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Archiv der Kategorie Sprachen

La ministro - Ermannt euch, habt Mut zum Maskulinum!

Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist der deutsche Justizminister. Oder die deutsche Justizministerin? Oder die deutsche Justizminister? Was ist richtig? Was ist besser? Was hättet ihr Frauen denn gerne?

Im Italienischen hat sich das Blatt gewendet: Viele Frauen wollen keine weiblichen Funktionsbezeichnungen mehr. Gerade linke, progressive, aufgeklärte und emanzipierte Frauen - nehmen wir den Familiennamen Rossi - wollen nicht professoressa Rossi genannt werden, sondern professor Rossi. Nicht la ministra, sondern la ministro.

Gerade linke, progressive, aufgeklärte und emanzipierte Zeitungen folgen diesen selbstbewussten Frauen in ihrem redaktionellen Sprachgebrauch. Hier ein Beleg aus der Repubblica von heute.

Ratisbona, padre Ratzinger si scusa “Anch’io talvolta li ho picchiati” - Repubblica.it
La situazione per la Chiesa cattolica si fa dunque sempre più difficile nel paese del Papa. Ieri la ministro della Giustizia tedesca, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ribadendo la richiesta di una urgente Tavola rotonda …

“Ich kenne deine Leber”

In Kreuzberg-West sind in den letzten Monaten viele kleine Läden gestorben - darunter auch der des türkischen Gemüsehändlers um die Ecke, mit dem ich ab und zu türkische und deutsche Sprichwörter austauschte.

Beispiel: “Ich kenne deine Leber” - was bedeutet dieses türkische Sprichwort? Antwort: “Ich kenne dich in- und auswendig.”

An die Stelle der kleinen Läden sind die großen Supermärkte getreten. Dort kann man mit dem Auto bequeme Großeinkäufe erledigen, nachdem man mit dem Auto das Kind in die Kita oder in die Grundschule gebracht hat. Platz zum Parken ist reichlich geschaffen worden.

Die deutsche Rechtschreibung sollte jeder Schulabgänger wie seine Leber kennen. Was sagt ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, zu den Satzzeichen in folgendem amtlichem Text?

Hinweis: Sowohl nach der alten wie nach der neuen Rechtschreibung enthält die Abstimmungsfrage des Bürgerentscheides in Lichtenberg zwei, gelinde gesagt, auffällige Satzzeichen.

Zwei Mal Nein in einem Satz - Berliner Zeitung
„Stimmen Sie für das Ersuchen an das Bezirksamt, in Abänderung der bisherigen Beschlusslage, das eingeleitete Verfahren zur Aufstellung des Bebauungsplans 11-43 nicht fortzuführen, durch welches die Ansiedlung eines Globus-SB-Warenhauses an der Landsberger Allee 360/362 verhindert wird.“

Wie nennen wir das Kind: Separierung, Trennung, Segregation, Aufsplitterung …?

16022010011.jpg Eine der merkwürdigsten Erscheinungen in unseren Berliner Grundschulen ist die von Jahr zu Jahr zunehmende Trennung der “europäisch-stämmigen” von den türkisch- und arabischstämmigen Grundschülern. Durch die Einrichtung von “Grundschulen besonderer Prägung”, durch private Schulen und durch die stark nachgefragten Bekenntnisschulen bereits im Primarbereich wird dieser Aufsplitterung Vorschub geleistet, so dass wir mittlerweile in Wedding, Kreuzberg und Neukölln nahezu reine “Moslemschulen” mit den türkischen und arabischen Kindern einerseits und “Christenschulen” aus den deutschen und “europäisch-amerikanischen” Familien andererseits  haben.

Für einen grundgesetztreuen Verfechter der einheitlichen Volksschule, wie ich es nun einmal bin, ist dies schwer hinnehmbar. Aber so ist es nun einmal gekommen, alle Welt redet mit Wollust um den heißen Brei herum, aber es ist so. Wie sonst in der Integrationspolitik üblich, so wird auch hier in der Berliner Landespolitik nicht Klartext geredet.

Wie soll man nun dieses Erscheinung benennen? Ich schlage im Grundgesetz nach und finde in Artikel 7 Abs.4 folgenden bemerkenswerten Satz:

Deutscher Bundestag: I. Die Grundrechte
Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.

Sonderung“, das scheint mir ein gutes deutsches Wort für den Sachverhalt! Durch die zunehmende Aufsplitterung des Grundschulwesens in Berlin hat sich nunmehr sogar in den noch gemischten Wohngegenden eine deutliche Sonderung der Schüler nach den Herkunftskulturen der Eltern ergeben. Diese Sonderung wird - sofern nicht bewusst und entschieden gegengesteuert wird - von den Grundschuljahren nach und nach weiter nach oben wandern, sodass nach und nach die Sonderung auch der älteren Jahrgänge - weit über die getrennt verbrachte Schulzeit hinaus - eintreten wird.

Unser heutiges Foto zeigt die Auslage der Bundeszentrale für politische Bildung. Dort gibt es das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland jeden Tag ab 10 Uhr zum Abholen in hübschen kleinen Bändchen.  Heute kam ich zu früh dort an, aber morgen wird es klappen.

Vom Immobilien-”Itzig” zum Immobilien-”Heini”

08022010005.jpg Den Ausdruck Immobilien-”Heini” kennen wohl die meisten. Gemeint sind die “Anzug-Typen”, die verfallende Häuser aufkaufen, instandsetzen und wiedervermieten. Nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern um damit Geld zu verdienen. Was dagegen? Ich selbst las ihn immer wieder in aktuellen Flugblättern und Verlautbarungen der linken Berliner Neocons. Heini ist eine Verkürzung und spöttisch-abwertende Form des typischen deutschen Namens Heinrich. Heinrich bedeutet der “Heim-Reiche”, also “der durch Hausbesitz Reiche” - oh wie passend.

Aber nicht alle Leser dieses Blogs können vielleicht mit dem Ausdruck Immobilien-”Itzig” etwas anfangen. Ich las ihn in historischen Archiven in Exemplaren des “Stürmers” sowie  auf Flugblättern der Berliner Nationalsozialisten aus den 30er Jahren.

Itzig ist eine Verkürzung und spöttisch-abwertende Form des typischen jüdischen  Namens Isaak (”ER möge lächeln”) und stand in der früheren Propaganda für den Juden schlechthin.

Für Sprachliebhaber aufschlussreich ist folgender aktueller Beleg aus dem Internet-Auftritt ha-Galil, den ich zum Nachlesen empfehle:

Judenfeindlichkeit an Fastnacht: Und willst Du nicht mein Itzig sein… « Israel & Judentum
„Giizig, gizzig, gizig, gizig isch der Itzig;
un willsch Dü kei itzig si, döasch uns was ins Gigili ni!“…

Unser Foto zeigt eine alte und eine neugebaute Immobilie am ehemaligen Postgelände in Berlin-Kreuzberg. In diesem harten, harten Winter.

Gutes Deutsch für alle!

Aus dem vielen unerträglichen Wortmergel und Wortgewürge, das mir täglich über den Bildschirm rauscht, siebe ich einige Gold-Nuggets heraus. Hier kommt eines. Leser GinoGinelli kommentiert im Tagesspiegel:

Berlins SPD rechnet mit Sarrazin ab
Ich, als Sohn iranischer Einwanderer, weiß am besten wie wichtig soziale Akzeptanz nur wegen der Sprache ist. Ich hatte nie Probleme in Deutschland, weil ich mit einem fast peniblem Deutsch erzogen wurde.

“Sie sind aber kein Deutscher, oder?”, das habe ich schon mehrfach gehört. Dabei bin ich ein Deutscher wie er im Buche steht! Ich liebe das Wandern in der herrlichen Bergwelt der Alpen, Johann Sebastian Bach ist mein Lieblingskomponist, als 13-Jähriger las ich Thomas Manns Doktor Faustus, ich habe während meiner Dienstzeit bei der Bundeswehr Faust I und II auswendig gelernt. Was wollt ihr mehr? Natürlich, bei uns zuhause wird viel Russisch gesprochen,  und in der Grundschule meines Sohnes bin ich einer von vielleicht einem Dutzend Väter oder Mütter, die noch Deutsch als Muttersprache beherrschen. Die anderen sprechen andere Sprachen.

Ich bemühe mich seit vielen Jahren  mit einem gewissen Erfolg um gutes, akzentfreies Deutsch, das sogenannte Hochdeutsch, wie man es heute vielleicht noch in den Kirchen, ab und zu auch auf deutschen Bühnen und im deutschen Fernsehen und Radio hört.  Dieses akzentfreie, aber leider auch dialektfreie Deutsch versuche ich auch meinem Sohn weiterzugeben. Dem von mir gesprochenen Deutsch fehlt der deutliche regionale Einschlag, während mein Sohn bereits einen deutlichen türkischen Akzent erlernt hat.

Natürlich, wir leben in der Diaspora. Dennoch halte ich es für richtig, von frühester Kindheit an alle Kinder in Deutschland auf ein einwandfreies Deutsch hinzuerziehen, das ihnen später einmal den Erfolg in Arbeit und Familie ermöglichen wird. Dazu können, müssen aber nicht zweite und dritte Sprachen treten, wie etwa das Türkische, das Arabische oder das Russische.

Soll man den Gebrauch von anderen Sprachen verbieten und bestrafen, wie das die Türkei, viele arabische Staaten und die Sowjetunion über Jahrzehnte hinweg getan haben und teilweise heute noch tun? Nein! An der Zwangstürkisierung leiden noch viele “türkische” Zuwanderer in Deutschland bis zum heutigen Tage. Denn sie können oft selbst kein “richtiges” Türkisch, das ihren Vorfahren aufgezwungen wurde.

Verbote sind der falsche Weg! Richtig ist es, das Erlernen der Landessprache bei allen Bürgern zur Pflicht zu machen und durch allerlei Anreize zu unterstützen. Etwa durch Preise oder Auszeichnungen.

“Fälisch” - kommt euch das spanisch vor?

Auch im neuesten Rechtschreibduden, der 25. Auflage aus dem Jahre 2009, findet sich auf S. 30 folgender Beispielsatz:

Das Wort “fälisch” ist in Anlehnung an West”falen” gebildet.

Dieser Satz ist nahezu wörtlich der “Amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung in der Fassung von 2006″, wie sie die deutschen Kultusministerien (KMK) beschlossen haben, entnommen. In diesem amtlichen Dokument heißt es in § 94 (3):

Das Wort “fälisch” ist gebildet in Anlehnung an West”falen”.

Was aber ist das - “fälisch”? Kommt euch das Wort spanisch vor? Den Rest des Eintrags lesen »

In den Banlieues der deutschen Rechtschreibung: der neue Duden ist da!

 duden_9783411704255.jpg Große Neugier herrschte vorgestern in mir beim Auspacken des neuen Rechtschreibdudens, der in diesen Tagen in seiner 25. Auflage herauskam. Denn auch wenn manche mir sagen: “Du bist ja ein wandelndes Wörterbuch, Johannes!”, wäre nichts falscher als das! Immer wieder bin auch ich gezwungen, Wörterbücher zu Rate zu ziehen. Ich besitze stets die neuesten Ausgaben der Rechtschreibwörterbücher aus den Häusern Wahrig und Duden, die einander ja auch oft genug widersprechen.

Aus altem deutschem Herkommen und Brauch, aus dem amtlichen Regelwerk, aus den beiden einander bisweilen widersprechenden Wörterbüchern, - und häufig genug nach eigenem Sinnen und Trachten erstelle ich mir wie Hunderttausende anderer Deutscher eine eigene Rechtschreibung. Denn wir wissen: Es gibt derzeit keine einheitliche sinnvolle deutsche Rechtschreibung. In äußerster, jedoch nicht falscher Überspitzung könnte man sagen: Wir stehen ungefähr da, wo Adelung und die Seinen im 18. Jahrhundert standen. Wir leben in einem Zustande organisierter Verantwortungslosigkeit. Die deutsche Rechtschreibung ist ein Unikum weltweit. Sie ist ein Paradebeispiel unserer Reformunfähigkeit. Jeder ist deshalb aufgefordert, im Geist der Verantwortung seinen richtigen Weg durch die Banlieues des Regelgestrüpps zu suchen, in welches uns viele Jahrzehnte staatlich und kommerziell missleiteter Rechtschreibpolitik unter Verschwendung hoher öffentlicher Mittel geführt haben.

Genug des Gelabers! Welche tatsächlichen Stolpersteine stellten sich diesem Blog entgegen? Nehmen wir das Wort Banlieue oder besser Banlieu aus unserem Beitrag vom 23.07.2009! Wir zitierten da aus dem Tagesspiegel. Welche Schreibung bietet uns der neueste Duden an? Oder nehmen wir den Begriff Gauß’sche Normalverteilung, mithilfe dessen wir in diesem Blog den prophetischen Nachweis erbrachten, dass es in den nächsten zweihundert Jahren deutschlandweit etwa stets gleich viele Arme geben wird. Ich wollte den Begriff nennen, tat es aber nicht, weil ich nicht herausfinden konnte, wie man ihn schreibt. Was bietet uns der neueste Duden an?

Kleine Nadelstiche der Enttäuschung erlebte der unbedarfte Blogger da! Die Gauß’sche Normalverteilung habe ich mir selbst anhand der auf Seite 85 abgedruckten Regeln zurechtgelegt. Denkbar und zulässig demnach sind auch: gaußsche Normalverteilung, nicht aber: Gaußsche Normalverteilung!

Der Eintrag Banlieue oder Banlieu jedoch - fehlt auf Seite 248 im neuen Duden. Schade! Dafür finden sich aber die herrlichen Wörter: Bankazinn, der Bankert, bannig, die Banse, bansen, Banus, der Baphomet, der Bar (ein Meistersängerlied), der Baraber, der Baratt. Und ein knackig-knarziges deutsches Eigenschaftswort: bärbeißig. Toll!

Also, kennt ihr alle diese Wörter? Ich hörte Bankert im süddeutschen Raum übrigens oft als das Bankert. Damals wurden noch fast alle Kinder innerhalb von Ehen geboren. In Bansen sprang ich als Kind gerne umher!  Die Geschichte der Baphomets sollte man vielleicht endlich aufarbeiten - da käme so manches überraschende Ergebnis für den muslimisch-christlichen Dialog heraus!

Was fehlt noch? Aus dem krachig-kriminellen Kreuzberger Straßenkampf fehlt mir: die Antifa, ein feminines singulare tantum - wie mir scheint.

Hochinteressant dagegen der warnende Eintrag zum Begriff Neger auf S. 769!

Als Anregung an die Duden-Redaktion möchte ich empfehlen, das amtliche Regelwerk vollständig im Wortlaut abzudrucken. Wahrig macht es vor. Dann kann der Leser selber entscheiden, ob und wie er den amtlichen Regeln oder den Empfehlungen der Wörterbuchverlage folgen soll. Insgesamt stellt sich der Duden-Verlag im neuen Rechtschreibduden weiterhin als fast-amtlich dar - ein keineswegs haltbarer Anspruch, den er durch geschickte Strategien über Jahrzehnte hinweg erkämpft hat und den er offenbar auch zu behaupten gedenkt.

Also, Freunde, schwelgt in Wörtern! Lest eifrig die verschiedenen Wörterbücher aus den verschiedensten deutschen Verlagen! Pflegt den Reichtum unserer Sprache! Achtet auf gute Rechtschreibung, doch gebrauchet Sinn und Verstand. Hört auf den Rat eures bärbeißigen Bloggers: Die letzte Verantwortung für alles, was ihr sagt und schreibt - tragt ihr selbst. Es kommt auf dich an!

Spielerisches Einüben des passato remoto

20062009008.jpg Eine Zeit lang in meinem Leben unterrichtete ich Fremdsprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Lateinisch.  Es war eine “Brückenzeit”, die mich sehr viel gelehrt hat: wie man mit wenigen Worten viel sagen kann. Heute liefert die italienische Zeitung La repubblica einen herrlichen Übungstext für alle Freunde des Italienischen: Ein junge Frau erzählt aus ihrem Leben. Sie ist 23 Jahre alt. Sie kommt aus Modugno. Sie ist wunderschön.

Modugno, das war in meinem Leben ein Landstädtchen in der Nähe von Bari. Des öfteren fuhr ich mit meinem schwarzen  Hollandrad dorthion, um einen Freund zu besuchen oder einfach nur, um die staubtrockene apulische Landstraße zu spüren. Am Straßenrand wuchs die wilde Zichorie, die dort in der Küche eine bedeutende Rolle spielt.

Barbara kommt aus dieser verschlafenen Kleinstadt. Sie arbeitet als “Modell in einem Brautmodegeschäft”. Welche Perspektiven mag sie da haben, in Modugno, wo die wilde Zichorie wächst? Um so beeindruckender klingen ihre Berichte aus der großen Welt, vorgetragen im passato remoto, das in Süditalien noch zum gespochenen Italienisch gehört - anders als im Norden. Alles kommt darin vor: die Macht und der Sex, das Geld und die Gefühle, der Verrat und das Geheimnis. Dort, im Norden, ist das passato remoto schon durch das passato prossimo ersetzt.

Allen Italienisch-Lernenden unter meinen Leserinnen und Lesern empfehle ich das Interview mit Barbara als hervorragenden Stoff zum Üben. Docenti d’italiano: questa è roba per voi!

Und das beste ist: das Interview kann man sowohl lesen als auch per Video abrufen.

Lest den folgenden leichten Einstiegstext - versteht ihr ihn?

Barbara Montereale ha 23 anni. È di Modugno. È una bellissima madre single di una bimba di un anno e tre mesi.

 “Io, Silvio e le altre ragazze tutte lo chiamavano Papi” - Politica - Repubblica.it
Barbara Montereale ha 23 anni. È di Modugno. È una bellissima madre single di una bimba di un anno e tre mesi. Sull’avambraccio sinistro ha tatuato: “Sbagliare e soffrire”. Ha vissuto per un periodo a Milano con un uomo che, all’epoca era bodyguard di Domenico Dolce.

Unser Bild zeigt einen Blick von heute, herab von den sanften Höhen des den Italieniern wohlbekannten Monte della Croce in einem Stadtviertel von Berlino, das da heißet Kreuzberg, einen Steinwurf entfernt von der Osteria Numero 1 in der Kreuzbergstraße.

Ein Geschäft der besten Köpfe: Lebendiges Wachstum der Muttersprache

Was ich mir selber zu Weihnachten gewünscht habe, fragt ihr? Ich wollte eine Gesamtausgabe Goethes, den ich bisher nur in weit verstreuten Einzelausgaben gesammelt besitze, darunter einige Werke mehrfach, andere gar nicht. Um diesen unbekannten Goethe war es mir nun besonders zu tun. Denn so sehr ich Goethe auch verehre, so neugierig bin auf jene Seiten, die bisher der unerbittlichen Auswahl durch die höchst selektiv nachdruckende Nachwelt zum Opfer gefallen sind.

Seit gestern liegt sie vor mir, die antiquarisch erstandene Vollständige Ausgabe von Goethes Sämmtlichen Werken, erschienen bei Cotta, Stuttgart 1885.  Eine erste Kenntnisnahme mit den Bänden 1 und 8 erbrachte manch frohes Wiedersehen, aber auch erste Neuentdeckungen. Insbesondere die Gelegenheitsschriften Goethes, seine Rezensionen etwa, aber auch seine weniger bekannten politischen Gedichte hätten heute mehr Aufmerksamkeit verdient.

Im deutschen Fernsehen schauen wir uns immer wieder einmal die eine oder andere Vorabendsendung für Kinder an. Mir fällt auf: Dort wimmelt es von einem Überbietungsmaximalismus der besonderen Art. Mit einem “vortrefflich” oder “erstaunlich” ist es dort nicht getan. Nein, das heißt heute “mega-krass“, oder “super-cool. “Super-klasse” tritt gegen “oberaffengeil” und ähnliches mehr an, auf Schritt und Tritt. Die Kinder werden abgefüllt mit einer einzigen sämigen Mischung aus entzückten, zunehmend bedeutungsleeren Ausrufen, die Erwachsenen wachsen über sich selbst hinaus in dem hemmungslosen Bemühen, den Kindern nach dem Munde zu reden. Die Kinder werden vielfach durch die Massenmedien in ihrem Ghetto einer Sondersprache bestärkt, die heute durch allerlei gedankenlose Übernahmen aus dem englischen Sprachraum geprägt ist. Folge: Die Generationen in Deutschland drohen sich sprachlich zu entkoppeln. Ich stelle dies fest, wenn ich mit Jugendlichen hier in Kreuzberg rede. Ich muss mir dann sehr genau überlegen, welche Wörter, die mir in meiner Jugend noch als üblich erschienen, heute noch verstanden werden. Und umgekehrt muss ich auch manchmal sehr genau hinhören oder nachfragen, wenn ich einzelne Äußerungen nicht ganz verstehe.

Die deutsche Sprache, die mit etwa 100 Millionen Sprechern innerhalb der EU die meistgesprochene Muttersprache ist, führt in der Öffentlichkeit unserer Bundesrepublik eher das Leben eines anspruchslosen Aschenputtels. Die gescheiterte Rechtschreibreform hat andererseits gezeigt: Die staatlichen Organe schaffen es auch nicht! Jeder Versuch, die deutsche Sprache oder auch nur deren bloße Schreibung durch Gesetz normieren zu wolllen, steht seither unter einem Anfangsverdacht: Es könnte wieder so gnadenlos daneben gehen wie bei dem mehrjährigen Versuch einer kleinen Rechtschreibreform.

Gab es früher derartige Mißstände und Auswüchse ebenfalls? Ja, immer wieder! So lässt sich über das gesamte 18. Jahrhundert hin ein stetes Ringen um die gute deutsche Sprache nachweisen. Die Puristen lagen mit den welschen Alfanzereyen, mit dem französisierenden Zeitgeschmack im Dauerstreit. Viele Fremdwörter, die einem Goethe, einem Schiller noch recht geläufig aus der Feder flossen, sind seither ersetzt worden. Ziel für viele Schriftsteller wurde es, der deutschen Sprache durch beständiges Lauschen und Hinhören neue Schattierungen zu entlocken und durch weitgehenden Verzicht auf abstrakte Wörter, die nur dem Sprachgebrauch der höheren Stände entstammten, eine Art gefühlte Echtheit herzustellen. Dem Zauber der Texte eines Heinrich von Kleist oder eines Franz Kafka, die fast vollständig auf Fremdwörter verzichten, kann auch ich mich schwer entziehen. Der unglückliche preussische Adlige, der böhmische Jude aus Prag, sie beide strebten nach einer musikalischen Durchbildung ihre Werke, die auch lautlich und etymologisch wie aus einem Guss dastehen sollten. Gleiches gilt insbesondere für die deutsche Rechtssprache, etwa das BGB.

Wo stand Goethe im deutschen Sprachstreit? Ich meine: in der Mitte zwischen den Extremen. Weder schloss er sich vor der Welt der anderen Sprachen ab, noch überfrachtete er seine Texte mit Wendungen oder Wörtern, die seinen Zeitgenossen als bloße Anbiederung an den Zeitgeist erscheinen mochten.  Er ließ sich lebenslang über den guten deutschen Sprachgebrauch beraten, denn was damals als gut und vorbildlich galt, lag keineswegs fest. Entscheidend scheint mir: Goethe und seine ganze Generation begriffen die deutsche Sprache als ein Gemeinschaftswerk, als ein Geschäft der besten Köpfe, das alle Deutschsprechenden mittragen sollten.

Wir versäumen nicht, diesen Eintrag mit einem Zitat des Meisters selbst abzuschließen. Als entscheidende Wendung hebe ich die vom “lebendigen Wachsen” hervor. Goethe schreibt im Jahr 1817:

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos; denn es ist nichts bequemer, als von dem Inhalt absehen und auf den Ausdruck passen. Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut  r e i n   sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches kümmerliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nicht lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden, und die reine Welle fließt darüber her.

Quelle: Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Mit Einleitungen von Karl Goedeke. Achter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1885, S. 114

E pluribus unum, oder: Pflegen wir die Vielfalt unserer Sprachen!

Eins meiner politischen Vorbilder ist Kaiser Karl - nicht der sogenannte Große, sondern Karl der Vierte. In seiner Goldenen Bulle von 1356 ermahnt er die Kurfürsten ausdrücklich, sich in vielerlei Sprachen unterweisen zu lassen. Er verfügt, dass die Fürsten …

… diversorum ydiomatum et lingwarum differenciis instruantur, ut plures intelligant et intelligantur a pluribus.

Er fordert, die Fürsten des Reiches sollten mehrere Sprachen verstehen - und von mehreren verstanden werden, darunter auch das theutonicum ydioma - der Vorläufer des heutigen Deutsch. Er selbst war kein Deutscher nach Muttersprache, sprach aber wohl die fünf wichtigsten Sprachen des “Römischen Reiches deutscher Zunge” mehr oder minder geläufig, darunter offenbar auch die lingua Boemica, also Tschechisch.

Ich freue mich, dass derzeit - angeregt durch einen in frühmorgendlicher Laune gefassten Beschluss des CDU-Parteitages in Stuttgart - eine Debatte über die Pflege unserer Muttersprachen läuft! Keine andere Sprache ist für Kinder so wichtig wie die Sprache, in der sie groß werden. Für mich ist das Schwäbisch, Oberbairisch, Schlesisch und verschiedene Mischformen daraus, erst viel später das genormte Hochdeutsch. Für meinen Sohn ist es Russisch und Deutsch, für meine Frau ist das Russisch. Wir alle pflegen und lernen beständig die jeweilige Sprache des anderen. Karl der IV. wäre mit uns zufrieden. Ich hätte ihn als Kurfürst auch gewählt, weil er so viel für die Bildung getan hat.

Ich wünsche mir, dass türkische und arabische Hauptschüler Friedrich Schillers Räuber auf Deutsch aufführen, deutsche Hauptschüler Shakespeares Hamlet auf Englisch, polnische Schüler den Pan Tadeusz von Mickiewicz in einer Berliner zweisprachigen Fassung  darbieten!

Die deutsche Standardsprache, also Hochdeutsch, ist in der Bundesrepublik Deutschland das einigende Band, das wir hier in Deutschland alle - Schwaben, Polen, Anatolier, Berliner, Russen, Araber - hegen und pflegen sollten. In diesem Sinne habe ich bereits einmal - wie am 14.04.2008 in diesem Blog berichtet - an die großartige Sendung mit der Maus geschrieben, deren unerschütterlicher Unterstützer und Anhänger ich im übrigen bin und bleibe -  habe der Maus geschrieben, sie, die Mausväter und Mausmütter, sollten Hochdeutsch sprechen, nicht Kölnische Umgangslautung. Denn unsere Vorschulkinder hier in Kreuzberg haben fast keine Berührung mit der Standardlautung des Deutschen. Und sie brauchen eine Sprache, die ihnen auch den Anschluss außerhalb der Ghettos ermöglicht.

In der Pflege unserer Sprachen sollten wir uns alle mehr Mühe geben. Ich meine: Die Pflege, das Erlernen der Sprachen sollte in unserem Denken und Handeln einen ähnlich hohen Rang einnehmen wie in der Goldenen Bulle Kaiser Karls. Da sind wir alle gefordert - vor allem die Eltern und alle erzieherischen Berufe, die Medien, aber auch die Politiker. Warum nicht Redewettbewerbe für künftige Politiker veranstalten? Immmer wieder lese ich gerne die alten griechischen, lateinischen und englischen Redner - Demosthenes, Cicero, Lincoln … und neuerdings Obama. Das sind große Meister des gesprochenen Wortes, an ihnen sollten wir in Deutschland uns schulen.

Das sind die Vorbilder, deren wir so dringend bedürfen. Ich bin zutiefst überzeugt: Auch unsere schöne deutsche Sprache eignet sich dafür, gute, klar gegliederte, Herz und Kopf gleichermaßen ansprechende Reden zu halten.

Ich befürworte deshalb, dass die Pflege der Sprachen einen noch stärkeren Platz in der einschlägigen Gesetzgebung der Länder und des Bundes einnimmt. Ich finde, es wird in der Unterrichtung der Sprachen, gerade in unseren Schulen,  zu viel Theorie vermittelt - es wird zu wenig gespielt, zu wenig um die gute treffende Formulierung gerungen, zu wenig dargestellt und zu wenig geredet. Es werden zu wenige Gedichte gelesen und gelernt. Statt dessen spricht man lieber über Theorie der Kommunikation.

Sollten Demokratien sich eine Landessprache in die Verfassung schreiben? Ich meine - sie können es, sie müssen es nicht, es kann auch schaden oder überflüssig sein. Gut ist es da, wo klare Mehrsprachigkeit gewünscht wird, wie in Belgien oder der Schweiz. Die USA haben wohlweislich darauf verzichtet. Denn es war zunächst nicht klar, welche Sprache den Vorrang erhalten würde. Zu einer gewissen Zeit im 18. Jahrhundert stellten die Deutschstämmigen sogar die größte Volksgruppe in Pennsylvanien dar, und es wurde ernsthaft diskutiert, ob Deutsch in jenem Bundesstaat als Amtssprache zugelassen werden sollte. Und sogar heute bezeichnen sich die meisten US-Amerikaner ihrer entfernteren Herkunft nach als “deutschstämmig”. Ihre Vorfahren sind also irgendwann aus deutschen Ländern eingewandert, so wie beispielsweise die Türken, Araber oder Russen im vergangenen Jahrhundert in großer Zahl nach Deutschland gekommen sind, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen.

Gibt es eine offizielle Landessprachenregelung in den USA? Nein, letztlich überwog die Weisheit der Gründerväter. Man ließ die Frage offen, schrieb bis heute nichts zur Landessprache in die Verfassung hinein. Das Englische setzte sich durch - aus Gründen, die nicht rechtlicher, sondern praktischer Art waren. Das Englische war die am meisten verwendete Sprache. Es herrschte auch bei den deutschen Einwanderern der Wille vor, sich rasch zu integrieren. Und dafür war das Englische nach und nach zur unerlässlichen Voraussetzung geworden, außer bei einigen hartnäckigen Integrationsverweigerern, die lieber in ihren geschlossenen Gemeinden verharrten, wie etwa den Amish.

Die Werte des Rechtsstaates und der Demokratie sind jedoch unabhängig von den einzelnen National- oder Landessprachen. Nicht unabhängig sind sie von Sprache überhaupt. Ein Recht, das nicht geäußert wird, das keine sprachliche Gestalt annimmt, besteht eigentlich nicht. Der mündige Bürger braucht immer die sprachlichen Mittel, um seinen An-Spruch durchzusetzen.

Nur wenn wir beständig unsere Sprachen mehren, schützen und schätzen, werden wir unser gemeinsames Ziel - den selbständigen freien Bürger im Rechtsstaat - stärken können. Aus der Vielfalt der Sprachen, der verschiedenen, sich wandelnden Sprachformen ergibt sich dann jener Sinn für das gemeinsame Wohl, in dem jede Sprache den ihr gemäßen Zu-Spruch findet.

Goldene Bulle Karls IV. 1356