Sep 112018
 

 

 

 

 

 

Kam ich zu dem Schulhof hin
Wollte pfeilschnell rasen,
Sah ein bucklicht Männlein stehn,
Mit dem war nicht spaßen.

Fuhr ich durch den Schulhof hin,
ohne abzubiegen,
Sprach das bucklicht Männlein da:
Jetzt wird abgestiegen!

Wollt ich meinen Liebsten sehn,
Blieb ich einfach sitzen,
Sah das bucklicht Männlein stehn,
Sagt: Du sollst nicht flitzen.

Rasten wilde Kerls einher,
Mit Lärmen und mit Lachen,
Rief das bucklicht Männlein da:
Achtet auf die Schwachen!

Fuhr heut morgen ich vorbei,
Sah das Männlein liegen,
Beinchen zuckten hin und her,
Schnauft wie in letzten Zügen.

Da klagt mir das bucklicht Männlein:

Die Kinder haben sich beschwert,
Klagten weinend es zu mir.
Die Radler haben nicht gehört,
Stießen mich grob als ein Tier…!

So klagte des bucklicht Männlein.
Und weiter hab ich nichts gehört.

Lieber Radler, ach ich bitt,
Steig  ab fürs bucklicht Männlein mit!

 Posted by at 19:49
Aug 302018
 

Heute findet der Sommer meiner vielen Wanderungen, der mich in bunter Folge nach Franken, Bayrisch-Schwaben, Südtirol, Georgien führte, sein vorläufiges Ende. Der Sommer war sehr groß! Auf BBC World sah ich, noch in Brüssel weilend,  in der Hauptnachrichtensendung dieses weltweit gesehenen, hochgeachteten Senders einen erschütternden Bericht über Deutschland und seine Sachsen.  Angst und bange kann einem werden, wenn man mit den Augen der internationalen Presse und der BBC auf Deutschland und seine Sachsen blickt!

Die Stadt des gewöhnlichen Aufenthalts, wie empfängt sie mich? Gastlich wie eh und je. Und doch hat sich etwas verändert! Was? Als ich meinen gewöhnlichen Weg durch den Schöneberger Schulhof nehme, in dem immer so viele Radfahrer den Weg der durcheinanderwuselnden Kinder überrollen, entdecke ich deutlich eine Kette und ein weiteres Verbotsschild. Das Fahrradfahren, das bisher schon verboten war – ein Verbot, an das sich sehr zu meinem Bedauern nur eine Minderheit der Radfahrer hielt -,  wird nunmehr noch einmal verboten. Radfahrer sind nunmehr von Montag bis Freitag von 6:00 bis 16:30 Uhr ausgesperrt.

Zwei Polizisten überwachten heute Vormittag die Einhaltung dieses Verbots.

Ich empfinde dieses doppelte Verbot des Fahrradfahrens auf einem Schulhof – oder vielmehr die Tatsache, das die meisten erwachsenen Radfahrer sich trotz vieler Ermahnungen durch Schüler und Lehrer nicht an das Fahrverbot auf dieser Spiel- und Erholungsfläche der Kinder halten – als Gradmesser für das starke Nachlassen bürgerschaftlichen Gemeinsinnes in Berlin. Im Vergleich zu anderen von mir kürzlich besuchten Städten – Moskau, Brixen, Ansbach, Tbilisi, Augsburg seien hier beispielhaft genannt – herrscht in Berlin ein höheres Maß an Vernachlässigung des Umfeldes, an kleinen und großen Regelverletzungen, an Rücksichtslosigkeit gegenüber den Rechten der Kinder und der Schwachen, an Vermüllung und Verlotterung des städtischen Umfeldes. Dies ist nicht – oder höchstens mittelbar – durch die Berliner Politik verursacht, sondern durch die Menschen, die hier leben. Auf die Menschen kommt es an.  Käme es an!

 Posted by at 16:54
Okt 182017
 

Eine ungelöste Frage bleibt die Einhaltung der Verkehrsregeln durch Erwachsene bei der Begegnung mit den schwächsten Menschen, den Kindern. Wird es mir je gelingen, auch nur einen Erwachsenen zum Absteigen im Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule zu bewegen? Wie, wenn ich die Erwachsenen auf Immanuel Kant verwiese, ihnen einschärfte, dass wir allezeit gemäß diesem wohl bedeutendsten Philosophen deutscher Sprache so handeln sollten, als könnte die Maxime unseres Handelns zugleich Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein? Wer kräht denn danach? Wer liest oder kennt heute unter den Deutschen noch Kant? Wer ließe sich durch allgemeine philosophische Überlegungen zu einer Verhaltensänderung bewegen?

Solches Sinnieren befällt mich unwillkürlich manches Mal, doch wische ich diese trüben Gedanken über den kulturell so dürftigen, so armseligen Zustand des deutschen Vaterlandes gern beiseite, wenn mir etwas Schönes begegnet.

So auch heute! Ich schob mein Fahrrad gedankenverloren über den Schulhof der Grundschule, da sprang mir ein Mädchen entgegen, das sich aus einer Gruppe von spielenden Kindern gelöst hatte!

Welche Botschaft brachte es mir? Es reichte mir lächelnd ein handgeschriebenes Zettelchen entgegen und lief sofort ängstlich weg. Was stand auf dem Zettelchen?  „Danke fürs Absteigen!“ las ich. Ich las es und da lachte mir das Herz! O ihr Kinder, ihr bezwingt noch den melancholischsten Philosophen! Selbst ein Immanuel Kant hätte kurz von seinem kategorischen Imperativ oder seinen transzendentalen Bedingungen einer jeglichen Erkenntnis abgesehen, die irgend Anspruch auf den festen Gang einer Wissenschaft würde Anspruch erheben können. Er hätte sich rühren lassen.

So wie ihr mich angerührt habt. Ihr habt mein Herz erobert. Kant hin, Goethe her. Das ist Musik in meinem Herzen, wie sie ein J.S. Bach nicht schöner komponieren könnte.

 Posted by at 22:44
Feb 182017
 

Immer wieder gerate ich als vorbeigehender Zeuge in  Unterredungen zwischen Kindern und erwachsenen Radfahrern, die einen Schulhof, dessen Gelände auf das allgemeine Straßenland hinausreicht und das deutlich an beiden Einfahrten ein Verkehrszeichen „Radfahren verboten“ aufweist, ungescheut auf ihrem Rad durchfahren. Sehr zum Unwillen der Kinder! Sie rufen dann: „Absteigen bitte!“ „Aussteigen bitte, das ist ein Schulhof!“

Umsonst! Ich höre dann von den Erwachsenen, die von den Kindern um das Absteigen gebeten werden, irgendwelche Rechtfertigungen oder auch barsche Knurrlaute, etwa in folgender Art: „Ich passe schon auf!“, „Das seh ich nicht ein, hier kommt ja niemand“, „Haltet das Maul“ usw. usw.

Sind Verkehrszeichen oder überhaupt Vorschriften – wie etwa hier das VZ 254 „Verbot für Radfahrer“ – nur dann zu beachten, wenn man deren Sinn einsieht? Soll man Regeln nur dann befolgen, wenn man sie gut findet?

Ich selbst befuhr übrigens vor Jahrzehnten ebenfalls als Achtklässler ohne Zögern einige Male den Schulhof mit dem Fahrrad, obwohl ich wusste, dass dies verboten war und mich der Rex sogar erwischt hatte. Mich leitete dabei die Maxime: „Ich weiß selbst, was ich verantworten kann, ich sehe doch, dass da niemand kommt. Und wenn jemand mir in die Quere kommt, dann bremse ich rechtzeitig.“

Zwei Jahre später, in der 10. Klasse,  las ich dann als Hinführung zu der „Kritik der praktischen Vernunft“ Immanuel Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, erschienen in Riga 1785; Kant hinterließ damals mit seinen drei Kritiken einen ungeheuerlichen, bis heute nachwirkenden Eindruck auf mich, und seither begleitet mich die beständige Selbstbefragung und Selbstprüfung: „Was wäre, wenn jeder dieser Maxime folgte? Würde ich wollen können, daß meine Maxime ein allgemeines Gesetz werde?“

Die Antwort lautete damals nein und lautet heute nein. Man muss Vorschriften auch dann befolgen, wenn man deren Sinn nicht einsieht.

Ich meine darüber hinaus, dass hier auf diesem Schulhof geradezu die sittliche Pflicht für Erwachsene besteht, den Kindern als Vorbild zu dienen und sich an die Verkehrsregeln zu halten. Auf diesem Schulhof abzusteigen stellt auch keine unzumutbare Härte dar, denn auch der eilige Radfahrer verliert nur etwa eine Minute Lebenszeit. Lebenszeit, die er dazu nutzen kann, mit den Kindern oder den Lehrern zu plaudern.

Was sollen die kleinen Grundschulkinder (ab Klasse 1) von uns Großen halten, wenn sie sehen, dass die meisten Radfahrer an dieser Stelle so offensichtlich und trotz aller Bitten der Kinder die Regeln missachten, die hier zum Schutz der kleinen Kinder erlassen worden sind?

Man bedenke: Für Kinder sind alle Erwachsenen irgendwie die Großen. Und „die Großen“ halten sich nicht an die Gebote. Und das ist schlecht für die Kinder, weil die Großen damit ihre Achtung verlieren. Und die Kleinen können keinen Sinn für das Rechtschaffene, für die Redlichkeit entwickeln, die doch recht eigentlich Gesellschaften zusammenhält.

Bild: Szene  auf dem Schulhof heute, am Vormittag

Leseempfehlung für die Großen:

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Riga, bey Johann Friedrich Hartknoch. 1785. Hier bsd. S. 52: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

 

 Posted by at 20:35