Dez 202017
 

„Wer ist schuld? Erst wurden die Deutschen bezichtigt, unser äußerer Feind, dann der Zar, dann der Bolschewik, der Jude – enden wird der Krieg, wenn es heißt: Ich bin schuld.“

So schreibt es Michail M. Prischwin am 21. Februar 1918 in sein Tagebuch. Diese Sätze, so meine ich, drücken eine tiefe Wahrheit aus. Sie lassen sich zweifellos auf andere Länder übertragen. Diese Wahrheit gilt auch für unsere Zeit.

Zitiert nach:
1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017, S. 105

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Jun 052017
 

Keine schändlichere Todesart kannte das Römische Reich als die Kreuzigung. Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus, schreibt Cicero in seiner noch heute sehr lesenswerten Gerichtsrede Pro C. Rabirio. Die Kreuzigung galt – so geht aus dieser Rede hervor –  im römischen Strafrecht als besonders schmachvoll und entehrend. Keinem römischen Bürger – fordert Cicero – solle sie auch nur ansatzweise zugedacht werden, sie beraube ihn jeder Freiheit.

Für Sklaven, Aufrührer, Kapitalverbrecher und unterlegene Feinde galt zur Zeit Jesu die Kreuzigung als die Strafe der Wahl. Das Kreuz war zu Zeiten Ciceros und Caesars das Denkmal der Schande.

Als Denkmäler ihrer eigenen Schande (monuments to their own shame) bezeichnete zu recht Neil MacGregor, einer der drei Gründungsintendanten des Berliner Humboldt-Forums, die zahlreichen Mahnmale, mit denen die Deutschen der im deutschen Namen ermordeten Menschen gedenken; das bedeutendste unter ihnen ist zweifellos das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das sich nur einen Büchsenschuss vom neuen Humboldt-Forum entfernt befindet.

Was Neil MacGregor völlig zutreffend als Denkmäler der Schande bezeichnet hat, die kennzeichnend für den Umgang Deutschlands mit eigener Schuld seien, das ergänzt nun ein anderer Gründungsintendant des Humboldt-Forums, Horst Bredekamp, um ebenso zutreffende Betrachtungen zur kulturgeschichtlichen Bedeutung des Kreuzes. Auch das Kreuz ist ja ein Mahnmal der Schuld, ein Denkmal der Schmach, ein Symbol der Scham. Das Kreuz ist das überragende Denkmal der Schande des Menschen. Im Kreuz Jesu Christi erblickt der Mensch seine tiefste Erniedrigung. Das Kreuz ist für die Menschen ein Mahnmal ihrer eigenen Scham – a monument to their own shame.

„Kreuzige ihn“, dieser Ruf, in den wir alle einstimmen, wenn wir etwa die Matthäuspassion J. S. Bachs oder die Johannespassion von Thomas Mancinus singen, dieser Ruf führte mir erst vor wenigen Wochen im Karfreitagsgottesdienst wieder einmal in der Schöneberger Kirche St. Norbert vor Ohren, was damit gemeint ist: Wir alle haben diese Möglichkeit des Rufes nach Kreuzigung in uns. Wir alle haben das Zeug in uns, einen Menschen zu kreuzigen. Deshalb ist es richtig und sollte auch von allen Dirigenten so empfohlen werden, dass der Chor dieses „Kreuzige ihn“ mit Macht, mit teuflischer Lust an der Grausamkeit zu singen hat.  Gerade das Knirschen der beiden Konsonanten K und R ist aufs schärfste herauszuarbeiten! Es muss gleichsam in der Seele des Sängers knirschen und krachen. Es muss weh tun. Nietzsches Gott ist tot: ich, ihr, wir haben ihn getötet, Bachs Ich bin’s, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen, diese nur scheinbar wahnsinnigen Schuldbekenntnisse drücken nichts anderes aus als den rituellen, symbolischen Nachvollzug der Gottestötung.

Der christliche Glaube ermöglicht im Zeichen des Kreuzes jedem Menschen, die schlimmsten aller Verbrechen, deren Anlagen in uns schlummern, ritualisiert nachzuvollziehen oder vielmehr vorwegzunehmen und sich dadurch vom Bann des Verbrechens zu befreien. „In der Tat, dies waren grausame Verbrechen. Und das schlimmste ist: Ich hätte sie ebenfalls tun können! Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite ich gestanden hätte.“

Einen Augenblick lang – so meine ich – muss sich jeder Chorsänger in den Turba-Chor hineinversetzen. Er muss nachfühlen können, weshalb die Menge den Tod Jesu verlangt hat. Stärker noch: Er muss selbst den Tod Jesu am Kreuz verlangen. Und diese Einsicht führt zu einem dauernden, verstörenden Selbstzweifel.

Dieses Gefühl des äußersten Selbstzweifels, des in einem aufgerichteten Kreuzes, ist ein Grundzug der europäischen Leitkultur nach Golgatha. Diese eigene Schuldhaftigkeit zu erkennen, sich durch sie hindurchzuarbeiten, entfaltet eine verwandelnde Wirkung. Denn diese Erfahrung ist kein letztes. Es geht ja weiter!

Man mag diesen Selbstzweifel verwerfen, man mag diese radikale Selbstbefragung durch Entfernung aller Kreuze baulich ausmerzen. Man mag sagen: „Hurra, wir haben ja den Euro, wir kämpfen unermüdlich für die Geschlechtergerechtigkeit, wir haben den Klimavertrag, wir retten unaufhaltsam die Mutter Erde durch den Vertrag von Paris. Wir sind die Guten! Hurra, danke, dass wir nicht so sind wie diese da, all die pöbelhaften Plebejer!“

Dann hat man aber auch mit dem Kreuz einen Kern der europäischen Kultur baulich und symbolisch ausgemerzt. Man bewirkt das, was ich nicht umhin komme als Repaganisierung oder besser Entkernung der Leitkultur zu bezeichnen.

Belege:

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Horst Bredekamp: „Das Kreuz ist der aufgerichtete Zweifel an sich selbst“. Die Welt, 04.06.2017
https://www.welt.de/kultur/article165221092/Das-Kreuz-ist-der-aufgerichtete-Zweifel-an-sich-selbst.html

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Mai 082017
 

„Ich respektiere sie … Pfeifen Sie sie nicht aus!“ Das ist der Unterschied zwischen einem nur großartigen und einem wahrhaft großen Redner. Die Ansprache des neugewählten französischen Präsidenten ist ein weiterer Beleg für die Tugenden des persönlichen Mutes, der Wahrheitsliebe, des Anstandes, der Zuversicht. Dies zeigt sich in jedem seiner Worte, von denen einige sicherlich zu erwarten waren, es zeigt sich aber vor allem in seiner vermutlich ungeplanten, nicht vorgefertigten Verteidigung derjenigen, die gegen ihn gestimmt und gegen ihn gekämpft haben.

„Ne les sifflez pas!“, sagt er, als seine Anhänger die Gegenkandidatin und deren Wähler ausbuhen.

Er verbittet sich die Beschimpfung und Verhöhnung seiner unterlegenen Gegnerin. Das ist vorbildlich, was Emmanuel Macron hier zeigt, sich gegen die Verteufelung, Kriminalisierung, Beschimpfung der Populisten zu verwahren. So etwas bräuchten wir in Deutschland auch. Es täte uns dringend not.

Ansonsten hervorzuheben – ungewohnt für deutsche Ohren und Augen, so in Deutschland ebenfalls undenkbar:  Erstens, das Fahnenmeer der Trikolore mit den Nationalfarben. Zweitens, der stete Bezug auf die Nation, auf den Nationalstaat Frankreich; der Nationalstaat ist und bleibt weiterhin jenseits des Rheins der entscheidende Bezugsrahmen; nur wer ja sagt zu Frankreich, ja zur Republik, der kann auch ja zu Europa, ja zur Welt sagen. Der Einsatz für die eigene Nation wird eingebettet und überwölbt vom Einsatz für Europa, für die Welt.

https://www.tf1.fr/tf1/elections/videos/discours-d-emmanuel-macron-louvre.html

 

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Apr 052017
 

Gutes, dankbares, weidliches Nachblättern im Sündenbock, den uns René Girard geschenkt hat!  Dieser Autor ist einer der wenigen Kulturwissenschaftler unserer Jahre, die es wirklich auf sich genommen haben, die Evangelien genauestens anzuhören, sie wieder und wieder zu lesen, im griechischen Original ebenso wie in den verschiedenen modernen Sprachen. Er empfiehlt sogar, mithilfe des Sich-Versenkens in den Wortlaut der Evangelien andere Sprachen von innen zu erkunden, wenn er sagt:

Quand on connait les Évangiles, leur traduction dans une lange inconnue est un excellent moyen de pénétrer, à peu de frais, dans l’intimité de cette langue.

Zentral ist bei diesem Bemühen für Girard die Passionserzählung, insbesondere in der Fassung des Johannes, des vierten Evangelisten; ihr widmet er zwei ganze Kapitel seines Büchleins. Die Verurteilung und Hinrichtung Jesu deutet Girard als den Widerhall, die Überbietung, die Zusammenfassung und die Überwindung aller bisherigen Opferungen.

Hart in der Nähe des weltberühmten Mahnmals,  mit dem deutsche Erinnerungskultur sich ein Denkmal gesetzt hat, fügen wir noch einige unvorgreifliche Gedanken an, die sich aus einigen Gesprächen mit Holocaustforscherinnen und -forschern meiner Bekanntschaft ergeben haben:

Das übliche, in der judengriechischen Bibel, der Septuaginta hunderte Male vorkommende Wort für die ganzkörperlichen Opfer ist der Holokaust, die Holokausts (meist im Plural ὁλοκαυτώματα / holokautomata verwendet). Wer hätte das gedacht, dass die prophetischen Bücher der jüdisch-griechischen Bibel so oft von den Holokausts sprechen und den ständigen, zunehmend trivialisierten Bezug auf die Holokausts wieder und wieder verwerfen und zurückweisen!

Hier nur ein Beispiel für viele mögliche andere, entnommen  aus Buch Amos 5:

21μεμίσηκα ἀπῶσμαι ἑορτὰς ὑμῶν καὶ οὐ μὴ ὀσφρανθῶ ἐν ταῖς πανηγύρεσιν ὑμῶν·

22διότι καὶ ἐὰν ἐνέγκητέ μοι ὁλοκαυτώματα καὶ θυσίας ὑμῶν, οὐ προσδέξομαι αὐτά, καὶ σωτηρίου ἐπιφανείας ὑμῶν οὐκ ἐπιβλέψομαι.

Wir halten fest: Mehrfach hat er sich in den Schriften des Judentums über den Mund der Propheten (etwa Amos, etwa Jeremias) beschwert, dass die Menschen ihm mit ihren Holokausts in den Ohren lägen. Ich mag eure Holokausts nicht mehr, ich kann sie nicht mehr riechen, spricht er.

Nach diesem Tod Jesu, so die Deutung, die bereits der Brief an die Hebräer vorgeformt hatte, werden vollends nicht nur die ritualisierten Tieropfer entbehrlich, vielmehr wird jedes weitere ganzkörperliche Opfer überflüssig; kein einzelner muss mehr sterben, damit das Volk leben kann. Das Leiden als solches um eines höheren Zieles willen ist nichts, womit man Gott beeindrucken könnte.

All die Opfer, mit denen die Menschen Gott in den Ohren liegen, werden nach Golgatha überflüssig.  Das Geschehen am Golgatha ist das letzthinnige Opfer; danach wird der Opfergedanke entkräftet; kein Mensch soll mehr geopfert werden, kein Mensch soll mehr sterben für ein größeres Ziel; Gott will keine ganzkörperlichen Opfer mehr! Wir werden vom Gedanken der Opferung befreit oder erlöst, wobei Befreiung und Erlösung häufig als Synonyme auftreten.

Nur noch die Erinnerung an das letzthinnige Opfer, der ritualisierte, symbolische Nachvollzug, der bleibt, in der Sprache, in den Sprachen, im Wort, in den Künsten, im Gespräch.

 

René Girard: Le Bouc émissaire. Grasset, Paris 1982; darin insbesondere: Les maîtres mots de la passion évangélique, S. 151-167; Qu’un seul homme meure…, S. 167-186. Zitat hier: S. 227

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Jan 242017
 

I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame„, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: „Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet“, und er fährt fort: „Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge“, im englischen Original: „Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.“

Das sind zwei glänzende, wegweisende Sätze, in denen die Janusköpfigkeit unserer typisch deutschen Gedächtniskultur, die Doppelgesichtigkeit der einzigartigen deutschen Vergangenheitsbewältigung – jeder Vergangenheitsbewältigung, so meine ich –  in geradezu klassischer Vollkommenheit ausgedrückt wird. Zugleich stehen sie am Beginn des Buches „Germany. Memories of a Nation“. Und dieses Buch ist nicht anders zu bewerten denn als glänzender, ja genialer Wurf, nicht nur im gesamten Grundansatz, sondern auch bis in kleinste und feinste Details hinein. Kein Deutscher schafft so etwas derzeit! MacGregor bringt sorgfältig ausgewählte Bilder und Gegenstände zum Sprechen, freilich so, dass sie nicht bloß als tote Gegenstände der Vergangenheit ausgestellt, sondern als mahnende und ermunternde Zeugen freigelegt werden. Sie sollen uns ermöglichen die eigene Zukunft zu gestalten, ohne die letzten 10 Jahrhunderte der deutschen und die letzten 35 Jahrhunderte der europäischen Geschichte mit all ihren vielen guten und auch den schlechten Seiten zu vergessen.

Szenenwechsel! Wir sind jetzt in Weimar und schreiben das Jahr 1788.

„Die Götter rächen
Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;
Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.
Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.“

So – in der Wiedergabe Goethes – die Mahnung des Pylades an Orest. Orest ist gewissermaßen völlig verstrickt in seine dunkle, mit Schandtaten aller Art beladene Vergangenheit, „obsessed with his ancestors‘  past„. Er ist im zweiten Aufzug von Goethes Iphigenie der Inbegriff des schicksalhaft in die Verbrechen seiner Herkunftsfamilie, seiner Sippe und seines Volkes verfangenen Melancholikers; er leidet am kollektiven Schuldgefühl der Atriden, ausgelöst durch die mehrfach begangenen Kapitalverbrechen der Vorfahren. Ihm gegenüber vertritt Pylades den personalistischen Begriff der Schuld, wie ihn in der Bibel beispielsweise der Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Chr. herausgearbeitet hat. Es gibt keine Kollektivschuld und keine kollektive Haftung bei Ezechiel. Auch von der Augustinischen Lehre der Erbsünde oder gar der neopaganen Lehre vom „Tätervolk“ sind wir Lichtjahre entfernt. Nicht die Sippe, nicht das Volk tragen alle Schuld, sondern jeder einzelne Mensch wird von den Göttern – an deren Existenz Ezechiel ebenso wenig wie Goethe zweifelte – nach individuellem Handeln beurteilt.  Goethes Pylades führt hier gewissermaßen diesen prophetisch-christlichen, befreienden Schuldbegriff in die antikisierende Tragödie ein – die eben dadurch aufhört, eine echte Tragödie zu sein.

Zusammen mit der vorzüglichen, von Dieter Borchmeyer besorgten Neuausgabe von Goethes Klassischen Dramen und der monumentalen Arbeit von Peter Watson über den Deutschen Genius fängt MacGregor, so empfinde ich, das ständige Hin und Her, die fortwährenden, sich wiederholenden 180-Grad-Wendungen ein, die jeder gelingenden Gedächtniskultur by necessity nicht nur in Deutschland innewohnen müssen; man kann, man muss gewissermaßen das Schwabinger Siegestor immer wieder von Nord nach Süd und von Süd nach Nord durchqueren, Schande und sittliche Größe in der eigenen Herkunftsgeschichte gleichermaßen ins Auge fassen.

Blickt man hingegen auf den Streit zurück, den deutsche Geistesgrößen damals fast ausschließlich um völlig abstrakte Begriffe wie etwa „Einzigartigkeit“ oder „Unerklärlichkeit“ führten, ohne dass sie je der konkreten deutschen geschweige denn der europäischen Vergangenheit, diesem Medusen- und Juno-Haupt ins Antlitz geblickt hätten, so kann man ermessen, welch riesigen Schritt voran die vier genannten Bücher von MacGregor, Goethe, Ezechiel und Peter Watson darstellen. Watson, Goethe, MacGregor und der Prophet Hesekiel, diese vier sollte man unbedingt zur Kenntnis nehmen, ehe man auf typisch deutsche Art einen bouc émissaire oder whipping boy erwählt.

Gestern legte ich in einem kurzen Augenblick des Innehaltens diese drei frisch erworbenen Bücher, diese guten, verlässlichen Reiseführer und Wandergefährten in der zerklüfteten Landschaft der deutschen Gedächtniskultur zu Füßen der 3500 Jahre alten, hart an der Friedrichstraße mahnenden und wachenden Sphinx ab, ehe ich sie in meine Fahrradtasche packte. Ad multos annos, o Sphinx!

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Johann Wolfgang Goethe: Klassische Dramen. Iphigenie auf Tauris. Egmont. Torquato Tasso. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer unter Mitarbeit von Peter Huber. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 30, Frankfurt am Main 2008, hier v.a. S. 575 (Iphigenie auf Tauris, Vers 713-717)

Peter Watson: The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution, and the Twentieth Century. Simon&Schuster, London 2010

Das Buch Hesekiel/Ezechiel,  Kap. 18, in: Die Bibel

 

 

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Jan 152016
 

Wir warn all verdorben
per nostra crimina.

So lautet es lateinisch-deutsch in der dritten, erstmals 1545 bezeugten Strophe des älteren geistlichen Liedes In dulci jubilo, dessen Urfassung und Melodie wohl auf das 15. Jahrhundert zurückgehen. Das neue Gotteslob-Gesangbuch der deutschsprachigen Katholiken bringt das hybrid aus lateinischen und deutschen Teilen geformte Lied als Nummer 253.

Wir waren „verdorben“, corrupti eravamus, wir, das Volk, die Gesellschaft, die „Population“ waren wegen unserer Verbrechen, per nostra crimina, ein heilloses, schuldbeladenes, unrettbar böses Volk. So etwa dürfen wir in heutiger Sprache den Sinn des Weihnachtsliedes wiedergeben.

Gibt es eine Kollektivschuld eines ganzen Volkes? Die heutige deutsche Gesellschaft vertritt in der politischen Elite und den führenden Leitmedien diese Meinung; „dafür, für das und das und das, was das Deutsche Reich in den Jahren 1933-1945 angestellt hat, trägt das deutsche Volk auf ewige Zeiten Schuld und Verantwortung.“ Der Bundestag hat es letztes Jahr in einer Resolution so geschrieben, die junge Generation der Deutschen wird seit etwa 1980 in einem intensiven Schuldgefühl wegen der Verbrechen der Großväter erzogen; die Jahre 1933-1945 werden heute als definierende Momente der deutschen Geschichte gesehen, neben denen nichts anderes Bestand hat. Von Hermann dem Cherusker bis zu den heutigen Tagen gilt die Geschichte der Deutschen als heillos verdorben, Deutschland beeilt sich, seine Eigenständigkeit als Verfassungsstaat endlich aufzugeben, um sich in einen größeren europäischen einheitlichen Volkskörper einzugliedern. Dem dient die schrankenlose Öffnung der Landesgrenzen, die bereitwillige, bedingungslose, unterschiedslose Aufnahme von Hunderttausenden junger kräftiger Männer aus fernen Ländern, die nichts weniger im Sinn haben als Deutsche zu werden.

Von daher erklären sich auch die hartnäckigen Versuche, den deutschen Nationalstaat endlich abzuschaffen, ihn als postklassischen, postnationalen Staat einzuschmelzen in die verherrlichte Währungsgemeinschaft; die Aufgabe der D-Mark wird als sinnfälliger Beweis für die Aufgabe der deutschen Nation gesehen.

„…die Eigenheiten einer Nation sind wie ihre Sprache und ihre Münzsorten, sie erleichtern den Verkehr, ja sie machen ihn erst vollkommen möglich.“ Ein erstaunliches Wort, das Goethe da am 20.07.1827 an Carlyle schreibt! In der Tat, die Sprache ist es, die eine Art geistiges Band der Nation stiftet, so wie die Währung – die „Münzsorte“ – eine wirtschaftliche Einheit der Nation verbürgt und symbolisiert.

„Der Euro darf nicht scheitern! Denn scheitert der Euro, dann scheitert Europa!“ Dieser tiefe, irrationale Glaube an den seligmachenden Euro, an die Währung, die die Deutschen endlich von ihrem Deutschsein erlösen soll, findet sich nur in Deutschland – in keinem anderen europäischen Land – als offizielle Politik, – scheint er doch zu verbürgen, dass die Deutschen endlich nicht mehr Deutsche, sondern glühende Europäer sein wollen, da sie doch die eigene Währung sowie zunehmend auch einen Teil der eigenen Sprache auf dem Altar Europas geopfert haben.

Kein Zweifel: Der Begriff der deutschen Kollektivschuld ist heute in Deutschland mehr denn je gelebte und geglaubte Realität; jeder Verweis darauf, dass auch andere Völker etwas Böses getan haben, wird abgebügelt und abgeschmettert mit dem Hinweis, das gehöre sich nicht, man dürfe die unvergleichliche deutsche Kollektivschuld auf keinen Fall in einen Kausalzusammenhang einbetten oder gar relativieren.

Die Theologie des alten Israel kannte übrigens durchaus den Begriff der Kollektivschuld. „Ein verdorbenes Geschlecht“, ein „abtrünniges Volk“, eine „wilde Rotte“, mit dessen „Messer man nichts zu tun haben will“. Es gibt Hunderte derartiger Anklagen der Propheten Israels gegen das eigene Volk oder auch gegen einen der 12 Stämme Jakobs. Jakob selbst sagt sich ausdrücklich in seiner Abschiedsrede, dem berühmten „Jakobssegen“ – von zwei seiner Söhne los – von Simon und Levi. Bekanntlich hatten Simon und Levi den ersten Genozid der Bibel an einer anderen Kultgemeinschaft verübt – ein strafwürdiges Verbrechen. In der Tat verschwindet nach und nach der Stamm Simon aus dem alten Israel, während der Stamm Levi von allem Streben nach irdischer Herrlichkeit abgesondert wird, da seine Mitglieder fortan zu Trägern des Gotteswortes werden – zu den „Leviten“, die eben dem weniger sündhaft gewesenen Teil des Volkes Israel „die Leviten lesen“ sollen.

Das Weihnachtslied „In dulci jubilo“ räumt nun gewissermaßen mit dem antiken Begriff der Kollektivschuld, der Erbschuld auf. Ja, es war so, ja wir WAREN alle böse. Es war so – aber es ist nicht mehr so. Es gibt keine ewige Schuld, jeder Mensch fängt wieder von vorne an, Schuld wird nicht weitergegeben von Vätern auf Söhne.

Das Weihnachtslied verkündet sehr modern die Endlichkeit der Schuld. Es gibt keine absolute Schuld. Es gibt kein absolutes Böses, das in einem Volk nistet.

Für das vorherrschende deutsche Nationalgefühl meine ich hingegen folgende Sätze formulieren zu dürfen: Der Bundestag und das deutsche Feuilleton verkünden die unermessliche Unendlichkeit der kollektiven Schuld. Es gibt absolute Schuld. Es gibt das absolute Böse, das in einem Volk nistet. Und dieses Volk sind wir, die Deutschen.

Das ist der Subtext, den wir immer wieder und wieder hören und aufs Butterbrot geschmiert bekommen.

Die deutsche Nationalhymne müsste folgenden Satz enthalten:

Wir sind all verdorben
per nostra crimina.

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Dez 072015
 

„Und warum erfahren wir das erst jetzt?“ So geht es einem wieder und wieder, wenn man sich näher mit der Geschichte der Jahre 1914-1945 befasst. So mag es manchem ergehen, wenn er erfährt, dass gegen Ende des 2. Weltkrieges immerhin mehr als 1 Million sowjetische Kriegsgefangene bereit standen, um als Freiwilligenarmee unter der Führung des Generals Wlassow gegen Stalin in den Krieg zu ziehen. Was zum Teufel ritt sie denn? Wovor hatten die ehemaligen Rotarmisten Angst?

Früher, unmittelbar nach 1945 schob man zur eigenen Entlastung in beiden deutschen Staaten bisweilen alle Schuld von sich: „Das haben alles nur die Nazis gemacht, nicht wir!“

Und in Russland, Italien, Deutschland kann man umgekehrt seit 1956 bis zum heutigen Tage immer wieder hören: „Это была вина сталинизма. Это была не наша вина! Es war alles die Schuld des Stalinismus, nicht unsere!“ Man könnte diese Haltung gegenüber der eigenen Vergangenheit eine apologetische Erinnerungskultur nennen.

In Deutschland herrscht demgegenüber heute eine eindeutig auto-kategoretische, also selbst-anklagende Geschichtsbetrachtung vor. „Wir Deutschen tragen alleine die Schuld und die Verantwortung für die zweimalige Zerstörung Europas in den Jahren 1914-1945. Und wir Deutschen sind außerdem an dem bislang größten Menschheitsverbrechen schuld!“ Deutschland übernimmt tausendfach, stillschweigend oder ausdrücklich, die Alleinschuld oder doch die Hauptverantwortung für zwei Weltkriege und obendrein noch für die Shoah. Die Formulierung vom „größten Menschheitsverbrechen“, der Shoa (auch Holocaust genannt), ist mittlerweile in dieser Absolutsetzung geradezu offiziös geworden, sie findet sich beispielsweise auch bei H.A. Winkler im letzten Band seiner „Geschichte des Westens“ (München 2015, S. 597).

Von dieser autokategoretischen Haltung Deutschlands profitieren insbesondere Italien und Russland in ihrem vorwiegend apologetischen Geschichtsbild. Können sie doch zur eigenen Ehrenrettung stets darauf verweisen, dass die eigenen Verbrechen der Vergangenheit ausnahmslos früher oder später durch die Deutschen übertroffen oder mindestens verursacht worden seien. Weil die Deutschen überall so schlimm gewütet hätten, habe man auch selbst nicht unschuldig bleiben können.

Während sich also in Deutschland mittlerweile in vielen tonangebenden Medien – bis in den Bundestag hinein – diese selbstanklagende Geschichtsschreibung durchgesetzt hat, fördert die historische Forschung seit 1990 sehr viel mehr Zwischentöne heraus.

Die Stichworte dafür lauten: geteilte Verantwortung, Interdependenzen, Kausalketten, reaktive Eskalationsstufen der Verbrechen, „schwache Diktaturen“, Anomie-Prozesse in den Gesellschaften, „europäischer Bürgerkrieg“.

So hat Timothy Snyder etwa darauf hingewiesen, dass bis zum 01.09.1939 das Deutsche Reich unter nationalsozialistischer Herrschaft „nur“ etwa 20.000 Morde an Zivilisten begangen hatte. Deutschland wurde in den Jahren 1935-1939 überall hofiert. Die Tageszeitungen Amerikas, Frankreichs und Englands verfolgten nachweislich die ersten sechs Jahre der Hitlerregierung mit kritischem Wohlwollen oder auch mit Bewunderung.

Demgegenüber hatten die staatlichen Organe der Sowjetunion, also insbesondere die Rote Armee und die Tscheka/der NKWD, ab 1917 bis zum 01.09.1939 sicherlich mindestens das Hundertfache an Morden an Zivilisten begangen, während in der Buchhaltung der Massenmorde an zweiter Stelle das faschistische Italien folgte. Die Sowjetunion nahm also gemessen an der Zahl der Todesopfer bis 01.09.1939 mit großem Vorsprung den ersten Platz der verbrecherischen Regime in Europa ein, Italien den zweiten Platz. Das Deutsche Reich rangierte damals noch weit abgeschlagen auf dem dritten Platz in der europäischen Champions League der Massenverbrechen!

Die Angst vor einem kommunistischen Putsch beherrschte obendrein die Innenpolitik der westeuropäischen Staaten, hatten sich doch die Bolschewiki nicht durch eine Revolution, sondern alleine durch bewaffnete Kader an die Macht in Russland geputscht. Und das Deutsche Reich unter Hitler galt spätestens ab 1935 als eine Art Bollwerk gegen den drohenden kommunistischen Umsturz in den Staaten Westeuropas.

Man braucht nur beliebige Tageszeitungen westeuropäischer Länder jener Jahre aufzuschlagen, und man wird die Wahrheit dieser Thesen aus damaliger Sicht bestätigt finden.

Im großen und ganzen wird man aber sagen können, dass im Nachhinein die tiefe Überzeugung von der alleinigen Schuld der Deutschen erstens an den beiden Weltkriegen und zweitens an der absolut als das Böse an sich gesetzten Shoah eine doppelte Glaubenswahrheit geworden ist, ohne die die Völker Europas nicht friedlich zusammenleben wollen und können.

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Mai 022015
 

Großer Aufgalopp der Selbstgerechtigkeit der deutschen Enkelinnen und Enkel, meiner lieben schreibenden Landsleute, anlässlich des Prozesses gegen den damaligen Wachmann Oskar Gröning! Er war Wachmann und Schreibkraft in Auschwitz, „der Buchhalter des Todes“, wie eine sich an allem Entsetzlichen liebend gern weidende Presse genüsslich ausschlachtet. Als wären sie, die Schreibenden, die Urteilenden dabei gewesen! Als hätten sie in jedem Fall anders gehandelt, so wird hier von viel später Geborenen über einen Menschen geurteilt, den man nur aus der Zeitung und aus den Medien kennt.

„Seine Reue nehme ich ich ihm nicht ab“, „Frau Eva Kor hat ihm verziehen. Subjektiv achtbar! Aber es war objektiv und politisch falsch …“, „Jetzt verstehen wir endlich, dass die ganz normalen deutschen Männer zu Massenmördern wurden“ usw. usw.

Die meisten deutschen Journalistinnen und Journalisten überbieten sich darin, über Oskar Gröning den Stab zu brechen. Dabei wird ihm nicht aktives Töten, sondern Beihilfe zum vielfachen Massenmord vorgeworfen, ohne dass ihm ein „individueller Tatbeitrag nachgewiesen werden muss“, so die aktuelle Rechtslage.

Wieviele Massenmörder gab es damals in Europa? Die Holocaust-Forschung, ein blühender Forschungszweig, spricht von etwa 100.000-200.000 Menschen, die aktiv an den im deutschen Namen begangenen Massenmorden beteiligt waren. Viele der am Holocaust beteiligten Täter waren Deutsche, aber viele dieser Massenmörder gehörten nachweislich vielen anderen Nationalitäten an.

Aus allen europäischen Nationen stammten in den Jahren 1917-1956 viele Massenmörder, also Menschen, die aktiv einen Tatbeitrag zur planmäßigen gezielten Ermordung vieler Menschen aus bestimmten Gruppen (außerhalb von Kriegshandlungen) leisteten. Ich bin überzeugt: Es wäre nach 1945 nach dem Tod Hitlers bzw. 1953 nach dem Tod Stalins unmöglich und technisch undurchführbar gewesen, sie alle aufzuspüren und vor Gericht zu stellen.

Ich halte es vielmehr für weitgehend richtig, wie es in Deutschland nach 1945 (nicht dagegen in Italien oder in Russland) gehandhabt wurde, dass – beginnend bei den Nürnberger Prozessen – exemplarisch an einigen wenigen obersten Führern und Spitzenleuten das ganze Ausmaß des Unrechts und des Schreckens verhandelt wurde und der ganze überwiegende Rest der quälenden Aufarbeitung nach und nach durch die Zivilgesellschaft übernommen wurde.

Ich sprach vor Tagen mit einem jüngeren Ungarn über den Kasus Gröning, der dieser Auffassung entschieden widersprach. Ich warf mich ihm gegenüber darauf vehement für Eva Kors verzeihende Geste ins Zeug. „Gröning hat bekannt – er hat bereut – er war durch sein Wissen, seine Scham bestraft genug. Nebenbei: Das Judentum lehrt seit Jahrtausenden die Kunst und die Gunst des Verzeihens! Wir sollten diese großartige Haltung dankbar annehmen!“

Verzeihen und Vergeben heißt, dass sowohl der Geschädigte wie auch der Schädiger die Schuld anerkennen, dass der Schädiger aktiv bekennt und öffentlich bereut – und dass dann der Geschädigte ihm die Reue „abnimmt“, ihm die Schuld (die ohnehin nicht wiedergutzumachen wäre) ohne Strafe und ohne Rache erlässt.

Der Jude Jesus sagt es – ganz aus dem Geist des Judentums schöpfend – so: „Wem ihr [Menschen in meiner Nachfolge] die Verfehlungen vergebt, dem sind sie vergeben – übersetzen wirs mal auf Französisch: Ceux à qui vous remettrez les péchés, ils leur seront remis (Johannesevangelium 20,23).

Ich glaube: Etwas Besseres kann eigentlich nicht passieren, als dass nach Anerkenntnis einer Schuld die Verzeihung und Versöhnung zwischen dem Opfer und dem Täter erfolgt.

Das Verzeihen ist übrigens auch in der Tat so etwas wie ein Schluß-Strich. Die Schuld wird vom Kerbholz ausgelöscht, man begegnet sich dann so, als „wäre das Ganze nun ein Teil der Vergangenheit“. Der Dichter sagt:

Und von all dem Schrecken schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz.

Das Kains-Mal, das Erinnerungs-Mal des ersten Brudermordes, des absoluten Zivilisationsbruches, ist etwas, was wir nach jüdischer Lehre alle auf der Stirn tragen. „Pass auf, o Mensch, erinnere dich des Kain! Weil es geschehen ist, deswegen kann es auch wieder geschehen, du bist nicht endgültig gefeit dagegen!“

GOtt selbst zog einen ersten Schlußstrich, als er Kain, den geständigen und reuigen Brudermörder, mit einem unauslöschlichen Mal versah, das wir uns als einen Strich auf der Stirn eines jeden vorstellen dürfen. Das Kains-Mal, das ist ein symbolisches „DAS WAR“ „DAS HAT ER GEMACHT“ – und – „ES IST JETZT NICHT MEHR“; es ist aber auch die Aufforderung: du, o Kain, o Mensch, du darfst JETZT und in ZUKUNFT neu anfangen!

Die maßlose Selbstgerechtigkeit derjenigen, die immer wieder unterstellen, eine derart ungeheurliche, maßlose Abfolge von schlimmsten Gewaltverbrechen mit Zehntausenden von Haupttätern und weiteren Hunderttausenden von Mithelfern (wie Gröning einer war) könne wesentlich durch die staatliche Justiz, durch das Strafrecht auch nur annähernd „aufgearbeitet“, „bewältigt“ oder gar wieder gutgemacht werden, irren sich meines Erachtens fundamental.

In jedem Fall stimme ich den anderslautenden Aussagen Eva Mozes Kors, die offenbar tief aus dem mosaischen Erbe schöpft, enthusiastisch zu, wenn sie sagt, „wir hätten sofort nach dem Krieg davon erzählen sollen, zugehen sollen aufeinander.“ Eva Mozes Kor, was für eine herrliche Reihung der Namen! Denn Mozes ist ja Moses, Moshe, wie wir ihn auch nennen …

„Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei“, sagte Kor. An Gröning gewandt sagte sie: „Ich hoffe, dass Sie und ich uns als ehemalige Gegner als Menschen begegnen können.“ Sie appellierte an Gröning, umfassend auszusagen und auch Neonazis die Wahrheit über Auschwitz zu sagen. Kor sagte, sie gebe ihre Erklärung nur in ihrem Namen ab. Kor nannte das Verzeihen einen Akt der Selbstheilung und der Selbstbefreiung.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-04/auschwitz-prozess-holocaust-ueberlebende

Prozess gegen Oskar Gröning, „Buchhalter von Auschwitz“: Ganz normale Männer – Politik – Tagesspiegel.

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Apr 272015
 

„Mein finnischer Großvater schloss sich 1940 freiwillig der SS an, wie ich kürzlich mit Entsetzen feststellen musste“, so erzählte es mir kürzlich ein finnischer Bekannter.

„Und mein bayerischer Großvater weigerte sich am 9. März 1933 trotz körperlicher Bedrohungen durch die SA, einen Befehl der NSDAP auszuführen und die Hakenkreuzflagge an dem Rathaus auszuhängen, dem er damals als Bürgermeister vorstand. Er wurde kurz darauf – nach 2-wöchiger Inhaftierung – abgesetzt und durch einen NSDAP-genehmen Mann ersetzt“, erwiderte ich.

2 europäische Großväter, 2 europäische Geschichten! Lang ist’s her, dennoch entdeckt man immer wieder Überraschungen!

Von sowjetischem Boden ging im 20. Jahrhundert immer wieder Krieg aus. Der sowjetische Überfall auf Finnland ist nur ein Beispiel dafür. Wieso schlossen sich so viele Finnen und Balten 1939 und danach der SS an? Antwort: Die Sowjetunion betrieb damals eine aggressive Außenpolitik und plante – wie man heute nachweisen kann – die Annexion des gesamten finnischen Territoriums.

Die Sowjetunion hatte Finnland, nachdem dieses den verlangten Gebietsabtretungen nicht zugestimmt hatte, am 30.11.1939 angegriffen, zivile Ziele bombardiert und in diesem letztlich gewonnenen „Winterkrieg“ sich tatsächlich einen Teil des finnischen Territoriums einverleibt (12.03.1940).

Wer griff wen an? Wer war schuld an der Entfesselung des finnisch-sowjetischen „Winterkriegs?“ Die Antwort der sowjetischen Kommunisten auf diese Frage war klar! Wie es die russische Wikipedia schreibt, wusste die Sowjetunion sich als Opfer finnischer Aggression darzustellen. Nach sowjetischer Darstellung war der Überfall auf Finnland ein Präventivkrieg:

Ответственность за начало военных действий была полностью возложена на Финляндию.

„Die Verwantwortung für den Beginn der kriegerischen Ereignisse wurde ausschließlich Finnland angelastet.“

Nach dieser Teilannexion Finnlands wurden auch die drei baltischen Staten Estland, Lettland, Litauen durch die Sowjetunion annektiert (21.07.1940) und verloren ihre staatliche Eigenständigkeit.

Ähnlich wie Italien ab 1935 und das Deutsche Reich ab 1938 betrieb also die Sowjetunion damals eine aggressive, kriegerische Annexionspolitik. Sie wurde deshalb am 14.12.1939 aus dem Völkerbund ausgeschlossen.

Diese drei Mächte – Italien, Deutschland, Sowjetunion – schienen damals miteinander zu wetteifern, wer mehr Gebiete der Nachbarn gewissermaßen auffraß.

In dieser Situation sahen viele Finnen nur noch im Waffenbündnis mit Deutschland eine Möglichkeit, den Fortbestand Finnlands zu sichern, und schlossen sich den Freiwilligenverbänden der SS an. Sie wurden Teil eines (wie wir heute urteilen) verbrecherischen Systems, um sich vor einem anderen verbrecherischen System zu schützen, das sie existenziell bedrohte.

Wir dürfen sagen: Die Sowjetunion ab 1917, Deutschland ab 1933 und Italien ab 1924 wiesen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf: alle drei betrieben Konzentrationslager, sie schalteten innere „Feinde“ gewaltsam aus, sie unterdrückten die Minderheiten, sie errichteten einen totalitären Staat, und sie waren bestrebt, ihr Staatsgebiet durch kriegerische Handlungen zu erweitern.

So bereiteten Italien, Spanien, Deutschland und Russland etwa ab 1935 die Bühne für den nächsten großen Europäischen Krieg, der dann ab 22.06.1941 in den 2. Weltkrieg umschlug. Ab Sommer 1941 war der 2. Weltkrieg kein 2. Europäischer Großer Krieg mehr, sondern der europäische und der asiatische Kriegsschauplatz gehörten zusammen.

So begann der 2. Weltkrieg.

Советско-финская война (1939—1940) — Википедия.

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Mrz 042015
 

20150304_134945
Im Evangelium des Johannes lesen wir unter Kapitel 4, Vers 22:
ἡμεῖς προσκυνοῦμεν ὃ οἴδαμεν ὅτι ἡ σωτηρία ἐκ τῶν Ἰουδαίων ἐστίν.

Das ist aus dem Griechischen verdolmetscht in roh gepflastertes, unbehauenes Deutsch: „Wir strecken uns ganzkörperlich vor etwas nieder, was wir wissen, dass die Rettung aus den Juden ist.“

Sammeln wir ähnliche Sätze dieses Typs:
1) „Das Heil kommt von den Juden“ (Johannesevangelium 4,22)
2) „Die Juden sind unser Unglück“ (H. v. Treitschke, 1879)
3) „Deutschland verrecke“ (übermenschlich große öffentliche Inschrift auf Berliner Hausdach, Revaler Straße, sichtbar 2013- ?)
4) „Die Verwüstung des afrikanischen Kontinents nahm politisch und ökonomisch 1884 von Berlin aus ihren Anfang“ (Beilage des Festivals „Return to Sender“ in der Tageszeitung taz vom 28.02.2015, S. 3)
5) „War es doch unser Land, von dem aus alles Europäische, alle universellen Werte zunichtegemacht werden sollten“ (Bundespräsident Gauck am 22.02.2013)

Was eint diese Sätze?

Antwort: Diese 5 Sätze schreiben einem Volk, einer Stadt, einem Land das Merkmal des schlechthin Guten, des Heils, oder des schlechthin Bösen, des Ursprungs der Wertevernichtung zu.

1) Für den Evangelisten Johannes sind es die Juden, von denen das Heil der Welt kommt.
2) Für den Historiker Treitschke sind es demgegenüber die Juden, aus denen das Unglück kommt.
3) In Friedrichshain-Kreuzberg gilt Deutschland heutzutage in aller Öffentlichkeit als minderwertiges Land, von dem es besser wäre, wenn es sofort qualvoll verschwände.
4) Bei den Kolonialismus-Kritikern des gegenwärtig laufenden, öffentlich geförderten Festivals „Return to Sender“ gilt Deutschland und die Berliner Afrika-Konferenz von 1884 als der eigentliche Ursprung der Zerstörung eines ganzen Kontinents.
5) Für den Bundespräsidenten gilt „unser Land“ Deutschland als Ursprung der Vernichtung des Europäischen, der universellen Werte.

Stimmen diese 5 Sätze? Sind sie wahr?

Antwort:
Diese 5 roh hingepflasterten Sätze sind für sich genommen weder beweisbar noch widerlegbar. Man kann sie glauben oder auch nicht glauben. Es sind zweitens gewissermaßen theologische Sätze, die im Zusammenhang ihrer Entstehung gedeutet werden müssen. Und es sind drittens von völkischem Denken geprägte Sätze. Sie schreiben einem einzelnen Volk (also den Juden an sich bzw. den Deutschen an sich) den überzeitlich wirksamen Keim des Guten oder des Bösen zu.

Viele Fragen bleiben!

Etwa diese:

Nahmen der Kolonialismus, der Sklavenhandel, die Ausplünderung der Rohstoffe, die kolonialistische Zerstörung Afrikas wirklich 1884 von Berlin aus, von Deutschland aus ihren verhängnisvollen Lauf? Oder gab es auch vor 1884 einen Sklavenhandel, eine Ausplünderung des afrikanischen Kontinents? Oder spielten auch andere Länder, andere Völker eine ursächliche Rolle dabei?

Wir Deutsche neigen – wie die Sätze 3-5 zeigen – dazu, die Hauptschuld für alles Böse in der gesamten Weltgeschichte etwa ab 1884 auf unser Haupt zu laden. Jetzt sollen „wir Deutschen“ – nach den beiden Weltkriegen I und II, dem Holocaust usw. usw. usw.- also auch noch die entscheidenden allein- oder doch zumindest hauptschuldigen Auslöser für die verheerenden Folgen des gesamten Kolonialismus ab 1884 (oder auch bereits vor 1884?) sein.

Sind wir Deutschen wirklich das Trägervolk des Bösen in der gesamten Neuzeit?

Das kann man so glauben. Man muss es aber nicht glauben.

Ich konstatiere ein geschichtlich absolut negativ geprägtes Selbstbild der Deutschen. Und damit wird man niemanden gewinnen können, am allerwenigsten die jungen Deutschen und die berühmten „neuen Deutschen“. Irgendwo muss es doch auch was Gutes geben in der deutschen Geschichte!

Zum Beispiel? Zum Beispiel – die Berliner Abwasserkanalisation, maßgeblich bewirkt durch Rudolf Virchow. Die geordnete Entsorgung des keimbelasteten Abwassers, die geordnete Versorgung der Bevölkerung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser hat seit Virchows Taten Millionen und Abermillionen Menschen in Deutschland und anderswo Leben und Gesundheit bewahrt. Sie ist ein unerlässlicher Bestandteil der socialen Medizin.

War also Rudolf Virchow, der in Deutschland heute längst vergessene Erfinder des Prinzips der „socialen Medizin“ oder der „Public-Health-Philosophy“ wie man heute korrekterweise sagen muss, ein im Grunde Guter, obwohl er doch nur ein Berliner, nur ein Deutscher war? Gab es denn auch zwischendurch zur Abwechslung etwas Gutes in der deutschen Geschichte?

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/return-to-sender/

via Greek Bible.

 Posted by at 13:01