzen.
3) So wie eine Gesellschaft mit dem allerschwächsten und allerwehrlosesten menschlichsten Leben umgeht, so geht sie mit dem menschlichen Leben überhaupt um.

Peter Singer lehnt übrigens dieses Sanctity-of-life-Argument neuerdings entschlossen ab. Es sei rational und philosophisch nicht begründbar, sondern sei aus der jüdisch-christlich-muslimischen, religiös fundierten Mitleidsethik in die europäische Diskussion eingeschleppt worden. Der Trick der Propheten (Mose, Jesus, Mohammed usw.) dabei sei, dass man das Leben als „gottgegeben“ hingestellt habe. Und gegen das Gottesargument sei argumentativ nichts auszurichten. Die Berufung auf einen Gott sei nichts anderes als das Gegenteil eines rationalen Arguments. Die völlig irrationale Annahme, das Leben sei eine Gabe Gottes, sei ebenso sinnvoll oder sinnlos wie alle anderen Aussagen, denen kein sinnvoller Bedeutungsgehalt zugeschrieben werden könne.

Auffallend an der gegenwärtigen Gerechtigkeits- und Familiendebatte in Deutschland ist, dass stets das Leben der einzelnen Erwachsenen, das Leben der „richtigen Menschen“ also, zum Dreh- und Angelpunkt gemacht wird. Ob eine Gesellschaft gerecht oder ungerecht zu den Frauen ist, wird bei uns danach bemessen, ob sie eine angemessene Quote an gesellschaftlicher und finanzieller Macht erringen können oder nicht. Individuelles Verhalten und politische Maßnahmen werden danach beurteilt, ob sie den erstrebten Zweck – etwa Verringerung der Ungleichheit in der Vermögensverteilung – erreichen.

Keine Partei bringt laut, vernehmlich und überzeugt folgendes Argument, das ich gern mindestens einmal gehört hätte:

„Es ist wichtiger, dass wir als Gesellschaft uns vor allem dem kleinsten und wehrlosesten Leben als barmherzig und hilfreich erweisen. Gerade der unerwünschte Mensch, der kleinste Mensch, der zur falschen Zeit kommt, ist ein Prüfstein für unsere Mitleidsfähigkeit und Barmherzigkeit.  Hierfür bedürfen gerade die allerkleinsten Kinder unseres besonderen Schutzes. Denn sie können ja nicht schreien. Es ist wichtiger, dass wir als Gesellschaft das unvollkommene Menschliche achten, hegen und pflegen, als Frauen mit dem Muster einer starren Quotierung in staatliche Erwartungsmuster hineinzupressen. Jedes menschliche Leben ist willkommen. Leben weiterzugeben, Leben zu hegen und zu pflegen ist schöner und besser als der wirtschaftliche Erfolg und der Reichtum. Und dafür – vor allem dafür – ist nach allem, was wir wissen, die Ehe zwischen Mann und Frau, die sich zu Kindern hin erweitern kann und erweitern soll,  der seit Jahrtausenden unübertroffene Rahmen. Er hat deswegen – und nur deswegen – die Sonderstellung verdient, die ihm vom Grundgesetz zugesprochen worden ist.“

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Feb 252013
 

Die Geschwindigkeit, mit der die politische Mitte sich tatsächlichen oder gefühlten Mehrheiten, die oft nur angezüchtete Bequemlichkeiten sind, anpasst, ist immer wieder herzerfrischend.  „Was darf’s denn jetzt wieder sein?“, lautet die Frage nach jeder Meinungsumfrage. Entscheidend ist meines Erachtens, dass die CDU derzeit den Bürgern und vor allem dem Hauptstrom der veröffentlichten Meinung  immer mehr Zugeständnisse macht und oft nicht erkennbar ist, wofür sie steht.

Vor allem schreitet die Demontage des Gedankens der Familienverantwortung und die Unterhöhlung der Verantwortung des Einzelnen für andere und für sich selbst in atemberaubenden Tempo voran. In wahrlich nicht nebensächlichen Fragen wie den Anrechten der kleinen und allerkleinsten Kinder auf Leben und auf ihre beiden Eltern, Kritik an der routinemäßig vorgenommenen Abtreibung (etwa 100.000 pro Jahr in Deutschland), Kritik am vorherrschenden Materialismus, Kritik an der „Religion des Geldes“ (wie dies Väterchen Karl Marx nannte) hat die politische Mitte die Fahnen weitestgehend eingezogen. Hier sind es unter den Institutionen nur noch die Religionsgemeinschaften (Christen, Juden, Muslime), die nicht eingeknickt sind.

Allerdings sollte man, wenn man die Mann-Mann-Ehe und die Frau-Frau-Ehe de facto und steuerrechtlich der Mann-Frau-Ehe gleichstellt, dann schon richtig Nägel mit Köpfen machen! Man sollte dann fragen, ob man auch die nach dem Recht der Scharia geschlossene Ehe eines Mannes mit bis zu vier Frauen gleichzeitig (ein häufiger Fall, der im deutschen Sozialrecht routinemäßig anerkannt wird) ebenso zulassen und steuerlich fördern muss wie die Ehe einer Frau mit bis zu vier Männern gleichzeitig (die freilich nach islamischem Recht nicht zulässig ist, aber nach dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes selbstverständlich ebenfalls anerkannt werden muss). Die Diskussion muss geführt werden. Ich bitte darum.

Weitere Beispiele: Die Energiewende ist in der jetzigen Form ein Stück staatsdirigistische Planwirtschaft und droht sogar die Idee der Marktwirtschaft zu beschädigen. – Die plötzliche Abschaffung der Wehrpflicht war unbedacht. – Das viermalige Umschwenken im Atomenergie-Kurs hat viele überfordert, die es zu verstehen suchten. – Die viele Millionen Familien prägende historische Erfahrung der Vertreibungen der Polen, Juden, Ungarn, Slowaken, Tscherkessen, Deutschen, Armenier, Ukrainer, Griechen, Türken usw. von 1917 bis 1949 wird nicht mehr angesprochen, stattdessen wird das nachgeplappert, was ein Meinungskartell über die alleinige Schuld Deutschlands an allem Bösen, das seit 28.06.1914 in Europa geschah, nahezu ausschließlich zu Lasten der Deutschen anschreibt bzw. voneinander abschreibt. Es fehlt demnach der CDU auf Bundesebene empfindlich an einer sinnvollen Geschichts-, Erinnerungs- und Sprachenpolitik. Das Thema „deutsche Nation“ oder „deutsche Sprache“ ist weitgehend unbearbeitet, so überlässt man es lieber fast ausschließlich den Rechtsextremen und einigen Grünen.

Es fehlt der Union an einer breiten inhaltlichen und personellen Aufstellung. Das individualethische Moment – „Es kommt mehr auf das richtige Handeln der Personen an, nicht auf die Verhältnisse“ – ist in der gesamten politischen Öffentlichkeit meines Erachtens nicht mehr so recht erkennbar. Es herrscht eine links-kollektivistische Ethik vor. Deren Credo lautet: „Der Staat, die Politik muss erst einmal die richtigen Rahmenbedingungen setzen, dann werden wir Bürger auch anfangen, uns richtig zu verhalten.“

Die CDU droht sich derzeit zu ihrem eigenen Schaden komplett in der linken Mitte einzunisten und einzuhausen: staatsdirigistisch lenkend, mehr auf die aktuellsten Meinungsumfragen und Massenmedien des Hauptstroms als auf die Bürger und das Volk hörend. Versprechend, lockend, schmeichelnd, verwöhnend! Letztes Beispiel: die Abschaffung der Studiengebühren in den letzten beiden verbleibenden Bundesländern, die sie noch erhoben. Erneut ein Einknicken vor der bequemen Standardformel, mit denen die Bürger von den Politikern eingelullt werden: „Oh Staat, wenn du etwas von willst, musst du uns mehr für das Dasein und das Leisten zahlen! Liebe Politik, Du musst uns das Leben schöner, einfacher, reicher machen!“

Was mir persönlich große Sorgen bereitet, ist genau dieser Populismus der Mitte.

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Sep 052012
 

„Was hatten die Griechen des Altertums jenseits ihrer uns im Nachhinein fast unfassbaren Zerstrittenheit und kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Antwort: Recht wenig – außer der Verehrung der olympischen Götter, den olympischen Spielen und Homer. So schroff kann man es durchaus sagen.

„Was haben die heutigen europäischen Völker jenseits ihrer im Nachhinein oft unfassbaren kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Kulturell gesehen recht wenig – außer dem Bezug auf die drei mosaischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und einer zivilgesellschaftlichen Tiefenprägung durch das Imperium Romanum.

Einen weiteren Beleg für meine Diagnose eines zutiefst unvollständigen europäischen Bewusstseins meine ich in der Vernachlässigung all jener Richtungen des Christentums zu erkennen, die weder dem römisch-katholischen noch dem evangelischen Flügel zuzuordnen sind. Die Kirchenspaltung, zu deren Überwindung heute namhafte deutsche Laien aufrufen (siehe FAZ S. 1), wird in Deutschland und in Westeuropa ausschließlich als die Trennung zwischen römisch-katholisch und evangelisch gesehen.

Dabei gehören der EU mit Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien vier Länder an, deren Bevölkerung sich mit über 80%, ja bis zu 97%  zum Christentum bekennt, wenngleich sie weder römisch-katholisch noch evangelisch bzw. protestantisch sind.

„Wie denn das?“ Antwort: Während die Völker des europäischen Westens das Neue Testament in lateinischer Sprache empfingen, empfingen es die Völker des Ostens in griechischer Sprache. Diese Völker gehören zum weiten Bereich des orthodoxen Christentums. Die Spaltung zwischen orthodoxem und lateinischem Christentum datiert wesentlich auf das Jahr 1054.

Die Bibel, also erstens der ältere hebräische Teil, bei den Christen Altes Testament genannt, verbunden zweitens mit dem Neuen Testament der Christen ist in der Tat neben der paganen Antike eine überaus wichtige kulturelle Klammer, welche die beiden Lungenflügel Europas zusammenhält, in ihrer Bedeutung vergleichbar den Gesängen Homers oder den Olympischen Spielen für das alte Hellas.

Das gilt unabhängig davon, ob man sich zur Person Jesu Christi bekennt oder nicht, also ob man „Christ“ ist oder nicht. Und selbstverständlich sind die biblischen Geschichten auch überreich im Koran der Muslime weitergeführt, wenngleich unter leicht veränderten Namen. So heißt unsere Maria, die hebräische Miriam, dort auf arabisch Meryam.

Hebräischer Tenach, christliches Neues Testament, neuerdings auch muslimischer Koran – ohne eine Befassung mit diesen drei Büchern wird man Europa kaum vollständig ausbuchstabieren können.

Und deshalb meine ich: das ganze Christentum sollten wir in den Blick nehmen – nicht nur den westlichen Lungenflügel.

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Der Unnennbare

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Feb 282012
 

Man könnte nun meinen, der unerkennbare, sich verhüllende Gott sei eine Besonderheit der jüdischen und der christlichen Religion.

Aber nein, so ist es nicht. Auch im Islam ist Gott, oder „der-Gott“, wie er auf Arabisch heißt, grundsätzlich in seiner Gänze nicht erkennbar. Sehr wohl aber werden ihm – ebenso wie im Judentum und Christentum – Eigenschaften in Gestalt von Namen beigelegt, etwa der All-Erbarmer, der Huldreiche usw. usw. 

Genau wie im Judentum und im Christentum.

Der Berliner Journalistin Mely Kiyak ist zu danken, dass sie sich der mühevollen Arbeit der genauen Übersetzung der Rede von Ismail Yozgat unterzogen hat, an deren Beginn genau diese Beilegung erfolgt:

Kolumne: Lieber Ismail Yozgat! | Meinung – Berliner Zeitung
„Bismillahi r-rahmani r-ahimi. Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen: Guten Tag an alle. Lieber Präsident, liebe Bundeskanzlerin, liebe Gäste, ich grüße Sie alle in Respekt.

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Kultureller Reichtum für alle Kinder statt „Kinderarmut“!

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Mai 132011
 

affe-in-waldsieversdorf-011.jpg Ein Wort, bei dem ich nur noch laut auflachen kann, ist das Wort „Kinderarmut“. Es wird so getan, als hätten die Kinder in Berlin, „der Hauptstadt der Kinderarmut“, zu wenig Kram, zu wenig Geld, zu wenig Zerstreuung, zu wenig Hab und Gut. Ein leider fest verwurzelter, wirklich nur noch lachhafter Unsinn! Eine jener grandiosen Dummheiten, die unauslöschlich die politische Debatte durchziehen! Oder sagen wir es mal so: Es gibt in der Tat eine große kulturelle Öde, eine geistige Kinderarmut, ausgelöst durch materielle Überversorgung, durch den Versorgungs- und Verschwendungsstaat, genannt Bundesrepublik Deutschland. Die armen Kinder kommen vor lauter Fernsehen, Computer, Wii und Nintendo nicht mehr in Kontakt mit dem „Reichtum“ der Kultur.

Ich meine im Gegensatz dazu:

Alle Berliner Kinder sollen frühzeitig mit großen Leitwerken und Leitwerten der europäischen und orientalischen Kulturen bekannt gemacht werden. An den Berliner Schulen ist leider ein äußerst zaghafter Umgang mit den großen europäischen und den orientalischen Kulturen der vergangenen Jahrhunderte zu beklagen, als hätten die Schulen Angst, den Kindern etwas anzubieten, was nicht vollständig den Wertvorstellungen und mehr oder minder erleuchteten geistigen Moden des Jahres 2011 entspricht. 

Die Kinder, aber vor allem die männlichen Jugendlichen wachsen bei uns in einer Öde, in einem kulturellen Vakuum heran, das dann von elektronischen Medien aufgefüllt wird. Die Kinder sind völlig wehrlos im Griff der kommerziellen Pop-Kultur und der glitzernden Verheißungen der Warenwelt.

Riesige Themenbereiche scheinen mittlerweile völlig ausgeklammert zu werden, so etwa die Fabeln und Märchen, die Gedichte der klassischen Autoren (soweit für Kinder fasslich), die Mythen und Sagen, die Religionen und die Motive der mündlichen Erzählung, des Singens und des Tanzens.

Die Schulen berauben die Kinder in ihrer prägbarsten Phase des Zugangs zu den reichen Quellen unserer europäischen und orientalischen Kulturen. Das muss sich ändern. Deutschland und Europa dürfen in den Berliner Schulen nicht als blinder Fleck erscheinen. Warum sollen Grundschulkinder nicht bereits erfahren, wer Odysseus oder Sindbad der Seefahrer waren? Warum sollten sie nicht wissen, dass der arabische Burâq unserem griechischen Kentauren entspricht? Warum sollten sie nicht Goethes „Ein großer Teich war zugefroren“ oder Schillers „Kraniche des Ibykus“ lesen und auswendig lernen? Warum nicht Heines „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ singen? Warum nicht Teile aus Mozarts Zauberflöte oder Bachs Matthäuspassion hören und mitsummen?

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Von Vorbildern lernen – Schulgelöbnisse einführen – Herkunftskulturen integrieren!

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Apr 072010
 

Mittlerweile habe ich meine Anregungen für den Integrationskongress der Berliner CDU, der am 13.04.2010 stattfinden wird, schriftlich eingereicht. Zu den Vorschlägen, die ich unterbreite, gehören auch folgende:

 Zeichen der Zugehörigkeit setzen!

Jede Berliner Schule sollte allen Kindern ein äußeres Zeichen der Zugehörigkeit anbieten. Das kann ein Schulpullover sein, das kann und soll ein Schulwimpel sein, das kann und soll eine Schulhymne sein. Auch ein regelmäßiges Schulgelöbnis nach dem Vorbild des türkischen Türküm, doğruyum, çalışkanım  ist empfehlenswert.

Mit solchen Symbolen des Dazugehörens wird laut und deutlich verkündet: “Du gehörst dazu. Jede, die den Schulpullover trägt, ist eine von uns! Jeder, der den Schulwimpel trägt, ist einer von uns!”

Kulturelle Erfahrungsräume an den Schulen schaffen!

Berlins Schülerinnen und Schüler aus Zuwanderungsländern wachsen heute vielfach in einem kulturellen Vakuum auf. Die kommerziellen Medien der Unterhaltungsindustrie (arabisches und türkisches Fernsehen, Internet, Spiele) bestimmen neben oftmals überforderten oder vernachlässigenden Eltern ihre Vorstellungswelt. Da der Staat Angst davor  hat, die Lernenden durch die Zumutungen der großen Werke zu verlieren, verzichtet er – im Gegensatz zu Schulsystemen des Nahen und Mittleren Ostens – fast völlig auf die frühzeitige Vermittlung der großen, zeitüberdauernden Namen. Von herausragender Bedeutung für gelingende Integration ist jedoch die Anerkennung und Pflege des kulturprägenden  Erbes der beteiligten Kulturen. Die herausragenden Leistungen der deutschen und der europäischen Kulturen, etwa die Werke Homers, Platons, Johann Sebastian Bachs, Johann Wolfgang Goethes und Immanuel Kants sollen von der Grundschule an gezeigt, erschlossen, gepflegt  und anempfohlen werden. Dazu sollen Kenntnisse der wichtigen Werke aus den Herkunftsländern treten, etwa die Werke Mevlanas oder die Gedichte Hafis‘.

Die Texte in den Schulbüchern spielen heute vorwiegend in einem neutralen Umfeld. Sie sollten jedoch reiches, wiedererkennbares Material aus den  kulturellen Erfahrungsräumen Deutschlands und der Herkunftsländer anbieten.

Soweit meine Anregungen.

Interessant: Die taz berichtet heute über die erste afrozentrische Schule in Kanada. Selbstverständlich wird dort größter Wert auf Englisch und Französisch gelegt. Aber daneben sollen die Kinder auch ein paar Brocken Suaheli lernen. Dort, an der Kanadischen Schule, machen sie bereits jetzt genau das, was ich für Berlins Schulen vorschlage: Klarer Akzent auf das Vorbild „großer Männer und großer Frauen“, Pflege der Hochkultur der beteiligten Länder – selbstverständlich in den Landessprachen Englisch und Französisch, Schulgelöbnis, klare Selbstverpflichtung zu bestimmten Tugenden wie Fleiß, Leistung, Wettbewerb. Jeden Morgen singen die Kinder die kanadische Nationalhymne. Ich denke, es wäre wichtig, dass auch die Berliner Kinder im Einwanderungsland Deutschland recht häufig die deutsche Nationalhymne sängen. Nicht auf Suaheli, nicht auf Arabisch, sondern auf Deutsch. Es muss nicht jeden Morgen sein wie im vorbildlichen Einwanderungsland Kanada. Und daneben sollten alle Kinder im Unterricht auch etwas über arabische, über armenische, über türkische Kultur erfahren. Bitte kein kulturelles Niemandsland aufkommen lassen – wie es heute besteht.

So läuft es. So kann es auch bei uns in Berlin laufen. Ist das denn alles so schwer?

 Positives Umfeld: Kanadas schwarze Schule – taz.de
Die Kinder sollen von Vorbildern lernen. An den Wänden hängen Bilder von berühmten Zeitgenossen afrikanischer Abstammung – Nelson Mandela etwa oder Michaëlle Jean, der in Haiti geborenen Generalgouverneurin Kanadas. Das Curriculum folgt den Richtlinien der Provinz Ontario, deren Hauptstadt Toronto ist. Doch Rektorin Hyman-Aman und das Lehrerkollegium versuchen, so viel afrikanische Elemente wie möglich in den Schulalltag zu integrieren. Die Kinder lernen afrikanische Tänze, ein paar Brocken Suaheli und können nach der Schule trommeln lernen. Sooft es geht, lesen sie Bücher schwarzer Autoren im Unterricht und studieren afrikanische Geschichte. Traditionelle afrikanische Spiele werden in den Mathematikunterricht integriert.

Nach der kanadischen Nationalhymne singen die Schüler jeden Morgen die von einem Afroamerikaner Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebene schwarze Nationalhymne „Erhebt alle Stimmen und singt“. Jeden Tag schwören die Kinder bei der Schulversammlung, stets ihr Bestes zu geben.Wir wollen, dass die Kinder die Führer von morgen werden. Sie sollen nicht nur über ihre Herkunft lernen, sondern Wissen über die ganze Welt erlangen und lernen, wo ihr Platz darin ist, was sie tun können, um Dinge zu ändern„, sagt Hyman-Aman.

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Apr 172009
 

Der Prophet Muhammad war zutiefst eingetaucht in die Welt der jüdisch-christlichen Überlieferung. Über weite Strecken ist der Koran eine Auseinandersetzung mit den Juden und den Christen, deren Überlieferung Muhammad so genau kannte. Achmed A. W. Khammas hatte uns am 08.11.2007 in diesem Blog die Augen für diese Kontinuität zwischen Christentum und Islam geöffnet, indem er fragte: „War Mohammed Christ?“

Immer wieder entdecke ich beim Studium des Korans Aussagen, Sätze, Bilder, die mir bekannt vorkommen. Woher kannte Mohammed diese Bilder? Was war sein Hintergrund? Gestern zitierten wir Sure 22, Vers 11. „Wenn ihn eine Versuchung trifft, kehrt er seinen Blick ab.“ Heute lese ich einen ähnlichen Satz in der jüdischen Torah. Gott spricht zu Kain. Gott weiß nicht alles, aber er kann das Gesicht des Kain lesen – da gärt etwas in Kains Gesicht. Kain wendet den Blick ab, senkt ihn. Es ist das Gesicht dessen, der mit sich nicht im reinen ist. Gott spricht zu Kain, 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers: „Ist es nicht so: Wenn es dir gut geht, trägst den Blick hoch, und wenn du nicht gut handelst, dann lauert Fehltritt und nach dir ist sein Verlangen.“

Kaum ein anderer Satz hat mich in den letzten Tagen mehr beschäftigt als eben dieser. Ich halte diesen Dialog zwischen Gott und Kain für einen der schönsten überhaupt. Warum? Er zeigt etwas Grundlegendes: Kain, unser aller Vorfahr, ist weder völlig gut noch völlig böse. Er ist jederzeit hineingestellt in diese Entscheidung. Der Gott, der ihm begegnet, ist weder allmächtig noch allwissend. Es ist ein sprechender, ein suchender Gott. Wie der Gott des Korans auch, so lässt der Gott der jüdischen Bibel den Menschen in diese Freiheit hineingestellt. Der Mensch ist weder absolut gut noch absolut böse.

In genau diesem Sinne erklärte Yehuda Bacon, dessen Familie von den Nazis in Auschwitz umgebracht worden war, im Frankfurter Auschwitz-Prozess: „Niemand ist absolut böse, jeder hat einen Funken Menschlichkeit in sich. Jeder Mensch muss vorsichtig sein, denn jeder kann in seinem Leben in die Hölle abrutschen. Der Abgrund ist eine Gefahr für uns alle.“ Ich las dies in einem sehr profunden Artikel über die „Banalität des Bösen“ von Sebastian Beck in der Süddeutschen Zeitung vom 11./12./13.04.2009.

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Dawkins The God Delusion

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Okt 112007
 

Richard Dawkins‘ The God delusion is a fascinating read. For those who haven’t read it yet: The 2007 Black Swan paperback edition contains a footnote with particular reference to Germany. You won’t find this footnote in the 3rd German edition of Der Gotteswahn, which came out this year.

The footnote, at the end of chapter 1, states that in January 2007, a German Muslim woman had applied for a fast-track divorce because her husband repeatedly and seriously beat her. Judge Christa Datz-Winter turned down the application, citing the Qur’an. The Koran, she wrote, sanctions such physical abuse. – Dawkins takes this as a particularly striking example of what he calls „unparalleled presumption of respect for religion“.

Moreover, there is a Preface to the paperback edition. In one great magisterial sweep, Dawkins replies to his many critics. If you don’t have time to read the whole book, read just this preface to the paperback edition! It contains in a nutshell everything you always wanted to tell the author because you thought you knew better. Well … almost everything. I will get back to the book once I have read it thoroughly.

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Elastischer Islam – weitere Nachlese zum Orientalistentag

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Okt 032007
 

Im Tagesspiegel vom 2./3. Oktober bespricht auch Andrea Dernbach den Orientalistentag. Jetzt lese ich schon den dritten Bericht dazu, fast ist mir, als wäre ich dabeigewesen! Das gehört nun mal dazu, wir sprechen hier über Erzähltes, Gewertetes, Berichtetes, als wären es die Sachen selbst. Aber die „Sachen selbst“ gibt es ja nicht, die Auslegungen des Geschehenen sind es, über die wir uns hier austauschen. Womit wir beim eigentlichen Thema wären, der Mannigfaltigkeit möglicher Auslegungen von Texten, hier also des Korans. Auch Dernbach weist ausführlich auf Patricia Crones Festvortrag hin, hebt insbesondere Sure 2, 256 hervor. Nach vielfältigen Erwägungen lautet der Schluss: „Der Islam ist so elastisch wie alles Alte, das überlebt.“ Insgesamt zeichnet also die Verfasserin unter den drei betrachteten Zeitungsartikeln (SZ, FAZ, Tagespiegel – dieser Blog berichtete) das freundlichste Bild: „Nimmt man das Programm dieses Orientalistentags als Maßstab, ist man längst auf gutem Weg“.

Was das Politische angeht, so zitiert Dernbach den Teheraner Philosophen Mohammed Mojtahed Shabestari mit folgender Feststellung: „Die richtige Frage ist nicht: Sind Islam und Demokratie vereinbar oder nicht? Die Frage ist: Sind die Moslems heute bereit, diese Vereinbarkeit entstehen zu lassen?“

Ich meine, wenn wir uns hier in Kreuzberg umsehen, muss die Antwort ganz klar Ja lauten.

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„Das gibt es bei uns auch!“ Fatih Akin „Auf der anderen Seite“

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Okt 032007
 

Die Nacht vom 2. auf den 3. Oktober sahen wir uns im Yorck-Kino den Film „Auf der anderen Seite“ an. Neben uns ein biertrinkender Single Mitte dreißig, hinter uns kichernde Mädchen. Bequeme Sessel mit verschiebbarer Sitzfläche, Popcorngerüche. Wir fläzen uns hin. Beste „Voraus-Setzungen“ für einen guten Kinoabend. Wunderbare anrührende Geschichte: zwei Familien, ausgespannt zwischen Bremen und Istanbul. Vater-Sohn, Mutter-Tochter, unvollständige Bruchstücke von Familienromanen. Von Schmunzeln über Schluchzen, vom hellen Auflachen bis zum beklommenen Schweigen spielt dieser Regisseur auf der Klaviatur meiner Gefühle. Auch in den Nebenfiguren zeigt Akin stets lebende Gesichter, offene Blicke. Seine Kamera verleiht allen Menschen Würde. Mir fällt auf: Die türkischen Gefängniswärterinnen – übrigens gespielt von echten türkischen Gefängniswärterinnen – werden ohne Häme, mit derselben Einfühlung gezeigt wie die Hauptfiguren, also die rebellische Ayten, die verzweifelte Charlotte. Er zeigt die beiden Länder Deutschland und Türkei ohne Verzerrungen, ohne Anklage, aber doch mit dem untrüglichen Blick für das Wesentliche und auch das Komische.

Ich schlage, zuhause angekommen, die Gestalten des Ismael im Koran und in der hebräischen Bibel nach. Das islamische Bayram-Fest bildet ja den Hintergrund für die letzte große Erzählbewegung des Films, in welcher der Sohn zum verlorenen Vater, die Mutter zur verlorenen Tochter zurückfindet. Im Islam war es Ismael, den Abram opfern sollte, nicht Isaak, den Zweitgeborenen, wie es in der hebräischen und der christlichen Überlieferung steht. Doch Gott erbarmte sich Abrams und sandte ein Opfertier. Hierin folgen sowohl Islam wie Christentum der Leitkultur des alten Israel. Sowohl Christentum als auch Islam haben den gütigen, sich erbarmenden, liebenden Gott vom alten Judentum übernommen. Die Umkehr, die Wende steht also nicht nur dem Menschen, sondern auch Gott jederzeit offen! Deswegen bleiben jüdische Bibel, Koran und christliche Bibel eine gemeinsame Schatzkammer, zu denen drei Pforten bereit stehen. Akins Film öffnet diese Pforten weit! Bezeichnend der Satz, den Charlottes Mutter beim Betrachten der Bayram-Gläubigen sagt: „Das gibt es bei uns auch!“ All jenen, die von einer unüberwindlichen Kluft zwischen Morgenland und Abendland reden, sei Sure III, 78 entgegengehalten: „Wir glauben an das, was auf uns herabgekommen ist und was herabgekommen ist auf Abram, Ismael, Isaak, Jakob und die Stämme, und an das, was Moses gegeben wurde und Jesus und den Propheten von ihrem Herrn; wir treffen keinerlei Unterscheidung zwischen ihnen, und wir sind ihm ergeben.“

Am Tag der deutschen Einheit empfinde ich große, nachhaltige Freude über den Deutschtürken Fatih Akin. Er hat etwas geschaffen, was ich bisher in dieser Deutlichkeit vor allem von Goethes West-östlichem Divan kannte: eine Versenkung und Verklammerung von zwei Schwesterkulturen im Geist der Liebe zu den einzelnen Menschen, der Liebe zwischen den Menschen.

Fühlst du nicht an meinen Liedern,

dass ich eins und doppelt bin?

Und der Regisseur fühlt sich – eigenem Bekenntnis nach – in unserem Deutschland sehr wohl und tief verwurzelt. Großartig, so etwas macht unser Land schöner!

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