Abbiamo bisogno di una metanoia europea?

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Nov 292014
 

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1. Metanoia – Umdenken, Umwenden, das innere Ruder herumwerfen – das mag wohl der Sinn des alten, heute außer Gebrauch gekommenen  Wortes Reue sein. Jesaja, Jeremia, aber auch Johannes der Täufer erhoben diese Haltung der Umkehr zum Grundmotiv. Griechisch lautet das Wort metanoia. Es dient als Übersetzung des hebräischen schuv oder teschuwa. Johannes erwartet von den Machthabern, dass sie mit der Reue, mit dem Um-Denken, bei sich selbst anfangen. Er misstraut der Macht, er bestreitet, dass Macht das Recht setzt, er verlangt, dass der Mächtige sich dem, was recht und billig ist, unterordnet. Kein König, kein Herr steht über dem Recht. Keiner darf sich zügellos über die Weisung hinwegsetzen.

2. Die Metanoia strafft gewissermaßen die Zügel beim Zügellosen. Schau sie dir an! Du siehst sie hier in diesem Bild der 1980 in Istanbul geborenen Künstlerin Yaşam Şaşmazer. Der Zügellose hat die Orientierung verloren. Er liegt platt auf der Erde. Hinter ihm die Metanoia. Sie versucht ihn aufzurichten. Aber er lässt sich fallen, er stellt sich tot. Wir betrachteten das ungleiche Gespann des Unbußfertigen und der Metanoia, als wir unterwegs zum Joseph Roth in der Potsdamer Straße waren .

3. Als Frucht der „metanoia tedesca“, der deutschen Umkehr, der deutschen Buß und Reu, wertet der italienische Politologe Angelo Bolaffi in seinem Buch Cuore tedesco den Erfolg der Bundesrepublik Deutschland – sie stelle das einzige erstrebenswerte Vorbild für die dringend gebotene Neuordnung der Europäischen Union dar: l’unico modello di riferimento che abbia dato buona prova di sé dal punto di vista della giustizia sociale e dell’efficienza economica.

4. Kommt Reue eigentlich im Euro-Wortschatz vor? Euro!  Reue! Beide Wörter klingen so ähnlich! Und doch sind sie unendlich weit voneinander weg. Ich schlug dazu das Euro-Wörterbuch des Langenscheidt-Verlages auf, als ich an der Ausstellung Metanoia  vorbeigelaufen war. Mich interessierte, wie man Metanoia ins Türkische übersetzt. Fehlanzeige! Gab es denn wirklich keinen Platz für das Wort Reue im Euro-Raum? Nein, in der Tat fehlt zwischen den Einträgen „Rettungsring“ und „Revanche“ das Wort „Reue“ im Euro-Wörterbuch.

5. Und doch wäre die tätige Reue der Rettungsring, der den Kreislauf aus Niederfallen und Revanche aufbrechen könnte.

6. Forse abbiamo bisogno di una metanoia europea. Wir brauchen wohl ein europäisches Umdenken.

Beweise:
Yaşam Şaşmazer: Metanoia.  Ausstellung in der Galerie Berlinartprojects, Berlin, Potsdamer Str. 61, 19.09.-31.10.2014
Langenscheidt Euro-Wörterbuch Türkisch. Langenscheidt Verlag KG, Berlin und München 1999, S. 481
Angelo Bolaffi: Cuore tedesco, Roma 2013, S. 254

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Diejenigen, die ab 1923 integriert wurden, mussten Türkisch lernen

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Aug 022013
 

2013-07-23 11.47.57

Besonders fällt mir bei meinen Besuchen in der Türkei – gerade im Vergleich etwa zu Besuchen beim Pamukkale-Brunnen im Görlitzer Park, wo afrikanische, türkische, romanische und andere Sprachen durcheinander klingen  – eine sehr große sprachliche Homogenität auf: Wo immer man hinkommt, wird Türkisch gesprochen, auch an den herrlichen Sinterterassen von Pamukkale (siehe Bild). Die türkische Flagge ist überall mehrfach zu sehen, die türkische Sprache ist überall zu hören. Die Türkei ist noch im hintersten Pamukkale oder Urfa überall klar erkennbar. Ohne solide Türkisch-Kenntnisse wird man es in der Türkei zu keinem beruflichen oder gesellschaftlichen Erfolg bringen. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen! Eine Sprache,  die um das Jahr 1000 n. Chr. von nur etwa 4000 aus Zentralasien zuströmenden Reitern und Eroberern  gesprochen wurde, ist heute die unumstrittene Staats- und Landessprache eines Volkes von 75 Millionen geworden! Auch darauf können die Türken, dieses uralte und stolze Eroberervolk, stolz sein und sind es ja auch.  Die alte Multi-Kulti-Herrlichkeit der Osmanen, wo am Hofe des Sultans Persisch, Arabisch, Griechisch, Türkisch, Lateinisch, Jiddisch, Italienisch bunt durcheinander gesprochen wurde,  ist seit langem vorbei.

Diejenigen Türken, die integriert werden, müssten Deutsch lernen.“ Mit diesen Worten wird Bundeskanzler Kohl heute aus einem 30 Jahre zurückliegenden Protokoll zitiert. Und zumindest darin hatte er recht.

Atatürk hatte auch darin recht, eine einheitliche Landessprache durchzusetzen. Er hat mit aller Macht von allen ethnischen Gruppen das vollkommene Erlernen des Türkischen verlangt und zu diesem Zweck auch 1929 das Erlernen der alten Kultursprachen Persisch und Arabisch von den Schulen verbannt sowie auch gewisse Minderheitensprachen wie das Kurdische verboten. Die verbleibenden Griechen mussten nach dem verheerenden griechisch-türkischen Krieg (1919-1922) die junge Republik verlassen, etwa 50.000 Menschen, die kümmerlichen letzten Reste der griechischen Volksgruppe, verließen nach den Pogromen des Jahres 1955 das Land. Und so traurig  endete um 1955 die  jahrtausendelange, bis etwa 1200 v. Chr. zurückreichende  griechische Siedlungsgeschichte im Gebiet der heutigen Türkei. Heute erinnert in Bodrum fast nichts mehr daran, dass es bis 1922 griechisch besiedelt war.

Diejenigen, die ab 1923 in die türkische Republik integriert wurden, mussten innerhalb weniger Jahre Türkisch lernen. Da gab es absolut kein Pardon. Atatürk erkannte hellsichtig, dass die junge Republik ohne eine kraftvoll durchgesetzte Staatssprache, eben das Türkische, keinen Bestand haben würde. Ich denke, damit traf er damals den Nagel auf den Kopf.

Moderne Republiken, moderne demokratische Staaten können ohne verbindende Landessprache nicht zusammenhalten. So war ja auch der Grundgedanke bei der Schaffung der deutschen Einheit ab 1848, dass alle Siedlungsgebiete „deutscher Zunge“ „von der Etsch bis an den Belt“ in einem staatlichen Bund zusammenkommen sollten. Die deutsche Sprache und Kultur und nichts sonst galt den Demokraten der Jahre um 1848 als das entscheidende Band der staatlichen Zusammengehörigkeit.  Aus dem Zusammenschluss aller damaligen deutschsprachigen Gebiete zu einem demokratischen Bundesstaat, aus der „großdeutschen Lösung“, wurde bekanntlich nichts. Weder das 1871 gegründete Deutsche Reich noch die ab 1848 stark umgestaltete Doppelmonarchie Österreich-Ungarn waren Volksstaaten oder Nationalstaaten im heutigen Sinne.

Zurück zur Jetztzeit! Soll Deutschland dem strahlenden Vorbild Atatürks folgen und von allen Bürgern, die dauerhaft hier leben, das Erlernen des Deutschen verlangen? Ja. Ich denke, Deutschland sollte hierin dem strahlenden Vorbild Atatürks folgen und eine einheitliche Landessprache durchsetzen, eben das Hochdeutsche. Und so wie Atatürk von allen ethnischen Gruppen der Türkei eine unbedingte Loyalität gegenüber der neuen Republik forderte, muss auch die Bundesrepublik Deutschland eine rechtsstaatlich eingehegte staatsbürgerliche Loyalität gegenüber dem Staat Bundesrepublik Deutschland fordern.  Die Türken in Deutschland werden das eingedenk Atatürks als erste verstehen. Die staatsbürgerliche Loyalität muss dem Land gelten, in dem einer dauerhaft lebt, nicht dem Land, aus dem die Großeltern oder Urgroßeltern stammen.

Freilich sollte Deutschland nicht wie die frühere Türkei andere Sprachen verbieten oder gar unterdrücken, ganz im Gegenteil: Zweitsprachen wie etwa das Spanische, Griechische, Polnische, Kurdische, Türkische, Russische sollten nach und neben dem Deutschen weiterhin gepflegt und gehegt werden. Gerade in den Familien sollten die Muttersprachen von den Müttern und Vätern an die Kinder weitergegeben werden, sofern es möglich ist und gewünscht wird. Aber Deutsch kommt in der Öffentlichkeit in Deutschland zuerst. Die Bundesrepublik Deutschland, die ja keine Komikerrepublik werden soll,  hat das Recht und wohl auch die Pflicht, eine einheitliche Landessprache im gesamten Bundesgebiet durchzusetzen.

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Sep 042012
 

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Bu davet bizim – das ist unsere Einladung:

Mittwoch, den 5. September 2012 um 18:00 Uhr im Ypsilon, Hauptstraße 163, 10827 Berlin

Im Rahmen der „Sprachwoche Berlin 2012“ findet im Bezirk Tempelhof – Schöneberg ein literarischer Abend mit der Journalistin Ebru Tasdemir und dem Konferenzdolmetscher Johannes Hampel statt.

„Yaşamak bir ağaç gibi. Aus den Gärten komm ich zu euch“, von Hikmet zu Hölderlin.
In diesem Rezitations Workshop werden Sie ein Gedicht von Nazim Hikmet und eins von Friedrich Hölderlin kennen und lieben lernen. Zum Mitmachen, Mitsprechen und Mitwachsen für alle.
Nazim Hikmet und Friedrich Hölderlin zählten zu den bedeutendsten Lyrikern.

www.sprachwoche-berlin.de(Externer Link)

Das Bild zeigt aus der Ferne den Moskauer Neujungfrauenfriedhof, den Новодеви́чье кла́дбище, den ich vor einigen Jahren in klirrender Kälte besuchte. Dort verweilte ich auch kurz an dem schneebestäubten Grab Nazim Hikmets. Kaum dass ich den Namen entziffern konnte! Ich staunte: ein türkischer Dichter – auf dem berühmten russischen Ehrenfriedhof begraben! Wie kommt denn das?

Hikmet teilt das Schicksal eines verurteilten, verbannten, unruhvoll Wandernden mit Millionen anderen Menschen des 20. Jahrhunderts. Die Lesung morgen abend mit Ebru Tasdemir wird vielleicht Gelegenheit bieten, ein Streiflicht auf das zwischen Griechenland und Türkei, zwischen Asien und Europa, zwischen Diktatur und Freiheitssehnsucht ausgespannte Leben Nâzim Hikmets zu werfen.

Das ist unser Wunsch. Bu hasret bizim. Das ist unsere Einladung. Bu davet bizim.

Mittlerweile ziehe ich das sehr bilderreiche, fabelhaft klug erzählende Buch zurate:

Nâzım Hikmet: Hasretlerin adı. Die Namen der Sehnsucht. Gedichte. Türkisch und Deutsch. Ausgewählt, nachgedichtet und mit einem Nachwort von Gisela Kraft. Ammann Verlag, Zürich 2008, hier besonders S. 164-165

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Jul 172012
 

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Zum Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles bei uns! Rund 115 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr würde die Einhaltung der neuen Hygienestandards an Berliner Schulen kosten, also die tägliche Reinigung der Böden und Toiletten durch den eifrig den Bürgern hinterherwischenden Berliner Senat! Ein Ding der Unmöglichkeit! Alle drängen und bedrängen die Geldkoffer des Staates, die Politik gebärdet sich im Kleinen wie im Großen fast nur noch als Streit ums Geld. Das Geld ist offenkundig die Grundlage und das entscheidende Maß der Politik, dieser Grundlage dient alles andere.

Dabei ist eigentlich genug Geld im System, es fehlt nur an den Regeln, wie heute recht zutreffend Bundestagspräsident Lammert seufzte.

Da flüchte du, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten! Zur Erholung von diesen allzu europäischen Geld-Tönen schlage ich gerne die alten Bücher des Ostens, Homer, Herodot, Aischylos etwa  auf. – Heute wiederum las und rezitierte ich das berühmte Gedicht Einladung (Davet) von Nazim Hikmet. Was für andere Töne! Kraftvoll, leidenschaftlich, – dieser Mann wird noch getragen von einem echten republikanischen Ethos! Die Freiheit steht im Mittelpunkt seines Einsatzes, auf dieser ursprünglichen Einsicht in Freiheit und Gleichheit aller Menschen gründet sein Vertrauen in das gute, das gelingende Wort!

Bu memleket bizim – das ist unser Land.
Bu davet bizim – das ist unsere Einladung.
Bu hasret bizim – das ist unsere Sehnsucht.

In den Zeilen Hikmets wird für mich erfahrbar, wie kostbar die Freiheit – selbstverständlich auch die politische Freiheit – ist. Gelingende Politik stiftet Gemeinschaft im Wort: unser Land.

Gelingende Politik schließt andere Menschen, andere Völker ein statt aus: unsere Einladung.

Wie schwer ist es, sich im Gezänk über Geld dieses Wertes bewusst zu bleiben!

Gelingende Politik strebt erlebten Wünschen nach: unsere Sehnsucht.

Gelingende Politik, gelingendes Zusammenleben beruht darauf, dass alle sich dieser Zugehörigkeit, diesem Streben nach Freiheit und Brüderlichkeit verpflichtet wissen.

Hört selbst:

 Nâzım Hikmet:

DAVET
Dörtnala gelip Uzak Asya’dan
Akdeniz’e bir kısrak başı gibi uzanan
bu memleket bizim.

Bilekler kan içinde, dişler kenetli, ayaklar çıplak
ve ipek bir halıya benzeyen toprak,
bu cehennem, bu cennet bizim.

Kapansın el kapıları, bir daha açılmasın,
yok edin insanın insana kulluğunu,
bu davet bizim.

Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür
ve bir orman gibi kardeşçesine,
bu hasret bizim.

Quelle:

Türkçe Okuma Kitabı. Erste türkische Lesestücke. Herausgegeben von Celal Özcan und Rita Seuß. Illustrationen von Rita Seeberg. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, München 2011 [=dtv 9482], S. 76

Ich freue mich auch auf folgende öffentliche Veranstaltung:

„Wir wollen uns an die Abmachungen halten. Das ist das Fundament, auf dem Europa nur gedeihen kann.“  So wird Bundeskanzlerin Merkel 16.06.2012 in der ARD-Tagesschau zitiert.

Abmachungen einhalten, Wahrhaftigkeit, Redlichkeit des Wortes – ist dies das Fundament, auf dem Europa neu gedeihen kann? An diesem Abend wollen wir ein politisches Gedicht über die Freiheit von Nazim Hikmet und eines von Friedrich Hölderlin kennen und lieben lernen.

Zum Mitmachen, Mitsprechen  und Mitwachsen für alle. Anschließend politische Diskussion.

Treffpunkt:  Donnerstag, 19. Juli 2012, 20.00 Uhr, Park am Gleisdreieck, Kreuzberg-West.

Neuer Kiosk am Park-Eingang (von der Hornstraße her)

In Deutsch und Türkisch

Bild: Wurzelscheibe eines Baumes vom Märchenpfad in Bischofswiesen, Berchtesgadener Land

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Mrz 162012
 

„Überall, wo wir hinkommen, bringen wir nur Freundschaft, Liebe und Frieden!“ Möge die Verleihung des Toleranzpreises an den türkischen Ministerpräsidenten genau diesen Geist des Friedens, der Versöhnung zwischen Türken und Griechen und Kurden und Armeniern und Franzosen und Deutschen befördern. Es ist möglich!

Türkei – Massenproteste wegen Toleranzpreis für Erdogan – Politik – Berliner Morgenpost – Berlin

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Interesse für türkische Geschichte wecken und pflegen!

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Nov 072011
 

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Die stolze türkische Flagge weht derzeit hoch, sehr hoch in Berlin, weit höher als die Bundesflagge! Und es ist immerhin die Flagge eines Landes, das mit seinen Truppen in Zypern bereits EU-Territorium in Besitz genommen hat. Schön von uns!

Es wäre einmal eine reizvolle Aufgabe, das Aneinandervorbeireden der deutschen und türkischen PolitikerInnen zu untersuchen. „Assimilation ist ein Verbrechen, das wissen wir besonders“, so wurde Tayyip Erdogan 2008 zitiert. Da haben sich die Deutschen aber aufgeregt! Sie konnten ja nicht wissen, dass Erdogan über die dunklen Seiten der jungtürkischen Zwangsassimilation der Armenier und Kurden und anderer Völker sprach. Wenn man den zeithistorischen Hintergrund und die aktuellen Expansionsgelüste der türkischen PolitikerInnenäußerungen nicht mitbedenkt, wird man leicht an der Nase herumgeführt. Die Kurden, die Griechen, die Armenier hatten in der Türkischen Republik nie auch nur ansatzweise die Freiheiten, die die Türken in Deutschland von Beginn der Anwerbung im Jahr 1961 bis zum heutigen Tag uneingeschränkt genießen durften und dürfen.

Davon handelte eine Tagung des Lepsius-Instituts in Potsdam, über die Regina Mönch berichtet:

Armenischer Genozid: Schwarze Löcher der Türkei – Feuilleton – FAZ
Die erzwungene „Assimilation“ ging einher mit Zwangsislamisierung, Zwangsverheiratung – Auslöschung durch Konversion nennt Altinay diese Tragödie. Ein noch kaum erforschtes Kapitel des Völkermordes und des türkischen Nationalismus, das aber ahnen lässt, warum, bewusst oder unterbewusst, „Assimilation“ für türkische Politiker und deutschtürkische Großfunktionäre ein Kampfbegriff ist.

 Posted by at 23:05
Apr 082011
 

384,89 Euro beträgt der aktuelle Mindestlohn in der Türkei. Die Mehrzahl der Arbeitnehmer in der Türkei bezieht diesen Mindestlohn. Der gesetzliche türkische Mindestlohn beträgt somit etwa ein Viertel bis ein Drittel dessen, was ein Arbeitsloser in Deutschland Monat für Monat an finanziellen Zuwendungen, etwa für Wohnen und Versicherungen sowie an Barauszahlungen erhält. Die Lebenshaltungskosten der Türkei sind unterschiedlich, in Istanbul liegen sie etwa so hoch wie in Deutschland, im Durchschnitt des Landes etwa auf halber Höhe oder etwas darunter. In Istanbul selbst beträgt der aktuelle Durchschnittslohn etwa € 850/Monat.

Ein Sozialhilfeempfänger in Deutschland steht also weit besser da, kann sich weit mehr leisten als ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in der Türkei, von den arabischen Ländern ganz zu schweigen.

Ein Blick auf diese simplen Zahlen vermag etwas von der faszinierenden Sogwirkung des deutschen Sozialsystems auf die anderen Länder dieser Erde zu erklären.

Dennoch wird unausrottbar von „Armut“ gesprochen.  So schreibt heute etwa Gilbert Schomaker in der Berlin-Ausgabe der WELT auf S. 30: „Von Armut betroffen sind laut Bildungsbericht 36 Prozent aller Kinder in Berlin, sogar 46 Prozent aller Jungen und Mädchen in Brandenburg. Als vom Risiko Armut betroffen gelten Familien, die bei zwei Kindern nicht mehr als 1550 Euro im Monat haben.

Es ist haltloser Unsinn, den uns die Statistiker da immer wieder auftischen. Es gibt in Deutschland keine statistisch nennenswerte Armut. Das ständige Gerede von Armut verstellt den Blick auf die wahren Ursachen von scheiternden Bildungskarrieren. Eine der Hauptursachen von scheiternden Bildungsverläufen liegt meines Erachtens darin, dass es zu wenige Anreize gibt, aus dem System der Sozialhilfe aus- und aufzusteigen. Denn alle denken und viele sagen: „Ich krieg ja eh Sozialhilfe.“ Umgekehrt bestehen stärkste Anreize, Familien bewusst ins deutsche Sozialsystem hineinzugründen und die Lebensplanung darauf abzustellen.

Und so entfällt jeder materielle Anreiz, wirklich gutes Deutsch zu lernen oder beruflich verwertbare Qualifikationen zu erwerben.

Minimum Wage in European countries – Google public data

 Posted by at 11:03
Dez 172009
 

161220090011.jpg „Höre deiner Priester Lehre, dieser war dein Gatte nicht“, so heißt es in Goethes vortrefflicher Ballade „Der Gott und die Bajadere“. Hören wir doch heute die Lehre der türkischen Väter aus Neukölln! Oh Germanisten, lest folgenden Abschnitt aus der Presseerklärung der Väter von heute:

Wir sorgen uns ernsthaft um unsere Kinder und um deren Chancen in unserer deutschen Gesellschaft. Wir wissen, dass unsere Kinder in Deutschland nur eine Chance haben, wenn sie früh genug deutsch lernen und früh genug der deutschen Kultur näher kommen.

Was fällt euch auf? Richtig, die Wortwiederholungen! In der ganzen Erklärung der türkischen Väter wimmelt es von „deutsch“, von „Kultur“, von „unserer deutschen Gesellschaft“, „deutscher Kultur“ usw. Die türkischen Väter bekennen sich eindeutig zu diesem Land. Es heißt Deutschland. Sie bekennen sich zu ihrer Verantwortung für die eigenen Kinder. Und sie lehnen weitere Almosen des deutschen Staates ab. Sie fordern keinen türkischen, keinen arabischen Sprachunterricht, sie fordern keine Wohltaten, sie fordern nur, dass der deutsche Staat die Fehler nicht weitermacht, die schon so lange begangen worden sind.

Die Einsichten, diese Erklärungen sind äußerst wichtig. Kazim Erdogan wurde übrigens vor einigen Monaten schon einmal am 28.04.2009 in diesem Blog gewürdigt. Den Mann würde ich gerne mal kennenlernen.

Dies Erklärung ist bemerkenswert. Es ist keine Rede mehr von einem harmonischen Miteinander der „Herkunftskultur“ und der „Zielkultur“. Die türkischen Väter wollen eines für ihre Kinder: den Anschluss an „unsere deutsche Gesellschaft“, an unsere „deutsche Kultur“.

Problem ist: Die Deutschen wissen oftmals selbst viel zu wenig von der deutschen Kultur. Sie ist ihnen Kokolores. Ein türkischer Dozent erzählte einmal, im Goethe-Institut Ankara hätten nach einem Deutschkurs alle Teilnehmer ein Volkslied in ihrer Nationalsprache gesungen bei einem Fest. Dann kam die Reihe an die deutschen Dozenten der deutschen Sprache. Sie kannten kein deutsches Volkslied. Sie blieben stumm. Ich denke mir: Vielleicht sangen sie das lustige Lied vom „We all live in a yellow submarine“, oh yeah!

Kürzlich sprach ich mit einer Kreuzberger Akademikerin, einer Geisteswissenschaftlerin. Ich erzählte von der bevorstehenden Chamisso-Lesung der Chamisso Akademie im Chamisso-Kiez. Am Samstag.

„Chamisso, Chamisso …? Der Name sagt mir nichts.“ So die Antwort. Ich hoffe, diese Geisteswissenschaftlerin (Germanistin?) am Samstag begrüßen zu dürfen!

Das Bild zeigt den hier schreibenden Blogger im harmonischen Miteinander mit einem der Tiere aus Mozarts Zauberflöte, die am Freitag in der Fanny-Hensel-Grundschule aufgeführt wird.

 Posted by at 00:28
Mrz 092009
 

Mein sechsjähriger Sohn und meine Frau berichten lachend soeben von einer reizenden Unterhaltung mit zwei türkischen Jungen auf dem Spielplatz in unserer Straße. Die Jungs sind 8 und 10 Jahre alt. Sie erzählen stolz:

„Wißt ihr, dass unser Vater ein Millionär ist? Ihm gehören die zwei Häuser hier gegenüber! Und wir haben zwei große Limousinen, einen BMW und einen Merzedes. Und wisst ihr, gestern habe ich Geburtstag gehabt. Ich habe eine Jeans bekommen, die 100 Euro kostet. Und ich habe einen Flachbildfernseher bekommen. Und ich habe einfach so noch 100 Euro bekommen.

Und wisst ihr, dass ich ein Apl-Handy habe? Und wisst ihr, dass meine Mutter eine Sängerin ist? Und wisst ihr, dass Britney Spears meine Tante ist?“

„Und wisst ihr, dass wir nicht in die Adolf-Glassbrenner-Schule gehen, sondern dass wir jeden Tag in eine Privatschule abgeholt werden?“

Nein, das alles wussten meine Frau und mein Sohn nicht. Wie hätten sie es wissen können? Es klang sehr überraschend! Sie hätten es sich nicht träumen lassen!

Ich lerne daraus, worauf türkische Kinder in Kreuzberg stolz sind, und wovon sie vielleicht träumen. Und ich schreibe dies rasch auf:

Die türkischen Kinder in Kreuzberg träumen davon,

dass sie mindestens einen Tag lang Neffen und Nichten von Britney Spears wären, und dass sie nicht in die Adolf-Glassbrenner-Schule gehen, sondern jeden Tag in die Privatschule abgeholt würden.

Sie sind stolz darauf, dass sie ein I-Phone von Apple haben und einen Flachbildfernseher. Und dass sie 100 Euro zum Geburtstag erhalten. Und dass ihre Jeans endlich einmal 100 Euro kostet. Und dass ihr Vater zwei Limousinen, die eine von BMW und die andere von Mercedes fährt.

Sie träumen davon, dass ihre Mutter eine Sängerin wäre.  Und dass ihr Vater ein Millionär wäre und ihm zwei Häuser in dieser Straße gehören.

Und sie wünschen sich, dass dies alles wahr wäre. Und sie glauben daran.

Ich kann nur empfehlen: Geht zu den türkischen Kindern und fragt sie: Wovon träumt ihr? Worauf seid ihr stolz?

 Posted by at 18:06