Selbsthaß, Menschenhaß, Gotteshaß

 31. Oktober 1517, Selbsthaß  Kommentare deaktiviert für Selbsthaß, Menschenhaß, Gotteshaß
Mai 112017
 

Augustinus schreibt in seinen Confessiones, Buch VIII: […] quanto ardentius amabam illos de quibus audiebam  salubres affectus, quod se totos tibi sanandos dederunt, tanto  exsecrabilius me comparatum eis oderam, also zu deutsch: Je glühender ich jene [beiden Männer] liebte, über deren heilsame Gefühle ich erfuhrweil sie sich dir völlig zu ihrer eigenen Gesundung geschenkt hatten, desto verfluchter haßte ich mich, wenn ich mich mit ihnen verglich

Odium sui, Selbsthaß!

Lyndal Roper schreibt über den jungen Erfurter Augustinermönch Martin Luther: „Luther scheint geradezu in Schuldgefühlen geschwelgt zu haben, als könnte er, wenn er es zum Äußersten trieb, eine höhere Stufe des frommen Selbsthasses erleben, der ihn Gott so nahe wie möglich bringen würde.“

Martin Luther schreibt noch in seinen letzten Lebensjahren immer wieder in aller Offenheit von seinem Haß auf sich selbst, von dieser Selbstverwerfung, die ihn ins Äußerste, in den hellen Zorn hineintreibt, in die Verwerfung Gottes, ja in den Haß auf Gott führt:

Hierfür ein besonders machtvolles Beispiel, entnommen der Vorrede zum ersten Bande der Gesamtausgaben seiner lateinischen Schriften, in Luthers hell loderndem, an den Afrikaner Augustinus erinnerndem Latein originalgetreu wiedergegeben (Hervorhebung durch uns):

[21] Ego autem, qui me, utcunque irreprehensibilis monachus vivebam, sentirem [22] coram Deo esse peccatorem inquietissimae conscientiae, nec mea satisfactione [23] placatum confidere possem, non amabam, imo odiebam iustum et [24] punientem peccatores Deum, tacitaque si non blasphemia, certe ingenti murmuratione [25] indignabar Deo, dicens: quasi vero non satis sit, miseros peccatores [26] et aeternaliter perditos peccato originali omni genere calamitatis oppressos [27] esse per legem decalogi, nisi Deus per euangelium dolorem dolori adderet, [28] et etiam per euangelium nobis iustitiam et iram suam intentaret.

Ein erschütterndes Dokument für den Selbst- und Gotteshaß Martin Luthers, auf das ich vorderhand in Erinnerung an Goethe nur mit einigen kunstlos hingeworfenen Knittelversen antworten kann:

Ich höre, Martin, wie’s dich umtreibt:
S’ist Lieb, s’ist Haß, die glühend dich umwinden:
Aus jenen fernsten Gründen,
Wo ganz zuletzt der Mensch nur noch sich selbst erkennt;
Und sich nicht mehr bei seinem eignen Namen nennt,
Bricht über dich ein ungeheures Flammenübermaß!
So viel an dir ist Selbsthaß, Menschenleid,  so viel in dir ist Gotteshaß!

O Martin, Martin, hör die Frage:
Wie findet Gott zu dir,
Wie findet Gott ein gnädig Ich,
Das ihm verzeiht, ihn aufnimmt, nährt und stärkt,
Und nicht in hellem Zorn auf seine Fehler merkt?

Lass dir verzeihen, lösche aus die Fackel, die in dein Herz gesenkt,
Des Vorwurfs grimme Pfeile zieh aus deiner Brust,
Blick um Dich – das Leben fließt mit Lust
Und wird dir weiter Tag um Tag geschenkt.

Laß Tag es werden. Nimm das Leben heiter, wie es ist.
Laß es gut sein, Martin. Steh auf und geh.


Und siehe – es war gut, sehr gut war es.

 

Foto:
So schön, so südlich, so heiter ist es heute im Natur-Park Schöneberger Südgelände.

Belegstellen:
Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, S. 81

WA = D. Martin Luthers Werke: Kritische Gesamtausgabe, Weimar 1903 ff., hier WA Band 54, S. 185, zitiert nach:
http://www.lutherdansk.dk/WA%2054/WA%2054%20-%20web.htm

 

 

 

 

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Selbsthaß

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Feb 092017
 

Selbsthaß ist auch das Grundgefühl, welches in diesen Jahren die deutsche Nation zu durchziehen scheint; mit unglaublicher Wonne zeigen sie der Welt immer wieder, wie schlimm sie gesündigt haben, wie unübertroffen sie die Meister des Bösen gewesen sind. „Von unserem Land aus [=Deutschland] sind alle europäischen Werte zerstört worden“, „an diesem einzigartigen Verbrechen, diesem schlimmsten Menschheitsverbrechen der gesamten Weltgeschichte trägt Deutschland Schuld und Verantwortung“, „wir Deutsche haben zwei Mal ganz Europa zerstört“, dergleichen superlativische Wendungen tauchen unzählige Male immer wieder in den Schuldbekenntnissen der Spitzen von Staat, Regierung und Parlament auf.

Eine durch und durch negative Sicht auf die deutsche Geschichte wird heute stärker denn je den Kindern schon in den deutschen Schulen beigebracht. So erzählte mir erst kürzlich ein Geschichtslehrer stolz, er wolle die Kinder nicht gleich mit dem von uns verübten Holocaust belasten, sondern sie erst einmal behutsam an das größte Menschheitsverbrechen heranführen, indem er sie erst einmal selbständig  The Kaiser’s Holocaust erarbeiten lasse, also den deutschen Völkermord an den Herero und Nama ab dem Jahr 1904. So könnten die Schülerinnen und Schüler  sich allmählich mit dem Gedanken des deutschen Völkermordes anfreunden. Der Holocaust sei dann als Krönung das große Thema im darauffolgenden Jahr, ein Völkermord wachse in der deutschen Geschichte organisch aus dem vorhergehenden Völkermord hervor. Deutschen Völkermord erkennen, deutschen Völkermord benennen, das sei ein wesentliches Lernziel des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts!

Ich war verblüfft. Ist es wirklich sinnvoll, den Gedanken des Völkermordes als Sinnkern der deutschen Nationalgeschichte darzustellen? Soll wirklich der Holocaust den innersten Kern der Gedächtniskultur ausmachen, wie dies etwa Claus Leggewie vorgeschlagen hat? Ich meine: Man kann dies tun, beginnend vom Tag von Verden an der Aller im Jahr 782.

Ich meine aber auch: Die heutigen Kinder werden überfordert mit diesen ewig lastenden Schuldvorwürfen an alle Deutschen, eine Zugehörigkeit zur deutschen Nation erscheint ihnen zunehmend als moralische Belastung, zumal ja die deutsche Geschichte vorwiegend als Geschichte deutscher Verbrechen dargestellt wird.  Warum sollten sie sich zu einem Land bekennen, das das Land der Täter ist, also im Grunde ein Verbrecherland ist?

Keinen Augenblick darf man die Niedertracht der Deutschen vergessen. Man geht kaum aus dem Haus, schon wird man wieder aufgefordert, sich all der unsäglichen Schrecken zu erinnern, die die Deutschen überall vollbracht haben.  „In mir ist nichts Gutes!“, so sagt derjenige, der sich selbst hasst. Das Böse in dir, Deutscher, das darfst du nie vergessen.

Und damit kommen wir auch schon zum Unterschied zwischen dem Augustinischen Selbsthaß und dem heutigen politisch korrekten deutschen Selbsthaß! Für Augustinus war der Selbsthaß ein notwendiger, schmerzhafter Übergang zu etwas Neuem, etwas Anderem, etwas Schönem. In der deutschen vulgären Geschichtsbetrachtung der Jetztzeit dagegen erscheint die deutsche Geschichte als eine Abfolge von Hassenswertem, also von häßlichen Verbrechen, die wie ein Fluch auf dem ganzen Land lasten.

 

Lesehinweise:
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Verlag C.H. Beck, München 2011, hier bsd. S. 14
David Olusoga und Casper W. Erichsen: The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide. Faber & Faber, London 2010
Frank Brendle: Der Holocaust ist einzigartig. taz online, 19.01.2012
Norman Davies: Categories of people killed in Soviet Russia and the Soviet Union 1917-1953 (excluding war losses, 1939-1945), in: Europe. A History. Pimlico, London, 1997,  S. 1328-1329

Graffito: „Bomber Harris, do it again.“ Aufnahme vom Juli 2016, Schöneberg, S-Bahn-Übergang

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Selbsthaß – eine Erbsünde des augustinisch geprägten Christentums?

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Feb 062017
 

[8.7.17] Tunc uero quanto ardentius amabam illos de quibus audiebam
salubres affectus, quod se totos tibi sanandos dederunt, tanto
exsecrabilius me comparatum eis oderam, quoniam multi mei anni me cum
effluxerant (forte duodecim anni) ex quo ab undeuicesimo anno
aetatis meae, lecto Ciceronis Hortensio, excitatus eram studio
sapientiae […]

Eine erneute rasche, den Text überfliegende Lektüre des achten Buches in des Augustinus Confessiones bestätigt mir soeben ein zentrales Motiv dieses so prägenden abendländischen Philosophen, nämlich den vulkanisch empordrängenden, ihn gewissermaßen von hinten durchschüttelnden Selbsthaß, den Augustinus mehrfach als notwendiges Stadium seiner Bekehrung in glühenden Farben schildert; eine Stelle sei hier oben noch einmal zum Beleg angeführt (CONFESSIONES VIII, 7, 17).

Selbsthaß, odium sui, das ist auch das beständige Grundgefühl, das die Wittenberger Thesen des Augustiners Martin Luther als Treibsatz durchherrscht! Und diese Grundstruktur des Lutherischen Empfindens, Lehrens, Handelns ist, so meine ich, ohne Augustinus nicht denkbar. Lese ich Luther in seinen lateinischen Briefen und Schriften, etwa an den Bibelübersetzer Johannes  Lange, so meine ich die Stimme des Augustinus überdeutlich herauszuhören, bis hinein in Einzelheiten des Sprachgebrauchs!

4.  Wittenberger These: Manet itaque poena, donec manet odium sui (id est poenitentia vera intus), scilicet usque ad introitum regni caelorum.

Übersetzt: So bleibt also die Strafe, solange der Selbsthaß bleibt (d.h. die wahre Buße innen drin), also bis zum Eintritt des Reiches der Himmel.

Ein anderes erklärendes Wort für Selbsthaß dürfte übrigens Selbstverwerfung sein. Der Sündige verwirft sich selbst, denn er fühlt sich von Gott verworfen; er empfindet sich als hassenswert. Und er haßt sich wirklich.

Immerwährendes Sündenbewusstsein, nahezu ewiger Selbsthaß! Eine kulturell bedingte Erbsünde des augustinischen Christentums, weltgeschichtlich verstärkt durch Luthers Thesenanschlag von 1517?

Dauernder Selbsthaß, ist das noch christlich? Predigte Jesus je, man solle sich selbst hassen?  Man sollte es nicht vorschnell ausschließen! Wo predigt Jesus den Haß? Hierzu fällt einem sicherlich sofort die folgende Stelle en:

εἴ τις ἔρχεται πρός με καὶ οὐ μισεῖ τὸν πατέρα ἑαυτοῦ καὶ τὴν μητέρα καὶ τὴν γυναῖκα καὶ τὰ τέκνα καὶ τοὺς ἀδελφοὺς καὶ τὰς ἀδελφὰς ἔτι τε καὶ τὴν ψυχὴν ἑαυτοῦ, οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής.

Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und ferner auch seine Schwestern und auch seine eigene Seele, kann er nicht mein Schüler sein (Lk 14,26, eigene Übersetzung).

Antwort: Der Bußprediger Jesus – er war ja auch ein recht unbequemer Bußprediger, nicht nur wohltätiger Heiler und Befreier – predigte gelegentlich in bestimmten Zusammenhängen seinen Schülern durchaus den Haß, er kannte zweifellos den Haß aus eigener Erfahrung, ja er forderte gewissermaßen den Haß, auch den Selbsthaß als notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg zur Wahrheit. Eum hominem esse et nil humani ab eo alienum esse puto! Er ist, so glaube ich, ein Mensch und nichts Menschliches ist ihm fremd.

Aufs ganze gesehen überwiegt aber bei Jesus zweifellos nicht das Gebot des  Hasses, sondern das Liebesgebot.  Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten, Liebe zum eigenen Selbst,  diese drei erscheinen immer wieder geradezu unlösbar ineinander verschränkt (z.B. Mt 22,34-40). Das ist gewissermaßen die grundlegende Dreifaltigkeit, die Trinität, zu der Jesus wie zu einem Angelpunkt wieder und wieder gelangt! Jesus lehrte die Liebe gerade nicht als Selbstsorge, nicht als reflexive Selbst-Erhellung, überhaupt nicht als bloßes Selbstverhältnis, wie dies etwa der von Platon herkommende Philosoph Augustinus in De trinitate später so glänzend und packend versucht hat, sondern als Einigung im dreifachen Verhältnis zum anderen, zum eigenen Selbst und zu Gott.

Die Trinität aus Vater, Sohn und heiligem Geist hat Jesus Christus selbst ebenfalls nicht gelehrt; die Lehre von der Dreifaltigkeit  ist eine spätere Entdeckung der Kirchenlehrer, unter denen wiederum Augustinus eine wesentliche Rolle spielt.

 

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„Jüdischer Bolschewismus“?

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Apr 252016
 

Eine schwere gedankliche Last stellten die folgenden drei Bücher dar, die mich in den letzten Tagen erneut beschäftigten:

Sonja Margolina: Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert. Siedler Verlag, Berlin 1992
Ulrich Herbeck: Das Feindbild vom „jüdischen Bolschewiken“. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution. Metropol Verlag, Berlin 2009
Johannes Rogalla von Bieberstein: „Jüdischer Bolschewismus“. Mythos und Realität. Mit einem Vorwort von Ernst Nolte. Ares Verlag, Graz 2010

Ihnen, den drei schwerlastenden Büchern, ist ein großes Thema gemeinsam, nämlich der große Anteil, den Juden (also Menschen jüdischer Abstammung) an der weltweiten marxistischen und kommunistischen Bewegung in Europa, vor allem jedoch an der bolschewistischen Bewegung in Russland  hatten, der nachweisbar besonders hohe Anteil, den Juden (also Sowjetbürger jüdischer Volkszugehörigkeit) an den militärischen und geheimpolizeilichen Terrororganisationen der jungen Sowjetunion, also an Tscheka, GPU, NKWD und Roter Armee hatten, sowie vor allem auch das daraus sich erklärende Feindbild vom „jüdischen Bolschewismus“, das ja später bei den in Polen, den baltischen Gebieten, in Weißrussland und der Ukraine begangenen verheerenden Grausamkeiten und Metzeleien gegen Juden eine so entscheidende Rolle spielte. Wie sind all diese Tatsachen und Umstände, die keiner der drei Autoren bestreitet, zu erklären?

Die Antwort auf diese und verwandte Fragen hat wiederum einen nicht unerheblichen Einfluss auf die staatlich geförderte deutsche Erinnerungskultur, die deutsche Geschichtspolitik, ja sie erstreckt sich bis in die Tabubildungen, bis in strafrechtlich relevante Meinungsäußerungen hinein, sie ist prägend geworden für die offiziöse deutsche Staatsdoktrin von der absoluten Einzigartigkeit und Unvergänglichkeit ewiger deutscher Schuld und unverzeihlicher deutscher Schande.  Hat man diese Fragen vorurteilsfrei, tapfer und unbestechlich durchgearbeitet, dann dringt man bis in die Wurzelgeflechte deutschen Selbsthasses und deutscher Unterwürfigkeit vor.

 

 

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Feb 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

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Doch immer behalten die Quellen das Wort

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Jan 132016
 

20160110_105437[1]

Solo e pensoso i più deserti campi
vo misurando a passi tardi e lenti …

Gute, erfreuliche Wiederbegegnungen gestrigen Tages mit einigen Autoren und geistigen Vätern meiner Jugend im herrlichen Päsenz-Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz! In ihm wurde ja auch von Wim Wenders ein Teil der Szenen im „Himmel über Berlin“ gedreht!

Beispiel einer von vielen erfreulichen Wiederbegegnungen: der Philosoph Johann Gottlieb Fichte. In München hörte ich noch einige Vorlesungen von Reinhard Lauth, dem 2007 verstorbenen Herausgeber der großen Fichte-Gesamtausgabe. Ich erinnere mich an ihn als eine tiefe, redliche, sanfte mit dem unerbittlichen Ethos des Abseits ausgestattete Lehrerpersönlichkeit.

In Berlin wiederum griff Michael Theunissen, zu früh verstorben am 18. April 2015, damals affirmativ und doch eigenwillig auf Fichtes divulgativ angelegte „Bestimmung des Menschen“ zurück. Der Henry-Ford-Bau wurde damals Treffpunkt und Quellpunkt zahlreicher Forscher- und Akademiker-Karrieren. Unvergeßlich bleiben mir Theunissens hartnäckiges Bemühen, einen Begriff von der Bestimmung des Menschen unter den Bedingungen des späten 20. Jahrhunderts herauszuschälen, – und sein leidenschaftliches Eintreten gegen den „Präsentismus“, also gegen das töricht-überhebliche Bestreben der heutigen Bildung, sich abschätzig und unbelehrbar über alles hinwegzusetzen, was drei Jahrtausende an Geistesgeschichte über uns und zu uns gesagt haben. Im Rendsch Nameh heißt es treffend:

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag‘ von Tag zu Tage leben.

Heute kennt fast niemand mehr Johann Gottlieb Fichte. Die Ampeln stehen für ihn leider zur Zeit auf der Fichte-Straße komplett auf Rot.

Zitiert wird Fichte außerhalb der Philosophenkreise fast nur noch abschätzig, etwa wegen seiner „Reden an die deutsche Nation“. Immerhin: BBBike, die trefffliche Radfahrer-Navigation, führt mich immer wieder durch die Fichtestraße, wenn ich ins dunkle Friedrichshain hinüber ans andere Ufer des Landwehrkanals wechsle.

Die ignorante Verdammung Fichtes, wie man sie beispielsweise kürzlich in der Süddeutschen Zeitung aus der Feder Michael Bittners lesen konnte, führt in die Irre.

Alles wird da mit triefender bräunlicher Soße übergossen, von Luther führt dann allzuschnell ein gerader Weg über Fichte, Arndt und Jahn nach Trostenez, Flossenbürg und Kephallonia! Furchtbar, dieses Wüten einer unbelehrten und unbelehrbaren Generation junger Deutscher, denen unter dem Bann einer reifizierten Großschuld, der Inkarnation des absolut Bösen, der Selbsthass wirklich von der Kita an eingeimpft ward!

Dabei gelang es Fichte hier in Berlin, im Abseits seiner privat finanzierten und publizierten Vorlesungen, einen im Geist, nicht in der Macht, nicht im Blut, nicht im imperialen Streben, sondern in der sittlichen Bestimmung der Nation begründeten Begriff der Deutschen Nation herauszuarbeiten – selbstverständlich in schroffer Entgegensetzung zum imperialen Machtgestus Napoleons, zum statuarisch-statischen Reichsbegriff des antiken Rom.

Dass all diese Überlegungen so völlig verschwunden sind, mag mit ein Grund dafür sein, weshalb die deutsche Gesellschaft gerade in diesen Tagen ein so klägliches, streitsüchtiges, so zänkisches, so flaches und plattes Bild abgibt: Abbild einer zutiefst verunsicherten, ihrer selbst ungewissen, das eigene Gedächtnis verlierenden Nation.

Bild:
Triefende braune Soße an der Fichtestraße in Kreuzberg, Aufnahme von gestern

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Siate uomini, non pecore matte: der Weckruf des Dante Alighieri

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Jan 092016
 

O mente che scrivesti ciò ch’io vidi!
O Geist, du hast geschrieben, was ich sah!

Wir hörten hier Vers 8 aus dem Gesang II von Dantes Unterwelt.

Als europäischen Dichter schlechthin bezeichneten wir in dieser gegenwärtigen, wühlend-verworrenen Lage Europas einmal Dante Alighieri (1265-1321). Warum ihn?

Er ist vermutlich derjenige europäische Dichter, der den umfassendsten Versuch unternommen hat, das gesamte historische, naturwissenschaftliche, mythologische und religiöse Wissen seiner Zeit in einem einzigen großen Werk einzufangen. Der Enyzklopädist unter den europäischen Dichtern ist er mehr als alle anderen, so wie Aristoteles und Hegel in einem ähnlichen Sinne die beiden großen Enzyklopädisten unter den europäischen Philosophen sein dürften.

Dante bedient sich dabei einer ungeheuren Fülle an Bildern, Geschichten, Verweisen, Zitaten, Umformulierungen: er spiegelt das gesamte damalige Weltwissen in Form eine Reise, die er in Ich-Form erzählt. Der italienische Komiker Roberto Benigni hat vor Jahren dem von seiner Vaterstadt Florenz ausgestoßenen, zum Tode verurteilten Dichter postum eine begeisterte Huldigung gewidmet und scheute dabei nicht davor zurück, den aus der toskanischen Heimatstadt vertriebenen Sohn als größten Dichter aller Sprachen und aller Literaturen überhaupt zu rühmen. Schaut es euch an:

12.000 Italienerinnen und Italiener lauschten Benigni hingerissen, als er den größten Dichter italienischer Zunge auf öffentlichem Platz zu Gehör brachte. „Dante ist unser – wir stehen zu Dante, unser Dante ist der größte aller Zeiten und aller Länder“, diese Botschaft kam bei den Italienern sehr gut an.

Man stelle sich nun einmal vor, ein verdienter deutscher Komiker, nach Rang und darstellerischem Können Roberto Benigni vergleichbar, wie etwa Harald Schmidt, Carolin Kebekus, Fatih Çevikkollu, Anke Engelke, Thomas Gottschalk, Bülent Ceylan oder Stefan Raab würden einen großen deutschen Dichter an einem riesigen Platz vor einem hingerissenen Publikum rühmen und preisen, auswendig vortragen und mit Leib und Seele für ihn kämpfen…!

Unvorstellbar, oder? Die Leute würden nur noch schenkelklopfend lachen, wenn sich einer öffentlich hinstellte und den alten Friedrich Hölderlin, den alten Heinrich Heine, den alten Johann Wolfgang Goethe, den alten Friedrich Schiller oder den alten Rainer Maria Rilke vortrüge… oder niemand würde hingehen.

Was in Florenz geschehen ist, wäre bei uns in Deutschland undenkbar.

Und das ist eben der riesige Unterschied zwischen uns Deutschen und anderen europäischen Völkern! Wir Deutschen haben ein abgründig negativ getöntes Grundverständnis der eigenen Nation. Wir sind – einige Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg – gewissermaßen durch die ab 1945 geborene geistig-moralische Elite unseres Landes gebrainwasht worden. Wir stehen auf permanentem Kriegsfuß mit uns selbst. Wir verweigern die kräftigende Milch, die aus den reichen Beständen unserer deutschsprachigen kulturellen Überlieferung fließt, wir spucken sie buchstäblich aus, wir trampeln auf ihr herum.

Statt Schiller, Kant oder Goethe wieder an den Schulen oder zuhause zu lesen (von Homer oder Shakespeare ganz zu schweigen, die sind ebenfalls abgemeldet), entlarven wir gerne wieder einmal mit wissenschaftlicher Akribie eines der vielen nationalsozialistischen Lügengebäude. Wir hängen sozusagen lauter kleine Zettelchen dran, an denen steht: „Aufgepasst, alles Quatsch, was der böse Mann aus Österreich da schreibt!“ … und wir bekennen uns mutig und stolz zum Antifaschismus sowie zur gränzenlosen Liebe zum Euro, zu Europa, zu Afrika und zu Asien und zu allen Menschen, die anders sind als wir.

Und Dante? Er könnte uns Deutschen entgegenhalten:

Se mala cupidigia altro vi grida
Uomini siate, e non pecore matte
sì che ‚l giudice di voi tra voi non rida!
Non fate com’agnel che lascia il latte.

Wenn schriller Selbsthaß in euch wacht,
seid mannhaft, keine blöden Schafe,
Daß nicht der innre Richter euch verlacht,
Wenn Milch ihr ausspuckt euch zur Strafe.

(eigene Übersetzung des leicht veränderten Originals)

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„Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde“, oder: Goethe. Ein Kippbild

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Dez 212015
 

Einen besonders schlagenden Beweis für den offiziösen, also gewissermaßen amtlichen, furiosen Selbsthaß (odium sui) der heutigen Deutschen für alles, was auch nur im entferntesten als „deutsche Kultur“ wahrgenommen werden könnte, liefert der Umgang des Prager Goethe-Instituts mit dem Sockel der Goethe-Büste, welche bis 1945 im böhmischen Karlovy Vary (Karlsbad) stand. Die Büste wurde 1945 in den Wald verschleppt, der Sockel stand herrenlos umher. Das Goethe-Institut, das vertraglich mit dem Außenministerium verbundene Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, beauftragte einen zeitgenössischen Künstler, Jiří David, eine Art Anti-Denkmal für den verwaisten Sockel Goethes zu schaffen. Ausgestellt werden sollte das Denkmal auf dem Masaryk-Platz in Prag. Zu sehen ist nunmehr (oder war bis zur Entfernung des Denkmals vorübergehend) eine mit Schrott befüllte, aufrecht stehende Schubkarre, die an Stelle Goethes getreten war; doch wie durch ein Wunder fiel der Schrott nicht zu Boden, sondern verharrte als Denkmal seiner eigenen Müllhaftigkeit an seinem Ort.

Dazu lesen wir in einer tschechischen Internet-Seite, die dankenswerterweise auch das Denkmal bildlich darstellt:

Na Masarykově nábřeží v Praze byl vpodvečer odhalen netradiční pomník německého básníka Johanna Wolfganga Goetha.
Skládá se z historického podstavce, který výtvarník Jiří David doplnil stavebním kolečkem naloženým sutí, v níž jsou zabořeny Goethovy knihy, ohořelé fragmenty malířského plátna, nedopalky cigaret, zlatá platební karta Master, tištěné noviny či fragmenty computeru.

Zdroj: http://www.lidovky.cz/jiri-david-odhaluje-novy-objekt-ne-pomnik-j-w-goethe-fxs-/kultura.aspx?c=A151002_155432_ln_kultura_ele

Sollte man also Goethe – dem Beispiel des Goethe-Instituts folgend – gleich auf den Müll auskippen, Goethe in Deutschland verbieten oder Goethe in Deutschland ignorieren? Letzteres scheint an deutschen Schulen überwiegend der Fall zu sein. Bei einem Literaturfestival sprach ich kürzlich mit einer aus Osteuropa nach Deutschland zugewanderten Literaturliebhaberin, deren Tochter die Segnungen des deutschen Deutschunterrichtes an einem deutschen Gymnasium über sich ergehen lassen durfte. Wir sprachen über den Rang und Wert der Literatur für die Herausbildung einer Persönlichkeit. Und was muss ich da hören? „Meine Tochter hat ein sehr gutes Abitur in Deutschland abgelegt, ohne in ihrer ganzen Schulzeit auch nur eine einzige Zeile von Goethe gelesen zu haben!“

Das ist beileibe keine Einzelstimme! Das Goethe-Institut Prag hatte also recht! Mit der Goetheschen Verschrottungsaktion warf es ein Schlaglicht auf den Umgang der heutigen deutschen Kulturnation mit all dem, was den Deutschen einst lieb und teuer war, was übrigens auch im Ausland von China über Russland bis USA, von Indonesien bis Ägypten den einen oder anderen Fan hatte und unvermindert hat. Neben Goethe sind dies beispielsweise Immanuel Kant, Thomas Mann, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Albrecht Dürer, Wolfgang Amadeus Mozart, Albert Einstein, Sigmund Freud, Franz Kafka, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Musik, Kunst, Philosophie, Wissenschaften, das waren Felder, auf denen in deutscher Sprache erzogene Menschen in deutscher Sprache Wesentliches beigesteuert haben. Muss man denn wirklich die deutsche Sprache so in Dreck treten, wie es das Goethe-Institut Prag getan hat?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die genannten Persönlichkeiten waren keineswegs deutschnational eingestellt, sie empfanden sich ganz eindeutig nicht einmal in erster Linie als „Deutsche“, sondern eher als „musikalischer Genius“ wie Beethoven, „gränzenloser Künstler“ wie im Falle Goethes, „gläubiger Christenmensch“ wie etwa im Fall Bachs, „Philosoph des Weltgeistes“ wie Hegel, „Philosoph der menschlichen Vernunft“ wie Kant, „Archäologe der menschlichen Psyche“ wie Freud.

Aber sie sind doch so nur denkbar, sie konnten so nur entstehen unter den besonderen Bedingungen des deutschsprachigen Kulturraumes, der politisch ein buntscheckiger Flickenteppich war, aber kulturell vorrangig in deutscher Sprache sich entfaltete, von deutscher Sprache überhaupt nicht zu trennen ist, sich vielfältig verästelt mit europäischen Kulturen vernetzt hat und überhaupt eine gute, gangbare Alternative sowohl zu früherer nationalistischer Überheblichkeit wie auch zu heutiger antideutscher würdeloser Selbstzertrümmerung darstellt.

Dem Goethe-Institut Prag ist zu danken, dass es ein so scharfes Schlaglicht auf den krankhaften, typisch deutschen Hang zur Selbstentwürdigung geworfen hat, ja ihn bis ins äußerste, absurde Extrem durchexerziert und durchfinanziert hat.

Den mitunter suizidalen deutschen Selbsthaß, das offiziöse odium sui germanicum, schätze ich, nebenbei bemerkt, als sehr gefährlich ein. Wer sich selbst so runtermacht, so würdelos in den Staub wirft, wie das die Deutschen ganz amtlich und rituell gerne tun, der kann auch keine Achtung für andere Nationen empfinden, seien es nun die Tschechen, die Polen, die Ungarn, die Israelis, die Franzosen oder die Russen.

Ohne Selbstachtung keine Achtung des Anderen, ohne Selbstliebe keine Nachbarliebe oder „Nächstenliebe“!

Wer sich selbst – wie allzu oft die Bundesrepublik Deutschland dies als Kulturnation tut, wie dies allzu viele deutsche Intellektuelle tun – würdelos behandelt, wird anderen Nationen auch nicht mit Anstand und Würde begegnen können. Darin liegt eine echte Gefahr für das Haus Europa.

Goethe, ein von Deutschland vergeßner, mißachteter, ausgekippter Dichter hat diese Gefahr der Selbstentzweiung, ja der Zerstörung alles Wertvollen bei seinen Aufenthalten in den böhmischen Bädern Marienbad und Karlsbad sehr hellsichtig erkannt. Er schrieb in seiner Marienbader Elegie zu diesem Thema:

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.

Quellenangabe:
Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1998, hier S. 462; ferner hierzu der aufschlußreiche Kommentar im selben Band, S. 1057

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Schuld, die nie vergehen wird, oder: odium sui rimanebit in saecula saeculorum

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Dez 122015
 

Am vergangenen Samstag wurde in der Staatsbibliothek zu Berlin für einen Tag lang ein originaler Erstdruck der berühmten 95 Thesen Martin Luthers ausgestellt. Ich eilte hin, las, staunte, sah und schreibe nun diese nachfolgenden Betrachtungen 7 Tage danach nieder. Das Foto habe ich mit Erlaubnis der Saalaufsicht vor einer Woche aufgenommen.

Luthers Thesen 20151205_145818

Das Bewusstsein ewiger, unverzeihlicher, unauslöschlicher Schuld, an dem so viele Menschen leiden, führt unweigerlich zum odium sui, zum Selbsthass, wie das Martin Luther 1517 an prominenter Stelle genannt hat. In der vierten seiner Wittenberger Thesen schreibt er:

„Manet itaque pena, donec manet odium sui (id est penitentia Vera intus), scilicet usque ad introitum regni celorum.“

„Die Strafe bleibt also, solange der Selbsthass bleibt (d.h. die wahre Buße im Innern), nämlich bis zum Eintritt des Himmelreiches.“

Ewige Strafe, ewige Pein, ewige Schuld wird in deutschen Landen weitergereicht von Vätern auf Söhne, auf Enkel, auf Urenkel – usque ad introitum regni celorum.

Dieser Selbsthass ist in deutschen Landen bis zum heutigen Tage ein guter, ein geförderter Zustand. „In mir ist nichts Gutes.“ Da man nicht an die verzeihende, versöhnende Kraft des Wortes glaubt, vergräbt man sich in einen Kerker aus Schuldbewusstsein, Schwermut und Selbsthass.

Ein Beleg für den typisch deutschen Selbsthass? Hier kommt er, stellvertretend für viele:

„Und dann gibt es noch die unauslöschliche Großschuld, die Deutschland von 1914 bis 1945 auf sich geladen hat. Die Schuld an zwei Kriegen, die Schuld an Millionen Toten auf Schlachtfeldern und in Konzentrationslagern. Das ist eine Schuld, die nicht vergehen wird, an der es nichts zu rütteln gibt, von der die Zeit nichts abschleift.“

So schreibt es Christoph Schwennicke, Chefredakteur der Zeitschrift Cicero, am 3. März 2015.

Zu Hunderten findet man Derartiges in den meinungsbildenden Reden, Schriften und Kommentaren: diese Berufung auf die deutsche Großschuld, die alles andere überragende, in alle Ewigkeiten fortdauernde, alleinige Schuldigkeit Deutschlands für die beiden Weltkriege und die Massenmorde an Zivilisten in den Jahren 1914-1945.

Alle Völker Europas, insbesondere die Deutschen selbst, bekennen sich stolz und voller Sündengewissheit zu den deutschen Verbrechen, an denen sie allein, die Deutschen, bis in alle Ewigkeiten tragen werden, – du, ich, wir Deutschen alle. Diese deutsche Ur-, Erb- und Großschuld ist gewissermaßen das alles andere überschreibende Erbgut, durch das alles andere – auch alles Gute – überlagert wird.

Mit einem wahren furor teutonicus spürten und spüren deutsche Schriftsteller, deutsche Großintellektuelle diesen verbrecherischen Grundcharakter eines ganzen Volkes wieder und wieder auf, ergötzen sich daran, weiden sich daran.

Schon das kleinste Abweichen von dieser dauernden Selbstzerknischung wird als nationalistisches Gehabe rabiat unterdrückt. Wer erinnert sich nicht daran, wie der damalige CDU-Generalsekretär Herrmann Gröhe am Abend des Wahlsieges ein Fähnchen der Bundesrepublik Deutschland schwenkte und sofort von seiner Herrin sanft, aber nachdrücklich abgestraft wurde?

In der Tat: Das Schwenken eines kleinen Fähnchens der Bundesrepublik Deutschland gilt bereits als unschicklich, als frevelhafter Verstoß gegen die guten Sitten! Und die Franzosen versinken derzeit im nationalen Fahnenmeer so sehr, dass an den Kiosken kaum mehr Trikoloren zu kaufen sind! Russen, US-Amerikaner, Türken, Polen, Dänen, Schweden, Finnen und und und lassen stolz und fröhlich ihre Fahnen flattern, ohne doch zu leugnen, dass ihre leiblichen Vorfahren auch einiges auf dem Kerbholz haben. Das symbolische Bekenntnis zum eigenen Staat, zum eigenen Staatsvolk gilt dort nicht als Sünde.

Das in Deutschland immer noch anzutreffende, im Kern reinrassig völkische Denken, wonach Völker, hier also die Deutschen, zeitenüberdauernd an allem schuldig sind und schuldig bleiben, was ihre biologischen Vorfahren und Urahnen in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten getan haben, feiert in unseren Jahren fröhliche Urständ. „Nie mehr Deutschland, nie mehr Krieg!“ – mit dieser teutonisch-furiosen Losung sprengten junge Deutsche eine Veranstaltung des Verteidigungsministers de Maizière an der Humboldt-Universität.

Davon ganz abgesehen, dass dieses biologistisch-völkische Denken, wonach die Nachfahren die Schuld der leiblichen Vorfahren erben, kaum von allen Menschen geteilt wird, bestehen aus der Sicht historischer Forschung erhebliche Zweifel an der immer wieder von historischen Laien vorgetragenen Behauptung, Deutschland und nur Deutschland trage die Alleinschuld an den beiden Weltkriegen und an allen Genoziden in den Jahren 1914-1945. Vermutlich ist diese Behauptung sogar falsch.

Schuld, die nicht vergehen kann! Es ist, als hörte man das deutsche Gewissen pochen und klagen: „In mir (in mir, dem deutschen Volk) ist nichts Gutes, das neben der deutschen Großschuld Bestand hätte.“ Oder auch: „Meine Sünde ist grösser / denn das sie mir vergeben werden müge.“ So übersetzte Luther die Selbstbezichtigung Kains im 1. Buch Mose (4,13).

Und was wir heute mehr denn je in Deutschland erleben, ist eine fortwährende Selbstbezichtigung Deutschlands als des Kainsvolkes unter den Völkern Europas.

Not tut jetzt eine Art Rückbesinnung auf den personalen Begriff der Schuld, wie ihn beispielsweise das Strafrecht lehrt: Jeder Mensch trägt nur für eigene Vergehen, für eigene Verbrechen Schuld. Es gibt keine generationenübergreifende Sippenhaftung oder gar so etwas wie Volksschuld.

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/kolumnen/berliner-republik/deutschland-ist-nicht-an-allem-schuld-aid-1.4916046

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Vergrämung des Menschen durch klassische Musik

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Okt 192014
 

Raucherjagd20141018_105012

Vergrämung – davon sprechen Vogelkundler, wenn Tauben oder Kormorane durch unangenehme Reizüberflutung von einem Ort vertrieben werden – der Kormoran von einem Fischteich etwa, die Taube aus einem U-Bahnhof.

Das Urban-Krankenhaus im heimatlichen Kreuzberg vergrämt in diesem Sinne Raucher mit klassischer Musik. Ich habe die erzwungene Beschallung selbst erlebt, als ich vor einiger Zeit eine krebskranke Patientin im Urban betreute. Und so las ich es gestern in der U6 Richtung Alt-Tegel. Die suchtkranken Patientinnen und Patienten ertragen „das Gejaule“ nicht.

http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/klinik-verjagt-raucher-mit-klassischer-musik

So weit ist es also gekommen – klassische Musik (Vivaldi, J.S. Bach, Tschaikowski, Beethoven) wird als Waffe gegen suchtkranke Menschen eingesetzt.

Es ist nicht zu leugnen: Rein theoretisch kann man Bach, Mozart, Beethoven, Brahms auch als Folterwerkzeug einsetzen, indem man sie zu laut, zu lange, am falschen Ort und zur falschen Zeit auf die Ohren drückt, oder sie als abstrakten Lernstoff in Kinderseelen hineindrückt. Auch Licht, eine gute Quelle unseres guten Lebens,  kann man zur Folter einsetzen. Und das wird in Gefängnissen mancher Länder auch gemacht.

Tiefer Gram erfasst mich. So tief ist Deutschland, das Land Bachs, Beethovens, Felix Mendelssohns und Johannes Brahms‘  gesunken. Vor Jahren wurde Mozart wenigstens noch als Mittel zur besseren Hühnerei-Ausbeute in Legebatterien gepriesen, oder auch als Mittel zur pränatalen Intelligenzförderung bei Kindern. Und jetzt verjagt man die Leute mit klassischer Musik.  So wird von Anfang an der Sinn für die Schönheit klassischer Musik unterdrückt. Die Leute werden durch Zwangsbeschallung gefügig gemacht. Der Sinn für Schönheit wird ihnen gewissermaßen herausoperiert.

Noch vor  der um sich greifenden  Selbstaufgabe der europäischen Sprachen, etwa des Deutschen, Italienischen oder Polnischen, zugunsten des Globischen (z.B. „There will be no Staatsbankrott“, wie es Wolfgang Schäuble formulierte), neben der schleichenden, fortschreitenden Selbstaushöhlung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zugunsten der Europäischen Zentralbank  oder der EU-Kommission (also der beiden derzeit scharf konkurrierenden zentralen Gesetzgebungsbehörden der Europäischen Union) empfinde ich die Verhunzung, die Verleugnung, den Missbrauch der großen Musik etwa Antonio Vivaldis, Beethovens, Johannes Brahms‘, Felix Mendelssohns, Peter Tschaikoswkijs  oder Johann Sebastian Bachs als besonders schlimm. Diese bewusste Abkopplung einer ganzen Gesellschaft von allem, was sich in der Vergangenheit als schön und gut und erhaltenswert erwiesen hat,  was mir zumindest auch weitergebenswert erscheint, ist für mich Quelle tiefen Grams.

Ich meine: Die Schönheit der klassischen Musik – also etwa des zweiten Satzes in Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 1 –  soll den Kindern und den Kranken im Urban-Krankenhaus behutsam erschlossen werden. Ein Aufscheinen, ein plötzliches Durchzucktwerden, ein freudiges, strahlendes Schönen  trägt diese Musik. Als Mittel zur Vergrämung des Menschen ist diese Musik viel zu schade.

 

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Was hat Kain eigentlich gemeint? Was wollte er eigentlich sagen? Zu Gen 4,13

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Apr 302014
 

2013-06-15 11.19.35

13וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂא

Das 1. Buch Mose, hebräisch meist Bereschit, christlich meist Genesis genannt, wird heute allgemein auf Hebräisch in der hier angegebenen Verschriftung vorgelesen und vorgetragen, etwa unter dem Namen Biblia hebraica. Die fünf Bücher Mose sind ein unerschöpflicher Brunnen für die Juden, die Christen und die Muslime. Diese drei Religionen stehen mit ihren Füßen in der mosaischen Überlieferung.

Nachdem Kain seinen Bruder Abel ermordet hat, bekennt er in diesem Satz seine Schuld. Was hat Kain gesagt?

Ein antastender Übersetzungsversuchversuch des hier schreibenden Bloggers lautet: 

Dsprchknzjhwhgrßmnsnd’fzhbn

Kommentar:

Mein deutscher Übersetzungsversuch verzichtet – wie in der gesamten Antike üblich – auf spätere Zutaten wie Satzzeichen, Trennung der Wörter und auf Vokalzeichen. Das hebräische alef, der vokalische „Knacklaut“, wird hier behelfsweise als   ‚ wiedergegeben. Hier kann man erkennen, wie sich das anfühlt, wenn man einen antiken hebräischen Text vor Augen hat.

Fast unverständlich ist diese Zusammenballung von Konsonanten! Was haben verschiedene Übersetzer aus dieser so fundamental wichtigen Kernstelle, aus dieser jahrtausendelang weitererzählten Frühgeschichte des Menschlichen, die sich in Judentum, Christentum und Islam findet, werden lassen? Vieles! Die Vielfalt lässt staunen!

Hier eine kleine Auswahl:

1) KAin aber sprach zu dem HERRN / Meine Sünde ist grösser / denn das sie mir vergeben werden müge.
Martin Luther, Wittenberg 1545

2) Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.
Die heute verwendete Lutherbibel, also der Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, derzeit von der Evangelischen Kirche in Deutschland zum kirchlichen Gebrauch empfohlen

3) Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.
Heute verwendete Einheitsübersetzung der deutschen katholischen Bistümer, Katholische Bibelanstalt Freiburg 1980

4) Cain said to the LORD: „My punishment is greater than I can bear.“
Revised Standard Version 1952

5) Kain rzekł do Pana: Zbyt wielka jest kara moja, abym mógł ją znieść.
Katholische „Jahrtausendbibel“, derzeit meistverbreitete polnische Fassung

6) Disse Caino al Signore:  „Troppo grande è la mia colpa per ottenere perdono!“
Offizielle Übersetzung der italienischen Bischofskonferenz, 1974, derzeit im kirchlichen Gebrauch, Roma 1996

7) Da sagte Kain zu Adonaj: „Meine Schuld ist zu groß, sie kann nicht aufgehoben werden.“
Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006

Befund: 7 sehr unterschiedliche Übersetzungen!

Die 7 Übersetzungen lassen sich lose in drei Gruppen oder drei Sinn-Familien zusammenstellen.

Die alte Übersetzung Martin Luthers (1) und die aktuelle Übersetzung der italienischen katholischen Bischofskonferenz (6) sind dem Sinne nach recht nah beieinander. Sie können ineinander übersetzt werden.  Gleiches gilt für die Übersetzungen (2), (4) und (5), die als sinngemäß mehr oder minder übereinstimmende Übersetzungen zu gelten haben.  Die deutsche katholische Einheitsübersetzung (3) und der neuartige Übersetzungsversuch der evangelischen Autorengemeinschaft (7) hingegen stehen in dieser Siebenergruppe recht solitär da.

Wer hat nun recht, Martin Luther oder die Lutherbibel der Evangelischen Kirche? Die polnischen Katholiken oder die deutschen Katholiken? Die Italiener oder die Engländer?

Was hat Kain gemeint? Was hat Kain gesagt? Welche Übersetzung der Bibel ist die einzig richtige oder doch zumindest die beste? Von der Antwort auf diese Frage hängt vieles, sehr vieles ab.

Horche! Überlege selbst! Entscheide selbst!

Bild: In Wittenberg. Der unerschöpflich sprudelnde Brunnen mit den drei Säulen. Innenhof der Leucorea der Universität Halle-Wittenberg. Winzig klein im Hintergrund: das kleine geparkte Fahrzeug des Kreuzbergers mit der bezeichnenden roten Packtasche. Aufnahme vom 15. Juni 2013.

 

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Apr 032014
 

2014-03-02 13.02.56

Zu den verblüffenden Einsichten aus der gegenwärtigen Ukraine-Russland-Krise wird es einmal gehören, dass fast die gesamte geistige und publizistische Meinungsführerschaft im alten Westen Europas staunend gewahr werden muss, dass sie fast den gesamten Osten Europas – also alle Länder, die früher einmal zum Warschauer Pakt gehört hatten, nahezu komplett aus dem politischen Kalkül herausgehalten hatte: Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Litauen, Russland, Polen, Estland … die Liste der Länder ist lange!

Mit einer nur noch ideologisch, wo nicht gar verbohrt zu nennenden Besessenheit reitet der ehemalige europäische  „Westen“ auf der Zentralität, auf der Haupt- oder gar Alleinschuld Deutschlands an allem Bösen der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert herum, ergötzt sich wieder und wieder an deutscher Schuld und deutscher Schande. Die tragende Hauptthese dieser germanozentrischen Besessenheit ist: Deutschland trage die Alleinschuld oder doch die Hauptschuld daran, dass Europa zwei Mal im 20. Jahrhundert in den beiden Weltkriegen zerstört worden sei.

Hierfür stellvertretend für tausende und abertausende  andere Beispiele nur zwei sprechende, mehr oder minder zufällig ausgewählte Belege:

Beleg 1: „Im 20. Jahrhundert hat Deutschland zweimal mit Krieg bis hin zu Verbrechen und Völkermord sich selbst und die europäische Ordnung zerstört, um den Kontinent zu unterjochen. Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das wiedervereinigte Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zugrunde richten würde.“ So der deutsche stellvertretende Bundeskanzler Joschka Fischer im Juni 2012 in der Süddeutschen Zeitung. Eine typisch deutsche Aussage eines typisch deutschen Politikers! Historisch fragwürdig, vielleicht sogar grundfalsch ist diese These, dass Deutschland und nur Deutschland zwei Mal – zuerst im ersten Weltkrieg und dann im zweiten Weltkrieg – den gesamten Kontinent und sich selbst zerstört habe. Es handelt sich um einen reinen Glaubenssatz neben anderen denkbaren Glaubenssätzen.

Beleg 2: „… tocca ai tedeschi assumersi la responsabilità storica di salvare l’Europa, dopo averla affondata due volte in passato„, zu deutsch: „Den Deutschen kommt es zu, die historische Verantwortung für die Rettung Europas zu übernehmen, nachdem sie es in der Vergangenheit zwei Mal zugrunde gerichtet haben.“ Anonymer Klappentext ohne Quellenangabe zu dem ansonsten überaus scharfsinnigen, ja genialen Buch: „Cuore tedesco“, erschienen bei Donzelli editore im Jahr 2013.

Überall wird pathetisch beschworen die Zentralität Deutschlands für Wohl und Wehe des Kontinents, ja wohl noch gar Wohl und Wehe der Weltwirtschaft! Keine Rede mehr ist vom Zusammenprall und Zusammenspiel der europäischen Großmächte oder besser Großreiche Frankreich, Großbritannien, Spanien, Portugal, Russland, Deutschland, Italien, Osmanisches Reich .. kopfschüttel, wie es wohl in einer Graphic Novel heißen würde   …  Leute, Freunde! Man ist versucht, den Freunden in den Arm zu fallen und auszurufen: „Zuviel der Ehre bzw. der Unehre für Deutschland!“ Deutschland ist nicht der Urquell alles Bösen und Guten in der Weltgeschichte und Weltwirtschaft.

Russland, die Sowjetunion, die Oktoberrevolution von 1917, die Angst der Völker vor der Unterjochung des gesamten europäischen Ostens unter der russisch-sowjetischen Knute, diese Angst, die ab 1917 überall in der Publizistik greifbar ist,  also eigentlich die Osthälfte Europas,  kommt schlechterdings im Bewusstsein der Mehrzahl der gebildeten Westeuropäer nicht mehr vor, sofern diese Länder denn je Interesse und Aufmerksamkeit gefunden hätten.  Gerade die westeuropäische und insbesondere die deutsche, die italienische, die spanische und griechische  Linke vergisst völlig, dass sie einmal für Marx und für den Diktator Mao, für den Diktator Lenin und den permanenten Revolutionär Trotzkij – wenn auch nicht mehr so sehr für den großen Führer Stalin – schwärmte. Aber auch die europäischen faschistischen Regimes, der Pater Tiso der Slowaken, ein Horthy der Ungarn, der Finne Mannerheim, der Ukrainer Bandera sind in den westlichen Ländern Europas aus dem historischen Gedächtnis nahezu verschwunden. Die verschwindend winzige Schar der antifaschistischen Kämpfer in den westlichen Ländern muss dazu dienen, die Terrorherrschaft sowohl der zahlreichen linken Terror-Regimes wie der zahlreichen rechten Terror-Regimes in den europäischen Staaten nach dem 1. Weltkrieg bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein zu verschleiern.

Wenn man aber nicht mit Franzosen, Italienern, Briten, Belgiern, Deutschen, Niederländern, Spaniern, sondern mit Finnen, Esten, Russen, Polen, Ungarn, Letten, Litauern, Ukrainern, Slowaken, Türken, Griechen, Kroaten … spricht, ergibt sich ein völlig anderes Bild von Deutschlands Rolle im 20. Jahrhundert. Die Völker, die im Schatten Russlands bzw. der Sowjetunion lebten, die sich häufig zwischen den zwei großen gewalttätigen Diktaturen Deutschland und Russland bedroht oder zerrieben fühlten, würden niemals, nie im Traum Deutschland und nur Deutschland die Alleinverantwortung für Wohl und Wehe Europas, für Vergangenheit und Zukunft Europas zuschreiben. Sie würden neben dem in allen Ländern der Welt rituell wieder und wieder beschworenen und verfluchten Deutschland des Nationalsozialismus niemals die prägende, gestaltende, die tiefsitzende Angst einbrennende Rolle der russisch bestimmten Sowjetunion Lenins, Berijas, Stalins, Jeschows und Chruschtschows mit ihren Millionen und Abermillionen Terroropfern unterschlagen. Sie werden neben dem „Deutschen“ und „was er ihnen angetan hat“ niemals „den Russen“ vergessen und „was er ihnen angetan hat“. Vielmehr werden sie gerade in der übermäßigen Konzentration auf deutsche Schuld und deutsche Schande, im Starren nur auf deutsches Geld – „Deutschland muss den Euro und damit Europa retten!“ –  und im Starren auf deutsche Verantwortung ein Haupthindernis für echte Kooperation und echte Gemeinschaft der gleichberechtigten europäischen Völker erkennen.

Diese erstaunliche Blindheit des ehemaligen „europäischen Westens“ für die im ehemaligen „europäischen Osten“ ab den Jahren 1917/18 ablaufenden Geschehnisse wird nun aus Anlass der Russland-Ukraine-Krise erneut überdeutlich klar. Wer es immer noch nicht wahrhaben will, dass große Teile der europäischen Vergangenheit schlechterdings nicht aufgearbeitet sind, der ist der Blindheit zu zeihen. Die Nebel beginnen sich zu lichten. Möge die Russland-Ukraine-Krise ein Ansporn sein, endlich mutige, wahrhaftige Schritte zu einem gesamteuropäischen historischen Bewusstsein zu unternehmen und dabei auch dem ehemaligen Großreich Russland, dem großen russischen Volk einen würdigen, einen ebenbürtigen, von Achtung und gegenseitigem Respekt geprägten Platz – keine russische Sonderrolle, keinen russischen Sonderweg, kein russisches Großreich, aber auch keinen russischen Platz am Katzentisch! – im Konzert der vielen europäischen Völker einzuräumen.

Quellennachweise:

Zitat des ehem. Vizekanzlers der Bundesrepublik Deutschland Joschka Fischer hier wiedergegeben nach: George Soros im Gespräch mit Gregor Peter Schmitz: Wetten auf Europa. Warum Deutschland den Euro retten muss, um sich selbst zu retten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014, S. 10

Anonymer Klappentext von „Cuore tedesco“ wiedergegeben nach: Angelo Bolaffi: Cuore tedesco. Il modello tedesco, l’Italia e la crisi europea. Donzelli editore, Roma 2013 (hintere Umschlagseite)

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Tätst du dir selbst vertrauen …

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Okt 252012
 

2012-10-12-163608.jpgDEUTSCHLAND 1952

O Deutschland wie bist du zerrissen …
Und nicht mit dir allein.
In Kält und Finsternissen
Schlägt eins aufs andre ein.
Und hättst so schöne Auen
Und stolzer Städte viel:
Tätst du dir selbst vertrauen
Wär alles Kinderspiel.

Ein merkwürdiges Gedicht, das Bert Brecht 1952 schrieb! Der ersten Nachkriegsgeneration fehlte noch das Starren auf die zurückliegenden Schrecken, man sucht sich freizuschaufeln. Die Zukunft wird besser!

Erst seit etwa 1980 beobachte ich eine rabiate antideutsche Gesinnung bei Teilen der deutschen Bevölkerung. Diese antideutsche Ideologie speist sich erstaunlicherweise nicht aus der Klage über das Deutschland von heute oder gestern, sondern über das Deutschland von vorgestern, von vor 1945! Eine reaktive retardierte Depression, wie die Psychiater sagen würden, wenn es sich um einen einzelnen Menschen handelte.

Selbstzweifel, Aushöhlung der eigenen, lebendig sich entfaltenden Identität eines Volkes im Rückgriff auf jahrzentelang entfernte Verbrechen der Großvätergeneration!

Ein Phänomen, das nahezu einzigartig in der Weltgeschichte dasteht! Ich kenne keine andere Nation, die auch nur im entferntesten eine derartige kulturelle Entkernung mit sich anstellt. So ziert etwa den Umschlag des Deutsch-Lehrbuches meines Sohnes (5. Klasse) ein Text in schwedischer Sprache. Motto scheint zu sein: Nur nichts Deutsches im Deutsch-Unterricht!

Den NS-Tätern fehlte dieses Gefühl der Scham fast durchweg, den Söhnen und Töchtern der Verbrecher fehlte es auch in den meisten Fällen. Dieses Gefühl der kollektiven Scham und Schuld droht aber jetzt die Enkel-Generation zu ergreifen.

Hier gilt es gegenzusteuern.

Bild: Ein neues Denkmal, errichtet 2008, zur Erinnerung an die 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die in den Konzentrationslagern der Deutschen ermordet worden sind. Berlin, Bahnhof Friedrichstraße.

Bert Brecht: Deutschland 1952
Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Vierter Band. Gedichte 2. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2005

Zitat: S. 429

 Posted by at 23:32

„Juda verrecke“ usw. usw., „Deutschland verrecke“ usw. usw. usw.

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Feb 242011
 

200220113881.jpg Noch unsere Väter und Großväter haben wohl in dunkler Zeit den Spruch „Juda verrecke“ auf den Häuserwänden Berlins oder Wiens gelesen. Karl Kraus hat diesen Spruch „Juda verrecke“ scharfsinnig in einem Beitrag für seine Fackel als sprachlichen und semantischen Unsinn entlarvt. Geholfen hat es nichts. Zehntausende sahen diese Sprüche „Juda verrecke“, sie gingen achtlos vorbei, sie taten nichts. Die Sprayer und Sprüher, oder besser die Pinsler des hochgiftigen Unsinns „Juda verrecke“ kamen erst in Österreich und Deutschland, dann in vielen anderen europäischen Staaten zur Macht, sie lebten nicht nur ihren Hass gegen die Juden auf brutalstmögliche Art aus, sondern zogen ganz Europa und Teile der Welt mit in den Abgrund von Massenmord, Rechtlosigkeit, Krieg und Vertreibung. Und halb Europa – ließ sich ziehen, beginnend von Deutschland und Österreich.

Seit vielen Monaten prangt der Spruch „DEUTSCHLAND VERRECKE! KøPI bLEIBT“ übermenschengroß auf einer Dachfront in der Stralauer Allee in Friedrichshain-Kreuzberg. Zehntausende, die am U- und S-Bahnhof Warschauer Straße umsteigen, sehen ihn jeden Tag. Sie gehen achtlos vorbei, sie tun nichts. Ich halte den Spruch „Deutschland verrecke“ für ebenso gefährlichen, hochgiftigen Unsinn wie den Spruch „Juda verrecke“.

Dass so ein Spruch des ungeschminkten Hasses auf Deutschland oder besser: des deutschen Selbst-Hasses in der Mitte Berlins monatelang über Dutzende von Metern auf einer Dachfläche zu lesen ist, halte ich für ein Zeichen der Verwahrlosung des öffentlichen Raumes. Es ist auch ein Ordnungsproblem – aber nicht nur! Hätte man den Faschos jede Rechtsverletzung untersagt oder sie beizeiten unterbunden, dann wären sie nicht an die Macht gelangt! Wenn alle sich von 1921-1945 konsequent an Recht und Gesetz gehalten hätten, hätte es diese riesige Menschheitskatastrophe nicht gegeben! Von Anfang an haben die Nationalsozialisten (wie auch die russischen Bolschewisten und die italienischen Faschisten) massive Ordnungswidrigkeiten und Rechtsbrüche begangen. Sie waren Kriminelle, aber nicht gewöhnliche Kriminelle, sondern politisch motivierte Kriminelle. Die sind die gefährlichsten.

Viele kleinere und größere Ordnungswidrigkeiten und Rechtsbrüche ebneten in den Jahren 1933-1939 den Weg für gigantische Verbrechen. Was fordere ich? Ich meine, eine Null-Toleranz-Politik im öffentlichen Raum ist angesagt!

Ich sage: Meinungsfreiheit ja! Rechtsbruch und Volksverhetzung nein! Der Spruch „Deutschland verrecke!“ ist kriminelle Volksverhetzung. Er muss sofort weg.

Unsere Aufnahme aus dem Berliner Nahverkehr stammt vom vergangenen Sonntag, geschossen auf einem heiteren Familienausflug.

Darüber schreibt Werner van Bebber heute recht zutreffend einen Artikel im Tagesspiegel. Auszug:

Gewalt im Berliner Nahverkehr: Raum ohne Regeln – Meinung – Tagesspiegel
Doch traf die böse alte „Broken-Windows-Theorie“, nach der leichte Regelmissachtungen automatisch schwere nach sich ziehen, nicht bloß auf New York in dessen Arm-aber- sexy-Zeiten zu. Sie gilt auch für Berlin. Hier ist es üblich, senatlicherseits alles zu ignorieren, was Spießer und brave Bürger für Ordnungsprobleme halten.

 Posted by at 12:16