Herbeigeströmt von fern und nah. Zur Aktualität Schillers

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Dez 232015
 

Bank an Bank gedrängt sitzen sie da in Schillers gut bürgerlicher Stube in der Akazienstraße. Allerlei fremde Sprachen schlagen an mein Ohr, wartend sitzen die Völker da, wer kennt die Sprachen alle, die hier in Schöneberg zusammenkommen? Niemand!

Sehen wir es einmal von dieser Seite her: Je länger wir gestern auf unseren Burger im Schiller Burger warteten, desto mehr Zeit blieb uns, wäre uns verblieben, das eine oder Gedicht Schillers laut, halblaut oder fast unhörbar leise zu rezitieren, so etwa jene Szene, in der Schiller packend beschreibt, wie sich in einer anonymen Menge allmählich eine Spannung, eine dumpfe Erwartung anstaut, die dann geradezu eruptiv in eine unerhörte Begebenheit ausbricht.

Auch hier wiederum treten – wie schon bei des Aischylos Schutzflehenden – die Analogien zur heutigen Lage sinnfällig ins Auge – denn auch heute kommen ja von Asiens entlegener Küste, von allen Inseln Griechenlands viele Völker, viele Menschen in Berlin zusammen, deren Namen niemand nennen kann. Doch was brabble ich da vor mich hin?

Lest lieber selbst, hört besser selbst:

Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeigeströmt von fern und nah,
Der Griechen Völker wartend da,
Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?
Von Kekrops‘ Stadt, von Aulis‘ Strand,
Von Phokis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegner Küste,
Von allen Inseln kamen sie
Und horchen von dem Schaugerüste
Des Chores grauser Melodie,

Der streng und ernst, nach alter Sitte,
Mit langsam abgemeßnem Schritte,
Hervortritt aus dem Hintergrund,
Umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine irdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Hoch über menschliches hinaus.

Zitat auf der Packung des Feuchttuches:
Friedrich Schiller: Die Kraniche des Ibykus. In: ders., Sämtliche Werke. Erster Band. Gedichte, Dramen I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1987, S. 349

Bild:
Im Schiller Burger, Akazienstraße, Schöneberg, gestern, beim Warten auf „An die Freude“
Schiller 20151222_125149

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Nov 182015
 

„Wir beugen unser Haupt vor den Toten, niemals aber beugen wir uns dem Terror.“ So Bundespräsident Gauck am vergangenen Sonntag. Hier wollen wir uns einmal nicht mit den Reden, sondern mit dem Reden des Bundespräsidenten befassen, also mit seiner Art des Vortragens, Sprechens, mit seiner Wortfindung und Gedankenführung. Völlig zu recht wird ja immer wieder seine besondere rednerische Gabe, sein Geschick und seine Überzeugungskraft gerühmt. Worin gründet die besondere Rednergabe Joachim Gaucks? Was macht Joachim Gauck zu einem herausragenden Redner, was macht einen guten Redner aus?

1) Der gute Redner verfügt über eine gute Ausbildung der Stimme, der Sprechwerkzeuge. Er hegt und pflegt das Wort. Er vertraut dem Wort, und das Wort scheint ihm zu vertrauen. Sein Motto scheint zu lauten:

Lebendgem Worte bin ich gut,
das kommt heran so wohlgemut.

Wenn er redet, fällt das Verstehen leicht. Jeder einzelne Laut wird geformt, jedes Wort wird geformt, jeder Satz wird geformt und gewissermaßen in den Raum auf die Zuhörer hin gesprochen. Insbesondere bringt der gute Redner auch die Konsonanten zum Klingen. Das kann so weit gehen, dass auch die Konsonanten wie „gesungen“ wirken.

2) Der gute Redner lässt jede Silbe, insbesondere auch jede unbetonte Silbe gedeihen. Er verschluckt nichts. Der gute Redner sagt also „beugen“, nicht „beugn“, „aufgegangen“ statt „a’fggangn“, „haben“ statt „habm“, „wir loben dich“, nicht „wir lobm dich“. Ein sehr häufiger Fehler der schlecht ausgebildeten deutschen Schauspieler ist seit jeher – von Goethe in seinen „Regeln für Schauspieler“ bereits getadelt – das Verhuschen und Verschlucken der unbetonten Silben.

Als Hörbeispiel diene ein kurzer Wortwechsel aus Goethes Clavigo (1. Akt, 1. Szene):

Clavigo. Zwar ist mir’s weiter nicht bange; sein Einfluß bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –
Carlos. Und denken und thun, was wir wollen.

Man höre sich diese oder ähnliche Sätze in einer beliebigen Aufführung auf einer heutigen deutschen Bühne an – man wird rasch erkennen: Die Schauspieler machen oft mit dem Wortlaut, was sie wollen; sie sind oft nicht imstande, dem Wort zu dienen, sondern sie denken und tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Die Lautung wirkt zufällig, die Konsonanten werden gekappt, die Vokale sind undeutlich, die gesamte Sprechweise wirkt kurzatmig und flachbrüstig.

Und dann versuche man einmal, eben diese Sätze zuhause für sich, oder mit einer Partnerin gemeinsam, einzuüben. Nach und nach wird das Ineinandergreifen, dieses florettartige „botta e risposta“, dieses Schlag auf Schlag eines gut vorgetragenen Dialoges hervortreten. Dann erwächst auch allmählich die Freude am Sprechen wieder.

3) Der gute Redner liest nicht nur ab, er hört die Sprache auch, er hat die Sprache gehört, er vernimmt das Singen im Hintergrund, er hat mindestens eine gewisse Zeit mit der Poesie verbracht, er trägt all die Kinderreime aus Küche und Keller, die Märchenverse, die Rätsel und Lautmalereien mit sich herum. Im guten Redner klingt immer etwas von der Dichtung nach, in ihm klingen die Lieder nach, die er gesungen hat. Seine Stimme wurde durch Poesie gekräftigt.

4) Die 1906 im niedersächsischen Linden geborene deutsche Philosophin Hannah Arendt sagt: „Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

5) Atmen – Singen – Reden! Eine unersetzliche Übung für jede zukünftige Rednerin, einen unerschöpflichen Schatz zum Erwerb einer guten deutschen Aussprache – gerade auch im Unterricht mit Kindern und Lernenden nichtdeutscher Muttersprache – stellen die 100 oder 300 wichtigsten deutschen Volkslieder der letzten 300 Jahre dar, etwa das unsterbliche „Der Mond ist aufgegangen“. Wer mag und die Religion seiner Vorfahren nicht fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, der kann und soll ruhig auch die 100 oder 300 wichtigsten geistlichen Lieder der letzten 700 Jahre hören und singen.

Empfehlung für alle Redner, Schauspieler, Sprachlehrer und Menschen, die in der Öffentlichkeit reden müssen:
Der Mond ist aufgegangen, In: 100 deutsche Kinderlieder. Für Klavier mit Liedertexten. Bearbeitet von István Máriássy. Illustriert von Claudia Faber. K 148. Könemann Music Budapest 2000. € 5,95, S. 40-41

Zitat Hannah Arendts hier nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

Scherben im Bachsand

Empfohlen sei auch:
Egon Aderhold/Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag Berlin 2013

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Gebt ihr ein Stück, zerfetzt es gleich in Stücke: Goethes Clavigo am Deutschen Theater

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Nov 142015
 

Wertvolle, nachhaltige Einsichten in die vielen Arten, wie man auf deutschen Bühnen ein beliebiges Theaterstück zerlegen, zerfetzen, zerstören kann, bot gestern das Opfer des Abends: „Clavigo nach Johann Wolfgang Goethe“. Als Spielstätte gab sich das Deutsche Theater her.

Hier die wesentlichen Regieanweisungen, mit denen es jedem Regisseur gelingen kann, jedes beliebige Stück von Aischylos über Goethe bis Heinar Kipphardt erfolgreich unkenntlich zu machen:

1) Gebt ihr ein Stück, gebt es gleich in Stücken! Kein Handlungsstrang soll erkennbar sein. Alles wird aufgelöst. Es geschieht sehr viel, aber es gibt keine fortlaufende Handlung mehr.

2) Solch ein Ragout, es muss euch glücken: Man begnügt sich nicht mehr mit einem Stück. Nein, mindestens drei Theaterstücke Goethes werden hineingequirlt, daneben noch Briefe, Kommentare, eine kleine Gardinenpredigt von Jean Ziegler darf auch nicht fehlen.

3) Lasst sie schreien, stöhnen, nuscheln – doch lasst sie niemals sprechen. Sie, die Schauspieler, können nicht mehr bühnentauglich sprechen. Oder sie dürfen nicht mehr bühnengerecht sprechen. Es gab an dem Abend keinen einzigen Satz, der mit sinnvoller Betonung gesprochen worden wäre. Schönheit des gesprochenen, des dichterischen Wortes erwarteten wir ja schon nicht mehr. Aber Sinn. Die jüngeren Schauspieler bekommen in Deutschland offenbar keinerlei Sprechausbildung mehr. Ihre Stimmen tragen nicht. Deshalb müssen sie auch fast ohne Pause durch ein Mikrophon verstärkt werden. Alles wurde gepresst, geschrieen, verzerrt, vieles wurde durch den Computer gejagt. Arme Schauspieler!

4) Sprechtheater ohne Sprechen! Goethes Text wurde ohne Gefühl für Sprache, ohne jeden Respekt vor dem Wort, ohne Achtung vor dem Zuschauer angeboten. Es wird stattdessen ein gigantischer technischer und medialer Aufwand getrieben. Die Schauspieler werden zum Bestandteil einer übergroßen, überteuerten Maschinerie gemacht.

5) Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten. Clavigo, Beaumarchais, Buenco wurden durch Frauen gespielt. Ist ja nicht uncool. Aber warum? Sollte nachgewiesen werden, dass Genderrollen sozial konstruiert werden? Der Nachweis wäre misslungen. Das ganze Stück funktioniert so nicht.

6) Auf offener Bühne wurde gegen Ende ein versuchter Selbstmord vorgeführt. Ein/E Schauspieler/In zog sich eine Plastiktüte über ihr/sein/-en Kopf, doch brachte er/sie sich dann doch nicht um. Und es waren Kinder und Jugendliche im Saal!

7) Insgesamt wohnten wir einem suizidalen Umgang mit Sprache, einem suizidalen Umgang mit Texten, einem suizidalen Umgang mit Kunst bei. Goethe wird es vielleicht überleben. Vielleicht auch nicht. Es gibt Schlimmeres als einen solchen Theaterabend. Die Ereignisse in Paris brachten uns dies entsetzlich nahe. Es regnete, als wir das Theater verließen. Durchnässt wie ein Pudel kam ich zuhause an.

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Mai 092014
 

Vorgestern benannten wir Hölderlins Sophokles-Übersetzungen als tastenden Versuch, über das Ausgesagte hinaus zu einem reinen Sagen zwischen den Sprachen zu gelangen. Ist diese Hypothese  überhaupt sinnvoll?

Benjamin behauptet genau dies und spricht in seinem Aufsatz „Die Aufgabe des Übersetzers“ von der Ergänzungsbedürftigkeit des Originals. Die zu übersetzende Sprache verlange danach, durch den Akt der Übersetzung über sich hinauszuwachsen, sich anzureichern mit einer Sinnfülle, die vorher nicht da war. Ein kühnes Unterfangen! Wir werden dies morgen anhand eines vorliegenden Textes nachzuvollziehen versuchen.

Hier schon einmal unsere kleine Gewebeprobe für den Untersuchungstisch. Ein Chorlied aus der Tragödie „Ödipus auf Kolonos“ von Sophokles, dessen Übersetzung durch Hölderlin wir vorgestern anführten:

οὐδ᾽ ἄϋπνοι
κρῆναι μινύθουσιν
Κηφισοῦ νομάδες ῥεέθρων,
ἀλλ᾽ αἰὲν ἐπ᾽ ἤματι
ὠκυτόκος πεδίων ἐπινίσσεται
ἀκηράτῳ σὺν ὄμβρῳ
στερνούχου χθονός: οὐδὲ Μουσᾶν
χοροί νιν ἀπεστύγησαν οὐδ᾽ ἁ
χρυσάνιος Ἀφροδίτα.

Sophocles. Sophocles. Vol 1: Oedipus the king. Oedipus at Colonus. Antigone. With an English translation by F. Storr. The Loeb classical library, 20. Francis Storr. London; New York. William Heinemann Ltd.; The Macmillan Company. 1912.

via Sophocles, Oedipus at Colonus, line 681.

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Jun 132011
 

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„Was kann denn ich dafür,
Dass ich nicht ähnlich bin wie ihr?“

Diese Zeilen aus dem Regenbogenfisch hängen mir noch im Ohr. Alla Karpovas kleine Theatertruppe hat mich begeistert. Ich freue mich auf die bunte Veranstaltung am kommenden Samstag. Hoffentlich kommen viele große Menschen, um die kleinen Menschen zu bewundern!

Wann und wo?

Zeit Samstag, 18. Juni 2011· 11:00 13:00
Ort

Gemeindesaal der Ev. Luthergemeinde, Berlin-Schöneberg

Bülowstraße 71/72

Berlin-Schöneberg

Wir fragen:

Wie schaffen wir es, alle Kinder im Kita-Alter zu ihrem vollen Potenzial zu führen?

Obwohl weit mehr als 90% aller Berliner Kinder bei Schuleintritt mindestens ein Jahr lang die Kita besucht haben, fehlt es unfassbar vielen Kindern an den Grundfertigkeiten Sprechen, Hören, Singen, Bewegen, Gehen, Sitzen, Wartenkönnen. Der theaterpädagogische Ansatz Alla Karpovas bietet die riesige Chance, allen Kindern Freude am Lernen und Wachsen zu vermitteln. Es hat System! Mit Spiel und Spannung, Eigenaktivität und Beiträgen der Teilnehmer!

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Apr 292011
 

„Eine Zeitlang hat er uns vorgespielt, Krebs oder Tuberkulose zu haben. Er lief in München herum, mit dem Gesicht eines Mannes, der wußte, daß er sterben muß, aber das Beste daraus machen will. Er tat immer so, als würde er Blut in sein Taschentuch husten, aber das Tuch blieb weiß.“

So berichtete es uns ein Schulkamerad über einen Mitschüler, der später ein sehr bekannter Mensch in der Bundesrepublik Deutschland wurde.

In kaum einem Satz ist das Wesen des bundesrepublikanischen Terrorismus der 70er und 80er Jahre besser gefasst.

Diese Fabel vom eingebildeten Blutspucker kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn kluge Zeitgenossen mir etwas vom „mörderischen Charakter unseres Systems“ erzählen, vom bevorstehenden Untergang unserer Ökosysteme, vom unausweichlichen Ende des Kapitalismus.

Es gibt Unheilsapostel, die uns etwas weismachen oder besser „schwarzmachen“ wollen, was so einfach nicht stimmt.

Jedes dritte Kind in Berlin lebt in Armut. Berlin ist die Hauptstadt der Kinderarmut.“ Ein großer, ein unausrottbarer Unsinn, eine Torheit, die auch in den besten Parteien unermüdlich verbreitet wird!

Ich sage: Es gibt in Berlin keine Armut. Dann müsste ich sie ja sehen, da ich seit vielen Jahren in einem von Armut geprägten Stadtbezirk lebe und tagtäglich mit genau diesen Kindern rede, die angeblich in Armut leben.

Die eingebildeten Blutspucker! Sie spucken Blut ins Taschentuch, aber es bleibt weiß.

Zitat:
Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex. Hoffmann und Campe, Hamburg 1985,  S. 18

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Dez 172009
 

1194272589___irinapotapenkoport.jpg Zu den beeindruckendsten Opernregisseuren der Gegenwart zählen für mich Christoph Schlingensief (Deutschland, Österreich, Burkina Faso usw.) und die russische Opernsängerin Irina Potapenko (Schöneberg, Kreuzberg). Was haben die beiden gemeinsam? Sie bringen die Oper als Kunstform an ungewöhnliche Orte. Sie gehen zu den Kindern, den Armen, den Vergessenen. Zu den Unterschichtlern dieser Erde. Sie glauben an die verwandelnde Kraft der Kunst, des Gesanges. Kultur, Musik, Gesang, Oper – nennt es doch wie ihr wollt! – ist etwas für alle. Sie ist so wichtig wie das täglich Brot.

Was ist der Unterschied? Schlingensief findet viele Mitstreiter. Das schreibt die ZEIT über ihn und sein afrikanisches Opernhaus:

»Ich meine das ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen.

Irina Potapenko kommt ohne Subventionen, ohne Team, ja sogar ohne Außenminister aus. Die Puppen bastelt sie selbst in ihrer Freizeit. Einige davon hat sie schon verschenkt. Ihre Spielorte sind Kitas und Schulen, sind die berühmten Schimmel- und Asbestkieze Kreuzbergs und Schönebergs. Finanzielle Unterstützung erhält sie keine. Mit ihrem lustigen dreirädrigen Lastenrad fährt sie die Requisiten zur Bühne, werkelt, malt und hämmert selbst. Sie führt Regie, malt mit den arabischen und türkischen Kindern die Bühnenbilder, singt selbst, lässt Kinder als Mitwirkende auftreten, spannt auch ihren willfährigen Ehemann, nämlich den hier schreibenden Blogger, als Helferlein ein. Und das Beste daran ist: Keine einzige Zeitung nimmt Ira Potapenko wahr. Sie macht es um der Kinder willen, um der Kultur willen.

Irina Potapenko ist für mich die Opernregisseurin des Jahres 2009. Wirklich – nur für mich! Bitte, bitte: Nicht weitersagen, dass das Gute so nah liegt! Pssst!

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Welten begegnen sich in der Türkei

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Aug 172008
 

10082008016.jpg Der Urlaub im türkischen Kadikalesi nahe Bodrum brachte wunderbare Begegnungen, Entspannung, Spaß, Freude mit meinen russischen Schwiegereltern, aber leider auch den furchtbaren Schatten des Kaukasuskrieges, der sich über die letzte Woche legte. Wir kennen viele Georgier, die Georgier gelten in Russland als lustiges, lebensfrohes Völkchen, über das endlose Anekdoten kursieren. Und dann das! Längere Sitzungen am Internet waren unvermeidlich. Meine Türkischkenntnisse besserten sich rapide – jede Woche ein neues Wort! Unsterbliche Dialoge entspannen sich – auf russisch und türkisch gemischt, da ich als Russe galt und am „Russentisch“ saß, wie das Gevatter Thomas Mann genannt hätte. Einen dieser Dialoge will und darf ich euch nicht vorenthalten:

Türkischer Kellner Achmed: „Mozhna?“ (Das ist russisch, zu deutsch: „Darf ich den Teller abräumen, den Sie da eben so unordentlich leergegessen haben?“) Ich: „Evet!“ (Das ist türkisch, zu deutsch: „Ja, sehr freundlich von Ihnen und nehmen Sie doch bitte auch die Gabel mit.“) So leicht ist Türkisch!

Aber insgesamt waren die Türken sehr belustigt und erfreut, dass sich jemand mit ihrer Sprache Mühe gab. Ich glaube, das hatten sie noch nicht erlebt. Mein Sohn Wanja schwamm lange Strecken, baute Muskelmasse auf, und forderte alle möglichen Jungs zum Kräftemessen heraus. Sein Spitzname: Klitschko, Liebling der Türken. Als Klitschkos Vater hatte ich ebenfalls einen Stein im Brett. Im Hotel weilten ansonsten 50% türkische Gäste, 20% Russen und 30% Litauer und Letten. Was für eine Mischung – das ist das neue Europa!

Wir gaben auch zwei Zimmerkonzerte, Wanja und ich mit meiner Frau, denn wir Männer hatten unsere Geigen mitgenommen, sie ihre Stimme sowieso. Ich wage zu behaupten, dass ich der erste Mensch war, der Bachs g-moll-Solosonate in Kadikalesi spielte, und zwar zum Rufe des Muezzin, mein Sohn spielte „Hänschen klein“, wohl auch als Erstaufführung.

Kleinasien – das ist ja auch die Geburtsstätte Europas. Wir sind alle Kultur-Schuldner Asiens. Die herrliche europäische Leitkultur ist samt und sonders in Kleinasien entsprungen: Homer stammt von hier, Herodot sowieso, ionische Naturphilosophen Kleinasiens stellten die ersten Fragen nach dem Woher und Wozu. Erst später trat Athen in diese durch Asien gebahnten Denk- und Dichtwege.

Ein Ausflug führte uns nach Ephesus, das heutige Efes. Paulus, der eigentliche Schöpfer des Christentums, hatte sich hier auf den Marktplatz gestellt und den staunenden Bewohnern verkündet: „Ich bringe euch den unbekannten Gott!“ Sie glaubten ihm nicht. Aber – ich stellte mich unter den Tausenden von Touristen ebenfalls in die Überreste des antiken Bouleuterions, des Gerichts- und Versammlungstheaters, in dem Volksversammlungen, Gerichtsverhandlungen und künstlerische Darbietungen erfolgten. Was für ein Gefühl! 1200 Menschen passten hier hinein. Ich erprobe den Ruf, ein Satz fliegt mir zu – etwa von Göttin Diana? – ich spreche ihn laut aus in die sengende Hitze, und er klingt zurück von den steinernen Rängen, klar, vernehmlich, verstärkt. Er lautet:

„Wenn wir alle zusammenstehen, dann wird es gelingen!“ Das Foto zeigt mich in Ephesus, während ich eben diesen Satz ausspreche.

 Posted by at 21:08
Jan 142008
 

clown-toti.jpg Am Wochende besuchten wir das hübsche neue Salontheater „Endstation Sehnsucht“ in der Kreuzberger Obentrautstraße gleich zwei Mal. Am Samstag lud unser Nachbar Laurenz Schlüter zur Premiere seines Kurzfilms ein. Was für ein Vergnügen! Wir sahen zahlreiche Bekannte, Nachbarn und Freunde als Darsteller in einem veritablen, ironisch-versonnenen Kurzfilm! Vorher und nachher: Geplauder, Händeschütteln, Wiedererkennungen en masse, genießerisches Suppelöffeln – vortrefflich!

Mit unserem syrischen Hofnachbarn konnte ich bei einer Flasche Bionade auch den arabischen Namen Haschem klären (dieses Blog diskutierte): Seiner Meinung nach kommt der männliche Vorname einfach vom uralten Stamm der Haschemiten und ist insofern nicht mit dem hebräischen ha-schem verwandt.

Am Sonntag sahen wir am selben Spielort das Stück „Die tollsten Abenteuer sind im Kopf“ mit Tara Stalter und Thomas Ulbricht. Wir wurden nach einem lustigen Vorgeplänkel, bei dem ein wahrhaft „auf-sässiger“ Liegestuhl dem Clown Toti böse Streiche spielte, in einen finsteren Zauberwald entführt, wo die böse Hexe Baba-Jaga den Menschen die Augen klaute! Recht schaurig, aber die Kinder im Raum wurden zu kühnen Kämpfern gegen die Angst, die uns Großen mit Singen, Lachen und Mitspielen halfen, die Bangnis zu vertreiben und die ungeliebte Baba-Jaga zu versöhnen. Unser Wanja beteiligte sich auch und brachte die Lieder, die wir seit Wochen singen, eigenständig in dieses bewegende Theatererlebnis ein! Der Zauber des Theaters wirkte auf mich ein – hier, unter den Kleinen, oft nicht genug Gewürdigten. Vielleicht deswegen, weil Clown Toti immer wieder uns Zuhörer einbezog, zum Mitmachen und Mitlachen anregte.

Stelle einen Menschen auf eine Bühne – und du kannst die Welt bewegen!

 Posted by at 09:49

Vorfreude auf Die Perser im Theater

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Jan 102008
 

Soeben habe ich zwei Karten für die Aufführung der Perser im Deutschen Theater Berlin bestellt. Am kommenden Sonntag, den 13. Januar, gehen wir hin. Ich bin schon gespannt, empfinde aber – noch – keinerlei Angst. Regisseur Dimiter Gotscheff beruft sich ausdrücklich auf die antike Katharsis-Deutung. Wird er uns wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken jagen? Am nächsten Sonntag wissen wir mehr! Wieso aber wohlige Schauer des Entsetzens?

Nun, Aristoteles bestimmt das Wirkungsziel der attischen Tragödie in seiner Poetik wie folgt:

Eine tragödienspezifische Lust, die im Erlebnis eines eigenartigen Gereinigtwerdens von zuvor in tieferschütternder Wucht empfundenen Affekten, an deren Spitze die besonders stark aufwühlenden Grund-Affekte ‚Mitleid‘ und ‚Furcht‘ (eleos kai phobos) stehen.

Hier frei zitiert (mit Auslassungen) nach folgender, nachdrücklich zu empfehlender Hinführung: Joachim Latacz, Einführung in die griechische Tragödie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993 [=UTB 1745], S. 65-66

So wiederum kündigt das Deutsche Theater Berlin selbst sein Unterfangen an:

DIE PERSER
480 v. Chr. verloren die Perser in der Schlacht bei Salamis gegen die von ihnen lange unterdrückten Griechen. Acht Jahre später schrieb ein Grieche aus der Sicht des besiegten Feindes die älteste überlieferte Tragödie der Weltliteratur. Die Perser: Ein Volk begreift, dass es ausgespielt hat. Ein »organisierter Nervenzusammenbruch«, so Durs Grünbein, ein einziger langer Schrei, übertragen in Worte. Aischylos lässt die Verantwortlichen für das Fiasko auftreten, vom Chor des Ältestenrates bis zu Xerxes, dem geschlagenen Feldherrn und König. Er wagt einen Blick auf gegenwärtige Geschichte, der Vergangenheit und Zukunft einbezieht. Die Sieger von heute sind bald wieder die Besiegten von morgen. Auch wenn die Toten verscharrt werden, sind sie präsent. In seiner Theaterarbeit ging es Dimiter Gotscheff stets um die klassisch griechische Tragödienwirkung einer umfassenden, auch körperlichen Reinigung.

 Posted by at 17:45