Von Kant zum Kind. Ein Auflachen

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Okt 182017
 

Eine ungelöste Frage bleibt die Einhaltung der Verkehrsregeln durch Erwachsene bei der Begegnung mit den schwächsten Menschen, den Kindern. Wird es mir je gelingen, auch nur einen Erwachsenen zum Absteigen im Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule zu bewegen? Wie, wenn ich die Erwachsenen auf Immanuel Kant verwiese, ihnen einschärfte, dass wir allezeit gemäß diesem wohl bedeutendsten Philosophen deutscher Sprache so handeln sollten, als könnte die Maxime unseres Handelns zugleich Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein? Wer kräht denn danach? Wer liest oder kennt heute unter den Deutschen noch Kant? Wer ließe sich durch allgemeine philosophische Überlegungen zu einer Verhaltensänderung bewegen?

Solches Sinnieren befällt mich unwillkürlich manches Mal, doch wische ich diese trüben Gedanken über den kulturell so dürftigen, so armseligen Zustand des deutschen Vaterlandes gern beiseite, wenn mir etwas Schönes begegnet.

So auch heute! Ich schob mein Fahrrad gedankenverloren über den Schulhof der Grundschule, da sprang mir ein Mädchen entgegen, das sich aus einer Gruppe von spielenden Kindern gelöst hatte!

Welche Botschaft brachte es mir? Es reichte mir lächelnd ein handgeschriebenes Zettelchen entgegen und lief sofort ängstlich weg. Was stand auf dem Zettelchen?  „Danke fürs Absteigen!“ las ich. Ich las es und da lachte mir das Herz! O ihr Kinder, ihr bezwingt noch den melancholischsten Philosophen! Selbst ein Immanuel Kant hätte kurz von seinem kategorischen Imperativ oder seinen transzendentalen Bedingungen einer jeglichen Erkenntnis abgesehen, die irgend Anspruch auf den festen Gang einer Wissenschaft würde Anspruch erheben können. Er hätte sich rühren lassen.

So wie ihr mich angerührt habt. Ihr habt mein Herz erobert. Kant hin, Goethe her. Das ist Musik in meinem Herzen, wie sie ein J.S. Bach nicht schöner komponieren könnte.

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Danke, kleines fleiß’ges Maschinchen in Schöneberg!

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Okt 122016
 

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„Ach, wenn ich nach Dienstschluss so aus meinem Rathaus komme und denke, ja wann haben denn hier diese Stufen zum letzten Mal einen Besen gesehen, und wenn ich dann erfahre: Auch heute war hier drei Mal die BSR zugange, hat gefegt und geräumt, geputzt und gewienert… dann möchte ich doch tatsächlich selbst noch zum Besen greifen, möchte Hand anlegen. Aber ich weiß: auch eine vierte Treppenreinigung wird unser Rathaus nicht in vollkommenem Glanz erstrahlen lassen.“

So die beredte Klage einer Mitarbeiterin des Neuköllner Bezirksamtes, der ich am vergangenen Freitag in einem der angesagtesten Kultur- und Debattiersalons unserer Stadt lauschen durfte.

Die Klage kam mir heute wieder in den Sinn! Denn – denkt euch nur, Kinder! – bei uns in Schöneberg hat sich die Berliner Stadtreinigung etwas Besonderes einfallen lassen: ein fleißges kleines Maschinchen, mit einem Saugrüssel versehen, dem nichts, aber nichts entgeht: nicht die Zigarettenkippen, die täglich freigebig neu aufgestreut werden, nicht die Getränkepackungen, nicht das große Geschäft der vielen promenierenden Hunde und Hündchen.

Mehrmals pro Monat rummelt das fleißge Maschinchen  vorbei an meinem blumenbepflanzten Balkon. Das  Maschinchen hab ich ins Herz geschlossen. Wie gut es ist: Der Achtlosigkeit der Bürgerinnen und Bürger – achtet es nicht. Es verrichtet unverdrossen seinen Dienst. Und, Kinder, denkt euch nur: Ein Dankeschön erwartet es nicht. Es erwartet nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger sich ändern. Es ist die Antwort des treusorgenden fürsorglichen Staates an die Bürgerinnen und Bürger, die – weil es das Maschinchen gibt – bleiben dürfen, wie sie immer gewesen sind in unserer Stadt.

Du brauchst das Maschinchen nicht zu belohnen, du kannst die Berliner Stadtreinigung  nicht wählen; du kannst BSR nicht auf dem Stimmzettel ankreuzen. Aber ich, ich wollte hier das kleine fleißige Maschinchen loben. Weil es sonst niemand macht. Wer achtet sein? Kein Hund achtet sein!

Wie rückständig sind doch die Bürger beispielsweise in Ansbach oder Augsburg: Dort räumt nach Silvester immer noch jeder Bürger den eigenen Dreck weg. Und bei uns wissen wir: Das brauchen wir nicht, wir haben ja das kleine fleißge Maschinchen.

Und ich? Ich würde BSR wählen, ich hätte BSR gewählt, wenn es eine Partei wäre. Dem fleißgen Maschinchen zuliebe.

Danke, kleines fleißiges Maschinchen, dass es dich gibt!

Du bist Vorbild; du bist Sinnbild des Bürger-Staat-Verhältnisses in unserem üppigen Bundesland; der Staat, der Bezirk wischt und fegt uns Bürgern hinterher – wie eine gute aufopferungsvolle Mutter, die ihre Kinder über alles liebt, auch wenn sie noch alt und – wie man früher sagte – „erwachsen“ sind und schon selber wischen und fegen könnten.

Siehst Du oben das Bild, lieber Leser? Das ist das kleine fleißge Maschinchen, das Sinnbild der Berliner Politik und Staatlichkeit. O wie gerne würd ich doch das kleine fleißge Maschinchen auch einmal nach Neukölln schicken!

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Der Fuchs – ein Vorbild des Menschen?

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Jun 072016
 

 

 

Betrachte diesen Fuchs genau! Er streift an uns vorbei, sucht sich ein Plätzchen, wittert, prüft, verhält, lugt, lauscht: ein gepacktes Bündel an Aufmerksamkeit, Hinhalten, Hinlauschen. Und doch wieder vollkommen in sich ruhend, auf sich bezogen. Selbsthabe, Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung des Umfeldes, spielerisches Erkunden, Selbst-Fürsorge: das Kratzen mit dem eigenen Lauf. Kurz fasste er uns ins Auge, sicherte und witterte zu uns herüber. Er eräugte uns – aber wir waren kein Ereignis für ihn: eine Kommunikation zwischen Mensch und Tier wollte sich diesmal nicht einstellen.

Der Fuchs ist ein Vorbild an Wachheit und Aufmerksamkeit für uns Menschen. Wir Menschen, deren Aufgabe das Wachsein ist!

Bedenke: diese Begegnung ereignete sich vergangenen Sonntag an der Wilhelm-Förster-Sternwarte in Schöneberg, also dort, wo der Mensch sein Eräugen in die Weiten des Weltraumes wirft! Dem Fuchs muss dies unbegreiflich sein. Und dennoch tut er im Kleinen nichts anderes als das, was die Naturforscher im Großen auch bewerkstelligen: er erkundet, erforscht, er sucht Koordinaten, er orientiert sich, er bildet sich eine Vorstellung des Ganzen, das ihn umgibt. Er hat eine Weltsicht; er hat gewissermaßen sogar ein „Menschenbild“, denn offensichtlich misst er dem Menschen, den er vermutlich als Lebewesen, also als seinesgleichen, wahrnimmt,  keine überragende Bedeutung bei. Menschen sind für diesen Fuchs Lebewesen, die es nicht zu fürchten gilt, die allenfalls nur vorübergehende Aufmerksamkeit verdienen. Wir sind für ihn – Vorübergehende. Er ist für uns – ein Vorübergehender, der kurz bei uns verweilte und uns beglückte in all seiner Fremdheit.

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Arkadische Melodie. Südgelände, Schöneberg

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Jun 042016
 

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Schon verloren die Guteschafe
die Hälfte des wolligen Kleides,
während auf sicher gebauetem Steg
der selberernannte Schäfer

Quendel und Quecke nicht achtend
stumm summend auf unhörbarer Flöte
zärtlich lockend die Zicklein heranruft,
die seiner nicht achten, nein:

Eifrig nicken die Köpfchen, zupfen
am Thymian und an Wegwarte
Blatt um Blatt, Halm um Halm,
eifrige Rasenstutzer im Dienste

des unbekannten, des unerkannten Gottes.
Die Sprayer werkeln und schütteln die Döschen,
träge rummen die Interregios vorüber;
ein uralter Opel-Schornstein qualmt unsichtbar weiter.

hic in reducta valle caniculae vitabis
vitabis aestus, die Fräulein Grimms erzählen indes
dein leichtes, dein sanft plätscherndes Leben,
dein Leben: das war, das ward, das wird und das sein wird.

 

 

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„Pecore matte“?, oder: Sind Schafe immer „lammfromm“ oder „gut“?

 Dante, Natur, Parkidyllen, Schöneberg, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für „Pecore matte“?, oder: Sind Schafe immer „lammfromm“ oder „gut“?
Mai 302016
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Beobachtungen bieten die Hornschafe im Natur-Park Schöneberger Südgelände! So manche gute Stunde habe ich damit verbracht, sie anzuschauen. Und so heißt diese Rasse ja denn auch: „Guteschaf“, wobei „Gute-“ sich auf die Herkunft dieser Spielart bezieht, nämlich Gotland in Schweden. Die Widder tragen spiralförmige prachtvolle Hörner, die Hörner der Auen sind krumm wie eben die Krummhörner.

Hier eine Aufnahme vom 26. Mai 2016. Erstaunlich sind die schnellen Läufe einzelner Tiere, das spielerische Rangeln und Raufen, das heftige Aufeinanderprallen kämpfender Widder. Zu Beginn ist eine niesende Aue zu hören und zu sehen. Das gesamte Sozialverhalten der geselligen Tiere weicht stark von dem der üblichen Hausschafe ab. Die Herde zeigt starke selbstregulatorische Verhaltensmuster: Ruhen, Äsen, Spielen, Kämpfen, Fellwechsel scheinen sich von selbst in dieser Lebensgemeinschaft „einzuspielen“. Als ich sie heute erneut besuchte, war der Fellwechsel vollzogen. Der dicke Winterpelz, den einige Tiere noch vor wenigen Tagen zeigten, hat sich in großflächigen Abschnitten abgelöst.

Von der angeblichen „Schafsgeduld“ konnte ich wenig entdecken. Im Gegenteil! Die Herde wirkt außerordentlich aktiv, sie gestaltet ein geselliges Leben, sie gestaltet verändernd auch das eigene Lebensumfeld. Die einzelnen Tiere zeigen Neugierde, Anlehnungsbedürfnis, Geselligkeit, Rivalität, Aggression und Gemeinschaftssinn.

Die Antwort auf unserer heutige Frage lautet also: Schafe sind keineswegs nur lammfromm. Dante hatte einst gedichtet: „Siate uomini e non pecore matte – Seid Männer, nicht tumbe Schafe!“ Ich meine, er würde seine vorgeprägte Meinung über Schafe ändern, wenn er sähe, wie ausgelassen Schafe tollen, wie tapfer und mannhaft sie kämpfen können!

 Posted by at 17:21

Verschollenes. Spuren im Schnee. Auf Flügeln des Gesanges

 Deutschstunde, Europäische Union, Gedächtniskultur, Leitkulturen, Schöneberg, Singen, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Verschollenes. Spuren im Schnee. Auf Flügeln des Gesanges
Jan 062016
 

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Und wieder erwachten wir, und wieder hatte der Schnee sein weißes Gewand über Feld und Flur gelegt, und wieder dreht sich das lustige Anemometer, die effizienteste aller Wetterfahnen, hoch droben am aufgelassenen Gasvorratsbehälter! Hier in Schöneberg!

Und wieder, wie damals!

Ja, damals, das waren noch Zeiten damals, 1930, da sangen die Menschen noch! Auf welchen reichen Schatz an Traditionen, Liedern und Klängen konnte der Regisseur Josef von Sternberg, damals, 1930, noch zurückgreifen! Welch reiche Schauspielkunst stand damals einem Emil Jannings noch zu Gebote! Erst war er der steife Pennäler-Quäler, der seine Schüler mit Shakespeare schurigelte und anspuckte, aber wie sehr lockerte sich seine Seele auf unter dem Anhauch des Gesanges! Hinter der Maske des starrren Professors kam eine weiche, verletzliche, liebende Seele zum Vorschein!

Und wie sehr veränderte Emil Jannings sich dann, als er getäuscht worden, wie sehr bewahrheitete sich der Schlager, den Christoph Hölty 1775 dichtete und Wolfgang Amadeus Mozart 1791 in Töne setzte:

Drum übe Treu und Redlichkeit
bis an dein kühles Grab
und weiche keinen Fingerbreit
von Gottes Wegen ab.

Und als er kam zu sterben, der alte Herr Professor, das Professorchen, da sucht‘ er die Stätte seines Wirkens noch einmal auf, da trat er ein ohne anzuklopfen, doch seine Schüler waren alle fort. Da legt‘ er sich nieder auf das Katheder, von dem aus er seine Schüler geschurigelt hatte, da verkrallte sich seine Faust unlösbar in das alte Gebälk. So fand der Pedell ihn wenige Stunden danach. Er hörte schon nicht mehr.

Ja, wie nahe von hier ward diese Sängerin doch geboren! Hier, in Schöneberg geboren? Ja, hier in der Sedanstraße 65, der heutigen Leberstraße, etwa 300 Meter vom Ort dieses Fotos aus gemessen, ward sie geboren!

Ja, damals konnten sie noch singen, man verstand jedes Wort, jeden Ton, jeden Konsonanten! „… Ich bin von Kopf bis Fuß…“ — ja, wie sie das singend spricht und sprechend singt, so kann das heute keine deutsche Sängerin mehr. Ja, das ist die Kunst der Diseuse, die auf bestechend deutliche Art jedes Wort, jeden Ton aus der Taufe hebt! Ja, damals lernten die Buben und Mädchen richtig klares Deutsch!

„Also war alles besser damals?“

Nein, nein, nicht alles war besser als heute, im Berlin der späten 20er Jahre. Wir wollen hier die Weimarer Republik nicht verklären, aber sie war doch wesentlich besser als das, was ab 1933 bis 1945 folgte. Und vieles war in der Tat besser als heute, mindestens dies: Die Buben und Mädchen lernten damals – im Jahr 1930 – noch richtig klares Deutsch. Sie lernten noch singen, tanzen, turnen, Gedichte rezitieren, Schlager und Volkslieder singen!

Während das heutige offizielle Europa weitgehend in einem echolosen, gedächtnistoten Kulturraum existiert und seine Jugend in einem gränzenlosen Präsentismus zum Glauben an Google, zum Glauben an den Euro, zum Glauben an den European Song Contest (ESC), an die gränzenlose Weisheit der EZB und an Quantitative Easing (QE) erzieht, standen den europäischen Ländern 1930 noch einige Jahrhunderte Gesang, einige Jahrhunderte Sprachgeschichte zu Gebote.

Und in dem ganzen Film, den Josef von Sternberg 1929/1930 in den UFA-Studios drehte, singt es und klingt es wie in einem Märchenwald der deutschen Lieder. Uralte, heute verschollene, heute vergeßne Lieder und Klänge tönten aus der digital restaurierten Tonspur an unser Ohr.

Wir hörten Franz Schubert heraus:

Ich hört’ ein Bächlein rauschen
Wohl aus dem Felsenquell,
Hinab zum Thale rauschen
So frisch und wunderhell.

Und zum Fenster des Gymnasiums herein klang der glockenhelle zweistimmige Mädchenchor herein:

Klopp an de Kammerdör,
Fat an de Klink!
Vader meent, Moder meent,
Dat deit de Wind.

Was klingt da heraus, was klingt da herauf aus dem Film, den der Produzent Erich Pommer 1930 in den UFA-Studios drehen ließ?
Alte, längst vergeßne Tage! Alte Sprachen! Alte Kunst!

 Posted by at 12:43

Daß du das Leben erwählest

 Hebraica, Russisches, Schöneberg, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Daß du das Leben erwählest
Mai 142015
 

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„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählest.“ So ungefähr steht es im 5. Buch Moses, XXX, 19.

Wladimir Solowjev zitiert diese Stelle am 17.4.1888.

Eine großartige Wanderung unternahm ich am Herrentag quer durch Schöneberg und Steglitz. Die Bergschuhe trugen mich mühelos Kilometer um Kilometer voran, nicht ich trug sie! Nachtigallen schmetterten ihr Lied. Schafe weideten die Langgraswiesen ab. Arkadien lachte. Im Südpark sah ich, wie die Gleise sich trennten – nach rechts ging es hinein in einen dunklen Tunnel, dessen Ausgang ungewiss war. Das war die Vernichtung. Nach links führte der Weg ins Grüne, ins Freie, ins Offene. Das ist das Leben.

Wähle das Leben!

 Posted by at 23:07