Archive for the ‘T’ Category

Aus Heinrichs des Vierten Canossa-Gang wird Öttingers Ankara-Gang

Samstag, Februar 23rd, 2013

„Ich möchte wetten, dass einmal ein deutscher Kanzler oder eine Kanzlerin im nächsten Jahrzehnt mit dem Kollegen aus Paris auf Knien nach Ankara robben wird, um die Türken zu bitten, Freunde, kommt zu uns.“

Mit diesen Worten wird der schwäbisch-deutsche EU-Kommissar Öttinger in unseren historisch so hochbedeutsamen Tagen überall in der EU und der Türkei beifällig zitiert. Ein kühner Spruch, mit dem der mächtige Politiker tief in die Bilderwelt der europäisch-kleinasiatischen Geschichte hineingreift! Denn das “Heranrobben auf den Knien” ist jedem Geschichtskundigen als die Haltung geläufig, mit der der fränkisch-deutsche König Heinrich IV. sich dem damals amtierenden Bischof von Rom, dem mächtigen Papst Gregor VII., diesem bei Freund und Feind als “Zuchtrute Gottes” gerühmten, kraftvollen Vollblutpolitiker unterwarf. Damit erkannte er in der Frage der Bevollmächtigung zur Ämtereinsetzung – also im berühmten “Investiturstreit” – zunächst einmal die Vormacht des Römers an.

Der Gang nach Canossa! Wann war das? Im Jahr 1076, also in einem Jahrzehnt, das für die europäisch-kleinasiatische Geschichte bis heute von überragender Bedeutung ist! Warum?

Jedes türkische Schulkind kennt und verehrt Alp Arslan, jedes türkische Schulkind kennt und verehrt die Schlacht von Manzikert (1071), in der es dem turkstämmigen Seldschukenherrscher gelang, den griechisch-byzantischen Kaiser Romanos IV. entscheidend zu schlagen. Diese Schlacht von 1071 gilt in der monumentalischen Geschichtsschreibung der Türken als der Beginn der unaufhaltsamen Islamisierung des damals christlichen anatolischen Kernlandes. Von diesem Jahrzehnt an stiegen die Turkstämme nach und nach zur unbestrittenen Führungsnation der islamischen Welt auf und rangen den christlichen Herrschern Land um Land ab, so auch das ehedem christliche, heute aber zu 90% islamische Ägypten.

Das Jahr 1071 kann heute als einer der Ursprünge der Furcht des Abendlandes vor islamischer Eroberung gelten. Seit damals, seit diesem Jahrzehnt 1070-1080 breitete sich die Angst vor Islamisierung und Eroberung erneut aus. “Wenn wir im Abendland nicht aufpassen und uns weiterhin dauernd gegenseitig die Schädel einschlagen, werden uns die Türken erobern.” So die damals weitverbreitete Furcht, die unter anderem auch zu den 6 Kreuzzügen führte, die heute in der gesamten islamischen Welt als abschreckendes Beispiel der typisch abendländischen  Grausamkeit und Herrschsucht gebrandmarkt werden.

Der in türkischer Sicht glorreiche Höhepunkt dieser islamischen Landnahme ist selbstverständlich das Jahr 1453, in dem es gelang, den Sitz des kleinen verbliebenen Römischen Reiches, das damals griechisch-christliche Konstantinopel, mit einer multiethnischen Streitmacht  zu erobern. Für das Abendland ein grundstürzendes Ereignis!

Nahezu immer aber boten die islamischen Herrscher ihren militärischen Gegnern an, dass die Gegner sich freiwillig unterwerfen sollten und dafür nicht getötet würden. Ein Übertritt zum Islam wurde dabei nicht notwendig zur Bedingung der Unterwerfung gemacht, Zwangsislamisierungen waren nicht die grundsätzliche Regel. Den Christen stand es wie den Juden meist frei, als Untertanen zweiter Klasse weiterhin ihr Leben zu führen, wenngleich viele den Übertritt zum Islam wählten, um den zahlreichen Benachteiligungen zu entgehen. Aber bei den Osmanen erreichten viele Christen hohe Stellungen am Hofe des Kalifen.

Der CDU-Politiker Günter Öttinger schlägt also keine “privilegierte Partnerschaft”, sondern eine symbolische Unterwerfung in Freundschaft vor. Sein Vorschlag verdient sorgfältige Prüfung. Ich  meine: Wenn die Mehrheit der Deutschen, die Mehrheit der Franzosen und Europäer einen derartigen kniefälligen Ankara-Gang in Freundschaft wünscht – warum nicht? Die Tür der freundschaftlichen Unterwerfung ist immer offen! Sollten wir Europäer uns nach Öttingers Vorschlag der Türkei unterwerfen – etwas, was Romanos IV. damals starrsinnig ausschlug? Bedenken wir: Die Türkei hat eine junge, wachsende Bevölkerung mit vielen Kindern – sie hat also genau das, was den schrumpfenden Gesellschaften in der EU, vor allem natürlich Deutschland am meisten und am schmerzhaftesten fehlt.

Schluss mit diesem holzschnittartig-groben, verzerrenden historischen Rückblick!

Springen wir in die Analyse der Gegenwart! Sprechen wir über die Demographie! In der Türkei zählt die Familie noch sehr viel. Die Türkei hat also das, was bei uns fehlt: ein starkes Bewusstsein für den unverzichtbaren Rang von Ehe und Familie. In der Türkei strecken die Bürger nicht Tag und Nacht die Hände nach dem Staat und nach dem Sozialsystem aus wie bei uns, sondern die Familien halten zusammen. Der türkische Mindestlohn liegt unterhalb der deutschen Grundsicherung nach dem SGB! Die Menschen arbeiten trotzdem: Kinder, Frauen, Männer, alle sind notfalls bereit, sich zugunsten der Familie abzurackern oder gar als ganze Dörfer ins ferne Ausland zu übersiedeln, um von dort aus die dringend benötigten, aus allen erdenklichen Quellen stammenden Gelder nachhause zu überweisen. Sie sind sich nicht zu schade, im Ausland zu arbeiten für “Löhne, von denen man nicht anständig leben kann”, wie unsere deutschen Mitte-Links-Sozialpolitiker nicht müde werden zu verkünden.

Dass Vater und Mutter unbedingt Vollzeit arbeiten müssen und die Kinder dem Staat am besten rund um die Uhr anvertraut werden, wie das bei uns in Deutschland von Teilen der Politik und Teilen der Bevölkerung offen gefordert wird, wäre in der Türkei undenkbar. Die Familien bilden die Keimzelle der türkischen Gesellschaft, so wie der gütige Staat, die gerechtigkeitschaffende Politik, das versorgende Sozialsystem zunehmend die Keimzelle und die entscheidende Stütze der deutschen Gesellschaft bilden.

Ich meine: Wir können  von den Türken sehr viel lernen – vor allem Familiensinn, Treue, Selbstachtung für das eigene Land, Treue zur Republik.

Selbstunterwerfung unter andere Staaten, Selbstaufgabe der eigenen Herkunft und der eigenen Muttersprache, ständige Selbst-Anklage, Preisgabe der familiären Bindungen zugunsten des vulgärsozialistischen Versorgerstaates – dies von uns Deutschen zu lernen würde ich den Türken niemals empfehlen.

Diese typisch deutsche – jedoch weniger europäische – Auto-Immun-Schwäche wäre bei den Türken ebenso krankhaft wie sie bei uns Deutschen krankhaft ist.

 


EU-Beitritt der Türkei – „Auf Knien nach Ankara robben“: Günther Oettingers Türkei-Spruch löst Irritationen aus – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/politik/ausland/eu-beitritt-der-tuerkei-auf-knien-nach-ankara-robben-guenther-oettingers-tuerkei-spruch-loest-irritationen-aus_aid_924109.html

Was man für Geld nicht kaufen kann: schön danken lernen!

Dienstag, Februar 12th, 2013

2012-05-10-081040.JPG

“Wir sollten den Bauherren des Potsdamer Platzes, vor allem DaimlerChrysler,  dankbar sein, denn aus ihren ca. 8 Millionen Euro Ausgleichszahlungen wurde unser wunderschöner neuer Park am Gleisdreieck gebaut!”

“Wir Berliner sollten als Single-Hauptstadt den tüchtigen Bayern und den wackeren Baden-Württembergern dankbar sein, denn sie finanzieren über den Länderfinanzausgleich unsere tolle BVG, unsere gegenüber den Südstaatleren viel bessere  Kita-Abdeckung, unsere gegenüber München um 50%  billigeren Berliner Mieten, unsere 3 Mal höhere Arbeitslosenrate …! Ohne die Bayern und Baden-Württemberger stünden jedem Single nur noch 18 statt 40 qm zu, die Miete würde verdoppelt, viele Berliner müssten als Gastarbeiter irgendwo anders zu niedrigen Löhnen arbeiten gehen, etwa in der Türkei, in Libanon, in der Slowakei, in Rumänien.”

Hä? Was ist das für ein schräges Gebrabbel? Darf man als Schwabe von uns Berlinern  Dankbarkeit gegenüber den Geberländern des Bundesfinanzausgleichs verlangen?

Schwierig, sehr schwierig! Dankbarkeit gegenüber anonymen Spendern, an deren mildtätige Gaben man sich gewöhnt hat und auf die wir einen erlernten Anspruch zu besitzen glauben?  Ich glaube, die dauernde Abhängigkeit von finanziellen Zuwendungen hat eher einen verwöhnenden Effekt, der schließlich in Aggressivität gegenüber dem Spender umschlägt: “DIE sollten uns mal dankbar sein, dass wir ihnen eine so schöne Hauptstadt bieten! Da können DIE nicht mithalten!”

Dankbarkeit in der Politik? Das klappt meist nicht. Echte Dankbarkeit empfinden wir meist nur gegenüber Personen mit einem Namen und einem Gesicht, denen wir uns irgendwie verbunden wissen.

Lest hierfür einige beliebige Beispiele von Danksagungen aus meinen jüngsten Lesestoffen:

1: “Den größten Dank schulde ich meiner Familie. Am Esstisch und bei Familienreisen waren meine Söhne Adam und Aaron, wann immer ich sie mit neuen ethischen Dilemmata konfrontierte, stets zu scharfsinnigen, moralisch abgewogenen Reaktionen bereit. Und immer wandten wir uns an Kiku, die uns sagte, wer recht hatte. Ihr widme ich dieses Buch in Liebe.”

2: “Ein großer Dank geht auch an meine Frau für all ihre Ideen, an meinen Mitarbeiter Veysel, dessen einziger Fehler ist, Bayern-Fan zu sein, an die beiden Hakans (Mican und Tunç), an Mustafa, ohne die ich noch heute versuchen würde, eine Verbindungsbrücke zwischen den beiden Gipfeln des Kilimandscharo zu bauen, an die Fußballfreunde aus dem sonntäglichen Kick in Kreuzberg, an die Kids, die mir geholfen haben, die richtigen Fragen zu stellen, und an Bruce Lee, der mir ein Motto lieh: “Wasser kann fließen, kriechen, tropfen, stürzen und schmettern. Sei Wasser, mein Freund!”

3: “Anders als in Türken-Sam bin ich in dieser Geschichte nicht der Hauptakteur. Dieses Buch haben andere auf den Weg gebracht. Menschen, die hinter den Kulissen wirken und die darin zu Wort kommen. Menschen wie Renate und Adolf Hampel in Hungen, die sich – beide längst im hohen Rentenalter – ein halbes Leben für die interkulturelle Verständigung engagiert haben. Ich danke ihnen und allen, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen.”

Drei Männer, drei Mal ein Dankeschön gesagt, auf nette, echte, glaubwürdige Weise. Sie statten Dank an namentlich genannte Menschen in Fleisch und Blut ab, denen sie etwas ver-danken. Mit ihnen verbinden sie Geschichten von Wagnissen, von Treue, von Elternschaft, Ehe, Freundschaft, von wechselseitiger Hilfe. Nur diese persönlichen Erfahrungen von Güte und Treue ermöglichen ein echtes Gefühl von Dankbarkeit. Diese Verbundenheit ist es, die letztlich Familien, Städte und ganze Länder zusammenhält. Nicht das Geld der anderen, nicht die Politik, nicht so merkwürdige Dinge wie “soziale Gerechtigkeit”, sondern Treue und Liebe zwischen Eltern und Kindern, von Mann und Weib, von Freundin und Freund, von 11 oder 22 Freunden, von Mit-Menschen und Neben-Wohnern. Wir dürfen ein Wort wagen: das grundlegende Vertrauen in diese überzeitlichen Werte – Familie, Gattenliebe, Freundschaft , Treue – macht  den berühmten “Wertekonservatismus” aus. Ich nenne diese Grundhaltung auch den Personalismus der Mitte. Eine Grundeinsicht dafür lautet: “Die Welt, die Gesellschaft als solche ist eigentlich weder gerecht noch ungerecht. Menschen verhalten sich gerecht oder oder ungerecht, benehmen sich gut oder böse, geben sich faul oder fleißig. Lasst uns möglichst gerechte, gute, fleißige Menschen sein und anderen als Vorbild dienen!”"

Das grundlegende Vertrauen in die regelnde, ausgleichende, gerechtigkeitschaffende Gesellschaft, der Glaube an den gütigen, geldverteilenden und fürsorglichen Staat, der Glaube an die strukturprägende Macht der Politik bis ins Leben der Familien und der individuellen Schicksale hinein ist im Gegensatz dazu ein Merkmal des reformerischen oder revolutionären linken oder rechten Politikansatzes. Man könnte ihn auch den Strukturalismus der sozialen Gerechtigkeit nennen. Grundbekenntnis ist: “Die Welt ist eigentlich ungerecht. Die Gesellschaft ist eigentlich ungerecht. Lasst uns endlich gerechte Verhältnisse schaffen!”

Ich danke den vorbildlichen Buchschreibern Michael, Cem und Cem für diese Einsicht.

Und hier kommen die Quellenangaben (mit bestem Dank):

1) Michael J. Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes. Aus dem Amerikanischen von Helmut Reuter. Ullstein Verlag, Berlin 2012, S. 294
2) Cem Özdemir: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur. Beltz&Gelberg, Weinheim 2008, S. 253
3) Cem Gülay/Helmut Kuhn: Kein Döner Land. Kurze Interviews mit fiesen Migranten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012, [Kindle-Ausgabe], Pos. 2770

Bild: unser wunderschöner neuer Park am Gleisdreieck. Wir sagen schon mal danke. An alle.

“Wir Schwaben sind ein stolzes Volk!” oder: Sollte man Nationalstolz einfach verbieten?

Mittwoch, Januar 9th, 2013

2012-08-12-113144.jpg

2012-12-08-134636.jpgWir Schwaben sind ein stolzes Volk“, so konnte man es in den 80er Jahren im Temeschwarer Heimatblatt der in in Rumänien lebenden Deutschen, der “Donauschwaben” immer wieder lesen. “Wir lassen uns unseren guten Namen nicht zerstören”.

Die Berliner sollten uns Schwaben dankbar sein!“, so äußerte sich vor wenigen Tagen der Bundesvorsitzende einer politischen Partei, ein stolzer Landwehrkanalschwabe in der BILD gegenüber dem alteingesessenen Pankower Wolfgang Thierse.

Wir sind mit Stolz Deutsche geworden“, berichtet heute auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung die aus Syrien stammende Deutsche Hajat Abdullah.

Jetzt bin ich wieder stolz, Deutscher zu sein“, so Konrad Adenauer im Jahr 1946.

Ich liebe die deutsche Sprache“, schrieb Kübra Gümüsay einmal in der taz.

Für viele unter uns Deutschen, die wir eigentlich kein Verhältnis mehr zur eigenen Nation und zur eigenen Sprache haben oder sie im Euro-Taumel und im Kult der ewig lastenden Schuld eher als etwas zu Überwindendes betrachten, sind derartige Sätze befremdlich.  Für viele Deutsche ist deshalb aber auch der polnische, tschechische, österreichische, Schweizer, französische, der holländische, dänische, der russische und vor allem der türkische Nationalstolz eine fremde Welt. Selbst die schlimmsten Massenverbrechen, die diese Völker begangen, mitbegangen oder begünstigt haben, sind kein Grund, den Stolz auf die eigene Nation in Frage zu stellen. Und obwohl es in allen unseren Nachbarländern einen wieder und wieder bezeugten Nationalstolz und auch einen konsolidierten Nationalismus gibt, lösen bei uns Sätze wie etwa “Ich liebe die deutsche Sprache”, “ich bin stolz, Deutsche geworden zu sein”, “ich freue mich, Deutscher zu sein” bei vielen Deutschen Widerwillen und Abscheu aus. “Wie kann man denn als Neudeutscher eine private Einbürgerungsfeier machen!”

Gerade in Friedrichshain-Kreuzberg gibt es einen rabiaten, gewalttätigen, schwaben- oder besser deutschenfeindlichen Antinationalismus, der in der Revaler Straße seine 50 m lang lesbare Ausprägung gefunden hat. Träger der antideutschen Hetze sind ausnahmslos Deutsche. Sie würden gerne Deutschland auflösen, Deutsch verbieten, alle Deutschlandfahnen verbrennen und eine Art wabernden Internationalismus, mutmaßlich mit Vorrang des Englischen, der alten Sprache des weltumspannenden Kolonialismus einführen. – Man hört heraus:  “Nach allem, was die Bundesrepublik Deutschland seit 1949 verbrochen hat, muss dieser Staat bekämpft werden.”  “Abschiebung ist Mord!”, konnte man deutlich bei den deutschen Platz-Besetzern am Mariannenplatz lesen. Ein Staat, der Abschiebungen vornimmt und nicht alle Menschen, die sagen: “Hoppla hier bin ich!”  auf seinem Territorium beherbergt und beköstigt, ist also ein “Mörderstaat”.  So lautet ein typischer Spruch dieser antideutschen Bewegung.

Dieser ideologisch verbohrte deutsche Antinationalismus ist etwas zutiefst Deutsches. Er findet sich schon gut belegt seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland. Alles, was deutsch ist und deutsch redet, ist in den Augen der deutschen Antinationalisten schlechter als alles andere. Gottfried August Bürger spießt diese Haltung trefflich auf, indem er vorgibt, seine Münchhausen-Abenteuer aus dem Englischen übersetzt zu haben, weil “Deutschland gegen eigene Verdienste ungerecht ist”.

Die reiche Kultur in deutscher Sprache aus den verschiedenen deutschen Landen, ja die deutsche Sprache selbst wird hier in Deutschland meist unter den Teppich gekehrt oder mehr wie ein abgestelltes Möbelstück vergessen. Doch müsssen wir Deutsche unser Ohr für diese fremde Welt des nationalen Denkens öffnen, wenn wir unsere Nachbarvölker verstehen und annehmen wollen.  Einfach alle Nationalisten zu Idioten zu erklären, oder einfach alle national orientierten  Parteien wie etwa den Front National, die Neuen Finnen, die NPD, den Vlaams Belang oder die Jobbik-Partei zu verbieten, löst das Problem nicht. Diese Ausmerzung des nationalen Fühlens oder des nationalistischen Denkens kann man in Deutschland versuchen, in Polen, in Rumänien, in Tschechien, in Ungarn, in Griechenland, in England und vor allem in der Türkei wäre es aussichtslos. Man hätte sofort die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich, wenn man das nationale Denken verböte und austriebe. In Polen wird auch da ungerührt von uraltem polnischen Boden gesprochen, wo Jahrhunderte lang nur Sorben und Deutsche lebten. Für die Türken gab’s im Gebiet der heutigen Türkei laut offizieller Lehre eigentlich sowieso immer nur Türken, und Türkisch ist die Muttersprache aller anderen Sprachen. Griechenland, diese stolze Nation, sieht sich von aller Welt verraten und verkauft.

Ich meine: Das nationale Denken wird sich nicht, weder durch deutsches Dekret noch durch EU-Verordnung oder durch Förderung der deutschen antideutschen Volksverhetzer beseitigen lassen. Alle EU-Staaten mit Ausnahme Deutschlands definieren sich in den Köpfen und Herzen der allermeisten Bürger auf absehbare Zeit als Nationalstaaten. Nirgendwo außerhalb Deutschlands sind die Menschen auch nur ansatzweise bereit, den Gedanken der vor allem sprachlich definierten Kulturnation zugunsten einer vorrangigen EU-Identität aufzugeben. Ausschließlich in Deutschland stellen sich Politiker hin und sagen: “Der Europäischen Union geht es schlecht. Wir brauchen deshalb mehr Europäische Union.” Das wäre im Binnendiskurs aller anderen EU-Länder nahezu undenkbar! Dazu muss man nur die landestypische Presse in einer beliebigen anderen europäischen Sprache lesen oder besser noch einfach mit den Leuten auf der Straße oder im Zug reden.

Dass ausgerechnet die Bundesrepublik Deutschland unter allen EU-Staaten mit großem Abstand das am schwächsten entwickelte, ein von nagenden Selbstzweifeln angekränkeltes  Nationalgefühl hat und deshalb keine Führungsrolle haben will, ist eine, wenn auch keineswegs die wesentliche Ursache dafür, dass in der Europäischen Union so vieles im argen liegt.

Lernen wir von Kübra Gümüsay, von Cem Özdemir, von Konrad Adenauer, von Hajat Abdullah, von den redlichen Donauschwaben, von den kreuzbraven Landwehrkanalschwaben, den Neuen Deutschen und den deutschen Spätaussiedlern, dass wir ein grundsätzliches Ja zu Deutschland sagen dürfen!

Gemeinsam gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus!

Montag, Dezember 17th, 2012

Wie heißt der einzige Staat der EU, dessen Staatsgebiet zu fast 40% vom Militär einer fremden Macht, die nicht Mitglied der EU, besetzt ist? Dies ist das Rätsel des Tages, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Es lohnt sich über diese Frage nachzudenken! Na, ist der Jeton gefallen? Richtig! Die Antwort lautet: Zypern. Insofern können wir sagen: Wir haben die Türkei schon lange in der EU stehen.

Heinz A. Richter geht heute auf S. 7 der FAZ der spannenden Frage nach, wie es zu der bis heute heillos verworrrenen Lage in Zypern kommen konnte – in einem Staat, der in zwei Volksgruppen, die Zypern-Türken und die Zypern-Griechen zerfallen ist. Richter benennt vor allem die Briten,  Kolonialmacht seit 1914, als die Hauptverursacher der verhängnisvollen Entwicklung. Während ihrer Herrschaft spielten sie die beiden Volksgruppen, die vorher gut miteinander ausgekommen waren,  gezielt gegeneinander aus und befeuerten sowohl bei den griechischen Nationalisten den Wunsch nach Vereinigung mit Griechenland (Enosis) als auch bei den Festlandstürken die massive Neuansiedlung von Türken auf der Insel. Die Türkei tat dies, um eine räumlich möglichst geschlossene, zahlenmäßig möglichst starke, kompakt siedelnde und rasch wachsende  Volksgruppe aufzubauen, die dann die Abspaltung des türkisch besiedelten Teils verlangte (Taksim).

Auf beiden Seiten behielten letztlich die Aufpeitscher die Oberhand, so dass es zu zahlreichen Gewalttaten, zu Vertreibungen, ja ab 1955 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kam.

Die Zypernfrage ist ein Lehrbeispiel dafür, wie die Türkei die ihrem Schutz anempfohlene Volksgruppe, also die Auslandstürken, zu schützen gedenkt, wenn sie sie in Bedrängnis geraten sieht. Je mehr die Türkei nachweisen kann, dass das türkische Volk, das in anderen EU-Staaten lebt, benachteiligt, bedrängt oder angegriffen wird, desto stärker wird sie bestrebt sein, eine Berechtigung zum Eingreifen zugunsten ihrer im Ausland lebenden Staatsbürger aufzubauen. Man lese und verfolge doch die Berichterstattung über alle Verbrechen, die von Nicht-Türken an Türken in Deutschland  begangen werden – und vergleiche dies mit der Berichterstattung über die Verbrechen, die von türkischen Staatsbürgern im Ausland an Türken und an Nicht-Türken begangen werden! Man wird ein eklatantes Missverhältnis feststellen: Wenn Türken oder Muslime Verbrechensopfer werden, wird keine Gelegenheit ausgelassen, das “Gastland” als finsteren Hort des Rassismus oder der Türkenfeindlichkeit oder der Islamfeindlichkei oder der Ausländerfeindlichkeit darzustellen. Das Motto lautet: “Das Problem in Deutschland heißt Rassismus.” – Oder: “Die NSU-Morde sind unser 11. September.” (Letzteres stammt von Ayman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland, der selbst allerdings nicht türkischer Herkunft ist). Wenn hingegen  türkische Staatsbürger im Ausland oder türkeistämmige oder muslimische Deutsche straffällig werden – zum Beispiel bei Ehrenmorden oder Zwangsheiraten – , wird dies als “durch die Verhältnisse sozial bedingt” beschönigt.  Die polizeiliche Kriminalstatistik wird nicht zur Kenntnis genommen, jedes statistische Argument über Häufigkeit von Kapitalverbrechen in bestimmten Volksgruppen oder in bestimmten Ländern wird beiseite gewischt.

Wie kann man darauf reagieren?

1) Den Scharfmachern und Nationalisten auf allen Seiten muss ruhig und besonnen entgegnet werden, notfalls auch mit einem Verweis auf die Fakten:  Weder sind Türken oder Muslime in Deutschland besonders oft Verbrechensopfer nichttürkischer bzw. nichtmuslimischer Täter, noch treten sie in der Statistik der Gewaltkriminalität als Unschuldslämmer hervor.

2) Das Konzept einer kompakten türkischen – oder gar einer “muslimischen” – Volksgruppe, die durch den türkischen Staat und seine Auslandsverbände als ihren Anwalt vor den ständigen Bedrohungen durch Deutschland geschützt werden müsse, gilt es kritisch zu hinterfragen. Vieles am Gebaren der türkischen Verbände mutet separatistisch an: “Wir (Türken) haben keine Bürgerrechte in Deutschland” – so die Haltung in der Satzung des TBB, die ich für gänzlich inakzeptabel halte – auch wenn der TBB durch das Bundesland Berlin ganz erheblich gefördert wird.

3) Wir Deutschen müsssen uns zum Modell des freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaates bekennen, der jedem Menschen unabhängig von seiner ethnischen Herkunft volles Recht zur Entfaltung seiner Persönlicheit gewährleistet.  Humanitäres oder gar militärisches Eingreifen durch fremde Staaten – wie gegenwärtig durch die Türkei im EU-Staat Zypern – benötigen wir glücklicherweise  nicht.

4) Wir heißen jeden willkommen, der hier leben und arbeiten und die Gesetze einhalten will.

5) Ich persönlich bin allerdings strikt gegen Volksgruppenkonzepte, wie sie die Türkei zu fördern und zu fordern scheint und wie sie heute etwa auf Zypern gelten, oder früher in Jugoslawien und in der Tschechoslowakei galten.  Ich hielte es für falsch, wenn man etwa sagen wollte: so und soviel Prozent für die Niedersachsen, so und soviel Prozent für die Kurden, so und soviel Prozent für die Türken und die Schwaben und die Vorpommern und die Tscherkessen, so und soviel Prozent für die Polen, so und so viel Prozent für die Sinti und Roma  usw. usw.  Ich meine: Alle Staatsbürger der Bundesrepublik müssen weiterhin gleiche Teilhaberechte besitzen. Wir wollen keine Gesellschaft der separaten Volksgruppen.

Kämpfen wir gemeinsam gegen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Separatismus.

Heinz A. Richter: “Die weiße Kolonie”, FAZ, 17.12.2012, S. 7

Von der alltäglichen Gewalt zum gewaltfreien Miteinander

Dienstag, November 27th, 2012

2012-10-28-152633.jpg2012-10-28-152633.jpg“In der Türkei wird Gewalt immer noch verherrlicht und in traditionellen Familien ein falsches Männlichkeitsbild anerzogen.” Oftmals fehle der Vater jugendlichen Heranwachsenden als Vorbild, weil für die Erziehung in traditionellen Familien ausschließlich die Mutter zuständig sei.” Mit diesen Worten äußert sich Gülcin Wilhelm laut WELT vom 24.11.2012 in einem Beitrag von Freia Peters: “Wäre das Opfer türkisch, gäbe es einen Aufschrei.”http://www.welt.de/politik/deutschland/article111464365/Waere-das-Opfer-tuerkisch-gaebe-es-einen-Aufschrei.html

Der Vorwurf des Artikels lautet: Wenn die Mörder türkischer Herkunft sind, wird in der Sicht der Migrantenverbände geschwiegen oder allenfalls Schuld in der sozialen Diskriminierung gesucht.

So etwas kommt überall vor“, das habe ich immer wieder nach Ehrenmorden, nach innerfamiliärer Gewalt gehört. Viele Türken bestreiten, dass es in der türkischen Gesellschaft eine hohe Akzeptanz von Gewalt gebe. Gibt es denn wirklich immer einen Aufschrei der Migrantenverbände, wenn das Opfer einer Gewalttat türkischer Herkunft ist? Ein klares Nein!  Nur dann, wenn die Täter Deutsche sind, wird von den Verbänden groß die Trommel geschlagen. Dann sieht man sofort den Beweis erbracht, dass Deutschland ein Hort des finstersten Rassismus ist.

Aber die meisten Morde und die meisten Gewalttaten  werden in Deutschland “innerethnisch” verübt! Und unter den Tätern und den Opfern sind wiederum die Herkunfts-Deutschen absolut und relativ gesehen in der Minderheit, die türkisch- und arabischstämmigen Männer hingegen überwältigend überrepräsentiert.

Genau hier in meinem engeren Kreuzberger Wohnumfeld, wo zufällig auch die Türkische Gemeinde Deutschland ihren Hauptsitz hat, geschahen in den letzten Jahren etliche Morde und Mordversuche, von denen einige es in die Schlagzeilen brachten. Alle Mörder und auch alle Mordopfer waren türkeistämmig. Zufall? Soll man dann immer noch sagen: Das kommt überall vor?  Darüber, über diese Häufung von Gewalttaten gerade in  türkeistämmigen und den arabischen Gemeindeverbänden,  wird aber in der Tat von den Migrantenverbänden vornehm geschwiegen. Der Mordversuch gegen die türkeistämmige Anwältin Seyran A.,  die Ehrenmorde  junger Kreuzberger Türkinnen, die nicht nach den Vorstellungen ihrer Brüder lebten und deswegen umgebracht wurden, die grausame, vielleicht fundamentalistisch motivierte  Hinrichtung von Semanur S. im Fanny-Hensel-Kiez, die nicht nach den Vorstellungen ihres Ehemannes lebte, das vor wenigen Wochen berichtete Blutbad einer Familie in der Oranienstraße  … das sind schreckliche Taten, die mich erschüttern. Müssen wir hier in diesen Gewalttaten ein kulturelles Problem erblicken – oder ist alles nur sozial bedingt, wie die Migrantenverbände nicht müde werden zu betonen?

Wie sieht es in der alten Heimat, in der Türkei selbst aus?

Ein anderes grundsätzliches Problem liegt in der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt. Es sind die schrecklichen Ehrenmorde oder die Diskriminierung von Mädchen und Weigerung der Eltern, ihre Töchter auf die Schule zu schicken. [...] Vor dem Hintergrund einer solchen Akzeptanz und Rechtfertigung der Gewalt in ihrer alltäglichen Form ist die Abschaffung von Folter auf institutioneller Ebene mit Gesetzen allein kaum zu erreichen.”  So schreibt es  Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen über die türkische Gesellschaft (Die Türkei, Weinheim 2008, S. 165).

Gülcin Wilhelm, aber ebenso auch der Kreuzberger Ercan Yasaroglu werfen den Migrantenverbänden mehr oder minder unverblümt vor, das hohe Gewaltpotenzial der türkischen Gemeinde zu verharmlosen.

Die Türkei scheint in der Tat einen anderen Umgang mit Gewalt gegen Menschen zu haben. So sind auch scheinbar rassistische Äußerungen wie die folgende zu erklären:“Je mehr Türken wir im Land haben, desto mehr Unruhe haben wir.”Für diese Aussage wurde Bilkay Öney, die Integrationsministerin des Landes Baden-Würtemmberg (Ex-Grüne, jetzt SPD), heftigst gerügt. Ich selbst muss sie ebenfalls rügen. Derartige Zahlenspielereien bringen doch nichts.

Denn: Ich kenne viele Türken in Kreuzberg, die entsetzt sind über das Ausmaß der Verharmlosung oder Beschönigung von Alltagsgewalt, über das Wegducken bei Schlägen gegen Kinder und Frauen,  über das vornehme Schweigen, wenn ein Türke einen Türken oder eine Türkin ermordet. “Diese wenigen türkischen Gewalttäter haben unseren Ruf als anständige, fleißige, rechtschaffene Türken völlig runiert! Warum macht ihr Deutschen denn nichts dagegen? Seid ihr denn total blind? Warum lasst ihr euch so hinters Licht führen?”

Hinter diesen Verzweiflungsrufen meiner guten Kreuzberger Vatandaşlar ist deutlich spürbar: “Ihr Deutschen durchschaut nicht, was hier abgeht. Ihr lasst euren Sozialstaat hemmungslos ausplündern, finanziert damit Faulheit und Kriminalität heran und lasst euch dann noch als Rassisten beschmimpfen ohne mit der Wimper zu zucken! Das kann nicht lange gutgehen!”
Ich meine: Es nützt nichts, die verhängnisvolle Spirale zwischen uralten Ehrbegriffen, Bejahung von Gewalt zur Wiederherstellung der Ehre, Sozialhilfeexistenz, Staatsausplünderung und Bildungsunwillen zu leugnen. Wir alle sind gefordert.

Nur eine Absage an Gewalt gegen Menschen und gegen Sachen im Alltag, eine klare, konsequente Erziehung zur Gewaltlosigkeit und zum anständigen Broterwerb kann hier Abhilfe schaffen. Wir brauchen eine Kultur der klaren Regelsetzung, eine Kultur der Verantwortung und der anständigen, ehrlichen Arbeit.

Mit diesen Betrachtungen soll selbstverständlich nichts von der Schwere der Gewalttaten gegen Menschen mit Migrationshintergrund geleugnet werden. Die Morde von Mölln, Solingen und Dresden sind erschütternd und furchtbar, wie all die Morde hier in Kreuzberg auch.

Gewalt, Mord bleiben etwas Furchtbares. Wir müssen der Gewalt, dem Mord entgegentreten, wo immer sie sich zeigen. Aber man muss auch erkennen, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch die sogenannten Migranten ein Gewaltproblem haben – und dem Umfang nach steht es der “rassistischen” Gewalt in nichts nach.

Bild: Blick auf die Kochstraße und die Wilhelmstraße, Kreuzberg

Soll man heute noch von Vertreibungen sprechen?

Freitag, November 23rd, 2012

Soeben las ich das großartige Buch „Die Türkei“ von Cem Özdemir, einem tscherkessischstämmigen Deutschen, der immer wieder die Vertreibungen, welche die  Griechen, die Armenier, die Tscherkessen, aber auch die Türken selbst in den vergangenen zwei Jahrhunderten erleiden mussten, beklagt und offen anspricht. Die Tscherkessen sind ja ihrerseits ein Volk, das der Zar im 19. Jahrhundert zu Hunderttausenden aus dem Russischen Reich hinausgeworfen hat und das dann umfangreichen Umerziehungsmaßnahmen unterworfen wurde, beginnend mit dem erzwungenen Verlust der tscherkessischen Sprache.  Es ist gut, dass ein namhafter deutscher Politiker das Thema in seiner Breite anzusprechen wagt. Das wäre nicht gut, wenn man eine derartig prägende kollektive Erfahrung, die das Antlitz des heutigen Europa genauso stark bestimmt wie die Kriege, totschwiege. 

“Ich bin stolz, ein Türke zu sein!”

Mittwoch, November 14th, 2012

http://www.nytimes.com/2012/10/30/movies/in-turkey-ottoman-nostalgia-returns.html?pagewanted=all&_r=0

Der erst 24 Jahre junge deutsch-türkische Schauspieler Burak Temir bekennt sich in der New York Times offen zu seinem Stolz auf sein Türkentum. Er trägt auch im Privatleben den Bart nach osmanischer Sitte und die osmanischen Salvar-Hosen, die traditionellen Pluderhosen. “It makes me proud to be Turkish – es lässt mich stolz darauf sein, Türke zu sein.”

Ein junger Deutsch-Türke entdeckt seinen Nationalstolz und bekennt sich stolz und selbstbewusst zu seinem Volkstum.

Das Wiedererstarken des osmanischen Nationalstolzes ist nicht nur in der Türkei selbst, sondern auch in der starken, stetig anwachsenden türkischen Gemeinde in Deutschland ein verblüffendes Phänomen.   Kein anderer Film zog so viele Deutsch-Türken in die Kinos wie Fetih 1453 – das filmische Epos über die Eroberung des damals christlich-griechischen Konstantinopel durch den erst 22 Jahre jungen Sultan Mehmet II. Etwa 10% aller Deutschtürken dürften laut Ticketverkaufszahlen das blutrünstige, weltweit erfolgreiche Heldenepos gesehen und im nationalen Stolz auf die Eroberungstaten ihrer Vorväter geschwelgt haben.

Die New York Times berichtet von Aufführungen, in denen das Publikum bei der Eroberung der schier uneinnehmbaren, 16 m hohen Wallmauern des damals griechischen Konstantinopel “Allahu akbar” ausgerufen habe. Das ist arabisch und bedeutet “Gott ist groß”. Die Sieg über das griechische Konstantinopel wird im Jahr 2012 in aller Öffentlichkeit in den Kinosälen als Fingerzeig Gottes gefeiert, als Sieg des stolzen Islams über das schwache, dekadente abendländische Christentum.

Auch die von den Seldschuken im Jahr 1071 gewonnene Schlacht von Manzikert taucht neuerdings  wieder in türkischen Politiker-Reden und Feiern auf. Der Kemalismus, also das persönliche, religionsähnliche Einschwören aller Türken auf den großen unsterblichen Führer der modernen, laizistischen Türkei nimmt in der Türkei allmählich ab. Der Osmanismus nimmt zu wie ein zunehmender Mond! Die islamische Türkei besinnt sich auf die uralte militärische und kulturelle Stärke der alten vorderasiatischen Eroberervölker, beschwört die siegreichen Schlachten, in denen der christliche Westen besiegt, erobert und unterworfen wurde. Die unterschwellige Botschaft scheint zu sein: Setzt die Eroberungen fort. Ihr habt viel Zeit. Schaut mal her, wie lange es von 1071 bis 1453 gedauert hat! Erobert Deutschland, aber werdet keine Deutschen. Erobert Europa, aber bleibt gute Moslems. Bleibt auch nach Siegen tolerant gegenüber den unterworfenen Christen und Juden! Besinnt euch auf die uralte Tugend der Schonung des unterworfenen Gegners. Erinnert euch der humanitären Großtaten eurer Väter, die jahrhundertelang den verfolgten Juden Zuflucht und Schutz vor blutiger Verfolgung und Vertreibung durch die Christen gewährten! Denkt nicht in Jahren, denkt nicht in Jahrzehnten, denkt in Jahrhunderten! 1071 – 1453 – 2071!

Was ist der Unterschied zwischen der politischen Kultur Deutschlands bzw. der Europäischen Union und der Türkei?

Die offizielle Türkei bezieht neuerdings Kraft und Stärke auf die Besinnung auf militärische und kulturelle Großtaten, auf blutige Schlachten und prachtvolle Bauten, auf Toleranz und Großmut und Schonung des Feindes, mit denen die kulturelle Überlegenheit der Seldschuken, der Osmanen, der Türken und der muslimischen Völker  über das Abendland nachgewiesen wird.  In der Türkei kann auch nach der Reform des Paragrafen 301 des Jahres 2008 weiterhin jeder bestraft werden, der die unteilbare türkische Nation verunglimpft oder die Integrität der staatlichen Grenzen antasten will. Dies ist das einzige relevante Meinungsdelikt, das das türkische Strafrecht kennt. Eine Abspaltungsbewegung – etwa durch die 20 bis 25 Millionen Kurden – wird die Türkei niemals hinnehmen.

Deutschland hat dem fast nichts entgegenzusetzen außer der kulturellen Selbstverleugnung (wir wollen alle sein wie Pippi Langstrumpf) und der Pflege des Gedenkens an die zahlreichen Massenverbrechen, die die Deutschen von 1933-1945 begangen haben. Deutschland bosselt und baut unermüdlich weiter an seiner negativen Auschwitz-Theologie.  In Deutschland kann jeder bestraft werden, der den religiös überhöhten Holocaust, also den Inbegriff des Bösen, begangen vom Trägervolk des Bösen, also den Deutschen und nur den Deutschen, kontextualisiert, relativiert, leugnet. Dies ist das einzige politisch relevante Meinungsdelikt, das das deutsche Strafrecht kennt. Abspaltungsbewegungen – etwa “Wir Bayern wollen los von der Bundesrepublik” – werden belächelt, aber nicht bestraft. Deutschen-Bashing, Christentums-Bashing ist in Deutschland voll OK. So wie man vor vielen Jahrhunderten im Abendland für Gotteslästerung bestraft werden konnte, kann man heute für Relativierung, Kontextualisierung oder gar – horribile dictu – Leugnung des Holocaust bestraft werden. Der Holocaust ist das factum absolutum der deutschen Geschichte.

So wie für die Christen die Kreuzigung und Auferstehung des Juden Jesus von Nazareth, also der “Monokaust”, die Tötung eines einzelnen, historisch benannten Menschen  der Kristallisationspunkt ihrer positiv nach vorn, in die Zukunft gerichteten Identität im Glauben geworden ist, droht der jüdische “Holokaust” – das rituell-religiöse überhöhte Ganzopfer -  zum Kristallisationspunkt der prinzipiell negativ definierten deutschen Identität  zu werden. Diese rückwärtgewandte, der Kontextualisierung enthobene Fixierung auf die Vergangenheit lähmt die Eigenkräfte, bannt die Menschen im Selbstzweifel, verhindert Wachstum und Kultur, verhindert Schaffung des Neuen und Gestaltung der Zukunft.

Quelle:
Dan Bilefsky: On Screeen and Off, A New Turkish Pride. The New York Times International Weekly, Monday, November 12, 2012, page 6

Kehrt urplötzlich das Religiös-Demokratische nach Deutschland zurück? Von Göring-Eckardt zu Meister Eckart

Samstag, November 10th, 2012

Da lacht doch das Herz des Kreuzberger Bloggers! Katrin Göring-Eckardt als Spitzenkandidatin der Grünen nebst dem Ex-Kommunisten Jürgen Trittin! Das wirft die Frage auf: Kehrt urplötzlich das Religiös-Demokratische nach Deutschland zurück? Cooler Move!

Ich höre aus der Urwahl folgende Message ans Wahlvolk heraus: “Wenn ihr in der CDU zu wenig Christdemokratisches findet, wenn die CDU euch zu links, zu staatsdirigistisch, zu staatsgläubig ist, dann wählt halt die Partei der Chrismon-Autorin Göring-Eckardt!” Katrin Göring-Eckardt, deren Gedanken über die “Kultur des Weniger”, über Philipp Melanchthon mich damals – ich las sie in in der Meister-Eckart-Stadt Erfurt – sehr beeindruckt haben!

Nach Gauck, nach Kretschmann, nach Fritz Kuhn, nach Cem Özdemir ist dies der nächste Coup der jungen wilden Neuen Konservativen, die die Linkspartei der Bündnisgrünen systematisch unterwandert haben oder aus der CDU-Familie abgewandert sind, – bzw. der CDU verlorengegangen sind! Gauck, Göring-Eckardt, Özdemir, Kuhn, Kretschmann, Rezzo Schlauch, Matthias Filbinger, der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Filbinger, hätten eigentlich in der CDU Platz finden oder wiederfinden müssen, hätten von der CDU demütig bittend ab- und angeworben werden müssen. Das sind doch alles astreine Wertkonservative! Die könnten Bände erzählen, warum sie nicht zur CDU gegangen sind. Die CDU sollte die genannten Persönlichkeiten – nebst Sarah Wagenkecht – zur Beratung bitten, die wäre goldwert! Allerdings kann man die Politik-Beratung auch kostenlos haben, wenn man die öffentlichen Äußerungen dieser Männer und dieser Frauen sorgfältig liest, fleißig bespricht und kundig-demütig deutet. Teure, aufgebrezelte  Kommunikationsagenturen sind voll überflüssig.

Wie bitte? Jawohl. Sarah Wagenknecht von der Linkspartei, die sich neuerdings ebenfalls zum Ideal der Nächstenliebe bekennt, die Goethes Faust II zustimmend liest und neu deutet, die ausdrücklich mehr Marktwirtschaft im Geiste Ludwig Erhards einfordert!

Es passt ins Bild, dass neuerdings der Charlottenburger, direkt gewählte grüne Bundestagsabgeordnete von Friedrichshain-Kreuzberg redlich dazu steht, bereits 1967 nach römisch-katholischem Ritus in der Kathedrale Unsere Liebe Frau zu Paris vor Gott und den Menschen den Bund der Ehe geschlossen zu haben, was Ehe auf ewig bindet. Dies ist zu verstehen als ein öffentliches Bekenntnis zum religiösen Ritual, ein verbindliches Eintreten für die geistliche Dimension der Politik und des Privatlebens, ein klares öffentliches Bekenntnis zum europäischen Christentum, das der säkulare Christ (ich würde ihn so nennen) Hans-Christian Ströbele damit vollzieht.

Was den Charlottenburger direkt gewählten grünen Bundestagsabgeordneten allerdings nicht daran hinderte, den Saal des Bundestages zu verlassen, als “unser Heiliger Vater”, wie er sagte, zu reden anhub, denn “unser Heilger Vater” hatte sich nicht beim grünen Bundestagsabgeordneten entschuldigt für all das, was im Namen der Kirche den Armen und Elenden dieser Welt angetan worden war.  Es passt ins Bild, dass er sich redlich zu seinem schönen richtig großen Family-Van Volkswagen Touran bekennt.   Auch im grün regierten Friedrichshain-Kreuzberg ist genug Platz für Family-Vans. Kein grüner oder roter oder schwarzer VW Touran muss hier bei uns an den Bezirksgrenzen abgestellt werden. Platz genug für Autos, Autos, Autos, Platz genug für das heilige Blechle der Deutschen ist überall.

Ganz ähnlich bekennt sich der säkulare deutsche Grünen-Politiker Cem Özdemir öffentlich zum uralten, abrahamitisch-jüdisch-muslimischen schmerzensreichen religiösen Ritus der Knabenbeschneidung, dem er selbst unterworfen wurde und den er als Kirve – Kirve bedeutet Gevatter – auch weiterhin mitträgt und an die nachwachsende Generation weitergibt.

Somit dürfen wir ausrufen: 2013 wird sehr spannend für die CDU und ihre drei direkten Konkurrenzparteien (Grüne, FDP, Linke), die ihr neuerdings versuchen, das christlich-demokratische Wasser abzugraben -  und sehr eng für die SPD!

Ich empfinde es als einen Segen, wenn sich die Linkspartei und die Grünen mit der CDU um die Erbschaft der Gründungs-CDU (aus dem sehr fernen Jahr 1946) streiten, wenn sie gemeinsam um die rechte Auslegung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland aus dem furchtbar fernen Jahr 1949, gemeinsam um Maß und Mitte im Leben des Menschen ringen!

Es lebe die deregulierte, liberalisierte Marktwirtschaft des freien Wortes! Konkurrenz um das Christlich-Demokratische, bzw. das Religiös-Demokratische, um das Wertkonservative belebt das Geschäft, macht müde Männer munter!


Weiterführendes Schrifttum:
http://www.taz.de/Ergebnis-Gruenen-Urwahl/!105276/
“Ich bin nicht müde”. DER SPIEGEL 38/2012, S. 42-44
Cem Özdemir: “Ein schmerzhaftes Ritual”. In: ders.: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur. Weinheim 2008, S. 237-239

Gewalt fängt in der Sprache an, oder: Na, heute schon gegendert?

Dienstag, November 6th, 2012

Der Rapper Sido hat seine große Chance ergriffen und im österreichischen Fernsehen hinter bzw. nach laufenden Kameras dem Reporter Dominic Heinzl bescheinigt, seine Mutter sei eine Prostituierte, und das Argument schlagkräftig untermauert.

Eine beispiellose Karriere, die das Wort Hurensohn gerade im gesamten deutschen Sprachraum durchmisst!

Zu den verblüffendsten Gewalterfahrungen, die wir Eltern hier in Berliner Bezirken gemacht haben, gehört, dass  ältere Mädchen sich in Gruppen an einzelne kleinere Jungen unter 10 heranmachen, diese bespucken, schlagen und beschimpfen. Das gab es vor 10 Jahren aber noch nicht.

Ein jüdischer nichtdeutscher Vater, mit dem ich bekannt bin, beschwerte sich daraufhin bei der Mutter. Er wurde von der Mutter sofort als Rassist beschimpft.

Das Schimpfwort Rassist liegt auf 2. Position der beliebtesten Schimpfwörter.

“Hurensohn!” ist derzeit mit Abstand das häufigste Wort, das dann fällt. Hurensohn ist weit häufiger als Rassist. Ich selbst habe es ebenfalls gehört, wurde selbst auch von Unbekannten ohne jeden Anlass im Vorbeifahren als Hurensohn bezeichnet.

Frauenemanzipation funktioniert!

Wo bleibt hier die angebliche Unterwerfung der Frau in Herkunftskulturen unter den Mann? Ich erlebe die Mädchen hier als sehr selbstbewusst! Die älteren Mädels schimpfen wie ein Mann, mindestens gegenüber kleinen Jungs vor der Pubertät.

Kürzlich rief ein zehnjähriger Junge im Laufe einer Prügelei mit den weit älteren und größeren Mädchen zurück: “Ihr seid selber Hurensohn!”

Grotesk, ein falscher Satz! Überlegt fein, liebe Kinderlein! Was ist die richtige Antwort auf diese Beschimpfung?

Ich weiß es nicht … Gibt es von Hurensohn ein Femininum? Oder muss mann “Schlampe” zurückrufen?

Eines ist sicher: Es ist in weiten Kreisen von Berlins Jugendlichen eine erschreckende Verrohung eingetreten. Der Fall Jonny K. ist ein Beleg dafür. Ich würde Ausdrücken wie Hurensohn sofort entgegentreten. Migrantenbonus hin, Migrantenbonus her. Ich würde es nicht zulassen, dass ältere Mädchen einen einzelnen kleineren “unbeschnittenen” oder “beschnittenen” Jungen bespucken, schlagen und sich mit ihm prügeln. Da darf es auch keinen Migrantinnenbonus geben.

Dennoch wollen wir die Kirche im Dorf lassen: Die allermeisten Morde werden weiterhin von Männern begangen. Weltweit werden 90% aller Morde von Männern begangen. Die Gene sind ja bei allen Männern mehr oder minder gleich. Die sozialen und ethnischen Täterkreise bei schwerer Gewaltkriminalität bleiben im wesentlichen dieselben. Auch bei unseren Kreuzberger Morden der letzten Jahre waren es ausschließlich Männer, die andere Männer bzw. die eigene Ehefrau, die eigene Cousine, die eigene Schwester ermordet haben. Und zwar wegen verletzter Ehre. Auch hier sollte es keinen Migrantenbonus geben. Der eine Mörder kam nach zweieinhalb Jahren Jugendstrafe wieder frei – und mordete erneut. Hier in Kreuzberg. 200 Meter entfernt.

Es ist für mich als Betrachter unfassbar, wie ahnungslos der deutsche Staat massivste Frauenunterdrückung, Polygamie und Gewalt in migrantischen Kreisen deckt und finanziert. Wer spricht eigentlich noch davon? Solange die Presse da war, hielten sie alle im Kreuzberger Innenhof ihre Gesichter in die Kameras. “Frauen, holt euch Hilfe!” Wer hat diese Schilder noch im Kopf?

An der “beispiellosen”, “rassistischen” “Gewaltserie”, wo eine “rechtsterroristische Untergrundbande” über “Jahrzehnte” hinweg “zahllose” “Massenmorde” verüben konnte, haben sie alle einen Narren gefressen. Damit beweisen sie, dass Deutschland eine rassistische Gesellschaft ist, dass das deutsche Recht rassistisch ist.

“Das Problem heißt Rassismus!” Mit dem Vorwurf, Deutschland sei ein “durch und durch rassistisches Land”, ein Land, in dem Migranten, Ausländer, Asylanten, Flüchtlinge “keinerlei Rechte” hätten, bringen einige interessierte Kreise die Bundesrepublik Deutschland höchst gezielt in Misskredit. Sie stellen Deutschland in eine Linie mit Polizeistaaten wie etwa Iran, China, Saudi-Arabien oder Nordkorea. Sie bringen die Migranten gegen unser “rassistisches” System, gegen unsere “rassistische” Gesellschaft gezielt in Stellung.

Die kurdischen und die sonstigen Asylbewerber, die das Residenzgebot missachten, werden hier in Berlin gezielt eingesetzt, um den Binnenkonflikt der Türkei und die Konflikte anderer Länder nach Deutschland zu verpflanzen.

Die meisten deutschen Politiker der Linkspartei und der Bündnisgrünen merken gar nicht, vor welchen – meist türkischen – Karren sie hier gespannt werden. Sie merken nicht, dass der türkische Staat alles tut, damit wir Deutschen die Kurden, die Tscherkessen usw. endlich zu guten Türken umerziehen. Den deutschen Politiker Cem Özdemir nehme ich allerdings von diesen Vorwürfen ausdrücklich aus.

Zurück zur Ausgangsfrage:

Ein Femininum für Hurensohn brauchen wir nicht. Ich bin für Erziehung zur Gewaltfreiheit. Gewalt fängt in der Sprache an. Ich habe deshalb meinem Sohn Beschimpfungen wie Hurensöhnin oder Rassistin verboten.

Erziehung zur Gewaltfreiheit muss in der Familie und in der Kita, in der Schule und auf Spielplätzen einsetzen.

Kehren plötzlich die Wertkonservativen nach Deutschland zurück?

Freitag, November 2nd, 2012

Einen überragenden Beitrag zur Selbstvergewisserung und Bestimmung wertkonservativer Überzeugungen in der Moderne leisten seit mehreren Wahlgängen einige unbeugsam-trutzige südwestdeutsche Männer, unter ihnen vor allem natürlich Winfried Kretschmann, dem wir aus Kreuzberg zum Amtsantritt als Bundesratspräsident gratulieren, Rezzo Schlauch, dessen jahrzehntelanges Ackern in den Furchen des Ländles erfolgreich gekrönt wurde, Cem Özdemir, der in überzeugender Weise die Werte von individueller Freiheit, Traditionsbindung und Personalität vorlebt, und selbstverständlich auch Fritz Kuhn, der es geschafft hat, die Porsche- und Daimlerstadt Stuttgart für eine bessere Fahrrad-Infrastruktur zu begeistern.

Winfried Kretschmann, der Mann, der nach dem rechten Maß, nach der Mitte  im Leben des Menschen sucht, der Mann, der wider alle Ratschläge der Kommunikationsexperten einmal bekannt hat: “Ich stehe zur katholischen Kirche”, der Mann, der sich als inspiriert durch die attische Polis-Demokratie erklärt, der mit voller Leidenschaft das Grundprinzip der katholischen Soziallehre vertritt, nämlich die Subsidiarität, ähnelt in vielerlei Hinsicht dem anderen großen Christdemokraten unserer Tage, nämlich dem Bundespräsidenten Joachim Gauck. In Gauck und Kretschmann betritt plötzlich wieder eine fast verschollene politische Grundrichtung die Bühne, die jahrzehntelang in Deutschland offen fast nicht mehr zu hören war – nämlich das in voller persönlicher Überzeugung vorgetragene Bekenntnis zum christlichen Glauben als treibender Kraft im politischen Alltagsgeschäft, also genau jene Grundhaltung, die im furchtbar weit enfernten 1946 zur Gründung der CDU führte.

Cem Özdemir ist ebenfalls ein herausragender Vertreter einer im engeren Sinne  wertkonservativen Politik. Liest man etwa sein Buch über die Türkei, wird man aus dem Staunen kaum herauskommen: Özdemir wendet sich liebevoll, aber doch auch kritisch den Bindungen an Familie, Herkunft, Sprache, Religion, Sitte und Volkstum zu. Alles schwer aufgeladene Begriffe, die heute kaum jemand mehr in den Mund zu nehmen wagt! Familie, Herkunft, Sprache (besser: Sprachen), Sitte, Religion, Legenden, Sagen, Märchen, Sprichwörter, Volkstümliches  – das sind riesige Themenfelder, die systematisch heute von keiner deutschen politischen  Partei beackert werden! Selbstverständlich spielt auch der ökologische Gedanke eine gewisse, wenngleich untergeordnete Rolle, auch ein Özdemir ist schließlich ein Kind unserer Zeit. Aber entscheidend bleibt Özdemirs klares Bekenntnis zu den im deutschen Grundgesetz niedergelegten Werten der Freiheit und der Bindung an Herkunft. Zukunft braucht Herkunft!

Fritz Kuhn ist ebenfalls als Neuer Konservativer zu nennen, der seinen Namensvetter Fritz Hölderlin an herausgehobener Stelle zitiert. Stuttgart, eine Ode Friedrich Hölderlins!  – Eine Liebeserklärung an die Heimat. Kuhn möchte, dass Hölderlins Liebeserklärung an diese Stadt wieder Wirklichkeit werde. Er ordnet seine Politik dem Heimatgedanken unter. Heimat, das ist etwas, was sich aus der Besinnung auf die Herkunft speist und Zukunft hegt – um unserer Kinder willen. Persönliche Freiheit und persönliche Verantwortung nennt Kuhn ausdrücklich  als die zentralen Werte seines politischen Handelns, nicht anders als Joachim Gauck. Auch das im besten Sinn “Nationale”, also das Herkunftsgeprägte, feiert somit in Fritz Kuhn seine scheue Auferstehung.

Kaum ein anderer hat diesen zutiefst wertkonservativen Ansatz besser in Worte gefasst als Rezzo Schlauch, der mit Stolz den altdeutschen Namen eines mittelalterlichen Ritters trägt. Er kümmerte sich auch um die konventionelle Landwirtschaft, er sprach von Marktwirtschaft in Zeiten, als fast niemand mehr von Markt sprechen wollte. Gerade heute, wo so viele Bereiche staatlicher Lenkung durch die höhere Ebene unterworfen werden, von der Energiewende bis zur Eurorettung, verlangt ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft Mut und Rückgrat.

Winfried Kretschmann, Rezzo Schlauch, Cem Özdemir und Fritz Kuhn kümmern sich auch nicht um die Frauenquote. Sie unterwerfen sich ihr nicht. Sie drehen dem Präsentismus des A-la-mode-Politikbetriebes eine lange Nase. Sie haben drei Jahrzehnte geackert gegen alle Widerstände in ihrer Partei. Und jetzt fahren sie die Ernte ein. Als Quadrumvirat sind sie schwer zu schlagen. Sie haben erfolgreich ein neues Kapitel im Konservatismus der Bundesrepublik Deutschland aufgeschlagen.

Und sie haben die Generationen der Väter und Großväter mit den umtriebigen, selbstgerechten, zornigen Kindern versöhnt.

Dem Volk scheint es zu gefallen. Die hohe Zustimmung, welche etwa die Christdemokraten Joachim Gauck und Winfried Kretschmann genießen, deutet darauf hin, dass der Gedanke des dezidiert Christdemokratischen noch lange nicht tot ist. Er schien vielleicht tot, aber er schlief nur, wie es bei Markus 5, 39 heißt.

Recht so, Rezzo. Chapeau.

Hinweis zum Weiterlesen:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article110317692/Buergerliches-Lager-steht-Gruen-naeher-als-der-Union.html

Cem Özdemir: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur. Beltz Verlag,  Weinheim 2008