Archive for the ‘Shared Space – der Gemeinsame Raum’ Category

Städtische Räume gemeinsam neu aneignen!

Samstag, Juni 25th, 2011

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Von 1984 bis 1988 lebte ich bereits ein erstes Mal in Kreuzberg, in das ich mit habichtsgleich geschärftem Blick nach langer Odyssee 2002 als migrantischer Rückwanderer zurückgekehrt bin. Damals verfolgte ich die IBA als neugieriger Zaungast, besuchte das eine oder andere Objekt, hatte Freunde am Fränkelufer, die in die “Wohnhäuser entlang der Brandmauer” eingezogen waren. Es herrschten üppige Verhältnisse, Reichtum für alle – also staatlich ausgereichte Gelder – gab es in Hülle und Fülle. Heute erweisen sich gerade die Kreuzberger IBA-Bauten als arge Kostenfalle für Mieter und Stadt.

Braucht Berlin heute erneut eine Internationale Bauausstellung? Wie schaffen es Städte, sich so zu verändern, dass ihre äußere Gestalt den Werthaltungen, den Lebensentwürfen und den Bedürfnissen der Menschen entspricht? Diesen Fragen widmet sich heute auf S. 12 des Tagesspiegels der Architekturtheoretiker Werner Durth von der TU Darmstadt. Gut zu lesender Artikel!

Unabhängig von der Beantwortung der gestellten Frage greifen wir einige allgemeine Überlegungen heraus. Denn es geht nicht nur um die IBA, sondern um eine neue Art von Gestaltung des gemeinsamen Raumes.

Durth schreibt:

“Eine IBA ist mehr als eine Bauausstellung. Sie stellt Lebensentwürfe und Wertorientierungen der Stadtgesellschaft zur Diskussion, sie gibt Antwort auf soziale Fragen nicht nur durch die Gestaltung von Gebäuden, sondern auch durch Ermöglichung neuer Formen der Aneignung öffentlicher Räume in Stadt und Landschaft. Zur Definition der Themen sind vorbereitende Diskurse und vorgeschaltete Werkstätten im Abwägen von Alternativen wichtig. So wird die Aufmerksamkeit aller Beteiligten nicht allein auf das Bauen, sondern auch auf die Wahrnehmung der Entstehungsbedingungen und die Qualität von Prozessen gerichtet.”

Gemeinsame Aufmerksamkeit aller Beteiligten (joint attention, wie es Michael Tomasello nennt) – das ist doch genau das Thema, das wir seit einigen Tagen auf diesem Blog verfolgen.

Städtische Räume bedürfen der Sammlung von Aufmerksamkeit, damit eine echte Bürgergesellschaft entstehen kann. Brunnen, gestaltete Plätze, Märkte, Kunstwerke, Friedhöfe, Kirchen, Spielplätze, Moscheen, Tempel, Denkmäler sind derartige Aufmerksamkeits-Vereiniger.

Was zersplittert und trennt hingegen die Aufmerksamkeit? Was verhindert das Zusammenwachsen der Menschen im städtischen Raum?

Nun, ich meine, ein Übermaß an Aufmerksamkeit wird heute vielerorts in den Städten durch den motorisierten und auch nichtmotorisierten (!) Straßenverkehr gebunden, abgelenkt und zersplittert. Der Straßenverkehr in seiner jetzigen Form zerschneidet an zu vielen Stellen jeden Versuch der Bürger, den städtischen Raum als ihren “gemeinsamen Raum” zu erfahren. Die Verkehrssituation ist an vielen Stellen zu unübersichtlich, zu kompliziert, zu verworren, zu gefährlich, zu laut, zu schmutzig. Dies gilt insbesondere aus der Sicht der Alten, der Kinder, der Behinderten und Kranken.

Not tut vielfach eine Neuaneignung städtischen Raumes durch neue Widmung der Flächen, durch Schaffung vernünftig gestalteter Verhältnisse, die sich den Werthaltungen der Menschen anpassen müssen, statt dass Menschen sich den Verhältnissen unterwerfen müssen.

Die Überlegungen Werner Durths verdienen ihrerseits gemeinsame Aufmerksamkeit!

Bild: ein Habicht über dem Prinzenbad, aufgenommen gestern. Findet ihr ihn? Schärft eure Aufmerksamkeit!

THEMA: Blaupause statt Baupause Neue Bauten braucht Berlin – Berlin – Tagesspiegel

Was wird aus dem shared space Bergmannstraße | die bergmannstrasse

Freitag, Juni 24th, 2011

24062011772.jpgHeute verteilte ich, während andere eifrig Buden und Tische aufbauten, in der Bergmannstraße Einladungen für die Veranstaltung am 28.06. Ich fragte systematisch in den Geschäften der Bergmannstraße ab: Was braucht ihr? Was wollt ihr? Spät abends finde ich noch diesen Blog-Eintrag:

Was wird aus dem shared space Bergmannstraße | die bergmannstrasse
Ich frage mich, was ist aus der Shared Space-Initiative geworden, die alle paar Monate mal durch unsere Zeitungen geistern, ohne dass wirklich etwas passiert? Warum wird nicht auch hier eine Parkraumbewirtschaftung und eine Verknappung des Durchflusses erreicht – im Sinner der Anwohner, der Durchfahrenden, der Touristen?

Weil es dem Bezirk ganz egal ist – sind ja nur Altkiezler und Nervensägen, die nichts von Politik verstehen?

Ich gehe jede Wette ein, wenn zwanzig Wohnungs-Wirtschafts-Investoren das alles auch sagen, dass die Landespolitik ganz plötzlich, ganz aktionistisch handelt?

“Straßen, redet ein Wort!” Hä? Können Straßen reden?

Freitag, Juni 24th, 2011

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“Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?”

So schrieb einmal ein Dichter aus Italien nach Deutschland. Welcher? Das tut hier nichts zur Sache. Uns kommt es auf das Bild an: “Straßen, redet ein Wort!”

Die Bergmannstraße redet noch keine deutlich vernehmbare Sprache. So unser Befund vom 22.06. Schau das Bild hier oben an oder schlendere die Bergmannstraße entlang! Dich umgibt eine verwirrende Fülle an einzelnen gebauten und beweglichen stummen Dingen: Autos, Häuser, fahrende Autos, Bordsteine, Lieferfahrzeuge, Schilder, parkende Autos, Fassaden, Fahrradbügel, Tischchen und Stühlchen, Aufgänge, Radler, parkende LKW, Pflastersteine, usw. usw.  Zersplitterte Aufmerksamkeit!

Ich habe vor wenigen Tagen mit dem Fahrrad die gesamte Bergmannstraße abgefahren, habe ein Video gedreht, einige Eindrücke aufgesprochen und das Ganze auf Youtube gepostet. Ihr werdet sehen: Ruckelnde Bilder, zersplitterte Aufmerksamkeit, Störungen, Interferenzen, Gefahr der Kollision allenthalben!

Anders klingt es bei den Fußgängern! “Wenn man in der Bergmannstraße wohnt, braucht man nicht in die Toskana zu fahren”, sagt Olaf Dähmlow vom Verein “Kiez und Kultur” laut Tagesspiegel heute (S. 14). Wozu nach Italien fahren? Nein, nein, man setzt sich einfach ins Parlamento degli Angeli und hört ringsum die bunteste Mischung! Der Antiquitätenhändler neben dem Parlamento degli Angeli spricht mindestens Deutsch und Arabisch, verkaufte uns aber gleich danach die gesammelten Lieder Franz Schuberts auf 7 CD im Schuber für 15 Euro! Wir versuchten ihn auf 10 Euro runterzufeilschen – es gelang nicht. “Es sind 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 CDs, also muss es  15 Euros kosten!” Das sahen wir ein. Denn so kostet jede CD nur 2,1428571 Euro. Das scheint also der Fixpreis für CDs zu sein.

Können Straßen reden? Die meisten sicher nicht. Aber seit Jahrtausenden haben es die Menschen immer wieder versucht, Straßen so umzugestalten, dass ein gemeinsamer Menschenwille darin sichtbar wird. Beginnend von der löwengeschmückten Prozessionsstraße aus dem Hügel von El-Kasr, die zum Ischtar-Tor führte, über die Via sacra des antiken Rom bis hin zur Allee “Unter den Linden”: Städte brauchen Plätze und Straßen, in denen Bürgerwille ein einigendes Band findet!

Solche besonderen herausgehobenen Straßen und Plätze sind Aufmerksamkeitssammler: Prismen, in denen sich der atomisierte Gemeinsinn bündelt und reflektiert:  The shared space of “joint attention“, wie wir es wohl mit dem Evolutionsbiologen Michael Tomasello sagen dürfen, der am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Antropologie lehrt und forscht.

In solchen umfassend städtebaulich gestalteten Stadt-Räumen und Stadt-Straßen fängt und bildet sich die unablässig wandelbare Identität einer Stadtgemeinde.

Ich meine: Die Bergmannstraße verlangt geradezu nach einer solchen gemeinsamen städtebaulichen Sprache, in denen diese Gemeinde zu ihrer Sprache findet.

Ja, Goethe hat recht: Straßen können reden! Wenn man es will, wenn man sie zum Sprechen bringt.

Gemeinsame Aufmerksamkeit

Donnerstag, Juni 23rd, 2011

Gemeinsame Aufmerksamkeit – unter diesem Ausdruck beschreibt Michael Tomasello etwas fundamental Neues, das die Säuglinge im Alter von etwa 9-12 Monaten zu entwickeln beginnen: die Fähigkeit des Menschen, über längere Zeit hinweg mit anderen Menschen ein gemeinsames Objekt des Merkens, des Hinschauens, des Zeigens und Beobachtens zu verfolgen. Durch Gebärden, durch Bewegungen und Zeigehandlungen stellen Babies lange lange vor der Entwicklung von Sprache mehr oder minder dauerhafte Beziehungen zu anderen Menschen her. So kann ein Kind durch Zeigen oder Berühren einer Rassel den Erwachsenen dazu veranlassen, ihm diesen Gegenstand zu reichen. Das Kind “zeigt” dem Erwachsenen die Rassel. Nur dem Menschen eignet diese Fähigkeit!

Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Aus dem Englischen von Jürgen Schäfer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, hier S. 84-94

Ich füge hinzu:

Diese Fähigkeit muss durch Erziehung nach und nach über lange Monate und Jahre gepflegt und ausgebaut werden. Tausenderlei Objekte können den älteren Menschen als Brücken dieser gemeinsamen Aufmerksamkeit dienen: gemeinsames Singen eines Volksliedes ebenso wie das gemeinsame Betrachten der Bewegungen einer lederummantelten Gummiblase (adulte Exemplare der Art Homo sapiens nennen es: “ein Fußballspiel”), das gemeinsame Rechnen ebenso wie das Bergwandern.

Es handelt sich bei all diesen Ereignissen nicht um sprachähnliche oder sprachvermittelte kulturelle Tätigkeiten, wie man im Zuge der Wendung zur Sprache ab etwa 1970 glaubte, sondern um originär auftretende, Gemeinsamkeit stiftende Haltungen oder besser “Verhaltungen” des Menschen, die ihn bereits vor dem Erwerb von Sprache zu einem sozialen Wesen werden lassen.

Die Aufmerksamkeit dauerhaft gemeinsam auf etwas richten  - dies scheint etwas zu sein, was den Menschen doch recht deutlich von anderen Tierarten abhebt.

Wenn dem Kind in den ersten Jahren zu wenig Gelegenheiten gemeinsamer Aufmerksamkeit geboten werden, verkümmern seine sozialen Fähigkeiten. So erklärt es sich, wenn Berliner Grundschullehrer immer wieder klagen: “Dieses Kind kann sich nicht konzentrieren. Sein Geist gleitet gewissermaßen stets ab. Es kann die Augen nicht auf eine Zeile im Heft richten. Es kann nicht länger als wenige Sekunden zuhören.”

Wölfe und Lämmer

Donnerstag, September 23rd, 2010

Wolf und Lamm sollen weiden zugleich”, dieser Vers Jesaias in der Übersetzung Martin Luthers kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich nahezu täglich die Streitereien zwischen Autofahrern und Radfahrern miterlebe. 

Wölfe und Lämmer, Fahrräder und Autos sollen sich einen gemeinsamen Raum teilen. Sie wollen weiden zugleich. Bosheiten werden gar nicht erst zugelassen. Wenn alle sich an die  Verkehrsregeln hielten, wozu insbesondere ständige Rücksicht, stete Vorsicht, witternde Achtsamkeit und sorgfältige Einhaltung der Straßenverkehrsordnung (StVO) und der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) gehören, gäbe es nicht all das Zanken und Zerren, das Zoffen und Zurren, das Geplärre und Getrommle. 

Das Murren und Grummeln in den Kommentarspalten des folgenden Artikels ist höchst lehrreich:

Verkehr: Gericht schützt Kampfradler – Welt – Tagesspiegel

Shared Space – nur ein Traum?

Montag, Mai 10th, 2010

09052010015.jpg Heftige Schelte erhielt der kühne Blogger von den Fachleuten und den Bezirks-Politikern für seinen nur angedachten Vorschlag, an ausgewählten Stellen die Gehwege großzügig für Radfahrer und Fußgänger gemeinsam freizugeben: Shared Space zum Nulltarif.

ADFC, Parteien von links bis rechts und Mitstreiter wiesen mich zurecht und ich versprach geknickt, diese Forderung nicht weiter zu erheben.

Dabei rege ich noch einmal an: Wo sollen die über 65-Jährigen Rad fahren? Wohin sollen sie? Die werden doch überall weggescheucht!

Berlin hat kein Geld. Shared Space, wie es im Buche steht, kostet wahnsinnig viel  Geld. Warum nicht zum Nulltarif? Man muss nur umdenken … Berliner! Teilt den gemeinsamen Raum und merkt, dass ihr gut miteinander auskommen könnt!

Dass Shared Space zum Nulltarif funktionieren kann, beweist aber ein Video, das ich gestern schoss. Hier ist es. 

YouTube – Kanal von JohannesHampel

Zum Nachhören … Shared Space

Mittwoch, Januar 27th, 2010

Ein Bekannter schickt folgenden Hinweis zur Sendung über Shared Space heute:

wer`s verpaßt hat, nachzuhören hier (eventuell auf einer der früheren
Seiten):
http://www.dradio.de/aod/html/?year=2010&month=01&day=27&page=3&

direkt hier:

“Mehr Sicherheit durch weniger Schilder? – NRW und Niedersachsen testen neue
Verkehrsregeln”

Audio:
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/01/27/dlf_20100127_1010_d5b3a4cd.mp3

Sendezeit: 27.01.2010 10:10
Autor: Roehl, Michael
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Länderzeit
Länge: 70:16 Minuten

Verantwortung übernehmen – für sich und andere

Dienstag, Juni 9th, 2009

Verantwortung übernimmt jeder, der am Straßenverkehr teilnimmt. Viele wissen das, einige verhalten sich auch dementsprechend. Den verantwortlichen Verkehrsteilnehmer setzt Shared Space voraus. Nur ein Politiker in Deutschland wagte es bisher, das Shared-Space-Konzept einzuführen. Der Bürgermeister des niedersächsischen Bohmte. Natürlich gehört er der CDU an. Vorfahrt für Verantwortung! Aber lest selbst, wie das Konzept auch in Berlin diskutiert wird:

Verkehr – Der Tauentzien soll eine Art Spielstraße werden – Berlin – Berliner Morgenpost
Bislang ist der 13.000-Einwohner-Ort Bohmte in Niedersachsen der einzige in Deutschland, der am EU-Projekt Shared Space teilnimmt. Aus Bohmte waren deshalb gestern die erste Gemeinderätin, Sabine de Buhr-Deichsel, und ihr Polizeichef eingeladen, um über Erfahrungen zu berichten. Die Gemeinde hatte vor einem Jahr ihre Hauptverkehrsstraße nach dem Gemeinschaftsprinzip umgestaltet. “Wir haben durchweg positive Erfahrungen gemacht”, so die Gemeinderätin. Wo vorher jährlich etwa 30 bis 40 Unfälle passiert sind, seien seit der Öffnung des Shared-Space-Bereichs im Mai 2008 bisher nur Bagatellunfälle – also keine Verkehrsunfälle mit Personenschaden – passiert, wobei keiner originär auf das Shared-Space-Prinzip zurückzuführen gewesen seien. Der Verkehr sei auch nicht in die Seitenstraßen abgeflossen, und die alltäglichen Staus in den Hauptverkehrsstraßen hätten sich aufgelöst. “Wir haben nicht weniger Verkehr, aber der Verkehr fällt nicht mehr so störend auf”, so die Gemeinderätin. “Wir können das Projekt nur weiterempfehlen.” Gerade hinsichtlich der Sicherheit habe sich das System bewährt, weil alle Verkehrsteilnehmer zur Aufmerksamkeit gezwungen würden.

Es geht auch anders: Freie Bahn für Fußgänger

Mittwoch, April 15th, 2009

Vielsprechend klingt ein Konzept, über das heute die Berliner Zeitung berichtet. Lest es euch durch: Es kostet viel weniger als Shared Space, es führt zu einer Gleichberechtigung zwischen Verkehrsteilnehmern. Allerdings müssten auch die Radfahrer sich an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h halten. Ob wir das schaffen?

Freie Bahn für Fußgänger – Berliner Zeitung
Autos dürfen nicht schneller als Tempo 20 fahren, dagegen haben Fußgänger überall den Vortritt. Sie dürfen jederzeit und an allen Stellen die Fahrbahn überqueren. So geht es in den mehr als 300 Begegnungszonen zu, die es inzwischen in der Schweiz gibt. Was sich in dem Nachbarland bewährt hat, könnte auch in Berlin funktionieren, heißt es im Senat. Nach seinem Willen sollen Berliner Nebenstraßen ebenfalls zu Begegnungszonen werden – zunächst versuchsweise. „Wir werden die Bezirke nun bitten, uns Straßen zu nennen, die für Modellprojekte geeignet wären“, sagte Heribert Guggenthaler aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Ein Kandidat könnte die Bergmannstraße in Kreuzberg sein.

Der Senat will Berlin fußgängerfreundlicher machen. Schließlich wird hier rund ein Viertel aller Wege per Pedes zurückgelegt, in Innenstadtbereichen sogar mehr als die Hälfte. Begegnungszonen könnten dazu beitragen, Nebenstraßen, auf denen besonders viel flaniert wird, sicherer und noch attraktiver zu machen, so Guggenthaler. „Mehr Rücksichtnahme ist das Ziel“, sagte der Referatsleiter für die Gestaltung von Straßen und Plätzen. Die Bergmannstraße, die sich in Kreuzberg als Kiez-Boulevard etabliert hat, wäre ein gutes Versuchsgebiet.

Wo in der Schweiz das entsprechende blau-weiß-rote Verkehrszeichen steht, dürfen Fußgänger die gesamte Verkehrsfläche benutzen – inklusive der Fahrbahn. „Sie sind gegenüber den Fahrzeugführern vortrittberechtigt, dürfen die Fahrzeuge aber nicht unnötig behindern“, heißt es in der „Signalisationsordnung“ des Nachbarlandes. Alle Fahrzeuge dürfen nicht schneller als 20 Kilometer in der Stunde fahren. Parken ist möglich – aber nur dort, wo Verkehrszeichen oder Markierungen dies ausdrücklich erlauben. Das gilt auch für Fahrräder.

Größere Straßenumbauten sind nicht erforderlich. „Die Bordsteine bleiben, die Bereiche für Fußgänger und Fahrzeuge sind weiterhin voneinander getrennt“, so der Planer. Dadurch sind Begegnungszonen billiger als „Shared-Space-Bereiche“, wie sie in den Niederlanden und im niedersächsischen Bohmte zu finden sind. Denn in „gemeinschaftlich genutzten Räumen“ (so eine Übersetzung) gibt es keine Bordsteine mehr, stattdessen eine Verkehrsfläche für alle. Auch Ampeln, Verkehrsschilder und Markierungen passen nicht zu diesem Konzept. Der Senat sieht es nicht nur wegen der Kosten skeptisch, sondern auch deshalb, weil Parkplätze nach der reinen Lehre in solchen Bereichen nicht vorgesehen sind. Damit drohten „Akzeptanzprobleme“. In Großstädten könnten Begegnungszonen also „unter Umständen die bessere Lösung sein“.

Deshalb lehnt der Senat auch den Vorschlag ab, die Tauentzienstraße in der City-West als „Shared Space“ zu gestalten. Sicher müssten in diesem Fall die parkenden Autos verschwinden, sagte die Bürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen (SPD). Dafür würde die Straße für Einkaufsbummler und Spaziergänger attraktiver. „Wir sollten hier mutig denken“, bekräftigte Thiemen gestern. Doch wenn „Shared Space“ dort nicht möglich ist, könnte die Tauentzienstraße auch eine Begegnungzone à la Schweiz werden.

Shared Space setzt einen Mentalitätswandel voraus

Mittwoch, April 15th, 2009

Seit Januar 2008 verfolgen wir in diesem Blog das Konzept von Shared Space. Seit einigen Monaten wird es auch in Berlin breiter diskutiert. Überrascht war ich, in der aktuellen Radzeit die folgende, eher skeptische Einschätzung des Verkehrswissenschaftlers und Soziologen Andreas Knie von der TU Berlin zu lesen:

Sybil Henning-Wagener: Ist das Konzept vom Shared
Space, das Hans Monderman immerhin
schon vor 30 Jahren in die Welt gesetzt
hat, die Verkehrsutopie, die diese neue Urbanität
befördern könnte?
Andreas Knie: Shared Space ist unter anderem ein Versuch,
die alte funktionale Trennung ein Stück
weit aufzuheben. Doch darf man nicht vergessen:
Die praktizierten Formen der „Verkehrsfluss“-
Idee sind bis heute auch sehr leistungsfähig.
Mit Shared Space würde man diese Codierung
des Straßenraumes, diese rechtlich
verbindliche Regelungsform, wieder zurückschrauben.
Shared Space bedeutet, alles, was
festgelegt ist und ohne Nachdenken befolgt
wird, wieder verhandelbar zu machen. Man
fährt natürlich dann ganz anders. Der Autofahrer
oder die Autofahrerin müssen alle Sinne anstrengen,
um sich fortzubewegen. Andererseits
besteht Konsens darüber, dass die Vorgänge im
Verkehr zu 95 Prozent und mehr Routine sind.
In modernen hochdifferenzierten Großstädten
denken Sie über Ihre verkehrliche Aktivität
nicht nach. Shared Space ist sicher ein Beitrag
zu mehr Sicherheit, ein Beitrag zu einer vollkommen
neuen Verkehrskultur und einer Entschleunigung
der Städte, ich halte ihn aber, gemessen
an der eigentlichen Aufgabe der Städte,
schnelle Teilhabe zu organisieren, für keinen
funktionstauglichen Entwurf. Demokratie heißt
immer Teilhabe, das heißt auch immer: schnelle
Ortsveränderung, Beweglichkeit.

RadZeit-2-2009-72dpi.pdf (application/pdf-Objekt)

Umgekehrt wird nunmehr laut einem Bericht in der Morgenpost vom 14.04.2009 in Charlottenburg diskutiert, bei der Neugestaltung des Tauentzien-Platzes erstmals in Berlin Shared Space Wirklichkeit werden zu lassen:

Berlins Einkaufsmeile Nummer eins – die Tauentzienstraße – sorgt für Streit. Jetzt hat sich Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) eingeschaltet. Sie schlägt vor, bei der ohnehin geplanten Umgestaltung der rund 600 Meter langen Shopping-Meile mutig etwas ganz Neues zu probieren: Alle Verkehrsteilnehmer sollen sich gleichberechtigt den öffentlichen Straßenraum teilen – ohne Bordsteine, Schilder oder Ampeln. Bekannt geworden ist das Konzept unter dem Namen „Shared Space“ (geteilter Raum). Vor rund zwei Jahren wurde das niedersächsische Bohmte (13.300 Einwohner) als „erste deutsche Stadt ohne Schilder“ berühmt.

Mein eigener Standpunkt:  Zu Beginn war ich hochbegeistert von dem Konzept. Ich warb eifrig bei meinen Mitstreitern, etwa in der Fahrradlobby, für Vorarbeiten und genauere Befassung. Mittlerweile ist mein Eifer schwächer geworden, weil die Idee offenbar nicht so recht zündet. Persönlich wäre ich schon froh, wenn wir mit den vorhandenen Regeln zu einem auskömmlichen Miteinander kämen. Doch so weit sind wir noch nicht. Ich wünsche mir einen Mentalitätswandel im Straßenverkehr. Ob er durch das neuartige Konzept von Shared Space kommt? Ich hege Zweifel. Denn unser Verkehrsverhalten hängt wesentlich von unserer Einstellung ab. Tugenden wie Rücksicht, Aufmerksamkeit, Regeltreue sind noch nicht weit genug verbreitet. Shared Space setzt den mündigen, den erwachsenen Verkehrsteilnehmer voraus, den wir in zu geringen Zahlen haben.

Umgekehrt würde sich die Lage sofort verbessern, wenn mehr Menschen sich rücksichtsvoll, regeltreu und aufmerksam verhielten.

Ganz ohne Kosten, auch ohne Shared Space.