Aug 152018
 

Heiß ist es dieser Tage in ganz Europa gewesen, heiß war es auch in Villnöß, in Ridnaun, in Gröden, in all diesen Tälern  im lieblichen Südtirol, wo wir zwei Wochen mit Wandern, Schauen, Plaudern, Staunen, Singen und Geigen verbrachten! Wenn  wir dann ermüdet von langen Touren über hale Gupfe wieder in unserem Bauernhof voller strotzend vollhängender Apfelbäume eintrafen, dann war es da immer heiß, so heiß, dass fast nur noch aus Fanny Hensels Lied „Dämmrung senkte sich von oben“ Kühlung zu erreichen war! Summend die Klänge dieses Liedes erwartete ich dann den Abend. Es half mir oft, wenn auch nicht immer!

Hier zunächst der Text aus den Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten, wie ihn Karl Eibl 1998 in seiner Gesamtausgabe der Gedichte bietet:

 

Dämmrung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt in’s Ungewisse
Nebel schleichen in die Höh;
Schwarzvertiefte Finsternisse
Wiederspiegelnd ruht der See.

Nun im östlichen Bereiche
Ahnd‘ ich Mondenglanz und Glut,
Schlanker Weiden Haargezweige
Scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Luna’s Zauberschein,
Und durch’s Auge schleicht die Kühle
Sänftigend in’s Herz hinein.

Was macht die Komponistin Fanny Hensel mit diesen rätselhaft schillernden Versen? Mein Ohr sagt mir: Sie macht nichts damit, sie hört in sie hinein, sie scheint sie nur auf sich wirken zu lassen. Das Lied – nur scheinbar einfach hingesetzt mit seiner chromatisch abwärts schreitenden, seiner abgeschatteten Melodie, seinen gebrochenen Akkorden in der Begleitung, in Wahrheit  ein kunstvoll gespiegeltes Halbes, in dem Goethes Verse sich als Ganzes zitternd widerspiegeln – wirkt selber wie das, was es darstellt: eine glatte, spiegelnde Fläche, in der fast unmerkliche Schiebungen, Regungen verzittern, hinstreichen, schleichen, vibrierende Erregungen, ein liebliches dunkles Tal, eine farbenprächtige Düsternis… das ist unvergleichlich, das ist einzigartig, das hat verwandelnde Kraft!

Zitiert nach:
Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten.  In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 695-699, hier S. 698 [Nr. VIII]

Bild:

Fernes Wetterleuchten am Abend im Eisacktal, hinter Brixen, August 2018

 

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Aug 012018
 

Brixen, 31. Juli 2018

Wir besuchten nach schweißtreibender Wanderung, die uns an diesem Tag vom Würzjoch herüber auf die Plose gebracht hatte, ein Orgelkonzert im Dom zu Brixen, diesem großen Festsaal, dieser Vorhalle des Himmels, der in echtem Marmor, nicht in Stuck schwelgt. Im Rahmen der „Brixner Orgelkonzerte 2018“ war an diesem Abend Els Biesemans eingeladen, die sich als Pianistin wie als Organistin gleichermaßen einen internationalen Ruf geschaffen hat.

Die 1980 von Johann Pirchner gebaute Orgel hat 3.335 Pfeifen, 48 klingende Register, 3 Manuale, ein Pedal. Der oben zu sehende, sorgsam erhaltene bzw. rekonstruierte herrliche Prospekt stammt aus dem Jahr 1785.

Bachs Fantasia und Fuge g-moll BWV 542  eröffnete mit düsteren wuchtigen Schlägen diesen Abend. Aufrauschte da der schwere Flügelschlag der unerbittlichen Selbstprüfung, verwickelte Satzgeflechte folgten, kühne Modulationen zu es-moll, hinüber zu f-moll, dann zurück zu g-moll. Dann in der Fuge klar durchgezogen von Els Biesemans das unverwechselbare Hauptthema, dem in gleichberechtigter Stimmführung drei weitere Themen zugeordnet werden.

Alexandre-Pierre-François Boëly  hat in seinem Opus 12 verschiedene Gespräche  der typischen Register des französischen Orgelspiels geschaffen – Dialoge, für Register der Orgel geschrieben, als wären es Instrumente eines Ensembles, romantisch schwelgend, hier durch Biesemans besonders warm, lebendig und schwelgerisch registriert und voller Freude am Spiel ausgeführt.

Camille Saint-Saëns‘ Fantaisie et Fugue  no 1 en mi bémol majeur ist ebenfalls ein Prachtwerk der französischen Orgel-Romantik, in dem die Grenzen zwischen geistlicher und weltlicher Musik verschwinden, als wären sie eine flirrende Luftspiegelung über dem Peitlerkofel. Es fehlt bei diesem französischen Katholiken das Bewusstsein beständiger Schuldhaftigkeit, welches Bachs g-moll-Phantasie durchzieht.

Sofia Gubaidulinas „Hell und dunkel“ war deutlich erkennbar die Klangachse des gesamten Abends. Wuchtig und dumpf erschollen nach dem B-dur-Werk von Saint-Saëns die neun Schläge der Stundenglocke des Doms, ein kleines Kind fing zu lärmen, zu zwitschern und greinen an – oder war dies schon der Beginn des Orgelsolos von Gubaidulina gewesen? Es war nicht eindeutig zu hören.  Coincidentia oppositorum, ein Zusammenfallen von Kind und Mann, von Dunkel und Hell, wie es den Brixner Bischof Nicolaus von Kues sicher erfreut hätte!

Dieses Zusammentreffen von Kinderwelt und Orgelwelt gehört zu jenen ungeplanten Zusammenkünften, die diesen Orgelabend mit Els Biesemans zu einer echten Sternstunde nicht nur in den Ohren des hier Schreibenden werden ließen. Die Pirchner-Orgel konnte unter den Händen der aus Belgien stammenden Organistin ihre ganze Klangfülle, ihren geradezu abenteuerlichen Klangreichtum voll ausfahren. So erschütterten mich insbesondere die Clusterfügungen, von Gubaidulina mit den bekannten „Balkendiagrammen“ vorgezeichnet. Es war ein Knurren und Belfern, eine unerhörte Erschütterung, ein Rückfall ins Animalische, das hier das Register „Vox humana“ ausströmte! Nie zuvor habe ich derartige extreme Grenzbereiche des Orgelklanges hören können, auch nicht bei dem gewiss um abenteuerliche Klangexperimente nicht verlegenen Cameron Carpenter.

Nicht zufällig baut Gubaidulina ihren Satz auf der Reibung der kleinen Sekunde auf – also jenes Intervalls, das Bach bereits in der g-moll-Fuge als beständigen Kontrapunkt b-a und g-fis verwendet hatte. Schneidend klangen am Anfang die nächstverwandten Töne zusammen wie zwei verfeindete Brüder, die sich erst nach und nach versöhnten im Ohr des Zuhörenden. Aus Dissonanz wurde – Konsonanz, eine Versöhnungserfahrung, die Gubaidulina hier in Töne gefasst hat.

Franz Liszts Die Vogelpredigt des heiligen Franz von Assisi, dargeboten in dem durch Saint-Saëns besorgten Arrangement für Orgel, wirkte nunmehr wie ein erfrischendes Atemholen, ein liebliches Turteln und Girren der Vögel von der Herrlichkeit der Schöpfung, denen Franz von Assisi hingegeben lauschte. In dieser Interpretation waren es die Vögel, die dem Menschen die Ohren öffneten für eine Grundstruktur, eine von innen herausbrechende Schönheit, die der Prediger gewissermaßen nachbuchstabierte.

Johann Sebastian Bach entließ uns dann versöhnungsgewiss, fast triumphierend und fröhlich mit Präludium und Fuge D-dur BWV 532  in den weichen, sonnenwärmegetränkten Vorplatz des Brixner Doms.

Els Biesemans gestaltete souverän, uneitel und spielerisch-meisterhaft an der unglaublich reichen, unglaublich modernen und erstaunlich warm-romantischen Pirchner-Orgel im Brixner Dom einen lange nachhallenden Abend. Die Zusammenstellung ihres Programms enthüllte sich als geniale Verbindung von 6 Werken oder 6 Tagen, die im Laufe des Konzerts zusammenwuchsen, miteinander sprachen, einander verdunkelten und erhellten. Der siebte Tag, an dem das Ganze vollkommen werden soll, das werden wir selbst sein. Dieser siebente Tag ist Els Biesemans‘ Geschenk an Brixen, an uns, das dankbare und glückliche Publikum des Abends, ein Vorgriff auf eine lichtdurchflossene, schönheitsdurchflutete Erde, in der das Dunkle, das Grimmige  nur als vorübergehende Verdunkelung des Hellen vorüberhuscht und sich dann in die Berge trollt, aus denen es hervorgekrochen. Dies septimus nos ipsi erimus, so sagt es Augustinus. Dieses Konzert ließ sich ohne weiteres als ein einziges Werk „durchhören“, wobei Bach das Portal und den Abschlussakkord setzte und Gubaidulina die Zeitachse in die Gegenwart verlängerte, ja in die Zukunft  hinein weiterzeichnete.

Die Reihe Brixner Orgelkonzerte wird am 14. August 2018 unter dem Titel „Organa brixiniensia“ um 20.00 Uhr fortgesetzt. Das Hingehen lohnt sich in jedem Fall, wie dieser glückhaft gelungene Abend mit Els Biesemans nachhallend und nachdrücklich bewiesen hat.

 

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Ein Europäer von echtem Schrot und Korn

 Sprachenvielfalt, Südtirol  Kommentare deaktiviert für Ein Europäer von echtem Schrot und Korn
Aug 252017
 

„franczoisch, morisch, katlonisch vnd kastilian,
teutsch, latein, windisch, lampertisch, Rewsisch vnd roman –

dy zehen sprach hab ich gepraucht, wann mir zeran;
auch kond ich fidlen, trummen, pauken, pheyffen.
Jch hab umbfaren Jnsel und aren, manig land
auff scheffen gros, der ich genos von sturmes bant“

 

Also hast gesprochn vnd gsunga, du guter fidler und gesell,
sänger, landfahrer, kämpfer, komödiant
mir ham di erscht neili bsucht an deiner alten stell,
burg hauenstein ist sie genannt,
von dort hobm mir geschaut ins ganze land,
nunter auf di alm nach Seis, auffi zu die kofelspitzen,
mit schrofengelände und felsenritzen,
fiari nach sankt Valentin zur rechten hand,
und nachert hamma do no gsessn,
und ham die kaminwurzn alle gessen.

des ohngeacht
hamma vui glacht
oba freili, neili,
gschumpfn host a no wiara teifi.

 

Zitat: Oswald von Wolkenstein: „ES fugt sich, do ich waz von zehn Jarn alt“. In: Gedichte 1300-1500. Nach Handschriften und Frühdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Eva und Hansjürgen Kiepe [=Epochen der deutschen Lyrik, hg. von Walther Killy, Band 2] dtv, Wissenschaftliche Reihe, München 1972, S. 193-197, hier S. 194

Bild: Blick von der Burgruine Hauenstein, zu einem Drittel im Besitz Oswald von Wolkensteins, auf das Dorf Seis, Aufnahme vom 16.08.2017

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Von der Freiheit des Absprungs

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Aug 182017
 

Auf dem Anstieg zum Speikboden, einem bekannten Berg im Ahrntal, bestaune ich in etwa 2200 Meter Höhe gebannt die Vorbereitungen der Gleitschirmflieger. Wie sie sorgfältig ihre wulstförmigen Schirme ausrollen, wieder und wieder die Leinen überprüfen und richtig legen. Wie sie regelmäßig hinüber schauen zum gleichmäßig im Wind flatternden Fähnchen. Eine junge Frau probt wieder und wieder den Anlauf und bricht dann mehrfach ab. Zur gleichen Zeit erheben sich mehrere Flieger geradezu mühelos in die Luft. Erheben? Nein, sie lassen sich fallen, sie gehen ein paar Schritte und lassen sich dann hineinfallen ins Meer der Luft wie ein Schwan sich ins Wasser eines Teiches gleiten lässt, um dann gelassen, sicher und gleichsam mit einem grüßenden Lächeln seine Kreise zu ziehen.

Acht Gleitschirmflieger schweben schon dahin. Nach wenigen Sekunden erreichen sie eine Thermikzone. Jetzt beginnen sie in immer erneut wiederholten Kreisen den Aufstieg. Höher und höher fliegen sie. Sie umrunden uns, sie schauen schon auf uns herab.

Nun hat auch die junge Frau den Absprung geschafft. Sie findet die Freiheit des Absprungs. Aus dem krächzenden Mikrophon ertönt die Stimme ihres Betreuers oder Lehrers. Und schon ruht sie sicher in der Luft, als hätte sie dieses Fliegen, dieses Gleiten, dieses königliche Schwimmen nie lernen müssen.

Ein grandioses Schauspiel, das die Fliegenden mit ihren bunten Schirmen uns bieten! Vergleichbar dem Mobile in einem Kinderzimmer, wo beim Einschlafen bunte Fische hin und her schwimmen.

Ahrntaler Flieger, ich danke Euch!

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Macht des Wassers

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Aug 062017
 

Der Eisack tobt mächtig durch sein enges Bett. Unaufhörlich strömt Welle auf Welle, einzelne Inseln werden abgetrennt, werden vom Wasser umschnürt. Wie lange werden sie halten?

 

 

 

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Griaß enk!, oder: Losts enk net übern halen Gupf zu die Fockn in Lettn werfn

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Sep 032016
 

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Jedem Kenner und Liebhaber der deutschen Sprache muss das Herz im Leibe lachen, wenn er das Gespräch mit den Einheimischen in Südtirol sucht. Kaum zu glauben, dass uralte, im heutigen normierten Hochdeutschen längst geschwundene Formen aus dem alten Kernbestand jeder Sprache – etwa Personalpronomina – dort in der Gegend von Brixen und Bozen heute noch verwendet werden!

Nicht nur einmal begegnete es uns auf Bergeshöhn, wenn wir wieder einmal einen halen Gupf erkletterten, dass wir von ganz jungen Leuten mit „Griaß enk“ begrüßt wurden. „Enk“, das ist eine Form, die mich meine aus Berchtesgaden stammende Mutter sel. noch lehrte! Eine alte, im Althochdeutschen auch noch schriftlich belegte Form für „Euch“, wobei „enk“ den Dativ oder Akkusativ des altbairischen Personalpronomens „es“ bildet, das seinerseits ursprünglich die Dualform der 2. Person Plural bildete! In uralten Zeiten verwendete man „es“ und „enk“ also, wenn man zwei und nur zwei Personen anredete.

Die Südtiroler Mundarten sind äußerst klangvolle, in Satzmelodie und Lautgebung farbenprächtige Spielarten des Deutschen. Von fern gehört, erinnern sie mich in musikalischer Hinsicht in dem melodiösen, oft leicht singenden Tonfall an die Spielarten des Italienischen in Welschland, die ich vor wenigen Monaten im Tal des bergamaskischen Brembo, nur wenige Alpentäler entfernt, an den Tischen  der Wirtshäuser hörte.

Zum Nachlesen und Vertiefen habe ich zwei Bücher mit nachhause gebracht, einen äußerst spannenden Südtirol-Krimi aus dem zwielichtigen Milieu der Spitzengeiger dieser Welt – sowie als wissenschaftliche Begleitung ein Wörterbuch der Südtiroler Mundarten.

Vorerst mag jeder sich an folgender Kostprobe des Deutschen, wie es etwa in Bozen gesprochen wird, die Zähne ausbeißen; sie findet sich am Schluss des genannten Krimis von Robert Adami:

Wenn mir der Graf schlutzig kimp, nor wird der Onkel Theo sierig und wirft nen oi über den haalen Gupf zu die Fockn in Lettn.

Nachweise:

Robert Adami: Der Zwerg im Berg und die Geigerin im Sarg. Kriminalkomödie. Verlagsanstalt Athesia, Bozen 2014, hier bsd. S. 188
Hans Moser: Wörterbuch der Südtiroler Mundarten. In Zusammenarbeit mit Robert Sedlazcek. Athesia-Tappeiner Verlag Verlag, Bozen 2015, hier S. 65

 

Bild: Auf der Wanderung von Neustift über Schalders zu den Schrüttenseen (1957 m), Blick von einem halen Gupf nach Norden vom Nockbach aus, 14.08.2016. Auf dieser Wanderung (ca. 1500 Höhenmeter) hörte ich das „Griaß enk“ erstmals

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Maria hat geholfen

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Aug 242016
 

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Touristische Erörterungen durfte ich mir anhören an Mariae Himmelfahrt bei einem festlichen Feldumgang durch die Weinberge des Augustiner-Chorherrenstifts Neustift: 2 italienische Männer sprechen zum Singen und Beten der Gemeinde deutlich und laut neben mir über die Anfahrt, die Staus auf der Autobahn usw., 2 deutsche Frauen sprechen hinter mir verstohlen, aber laut genug über all das, was „durch die Bibel einfach nicht gedeckt“ ist an Mariae Himmelfahrt. Hier hilft mir das wenige Italienisch, das ich kann. Unhörbar für fast alle denke ich: „… ma per grazia di Dio, potete chiudere il becco, solo un attimo …  “ Und … es hilft ihnen! Maria hat ihnen geholfen. Sie verstummen nach und nach.

Andere, himmelnähere Gefilde sind das in Südtirol als hier in Berlin  – aber doch derselbe Himmel, dieselbe Erde, dieselbe Maria!

Bild: Blick auf das Dorf Klausen im Eisacktal, 15. August 2016,  der Blick Albrecht Dürers

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Er kommt von weit her – der Mann aus dem Eis

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Aug 232016
 

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Bozen, den 10. August 2016

Heute besuchten wir das Südtiroler Archäologiemuseum. Was man von der Geschichte und den Hinterlassenschaften des „Mannes aus dem Eis“ nur hat finden können, ist dort zusammengetragen und in vorbildlicher Weise für uns Heutige aufbereitet.  Wir konnten gar nicht genug verweilen an all den Beifunden, dem Fellmantel, den Beinkleidern, der Gürteltasche, dem Lendenschurz, den Schuhen, der Fellmütze.  Der Emmer, auf italienisch farro genannt – diese frühe Vorform unseres heutigen Weizens – weckte unsere besondere Neugier. Ötzis letzte Mahlzeiten umfassten tatsächlich auch den wilden Emmer, der als Einkorn in unseren Jahren erneute Genießer unter der Öko-Bewegung findet.

Ein letztes, nie zu enträtselndes Schaudern, ein Geheimnis umgibt und wird auf immer umgeben die Person selbst, die wir bei einem kurzen, respektvollen Innehalten vor der ewigen Kühlkammer bei -6° C ins Auge fassen durften.

Die Brüder Kennis & Kennis aus den Niederlanden haben im Auftrag des Museums eine naturalistische Rekonstruktion Ötzis angefertigt. Das Foto oben zeigt diese Nachbildung.

In der Nachbereitung ergeben sich tiefe Einblicke in die Frühzeit des Menschengeschlechts. Die mittlere Kupferzeit, welche auch aufgrund dieses Fundes, 1991 spektakulär zutage getreten in den Höhen des Tisenjoches in den Ötztaler Alpen, um 1000 Jahre nach vorne datiert werden musste, war zwar in Europa noch schriftlos; es gab noch keine staatenförmigen Gebilde, keine „Hochkultur“ wie etwa in den gleichzeitg aufblühenden Reichen Mesopotamiens oder etwas später auch im Alten Ägypten.

Aber der Mann aus dem Eis kündet doch von einer viel höheren Mobilität im Alpen- und Voralpenraum, als man zu vermuten geneigt war.  Die materielle Kultur, die Vielfalt an Geräten und Gegenständen des Bedarfs war weiter vorangeschritten, als man bis 1991 glaubte.

Diese Zeit, also das 4. Jahrtausend v. Chr. ist augenscheinlich in Europa eine „Jochzeit“ am Übergang vom bloßen Jagen und Sammeln zum Sesshaftwerden, zur Viehzucht, zum Anhäufen von Besitz und Reichtum.

Die Bibel setzt übrigens in genau diese Zeit – in die Kupferzeit also – das erste große Gewaltverbrechen der Menschheitsgeschichte, den großen Zivilisationsbruch, nämlich die Ermordung Abels durch Kain. Ein Brudermord, der motiviert wird durch das Gefühl ständigen Benachteiligtseins, unter welchem Kain, der Ackerbauer litt. Denn Gott ließ auf seinem jüngeren Bruder Abel, dem Schafhirten, größeres Wohlgefallen ruhen!

Ist es Zufall, dass der zeitgleich mit der Geschichte von Kain und Abel lebende Mann aus der mittleren Kupferzeit, genannt Ötzi, ebenfalls einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel? Reizte wohl gar seine erstklassige Ausstattung mit Fellen, Beinkleidern, einer herrlichen, damals hochmodernen Kupferaxt, einer vortrefflichen Reiseapotheke, den Neid und die Habsucht bei demjenigen, der ihn tötete?

Kajin (hebräisch) oder Kain (griechisch) ist auch Bestandteil des Namens des ersten Schmiedes, von dem die Bibel erzählt: Tubal-Kajin.

Warum Gewalt? Warum Neid? Warum Hass?

Jeder kann hier weiterdenken! Aus drei unterschiedlichen Werken –  dem ausgezeichneten Bozener Museumsführer [=Ötzi], der Jerusalemer Bibel [=Jerus. Bibel] und dem neuesten Plötz [=Ploetz] –  seien zu diesem Zweck nachfolgend einige Daten zum geschichtlichen Umfeld Ötzis tabellarisch samt Quellenangabe wiedergegeben:

9000-3500 v.Chr.:
Jungsteinzeit. Neue Lebensweise durch Übergang vom Suchen und Sammeln von Nahrung zu Nahrungsgewinnung durch Pflanzenanbau und Tierhaltung [Jerus. Bibel]

3500 v. Chr.: Abel und Kain, Genesis 4,2 [Jerus. Bibel]

Ca. ab gegen 4000 bis ca. 2000 v. Chr.:
Kupferzeit Europas, immer mehr bergmännisch gewonnenes und verarbeitetes Kupfer nachweisbar, Kollektivbestattungen, „Chamer Gruppe“ [Ploetz, S. 39, S. 45]

4000 v. Chr.
Megalithgrabbestattung in Westeuropa. Besiedelung Alaskas durch Eskimos [Ötzi]

4000-3100 v. Chr.:
Kupfersteinzeit im alten Orient.Gewinnung von Metall (Kupfer). Anfänge der Schrift. Sumerische Schrifttafeln von Uruk, Buch Genesis 10,10 [Jerus. Bibel]

um 3600-3100 v. Chr.:
späte Urukzeit, Erfindung der Keilschrift [Ploetz, S. 80]

um 3500 v. Chr.:
Tubal-Kajin, Vater der Schmiede Gen 4,22 [Jerus. Bibel].
Beginn der Kupferzeit in Mitteleuropa; Beginn der Bronzezeit in Vorderasien, Entstehung der ersten Stadtstaaten in Mesopotamien [Ötzi]

ca. 3300 bis 2800 v. Chr.:
Mittelkupferzeit im westlichen Mitteleuropa, Kupferreviere zwischen alpinem Inn und Enns [Ploetz S. 45]

Um 3350 v. Chr. bis 3100 v.Chr.:
In den Alpen lebt Ötzi, der Mann aus dem Eis [Ötzi]

Um 3000 v. Chr. Reichseinigung unter dem ersten ägyptischen Pharao Menes; Entwicklung der Hieroglyphen; Kultivierung von Reis in China [Ötzi]

Nachweise:

Neue Jerusalemer Bibel [=Jerus. Bibel]. Herder Verlag Freiburg Basel Wien, 1. Auflage der Sonderausgabe 2007, hierin: „Zeittafel“, S. 1811

Angelika Fleckinger: Ötzi, der Mann aus dem Eis [=Ötzi]. Alles Wissenswerte zum Nachschlagen und Staunen. Südtiroler Archäologiemuseum. Folio Verlag Wien – Bozen, 8., aktualisierte Auflage 2016, hierin bsd.: „Zeitleiste“, hinterer Klappumschlag

Der große Ploetz [=Ploetz]. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte. 35. Aufl., Komet Verlag, Köln 2008

 

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„Sed libera nos a malo … ma non subito, ti prego!“ La verità di Adamo

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Feb 082016
 

Novacella 20150725_125432

„Uprzedzenia są pomocą przy poznawaniu obcych rzeczy, porozumiewamy się poprzez stereotypy“, „i pregiudizi ci aiutano a capire le cose strane, noi c’intendiamo attraverso i stereotipi“, dice Adam Krzeminski, noto giornalista polacco.

Adamo ha ragione! Mi fa pensare ad una visita guidata cui partecipai pochi mesi fa nell’abbazia agostiniana di Novacella nei pressi di Bressanone, diretta con grande abilità ed una buona dose di humour da una guida italiana molto esperta e molto divertente. Eravamo arrivati nella magnifica biblioteca del convento. Guardammo con stupore una delle tanto discusse lettere d’indulgenza del primo Cinquecento, un esemplare autentico in stato di perfetta conservazione, e di provenienza germanica.

Chi sa per quale motivo il discorso cadde, oltre che su Lutero, anche sulla figura di Sant’Agostino. La signora ci chiese scherzosamente: „Siamo in un convento agostiniano. Ma voi sapete chi era Sant’Agostino?“ Grande annuire con un cenno del capo: Sì, lo sapevamo tutti. „Giusto per ricordarvi: Era colui che diceva, secondo un famoso aneddoto: Sed libera nos a malo … ma non subito, ti prego Signore.“ Immaginatevi che bella risata che facemmo!

È vero quell’aneddoto? Io direi: Se non è vero, è ben trovato. Può comunque illustrare una certa tendenza alla flessibilità nell’interpretazione delle regole ferree che – come qualcuno dice – è una caratteristica dei nostri amici europei al sud delle Alpi. Una guida polacca, per osservanza del decoro e rispetto della religione, probabilmente non avrebbe raccontato quella barzelletta spiritosa sul grande teologo e vescovo di origine berbera.

E così è provata e comprovata per l’ennesima volta la verità di Adamo (oltre che di Agostino): Uprzedzenia są pomocą przy poznawaniu obcych rzeczy, porozumiewamy się poprzez stereotypy!

Foto: L’Abbazia di Novacella, luglio 2015

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Misère de l’Europe sans Dieu. Michel Houellebecqs Unterwerfung

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Aug 202015
 

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Die am letzten Samstag erfahrene Begegnung mit dem stummen geheimnisvollen Leser von Houellebecqs Soumission in der Eisenbahn nach Jacobsthal  und dann die Busfahrt nach Müllrose ermunterten mich, dieses Buch selber in 2 Tagen durchzulesen. Um es gleich zu sagen: Ich halte es für ein großes, ein geniales, ein wichtiges, dunkel strahlendes Buch. Eine blühende Rose im Müll! Eine politische Satire, bei der man häufig laut auflachen muss, ein groteskes, allzuwahres Portrait einer Gesellschaft ohne Gott, eines Europa ohne Geist.

Misère de l’homme sans Dieu, misère de l’Europe sans l’Esprit!

In seinem Sog erlebte ich Neugier, Erwartung, Trauer, Schmerz. Im Zentrum steht die Suche eines nur in sich selbst verstrickten Menschen nach dem Du, die Verzweiflung eines im Ich gefangenen Menschen ohne Gott, der die Annäherung Gottes verzweifelt sucht und der den sich annähernden Gott dann ausschlägt. Er – und mit ihm die ganze Gesellschaft – unterwirft sich ersatzweise einer trügerischen Gewissheit in der Unterwerfung unter eine halbverstandene bequeme Religion, die ihm Macht, Wohlstand, Frauen, Reichtum und Ewigkeit verheißt.

Zentral für diese Deutung ist also nicht die Politik, sondern die Religion, genauer: das in der Mitte des Buches stehende Erlebnis  einer versuchten Begegnung mit Maria. Houellebecq schreibt: „La Vierge attendait dans l’ombre, calme et immarcescible. Elle possédait la suzeraineté, elle possédait la puissance, mais peu à peu je sentais que je perdai le contact…“ – „Die Jungfrau wartete im Schatten, ruhig und unverwüstlich. Sie strahlte eine gesammelte Hoheit aus, eine bannende Macht, aber nach und nach spürte ich, dass ich den Kontakt verlor.“

Der Betrachtende kommt in Rocamadour jedoch nicht aus seinem reichen kulturellen Wissen über das „Christentum“ heraus. Er weiß zu viel über das Christentum. Ständig schiebt sich das Christentum vor Jesus Christus. Das ganze europäische Christentum versperrt ihm die Begegnung mit dem nächsten Menschen und folglich auch mit Jesus. Er ist nicht bereit, sich auf Maria und Jesus einzulassen. Ihm schwirren beständig Nietzsche, Péguy, Huysmans, Huizinga, das „christliche Mittelalter“, sein gesamtes historisches und politisches Wissen und Herr weißt-du-denn nicht und Frau hast-du-nicht-gelesen durch den Kopf. Sein Kopf ist voll, sein Herz ist leer. Er WUSSTE ZUVIEL. Sein Wissen trennt ihn von sich selbst und von den anderen Menschen, insbesondere von seiner Freundin Myriam, die ihn verlässt und nach Israel übersiedelt. Myriam? Das wäre ja seine Maria für ihn gewesen. Maria ist ja in Myriam. Gespenstisch!

Beklemmend ist auch das völlige Fehlen von Kindern im gesamten Buch. Der unfertige Mensch, der kleine Mensch, das ungeborene Buberl, das sich in der Begegnung zwischen der Base Elisabeth und Maria durch ein Hüpfen bemerkbar macht – das KIND interessiert dieses ICH nicht. Selbst in Jesus vermag er nur den erwachsenen Mann zu sehen. Er sieht nicht das Kind.

Das ICH verweigert sich dem DU. Der Erwachsene verweigert sich dem Kind. Der Mann verweigert sich der Frau. Der Sohn verweigert sich dem Vater.  Der Vater verweigert sich dem Sohn und stirbt, ohne dass die beiden sich vor dem Tod je wiedergesehen hätten. Der Mensch verweigert sich dem Menschen. Darin sehe ich die Tragik in diesem von der ersten bis zur letzten Seite inspirierten, genialen, komischen, satirischen, zum Totlachen lustigen und lächerlich traurigen Buch.  Eine glasklare, messerscharfe Analyse unserer EU-Gesellschaften. Unbedingt empfehlenswert!

Aus der Verweigerung des Du entspringt sekundär der Impuls zur Unterwerfung unter ein fix und fertiges Lehrgebäude, wie es der Islam dem Frankreich des Jahres 2022 zu bieten scheint. Ist also alles zu spät? Ist der Zug auf der Müllhalde der europäischen Geschichte abgefahren?  Die Europäische Union scheint ja mittlerweile ihre Ersatzgewissheit nicht in der Unterwerfung unter den Islam, sondern in der Monetären Union, im verehrten Euro gefunden zu haben. Und was gibt es sonst noch?

Bei einer Wanderung in Südtirol bestieg ich vor wenigen Wochen von Vahrn im Eisacktal hochwandernd die Karspitze. Nach drei Viertel des Wegs machte ich Rast auf der Ziermait-Alm. Dort sah ich eine kleine Marienstatue. Kunstgeschichtlich sicherlich unbeachtlich. Sie steht in keinem Reiseführer. Und doch – wie schön!

La Vierge attendait dans l’ombre, calme et immarcescible. Elle attendait, et elle attend toujours.

Nachweis:
Michel Houellebecq: Soumission. Paris, Flammarion 2015, hier bsd. S. 164-170
Bild: Maria auf der Ziermait-Alm

 Posted by at 18:47