Von der Lesbarkeit der Welt

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Jul 202017
 

Ein Höhepunkt unserer Radtour war am vergangenen Sonntag der Anblick dieser ältesten Darstellung Rathenows; dieses im Jahr 1571 für den Stadtschreiber Nesen gemalte Epitaph zeigt die Geschichte vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37). Die Familie der Stifterin Anna Hansen ist unten im Querformat zu sehen.

Jesus, selbst ein zutiefst gläubiger, offenkundig zutiefst von Zweifeln durchgeschüttelter Jude, auf dem Bild rechts zu sehen, erzählt diese Geschichte einem jüdischen Rechtskundigen, um eine Rechtsvorschrift aus dem 3. Buch Mose (Levitikus 19,18) zu erörtern. Im Vordergrund links gießt der Samariter dem Mann, den die Räuber überfallen haben, Öl und Wein in seine Wunden.

Was geschah dann? Das lesen wir aus dem darüber gemalten Bildfeld heraus: Der Samariter setzt den Verwundeten auf sein Pferd und bringt ihn zur weiteren Versorgung in die Stadt. In welche Stadt? Die Erzählung des Lukas  erwähnt doch keine Stadt, sondern eher so etwas wie eine Karawanserei, eine Unterkunft an der Landstraße!

Und doch wird eine Stadt dargestellt – es ist die Stadt Rathenow, und zwar in genau dem baulichen Zustand, den sie im Jahr 1571 gehabt haben dürfte. Die Heimatstadt Anna Hansens soll also zur Bühne werden, auf der sich die Geschichte vom Barmherzigen Samariter wieder und wieder ereignet. Der Horizont des Hier und Jetzt, der Horizont des Nächsten, also das Havelland, verschmilzt mit dem Horizont der Ferne der Geschichte des Evangeliums, die sich ursprünglich ja an der Straße von Jerusalem nach Jericho abgespielt hat.

So wird diese ferne Vergangenheit des Jahres 1571 vor dem Hintergrund des Evangeliums lesbar. Lesbarkeit des Bildes, Lesbarkeit der Welt!

Dieses Grabbildnis konnte die furchtbare mehrtägige Feuersbrunst im Frühling des Jahres 1945 nur überdauern, weil der Pfarrer es in weiser Vorahnung in den Turm eingemauert und dadurch vor Plünderung und Brand bewahrt hatte. Nach dem Kriegsende wurde es wieder aus dem Mauerversteck befreit.

Der Ursprung des Evangeliums wird also in Rathenow erneuert. Im Betrachter entspringt eine Wiedervergegenwärtigung dieser Geschichte von Verbrechen und Rettung, von Abgrund und Aufstehen. Das Nächste, die unmittelbare Umgebung, wird im Nächsten, im Menschen an deiner Seite zur Heimstätte der aufscheinenden Wahrheit. Denn das griechische Wort πλησίον kann sowohl die Person des Nächsten bedeuten wie auch den adverbial zu verstehenden Nahbereich, also „das Nächste“.

καὶ τίς ἐστίν μου πλησίον; Diese Frage des jüdischen Gesetzeslehrers (Lk 10,29) lässt sich auf zweierlei Art übersetzen: Wer ist denn mein Nächster?, oder: Wer ist mir denn am nächsten?

Lukas, der von Beruf Arzt war und ein sehr gepflegtes Griechisch schreibt, verwendet die griechische Wendung ἰδὼν ἐσπλαγχνίσθη, um die Reaktion des Samariters bei der Begegnung mit dem Verletzten zu beschreiben. Das lässt sich ungefähr so wiedergeben: „Bei diesem Anblick ging es ihm durch die Eingeweide, es durchfuhr ihm den Bauch„. Im Samariter geschieht also etwas Leibhaftiges, er kann sich nicht schützen, er lässt es sich erbarmen. Er überlegt also nicht lange: Was ist meine sittliche Pflicht?, sondern er fühlt eine innere leibhafte Regung. Er leidet mit!

In Erinnerung an Paul Celans Gedicht „Unlesbarkeit“ wage ich zu schreiben:

LESBARKEIT dieses Bildes, Lesbarkeit
dieser Welt. Die Doppelung

der Horizonte verschmilzt in
Herz, Lunge, Leber und Milz.

Im Zeitspalt, in imo abyssi,
zutiefst eingeklemmt,
entspringst du dir. Das Du. Rette,
tue das und leben wirst du
in Rathenow.

 

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Ein Mann wie Schmidt täte uns not, oder: von der Begrenztheit politischen Handelns

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Nov 112015
 

„Moralische Verpflichtungen, wo stehen die? In unserem Grundgesetz stehen sie nicht. In der Satzung der Vereinten Nationen stehen sie auch nicht. Im Neuen Testament stehen sie auch nicht. Wo stehen sie? Das klingt wie Joschka Fischer, der die Kosovo-Intervention mit Auschwitz begründet hatte. Das ist ein bisschen sehr weit hergeholt und ein bisschen billig. Nein, ich würde immer sehr zögern. Das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes geht dabei verloren, was übrigens auch ein Verstoß gegen die internationale Moral ist.“

Dies sprach Helmut Schmidt am 10.12.2006 in einem Interview mit dem Tagesspiegel als Antwort auf die Frage, ob Deutschland in Afrika mehr Verantwortung tragen solle. „Gibt es dazu eine moralische Verpflichtung?“

Tapferkeit, Redlichkeit, nicht zuletzt aber auch Einsicht in die Begrenztheit der staatlichen Macht – diese Tugenden und viele andere sind zu rühmen an Helmut Schmidt, dem bedeutenden SPD-Politiker. Die Nachricht von seinem Tod erreichte mich gestern im ICE auf der Fahrt nach Hamburg. Mir kamen in aller Trauer die Worte eines heute weithin vergessenen deutschen Dichters in den Sinn, die er 1825 im Gedenken an den Tod Lessings gesagt hatte: Ein Mann wie Lessing täte uns not. Ich meine: Ein Mann wie Schmidt täte uns not.

Verblüffend der Verweis Schmidts, des großen SPD-Mannes, auf drei wichtige Texte, die – so meine ich – auch heute noch jeder Politiker kennen sollte: das Grundgesetz, die Satzung der Vereinten Nationen, das Neue Testament. In dieser Reihenfolge!

In der Tat: Von der Fernstenliebe steht nichts im Neuen Testament; niemals hat Jesus verlangt, ein einzelner Staat oder ein einzelner Mensch müsse alle Menschen auf dieser weiten Erde aus Armut und Not herausholen und die gesamte Welt oder mindestens doch das Weltklima retten. Jesus verlangt nur, jeder solle nach seinen Kräften des Wohlergehen des Mitmenschen, des „Nächsten“ oder des „Nebenmenschen“ ebenso wichtig nehmen wie das eigene Wohlergehen. „Kümmere dich um deinen nächsten Menschen wie um dich selbst“, so sagt es Jesus beispielsweise in Mt 7,12 oder auch bei Mk 12,31. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37) vermag auch Hinweise zur Lösung der aktuellen Flüchtlingsfrage zu liefern: Nothilfe ist geboten und gut, bis der unter die Räuber Gefallene wieder auf eigenen Beinen gehen kann. Niemals würde Jesus verlangen, der Barmherzige Samariter müsse den Ausgeplünderten auf Lebenszeit bei sich zuhause aufnehmen, seine gesamte Familie ebenfalls bei sich integrieren, alle finanziellen Lasten für den Unterhalt des Ausgeplünderten und aller seiner Kinder und Kindeskinder bedingungslos und auf Generationen übernehmen.

Ich denke: Die Staaten Afrikas, die Staaten des Nahen und des Mittleren Ostens müssen sich im wesentlichen selber zusammenraufen; sie haben Ressourcen in Hülle und Fülle, die Menschen sind jung und lernwillig. Wenn sich jeder an das Prinzip der Staatensouveränität, an die Rechtsordnung des eigenen Staates, an die Satzung der Vereinten Nationen und an die wenigen Grundsätze der Sittlichkeit hält, wird es klappen. Es muss klappen. Da bin ich zuversichtlich.

Ob dem Helmut Schmidt, der große Sozialdemokrat, wohl so zustimmen würde? Ob er dem wohl zustimmen würde, was ich gestern genau in der Stunde seines Todes zum Thema der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten in die Tasten hämmerte?

http://www.tagesspiegel.de/politik/helmut-schmidt-zur-hauptstadt-berlins-westteil-geht-im-ostmeer-unter/785414.html

Bild: ein Blick vom Hermansdenkmal in den Teutoburger Wald

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„Grenzen sind nichts Schlimmes“. Der berechtigte Einwurf des Rafik Schami

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Nov 012015
 

http://www.derwesten.de/kultur/autor-rafik-schami-grenzen-sind-nichts-schlimmes-id11234193.html

Erstaunlich, dass in all dem aufgeregten Durcheinander fast nie diejenigen zu Wort kommen, die mit arabischen Bürgerkriegsflüchtlingen seit vielen Jahren auf engem Raum zu tun hatten und zu tun haben – wie etwa der hier Schreibende, wie vor allem die Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen in den mehrheitlich oder wesentlich arabisch geprägten Schulklassen und Stadtvierteln.

Die ganze Debatte hat in Deutschland in höchstem Maße hysterische Züge angenommen. Am ehesten stimmt das, was immer wieder einmal der aus Syrien stammende Autor Rafik Schami zur Flüchtlingsthematik sagt, mit dem überein, was auch ich seit vielen Jahren und so auch in diesen Tagen mit den aus arabischsprachigen Gesellschaften teils regulär und teils irregulär Zuwandernden erlebe.

Auch fragt niemand die Flüchtlinge: Wollt Ihr hierbleiben, auch wenn wieder Friede in Euren Herkunftsländern einkehrt? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Was seid ihr bereit zu tun? Seid Ihr bereit, Pflichten zu übernehmen?

Im wesentlichen stellt Deutschland tatsächlich eine Art Paradies dar. Hier gibt es den Rechtsstaat, nur hier in Deutschland ist man auf Lebenszeit vor ungerechter Verfolgung, vor Willkür, vor Hunger und Elend geschützt.

Damals, und das ist der Unterschied zu heute, damals in den 90er Jahren wanderten in einem Jahr etwa 200.000 Menschen als arabischsprachige Bürgerkriegsflüchtlinge mit diesen berechtigten Erwartungen eines irdischen Paradieses zu, damals überwiegend aus bzw. über Libanon. Heute ist es ein Vielfaches davon, und zwar aus vielen Ländern.

Man sollte sich sehr genau durchlesen, was Rafik Schami sagt.

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„Was will das Volk?“ Pelasgos‘ Einsicht in das Wesen der Demokratie

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Okt 222015
 

ὑμῖν δ᾽ ἂν εἴη δῆμος εὐμενέστερος
τοῖς ἥσσοσιν γὰρ πᾶς τις εὐνοίας φέρει.

„Euch mög das Volk nun zugeneigter sein
Den Schwächren will doch jeder wohl.“
(Hiketides, Vers 488-489, eigene Übersetzung des Vf.)

Ein bis heute ergreifendes Zeugnis echter Humanität und echter Barmherzigkeit bietet der mythische König von Argos, Pelasgos, in Aischylos‘ Tragödie „Flehende“ (Hiketides). „König“ Pelasgos? Nun, Herrscher war Pelasgos zweifellos. Herrscher? Nicht wirklich! Ehe er die schutzlosen 50 jungen Frauen vor den bewaffnet heranstürmenden jungen Männern rettet und ihnen Asyl gewährt, befragt er das Volk (δῆμος). Er ruft eine Volksversammlung ein und lässt per offenem Handzeichen darüber abstimmen, ob die 50 Töchter des Danaos unter den Schutz der heimischen Götter gestellt werden sollen. Und er gewinnt den Volksentscheid triumphal!

Kurz und gut: Pelasgos entscheidet nicht im Alleingang. Er lässt sich nicht erweichen und erpressen, etwa durch den bühnenwirksam angedrohten Suizid der 50 Jungfrauen, obwohl tatsächlich Gefahr im Verzuge ist. Stattdessen fragt er: Was will das Volk?

Ja was ist denn das für ein König, der sein Volk befragt, ehe er die Landesgrenzen öffnet? Ist das dargestellte Geschehen glaubwürdig? Antwort: Aischylos blendet die politische Realität seiner Zeit mit in den mythischen Stoff ein. Ihm ging es nicht darum, nur eine spannende Sage dramatisch auf die Bühne zu bringen, nein, er inszenierte ganz bewusst eine politisch-moralische Streitfrage der Gegenwart in mythischer Einhüllung.

Und die Gegenwart, das war nun einmal die damals (ca. 470-460 v. Chr.) noch junge, noch ungefestigte Demokratie. Athen war zweifellos seit den Reformen des Kleisthenes (509 v. Chr.) im echten Sinne, auch in unserem Sinne eine Demokratie, wahrscheinlich die erste in Europa überhaupt; Entscheidungen über Krieg und Frieden, über Aufnahme oder Abweisung fremder Volksgruppen, über Steuerfragen durften seitdem nicht mehr durch einen obersten Herrscher alleine getroffen werden. Träger der Souveränität, ja der Souverän selbst, war nunmehr das Volk (Demos), das durch Wahl und durch Los Körperschaften zu seiner Vertretung schuf (den „Rat der 500“, die 9 „Archonten“, das „Volksgericht“), aber zugleich noch durch Volksabstimmungen starke Züge der „direkten“, nicht-repräsentativen Demokratie beibehielt.

Die Athener Bürger hatten also bei allen wesentlichen Entscheidungen Mitspracherechte. Gegen und ohne das Volk lief nichts. Es gab keinen Platz für einsame Entscheidungen eines Königs oder einer Großherrscherin mehr.

Was lernen wir für die Bundesrepublik Deutschland daraus? Nun, wir sind auch eine Demokratie. Wir haben heute kaum mehr die direkte, sehr wohl aber die repräsentative Demokratie. Und das bedeutet, das Volk, der Souverän, wird durch gewählte Abgeordnete in Parlamenten vertreten. Träger der staatlichen Souveränität und der Daseinsvorsorge sind zunächst einmal bei uns im Alltag die 16 Bundesländer. Sie sind gefragt, wenn es um die Unterbringung der aus allen Richtungen regellos Zuwandernden geht. Der Bund hat keine Berechtigung, den Bundesländern Aufgaben der Daseinsvorsorge ohne deren Zustimmung zuzuweisen, insbesondere ohne ihnen die nötigen Sach- und Finanzmittel zur Verfügung zu stellen (vgl. Artt. 28 und 30 GG).

Die 16 Landesparlamente und der Bundesrat sollten also – so meine Meinung – auch jetzt Herren des Verfahrens werden. Die 16 Landesparlamente müssen bei so weitreichenden Entscheidungen wie der nunmehr faktisch verkündeten völligen Öffnung der deutschen Grenzen für ausnahmslos alle Zuwandernden vorher gefragt und vorher einbezogen werden. Auch der Bundestag sollte vor allen vorschnellen Entscheidungen intensiv gefragt und einbezogen werden. Die 16 Länderkammern, der Bundesrat und auch der Bundestag müssen nun entscheiden, wohin die Reise geht. Sie – die 16 Länderparlamente, der Bundesrat, der Bundestag müssen das Heft des Entscheidens in die Hand nehmen. Von ihrem Willen hängen die Regierungen der 16 Bundesländer ab. Ein bundesweiter Volksentscheid ist dann unnötig, zumal er sowieso rechtlich nicht zulässig ist.

Denn staatliches Handeln muss auch in Krisenzeiten weiterhin an Recht und Gesetz gebunden bleiben.

Durch intensive gemeinsame Entscheidungsfindung, durch offenes Ringen und Austauschen der Argumente in Rede und Gegenrede wird die repräsentative Demokratie der Bundesrepublik Deutschland ihre Stärke und ihre Humanität beweisen!

Es ist möglich, so glaube ich, eine Lösung der Zuwanderungsfragen und der Flüchtlingskrise zu finden, wenn zu dem humanitären Impuls der sittlich gebotenen Nothilfe für Schwache, Kranke, für schutzlose Frauen, Kinder, Arme und Notleidende eine rechtlich gebotene Besinnung auf das Wesen und die Eigenart der parlamentarischen Demokratie hinzutritt.

Und Wesen der Demokratie ist es nun einmal, dass das Volk Träger der Souveränität ist.

Ich meine: Schwache, Arme, Kranke, Kinder, Witwen und Waisen, schutzlose verfolgte Frauen, Hilflose, die sich bei uns innerhalb unserer Grenzen aufhalten, verdienen unser Mitgefühl. Ob wir die Hunderttausenden voll arbeitsfähiger, voll mobiler junger Männer aus aller Herren Länder weiterhin wie bisher unterschiedslos bei uns aufnehmen wollen, darüber sollten wir uns in Rede und Gegenrede unterhalten.

Letztlich sollte diese Fragen das Volk (der Demos) über die gewählten Parlamente entscheiden.

 Posted by at 14:06

EU-Recht bricht nationales Recht, oder: von der Selbstentmächtigung der Parlamente

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Sep 232015
 

Rechtssicherheit ist eine der Grundlagen staatlichen Zusammenlebens. Auch oberhalb der staatlichen Ebene, etwa in der EU, wird Rechtssicherheit verlangt. Oft herrscht dagegen im Gegeneinander von EU und Nationalstaaten Anomie, also ein Zustand der Rechtsunsicherheit bzw. der Rechtsabwesenheit.  Bei der Migrations-, Einwanderungs-, Flüchtlings-, Abschiebungs- und Asylpolitik tritt dies derzeit überdeutlich zutage. Man weiß als Bürger sehr oft nicht, was als Recht gilt: Dublin III oder nationales Recht? Es ist a bisserl so wie mit der überflüssigerweise krummgeprügelten (oder überflüssiger Weise krumm geprügelten?) mehrfach reformierten deutschen Rechtschreibung.  Keiner weiß mehr bescheid (Bescheid?).

Und hier gilt es nun laut und vernehmlich zu sagen: EU-Recht bricht nationales Recht! Die EU-Staaten haben nicht das Recht, EU-Recht zu ignorieren. Den Verordnungen und Richtlinien der EU ist Folge zu leisten. Insbesondere ist die EU-Kommission als oberste gesetzgebende, gesetzgebungsausführende und gesetzgebungsausführungsüberwachende Behörde anzuerkennen. Es gibt kein Abwehrrecht der Staaten und noch weniger ein Abwehrrecht der verfassungsrechtlich das Volk vertretenden Parlamente gegen die EU, wie es der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Roman Herzog einmal zu Recht (zu recht?) hervorgehoben hat.

Vorgaben der EU wollen wir 1 zu 1 umsetzen!” So steht es im derzeit geltenden, feierlich unterzeichneten Koalitionsvertrag der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD (S. 15)!  Und der einfache Bürger fragt: Und nun? Warum geschieht dies nicht? Warum lässt der Bundestag seiner hoch und heilig erklärten Selbstentmächtigung und Selbstunterwerfung unter die Vorgaben der EU nicht die entsprechenden Taten folgen? Das grenzt an Anomie!

Aus diesem Grund leitet – wie wir soeben erfahren – die EU-Kommission völlig  zu Recht 40 Vertragsverletzungsverfahren wegen der Asylpolitik gegen 19 EU-Staaten ein, darunter Deutschland, Frankreich, Ungarn und Italien. Die 19 Länder sind ihrer vertraglichen Pflicht zur Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht nicht nachgekommen.

Endlich! Was Recht ist, muß recht bleiben. Wo Rechtsunsicherheit oder Rechtsabwesenheit herrscht, muß Rechtssicherheit einkehren.

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„Kommt ihr alle!“ Die hymnische Glücksverheißung der Bundesrepublik Deutschland

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Sep 022015
 

„Kommt ihr alle!“, dichtete Goethe einst in seinem Hymnus Mahomets Gesang. In Goethes Sicht verkörperte der Prophet Mohammed diese umfassende Erlösungssehnsucht, verknüpft mit einem schaffenden, städtebauenden, kulturschaffenden Impuls:

Kommt ihr alle! –
Und nun schwillt er
Herrlicher; ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.

Als ungeheuerliche, umfassende Glücksverheißung, als umfassende Einladung an alle Menschen, nach Deutschland zu kommen, ist die Pressekonferenz der Bundeskanzlerin vom vergangenen Montag in der internationalen Flüchtlingsbewegung aufgenommen worden. Der staatliche Fernsehsender RAI sprach gestern am Nachmittag um 17 Uhr ganz wörtlich von der „Einladung“, dem „invito“  Angela Merkels an alle Asylsuchenden; „alle sind nach Deutschland eingeladen!“ Wie ein Lauffeuer machte diese Botschaft die Runde; die bedingungslos zugesagte Hilfe der Bundesrepublik Deutschland für alle löst einen Taumel der Hoffnung bei allen Menschen aus, die endgültige Befreiung von irdischer Mühsal, Not, Elend und Armut ersehnen. Zweifellos hat die Bundeskanzlerin dies nicht ganz so gemeint und nicht ganz so gesagt – entscheidend ist, dass die Medien bei den des Deutschen, ja meist auch des Englischen oder Französischen unkundigen Flüchtlingen es so dargestellt haben. Den Flüchtlingen wird jetzt mehr denn je das Blaue vom Himmel herunter versprochen.

In manchem erinnert das grandiose Grundgefühl der aus aller Herren Ländern heraneilenden Flüchtlinge an die Stunden des 09.11.1989, die der Maueröffnung vorangingen.

Wer dächte nicht an den Ausruf „Seid umschlungen Millionen“! Diese Worte aus Schillers Hymne an die Freude inspirierten Beethoven zum Schlusschor „An die Freude“, der nicht zufällig zur offiziellen Hymne der Europäischen Union erwählt worden ist.

Die Hilfe der Bundesrepublik Deutschland wird allen Menschen, die die Grenze der EU überqueren, wird nach allgemeiner Darstellung allen Flüchtlingen ohne Bedingungen in Aussicht gestellt und gewährt, sie brauchen keine Gegenleistung und keinen Beweis der Bedürftigkeit mehr zu erbringen. So war es zwar nicht gesagt, so wird es aber dargestellt, so wird es praktiziert. Wie sollte man auch die Bedürftigkeit nachweisen? Genügt es doch offenkundig zu sagen, „from Syria“, und schon erhält jedermann bedingungslos das Bleiberecht.

Und wer dächte nicht an die Einladung Jesu Christi an alle, die er bei Matthäus anspricht:

Δεῦτε πρός με πάντες οἱ κοπιῶντες καὶ πεφορτισμένοι, κἀγὼ ἀναπαύσω ὑμᾶς …

„Kommt ihr alle, die ihr euch abplagt und beladen seid, ich will euch erleichtern. Nehmt [wir ergänzen: statt eurer bisherigen schweren Last] mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und im Herzen demütig, und ihr werdet Erholung  für eure Seelen finden. Denn mein Joch ist brauchbar, und meine Last ist  geschmeidig“ (Mt. 11,28-30).

Erstaunlich ist, dass Jesus keineswegs das Ende aller Mühsal verspricht; er verspricht nur eine Erleichterung, ein leichteres Joch, kein Paradies auf Erden. Er verspricht nicht wie die Bundesrepublik Deutschland das Ende aller Not, das Ende aller Unterdrückung. Jesus verlangt im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland sogar etwas, zunächst einmal eine Entscheidung, dann eine Nachfolge, und dann auch die Bereitschaft, sich lernend einzubringen und Verpflichtungen einzugehen.

Die hymnische, grandiose Machtverheißung Mohamets, das universale, menschheitserlösende Glückspathos der Hymne der Europäischen Union, die umfassende Einladung der sich in geradezu romantischem Sinne entgrenzenden, sich aufopfernden Bundesrepublik an alle Menschen weltweit – diese drei großartigen, universal gültigen Verheißungen kontrastieren auffällig mit dem deutlich bescheideneren, mehr auf menschendienliche Erleichterungen bedachten Arbeitsethos Jesu Christi.

 

 

 Posted by at 20:14

In der Migrantenfrage gibt es kein Alibi mehr. Der Tod ist unerbittlich

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Apr 202015
 

Furchtbare Schicksale ereignen sich Tag um Tag im Mittelmeer. Hinter jedem dieser Schicksale steckt eine Geschichte, ein Gesicht, ein Mensch, eine Entscheidung! Es sind einzelne Menschen, ganz überwiegend junge Männer, die den Entschluss fassen, aus ihren Herkunftsländern aufzubrechen, um irgendwo, meist in Deutschland, ein besseres Leben zu finden.

Ville Tietäväinen, der großartige finnische Comiczeichner und Illustrator, hat sich die Geschichten in Nordafrika angehört, er sprach und lebte mit Migranten in Nordafrika und hat seine Erfahrungen einfühlsam in den großartigen Comic-Band „Unsichtbare Hände“ (Näkymättomät kädet) gegossen. Unbedingt lesenswert, hier kommen endlich die Migranten selbst zu Wort!

Eine weitere dieser zahlreichen einzelnen Geschichten brachte soeben BBC World im Radio: Omar, 17 Jahre alt, ältester von 5 Geschwistern, aus dem Senegal stammend, beschloss eines Tages zusammen mit der Familie, dass er als ältester der Brüder ausziehen sollte, um ein besseres Leben zu finden. „It was my family situation. And one day we decided that I should go to Europe.“ Lange saß Omar in Libyen fest. Endlich klappte es, er zahlte den Schleppern eine hohe Summe. Omar war einer der Migranten, die den Schiffbruch des heutigen Tages, bei dem über 900 eng zusammengepferchte Menschen in einem umkippenden Boot dem Ertrinkungstod entgegensehen mussten, überlebten. Die übergroße Mehrheit der knapp 1000 afrikanischen Migranten auf dem schwimmenden Sarg waren und sind wie üblich junge Männer, aber auch 40 Kinder und 200 Frauen sollen sich auf dem Schiff befunden haben. Eine ungeheuerliche kriminelle Energie steckt hinter dem florierenden Business der Schlepper und Schleuser, und leider auch große Unwissenheit und Ratlosigkeit bei den Opfern.

Wie all die anderen Migranten musste der Senegalese Omar eine hohe Geldzahlung leisten, um auf den Seelenverkäufer gelassen zu werden. Was ihn erwartet, darüber wurde er nicht aufgeklärt.

Nebenbei: Im Vergleich zur deutschen Debatte, wo stets von „Flüchtlingen“ oder „Asylbewerbern“ (refugees/réfugiés) gesprochen wird, werden eben diese selben jungen Männer aus den afrikanischen Ländern, die viel Geld für die Überfahrt bezahlt haben, in den anderen EU-Ländern und auch in den USA stets als „Migranten“ (migrants) bezeichnet. Dies scheint mir in der Tat zutreffender zu sein. Denn die Schwächeren, also die Kinder, die Mütter, die Alten bleiben in aller Regel in den Herkunftsländern. Wer aus Nordafrika zu uns aufbricht, das sind offenbar überwiegend die Stärkeren, die Jüngeren, die Männer, kaum je die Frauen, die Kinder, die um so hilfloser zurückbleiben. Auch bei uns in Kreuzberg kommen ganz überwiegend junge Männer als Asylantragsteller an.

Was bei uns als Flüchtlings- und Asyldebatte firmiert, das segelt also bei den anderen EU-Ländern als Immigrationsdebatte. Die südlichen EU-Länder haben erkannt, dass es hier um systematische Zuwanderung mehr als um Flucht und Vertreibung geht.

Migration, Immigration ist das große Thema für die EU! Hilfe, Nothilfe, die ausgestreckte Hand für die gestrandeten Menschen ist Menschenpflicht, Erkenntnis der Ursachen und der Erscheinungsformen der Migrationsbewegung vor allem nach Deutschland, also der berühmten „Pull-Faktoren“ der Migration, ist ebenfalls dringend geboten.

« Les tragédies de ces derniers jours, de ces derniers mois, de ces dernières années, cen est trop !, a martelé lundi la chef de la diplomatie européenne, Federica Mogherini, à son arrivée à Luxembourg. Nous navons plus dalibi. LUnion européenne na plus dalibi, les Etats membres nont plus dalibi. » Une nouvelle « stratégie » concernant limmigration doit être présentée à la mi-mai par le commissaire européen chargé du dossier, Dimitris Avramopoulos

.

via Naufrage en Méditerranée : « LUnion européenne na plus dalibi ».

 Posted by at 16:24

Lindern wir das Elend der vielen Millionen Vertriebenen und Kriegsflüchtlinge!

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Dez 302013
 

Erschütternd: Fast eine (1) Million syrische Vertriebene und syrische Kriegsflüchtlinge halten sich derzeit in Libanon auf und werden schlecht und recht in leeren Fabrikhallen, Rohbauten, Gewerbesiedlungen und Zeltlagern untergebracht. Dabei hat Libanon eine Gesamtbevölkerung von kaum mehr als vier Millionen! Schutz vor Hunger und Obdachlosigkeit, sauberes Wasser und einwandfreie Abwasserentsorgung, Nahrungsmittelversorgung, eine geregelte Lager-Infrastruktur, Schutz vor Gewalt und Kriegshandlungen sind dringend nötig. Da könnte die Bundesrepublik auch ein kleines Scherflein mehr beisteuern – statt erneute sozialpolitische Weihnachtsgeschenke an die eigenen Wähler zu verteilen.

Quelle: Le Monde, 29./30. Dezember 2013, S. 1,2,3

 Posted by at 21:57

„Konditionalität der Hilfe“ – das Samariterdilemma

 bitte!, Europäische Union, Novum Testamentum graece, Samariter  Kommentare deaktiviert für „Konditionalität der Hilfe“ – das Samariterdilemma
Mai 222013
 

2013-03-24 10.54.58

 

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger James M. Buchanan prägte den Begriff „Samariter-Dilemma“. Er meinte damit, dass ein Akt selbstloser Hilfe für den Beschenkten, dem aus einer Notlage geholfen wird, langfristig eher schadet als nützen kann, da der Empfänger dazu verführt wird, sich auf gewährte Hilfen mehr und mehr auszuruhen, statt auf eigenen Beinen zu stehen.

Insbesondere die derzeit den Banken und den hochverschuldeten Staaten gewährten Finanzhilfen (ESM, EFSM, SMP, SKAS-Vertrag) werden häufig als sittlich gebotener Akt der Nächstenliebe unter befreundeten Staaten, als aus dem Gebot der Solidarität erwachsende Verpflichtung der reichen Staaten gedeutet. Wer es daran fehlen lasse, handle unsolidarisch und kaltherzig.

„Ihnen ist das Schicksal der hungernden Arbeitslosen in Griechenland EGAL!“ So sinngemäß eine empörte Katrin Göring-Eckardt gegen Bernd Lucke bei Frank Plasberg in der Kombattanten-Show Hart aber fair.

Was meint Jesus mit seinem Gleichnis vom Samariter? Lies dazu noch einmal das Lukas-Evangelium 10,25-37!

Die Erzählung ist glasklar:
1) Der Samariter folgt aus freien Stücken einer Regung des Herzens und nicht aufgrund einer vertraglichen Beziehung.
2) Der Mann, der unter die Räuber fiel, ist zufällig und ohne eigenes Verschulden in die Not geraten.
3) Die Hilfe des Samariters wird ohne Auflagen gewährt. Die Samariterhilfe ist ohne „Konditionalität“.
4) Die Hilfe des Samariters erfolgt ohne die Erwartung einer Gegenleistung.
5) Sie ist einmalig und beschränkt sich auf die besondere Notlage.
6) Sie wird nicht zum Dauerzustand.
7) Es herrschte vor der Nothilfe  keine persönliche Beziehung zwischen dem Samariter und dem Opfer.

Keines der 7 Merkmale trifft auf den Euro-Rettungsfonds zu.

Für ESM, EFSM, SMP und SKS gilt:

1) Die Geberländer zahlen aus Nützlichkeitserwägungen in die verschiedenen Fonds ein.
2) Die Empfängerbanken und -Länder sind nicht zufällig, sondern vor allem durch eigenes Verschulden in die Not geraten.
3) Die Hilfe der Euro-Rettungsfonds wird mit Auflagen gewährt. Die Euro-Hilfe wird mit „Konditionalität“ gewährt.
4) Die Hilfe der Euroretter erfolgt in Erwartung einer Gegenleistung, also einer Rückzahlung.
5) Sie ist nicht einmalig und beschränkt sich nicht auf die besondere Notlage.
6) Sie wird zum jahrelang anhaltenden Dauerzustand.
7) Es herrschte bereits vor der Nothilfe eine institutionelle Beziehung zwischen dem Helferland und dem Opferland.

Ergebnis:

Die Eurorettungspolitik, die eine Bankenrettungspolitik und eine Staatenfinanzierungspolitik ist, erfüllt kein einziges der Merkmale, die auf den barmherzigen Samariter zutreffen. Sie ist rein pragmatisch zu sehen, sie hat keinerlei tiefere sittliche Bedeutung.

Jede Bezugnahme auf sittliche oder gar religiöse Gebote bei der aktuellen Finanzmarktstabilisierungspolitik ist fehl am Platze. Die Vorwürfe der unsolidarischen Kaltherzigkeit greifen ins Leere. Es geht für alle Beteiligten ausschließlich um Nutzenmaximierung.

 

Bild:

Ev. Johannesstift, Spandau, Samariterbrunnen.

 

 

 

Samaritan’s dilemma – Wikipedia, the free encyclopedia.

 Posted by at 22:57

Ježíš pro ateisty, oder: Was geht hier eigentlich ab?

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Apr 202013
 

2013-03-24 10.54.58

„Ježíš pro moderního člověka“ (původní název Ježíš pro ateisty), Jesus für den modernen Menschen (ursprünglicher Titel Jesus für Atheisten), das ist ein Buch, das ich gern geschrieben hätte, das allerdings bereits geschrieben worden ist, und zwar durch den tschechischen Philosophen Milan Machovec. Das Buch kenne ich nicht, habe es folglich auch nicht gelesen, kenne aber einige Christen, die Machovec kannten und mir von ihm  berichtet haben. Was könnte darin stehen? Machen wir doch ein kleines Experiment anhand einer beliebigen Streitfrage!

via Milan Machovec – Wikipedie.

Die kleine beliebige Frage laute für uns heute: Würde Jesus den von ihm erzählten barmherzigen Samariter als einen seiner Nachfolger annehmen?

Zweifellos würde Jesus den Samariter als seinen Nächsten annehmen und sich um ihn  kümmern, da die Nächstenliebe ja unterschiedslos und voraussetzungslos jedem Nächsten gilt.

Aber würde Jesus den barmherzigen Samariter auch als seinen Nachfolger – als „Christen“, wie wir heute aus Bequemlichkeit sagen – annehmen oder anerkennen? Keine leichte Frage! Die Samariter waren ja verrufen als religiös unsichere Kantonisten, zwar galten sie ethnisch („dem Blute nach“) als zum Volk Israel gehörig, aber sie hingen kulturell (also dem Kultritus nach) teilweise anderen Göttern an, ließen Götter der umliegenden und der zugewanderten ethnischen Gruppen meist gelten. Sie waren theologisch höchst unzuverlässig, sie waren dem Einen wahren Gott manchmal abtrünnig, sie standen mit dem wahren Volk Israel auf gespanntem Fuße, was Jesus allerdings nicht daran hinderte, von einer Samariterin einen Trunk aus dem Brunnen anzunehmen.

Kein Zweifel kann daran bestehen, dass die Samariter nach den Maßstäben der heutigen christlichen Kirchen keine Christen werden können, sofern sie nicht ihrem Fremdgötterglauben bzw. ihrem Atheismus abschwören und sich zurückbesinnen auf den Einen Gott des Abraham, Isaak und Jakob. Sie müssten sich erst einmal von einem Priester buchstäblich die Leviten lesen lassen. Sie müssten sich erst einmal taufen lassen und die Lehren der von ihnen erwählten christlichen Kirche bekennen. Ein 6 Monate dauernder Kurs dürfte in etwa ausreichen. Danach gölten sie dann in den Augen der Welt als „Christen“.

Anders würde wohl Jesus urteilen. Besser gesagt: Er würde gar nicht urteilen. Er hat nicht geurteilt. Er hat nur Nachfolge verlangt. Er hat konkrete Schritte statt eines ausgefeilten Bekenntnisses verlangt. Dem Schriftgelehrten, der ein Handlungsrezept zum ewigen Leben verlangte, hat er gar nichts versprochen. Er hat nur gesagt: „Mach das und du wirst leben.“ Er hat nicht gesagt: „Glaube das, was ich dich lehre, und du wirst ewig leben!“ Er verheißt dem Schriftgelehrten keinerlei Vergütung im Jenseits. Sondern er hat gesagt: „Mach das, was dich der Samariter lehrt, – und du wirst leben.“ Übersetzt: „Verlange nicht das ewige Leben, sondern fange an in der Wahrheit zu leben.“

Jesus sagt: Der Samariter ist näher dran am Liebesgebot als der viel frömmere Priester und der theologisch viel sattelfestere Levit.

Ich meine: Sofern der Samariter oder irgendein Mensch glauben sollte, über Jesus und über Jesus ganz entscheidend zur Wahrheit des Lebens zu gelangen, steht er in der Nachfolge Jesu Christi. Er wird somit im eigentlich Sinn zum Nachfolger und Stellvertreter Christi auf Erden. Die frei erwählte persönliche Nachfolge Christi, um „in Wahrheit zu leben“  – das ist das entscheidende Kriterium des Christseins, nicht das Bekenntnis zu Altar und Kirche, nicht ein „system of beliefs“, ein Gebäude von Lehren und Überzeugungen, wie es heute gerne – etwa von Edward Dawkins – als Definition von Religion in die Runde geworfen wird. Recht unerheblich, mindestens nachrangig  für die Nachfolge Christi ist auch die administrative Zugehörigkeit zu einer öffentlich anerkannten Institution.

Jesus verlangt: „Fange an in der Wahrheit zu leben, indem du mir nachfolgst.“ Es ist eine plötzlich aufscheinende Evidenz der Wahrheit, die den Menschen zum Christen macht, sofern er dies will und annimmt.

„Holla, was sagen Sie da? Also kann auch ein Atheist Christ sein oder werden?

Wer vermag dies zu beurteilen? Ein Mensch sicher nicht. Eines ergibt sich aber aus dem Zeugnis des Neuen Testaments meines Erachtens ohne jeden Zweifel: Diese Liebe Jesu wird voraussetzungslos und ohne jede Vorbedingung gelebt. Sie erstreckt sich auf Verbrecher und nicht straffällige Menschen, auf Gläubige, Lauwarme und Ungläubige gleichermaßen.

Paulus hat diese Erkenntnis  bei Damaskus erlebt. Der Norweger Karl Ove Knausgård, der hartgesottene Sohn des Jahres 1968, beschreibt es in seinem Buch „Lieben“ so:

Ich, der ich mich seit meiner frühen Jugend leidenschaftlich gegen das Christentum gewandt hatte und von ganzem Herzen Materialist war, hatte mich binnen einer Sekunde, ohne wirklich nachzudenken, erhoben, war den Mittelgang hinaufgegangen und hatte vor dem Altar gekniet. Es war eine spontane Eingebung gewesen. Und als ich diesen Blicken begegnete, konnte ich mein Verhalten nicht verteidigen, konnte ich nicht sagen, dass ich gläubig war, und senkte, leicht beschämt, die Augen.

Und kurz darauf berichtet der Autor aus einem Gespräch mir seiner Mutter über den fernen, abwesenden, schwierigen Vater, der sich von der Familie losgesagt hatte:

„Ich habe ihn wirklich gern gehabt, Karl Ove. Ich habe ihn geliebt.“

Das hatte sie noch nie gesagt. Nicht einmal ansatzweise. Ja, ich konnte mich nicht einmal erinnern, dass sie je zuvor ein Wort wie „lieben“ in den Mund genommen hatte. Es war erschütternd. Was passiert hier, dachte ich. Was passiert hier? Denn um mich herum veränderte sich etwas. Geschah es in mir, so dass ich nun etwas sah, was ich vorher nicht gesehn hatte, oder ging es darum, dass ich etwas in Gang gesetzt hatte?

In ihm geschah etwas, was er vorher nicht gesehen hatte, und was ihn erschütterte!

Ihr seid näher dran als wir, Milan und Karl Ove!

Milan Machovec: Ježíš pro moderního člověka. Orbis, Praha 1990. Akropolis, Praha 2003

Karl Ove Knausgård: Lieben. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Verlag, München 2012, S. 582 und S. 762

Richard Dawkins: The God Delusion. Black Swan edition, London 2007

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