Schöneberger Blog

5. November 2018

Jóhann und Ammiel, zwei fahrende Gesellen, verzaubern den Pierre-Boulez-Saal

Filed under: Freude,Heimat,Männlichkeit,Singen,Versöhnung — admin @ 23:14


Jóhann Kristinsson, Bariton
Ammiel Bushakevitz, Klavier

verzauberten gestern den Berliner Pierre-Boulez-Saal mit allen Zuhörern, den hier schreibenden eingeschlossen. Kristinsson, ein junger, gewinnender, lebensfroher Mann schlug mich gleich mit den ersten Tönen in Bann:

„Aus der Heimat hinter den Blitzen rot,
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
es kennt mich dort keiner mehr.“

Jedes dieser Lieder aus Robert Schumanns op. 39 erlebten Kristinsson und Bushakevitz gemeinsam. Es war jedes Mal ein neues Bild, aufgeschlagen, erlebt, überflogen, hin und weg! Dieser Sänger machte mir eine große, überbordende Freude. Jeder Laut war geformt, klar verständlich, jeder Ton trug den Sänger, und der Sänger trug uns dahin.

Die Gesangstechnik Kristinssons ist makellos, seine Aneignung aller Lieder ist tief verankert, er hat sich jedes Lied zu eigen gemacht, trug alle Lieder von Schumann, Mahler und Wolf auswendig vor. So soll es sein, so muss es sein! Er eroberte die Herzen aller. Er unterstützt mit sparsamen Gesten den Gehalt der Verse, vertraut aber ansonsten dem stärksten Mittel, das die Sänger haben: der Person selbst, der Stimme, dem Atem, dem Wort, Klang, Körper!

Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ waren nicht in abgrundtiefe Verzweiflung getaucht, sondern in eine fast schon erlösende Gewissheit: „Solange wir noch singen, solange wir noch zuhören können, ist nicht alles verloren. Im Gegenteil, alles ist gewonnen!“

Bushakevitz war ein äußerst getreuer und verlässlicher Begleiter, Wandergefährte, Stütze und Stab für den Sänger.

Äußerst reizvoll fand ich die abschließende Auswahl der Hugo-Wolf-Lieder nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, denn Wolf taucht all das, was bei Schumann so düster, weh, zerrissen daherkommt, in das fast schon italienisch zu nennende, tänzerische Spiel. Freiheit, Lachen, Sonne waren angesagt. Das Programm, das als Weltenklage des Heimatlosen begonnen hatte, endete als lustiger Kehraus mit dem Blick ins Freie. Ein deutliches Aufbäumen, ein Ermannen war darin spürbar, so sehr, dass man Mühe hatte zu glauben, dass die ersten und die letzten Lieder nach Gedichten desselben Dichters komponiert waren, eben Josephs von Eichendorff. Hier die dritte Strophe aus dem letzten Lied, Seemanns Abschied:

Streckt nur auf eurer Bärenhaut
Daheim die faulen Glieder,
Gott Vater aus dem Fenster schaut,
Schickt seine Sündflut wieder,
Feldwebel, Reiter, Musketier,
Sie müssen all ersaufen,
Derweil mit frischem Winde wir
Im Paradies einlaufen.

Ein versöhnlicher, wunderbarer Ausklang des Sonntags war dieser gemeinsame Auftritt der beiden fahrenden Gesellen, der mir noch jetzt ein Lächeln in die Seele zaubert, während ich dies schreibe. Danke Jóhann, danke Ammiel!

14. Juli 2018

Auf einem Baum ein Kuckuck saß

Filed under: Gedächtniskultur,Gute Grundschulen,Singen — admin @ 19:28

Komm in den totgesagten park und schau
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erfüllt die weiher und die bunten pfade…

… und was siehst du dort hinten?

Ja, dort hinten, irgendwo in einem Winkel des totgesagten Parks der Erinnerung, da steht er, der runde Pavillon. Pavillon? Ein seltsames Wort für ein Gebäude, das es nur ein einziges Mal auf dieser Welt gab. In keinem Diktat kam es vor, kein Lehrer hätte es gewagt, uns dieses Wort zu diktieren: Páwioh sprach sich das aus. Aber es schrieb sich anders. Warum nannte sich dieses Gebäude der Volksschule Firnhaberau so? Ja, Firnhaberau, das war ein richtiges, ein gutes Wort, das uns hunderte Mal über die Lippen ging. Firnhaberau, das war die Heimat. Das gehörte zu uns. Wir gehörten zu ihr.

Aber Pavillon? Pavillon, das klang sehr rund, das musste irgendwie chinesisch aussehen. War der Pavillon rund, war der Pavillon chinesisch? Hatte er ein Pagodendach?  Zweifel steigen in mir auf, während ich dies hier schreibe. War der Pavillon rund? War nicht vielmehr das kleine Pausenhäuschen im Schulhof rund? Und der Herr Mögele, lebt er noch? Waltet er noch seines Amtes? Nur er waltete seines Amtes; sonst gab es niemanden, der seines Amtes waltete. Uns schien es immer so, als ob die Lehrer wechselten, als ob die Schüler kämen und gingen, aber der Herr Mögele, „der Mögele“, wie wir ihn nannten, der blieb. Er waltete und waltete! Der überdauerte uns. Er war die Ordnung in den Gängen, er war der Herr der Sauberkeit. Nur er hatte die feinen, gummiartigen rötlichen Krümel, die Sauberkeit in Hof und Gang und Zimmer schufen. Nur er hatte den sehr breiten Besen, mit dem er die Krümel über die im Sonnenglanz schimmernden Holzbohlen zog. Und danach – war der Dreck weg. Der Herr Mögele, das war eine Art Zauberer.

Besen, Besen,
Dreck! Sei’s gewesen!

Und die Albrecht-Greiner-Singschule? Gibt es die noch? War’s nicht dort im Pavillon, wo du in der vierten Klasse einmal wöchentlich  die Singstunde besuchtest? War es nicht das Ziel Albert Greiners, die menschliche Stimme, „gleichviel ob im Singen oder Sprechen, natürlich und schön klingen zu lassen“? Erlebtest du damals nicht bereits das singende Sprechen und das sprechende Singen?  Etwa bei folgendem Lied:

Auf einem Baum ein Kuhuckuck saß
Simsalabim bambasala dudala dim!

Und  dieses Lied war offenbar für dich geschrieben, denn ihr wohntet im Kuckucksweg 9. Dies war allgemein bekannt.

Uns so lerntest du es kennen, ein „System von kindgemäßer Stimmkunde, mit Gymnastik der Tonwerkzeuge, Atmung, Lagenausgleich, Vokalpflege, Notensingen, Rhythmik und dergleichen.“ Das hatte alles Albert Greiner ausgedacht. Auch er – musste eine Art Zauberer sein. So dachtest du, so erlebtest du das damals.

Und heute? Was erfährst du heute? Die Volksschule am Hubertusplatz gibt es immer noch, doch heißt sie heute Grundschule und Mittelschule Augsburg-Firnhaberau. Der Herr Mögele ist nicht mehr der Hausmeister. Der Pavillon der 60-er Jahre war kein Rundbau, – hier trog deine Erinnerung! -, sondern ein rechteckiger ebenerdiger Langbau. Die Albert-Greiner-Singschule besteht weiter, jedoch nicht mehr unter diesem Namen; sie heißt jetzt Sing- und Musikschule Mozartstadt Augsburg.

Und die Musik und die Lieder?

Am 21.06.2018 lud deine Schule deiner Kindheit zu einem sommerlichen Konzertabend ein. Zwei Bläserbands bliesen zum Auftakt, es folgten klassische Klarinettenduette, und der Grundschulchor sang, jedoch nicht von einem Kuckuck, der auf einem Baum saß, sondern von rostigen Rittern, russischen Jungen und radelnden Elefanten.

Die Erinnerung mag trügen, die Musik erklingt weiter, die Lieder wechseln, das Singen bleibt und lebt.

Zitat zu Albert Greiner:
Abschnitt „Singschulen“, in: rororo Musikhandbuch in 2 Bänden. Herausgegeben und bearbeitet von Heinrich Lindlar, Band 1: Musiklehre und Musikleben, Rowohlt Verlag, Reinbek 1973, S. 296-297, hier S. 296

Homepage der heutigen Grundschule und Mittelschule Augsburg-Firnhaberau:
http://www.gsms-firnhaberau.de/index.php

Bild:

Blick aus dem Park auf das Sommerbad am Insulaner, Aufnahme vom 12.07.2018

 

11. Juli 2018

Ganz glühend im Wüstensand: Hagars Klage

 

 

 

 

 

Ganz offenkundig ließ sich Franz Schubert wieder und wieder von den Texten der Dichter zu seinen Kompositionen entzünden. Freunde haben beschrieben, wie sie, hier also Josef von Spaun und Johann Mayrhofer, Schubert einmal in diesem Zustand der durch Dichtung erzeugten ekstatischen Entrückung erlebten: „… wir fanden Schubert ganz glühend, den Erlkönig aus dem Buche laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in der kürzesten Zeit, so schnell man nur schreiben kann, stand die herrliche Ballade nun auf dem Papier.“

HAGARS KLAGE, so lautet das früheste Lied Franz Schuberts, das uns heute noch erhalten ist. Geschrieben hat er es im Convicte im Alter von 14 Jahren. Unbeschreiblich muss den jungen Convicts-Schüler  der Schmerz erschüttert haben, den Clemens August Schücking in sein endlos wimmerndes, geradezu aufschreiendes Gedicht HAGARS KLAGE einbrannte:

Hier am Hügel heißen Sandes
Sitz‘ ich, und mir gegenüber
Liegt mein sterbend Kind,
Lechzt nach einem Tropfen Wasser
Lechzt und ringt schon mit dem Tode,
Weint und blickt mit stieren Augen
Mich bedrängte Mutter an.
Du mußt sterben, du mußt sterben
Armes Würmchen!

[…]

Schubert hat das Gedicht zu einer dramatisch erregten, durchkomponierten Phantasie mit vielen Gefühlswechseln ausgestaltet. Sie eröffnet den Band V der großartigen Neuausgabe der etwa 600 erhaltenen, hier vollständig zusammengetragenen Schubert-Lieder.

Am 20. Oktober 2018 um 19 Uhr wird Mojca Erdmann dieses Lied im Pierre Boulez Saal singen, begleitet vom Pianisten Malcolm Martineau.  Die Karten sind bestellt, wir sind schon sehr gespannt!

Zitate:
SCHUBERT. Lieder. Band 5. Herausgegeben von Walther Dürr. Urtext der Neuen Schubert-Ausgabe. Bärenreiter Verlag, Kassel 2011, Seite VII [zur Entstehung von Hagars Klage], Seite XXIII-XXIV [Text des Gedichts Hagars Klage von Schücking ], Seite 1-17 [Schuberts Lied Hagars Klage von Schücking]

SCHUBERT. Lieder. Band 1. Herausgegeben von Walther Dürr. Urtext der Neuen Schubert-Ausgabe. Bärenreiter Verlag, Kassel 2005, Seite VII [zur Entstehung von Schuberts Erlkönig von Goethe]

Konzert-Hinweis laut dem Buch:
Pierre Boulez Saal. Die Spielzeit 2018/19. Berlin 2018, S. 30-31

Bild:

Gemälde „Hagar und der Engel“ von Carel Fabritius. Sonderausstellung „Das Zeitalter Vermeers und Rembrandts. Meisterwerke aus der Leiden Collection“. Moskau, Puschkin-Museum, 8. Mai 2018

11. Juni 2018

Ein gesungenes Gespräch itzt und im Nu

Filed under: bitte!,Singen,Vater Unser — admin @ 19:47

Herausgehobene seelische Ekstase, die selbstverständliche Verschmelzung des Gesanges mit dem Text, also ein im engeren Sinne gesungenes Gespräch, eine frei und kraftvoll vorgetragene Bitte im Namen der Gemeinschaft, all das erlebte ich leibhaftig und wirklich am vergangenen Samstag mit dem Vater Unser in der Ausformulierung durch den Komponisten Carl August Krebs.

Hier, während ich sang, trat wirklich ein Drittes zwischen Wort und Ton hervor. Der Sinn wird Laut! Ja, der Sinn wird laut: ein Rufen, ein Schreien, Flehen, Bitten, – ein Anklopfen an die Tür von jemandem, bei dem wir nicht wissen, ob er da ist oder dort! Oder ob er hier geschieht, ob er sich itzt und im Nu ereignet.

Hier das dürre geschriebene Wort ohne Laut:

Vater unser, der du bist im Himmel,
Geheiliget werde dein Name,
Zu uns komme dein Reich,
Dein Wille geschehe
Wie im Himmel also auch auf Erden.
Gib uns heut unser tägliches Brot,
Und vergib uns unsere Schuld,
Wie wir vergeben unsern Schuldigern.
Führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Übel.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Und so klang das:


Amen.

5. Juni 2018

Einstimmung auf den Einklang des Gegensätzlichen

Filed under: Singen — admin @ 15:37

Am kommenden Samstag steht für uns Schülerinnen und Schüler der Gesangslehrerin Kathrin Freyburg-Scharnick wieder eine Art Probebühne ins Haus. Es geht darum, dass wir Sänger aller Alters- und Könnensstufen lernen, Arien und Lieder wie in einem richtigen Konzert vorzutragen. Darauf freue ich mich schon und versuche, jeden einzelnen Ton, jede einzelne Silbe so ernst zu nehmen, dass Wort und Klang, Ton und Silbe – diese zunächst unverbundenen Gegensätze – verschmelzen und ein Drittes, Neues, bisher nicht Dagewesenes schaffen!

Neben all den anderen Herrlichkeiten, die andere vortragen, darf ich selbst folgende drei, gut zueinander passende Lieder und Arien vom Lieben, Hoffen und Glauben darbieten:

Carl Krebs: „Vater unser“, auf Worte von Jesus von Nazareth
Robert Schumann: „Du bist wie eine Blume“, auf Worte von Heinrich Heine
Gaetano Donizetti: „Eterno amore e fè / ti giuro umile ai piè“, Dichter unbekannt

30. Januar 2018

BIO COMPANY. Gesang im Wald der Lebenden!

Filed under: Freude,Immanuel Kant,Singen — admin @ 19:58

Trübe Gedanken werden weggewischt durch die strahlende Schönheit des Gesanges. Der Gesang im Hochmeistersaal beseligt mich. Das Schubert-Album für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung, kritisch revidirt von Max Friedlaender, das brauch ich nur aufzuschlagen und daraus zu singen und ich merke: Ja. Das ist meine Welt. Das ist unsere Welt. Da bin ich in Gesellschaft des Lebens. Und: Immanuel Kant, Werkausgabe Band VI, herausgegeben von Wilhelm Weischedel in der Akademie-Ausgabe. Meine Nachtlektüre. Jede Zeile Kants unterhält mich, erhellt mich, verleiht mir die Zuversicht: Überall sind Leute, mit denen man vernünftig reden kann.

Seitwärts des Überdachs Schatten vor der Rentenversicherung am Fehrbelliner Platz zieht dich an. Ich kehre ein bei der BIO COMPANY: in der Gesellschaft des Lebens.
In den Regalen an den Tischen in der BIO COMPANY liegen Bücher. Ich greife mir einen Band von Ernst Wiechert heraus: Der Totenwald, in einer sorgfältig verarbeiteten Ausgabe des Aufbau-Verlages, erschienen noch zu DDR-Zeiten. Mich berühren die klaren, schmerzhaften Beobachtungen, die er als Häftling im KZ Buchenwald angefertigt hat. Wichtigkeit des Körpers, Unhintergehbarkeit des leiblichen Daseins!

Essen, Trinken, Plaudern, Lauschen. Das ist es! Den Toten schulde ich nichts. Sie sind hinübergegangen. Dem Leben sind wir verpflichtet. Den Lebenden bin ich verpflichtet. „I vivi sono più esigenti“, die Lebenden verlangen mehr von uns. Also bitte. Primo Levi hat recht. Wählt das Leben!

Ich bitte um Leben.

13. Januar 2018

Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος: יְהִ֣י אֹ֑ור – Am Anfang war das Wort: Es werde Licht

„Ich habe mir immer gedacht, wäre die alttestamentliche Behauptung Im Anfang war das Wort buchstäblich wahr, dann müßte dieses Wort ein gesungenes Wort gewesen sein… Können Sie sich vorstellen, daß Gott „Es werde Licht“ so ganz einfach vor sich hingesagt hat, so wie man Kaffee bestellt? Selbst in der Originalsprache: יְהִ֣י אֹ֑ור? Ich hatte stets die Phantasievorstellung, daß Gott die beiden flammenden Worte Y’HI-O-O-OR gesungen haben muß. Das mag der tatsächliche Schöpfungsakt gewesen sein. Musik mochte Licht hervorgebracht haben.“

Einer der großen Musik-Erzieher des 20. Jahrhunderts, Leonard Bernstein, ist zugleich auch ein bedeutender Anreger, ein Versöhner und Verbinder der beiden Bundesbücher der christlichen Religion, nämlich der hebräischen Bibel und des christlichen Neuen Testaments.

Das Johannes-Evangelium, der entscheidende, der krönende Abschluss der 27 neutestamentlichen Schriften beginnt bekanntlich mit dem Wort: Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, d.i. zu deutsch: „Im Anfang war das Wort und das Wort war zu Gott.“

Bernstein – dieser Name klingt so typisch deutsch, so typisch aschkenasisch, so typisch jüdisch – schreibt nun diesen Beginn des Johannesevangeliums ohne weitere Erklärung dem Alten Testament zu, also der hebräischen Bibel. Eine kühne Tat, die der amerikanische Dirigent mitteleuropäisch-jüdischer Herkunft hier vollbringt! Er denkt, nein er singt den Anfang der hebräischen Bibel und den Beginn des vierten Evangeliums zusammen. Eine ungeahnte Harmonie erklingt, eine Harmonie des jüdischen und des christlichen Bundesgedankens! Die Alte Bundesbuchsammlung (das AT) und die Neue Bundesbuchsammlung (das NT) werden unlösbar ineinandergeflochten.

Wir dürfen in der Nachfolge Leonard Bernsteins etwas Ähnliches wagen – die Harmonie der hebräischen und der griechischen Bibel, indem wir folgenden zweisprachigen Spruch niederschreiben:

Am Anfang war des gesungene Wort: Es werde Licht!

In der hebräisch-griechischen Fassung mochte der Verfasser des vierten Evangeliums tatsächlich so etwas gesummt und gesungen haben wie dies hier:

Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος יְהִ֣י אֹ֑ור

Und dieses Jahr möge das Jahr des Gesanges der Versöhnung werden!

Zitat:
Leonard Bernstein: Worte wie Musik. Herausgegeben und eingeleitet von Harald Schützeichel. Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 1992, S. 47

Bild:
Blick von der Krim-Brücke auf den Fluss Moskwa, Bezirk Chamovniki, Moskau, aufgenommen vom hier Schreibenden am 05. Januar 2018

26. Dezember 2017

Die Welt aus dem Lachen des Kindes

Filed under: Freude,Singen,Weihnacht — admin @ 00:00

Singende, klingende Weihnachtsfreude bringt diesen Tag zum Leuchten. In der Hochmeisterkirche und in Sankt Norbert lasse ich mich vom Gesang der Chöre tragen. Und ich trage den schwebenden Gesang mit. Alles ist wohlbereitet. Die Welt wird an diesem Tag vom Kind her gedacht. Sie wird vom Kind her gemacht. Sie wird vom Kind her gelacht.

15. Dezember 2017

Tanti auguri, caro Lucius, tanti auguri a te!

Geburtstagsfeier heute im Gesamteuropäischen Kindergarten! EinE BetreuerIn fragt die Kinder:
– Wer hat denn heute, am 15. Dezember Geburtstag, liebe Kinder Europas?
– Der Lucius!
– O, unser berühmter Lucius! Was für ein schöner, modischer Name! Und wie heißt seine Mama?
– Agrippina! So ein schöner Name! Und wer ist sein Vater?
– Der Gnaeus!
– Ja, der Gnaeus Domitius! Fein! In welcher Sprache singen wir das Geburtstagslied?
– Auf Italienisch, der Muttersprache des europäischen Gesangs!
– Jaaa! Wisst Ihr, was mir der Nikolaus gebracht hat? Ein italienisches Liederbüchlein. Kinder, es ist super, es ist so cool! Ich singe es euch vor!
– Juhuu, jaa!

Die Kinder des Europa-Kindergartens und ihre BetreuerInnen singen auf Italienisch das Lied „Tanti auguri a te“, wobei sie den Namen des Geburtstagskindes Lucius einfügen. Die Melodie des Liedes stammt von Mildred Hill, der Text von Patty Smith Hill. Beide Schwestern waren Kindergärtnerinnen im Kindergarten von Louisville, Kentucky (USA).

Sie verwenden folgendes vortreffliche Büchlein:

Canzoni d’Italia. 52 canzoni popolari d’Italia e del Ticino. Herausgegeben von Elisabeth Profos-Sulzer. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19909, Stuttgart 2017, S. 140

Rätsel des Tages:
Wer ist dieser Lucius? Tipp: Er war einer der ersten Europäer, die sich von einem Mann zur Braut nehmen und heiraten ließen. Seine Mutter Agrippina ließ er ermorden. Sein voller Name lautete bei der Geburt: Lucius Domitius Ahenobarbus. Unter welchem Namen kennt ihn Europa heute?

12. Dezember 2017

Alldimensionales Singen

Filed under: Philosophie,Quantenmechanik,Singen — admin @ 23:02


Im Unterrrichtsgespräch mit der Maestra modello ergab sich gestern jenes Gefühl des Singens im alldimensionalen Raum. Was heißt das? Nun, die Stimme des Sängers ist mitnichten nur nach vorne hin, zum Publikum also gerichtet. Sie strahlt vielmehr ebenso sehr nach unten, nach hinten und nach oben hin aus – in alle drei Dimensionen des euklidischen Raums also. Daneben aber erstreckt sie sich auch in die Binnendimension des Körpers des Singenden, denn der Ton soll buchstäblich Körperfülle gewinnen. In die zeitliche Dimension des Vorher und des Nachher, in die geistige Dimension des Verschollenen und Versteckten, in das augenfällige Aufstrahlen des optischen Wahrnehmens, in die taktile Erschütterungsdimension des Leidenschaftlichen langt der Ton des Sängers hinein. In beliebig viele Dimensionen lässt sich also die Singstimme einspannen, vergleichbar der in den Saitenhalter eingespannten Saite. Der „Ton“ ist ja der „Tonus“, die Spannung also, welche in die verschiedenen Dimensionen gewissermaßen eingehängt ist.

So ergibt sich also unser Ideal: das Singen im alldimensionalen Raum.

In der Quantenmechanik hat sich übrigens durchaus der Ausdruck alldimensional eingebürgert. So lassen sich – um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen – in alldimensionalen Rechenmodellen theoretisch die komplexen Wechselwirkungen zwischen molekularem Wasserstoff und Kohlenmonoxid in einem sehr weit gefassten Temperaturbereich erfassen und berechnen:

J Chem Phys. 2017 Feb 7;146(5):054304. doi: 10.1063/1.4974993.
All-dimensional H2-CO potential: Validation with fully quantum second virial coefficients.
Garberoglio G1, Jankowski P2, Szalewicz K3, Harvey AH4.

Klimamodelle wiederum beruhen heute auf derartigen hochkomplexen Gleichungen nichteuklidischer Art, bei denen zahlreiche Unbekannte gleichzeitig einfließen und so mögliche Entscheidungspfade beschreiben, die freilich stets mit Unsicherheitskoeffizienten behaftet sind; von daher lässt sich schon aus theoretischen Gründen die unhaltbare Annahme widerlegen, aus Klimaberechnungen könnten sich eindeutige Handlungsempfehlungen für die staatliche oder zwischenstaatliche Politik ergeben, etwa des Typs: „Alles kommt darauf an, den Kohlendioxidgehalt unter der Schwelle von x ppm Kohlendioxid zu halten. Sonst ist alles aus. Das Klima kippt unumkehrbar, sobald die Schwelle von x ppm Kohlendioxid überschritten ist.“ Eine nähere Befassung mit alldimensionalem Denken immunisiert gegen derartige Versuchungen des allzu leichtfertigen Denkens.

Bild: Diese syrischen Busse stehen physikalisch zunächst im dreidimensionalen euklidischen Raum vor dem Brandenburger Tor. Aber sie sind phänomenologisch eingespannt in zahlreiche Verweisungszusammenhänge, die wir als n-te Dimensionen beschreiben können. Erst eine alldimensionale Beschreibung würde der Bedeutung dieser beiden Busse gerecht.
Aufnahme vom 23. November 2017

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