Nov 182017
 

Parole da salvare – rettungsbedürftige Wörter, so hebt mein neuestes großes Zingarelli-Wörterbuch 2017 diejenigen Wörter hervor, die nach und nach verschwinden, nicht mehr gebraucht und endlich nicht mehr verstanden werden.

Боговоплощение (griechisch ενανθρώπηση, lateinisch incarnatio), zweifellos ein Wort, das im Herannahen des Weihnachtsfestes eine Betrachtung und wohl Rettung verdient! Ich entnehme es dem folgenden schmalen Bändchen:

Internationale Weihnachtslieder. Texte und Melodien. Herausgegeben von Sigrun Jantzen. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2011, S. 80-81

Das feine gelbe Büchlein enthält Weihnachtslieder in rund 20 europäischen Sprachen, darunter auch eines in der meistgesprochenen europäischen Muttersprache, nämlich dem Russischen:

Эта ночь святая, эта ночь спасенья
Возвестила всему миру
Тайну Боговоплощенья.

Es wird ja immer wieder gefragt, welche Erzählung Europa zusammenhalten könnte, was also die europäische Leitkultur, wie dies Bassam Tibi nannte, ausmachen könnte. Der Euro, das Gold, die EZB, die Macht der Großreiche, der Krieg, also das Schwert, haben es ja wieder und wieder auseinandergetrieben. Ein gemeinsames europäisches Geschichtsbild, eine europäische gemeinsame Geschichtserzählung existiert nicht; sie wird wohl auch nie existieren, nicht einmal in den derzeit genau darüber so zerstrittenen Staaten der EU.

So möge es das Wort sein, das gesprochene, das gesungene Wort, welches die 47 Staaten Europas zusammenführt!  In allen europäischen Ländern wurde und wird Weihnachten gefeiert, in allen Ländern liegt dieser Weihnachtserzählung im wesentlichen dieselbe Geschichte zugrunde. Entnommen ist sie dem Lukusevangelium.   Die mehr als 40 europäischen Weihnachtslieder des Reclam-Bändchens in mehr als 20 europäischen  Sprachen lassen sich mühelos ineinander übersetzen. Sie weichen inhaltlich nicht voneinander ab.

Von der überwältigenden Schönheit des orthodoxen liturgischen Gesanges konnte ich immer wieder einen Eindruck bei meinen Reisen nach Russland gewinnen. Die altkirchliche Liturgie kennt nur den unbegleiteten Gesang ohne alle Instrumente. Denn nur in der menschlichen singenden Stimme meinte die Alte Kirche in das Klingen des Göttlichen hinaufzulangen.

Боговоплощение – das bedeutet die Einkörperung Gottes im Menschen, die Vermenschlichung Gottes. Gott greift Platz im Menschen. площадь heißt ja Platz! Gott nimmt Platz im Menschen, wird sterblich, wird schwach und hilfsbedürftig. Nicht die Macht, sondern die Ohnmacht ist es, in der Gott erscheint. Ein packender, zugleich niederschmetternder  Gedanke, höchst ungewohnt für antike Ohren, höchst ungewohnt für moderne Ohren.

Wo kann man dieses russische Lied hören?

Es genügt folgende drei Wörter in eine Internet-Suchmaschine einzugeben

Эта ночь святая

und man erhält als Video eine reiche Auswahl an Fassungen, aus der man die am meisten gefallende auswählen möge!

Hinweis:

Nicola Zingarelli
lo Zingarelli 2017
Vocabolario della lingua italiana
A cura di Mario Cannella, Beata Lazzarini
2016
Isbn: 9788808601476
Collana: I grandi dizionari
Note: 145 000 voci, oltre 380 000 significati, 115 definizioni d’autore

 

 

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Nov 132017
 

Jeder Einsatz in ein Lied ist wie ein Abspringen in die Lüfte, die dich tragen werden. Gutes Eintauchen in das freundliche Asyl des Gesanges am vergangenen Samstag!  In der Klassenstunde der Schüler von Kathrin Freyburg-Scharnick (la maestra modello) darf ich die Arie Dolente immagine di Fille mia von Vincenzo Bellini und das Lied Komm süßer Tod, komme selge Ruh von J. S. Bach vortragen.

Am 11.11. um 11 Uhr wölbt Joh 1,1 sich in der Laibung des Saales der Hochmeistergemeinde fittichartig über mir, ich stehe geborgen in der Kehlung des Flügels und singe, möchte nur singen und wieder singen. Das Wort erklingt und wird getragen! Da fällt alle Beschwernis ab. Beim Singen ist es in der Welt besser, das Ich wird besser im Gespräch mit den Toten, das Wir wird größer im Gespräch mit dem Tod, weiter, umfassender. Das Ich wird getragen im  Schatten seiner Flügel.

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An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen

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Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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Leuchtet, ihr strahlenden Nachtkerzen des Gesanges!

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Sep 302017
 

Höre! Hannah Arendt, die 1906 im niedersächsischen Linden geborene große deutsche Philosophin sagt:

Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

Höre! Unwillkürlich kommen dir diese Worte dieser großen jüdischen Philosophin in den Sinn! Denn soeben erreicht dich eine Einladung zu einem verheißungsvollen Konzert, das die 1975 in New York verstorbene große US-amerikanische Philosophin Arendt sicherlich besucht hätte, wenn sie denn noch lebte und zufällig gerade in Berlin weilte:

 

Samstag,  30. September 2017 – 19 Uhr
Gemeindesaal der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem, Thielallee 1-3
Freier Eintritt

Deutsche Volkslieder in Melodie und Geschichte

Projekt-Chor Roland Bader
Mitglieder des früheren Chors der St. Hedwigs-Kathedrale, des Karl-Forster-Chores und Gäste
Leitung und Moderation: Roland Bader
Am Flügel Michael Cohen-Weißert

Die Texte der Lieder liegen offen vor mir. Ich nippe kurz an den Worten wie an einem schäumenden Kelche:

Brüder reicht die Hand zum Bunde Ännchen von Tharau ist’s die mir gefällt rede Mädchen allzu liebes das mir in die Brust die kühle hat geschleudert mit dem Blicke diese wilden Glutgefühle wie sanft sich die Quelle durch die Wiese windet nicht wandle mein Licht dort außen im Flurbereich ich wollt meine Lieb ergösse sich all in ein einzig Wort abends wenn ich schlafen geh in einem kühlen Grunde da steht ein Mühlenrad

Das ist ja jene bunte, abendlich strahlende, wilde und betörende Klanglandschaft, welche einst in deutscher Sprache erklang und erscholl, welche einst Hannah Arendt, Heinrich Heine, der Sänger und Schubert-Herausgeber Max Friedlaender, der Zeichner und Komponist Felix Mendelssohn, der Philosoph Walter Benjamin so beredt priesen und rühmten.  Kehrt doch wieder alle alle! Ihr sollt auferstehen und leben!

Wer kennt die Namen dieser Dichterinnen und Dichter heute noch? Kennst du sie wohl? Adelheid Wette, Wilhelm Ganzhorn, Heinrich Heine, Georg Friedrich Daumer, Adalbert von Chamisso, Fanny Hensel, Johann Gottfried Hientzsch, Joseph von Eichendorff?

Nun, nach dem einen ist immerhin noch (noch!) eine Universität in Düsseldorf benannt, nach einem anderen immerhin noch (noch!) eine Gasse am voll durchkommerzialisierten Potsdamer Platz in Berlin, noch nach einer anderen eine Grundschule in Kreuzberg, und nach einem anderen ein voll im Gentrifizierungswahn lebender Kiez in Kreuzberg.

Aber wer kennt diese Lieder noch? Wer singt sie noch? Seid ihr alle verweht, vergessen, verschollen? Nein! Kehrt doch wieder!

 

Bild: Romantisches Abendlicht im Natur-Park Schöneberger Südgelände, 29.09.2017, 18.30 Uhr

Zitat Hannah Arendts hier wiedergegeben nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

 

 

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Und meine Stimme spannte weit ihre Flügel aus

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Aug 292017
 

Von der Notwendigkeit des behutsamen Einsingens. Seit einigen Wochen versuche ich, eine geeignete Einstimmung für das tägliche Singen zu finden. Wie schnell zeigt sich die Stimme verschnupft, wie leicht ermattet sie, wenn sie zu schnell in die Höhe getrieben oder in die Tiefe gestoßen wird, wie leicht fängt man sich ein leichtes Brennen, eine kleine Verkrampfung ein, wenn man zu früh, zu hastig, zu steif lossingt!

Die verschiedenen Chorleiter, unter denen ich im Lauf der letzten Jahre singen durfte, haben mich jedoch nach und nach von derartigen Gewaltsamkeiten auf den richtigen Weg geführt.

Das Wichtigste scheint mir das allmähliche Herantasten, das Auflockern, das Vorwärmen des Körpers und der Stimme zu sein. Der ganze Leib soll sich allmählich aus seiner starren Alltagstauglichkeit lösen und sich zentrieren und hinfließen auf das Geschehen in der Stimme. Die Stimme stimmt buchstäblich den Körper ein, der Körper stimmt die Stimme ein!  Ausdrücke des Staunens, der Freude, der Erwartung durchziehen den Körper und den Geist. Sie finden eine lautliche Gestalt im Ausruf, im Seufzen, im Lächeln, im Gähnen, im Lachen. Einzelne Silben werden geformt mit wulstigen Lippen, der Bauchraum lockert sich, die Atmung wandert hinein in den Leib. Man kann sich vorstellen, die Luft flösse durch die Kehle in alle Blutgefäße des Körpers hinein. Nach und nach wird dieses Gefühl zum Klang. Der Klang ergreift Besitz vom Körper, der Körper formt sich seinen Klang.

Schließlich wird die Stimme nicht mehr „hochgetrieben“ und nicht „in den Keller verbannt“. Nein, sie beginnt umherzuspazieren, sie schaut sich um, sie möchte buchstäblich hoch hinaus, sie steigt in die Tiefen hinab, schaut sich um. Sie geht auf Entdeckungsreise!

Aus einem solcherart eingestimmten  Leib-Stimme-Verbund entsteht zwanglos das gezielte, methodisch geschulte Üben des Gesanges – ein Einüben und Hinführen der Stimme auf ein Geschehen, das schließlich das rein Physikalische überschreitet und den Sänger zum Hörer macht, wie umgekehrt auch der Hörer zum Sänger wird.

Und dann spannt die Seele im Gesang ihre Flügel aus!

Als Empfehlung verweise ich gern auf folgendes Heft, das mich seit einigen Sommerwochen kundig und treu begleitet:

Matthias Drievko: Die Seele in Klang verwandeln. Anregungen, Hilfestellungen und Übungen für die technischen Erfordernisse des Singens. Systematisches Trainingsprogramm für Sänger, Gesangslehrer und -schüler zum praktischen Gebrauch. Doblinger Musikverlag, Wien 2012, hier insbesondere Abschnitt II: Konzentrierte Vorbereitung: Atemtraining, Körperbewusstsein, Haltung, Lösen diverser Verspannungen etc., S. 14-17

Der krönende Abschluss einer derart vorbereiteten Übungsstunde kann folgendes Lied sein:

Robert Schumann: Mondnacht. Joseph von Eichendorff. Zart, heimlich. In: Das Lied im Unterricht. 61 Lieder für hohe Singstimme mit Klavierbegleitung.  Herausgegeben von Paul Lohmann. Verlag Schott, Mainz o.J., S. 63-65

 

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Singt freudig euch empor!

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Jul 032017
 

Aus der Gemeinde von St. Norbert erreichte mein Smartphone gestern beim Warten in Paris am Flughafen Charles de Gaulles der folgende Bericht, den wir hier einrücken. Auch heute abend erwartet uns ja wieder eine Chorprobe, auf die wir uns schon freuen.

Viel zu lächeln und zu lachen gibt es gibt es immer, wenn wir am Montag abends buchstäblich den Staub des Alltags abschütteln, den Körper in gute Form klopfen, Stimme und Atem geschmeidig lockern. Jede Chorprobe mit Chorleiterin Ute Rosenbach beginnt mit einer Einstimmung von Körper, Stimme und Geist. Darauf folgen einfache Tonübungen, Summen, Singen, Sprechen: die ganze bunte Palette der unentdeckten Möglichkeiten wird geboten.

Ein schönes Aufatmungs-Erlebnis war in genau diesem Sinn das Chorwochenende in der Musikakademie Rheinsberg. Hier widmeten wir uns Ende März vor allem der Musik für die Gottesdienste zu Karfreitag und zu Ostern. Wo einst Kronprinz Friedrich seinen Quantz studierte, probten wir die Johannespassion von Thomas Mancinus: ein derbes, schonungsloses Theater, das vor allem die Gerichtsszenen des Evangeliums ohne jede Beschönigung entfaltet! Dieses schreiend ungerechte Drama stand dann im Mittelpunkt unseres Beitrages zum Karfreitag. Wir verkündeten erneut in St. Norbert das Leiden Jesu Christi, ebenso schroff wie dies um 1600 Thomas Mancinus, der Wolfenbütteler Hofmusiker getan hat.

Aber auch die strahlend schöne Klage des Tomás Luis de Victoria „Popule meus, quid feci tibi – Mein Volk, was hab ich Dir denn angetan?“ begeisterte uns. Sie trug uns fliegend durch die stillen Lande hin. Der Katholik Tomás de Victoria komponierte diesen Gesang in denselben Jahren wie der Lutheraner Thomas Mancinus!

Zu Ostern priesen wir dann endlich befreit die Auferstehung zusammen mit einem fulminanten Blechbläserquartett in zeitgenössischen Sätzen. Wir waren also zu Ostern wieder im 21. Jahrhundert angekommen. Ein großer Erfolg! Eine Auferstehung!

Schwingt freudig euch empor! Neue Menschen und neue Stimmen sind uns immer willkommen. Wir treffen uns regelmäßig am Montag um 19.30 Uhr im Pfarrsaal von St. Norbert, Dominicusstr. 19 B, 10823 Berlin. Dann geht’s aber richtig los! Jede Chorprobe mit Ute Rosenbach bietet als Zusatzgewinn kostenlosen Gesangs- und Stimmunterricht vom feinsten. Der eigentliche Sinn des Chorgesanges, das Lob Gottes, verschmilzt also mit der Kräftigung und Stärkung von Körper, Stimme und Geist im Singen. Menschendienst wird durch den Chor Teil des Gottesdienstes.

Ein Mal im Monat bieten wir nach Ansage zusätzlich am Sonntag um 10 Uhr als „Generalprobenchor“ das vorsichtige Reinschnuppern für Neugierige an, als würde man erst einmal vorsichtig den Fuß ins kalte Wasser stecken, ehe man sich uns Schwimmbad stürzt. Dort nehmen wir Neugierige und Neulinge unter die Fittiche und führen die geprobten Lieder und Sätze gleich anschließend im Gottesdienst auf. Das belebt, erfrischt und macht Freude.
Gottesdienst ist Menschendienst. Kommt, hört, singt!

Quelle:
miteinander. Pfarrnachrichten der katholischen Gemeinde St. Norbert – Berlin. Juli / August / September 2017, S. 18-19

Foto: Blick auf das Floß des Odysseus. Holzfiguren des Künstlers Tony Torrilhon. Aufgenommen am Ufer des Grienericksees bei Schloss Rheinsberg während des Chorwochenendes am 24. März 2017.

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Vom Glück des Singens

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Apr 292017
 

O Du schmetternder kleiner Sänger, wie lieblich, wie stark, wie süß ist Deine Stimme! Wie strahlend, wie kraftvoll verkündest Du Deine Wahrheit! Du purzelnder Knecht, Du leuchtender König, Du tanzender Tenor!  Du singst für Dich, für mich, für alle, für Deine Einzige, für Deine Auserwählte! Wisse, Du wirst gehört. Dir hör ich zu!

Du schämst Dich nicht, Dir gefällt Dein eigener Gesang, Du weißt, was Du kannst, Du achtest nicht auf Lohn und Wohnung. Was kümmern Dich die andern. Du singst ohne Nebenabsichten. Du singst, weil Du singst und singen willst, und alles, Berg und Tal und Turm, Busch und Wiese und Gras, sie tönen wider von Deinen Liedern!

Sing, Sänger, singe weiter!

 

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Schroff. Schreiend. Kahl: Golgatha.

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Apr 082017
 
Zerrissenes Holz reckt sich empor in einen blauen, tiefen, antwortlosen Himmel, schrundige Auskehlungen zerfurchen den Baum auf dem Dorfanger von Lübars, gesehen am vergangenen Samstag bei einer Radtour durch das Tegeler Fließ. Soviel Schmerz, soviel Leiden!
Geduldiges Einhören, gemeinschaftliches Einsingen im Kirchenchor, Nachlesen in den alten Darstellungen und Anweisungen der geistlichen Musik früherer Jahrhunderte! Der gregorianische Passionston in der Johannespassion des Thomas Mancinus, die wir derzeit einstudieren, verlangt einen freien Vortrag, eine Verlebendigung im Gesang. Die rhombische Notenform – punctum inclinatum – dient nur als Stütze des in Freiheit erklingenden Wortes; Mancinus hebt sehr bewusst durch Klauseln und Floskeln die sinntragenden Worte hervor; die kraftvolle, sehr gesangliche Übersetzung Martin Luthers – sie bleibt ein poetisches Meisterwerk deutscher Sprache – übernimmt er dabei Silbe für Silbe, Elision für Elision unverändert.
Clamore et cum asperitate, so sollen die leidenschaftlichen Aufwallungen der Turba-Chöre gehalten sein. Mit Geschrei, schroff, unverbunden! Das sind die Anweisungen, die sich aus den damaligen Traktaten erschließen lassen.
Mancinus war übrigens Leiter der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel; sein unmittelbarer Nachfolger in diesem Amt war Michael Prätorius, dessen Syntagma Musicum 1619 erschien, also ein Jahr vor dem Erstdruck der Passionsmusik des Thomas Mancinus.  Welch glückliche Koinzidenz! Wir können aus den Traktaten, Abhandlungen und Lehrbüchern der Jahrhundertwende durchaus ein Stilideal abnehmen, wir können mit Sicherheit sagen, dass die menschliche Stimme, nicht das dingliche Instrument damals noch das Vorbild jeder Musikausübung war; es unterliegt keinem Zweifel, dass die Musik, zumal die geistliche Musik damals als affektgeladene Klangrede, als Verkündigung aufgefasst wurde, nicht als Sinnesbetörung, nicht als autonomes, in Schönheit strahlendes Klangspiel.
Der Gottesdienst in der Sterbestunde Jesu beginnt in St. Norbert am Karfreitag, 14. April 2017, um 15 Uhr. Dort werden wir die Johannespassion des Mancinus zu Gehör bringen. Alle, die hören wollen, sind eingeladen. Die Tür ist offen.
Kirche St. Norbert, Dominicusstr. 17, 10823 Berlin-Schöneberg 
Bibliographischer Hinweis:
Die Johannespassion des Thomas Mancinus ist Teil des Werkes Musica Divina Signatur S 368.4° Helmst., das bereits in digitalisierter Form vorliegt. Man findet im Internetauftritt der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel den diplomatisch genauen Scan  ab Seite 277 unter folgendem Link: 
http://diglib.hab.de/wdb.php?pointer=176&dir=drucke%2Fs-368-4f-helmst
Eine moderne Aufbereitung, in welcher der ursprüngliche Wortlaut des Komponisten Mancinus durch den Text der früheren, im Jahr 1987 verwendeten Einheitsübersetzung ausgetauscht worden,  ist im Carus Verlag erschienen. Das Vorwort des Herausgebers verdient besondere Beachtung!
Thomas Mancinus: Johannespassion für Einzelstimmen und gemischten Chor SATB. Herausgegeben von Willli Schulze. Partitur. Carus Verlag 40.088, Stuttgart 1987
Einen guten, reich mit Quellen (darunter Prätorius) ausgestatteten Einstieg in die Musizierpraxis des 15. bis 17. Jahrhunderts bot mir folgendes Werk:
Ulrike Engelke: Musik und Sprache. Interpretation der Frühen Musik nach überlieferten Regeln. Agenda Verlag, Münster 2012
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Auf ins Konzert zu den malenden Kindern in Böhmisch Rixdorf, Sonntag 18 Uhr!

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Mrz 172017
 

Sonntag, 19. März 2017, 18 Uhr
Konzert der Neuköllner Serenade
Gemeindesaal der Brüdergemeine Rixdorf
Böhmisch Rixdorf
Kirchgasse 14
12043 Berlin

Hochgewölbte Blätterkronen,
Baldachine von Smaragd,
Kinder ihr aus fernen Zonen,
Saget mir, warum ihr klagt?

Schweigend neiget ihr die Zweige,
Malet Zeichen in die Luft,
Und der Leiden stummer Zeuge
Steiget aufwärts, süßer Duft.

Vorfreude erfasst meine Geige und mich in meiner slawophilen Seele, denn in das alte böhmische Rixdorf führt uns übermorgen, am Sonntag, der Weg der Neuköllner Serenade, des bekannten Berliner Kammerorchesters, in den Gemeindesaal der Böhmischen Brüder, nicht weit vom Garten des Jan Amos Comenius, des böhmischen Pädagogen, der mit seinem Orbis pictus in so vieler Hinsicht Vorbild für unser zusammenwachsendes Europa ist. Jan Amos Komenský, ein Lehrmeister für Europens Kinder aus fernen Zonen, wie sie Mathilde Wesendonck so beredt ansprach und werbend anlockte!

Weit in sehnendem Verlangen
Breitet ihr die Arme aus,
Und umschlinget wahnbefangen
Öder Leere nicht’gen Graus.

Wohl, ich weiß es, arme Pflanze;
Ein Geschicke teilen wir,
Ob umstrahlt von Licht und Glanze,
Unsre Heimat ist nicht hier!

 

Der Eintritt in das Konzert der Neuköllner Serenade ist frei. Das ist unser Programm:

Richard Wagner: Wesendonck-Lieder
Carl Reinecke: Streicherserenade

Und wie froh die Sonne scheidet
Von des Tages leerem Schein,
Hüllet der, der wahrhaft leidet,
Sich in Schweigens Dunkel ein.

Das sind die Ausführenden:

Die Neuköllner Serenade
Silvia Hauer, Mezzosopran
Martin Dehli, Leitung

 

Stille wird’s, ein säuselnd Weben
Füllet bang den dunklen Raum:
Schwere Tropfen seh ich schweben
An der Blätter grünem Saum.

Wir freuen uns auf unser Publikum.

Text in kursiv:
Mathilde Wesendonck: Im Treibhaus, aus: Mathilde Wesendonck: 5 Lieder

Foto:

Eintritt in den Comeniusgarten in Böhmisch Rixdorf, Neukölln, Berlin, Aufnahme vom Mai 2013

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Ich habe genug

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Jan 122017
 

 

 

 

 

 

Am Sonntag, dem letzten Tag der Weihnachtszeit, hörte ich vormittags eine Radiosendung mit Musik im rbb Kulturradio:
So 08.01.2017 | 09:04 | Gott und die Welt. Drehtür Glauben. Wenn Menschen zur Kirche zurückfinden. Von Matthias Bertsch

Der Autor hat das Thema Kirchenaustritt und Wiederannäherung auf gewundenen Pfaden, so meine ich, in vier ausgewählten Stimmen in den wesentlichen Aspekten glaubwürdig eingefangen. Die Musik Johann Sebastian Bachs aus der Kantate „Ich habe genug“ entfaltete dazwischen  ihre überwältigende Kraft geradezu „gnadenlos“ – wieder einmal! So ist er halt, unser Bach. Unwiderstehlich. Er ist einer der Brückenbauer für verirrte Schafe, für Wege zurück.

Die leuchtende schöne Weihnachtszeit klang  mit einem abendlichen Konzert und Chören und einem kleinen Orchester und strahlenden Kinderaugen in der Kirche St. Bonifatius aus. Ich selbst fiedelte am Pult der Bratsche, das Instrument unters Kinn geklemmt, das Bach mit Vorliebe im Orchester spielte.

Die Chöre der Gemeinde haben mich nachhaltig inspiriert, und ich wünsche ihnen weiterhin diesen Eifer und diese von oben herabströmende Begeisterung. Ihnen steht die Gewalt der Hl. Cäcilie zu Gebote, die die wilden Tiere an den Streicherpulten mühelos bändigt!

Ich habe genug!
Ein Dankeschön den Chören

Bin nur ein armer Spielmann, kaum beacht,
meist mild belächelt, oft verlacht,
die Zahl der Noten, die ich spiel,
ist recht gering, drum hör ich viel,
denn ich hab Ohren groß und weit,
zum Zuhören sind sie bereit,
was andre spielen, andre singen,
das bringt in mir das Herz zum Klingen,
drum dank ich euch, Ihr Sängerinnen,
Ihr Sänger, die ihr singt im Geistesbraus,
die Töne in mir weiterschwingen,
sie leuchten, stärken, machen klug,
Ich packe ein und geh nachhaus.

Ich habe genug.

Bild: ein Schneemann, gestern Abend am Gasometer in Schöneberg

 Posted by at 19:17