Doppelter Schein

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Jul 152017
 

UNLESBARKEIT dieser
Welt. Alles doppelt.
 
Die starken Uhren
geben der Spaltstunde recht,
heiser.
  
Du, in dein Tiefstes geklemmt,
entsteigst dir,
für immer.

Diese Zeilen von Paul Celan fallen mir beim Betrachten des obenstehenden Bildes ein. Der Gasometer scheint in ein unwirkliches Licht getaucht. Nein, der Eindruck täuscht: Das Licht scheint aus ihm hervorzubrechen. Ja, wahrhaftig, es entsteigt dieser leeren Hülle! Darauf erfolgt ein Einspruch: Nein, so ist es nicht! Dieses Stahlgerüst gleicht in Wahrheit einem aufgegebenem Uhrturm, den Siedler anderer Zeiten, die unsere Erde längst verlassen haben, kurz vor ihrer Abreise entkernt haben. Aber siehe, auch das ist nur Schein. In Wahrheit, so scheint es, bereiten sie ihre Ankunft vor.

Zitatnachweis des Gedichtes von Paul Celan:
Werner Hamacher: Unlesbarkeit, in: Paul de Man: Allegorien des Lesens. Aus dem Amerikanischen von Werner Hamacher und Peter Krumme. Mit einer Einleitung von Werner Hamacher. Frankfurt, Suhrkamp Verlag, 1988 [=edition Suhrkamp 1357], S. 7-26, Zitat hier: S. 23

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Im Treibhaus

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Jun 302017
 

Kurzes Aufatmen nach den sintflutartigen Regenfällen der letzten 30 Stunden! Wie in einem Treibhaus ist es heute Mittag. Langsam und schwer kriechen die Menschen aus ihren Quartieren hervor. Die Sonne steht nur als trüber Schein über der Stadt. Ein Erkundungsgang führt mich ins Schöneberger Habichtsquartier am alten Lokschuppen. Werde ich das lockende Gickern des Habichts hören, das ängstliche Anschlagen der Amseln?

Hochgewölbte Blätterkronen spannen sich wie Baldachine über üppig wucherndem Rankenwerk. Schweigend neigen sich die Zweige, kein menschlicher Tritt ist zu vernehmen. Wie einsam ist’s hier! Schwere Tropfen rinnen die Blätter herab. Da hinter mir, das Aufrauschen des Windes, ein sanftes Rascheln!

Ich wende mich: Ein schwerer Vogel nimmt den Ansitz wohl drei Klafter über mir. In seinen Krallen hält er blutiges Gekröse. Ein prachtvolles Tier! Die braungebänderte Brust zeigt ihn eindeutig als Habicht an, die stattliche Größe – wohl ein halber Arm eines Kriegers – weist den Vogel als Weibchen aus. Deutlich über 1 Kilo wird es schon wiegen!
Herrisch wendet das Tier den Kopf hin und her. Wer wagt es? Nein, dich stört hier niemand, und auch ich bin dein Feind nicht!

Schließlich aus innen heraus – der Entschluss zum Abflug. Du stürzt dich hinab in die grünen Tunnel, weit breitest du die Schwingen aus und fliegst berührungslos hindurch durch das Rankengemenge, über den Mulch hin, als wäre es Deine Bahn, Deine Spur, Dein Revier!

Foto: Habichtweibchen, aufgenommen heute um 13.25 Uhr im Natur-Park Schöneberger Südgelände

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Schwarzer Schimmel

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Mai 152017
 

Rätselhaftes, tiefsinniges Gespräch und Nachdenken über den hinreißenden Film Get out des Regisseurs  Jordan Peele!

Chris, sehr bezwingend von dem jungen Daniel Kaluuya gespielt, ist ein schwarzer, kluger, charmanter junger Amerikaner; er wird von seiner weißen Freundin Rose zu einem fabelhaften Wochenende eingeladen.

Herzlich heißen die weißen Akademiker den neuen Begleiter ihrer Tochter auf dem herrschaftlichen Landgut am Rande eines träumerisch daliegenden Sees willkommen. So ist alles bereitet für ein ungetrübtes Wochenende voll inklusiven geselligen Beisammenseins.

Es kommt ein bisschen anders, wie man sich denken kann und ahnen muss – spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Vater Roses, ein angesehener Chirurg, bei dem Rundgang durch das stattliche Anwesen dem jungen hochwillkommenen schwarzen Gast gegenüber nonchalant erwähnt, man habe die Tür zum Keller verschließen müssen, da sich dort zu viel schwarzer Schimmel – black mould – angesammelt habe.

Was sich dann entfaltet, ist eine grandiose Irrfahrt in die Unterwelt, eine bannende Rückführung in  die tiefsten Schichten, wo das Selbst noch nicht es selbst ist, sondern hilflos einem übermächtigen Schicksal ausgeliefert wird, aus dem nur das Einwirken einer Gnade von außen Rettung bringen kann.

Wer unter euch ohne Rassismus ist, der werfe den ersten Stein auf all die anderen Rassisten! Ein tiefschwarzer Spiegel wird da den liberalen, ach so aufgeklärten Ostküsten-Akademikern vorgehalten!

Der aufwühlende, verstörende Film – eine schreckliche Tragödie, bei der wie in der Antike zum Schluss sehr viel Blut fließt – wirkte noch lange in mir nach! Wir sahen ihn am vergangenen Dienstag im Kino Odeon in Schöneberg.

Erst später erfuhr ich von Kennern, es handle sich nur um eine Horror-Komödie, und deswegen brauche ich mir den Film nicht so zu Herzen gehen zu lassen. Dies sei eine Gattung, die derzeit großen Erfolg in den USA und weltweit einfahre.

Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Sei dem wie ihm sei, mir ist der Film noch lange nachgegangen.

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Die drei Hänflinge. Ein Traum Johann Peter Eckermanns

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Jan 222017
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Betrachtungen, Einsichten und unterhaltsamen, oft erheiternden Geschichten sind mir seit einigen Wochen Eckermanns „Gespräche mit Goethe“. Gerade beim geselligen Vorlesen entfalten diese über fast ein Jahrzehnt sich erstreckenden Unterhaltungen einen unbeschreiblichen Reiz. Sie zeigen aber auch zwei scharfsichtige Beobachter, und es wird klar, dass Goethe in seinen politischen Analysen weit ins 19. Jahrhundert, ja teilweise bis ins 20. Jahrhundert vorausblickte und so manche unliebsamen Entwicklungen, die nach seinem Tode eintraten, vorhersah. Er las und lobte beispielsweise noch Stendal, er befasste sich mit dem Grundgedanken des Sozialismus eines Saint-Simon und durchschaute ihn besser als die meisten Nachgeborenen, er durchschaute auch die zeitgenössische bigotte Debatte um die Abschaffung oder Beibehaltung des interkontinentalen Sklavenhandels in all ihrer Heuchelei.

Die Fühlfäden von Goethes Seele reichten also weit in die Zukunft hinein, und auch lange nach uns werden die Menschen diese Einsicht wieder und wieder bestätigt finden. Eckermanns „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“, das ist eins der besten, anmutigsten, tiefsten, heitersten, tröstlichsten deutschen Bücher überhaupt, so meine ich, das die Lektüre zahlloser mehr oder minder gelehrter Abhandlungen mit einem Schlag überflüssig machen kann oder diese doch mindestens in den Schatten stellt.

Heute erfreute uns besonders das Gespräch der beiden Männer über einen Traum Eckermanns, berichtet unter dem Datum vom 7. Oktober 1827.

Das Bild zeigt ein mit wolligem Gespinst bedecktes Gesträuch im Schöneberger Südgelände am heutigen Tag.

Eine Vorbemerkung sei gestattet: Der in dieser Geschichte vorkommende Hänfling, heute meist genauer als Bluthänfling bezeichnet, gehört zur Familie der Finken und zur Gattung der Zeisige. Er ist ein geselliger, in ganz Europa häufig vorkommender Singvogel, der zu Goethes und Eckermanns Zeiten gern als munterer Hausgenosse gehalten und als fleißiger Sänger geschätzt wurde, ehe dann exotische Arten wie etwa der Wellensittich ihn von diesem Platz verdrängten.

Zu einer abendlichen ruhigen Stunde mag diese Geschichte von den drei Hänflingen beim lauten Vorlesen eine wohltuende Wirkung entfalten. Sie beginnt mit den folgenden Sätzen:

Es war indes Licht gebracht, wir nahmen ein kleines Abendessen und saßen nachher noch eine Weile in allerlei Erinnerungen und Gesprächen.

Ich erzählte Goethen einen merkwürdigen Traum aus meinen Knabenjahren, der am andern Morgen buchstäblich in Erfüllung ging.

»Ich hatte«, sagte ich, »mir drei junge Hänflinge erzogen, woran ich mit ganzer Seele hing und die ich über alles liebte. Sie flogen frei in meiner Kammer umher und flogen mir entgegen und auf meine Hand, sowie ich in die Tür hereintrat. Ich hatte eines Mittags das Unglück, daß bei meinem Hereintreten in die Kammer einer dieser Vögel über mich hinweg und zum Hause hinausflog, ich wußte nicht wohin. Ich suchte ihn den ganzen Nachmittag auf allen Dächern und war untröstlich, als es Abend ward und ich von ihm keine Spur gefunden hatte. Mit betrübten herzlichen Gedanken an ihn schlief ich ein und hatte gegen Morgen folgenden Traum. Ich sah mich nämlich, wie ich an unsern Nachbarshäusern umherging und meinen verlorenen Vogel suchte. Auf einmal höre ich den Ton seiner Stimme und sehe ihn hinter dem Gärtchen unserer Hütte auf dem Dache eines Nachbarhauses sitzen; ich sehe, wie ich ihn locke und wie er näher zu mir herabkommt, wie er futterbegierig die Flügel gegen mich bewegt, aber doch sich nicht entschließen kann, auf meine Hand herabzufliegen. Ich sehe darauf, wie ich schnell durch unser Gärtchen in meine Kammer laufe und die Tasse mit gequollenem Rübsamen herbeihole; ich sehe, wie ich ihm sein beliebtes Futter entgegenreiche, wie er herab auf meine Hand kommt und ich ihn voller Freude zu den beiden andern zurück in meine Kammer trage.

Mit diesem Traum wache ich auf. Und da es bereits vollkommen Tag war, so werfe ich mich schnell in meine Kleider und habe nichts Eiligeres zu tun, als durch unser Gärtchen zu laufen nach dem Hause hin, wo ich den Vogel gesehen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als […]

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 462-463 (=Eintrag vom 7. Oktober 1827)

 

 

 

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Linde am Blomberger Burgtor: die Lehre des Hundes

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Okt 282015
 

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Gute, schöne, erquickende Gespräche mit mehreren Bürgern in der Stadt Blomberg im Land Lippe! Hier an diesem 300 Jahre alten Lindenbaum checkte ich nach getanem Tagwerk gerade die Nachrichtenlage, als mich ein Hund neugierig beschnüffelte und anstupste. Ich schaute auf von dem Smartphone. Da kam schon Herrchen und entschuldigte sich für das Hunderl. Ich erwiderte: „Bitte keine Entschuldigung! Ich danke Ihrem Hund! Er hat mich dazu gebracht, den Blick zu erheben! Er hat mich dazu gebracht, diese Linde und das herrliche Panoramna im Abenddämmerschein zu bestaunen. Er bringt mich dazu, mit Ihnen zu reden. Ein Hund! Ein lebendes Wesen! Alles, was lebt, atmet, knurrt und Laute von sich gibt, ist mir lieb! Es fordert uns heraus. Danke, du Hund!“

„Sie haben recht“, erwiderte der Blomberger Bürger. „Ich bin im Vorstand eines zivilgesellschaftlichen Vereins hier in Blomberg, und wenn wir uns treffen, sprechen viele oft nicht mehr miteinander, sondern starren auf die Displays ihrer Handys.“

Wir plauderten noch dies und das. Ha! Der Hund hatte uns zusammengebracht. Am Fuße der uralten mächtigen Linde vor dem Burgtor des Burghotels Blomberg im Lippischen Lande.

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„Aber verheiratet! Aber ein Handy“

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Okt 142007
 

Von meinem Termin bei der Frankfurter Buchmesse gehe ich zu Fuß hinüber ins Gallusviertel, um meine Schwester und ihre Familie zu besuchen. Die Mainzer Landstraße ist staubig, dunstflimmernd, ein einziges Band aus Asphalt und Beton. Gebrauchtwagenhändler werben für ihre Fahrzeuge mit handgeschriebenen „Hauspreisen“. An einer Straßenbahnhaltestelle hängt ein Stadtplan, den ich betrachte, um mir über den Weg klar zu werden. Die Sonne heizt den Oktobernachmittag noch einmal auf. Drei Männer und eine Frau haben sich diese Haltestelle zu ihrem Rastplatz erkoren, wo sie trinken, schwatzen und essen. Erkennbar fahren sie nirgendwo hin. Die Frau nähert sich mir von der Seite. Mir fällt ihr bayerischer Akzent auf. „Entschuldigung, wir möchten rauchen. Hast du Feuer?“ Ich gebe zu verstehen, dass ich Nichtraucher bin. Die Frau, etwa vierzig Jahr alt, besinnt sich um: „Dann kannst du uns ja zwei Euro geben, wir wollen etwas essen. Das ist doch eine Alternative.“ Die Frau ist überzeugt, dass sie mir ein gutes, tragfähiges Angebot gemacht hat. Ich lehne ab: „Nein, jetzt nicht!“ Die Frau ist enttäuscht und gekränkt, betrachtet mich genau, wie ich mit dem Zeigefinger am Stadtplan entlangfahre, und wie ich in der Hand noch das Mobiltelefon halte. Da erhebt sie ihre Stimme, und während ich mich schon abwende und weitergehe, ruft sie mir noch nach, wobei in ihrer Stimme eine Mischung aus Anklage und Hohn mitschwingt: „Aber verheiratet! Aber ein Handy!“

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Sep 302007
 

Im Tagesspiegel von heute, 30.09.2007, erzählt Claude Martin, scheidender französischer Botschafter, von den Berliner Erfahrungen, rühmt Berlins gesunde Weltoffenheit, lobt Kreuzberg – „vielleicht der beste Teil meines Aufenthalts in Deutschland“- , drückt sein Vertrauen in die deutsche Demokratie aus, outet sich als begeisterter Radler. Wow! Und wir waren Kieznachbarn, er hat früher bei mir um die Ecke in der Großbeerenstraße gewohnt. Das Interview ist ein Meisterwerk der politischen Kommunikation. Besser kann man für Berlin und Deutschland nicht werben. Bekomme Lust, das Interview 100 Mal zu vervielfältigen und an ein paar Straßenecken zu kleben und auch ein paar Miesepetern von der „Berlin-ist-Schlusslicht“-Fachabteilung unter die Nase zu halten mit den Worten: „Berliner, schaut auf diese Stadt! … und erkennt! … dass ihr diese Stadt nicht schlechtreden dürft!“ Tosender Beifall.

Interview lesen: http://www.tagesspiegel.de/politik/international/Interview;art123,2390406

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