Vom Glück des Singens

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Apr 292017
 

O Du schmetternder kleiner Sänger, wie lieblich, wie stark, wie süß ist Deine Stimme! Wie strahlend, wie kraftvoll verkündest Du Deine Wahrheit! Du purzelnder Knecht, Du leuchtender König, Du tanzender Tenor!  Du singst für Dich, für mich, für alle, für Deine Einzige, für Deine Auserwählte! Wisse, Du wirst gehört. Dir hör ich zu!

Du schämst Dich nicht, Dir gefällt Dein eigener Gesang, Du weißt, was Du kannst, Du achtest nicht auf Lohn und Wohnung. Was kümmern Dich die andern. Du singst ohne Nebenabsichten. Du singst, weil Du singst und singen willst, und alles, Berg und Tal und Turm, Busch und Wiese und Gras, sie tönen wider von Deinen Liedern!

Sing, Sänger, singe weiter!

 

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Schroff. Schreiend. Kahl: Golgatha.

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Apr 082017
 
Zerrissenes Holz reckt sich empor in einen blauen, tiefen, antwortlosen Himmel, schrundige Auskehlungen zerfurchen den Baum auf dem Dorfanger von Lübars, gesehen am vergangenen Samstag bei einer Radtour durch das Tegeler Fließ. Soviel Schmerz, soviel Leiden!
Geduldiges Einhören, gemeinschaftliches Einsingen im Kirchenchor, Nachlesen in den alten Darstellungen und Anweisungen der geistlichen Musik früherer Jahrhunderte! Der gregorianische Passionston in der Johannespassion des Thomas Mancinus, die wir derzeit einstudieren, verlangt einen freien Vortrag, eine Verlebendigung im Gesang. Die rhombische Notenform – punctum inclinatum – dient nur als Stütze des in Freiheit erklingenden Wortes; Mancinus hebt sehr bewusst durch Klauseln und Floskeln die sinntragenden Worte hervor; die kraftvolle, sehr gesangliche Übersetzung Martin Luthers – sie bleibt ein poetisches Meisterwerk deutscher Sprache – übernimmt er dabei Silbe für Silbe, Elision für Elision unverändert.
Clamore et cum asperitate, so sollen die leidenschaftlichen Aufwallungen der Turba-Chöre gehalten sein. Mit Geschrei, schroff, unverbunden! Das sind die Anweisungen, die sich aus den damaligen Traktaten erschließen lassen.
Mancinus war übrigens Leiter der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel; sein unmittelbarer Nachfolger in diesem Amt war Michael Prätorius, dessen Syntagma Musicum 1619 erschien, also ein Jahr vor dem Erstdruck der Passionsmusik des Thomas Mancinus.  Welch glückliche Koinzidenz! Wir können aus den Traktaten, Abhandlungen und Lehrbüchern der Jahrhundertwende durchaus ein Stilideal abnehmen, wir können mit Sicherheit sagen, dass die menschliche Stimme, nicht das dingliche Instrument damals noch das Vorbild jeder Musikausübung war; es unterliegt keinem Zweifel, dass die Musik, zumal die geistliche Musik damals als affektgeladene Klangrede, als Verkündigung aufgefasst wurde, nicht als Sinnesbetörung, nicht als autonomes, in Schönheit strahlendes Klangspiel.
Der Gottesdienst in der Sterbestunde Jesu beginnt in St. Norbert am Karfreitag, 14. April 2017, um 15 Uhr. Dort werden wir die Johannespassion des Mancinus zu Gehör bringen. Alle, die hören wollen, sind eingeladen. Die Tür ist offen.
Kirche St. Norbert, Dominicusstr. 17, 10823 Berlin-Schöneberg 
Bibliographischer Hinweis:
Die Johannespassion des Thomas Mancinus ist Teil des Werkes Musica Divina Signatur S 368.4° Helmst., das bereits in digitalisierter Form vorliegt. Man findet im Internetauftritt der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel den diplomatisch genauen Scan  ab Seite 277 unter folgendem Link: 
http://diglib.hab.de/wdb.php?pointer=176&dir=drucke%2Fs-368-4f-helmst
Eine moderne Aufbereitung, in welcher der ursprüngliche Wortlaut des Komponisten Mancinus durch den Text der früheren, im Jahr 1987 verwendeten Einheitsübersetzung ausgetauscht worden,  ist im Carus Verlag erschienen. Das Vorwort des Herausgebers verdient besondere Beachtung!
Thomas Mancinus: Johannespassion für Einzelstimmen und gemischten Chor SATB. Herausgegeben von Willli Schulze. Partitur. Carus Verlag 40.088, Stuttgart 1987
Einen guten, reich mit Quellen (darunter Prätorius) ausgestatteten Einstieg in die Musizierpraxis des 15. bis 17. Jahrhunderts bot mir folgendes Werk:
Ulrike Engelke: Musik und Sprache. Interpretation der Frühen Musik nach überlieferten Regeln. Agenda Verlag, Münster 2012
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Auf ins Konzert zu den malenden Kindern in Böhmisch Rixdorf, Sonntag 18 Uhr!

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Mrz 172017
 

Sonntag, 19. März 2017, 18 Uhr
Konzert der Neuköllner Serenade
Gemeindesaal der Brüdergemeine Rixdorf
Böhmisch Rixdorf
Kirchgasse 14
12043 Berlin

Hochgewölbte Blätterkronen,
Baldachine von Smaragd,
Kinder ihr aus fernen Zonen,
Saget mir, warum ihr klagt?

Schweigend neiget ihr die Zweige,
Malet Zeichen in die Luft,
Und der Leiden stummer Zeuge
Steiget aufwärts, süßer Duft.

Vorfreude erfasst meine Geige und mich in meiner slawophilen Seele, denn in das alte böhmische Rixdorf führt uns übermorgen, am Sonntag, der Weg der Neuköllner Serenade, des bekannten Berliner Kammerorchesters, in den Gemeindesaal der Böhmischen Brüder, nicht weit vom Garten des Jan Amos Comenius, des böhmischen Pädagogen, der mit seinem Orbis pictus in so vieler Hinsicht Vorbild für unser zusammenwachsendes Europa ist. Jan Amos Komenský, ein Lehrmeister für Europens Kinder aus fernen Zonen, wie sie Mathilde Wesendonck so beredt ansprach und werbend anlockte!

Weit in sehnendem Verlangen
Breitet ihr die Arme aus,
Und umschlinget wahnbefangen
Öder Leere nicht’gen Graus.

Wohl, ich weiß es, arme Pflanze;
Ein Geschicke teilen wir,
Ob umstrahlt von Licht und Glanze,
Unsre Heimat ist nicht hier!

 

Der Eintritt in das Konzert der Neuköllner Serenade ist frei. Das ist unser Programm:

Richard Wagner: Wesendonck-Lieder
Carl Reinecke: Streicherserenade

Und wie froh die Sonne scheidet
Von des Tages leerem Schein,
Hüllet der, der wahrhaft leidet,
Sich in Schweigens Dunkel ein.

Das sind die Ausführenden:

Die Neuköllner Serenade
Silvia Hauer, Mezzosopran
Martin Dehli, Leitung

 

Stille wird’s, ein säuselnd Weben
Füllet bang den dunklen Raum:
Schwere Tropfen seh ich schweben
An der Blätter grünem Saum.

Wir freuen uns auf unser Publikum.

Text in kursiv:
Mathilde Wesendonck: Im Treibhaus, aus: Mathilde Wesendonck: 5 Lieder

Foto:

Eintritt in den Comeniusgarten in Böhmisch Rixdorf, Neukölln, Berlin, Aufnahme vom Mai 2013

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Hi-ne Adam. Tja. So ist er. Ecce homo

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Mrz 242016
 
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Morgen erwartet uns in der Karfreitagsliturgie eine einzigartige musikalische Erfahrung!  Wir führen in St. Norbert mit dem Kirchenchor die Johannes-Passion des Komponisten Hermann Schroeder (1904-1984) auf, eine ungewohnt schroffe, spröd-körnige, spannungsreiche Umsetzung der Passionsgeschichte nach dem Evangelisten Johannes.
Besonders anspruchsvoll fällt das Alleinsprecher- oder „Soliloquenten“-Rollenbündel des Petrus, des Pilatus, des Knechts und des Dieners aus. So fällt in diesem Bündel oder Gewirr widersprüchlicher Regungen auch das großartige „Seht welch ein Mensch / Ecce homo / Hi-ne Adam“ dem Soliloquenten in den Schoß!
Die Tonsprache der Rezitative wirkt nur vordergründig arm, sie beschränkt sich auf einen bescheidenen Vorrat an Tönen und Wendungen und ermöglicht gerade dadurch das Hervorstechen und Heraustreten dramatischer Zwischenfälle! Die Chöre hingegen sind wild, sind leidenschaftlich aufgewühlt, sie gleichen einer aufgepeitschten rauhen See.
Besonders spannungsreich gestaltet sich die Rolle des alleinsprechenden, zuletzt völlig vereinsamten Pilatus. Er „kommt zwar irgendwie erstaunlich gut weg“, aber er hat keine Chance gegen das Volk. Er wird zerrieben. Er scheitert und wird aus der Geschichte „hinausgeschrieben“ und hinausgesungen.
Hermann Schroeder: Johannes-Passion in deutscher Sprache. Für Solosänger und vierstimmigen gemischten Chor a capella. Schwann Verlag, Düsseldorf 1964
Die Liturgie in der Sterbestunde Jesu beginnt morgen um 15 Uhr. Alle, die hören wollen, sind eingeladen. Die Tür ist offen.
St. Norbert 
Dominicusstr. 17, 10823 Berlin 
zu erreichen mit Bus (M46, M48, M85, 104, 187, 248), 
U-Bahn Linie 4 (Rathaus Schöneberg), 
S-Bahn Linien 1, 41, 42, 46 (Schöneberg)
Foto: erstes zartes Grün auf dem Naturpark Südgelände, aufgenommen gestern
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Mrz 082016
 

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Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt,
daraus ein schönes Brünnlein quillt,
die brüderliche Lieb genannt,
daran ein Christ recht wird erkannt.

Dieses Lied erhob sich schutzsuchend, leicht bebend, flaumfederweich aus dem Munde eines Touristen, der links zu Füßen der Kanzel stand in jener Kirche, in der Johannes Bugenhagen und Martin Luther damals sicherlich mehrere hundert Male predigten.
Ich lauschte dem Gesang, der nur wenige Sekunden nachhallte. Ein anderer Tourist hatte dem Sänger zugesprochen: „Sing!“ Und der erste Tourist fasste den Mut, ohne Erlaubnis und amtliche Genehmigung zu singen. Einfach so, barhäuptig. Was würde geschehen? Das Lied „Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt“ störte den geregelten Ablauf der Führungen für deutsche und amerikanische Touristen doch erheblich. Es war nicht angemeldet! Und es geschah — nichts. Und so sang der Tourist dann noch „Nun danket alle Gott„. Er sang es in der früheren, der besseren Fassung mit dem doppelt so langen Nun, das Nu wird länger gehalten, die Geistkraft sammelt sich unter dem langen Nu an und bricht hervor wie ein schönes Brünnlein in dieses: Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen. Der Sänger dankte offenkundig mit dem zweiten Lied dafür, dass er das erste hatte singen dürfen. Dies war jedenfalls mein Eindruck.

Bilanz: Das Singen dieser beiden Gedichte, dieser Lieder aus dem aktuellen Evangelischen Gesangbuch der Kirchenprovinz Sachsen (Nr. 321 und Nr. 413) mochte zwar den geregelten Ablauf der Kirchenführungen beeinträchtigen, doch war es zu unerheblich, als dass es eines förmlichen Verweises bedurft hätte. Bereits wenige Minuten später ertönte das historisch belehrte Gemurmel und Dozieren der damit beauftragten Kirchenführungen wieder in deutscher und englischer Sprache.

Quellenangabe:
„413. 1. Korinter 13. Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt“, enthalten in „NÄCHSTEN- UND FEINDESLIEBE“ (Nr. 412-420) enthalten in „GLAUBE-LIEBE-HOFFNUNG“, enthalten in Evangelisches Gesangbuch, Berlin 1995

„321. Sirach 50, 24-26. Nun danket alle Gott“, enthalten in „LOBEN UND DANKEN“ (Nr. 316-340), enthalten in „GLAUBE-LIEBE-HOFFNUNG“, enthalten in Evangelisches Gesangbuch, Berlin 1995

Inschrift an der Empore der Stadtkirche Wittenberg:
„und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern / und singet dem Herrn in eurem Herzen“, Aufnahme des Touristen vom 05.03.2016

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Νυνί δε μένει πίστις, έλπίς, αγάπη

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Jan 192016
 

Gente malvagia:
Woher hast du’s genommen?
Wie konnt es zu Dir kommen?
Wie aus dem Leseplunder
erwarbst du diesen Zunder?
Plagiator, Kopist!
Das wuchs doch nicht auf eignem Mist!

Näherhin zitiertest du mehr oder minder verändert aus 1 Korinther 13! Meintest du, ich würde dir nicht auf die Schliche kommen?

Wandrer:
Ei was nicht gar! Es war mir nicht bewusst! Ich nahm es —

Aus ungemeßner Ferne
Im Ozean der Sterne,
Mich hatt ich nicht verloren,
Ich war wie neu geboren!

Höre selbst:

Paulus:

Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων
ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον
καὶ ἐὰν ἔχω προφητείαν καὶ εἰδῶ τὰ μυστήρια πάντα καὶ πᾶσαν τὴν γνῶσιν
καὶ ἐὰν ἔχω πᾶσαν τὴν πίστιν ὥστε ὄρη μεθιστάναι
ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐθέν εἰμι.

Wandrer:
Zu deuten ist 1 Kor 13,1-13 als ein in griechischer Sprache verfasstes Gedicht, ein Hymnus, der sich in eine bunte Tonfülle aus den Psalmen und Gedichten griechischer und hebräischer Sprache einreiht, die ihm vorausgehen.

Paulus:
κἂν ψωμίσω πάντα τὰ ὑπάρχοντά μου
καὶ ἐὰν παραδῶ τὸ σῶμά μου ἵνα καυχήσωμαι
ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω οὐδὲν ὠφελοῦμαι

Wandrer:
Das heute gepflegte nüchtern-prosaische Vortragen dieser Poesie in mehr oder minder tragfähigen Verdeutschungen vermag nur einen sehr matten Eindruck von der Klang- und Tonfülle des griechischen Originals zu bieten.

1 Kor 13,1-13 ist zweifellos ein griechisch komponiertes Gedicht, das zum gesungenen, zum kantillierenden Vortrag gedacht ist. Wie darf man sich das vorstellen? Wie klingt das? Wie würde das klingen?

Paulus:
Ἡ ἀγάπη μακροθυμεῖ, χρηστεύεται ἡ ἀγάπη οὐ ζηλοῖ, οὐ περπερεύεται, οὐ φυσιοῦται,
οὐκ ἀσχημονεῖ, οὐ ζητεῖ τὰ ἑαυτῆς, οὐ παροξύνεται, οὐ λογίζεται τὸ κακόν,
οὐ χαίρει ἐπὶ τῇ ἀδικίᾳ, συγχαίρει δὲ τῇ ἀληθείᾳ·
πάντα στέγει, πάντα πιστεύει, πάντα ἐλπίζει, πάντα ὑπομένει.

Wandrer:
Das singend-sprechende, sprechend-singende Vortragen der Psalmen durch den Kantor im jüdischen Gottesdienst, das singende Vorbeten, das betende Vorsingen des Evangeliums durch den Kantor im ostkirchlichen Ritus – diese beiden Arten des Vortrags vermögen mir zumindest immer wieder eine echte Ahnung davon zu bieten, wie Paulus von Tarsos, dem ich mich tief verbunden weiß, gebetet und gesungen hat.

Ἡ ἀγάπη οὐδέποτε πίπτει· εἴτε δὲ προφητεῖαι, καταργηθήσονται· εἴτε γλῶσσαι, παύσονται· εἴτε γνῶσις, καταργηθήσεται.
ἐκ μέρους γὰρ γινώσκομεν καὶ ἐκ μέρους προφητεύομεν·
ὅταν δὲ ἔλθῃ τὸ τέλειον, τὸ ἐκ μέρους καταργηθήσεται.

Wandrer:
Die griechischen Urschriften des Neuen Testaments sind für mich fließende Quellen des Gottesdiensts auch in der lateinisch geprägten abendländischen Christenheit (also in der römisch-katholischen Teilkirche und in der lutherisch geprägten Teilkirche), sie sind die fortzeugende, leider heute durch eine bisweilen zu enge „Brunnenfassung“ teilweise verstopfte Quelle unseres Glaubens.

Paulus:
βλέπομεν γὰρ ἄρτι δι’ ἐσόπτρου ἐν αἰνίγματι
τότε δὲ πρόσωπον πρὸς πρόσωπον
ἄρτι γινώσκω ἐκ μέρους, τότε δὲ ἐπιγνώσομαι καθὼς καὶ ἐπεγνώσθην.
Νυνὶ δὲ μένει πίστις, ἐλπίς, ἀγάπη, τὰ τρία ταῦτα
μείζων δὲ τούτων ἡ ἀγάπη

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Nov 182015
 

„Wir beugen unser Haupt vor den Toten, niemals aber beugen wir uns dem Terror.“ So Bundespräsident Gauck am vergangenen Sonntag. Hier wollen wir uns einmal nicht mit den Reden, sondern mit dem Reden des Bundespräsidenten befassen, also mit seiner Art des Vortragens, Sprechens, mit seiner Wortfindung und Gedankenführung. Völlig zu recht wird ja immer wieder seine besondere rednerische Gabe, sein Geschick und seine Überzeugungskraft gerühmt. Worin gründet die besondere Rednergabe Joachim Gaucks? Was macht Joachim Gauck zu einem herausragenden Redner, was macht einen guten Redner aus?

1) Der gute Redner verfügt über eine gute Ausbildung der Stimme, der Sprechwerkzeuge. Er hegt und pflegt das Wort. Er vertraut dem Wort, und das Wort scheint ihm zu vertrauen. Sein Motto scheint zu lauten:

Lebendgem Worte bin ich gut,
das kommt heran so wohlgemut.

Wenn er redet, fällt das Verstehen leicht. Jeder einzelne Laut wird geformt, jedes Wort wird geformt, jeder Satz wird geformt und gewissermaßen in den Raum auf die Zuhörer hin gesprochen. Insbesondere bringt der gute Redner auch die Konsonanten zum Klingen. Das kann so weit gehen, dass auch die Konsonanten wie „gesungen“ wirken.

2) Der gute Redner lässt jede Silbe, insbesondere auch jede unbetonte Silbe gedeihen. Er verschluckt nichts. Der gute Redner sagt also „beugen“, nicht „beugn“, „aufgegangen“ statt „a’fggangn“, „haben“ statt „habm“, „wir loben dich“, nicht „wir lobm dich“. Ein sehr häufiger Fehler der schlecht ausgebildeten deutschen Schauspieler ist seit jeher – von Goethe in seinen „Regeln für Schauspieler“ bereits getadelt – das Verhuschen und Verschlucken der unbetonten Silben.

Als Hörbeispiel diene ein kurzer Wortwechsel aus Goethes Clavigo (1. Akt, 1. Szene):

Clavigo. Zwar ist mir’s weiter nicht bange; sein Einfluß bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –
Carlos. Und denken und thun, was wir wollen.

Man höre sich diese oder ähnliche Sätze in einer beliebigen Aufführung auf einer heutigen deutschen Bühne an – man wird rasch erkennen: Die Schauspieler machen oft mit dem Wortlaut, was sie wollen; sie sind oft nicht imstande, dem Wort zu dienen, sondern sie denken und tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Die Lautung wirkt zufällig, die Konsonanten werden gekappt, die Vokale sind undeutlich, die gesamte Sprechweise wirkt kurzatmig und flachbrüstig.

Und dann versuche man einmal, eben diese Sätze zuhause für sich, oder mit einer Partnerin gemeinsam, einzuüben. Nach und nach wird das Ineinandergreifen, dieses florettartige „botta e risposta“, dieses Schlag auf Schlag eines gut vorgetragenen Dialoges hervortreten. Dann erwächst auch allmählich die Freude am Sprechen wieder.

3) Der gute Redner liest nicht nur ab, er hört die Sprache auch, er hat die Sprache gehört, er vernimmt das Singen im Hintergrund, er hat mindestens eine gewisse Zeit mit der Poesie verbracht, er trägt all die Kinderreime aus Küche und Keller, die Märchenverse, die Rätsel und Lautmalereien mit sich herum. Im guten Redner klingt immer etwas von der Dichtung nach, in ihm klingen die Lieder nach, die er gesungen hat. Seine Stimme wurde durch Poesie gekräftigt.

4) Die 1906 im niedersächsischen Linden geborene deutsche Philosophin Hannah Arendt sagt: „Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

5) Atmen – Singen – Reden! Eine unersetzliche Übung für jede zukünftige Rednerin, einen unerschöpflichen Schatz zum Erwerb einer guten deutschen Aussprache – gerade auch im Unterricht mit Kindern und Lernenden nichtdeutscher Muttersprache – stellen die 100 oder 300 wichtigsten deutschen Volkslieder der letzten 300 Jahre dar, etwa das unsterbliche „Der Mond ist aufgegangen“. Wer mag und die Religion seiner Vorfahren nicht fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, der kann und soll ruhig auch die 100 oder 300 wichtigsten geistlichen Lieder der letzten 700 Jahre hören und singen.

Empfehlung für alle Redner, Schauspieler, Sprachlehrer und Menschen, die in der Öffentlichkeit reden müssen:
Der Mond ist aufgegangen, In: 100 deutsche Kinderlieder. Für Klavier mit Liedertexten. Bearbeitet von István Máriássy. Illustriert von Claudia Faber. K 148. Könemann Music Budapest 2000. € 5,95, S. 40-41

Zitat Hannah Arendts hier nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

Scherben im Bachsand

Empfohlen sei auch:
Egon Aderhold/Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag Berlin 2013

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Here come YOUR music makers

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Nov 192013
 

2013 11 16 Te deum

So, jetzt hört uns mal alle genau zu: „We are the music makers, the dreamers of dreams!“

Das war das TE Deum Anton Bruckners im Berliner Dom am 16. November 2013. Und irgendwo gab es IHN doch, auch wenn man IHN nicht immer hörte und den Kopf drehen musste, um IHN zu sehen. Den kleinen Mann an der Orgel, weit droben! Ja, vielleicht ist ER so etwas wie der kleine Mann auf der Orgelempore. ER hört, was wir unten treiben, ER hört uns, und wir drehen den Kopf und fragen: Hörst DU uns überhaupt?

Oder sind wir lärmende Musikmacher, traurige Traumtänzer, Verzichtbare? –

wandering by lone sea-breakers,
And sitting by desolate streams;
World-losers and world-forsakers,
On whom the pale moon gleams.

Den überströmendsten Traurigkeitsgenuss hat Edward Elgar in dieses Gedicht von Arthur O’Shaughnessy hineingewebt. Noch heute, während ich dies schreibe, höre ich die Klänge in mir weiterklingen. Der Chor erfüllte mich mit dem Anhauch des Unnennbaren.

Und DU? Hast DU uns gehört? Hat es Sinn, sich zu DIR nach oben zu wenden? DU – bist DU der Sense-Maker für uns Music-Makers, the great Listener?

Das Bild zeigt vorne: Die Junge Philharmonie Kreuzberg. Mitten drin der Mann mit umgewandtem Kopf, das ist der hier Schreibende, fotografiert von seiner Schwester.

Hinten: Die studiosi cantandi Berlin, alle geleitet von Norbert Ochmann

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Jul 262012
 

„Ich kann dich ja nicht leiden,
vergiß das nicht so leicht!“

In Siegfrieds schroffer, lachend gesungenen Rüge an seinen mütterlichen Vater, seine väterliche Mutter Mime steckt das ganze Bündel an Idiosynkrasie, an unbegründbaren Überempfindlichkeiten, welche periodisch aus dem Werk Richard Wagners – Fafners Schwefeldämpfen gleich – hervorzubrechen scheinen. Ich las heute vormittag die 1. Szene des 1. Aufzugs aus seinem Siegfried – was für eine großartige Studie über das Vorrecht des Sohnes, die ganze Elterngeneration ins Unrecht zu setzen!

Und genau dieses schroffe Sich-Absetzen der Söhne von den ungreifbaren, konturlosen Eltern sehe ich wieder und wieder bei Jugendlichen und jungen Männern, die der DDR und der Sowjetunion entschlüpft sind. Sie sind für einige Jahre wie Richard Wagners Jung-Siegfried: gewaltgeneigt bis zur Verrohung, selbstherrlich, undankbar, leidend an der tiefen Wunde der Elterngeneration, die durch den Zusammenbruch der kommunistischen Regime eine tiefe Legitimitätskrise erfahren hat.

In diesem Wagnerschen Lichte ist auch der Skandal um den russischen Bassbariton Evgenij Nikitin zu sehen.  Man könnte ihn auch eine künstliche Aufgeregtheit nennen.

Warum? Das Anbringen von Nazi-Symbolen war bei den Jugendlichen in der Sowjetunion und in der Ex-Sowjetunion ein Akt äußersten, rebellischen Ungehorsams gegenüber dem Sozialismus, wie er in der UdSSR und in vielen anderen europäischen Ländern herrschte – jener angebliche internationale, in Wahrheit nationale Sozialismus, der in der UdSSR ab 1917 bis mindestens 1953 nicht minder verlogen und verbrecherisch war als der Nationalsozialismus ab 1933 in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern.
Nirgendwo gab es vermutlich außerhalb Deutschlands so viele Nazis oder „Hitleristen“ wie in der kommunistischen Sowjetunion und in der Ex-Sowjetunion, dem Bollwerk der „Stalinisten“. Dies ist ein heute weithin verleugneter oder vergessener Tatbestand.

Man sollte dem reumütigen Nikitin heute aus seinen Jung-Siegfried-Streichen keinen Strick drehen, sondern ihn singen lassen, zumal das  Bass-Bariton-Fach in Westeuropa abzusaufen droht. Es gibt darin zu wenig Nachwuchs. Den westeuropäischen Jung-Siegfrieden werden die Flügel, die Flausen und Bosheiten gestutzt und gestochen. Alles, was Sänger werden will, wird auf Höhe getrimmt.Das Böse, das Abgründige, das Bärenhetzerische wird eingehaust und glattgebürstet. Ein Sänger wie Nikitin wird da dringend gebraucht.

Also: Politiker will Nikitin nicht werden, lasst ihn singen.

Ihr müsst ihn ja nicht leiden können, vergesst das nicht so leicht!

Zitat:

Richard Wagner: Siegfried. Klavierauszug mit Text von Felix Mottl. C.F.Peters, Frankfurt a.M., o.J., S. 32

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Jan 212012
 

Weiterhin steuern wir das Schifflein der Singgruppe an unserer Lomonossow-Grundschule durch das mäandernde Band der Wochen. Ab kommender Woche treffen wir Eltern uns jeweils am Dienstag (nicht mehr am Montag), um mit den Kindern bekannte deutsche Lieder einzulernen, die wir meist  einem von einigen Ungarn herausgegebenen, in China gedruckten Buch „Deutsche Volkslieder“ entnehmen. Die Ungarn, die Chinesen, das sind offenbar zwei Völker, die noch deutsche Volkslieder singen und sie wertschätzen.

Eltern, die mit Kindern einfache alte Lieder singen! Fast die letzten der Art, dieses klamme Gefühl beschleicht mich manchmal.

Doch große Hoffnung flößen mir andere Stimmen ein, die vom hohen Wert des Singens für die Kinder ebenfalls überzeugt sind: die Lehrer, mit denen ich spreche, viele Eltern, mit denen ich spreche, die Wissenschaftler, die sich dazu äußern. Toll: Am Evangelischen Gymnasium am Grauen Kloster gibt es einen Elternchor, der zu Weihnachten das Weihnachtsoratorium von Bach aufführte. Klasse! Gestern sehr gutes Interview in der Berliner Morgenpost auf S. 17 mit dem Prof. Eckart Altenmüller. Ein paar Leitmotive:

„Kinder, die viel singen, haben ein besseres Sprachgefühl.“

„Singen im Chor ist auf Harmonie ausgerichtet, man geht aufeinander ein, hört auf den anderen.“

„Der gemeinschaftsbindende Charakter ist offenbar beim Singen besonders stark.“

Singen stärkt das Immunsystem.“ Klasse, aber wovon leben dann die Immunologen, die sich doch darauf verlassen können müssen, dass die Zahl der Allergiker weiterhin steigt?  Sollen die alle zu Chorleitern umgeschult werden?

Ich bin überzeugt: Würden Kreuzberger Kita-Gruppen und Kreuzberger Grundschulklassen täglich zwei bis drei Mal ein gemeinsames Lied in deutscher Sprache in allen Strophen singen, zerstöben die niederschmetternden Sprech- und Sprachdefizite der Kreuzberger Kinder innerhalb weniger Jahre. Dass so viele Erwachsene, die hier in Kreuzberg geboren sind, hier aufgewachsen sind, hier die Kita und die Schule besucht haben, ihr Leben lang nur gebrochen Deutsch und kein Hochdeutsch reden geschweige denn schreiben, wäre ein Kapitel der Vergangenheit. Die zeitraubende Maschinerie der individuellen Sprachstandsmessungen würde weitgehend überflüssig.

Besonders erfreulich finde ich, dass es jetzt eine große Bewegung Klasse wir singen gibt, an der sich sogar Berliner Schulklassen beteiligen. Dort werden 16 Lieder – darunter Hey Pippi Langstrumpf, Der Mond ist aufgegangen, Morning has broken –   gemeinsam einstudiert und später bei einem viertausendstimmigen Konzert aufgeführt. Klasse. „Das Konzept sieht vor, dass sich Schulklassen geschlossen anmelden und sechs Wochen lang dazu verpflichten, mindestens ein Lied pro Tag während der Unterrichtszeit gemeinsam zu singen“, schrieb Annette Kuhn gestern in der Berliner Morgenpost auf S. 17.

Ein ermutigender erster Schritt auf dem Pilgerweg zu einer neuen Gesangs- und Sprachkultur. Klasse.

Bis 31. Januar 2012 können sich Schulklassen hier noch anmelden. Klasse. Macht es!

Interview: Eckart Altenmüller – „Singen stärkt das Immunsystem“ – Familie – Berliner Morgenpost – Berlin

 Posted by at 11:13
Okt 212011
 
Werden Kinder von den Eltern überfördert?

Ich meine: Kinder sollen Lieder singen, im Sand tollen, im Dreck toben, Fallschirme basteln, wandern, Märchen und Geschichten erzählen hören.  Frühes Englisch/frühes Chinesisch in der Kita sind immer überflüssiger Ballast. Besser wäre es, wenn Kinder Lieder sängen, wanderten, Häschen hüpf spielten, Märchen und Geschichten hörten und erzählten, im Dreck tobten und Fallschirme bastelten.

 Posted by at 08:47
Sep 302011
 

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Sehr schöner Tag an unserer deutsch-russischen Grundschule! Kinder, Lehrer, Mitarbeiter und Eltern singen ein paar Lieder, die Kinder tanzen. Ich selbst fiedle und singe ebenfalls. Anschließend spreche ich mit der russischen Lieder- und Opernsängerin Irina Potapenko über das Liedersingen und Nicht-Liedersingen. Sie erzählt von Rolf Reuter, dem bekannten Dirigenten von der Komischen Oper, er habe gerade in den Jahren vor seinem Tod immer wieder tieftraurig geklagt:

„Die Deutschen singen nicht mehr!“

Ich nehme an, Reuter war wie ich auch der Meinung, dass das Singen in der Kindheit der entscheidende Baustein für die Weitergabe der Musikkultur ist. Ich würde sogar weitergehen: Das Singen der bekannten deutschen Volkslieder stiftet gerade für Migranten einen goldenen Eingang in die deutsche Sprache, den sie jetzt zu Zehntausenden und Hunderttausenden Jahr um Jahr verfehlen.

Das größte Problem scheint mir zu sein, dass alle, sogar die Wissenschaft, sogar die Bildungsforschung den unverzichtbaren Rang des Singens in Kindergarten und Schule zugeben würden, wenn man sie denn befragte. Aber gerade weil der Wert des Singens so offen auf der Hand liegt, kann man damit keine Karrieren basteln. Am Singen ist nichts zu verdienen.  Ich habe selbst versucht, die Forderung nach regelmäßigem, verbindlich vorgeschriebenem  Kita- und Schulsingen in die bildungspolitischen Forderungen meiner Partei zur Abgeordnetenhauswahl 2011 einzubringen. Es gelang mir zwar – jedoch nicht als Forderung, sondern nur als „flächendeckendes Angebot“. Das fand ich bezeichnend, dass statt einer klaren, (wahl-)kämpferischen Forderung ein weiteres staatliches Angebot erscheint.

Die Berliner Landespolitik ist weiterhin Angebotspolitik, leider noch nicht Ermutigungspolitik, wie sie mir vorschwebt. Man macht es lieber alles etwas teurer als nötig, alles etwas größer als nötig. Statt zu sagen: „Montiert eure Satellitenschüsseln ab und geht wandernd&singend ins Gebirge!“ spendiert der Senat lieber kostbare Verzierungen im Wert von 60 Euro je Stück – die berühmten bunten Überzieher aus Plastik für die Satellitenschüsseln.

Statt ein einfaches, kostenloses Hilfsmittel wie „Singt in der Schule“ vorzuschreiben,  pumpt die Politik lieber Geld in die Bildungsforschung, in die ADHS-Syndrom-Forschung, in Strukturreformen, in zweite und dritte Lehrkräfte, in kleinere Klassen und mehr Klassenräume. Leitfrage ist dabei: „Warum können Kinder sich nicht mehr konzentrieren? Warum lernen unsere armen benachteiligten Migrantenkinder über Generationen hinweg kein Deutsch?“

Damit kann man sehr sehr viel Geld und sehr viele Projektmittel gewinnen! Es lebe die Bildungsforschung! Hip hip hurra!

Bild: die üppig wuchernde Wildnis im neuen Park am Gleisdreick, Kreuzberg. Erwandert gestern.

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Mai 132010
 

Immer wieder habe ich mich bei Gesprächen mit Familien und mit Lehrern für das gemeinsame Singen, das Märchenerzählen, das Gedichterezitieren, das Musizieren und Tanzen eingesetzt. Warum? Das Singen und das Rezitieren schaffen eine gemeinsame Anmutung, eine Sicherheit, eine Geborgenheit im gemeinsamen Tun. Ich bin der Meinung, die Kinder sollten in der Schule jede Stunde ein gemeinsames Lied singen und ein paar Gymnastikübungen machn.

Ich weiß, dass all diese schönen Dinge in der modernen Didaktik wenig Platz haben. Es geht heute mehr um das „kindzentrierte Entdeckenlassen“, das „behutsame Fördern“, das „Wachsenlassen.“ „Jeder macht das, wozu er Lust hat.“ Wenn es nicht klappt, dann legt das Kind die Füße auf den Tisch. Ich halte diese weitverbreitete verwöhnend-vernachlässigende Grundhaltung dem Kind gegenüber für einen Irrweg.

Zum Glück treffe ich manchmal auf Menschen, die ähnliche Meinungen vertreten. Einer von ihnen: Gerald Hüther. Immerhin ein veritabler Neurobiologe. Er hat die Gabe, die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch in leicht fassliche Ermahnungen und Gebote umzumünzen, etwa in die Aufforderung, mit Kindern viel zu singen, Kindern viele Märchen zu erzählen, Kinder zu viel Bewegung anzuleiten. In seinen Worten:

Gerald Hüther: Wofür ich arbeite
Bei meiner Darstellung und Vermittlungen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und dem Herausarbeiten der Implikationen dieser Erkenntnisse für die Lebenspraxis wende ich mich neben Führungskräften aus Politik und Wirtschaft auch all jene gesellschaftlichen Kräften zu, die sich um das bemühen, was für eine Kultur des Zusammenlebens und der Entfaltung menschlicher Potenziale zumindest ebenso wichtig ist: das gemeinsame Singen, Tanzen, Spielen, Lesen, Märchenerzählen, gemeinsame Naturerfahrungen und die Entdeckung des eigenen Körpers durch Bewegung, Sport und durch körperorientierte psychotherapeutische Interventionen.

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Dez 172009
 

1194272589___irinapotapenkoport.jpg Zu den beeindruckendsten Opernregisseuren der Gegenwart zählen für mich Christoph Schlingensief (Deutschland, Österreich, Burkina Faso usw.) und die russische Opernsängerin Irina Potapenko (Schöneberg, Kreuzberg). Was haben die beiden gemeinsam? Sie bringen die Oper als Kunstform an ungewöhnliche Orte. Sie gehen zu den Kindern, den Armen, den Vergessenen. Zu den Unterschichtlern dieser Erde. Sie glauben an die verwandelnde Kraft der Kunst, des Gesanges. Kultur, Musik, Gesang, Oper – nennt es doch wie ihr wollt! – ist etwas für alle. Sie ist so wichtig wie das täglich Brot.

Was ist der Unterschied? Schlingensief findet viele Mitstreiter. Das schreibt die ZEIT über ihn und sein afrikanisches Opernhaus:

»Ich meine das ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen.

Irina Potapenko kommt ohne Subventionen, ohne Team, ja sogar ohne Außenminister aus. Die Puppen bastelt sie selbst in ihrer Freizeit. Einige davon hat sie schon verschenkt. Ihre Spielorte sind Kitas und Schulen, sind die berühmten Schimmel- und Asbestkieze Kreuzbergs und Schönebergs. Finanzielle Unterstützung erhält sie keine. Mit ihrem lustigen dreirädrigen Lastenrad fährt sie die Requisiten zur Bühne, werkelt, malt und hämmert selbst. Sie führt Regie, malt mit den arabischen und türkischen Kindern die Bühnenbilder, singt selbst, lässt Kinder als Mitwirkende auftreten, spannt auch ihren willfährigen Ehemann, nämlich den hier schreibenden Blogger, als Helferlein ein. Und das Beste daran ist: Keine einzige Zeitung nimmt Ira Potapenko wahr. Sie macht es um der Kinder willen, um der Kultur willen.

Irina Potapenko ist für mich die Opernregisseurin des Jahres 2009. Wirklich – nur für mich! Bitte, bitte: Nicht weitersagen, dass das Gute so nah liegt! Pssst!

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Nur nicht lesen, immer singen! und ein jedes Blatt ist dein

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Nov 202009
 

taswir201120091.jpg Mit größter Bewunderung besuchte ich am 17.11. die neue Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: taswir. islamische bildwelten und moderne. Es ist eine üppig sprießende, mit Gelehrsamkeit gesättigte, künstlerisch neue Pfade beschreitende Landschaft des Denkens und Fühlens. Auffalllend ist die karge Gegenständlichkeit! Das Ornamentale, Großflächige herrscht vor. Bei einem alten Kodex islamischen Rechts aus dem 13. Jahrhundert fühlte ich mich unwillkürlich an Seiten aus dem jüdischen Talmud erinnert, die ganz ähnlich aufgebaut sind: In der Mitte steht der kanonische Text, darum herum haben verschiedene „Hände“, also verschiedene Schreiber, ihre Deutungsversuche angefügt. So sieht das aus:

kodex17112009003.jpg

Man könnte auch an die „Worte in Freiheit“, die „parolibere“ der italienischen Futuristen denken – großzügig, weiträumig über das ganze Blatt ausgeteilte Worte und Fragmente, deren Gesamtsinn sich erst in der Zusammenschau dem Auge erschließt.

Die Ausstellungsmacher haben nicht versäumt, auch unseren Heros des christlich-islamischen Dialogs, den von mir so sehr verehrten Meister Goethe, mit einem Sinnspruch zu würdigen, und zwar im Saal „Picasso und Qur’an“. Qur’an kommt ja von arabisch lesen, rufen rezitieren, so wie das Wort lehren – nach Meinung der Begleittexte aus der Ausstellung – von altdeutsch „löhren“ = „laut Krach machen“ kommt.

Zum guten Lehren gehört das Rufen, das Sprechen und Vernehmen.  Erst ganz spät wird Lehre und Lernen zur stummen, einsamen Beschäftigung. Ich selbst lese mir immer wieder Texte in allen Sprachen, die mir zu Gebote stehen, laut vor. So habe ich mir nach und nach über viele Jahre hinweg eine gewisse Kenntnis mindestens meiner deutschen Muttersprache durch Lärmen und Rufen erarbeitet.

Auch Hamed Abdel-Samad, der Sohn des ägyptischen Imams, berichtet, dass er vor allem durch das laute Hören und Rufen nach und nach den ganzen Koran auswendig lernte. Eine Schulung, die es ihm ermöglichte, nach und Englisch, Französisch, Deutsch und Japanisch bis zur Beherrschung zu „erlärmen“.

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Auch Musik ist ein Lärmen und Lehren. Heute stellte ich die vier Lieder zusammen und ließ sie den Lehrern unserer Schule mit folgendem Schreiben zukommen:


An das LehrerkollegiumFanny-Hensel-Grundschule 

Kreuzberg, den 20.11.2009 Lieder für das Schulkonzert am 24.11.2009 Liebe Lehrerinnen und Lehrer,
 wir freuen uns auf das Konzert am kommenden Dienstag. Zur Vorbereitung habe ich Ihnen die vier von Fanny und Felix vertonten Lieder abgedruckt, die Ira Potapenko in der Lukaskirche singen wird. Da ich selbst „in alten Zeiten“ jahrelang als Lehrer gearbeitet habe, kam ich nicht umhin, Ihnen einige Vorschläge für den Einsatz im Unterricht hinzuzufügen. Diese vier Lieder eignen sich hervorragend, um unsere Kinder mit spannenden Bildern und Rätseln zu fesseln, sie zum Erzählen, Schreiben und Malen anzuregen. Nicht zuletzt bieten sie Ansätze für das so häufig verlangte multikulturelle Arbeiten. Bitte bedenken Sie: Goethe ist wohl derjenige Autor, der am ehesten unseren muslimisch geprägten Kindern und Eltern einen Zutritt zur deutschen Literatur ermöglichen kann. Zögern Sie nicht, aus dem reichen Schatz der Goetheschen Sprüche, Kinder- und Spottgedichte weitere Beispiele für den Deutschunterricht auszuwählen. Für Fanny Hensel wiederum und ihren Bruder Felix war Goethe ein Fixstern. Ich wage zu behaupten: Wer Goethe nicht kennt, wird auch keinen Zugang zu Fanny Hensel und Felix finden. 

Mit herzlichem Gruß 

 

 

 

Pagenlied Wenn die Sonne lieblich schiene, aus: „Der wandernde Musikant. “Worte von Joseph von Eichendorff Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland lau und blau,
Ging‘ ich mit der Mandoline
Durch die überglänzte Au.
In der Nacht dann Liebchen lauschte
An dem Fenster süß verwacht,
Wünschte mir und ihr, uns beiden,
Heimlich eine schöne Nacht.
Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland lau und blau,
Ging‘ ich mit der Mandoline
Durch die überglänzte Au.
 

 

 

 

 

Aufgaben für die Kinder:  

Was ist ein wandernder Musikant? 

Was ist Welschland?  

Was ist eine Mandoline? Zeichne eine! 

Stell dir vor, Du wärest so ein wandernder Musikant! Du hättest kein Geld. Du müsstest dir dein ganzes Geld durch Musikmachen verdienen. Irgendwo im Ausland. Wie würdest du dich fühlen? Erzähle! Wohin würdest du wandern? 

 

 

Suleikavon Johann Wolfgang von Goetheaus: West-östlicher DivanMusik von Fanny Hensel

        Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide!
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in der Trennung leide.
Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen;
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Tränen.
Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.
Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid, ihn zu betrüben,
Und verbirg ihm meine Schmerzen!
Sag ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sei mein Leben!
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

 

Aufgaben für die Kinder:

Suleika ist ein arabischer Name. Was bedeutet er? Kannst du so gut Arabisch, dass du uns den Namen übersetzen kannst? Kennst du ein Mädchen oder eine Frau, die so heißt? Erzähle uns von ihr!

Was glaubst du: Wer singt hier? Ein Mann oder eine Frau?

Stell dir vor: Du spürst den Wind wehen. Was erzählt dir der Wind? Schreibe einen kleinen Brief an den Wind!

 

Hexenlied

von Ludwig Heinrich Christoph Hölty
Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy

Die Schwalbe fliegt,
Der Frühling siegt,
Und spendet uns Blumen zum Kranze!
Bald huschen wir
Leis‘ aus der Thür,
Und fliegen zum prächtigen Tanze!

Ein schwarzer Bock,
Ein Besenstock,
Die Ofengabel, der Wocken,
Reißt uns geschwind,
Wie Blitz und Wind,
Durch sausende Lüfte zum Brocken!

Um Belzebub
Tanzt unser Trupp,
Und küsst ihm die dampfenden Hände;
Ein Geisterschwarm
Fasst uns beim Arm,
Und schwinget im Tanzen die Brände!

Und Belzebub
Verheißt dem Trupp
Der Tanzenden Gaben auf Gaben;
Sie sollen schön
In Seide gehn,
Und Töpfe voll Goldes sich graben.

Die Schwalbe fliegt,
Der Frühling siegt,
Und Blumen entblühn um die Wette!
Bald huschen wir
Leis‘ aus der Thür,
Und lassen die Männer im Bette!

 

Aufgaben für die Kinder zum Hexenlied:

Was glaubst du: Gibt es Hexen? Wo wohnen sie? Erzähle!
Male ein Bild zu diesem Lied!
Was ist ein Wocken? Zeichne einen!
Wer ist Belzebub? Wie heißt Belzebub im Islam?

Schilflied

 

von Nikolaus Lenau 

Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy 

Auf dem Teich, dem regungslosen,
Weilt des Mondes holder Glanz,
Flechtend seine bleichen Rosen
In des Schilfes grünen Kranz.

Hirsche wandeln dort am Hügel
Blicken in die Nacht empor;
Manchmal regt sich das Geflügel
Träumerisch im tiefen Rohr.

Weinend muss mein Blick sich senken;
Durch die tiefste Seele geht
Mir ein süßes Deingedenken,
Wie ein stilles Nachtgebet.

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Aufgaben für die Kinder:Zeichne die Tiere aus diesem Gedicht.Zeichne alle Pflanzen aus diesem Gedicht.Wo gibt es Schilf in der Nähe unserer Schule? Zeige uns das Schilf!Stell dir vor, du sollst einem Touristen deine Schilflandschaft zeigen. Was sagst du? Wo gibt es einen Teich?

Erzähle!

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Meditationen eines Geigers in Thaïs

 Freude, Geige, Integration durch Kultur?, Musik, Religionen, Singen  Kommentare deaktiviert für Meditationen eines Geigers in Thaïs
Okt 192009
 

Das herausragende Erlebnis war für mich gestern am Sonntag, dass ich die Méditation aus der Oper Thaïs von Jules Massenet spielen durfte, und zwar bei einem Gottesdienst zum goldenen Konfirmandenjubiläum in der Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Schöneberg. Jeder Geiger dürfte davon träumen, dieses herrliche Stück einmal zu einem Fest in einer Kirche zu spielen! Für mich wurde dieser Traum gestern wahr. Organist Harald Berghausen half mir am Klavier dazu, kundig, verlässlich, einfühlsam. Sibylle Benner-Jost von der Deutschen Oper sang einige Biblische Gesänge von Dvorak dazu – Musik, die ich in ihrer gesammelten, schlichten Frömmigkeit ebenfalls sehr mag!

Ausgerechnet drei Tage, nachdem ich eine intensive Wiederbegegnung mit der Weisheit Ägyptens hatte, versetzte mich die Musik zurück in diese ägyptische Oasenstadt am Ufer des Nils! Die Vermählung des jüdisch-christlichen Erbes mit der altägyptischen Grundgestalt des Monotheismus gelang gestern in der Musik! Nur wenige wissen, dass der Ein-Gott-Glaube wohl erstmals in Ägypten gedacht wurde – eine Erfindung, die letztlich die ganze Welt bis zum heutigen Tage revolutioniert hat, bis in die Verästelungen der Politik hinein! Jan Assmann hat diesem Thema einige scharfsinnige Überlegungen gewidmet.

Nie spürte ich stärker, dass gutes Geigen eigentlich Singen heißt! In der Meditation erlebte ich den Kampf der Seele, im Ringen um den Einen Gott. Ein Ringen, das Gesang wird. Das Ringen mit Gott – der so schwer zu fassen ist. Genau das ist die Bedeutung einiger Beinamen aus dem alten Schatz der hebräischen Bibel. Nicht zuletzt deshalb gebe ich der Bedeutung „Der mit dem Gott ringt“ bei allen möglichen Etymologien des Wortes „Isra-El“ den Vorzug.

Einige Piècen von Kreisler und erneut Dvorak ergänzten diesen Gesang. Die waren eher versöhnlich-spielerisch.

Hier nun noch der Link zu einem kleinen Video mit meinem Gang in die Grabkammer des Nefer-Bau-Ptah, aufgenommen im wiedereröffneten Neuen Museum. Erlebt, wie der Mensch im alten Ägypten die Pforten des Todes durchschritt!

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Besuch bei der Schwester in Frankfurt

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Okt 152007
 

anne-juri-franka.jpg Es ist immer schön, meine Schwester Anne und ihre Familie zu besuchen! Einige Freunde sind ebenfalls bei ihr zu Besuch im 4. Stock. Der Blick aus der Wohnung reicht bis in den Taunus – auf der anderen Seite ragen steil, stählern und blank der Messeturm und die Zwillingsgebäude Kastor und Pollux in den Abendhimmel. Faszinierend! Mein Schwager Stefan kocht wunderbar, darunter Humus mit Oliven, Geflügel-Curry und Reis. Die Kinder Juri (4) und Franka (2) beleben die ganze Wohnung auf unnachahmliche Art. Wir entdecken alte Kinderlieder. Juri sagt beim Singen wörtlich: „Hättest du deine Geige mitgebracht, dann könntest du sie jetzt spielen!“ Unglaublich – so ein gutes Deutsch mit vier Jahren! Zufällig taucht auch mein Cousin Nik mit drei seiner Kinder auf. Sie bringen Fleisch aus der eigenen Bio-Rinderzucht in Schotten. Ich bekomme eine selbsterzeugte Salami geschenkt, die ich dann bei der Abreise im Kühlschrank liegen lasse. Unsere langen Gespräche am Abend kreisen um die Kinderschicksale im Gallusviertel , die Politik, das Leben im Allgemeinen, und zunehmend wichtig wird auch der herrliche Rotwein von Leali aus Puegnago del Garda. Ich sinke glücklich und dankbar in den Schlaf. – Am Morgen gibt Anne mir ein Reisetagebuch aus dem Jahr 1976 zu lesen. Dort beschreibt sie die Fahrt, die sie mit unserer Mutter zu Verwandten nach Wien unternahm. Ich bin verblüfft, zutiefst gerührt. Hier tauchen Menschen auf, die längst schon das Zeitliche gesegnet haben. An all dem teilhaben, das ist das Leben!

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