„Die Sowjetarmee brachte den Völkern Europas Frieden“

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Mai 162018
 

Soeben überfliegen wir die heute russische Oblast Kaliningrad; das Foto hier oben zeigt das Frische Haff mit der Frischen Nehrung, und da wo wir das Airbus-Triebwerk sehen, da lag einst die deutsche Stadt Königsberg, in der Immanuel Kant lebte, lehrte und starb. Nach dem zweiten Weltkrieg (01.09.1939-08.05.1945) wurde die Gegend der Sowjetunion zugesprochen, die deutsche Bevölkerung, soweit sie vor der Sowjetarmee nicht schon geflohen war, wurde enteignet und vertrieben. Die Stadt wurde nach dem langjährigen Staatsoberhaupt der Sowjetunion Michail Iwanowitsch Kalinin in Kaliningrad umbenannt.  Die Oblast Kaliningrad wurde – zusammen mit der gesamten östlichen Hälfte des durch den Großen Vaterländischen Krieg (1941-1945)  befreiten und befriedeten polnischen Territoriums – von der Sowjetunion vereinnahmt. Auch aus diesen Gebieten wurde die noch ansässige, überwiegend polnische Bevölkerung enteignet und gewaltsam vertrieben.

Gute Stunden verbringe ich bei dem Rückflug von Moskau nach Berlin mit dem Lesen der Mai-Ausgabe des in der Tat sehr lesenswerten Bordmagazins der Aeroflot.

Warum nenne ich diese Zeitschrift so im höchsten Maße lesenswert? Nun, glaubt mir bitte, es gibt kaum eine bessere Zusammenfassung der heutigen russischen Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts als eben dieses für ein breites russisches und internationales Publikum zusammengestellte Heft! Es steht ganz im Zeichen des Monats Mai, im Zeichen der menschlichen Wärme, der Freude und der Ehrlichkeit! Denn am 9. Mai 1945 hat die sowjetische bzw. russische Armee nach den erbitterten Kämpfen des Großen Vaterländischen Krieges, der am 22.08.1941 begann und bis zum 09.05.1945 dauerte, endgültig den Völkern Europas Frieden gebracht!

Lesen wir diese Tatsachen in der Begrüßung durch Vitali Saveliev, den Generaldirektor der russichen Staatsfluglinie:

Май в России — время душевного тепла, пронзительной искренности и радостного, приподнятого настроения. В эти дни, наполненные светом Великой Победы, мы с благодарностью вспоминаем всех ветеранов, которые отстояли нашу страну и принесли мир народам Европы.

Auf Englisch:

In Russia, May is a time of warmth, sincerity, and joy. In the coming days, as we mark the anniversary of the end of the Great Patriotic War, we remember all those who defended our country and brought peace to Europe.

http://webfiles.aeroflot.ru/Aeroflot_May_2018.pdf?_ga=2.169824937.923003188.1526489076-63684332.1526489076

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Gemeinschaft im persönlichen Gedenken am 9. Mai in Moskau

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Mai 092018
 

Tiefe, sehr bewegende und verwandelnde Eindrücke nehme ich aus dem gemeinsamen Marsch des Gedenkens mit, an dem ich soeben in Moskau teilnahm. Seit etwa 10 Jahren versammeln sich am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, dem 9. Mai, um 15 Uhr die Nachkommen und Angehörige all jener, die im Kampf gegen den Faschismus während der Jahre 1941 bis 1945 ihr Leben unter oft schrecklichsten Umständen verloren; dies waren etwa 40 Millionen Sowjetbürger, die als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten zu Opfern des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges wurden.

Bei diesem Marsch der Trauer und der Erinnerung geht es nicht um Zahlen oder Analysen, sondern um ehrendes Gedächtnis, um Dankbarkeit gegenüber all jenen, die damals im Krieg um das Überleben der Heimat und des Vaterlandes hingemetzelt wurden. Sie kämpften nicht für eine Idee oder für den Kommunismus, sondern für das nackte Überleben des Volkes, für den Fortbestand der russischen Staatlichkeit.

Ich reihe mich zusammen mit russischen Angehörigen und einem russischen Freund ein. Es gibt sogar aus einer originalen sowjetischen Feldküche die damalige Hauptspeise der Soldaten, nämlich Buchweizengrütze mit ein bisschen Fleisch darin. Ivan stellt sich in die Reihe und fordert mich in deutscher Sprache auf näherzutreten. Kaum fallen die deutschen Worte, werde ich bemerkt, ein junges russisches Paar steht vor mir in die Reihe, dreht sich zu mir um und berät flüsternd kurz. Sofort steht ihr Entschluss fest: Sie weichen aus und bitten mich höflich vor. Ich darf zuerst aus dem mir gereichten Plastiknapf essen, dann nehmen sie ihre Portion und lächeln mir zu. Eine wunderbare Geste! Sie zeigt beispielhaft die Würde, den Anstand, die Menschenfreundschaft, den Geist der Versöhnung, mit dem alle Russen mir hier gerade in diesen Tagen begegnen.

Die Trauer, der Schmerz und die Dankbarkeit richten sich auf die Verstorbenen. Über der ganzen Veranstaltung, die in großer Würde verlief, lag ein großes Zutrauen, eine große Verbundenheit mit allem, das lebt. Die Menschen tragen auf Pappschildern Fotos mit dem Namen und den Lebensdaten ihrer Weltkriegsopfer mit sich. Ich schaue in die Gesichter hinein: es sind offene, nahe und sprechende Gesichter. Menschen, denen ich gerne heute begegnen würde.

Als Teilnehmerzahl wurde dieses Mal bei herrlichstem Wetter eine Million gemeldet. Letztes Jahre waren es 800.000 Menschen – Kinder, Greise, Familien, Einzelnen, Freunde.

In der Gegenwart spüre ich bei den Russen keinerlei Groll, keinerlei Ressentiment und schon gar keinen Hass gegenüber uns Deutschen oder Deutschland, sondern Entgegenkommen, freundschaftliches Interesse und echte Anteilnahme.

Und so kann ich mit Trauer, Dankbarkeit und geteiltem Gedenken in dem gewaltigen Zug der Nachfahren mitgehen, mich einreihen in dieses persönliche und doch auch gesellschaftliche Ritual. Zuletzt erreichen wir den Roten Platz auf dem Kreml. Es herrscht Friede, ich kann mitfeiern, mitsummen und mitsingen.

Dies erfahren zu haben, stimmt mich sehr froh.

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Schritte zur Versöhnung der europäischen Völker

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Mrz 102018
 

„Ja, damals, als diese Najade im pompejanischen Stil aufgetragen wurde, nahm Russland selbstverständlich an der europäischen Geschichte teil. Deutsche Handwerker, italienische Architekten, französische Gouvernanten und Gelehrte waren fester Teil der russischen Gesellschaft. Der deutsche und der russische Hochadel bildeten eine politische Klammer zwischen der Mitte und dem Osten Europas. Überall in Europa wurden die Romane Balzacs, Zolas, Tolstois und Dostojewskis gelesen.“

Derartige Gedanken an die ehemals durchaus vorhandene gesamteuropäische Kultur- und Gedächtnislandschaft kamen mir vor zwei Sonntagen während einer kurzen Wanderpause in den Sinn.

Hier ein Fresko, ein Wandgemälde in der Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg oberhalb des Wannsees. Weit, hoch, herrlich schweift der Blick hinüber nach Babelsberg. Errichtet wurde dieses kleine Prachtstück zur Erinnerung an Alexandra Fjodorowna, die als Prinzessin Charlotte von Preußen geboren wurde und nach ihrer Heirat mit dem russischen Großfürsten Nikolaus, dem späteren russischen Kaiser Nikolaus I., diesen russischen Titel annahm: Kaiserin Alexandra Fjodorowna.

Die Zerstörung der traditionell guten, jahrhundertelang gewachsenen preussisch-russischen bzw. deutsch-russischen Beziehungen begann im späteren 19. Jahrhundert im Zeichen imperialen Machstrebens der europäischen Großmächte.

Aber erst durch die bolschewistische Machtergreifung und die anschließende, unvorstellbar brutale, etwa bis zum Tod Stalins (1953) währende kommunistische Terrorherrschaft in der Sowjetunion wurde Russland dauerhaft aus der europäischen Familie herausgerissen. Lenin, der deutsch-russische Adlige mit all seinen willigen Vollstreckern, warf 1917 gewissermaßen – gefördert und angestachelt durch die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches – die zerstörerische Brandfackel, mehr noch: eine Atombombe auf das alte Russland. Millionen von Toten, Hungersnöte unvorstellbaren Ausmaßes, zerstörte Landschaften, unendliches Leiden und Elend in weitesten Bevölkerungsschichten, zerbrochene Familien waren die Folge.

Die berühmt-berüchtigte Oktoberrevolution des Jahres 1917 muss, so scheint mir, heute in mancherlei Hinsicht als ein vernichtender atomarer Schlag betrachtet werden, von dem sich Russland erst im 21. Jahrhundert zu erholen beginnt.

Hier sind auf Seiten aller europäischen Länder, insbesondere Deutschlands, mühsame Schritte der Wiederannäherung erforderlich, die hoffentlich irgendwann zu echter Aussöhnung zwischen den europäischen Völkern führen werden, wie dies ja auch zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Großbritannien und Deutschland gelungen ist.

Ein Schüleraustausch zwischen Russland, dem größten europäischen Land, und den anderen Staaten Europas, insbesondere den Staaten der Europäischen Union, könnte ein wichtiger Baustein dieser Versöhnungsarbeit sein. Hierfür kann und soll, so meine ich, der deutsch-französische Schüleraustausch ein echtes Vorbild sein.

Die Strecke dieser Wanderung, welche zur Loggia Alexandra führt, ist hier zum Nachwandern beschrieben:
Manfred Schmid-Myszka: Von Wannsee nach Babelsberg. Wanderung am südlichen Berliner Stadtrand. In: M. Schmid-Myszka: Rund um Berlin. Von der Ruppiner Schweiz bis in den Spreewald. 50 ausgewählte Wanderungen in der Mark Brandenburg. Bergverlag Rother, München 2016, S. 104-106, hier bsd. S. 106

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Unliebsame Details über Lenin, die das Deutsche Historische Museum verschweigt

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Feb 272018
 

Geradezu in einen rauschhaften Personenkult um Lenin hat sich die großartige, noch bis 15. April 2018 laufende Revolutionsausstellung im Deutschen Historischen Museum hineingesteigert. Das DHM vollzieht gewissermaßen die sozialistische Wendung zum Leninkult nach, die schon bald nach Lenins Tod im Jahr 1924 einsetzte. Alle Schülerinnen und Schüler unseres Landes sollten nicht nur ein deutsches KZ, sondern auch diese hervorragende Ausstellung mit den bunten prachtvollen Ölgemälden besuchen!

Im Katalog heißt es zu Brodskis Lenin-Gemälde „Großer Oktober“: „Unliebsame biografische Details wie seine adlige Herkunft oder sein Verhältnis zu der Sozialistin Inessa Armand wurden verschwiegen.“

Konsequent unterschlägt das Deutsche Historische Museum zu Berlin Unter den Linden in der Ausstellung und den Bildlegenden wichtige Ergebnisse der historischen Forschung, die spätestens seit der Öffnung der sowjetischen Archive ab 1990 sowohl in russischer wie in englischer wie auch in deutscher Sprache mit hinreichender Gewissheit vorliegen. Befehle, Anordnungen, Erlasse Lenins zur systematischen Ermordung, Hinrichtung, Exekution von Feinden der Revolution, Klassenfeinden, bourgeoisen Elementen, Prostituierten usw. usw. Alles schon gut belegt aus den Jahren 1917 bis 1924. Wenn es je schon vor Stalin und Jeschow einen Schreibtischtäter in Fleisch und Blut gab, dann Lenin! Die Beweise sind vorhanden.

Das DHM bringt davon in der Ausstellung — nichts — vor Augen.

Dafür sei hier nur ein winziges biografisches Detail angeführt, nämlich die Erschießung von 500 Geiseln durch die Tscheka als Vergeltung für das am 30.08.1918 verübte Attentat auf Lenin.

Die Fakten hierzu sind unstrittig; sie lassen sich so umreißen:

Am 30. August 1918 wurde Lenin bei einem Attentat schwer verletzt. Die Sowjetmacht griff daraufhin verstärkt zum Mittel der exzessiven Vergeltung, zur systematischen Einschüchterung der Bevölkerung – zum Roten Terror.

In einer öffentlichen russischen Quelle aus dem Jahr 2008 finde ich folgende Feststellung: „Der Terror war massiv. Allein als Reaktion auf das Attentat auf Lenin erschoss die Petrograder Tscheka nach offiziellen Feststellungen 500 Geiseln.“

Erschießung von 500 Geiseln durch die sowjetische Geheimpolizei, die berühmte Tscheka! Nun, in den Augen des DHM offensichtlich ein unliebsames Detail, das man gerne verschweigt. Im gesamten Katalog wird dieses unliebsame Detail nicht erwähnt; und viele andere unliebsame Details fehlen ebenso. Das Motto lautet offenbar: Geheiligt werde sein Name – Lenins Name. Das schwere körperliche Leiden Lenins wird pflichtgemäß erwähnt, über das körperliche Leiden und das Sterben der 500 Geiseln wird nichts gesagt. Die Ermordung von 500 Menschen wird vom DHM schweigend übergangen. 500 geplante Morde in wenigen Minuten, ein kleines, ein winziges Detail, das das DHM nicht der Erwähnung wert befindet, das jedoch in Russland selbst heute allgemein bekannt ist. Man hätte es meines Erachtens durchaus als winzige, klitzekleine Fußnote zu Brodskis Heiligenporträt anfügen können. Ich meine: Den Ausstellungsmachern wäre doch kein Strick daraus gedreht worden, wenn sie dieses winzige biografische Detail aus dem Leben von 500 russischen Geiseln erwähnt hätten! Niemand wäre dem DHM bei seinem Leninkult in den Arm gefallen. Mögen sie im DHM doch weiterhin Lenin nach Lust und Laune beweihräuchern. Ein erbarmungsloser Massenmörder war er trotzdem.

Die adlige Herkunft Lenins sowie sein außereheliches Verhältnis mit einer Sozialistin wird hingegen ausdrücklich angemerkt. Damit glaubt sich das DHM wohl vom Personenkult um Lenin abzusetzen. Mutig, mutig!

Ich nenne es kuratierte Vergangenheitsunterschlagung. Ich nenne es Personenkult hoch 3 um Lenin, die Apotheose Lenins, die stillschweigende Apologie des roten Terrors.

Zitatnachweise:

1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017, hier: S. 131

A.A. Danilow, L.G. Kosulina, M.Ju. Brandt: Istoria Rossii, 5., überarbeitete und ergänzte Ausgabe, Moskwa 2008, hier: S. 113
Erläuterung: Es handelt sich bei diesem Buch um ein weitverbreitetes, zum Geschichtsunterricht empfohlenes Schulbuch. Übersetzung aus dem Russischen durch den hier Schreibenden.

Bild:
Der Glaube an den Sozialismus, an Hammer und Sichel lebt! Graffito im Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4-11, Treppenhaus. Aufnahme vom 27. Februar 2018

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„Bald werden wir Deutschland haben.“ Das DHM feiert ein festliches Hochamt für Lenin

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Feb 242018
 

Zwei Mal besuchte ich in den vergangenen Wochen die Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“, welche im Deutschen Historischen Museum zu Berlin noch bis zum 15. April 2018 ihre Tore geöffnet hält. Der Besuch dieser Ausstellung ist wärmstens zu empfehlen, zeigt er doch die ungebrochene Macht der Bilder, mit denen die Bolschewiki ihre Oktoberrevolution in Szene setzten. Durch eine höchst geschickte Auswahl der Objekte, durch subtile Blickführung, durch behutsam angefügte Kommentare, vor allem aber durch eine meisterhafte Bildregie verstehen es die Ausstellungsmacher, im unvoreingenommenen Betrachter Anteilnahme, Sympathie, ja Begeisterung für die Bolschewiki und ihren Menschheitstraum der klassenlosen Gesellschaft zu erzeugen.

Als überragendes Mittel der Bildsteuerung erweist sich die Entscheidung der Ausstellungsmacher, die Bolschewiki stets als Handelnde, als Schaffende, als gute treibende Kraft der Weltgeschichte darzustellen. Die andere Seite dagegen, also die Gegenspieler der Bolschewiki, werden vor allem durch ihre Opfer gezeigt. Diese Gegner der Bolschewiki sind – ausweislich der Bilder – Faschisten, Antisemiten, böse Kapitalistenknechte, üble Gesellen voller Menschenhass.

Wenn man sich ganz den vielen schönen und bunten Bildern der Revolution und der Sowjetunion hingibt und das Vorwissen, das man vielleicht mitbringt, beiseite legt, verlässt man die Ausstellung mit der fast rhetorisch zu nennenden Frage: „Ja, haben die Bolschewiki denn auch nur einer Fliege ein Haar gekrümmt? Ist denn auch nur ein einziger Mensch durch die Oktoberrevolution zu Schaden gekommen? Sollte dies so sein, dann ist hier zumindest nichts davon zu sehen!“

Ich habe gestern noch einmal einen Rundgang durch die Ausstellung gemacht und musste erstaunt feststellen, was mir schon beim ersten Mal aufgefallen war: alle Opfer, alle Leichen, alle Leichenberge, die in dieser Schau auf Fotos oder als Kunstwerk gezeigt werden, sind der Gegenseite, also den Feinden der Bolschewiki zum Opfer gefallen. Erschossen, ermordet oder hingerichtet durch die zarische Polizei, zum Beispiel hingemetzelt während der Demonstration beim Petersburger Blutsonntag (09.01.1905). Es sind die Terroropfer der „Weißen“ oder auch etwa Gustav Noskes, des Bluthundes von der SPD, gezeigt in der Zeichnung Conrad Felixmüllers aus dem Jahr 1919 sowie auch im Gemälde Max Pechsteins „Beerdigung der Revolutionsopfer“ von 1919.

„Irgendwelche Zweifel, Fragen nach den Fakten?“ Nein, die Kommunisten haben niemanden belästigt, niemanden umgebracht, niemanden vertrieben, zumindest nach den Bildern und Objekten der Ausstellung zu urteilen.

Das DHM erweist sich als idealer Spielboden und Theaterbühne für diese weltgeschichtliche Inszenierung; als überragenden Hauptdarsteller setzt das Museum unter den Linden Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt LENIN in Szene. Ihm huldigt sie uneingeschränkt, ihn bejubelt diese Ausstellung kritiklos mit fünf großen Kunstwerken und vielen Fotos, die von den Ausstellungsmachern monumental und theatralisch vorgeführt werden:

– das Lenin-Denkmal Matwej G. Manisers aus dem Jahr 1925, das den Betrachter bereits in der Vorhalle des DHM gefangen nimmt
– das riesige Monumentalgemälde „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“ von Isaak Brodski, das Lenin herrscherlich am 19. Juli 1920 bei der Rede zeigt, in der er die berühmten Worte sprach: „Jawohl, die Sowjettruppen stehen in Warschau! Bald werden wir Deutschland haben!“
– das monumentale Porträt Isaak Brodskis „Großer Oktober“, das Lenin als zukünftigen, leicht skeptischen Weltherrscher vor dem Smolny zeigt
– ein Foto: „Eine Arbeiterfamilie richtet ihre neue Wohnung ein“ (Moskau 1927). Ein Porträt LENINS wird an die Stelle gehängt, wo traditionell Ikonen hingen
– Georg Baselitz: Lenin on the Tribune, ein Bild aus dem Jahr 1999, das Lenin überlebensgroß – wenngleich umgekehrt – auf der Tribüne zeigt
– und schließlich die 2007 entstandene riesige Plastik „Hero, Leader, God“ von Alexander S. Kosolapov, wo Lenin zusammen mit Mickey Mouse und einem christlichen Heiligen verherrlicht wird.

Diese beiden Kunstwerke stehen als machtvolle Schlussakkorde am Ende des Rundgangs. Sie entlassen den Betrachter mit dem Gefühl, der Kommunismus sei doch eigentlich eine gute Sache, nur habe es bisher nicht so richtig geklappt.

Bündig und knapp fasst diesen Eindruck als einziger im Video zu Wort kommender deutscher Politiker schließlich in der Vorhalle der gute Dr. Gregor Gysi in Worte. Er äußert die Hoffnung, es möge nach all den militärisch zerstörten Anläufen zum Sozialismus doch irgendwann zu einem gelingenden Versuch kommen, wo der „freie, wirklich demokratische Sozialismus“ endlich verwirklicht werden könnte.

Und somit hätte Lenin mit seiner 1920 geäußerten Zuversicht doch irgendwie recht behalten: „Bald werden wir Deutschland haben“. Nun, ganz Deutschland haben sie, die Bolschewiki nicht bekommen. Aber das Deutsche Historische Museum haben sie, die Kommunisten unter Führung des nahezu unsterblichen, nahezu vergöttlichten Lenin, mit ihren bezaubernden Bildern, hinreißenden Mythen und phantastischen Märchen zweifellos in ihre Hand bekommen.

Das DHM bietet Fake News vom feinsten. Alternative facts, hier im Deutschen Historischen Museum sind sie alle da. Schöne bunte Welt des Kommunismus! Kommt, staunt, freut euch!

Die Ausstellung ist in all ihrer parteiischen Einseitigkeit großartig. Sie ist toll. Sie beweist die überragende Macht der Bilder. Sie verdient wirklich den Besucherstrom, den sie nach meinen Beobachtungen tatsächlich anzieht. Sie hätte den hier Schreibenden fast zum Bolschewiken und zum Verehrer Lenins gemacht.

Aber auch nur fast.

Das Lenin-Zitat vom 19.07.1920 wird hier wiedergegeben nach:
Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Mit zahlreichen Schwarzweißfotos. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, Seite 151, dazu das entsprechende Foto auf S. 152-153

Objekte hier zitiert nach den Angaben in:
1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017

Bild: auch ein großer Mann der Weltgeschichte: die kolossale Statue von Friedrich Engels in Moskau, ul. Prechistenka, eigene Aufnahme des Verfassers vom 07.01.2018

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Das Kreuz Wladimirs überragt sie alle

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Jan 202018
 

Zu den erstaunlichsten Erscheinungen des heutigen Russland gehört zweifellos die hohe Wertschätzung des christlichen Glaubens bei den Trägern der staatlichen Gewalt und zunehmend auch bei der Bevölkerung Russlands. Der Marxismus-Leninismus, der noch bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts vielbelächelter Pflichtstoff an Schulen und Universitäten der Sowjetunion war, ist nunmehr ein Museumsstück geworden.

Russland wendet sich wieder seinen älteren Traditionen zu, es erkennt die identitätsbildende Kraft der Orthodoxie an, es sucht aber auch in zahllosen Bekehrungs- und Wandlungsgeschichten einen höchstpersönlichen Zugang zu der über 70 Jahre lang verfemten christlichen Religion.

Ein langer Spaziergang führte uns am 8. Januar dieses Jahres vom berühmten Neujungfrauenkloster, das ohne Fehl und Tadel restauriert worden ist, über neuangelegte, mit breiten Natursteinplatten versehene Gehwege bis zum Kreml. Ich staunte über die Parkraumbewirtschaftung, die Fahrradständer, die russisch-englisch-sprachigen Inofotafeln, die den Touristen wertvolle Hinweise liefern.

Wir näherten uns dem Kreml. Da im Nebel dämmerte plötzlich hochaufragend ein Kreuz empor. Gebieterisch, mahnend hochgereckt von einer über 10 Meter hohen Gestalt! Einem Mönch? Einem Heiligen?

Ich schickte meinen jungen ortskundigen Stadtführer los, er entzifferte die Inschrift: Es war Влади́мир, der Großfürst Wladimir der Erste von Kiew, die Statue des Fürsten Володимѣръ, wie er alt-ostslawisch geschrieben wurde, vor den Toren des Moskauer Kreml!

Zwar war die Errichtung der Statue ursprünglich 2015 an anderem Ort vorgesehen, nämlich auf den berühmten Sperlingsbergen, doch Einwände der Bürgergesellschaft und der Geologen verhinderten dies, da der Untergrund eine so mächtige Statue nicht getragen hätte. Auch die UNESCO verlangte, die Abmessungen der Statue zu verringern, da sonst der Kreml seines Status als UNESCO-Weltkulturerbe verlustig gegangen wäre. Die moderne Heiligenstatue hätte das Gesamtbild gestört.

Die Kritik wurde beherzigt. Und seit 2017 weist nun der heilige Wladimir, dessen Gedenktag sowohl bei den Katholiken wie bei den Orthodoxen der 15. Juli ist, den neuen Elektrobussen und all den wuselnden Uber-Taxis den Weg.

Sein Kreuz überragt alles.

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Neue Zeiten im Gorki-Park

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Jan 192018
 


Moskau verändert sich! Neu angelegte Radwege führen an der Moskwa entlang, bunte Kinder nutzen sie mit ihren Einrädern. Der Gorki-Park lädt zum Flanieren ein. Bei milden 2 Grad plus erschließen wir uns den neugestalteten städtischen Raum. Alles wirkt jetzt offener, einladender, bunter, als ich es in Erinnerung hatte.

Abends drehen wir einige Runden auf unseren Schlittschuhen. Ruhiges Sich-Treibenlassen auf Kufen, es gibt keine Aggressionen, keine Rempler, keine traurigen Gesichter. Alles winkt, alles lächelt. Im Hintergrund ertönt Soulmusik in englischer Sprache. Zuletzt entdecken wir eine Dönerbude, bei der wir Halt machen. Der Chef des Dönerladens stammt aus Berlin und betreibt hier diesen Imbiss. Es schmeckt uns gut.

Bild: Eislaufen im Gorki-Park Moskau, 05.01.2018

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Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος: יְהִ֣י אֹ֑ור – Am Anfang war das Wort: Es werde Licht

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Jan 132018
 

„Ich habe mir immer gedacht, wäre die alttestamentliche Behauptung Im Anfang war das Wort buchstäblich wahr, dann müßte dieses Wort ein gesungenes Wort gewesen sein… Können Sie sich vorstellen, daß Gott „Es werde Licht“ so ganz einfach vor sich hingesagt hat, so wie man Kaffee bestellt? Selbst in der Originalsprache: יְהִ֣י אֹ֑ור? Ich hatte stets die Phantasievorstellung, daß Gott die beiden flammenden Worte Y’HI-O-O-OR gesungen haben muß. Das mag der tatsächliche Schöpfungsakt gewesen sein. Musik mochte Licht hervorgebracht haben.“

Einer der großen Musik-Erzieher des 20. Jahrhunderts, Leonard Bernstein, ist zugleich auch ein bedeutender Anreger, ein Versöhner und Verbinder der beiden Bundesbücher der christlichen Religion, nämlich der hebräischen Bibel und des christlichen Neuen Testaments.

Das Johannes-Evangelium, der entscheidende, der krönende Abschluss der 27 neutestamentlichen Schriften beginnt bekanntlich mit dem Wort: Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, d.i. zu deutsch: „Im Anfang war das Wort und das Wort war zu Gott.“

Bernstein – dieser Name klingt so typisch deutsch, so typisch aschkenasisch, so typisch jüdisch – schreibt nun diesen Beginn des Johannesevangeliums ohne weitere Erklärung dem Alten Testament zu, also der hebräischen Bibel. Eine kühne Tat, die der amerikanische Dirigent mitteleuropäisch-jüdischer Herkunft hier vollbringt! Er denkt, nein er singt den Anfang der hebräischen Bibel und den Beginn des vierten Evangeliums zusammen. Eine ungeahnte Harmonie erklingt, eine Harmonie des jüdischen und des christlichen Bundesgedankens! Die Alte Bundesbuchsammlung (das AT) und die Neue Bundesbuchsammlung (das NT) werden unlösbar ineinandergeflochten.

Wir dürfen in der Nachfolge Leonard Bernsteins etwas Ähnliches wagen – die Harmonie der hebräischen und der griechischen Bibel, indem wir folgenden zweisprachigen Spruch niederschreiben:

Am Anfang war des gesungene Wort: Es werde Licht!

In der hebräisch-griechischen Fassung mochte der Verfasser des vierten Evangeliums tatsächlich so etwas gesummt und gesungen haben wie dies hier:

Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος יְהִ֣י אֹ֑ור

Und dieses Jahr möge das Jahr des Gesanges der Versöhnung werden!

Zitat:
Leonard Bernstein: Worte wie Musik. Herausgegeben und eingeleitet von Harald Schützeichel. Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 1992, S. 47

Bild:
Blick von der Krim-Brücke auf den Fluss Moskwa, Bezirk Chamovniki, Moskau, aufgenommen vom hier Schreibenden am 05. Januar 2018

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«Не ведали, где мы есть — на небе или на земле». Von der Überzeugunsgkraft des Schönen

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Jan 072018
 

In der altrussischen Nestorchronik wird erzählt, dass Fürst Wladimir von der Kiewer Rus im Jahr 986 zur Einigung seiner noch ungefestigten Herrschaft für seine slawischen Heiden den passenden Glauben aussuchen ließ. In recht moderner Weise veranstaltete er einen öffentlichen Wettbewerb der Glaubenslehrer; er organisierte Übungen zum „Glauben auf Probe“. Wolgabulgarische Muslime, griechische Philosophen, chasarische Juden, römische und byzantinische Christen wurden zum zweistufigen Bieterverfahren eingeladen.

In der ersten Runde, bei der eine Probepredigt je eines Predigers verlangt wurde, setzte sich kein Bewerber durch. Deshalb war die zweite Runde unerlässlich. Hierzu wurden Fachkommissionen in die jeweiligen Verbreitungsgebiete der Religionen geschickt und um gutachterliche Berichte gebeten. Die Expertise fiel eindeutig aus: Das Alkoholverbot und eine gutachterlich konstatierte Freudlosigkeit brachten das Aus für den Islam. Mangel an Schönheit war das Argument gegen den römisch-katholischen Ritus. Auch das Judentum konnte in der chasarischen Spielart nicht überzeugen. Nur der Gottesdienst in Konstantinopel versetzte die Kommissionmitglieder in Entzücken. Voller Begeisterung erzählten sie:

«Не ведали, где мы есть — на небе или на земле». Wir wissen nicht, waren wir im Himmel oder auf der Erde, denn auf der Erde gibt es so etwas nicht zu sehen und keine solche Schönheit, und wir wissen nicht, wie wir davon erzählen können; wir wissen nur, dass Gott dort beim Menschen verweilt.“

Und so kam es, dass Fürst Wladimir den christlichen Glauben 988 durch die Taufe in byzantinischer Spielart annahm, alle slawischen Götzen in den Fluss werfen ließ und allen Untertanen die Taufe befahl. Bis zum heutigen Tag wird die Gründung der russisch-orthodoxen Kirche auf diese sagenumwobenen Ereignisse zurückgeführt.

In dieser legendenhaften Überlieferung, in der merkwürdigerweise die griechischen Philosophen recht sang- und klanglos ausscheiden, tritt etwas von der ungeheuerlichen Vitalität, aber auch dem kultisch-ekstatischen Grundzug des Christentums ans Tageslicht: die Fähigkeit, alle Sinne anzusprechen und in stärksten, ja berauschend, ja bestechend schönen Erlebnissen das kritische Kommissionsmitglied buchstäblich aus den Angeln zu heben, zu überwältigen und einzunehmen.

Das gilt auch heute. Vor allem die überwältigende Stärke und Schönheit des Gesanges trat ansatzweise beim heutigen Weihnachtsfest der orthodoxen Christenheit erneut hervor. Ich feiere es dieses Jahr in Moskau.

Leider kamen wir in der vergangenen Nacht in die Moskauer Erlöserkathedrale trotz langen Anstehens nicht hinein, da kein Platz mehr in dieser Kirche war. „Die Kirche ist wegen Überfüllung geschlossen.“ So die knappe Ansage der Milizionäre. Man sieht erneut: Der orthodoxe Glaube fasst in Russland Jahr um Jahr stärker Wurzeln, so sehr sich die Kommunisten auch 70 Jahre bemühten, ihn zusammen mit anderen Religionen wie ein Unkraut aus der Erde zu vertilgen.

Und so hörte ich subliminal am heutigen Tag etwas von der rauschhaften, ekstatischen Freude nachklingen, die sicherlich heute Nacht auch in den mehrstündigen Gesängen der Priester, Kantoren und Chöre zu erleben war. Ich ahnte sie nur, diese Gesänge, ich summte sie, ich hörte sie nachschwingen.

Wir schließen mit dem russischen Weihnachtsgruß: С Рождеством!

Bild:
Weihnachtliche Straßenszene in Moskau, Puschkin-Platz, aufgenommen gestern

Lesehinweis:
Zur näheren Bekanntschaft mit den angesprochenen Ereignissen sei hier besonders empfohlen:

Wikipedia-Einträge zur Christianisierung Russlands:
https://ru.wikipedia.org/wiki/Крещение_Руси (russisch)
https://de.wikipedia.org/wiki/Christianisierung_der_Rus

„Испытание веp – Die Christianisierung Russlands“, in: Russland in kleinen Geschichten. Erzählt von Natalija Nossowa. Übersetzt von Gisela und Michael Wachinger. Illustriert von Frieda Wiegand. dtv München, 14. Aufl. 2015, S. 34-37

 Posted by at 21:26

„Да и мы тоже.“ Dostojewskis universale Einsicht

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Jan 042018
 

В большинстве случаев люди, даже злодеи, гораздо наивнее и простодушнее, чем мы вообще о них заключаем. Да и мы тоже.

Endlose, quälende Hustenanfälle in der Nacht treiben den schlaflos Schreibenden immer wieder hoch. Dieser Husten, dieser Schleim, ach all dieses Ungemach, das aus dem Inneren des eigenen Leibes hervorzuquillt! Wer oder was bringt hier Linderung?

Der Schreibende befindet sich in Russland, auf dem Land, in einer Datschensiedlung hart am Ufer der kraftvoll dahinströmenden Moskwa. Moskwa, Fluss des Schicksals, Fluss des Lebens, der die Jahrzehnte verbindet!

Hin und her streifen die Augen des Schreibenden über die Buchrücken, die in hundertjährigen Holzregalen vor ihm aufgereiht sind. Ich ziehe dieses und jenes Buch hervor, suchend irren meine Augen über die Seiten hin. Da – endlich ein Buch, dem ich verfallen war, das ich als Jugendlicher schon durchlas, dem ich dann erneut in Niederbayern nächtens begegnete beim Tode eines Onkels. Und auch damals las ich mich darin fest. Sollte jetzt der Augenblick gekommen sein, das Buch erneut vorzunehmen? Genau da, wo ich jetzt bin, genau jetzt, da ich an unstillbarem Husten leide?

Ich ziehe das Buch hervor, öffne die ersten Seiten. Da ist sie schon, die Stelle, bei der ich hineinspringe in diesen Fluss des Lesens! Da!

Da, da – Да и мы тоже, „… ja, und wir sogar auch…“ So beschließt Dostojewski das erste Kapitel seines Romans von den drei Brüdern. Ja, wir sind so auch, wir können so auch sein, wie die da, die Schlechten, die Verworfenen. Tröstlich stärkende Einsicht! Sie kann sogar den Husten stillen. Dieses Da, dieses Да eröffnet die Pforten zum Du! Ja, so könntest du auch sein! Denke daran, ehe du dich schlafen legst. Du bist wahrscheinlich auch ein Teil der Mehrheit, erkenne, dass Du einer aus der Mehrheit bist!

Wisse: In der Mehrheit der Fälle sind die Menschen, auch die niederträchtigen, viel unbefangener, zutraulicher als wir gemeinhin von ihnen annehmen. Ja sogar wir auch.

Dostojewski schreibt es so:

В большинстве случаев люди, даже злодеи, гораздо наивнее и простодушнее, чем мы вообще о них заключаем. Да и мы тоже.

 

Bild: Der Fluss Moskwa, am heutigen Tag. Bei Nikolina Gora

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