Archive for the ‘Ut min Oostseetid’ Category

Themenpfad Gauck, oder: “Ich gehörte keiner außerkirchlichen Opposition an”

Donnerstag, März 15th, 2012

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Von großer, ungewöhnlicher Redlichkeit sind die Worte Joachim Gaucks geprägt. Das bestätigt sich immer dann, wenn ihm von seinen zahlreichen Gegnern, die er ja auch haben muss, etwas vorgeworfen wird, was er nie behauptet hat. “Der war doch gar kein Bürgerrechtler! Der war keiner von uns!“, sagen die zahlreichen selbsternannten “echten” Bürgerrechtler. Weder saß Gauck in Bautzen ein noch forderte er zum Sturz der SED auf, was übrigens auch die 100% waschechten Bürgerrechtler kaum je getan haben, als es noch richtig gefährlich war.

Gauck soll also zu DDR-Zeiten gewesen kein waschechter Bürgerrechtler von echtem Schrot und Korn gewesen sein.

Richtig! Genau das steht auch in Gaucks Selberlebensbeschreibung. Er schreibt selbst auf S. 212:

“Bis zum Herbst 1989 war ich ein Pastor gewesen, der im kirchlichen Dienst aufging, dabei seinen Jugendlichen, seinen Gesprächskreisen und seiner Gemeinde im Gottesdienst die Wahrheit nicht schuldig blieb – das war in Rostock bekannt-, aber ich gehörte keiner außerkirchlichen Opposition an. Im Herbst 1989 wuchs ich Schritt für Schritt in eine politische Rolle hinein.”

Gauck beschreibt, was er gemacht, gedacht, getan und unterlassen hat. Er stilisiert sich nicht zum waschechten Bürgerrechtler empor. Das sollte man zur Kenntnis nehmen, ehe man Dinge über ihn verbreitet, die er weder gesagt noch getan hat.

Also gilt auch hier wie so oft: Erst lesen, dann denken, dann Dampf ablassen!

Besonders tun sich mit derartiger Schmähkritik an Gauck einige DDR-Politiker mit der Gnade der letzten Stunde hervor, die freilich ebenfalls kaum als waschechte Bürgerrechtler zu bezeichnen sind.  Davon bietet dieser Artikel reichlich Beispiele:

Late Night: Bei Anne Will wird Gauck zum Zersetzer erklärt – Nachrichten Fernsehen – WELT ONLINE

Bild: Wölfe und Raben um einen ruhigen Mann am Themenpfad, Ostseebad Dierhagen, Aufnahme aus dem Juli 2011

Zitat: Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen. In Zusammenarbeit mit Helga Hirsch. Pantheon. Siedler Verlag München 2009, S.212

Wieviel Platz steht einem Menschen zum menschenwürdigen Leben zu?

Samstag, März 3rd, 2012

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Lange wurde erbittert gerungen, wieviel Wohnraum einem durchschnittlichen Single in der Bundesrepublik Deutschland zusteht, der ausschließlich von staatlicher Unterstützung lebt. 25 oder 40 qm? Was ist menschenwürdig? Wann verliert er die Menschenwürde unter Hartz IV?

“Wir wohnten in Moskau in der Sowjetunion der sechziger Jahre zu fünft in einem großen Zimmer mit über 30 qm!” – “Wir hatten zusammen mit drei anderen Familien eine Komunalnaja in Leningrad! Küche, WC und Bad waren gemeinsam, aber als Familie konnten wir uns jederzeit in unser Zimmer zurückziehen.” So erzählten es mir russische Freunde und deren Angehörige auf meinen Reisen durch Russland. Ich habe selbst einige Nächte in einer derartigen Komunalnaja in Petersburg verbacht und konnte mir foglich ein Bild von den damaligen Verhältnissen in der Sowjetunion machen. Ich rechne nach: jedem einzelnen Sowjetmenschen standen in den Großstädten etwa 5-7 qm Wohnfläche zu.

Anders, weit besser war es in den Großstädten der DDR!

“Der Umzug war ein Schock, vor allem für die Familie. Auf dem Dorf konnten die Kinder draußen herumtollen, jetzt hockten wir zu fünft auf 85 Quadratmetern, dem DDR-Durchschnitt für diese Familiengröße.” So erzählt es uns Joachim Gauck. Ich rechne nach: Jedem einzelnen DDR-deutschen Familienmenschen standen also in Städten wie Rostock etwa 17 qm zu, mehr als das Doppelte eines sowjetischen Familienmenschen.

Anders stand es um die ausländischen Gastarbeiter. Diese wurden in der DDR in Heimen einquartiert, worauf Zafer Senocak heute im Tagesspiegel hinweist.

Aus zahlreichen derartigen Berechnungen und Umfragen habe ich mir folgende Faustformeln zurechtgelegt, um deren Überprüfung ich euch Leser bitte:

a) In der DDR stand zu jedem beliebigen Zeitpunkt den Menschen in den Großstädten etwa doppelt soviel Wohnraum zur Verfügung wie zur selben Zeit in der Sowjetunion. Die materielle Versorgung der Bevölkerung, der Lebensstandard war überhaupt in der DDR wesentlich besser als in der Sowjetunion, auch dank der stetigen Mittelzuflüsse aus der Bundesrepublik Deutschland.

b) In der Bundesrepublik Deutschland hat statistisch gesehen jeder Mensch heute etwa doppelt soviel Wohnraum zur Verfügung wie in der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 1970. Die deutsche Politik und die deutschen Bürger weigern sich jedoch hartnäckig, diese Zahlen zur Kenntnis zu nehmen. Deutschland lebt auch hier über seine Verhältnisse, indem es bei den Berechnungen zur Wohnungsgröße viel zu hohe Mindestgrößen ansetzt.

c) Selbst Hartz-IV-Empfänger haben heute in der Bundeserepublik Deutschland einen weit höheren Lebensstandard, eine weit bessere materielle Absicherung und mehr Wohnraum zur Verfügung als der Durchschnittsverdiener in der DDR, von der Sowjetunion ganz zu schweigen.

Stimmen diese Faustformeln und Überlegungen?

Bild:

Drangvolle Enge beim festlichen Tonnenabschlagen im Ostseedorf Wustrow, aufgenommen am 10.07.2011

Quellenangaben:

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen. In Zusammenarbeit mit Helga Hirsch. Pantheon. Siedler Verlag München 2009, S. 121

Zafer Senocak: Die offene Gesellschaft und das Erbe der DDR. Tagesspiegel, 03.03.2012, S. 25

Ist alles Deutsche böse?, oder: “Meine Integration – Grimms Märchen”

Dienstag, Februar 28th, 2012

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Ist alles typisch Deutsche böse und verwerflich? Die Deutschen scheinen dies zu glauben. Anders ist die Bereitwilligkeit, mit der sie überall sich selbst als Hort des absoluten Bösen, der finstersten Mächte ausgeben, nicht zu erklären.

Aber: Was ist typisch deutsch? Um das zu beantworten, greife ich auf meinen Sommerurlaub an der Osteeküste zurück. Mein erstes Gespräch in Ribnitz-Damgarten führte ich in strömendem Regen mit einem 1-Euro-Jobber, der dort Flaschen sammelte und dem wir uns, mühselig auf Fahrrädern mit Gepäck strampelnd, am Boddenweg anschlossen, da wir den Weg nicht kannten. “Endlich habe ich was zu tun, lieber sammle ich Flaschen, als bloß herumzusitzen!”

Der 1-Euro-Jobber, der lieber Flaschen sammelt, als bloß herumzusitzen? Ist er typisch deutsch?

Am ersten Sonntag besuchte ich den evangelischen Gottesdienst in der Marienkirche in Ribnitz (siehe Bild). Dort sang ich laut vernehmlich die protestantischen Kirchenlieder mit, einerlei ob von Philipp von Zesen, Paul Gerhard oder Nikolaus Graf Zinzendorf.

Ich kenne ja die meisten christlichen Kirchenlieder fast alle seit meiner Kindheit aus Bayern, darunter das unsterbliche “Die güldene Sonne”, my personal favourite song, mein Hit, mein Lieblingslied. “Die güldene Sonne” – ist sie typisch deutsch?

Die Predigt des Pastors, die letzte, ehe er in den Urlaub aufbrach, handelte von der Unvorstellbarkeit Gottes. Der hebräische Name Gottes bedeute ungefähr: Ich bin der ich sein werde. Der Gott des alten Israel ist ein Gott des Werdens, der sich ausspricht im Zuspruch an die hörenden Herzen. “Wir können ihn nicht dingfest machen. Es ist nicht so, dass wir über ihn Macht hätten, indem wir seinen Namen aussprechen. Auch wenn wir uns wie Goethes Faust bemühen, das zu erkennen und zu benennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, lässt er sich nicht festsetzen. Anders als beim Rumpelstilzchen in Grimms Märchen, über das die Prinzessin Macht gewinnt, indem sie seinen Namen ausspricht!”

Der redliche 1-Euro-Jobber, Goethes Faust, Grimms Märchen, evangelische Kirchenlieder, Rumpelstilzchen – mehrfach genannt in einer einzigen Predigt beim sonntäglichen Gottesdienst – sind sie typisch deutsch?

Nach dem Gottesdienst entspann sich auf Einladung des Pastors unter den Gottesdienstbesuchern ein Gespräch über das Altarbild der Hamburger Malerin Ingeborg Prinzessin zu Schleswig-Holstein. Es hatte heftige Wellen in der meinungsbildenden Presse, namentlich der OSTSEE-Zeitung ausgelöst. Mehrere Leser sprachen sich gegen das abstrakte, farbenfrohe Ölgemälde aus, in dem man nichts Bestimmtes erkennt. Fazit einiger Leserstimmen: “Es ist kein geeignetes Altarbild, da man nichts Genaues erkennen kann!”

Im Gespräch meldete ich mich zu Wort, stellte mich artig als Sohn der Stadt der Confessio Augustana vor und erklärte: “Das Bild finde ich sehr gut. Ich erkenne eine Tiefe, die nach oben und nach hinten in eine unbekannte Ferne führt. Es stört mich nicht, dass ich nichts Greifbares erkennen kann. Und selbst wenn: Lassen wir uns doch stören von dem, was wir nicht erkennen können.

Niemand widersprach. Im  Gegenteil, ich glaube, dass ich die Meinung der Ostsee-Menschen zugunsten des Bildes beeinflusst habe. Beim Hinausgehen geriet ich ins Gespräch mit den Zweiflern: Einige kamen aus der Stadt Ribnitz, andere stammten aus Russland, sie waren einige jener mehreren Hunderttausend Russlanddeutschen, die zurück ins Vaterland gesiedelt sind.

Und nun kann ich die Frage beantworten, die gestellt wurde:

Für mich sind der fleißige 1-Euro-Jobber, ist Die güldene Sonne, sind Gespräche über die Unerkennbarkeit Gottes, sind Goethes Faust und Grimms Rumpelstilzchen, ist der Meinungsstreit über abstrakte Kunst, sind die Russlanddeutschen allesamt typisch deutsch.

Allerdings wird man beim genaueren Nachdenken erkennen, dass wenig von diesem so typisch deutschen Gepräge seinen Ursprung in Deutschland hat:

Das sozialpolitische Modell des 1-Euro-Jobbers stammt aus USA (workfare, von Richard Nixon bereits 1969 gefordert), der Fleiß (lateinisch industria) ist eine in vielen europäischen und asiatischen Ländern gelobte Tugend, die christliche Religion stammt aus Kleinasien, der Gedanke der Unnennbarkeit Gottes stammt aus dem Judentum, Grimms Märchen sind überwiegend Übersetzungen aus dem Französischen des Perrault, das Lob der güldenen Sonne ist iranisch-orientalischen Ursprungs und ist seit dem 6. Jahrhundert vor Christus bezeugt. Nur die deutsche Sprache und Goethes Faust, die sind – so meine ich – in der Tat unverwechselbar deutsch. Und auf all das lege ich auch größten Wert, all das typisch Deutsche sollten wir als Integrationsmotoren nutzen.

Hat man den fleißigen 1-Euro-Jobber, Die güldene Sonne, Gespräche über die Unerkennbarkeit Gottes, Goethes Faust und Grimms Rumpelstilzchen,  den Meinungsstreit über abstrakte Kunst, die Russlanddeutschen verstanden, so versteht man ein bisschen von dem, was Deutschland geprägt hat und zusammenhält.

Merkwürdigerweise scheinen das die gut integrierten Zuwandrerinnen ebenso zu sehen. Dilek Kolat, die Berliner Sozialsenatorin, weist ebenso wie Hatice Akyün auf die prägende Rolle hin, die ausgerechnet  Grimms Märchen für ihre Bildung, für ihr Ankommen in Deutschland gespielt haben.

Akyün sagt sogar in einem Video:

Meine Integration – Grimms Märchen!

Und was ist an der urdeutschen “Güldenen Sonne” des typisch deutschen Philipp von Zesen (1619-1689), die Leben und Wonne bringt, so schlimm, so deutsch und so böse, dass man bei staatlichen Feiern der Bundesrepublik Deutschland stets auf englische Lieder ausweichen muss?

Woher diese Selbstverleugnung, diese Selbstaufgabe der Deutschen?

Jede gläubige Muslima, jeder Jude, jeder Atheist, jede Agnostikerin, jede Türkin, jeder Deutsche kann dieses herrliche Lied von der Güldenen Sonne aus voller Brust und voller Kehle mitsingen!

Hatice Akyün

J’aime l’automne

Samstag, Juli 30th, 2011

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Novembre (Flaubert) – Wikisource
J’aime l’automne, cette triste saison va bien aux souvenirs. Quand les arbres n’ont plus de feuilles, quand le ciel conserve encore au crépuscule la teinte rousse qui dore l’herbe fanée, il est doux de regarder s’éteindre tout ce qui naguère encore brûlait en vous.

Ein erstaunliches Schauspiel bietet das Wetter derzeit. Heute unterhielt ich mich des längeren mit der Frau, die am Prinzenbad die Zeitungen verkauft. Allen Badegästen versuche ich Mut einzuflößen: “Wir haben das Schwimmbad fast für uns! Es droht kein Sonnenbrand! Lasst euch nicht beirren, zieht eure Bahnen!”

Einige Erinnerungen an den Ostseeurlaub tauchten aus dem Kreuzberger wallenden Julinebel auf, der wattig und gütig das Prinzenbad bedeckt.

Julinebel – ein schönes Wort!

In der Tat, wenn ich den Dauerregen in der Stadt vergleiche mit den Erfahrungen am Ostseestrand, muss ich sagen: Wir haben es hier viel besser getroffen! Statt in ein klammes Zelt mit viel zu engen Luftmatratzen kehren wir in eine warme trockene Wohnung zurück.  Alle Annehmlichkeiten des modernen städtischen Lebens stehen uns uneingeschränkt zu Gebote.

Julinebel – j’aime l’automne!

“Und ihr seid wirklich mit dem Fahrrad aus Berlin gekommen?”

Mittwoch, Juli 27th, 2011

04072011814.jpg Immer wieder ernteten wir von den Kindern erstaunt-ungläubige Blicke, wenn sie bemerkten, dass wir weder mit dem Auto noch mit dem Flugzeug auf den Campingplatz angereist waren.

Dabei war es in Mecklenburg-Pommern zu DDR-Zeiten gang und gäbe, dass man ohne Auto und ohne Flugzeug in den Urlaub fuhr. Nur, für die heutigen Kinder sind das längst vergangene Zeiten! Viele heutige Kinder kennen die Erfahrung gar nicht mehr, dass sie sich über mehrere Stunden aus eigener Kraft auf ein Ziel hin bewegen müssen. Sie wissen nicht mehr, wie sich das anfühlt, wenn einen ein Regenschauer überrascht und durchnässt. Sie kennen die tiefe Erschöpfung nach einem durchwanderten Tag nicht. “Wozu wandern? Es gibt doch Autos!”

Ich meine: Es tut Kindern gut, wenn sie einmal erkennen, dass man ein Ziel auch zu Fuß oder mit eigenen Kräften erreichen kann.

Andererseits: Zum ersten Mal nach langer Zeit hörte ich auf dem Campingplatz einige Kinder in aller Frühe zusammen singen. Es waren die Kinder unserer Zeltnachbarn, Buben im Alter von 5 und 7 Jahren. Soll ich euch was verraten? Dies war eines meiner schönsten Urlaubserlebnisse.

Bild: Omnia nostra nobiscum portamus – “Alle Habe tragen wir mit uns”. Unsere glorreiche Anreise im Regen, vor dem Klärwerk in Körkwitz.

Lasst der Trauer Raum und Zeit!

Montag, Juli 25th, 2011

05072011820.jpg Noch vor wenigen Tagen schloss ich auf dem Campingplatz eine locker-flapsige 3-Tages-Bekanntschaft mit zwei Norwegern. Mit den Norwegern geht es mir ähnlich wie mit den Italienern, den Türken, den Arabern, den Japanern, den Muslimen, den Badensern und den Mecklenburgern: Nach wenigen Worten im Gespräch schon entdecken wir erste Gemeinsamkeiten. Hier also: unsere Liebe zum naturnahen Mischwald! “Eure Wälder in Deutschland entwickeln sich prachtvoll – weg von der Monokultur, die bei uns in Norwegen leider noch vorherrscht, hin zum Mischwald! Ihr Deutschen seid uns Norwegern voraus!”

“Ja”, erwiderte ich, “schaut euch doch mal den Rostocker Stadtwald an – vorbildlich: mehr naturwüchsige Buche, Eiche, Birke, weniger Fichte – dahin muss es laufen!”

Ich kramte im Scherz mein “Taler du Norsk?” hervor, sie lachten und antworteten mir – auf Englisch. O je!

Um so schlimmer trifft mich das verheerende Verbrechen, das das ganze Land, ganz Europa heimgesucht hat!

Die Trauer über so viele vernichtete Menschenleben erfasst mich.

Was mich allerdings in meiner Trauer, meinem Mitgefühl  stört, ist, dass in Deutschland sofort wieder das Verbrechen bis zum Gehtnichtmehr politisiert wird. Man kann keinen Augenblick innehalten! Das hat mich und meine japanischen Freunde  schon bei dem Tsunami-Unglück gestört: es wurde nicht mit den Zehntausenden Opfern gefühlt, die in wenigen Augenblicken durch die verheerende Springflut ihre Angehörigen und ihr Hab und Gut verloren hatten, sondern sofort wurde gefragt: Was will uns Deutschen das japanische Atom-Unglück für die deutsche Innenpolitik mit auf den Weg geben? Die deutsche Atomdebatte stand bei der Berichterstattung in Deutschland von Anfang eindeutig im Vordergrund, nicht das Leiden des japanischen Volkes.

Eine ähnliche Gefahr sehe ich erneut in den deutschen Medien heraufkommen: Statt des Leidens der Opfer und ihrer Angehörigen gewahr zu werden, brechen die Medien sofort ohne jede Pause des Innehaltens eine Rechtspopulismus-Debatte vom Zaun. Fehlt es uns Deutschen so sehr an der Fähigkeit, mit anderen Menschen zu leiden?

Der Attentäter, wie der Attentäter von Oklahoma, Timothy McVeigh, ein eigenbrötlerischer, offenbar an Wahnvorstellungen leidender Einzelgänger, steht bei den deutschen Medien im Fokus. “Was will uns das Ganze für unsere innenpolitische Debatte sagen?” Siehe beispielsweise Süddeutsche Zeitung, S. 3 heute. Sie widmet ihm gleich eine ganze Seite mit Riesenfoto: “Ihm gefällt die Vorstellung, wie er als Ein-Mann-Armee alle seine Feinde niedermäht.”  Die taz orakelt auf S. 1: “Der Attentäter kam aus der Mitte der Gesellschaft.”

Ich meine: Diese Überlegungen kommen alle zu früh. Jetzt ist es Zeit zu trauern, Zeit zusammenzustehen, sich auf Gemeinsamkeit, auf die Werte des Mitgefühls und der tätigen Hilfe zu besinnen.

Soll man jetzt Schlussfolgerungen ziehen aus der Tatsache, dass der Täter als Scheidungskind ohne Vater aufwuchs, dass er weder Frau noch Kind hat, bei der Oma lebte, dass er sich in rechtsradikalen Foren herumtrieb, dass er sich eine menschenverachtende, rassistische Ideologie zusammengesponnen hatte, dass er einen Bio-Bauernhof betrieb?  Nein. Jetzt nicht.

Die Handlungen und Worte der Norweger, angefangen vom Ministerpräsidenten Stoltenberg bis zu den Menschen auf der Straße, erzeugen in mir Trauer, aber auch größtes Mitgefühl und sogar Bewunderung.

Der Rostocker Mischwald in allen Ehren. Was gesellschaftlichen Zusammenhalt, Empathie und Taktgefühl angeht, seid ihr Norweger uns Deutschen offenbar voraus.

Bild: der Rostocker Stadtwald, mit dem Rad erfahren am 13.07.2011

Lasst euch doch nicht durch das Wetter ins Bockshorn jagen!

Sonntag, Juli 24th, 2011

05072011832.jpgHerrliches Badewetter genossen wir an der Ostssee! Gerade bei gleichbleibend 17° C an der Luft UND im Meer braucht sich der Körper nicht umzustellen. Es entsteht eine gewisse erwünschte Abhärtung, die Selbsterwärmung des Kreislaufs kommt in Schwung! Selbstverständlich waren wir anfänglich durch das bacherlwarm vorgewärmte Wasser im Kreuzberger Prinzenbad verwöhnt. Aber nach und nach stellten wir uns auf die rauhere Umgebung ein.

Warum gehen die Berliner bei unter 25° Lufttemperatur so wenig in die Freibäder? Gerade das herrliche Prinzenbad wirkt tage-, ja wochenlang lang wie verwaist – obwohl der Schwimmbadbesuch gerade bei mäßigen Temperaturen besonders gesundheitsfördernd wirkt. Früher war das anders! Sil-Yan, Musiker von der Gruppe K.I.Z. erinnert sich an die prägenden Erfahrungen im und mit dem Prinzenbad: “Wir sind immer mit der ganzen Familie über’n Zaun gestiegen.” IMMER! Also auch bei schlechtem Wetter!

(Quelle: tip 16/2011, S. 64)

Bäder-Chef Lipinsky bleibt jedoch heute nichts übrig als zu konstatieren:

mobil.morgenpost.de
Das Wetter ist eine Katastrophe. Wir haben bis Mitte dieses Monats bisher gut 30 Prozent des Vorjahresumsatzes zur gleichen Zeit erzielt. Allerdings war der Juli 2010 mit mehr als einer Million Besuchern sehr stark. Bisher haben wir 54 Prozent dessen erwirtschaftet, was wir uns für diese Saison vorgenommen haben. Gut lief der Mai mit einem Besucherplus von 35 Prozent – vor allem, weil wir die Schwimmhallen länger am Netz gelassen haben. Trotzdem: Die Einnahmen werden uns fehlen. Hoffentlich wird der August wenigstens so heiß wie der Juli 2010.

Ich rege an: Die Freibäder Berlins sind Schatzkästchen! Wenn die Menschen nicht mehr von sich aus kommen, dann sollte man sie locken – wie zum Beispiel durch die SCUBEs, die pfiffigen Holzhütten. Bäder sind von Natur aus multifunktionale Erlebnisräume. Man kann mehr aus ihnen machen! Warum nicht Yoga und Pilates, warum nicht Kickboxen und Turnen anbieten in der Stadt, wo viele Kinder und Jugendliche keine anständige Kniebeuge mehr hinkriegen, geschweige denn Liegestütze oder Balancieren auf einem Bein? Ich würde die Freibäder gerade bei schlechtem Wetter zu Stätten der ganzheitlichen Gesundheitspflege umgestalten. Public health nennt sich das neuerdings. Zwei segensreiche, berühmte Vorreiter der öffentlichen Gesundheitspflege wirkten in Berlin: Rudolf Virchow und Turnvater Jahn.

Merke: Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur falsche oder vielmehr zu enge Erwartungen an das, was ein Freibad kann und soll.

Bild: Abendstimmung am Strand in Kühlungsborn, Juli 2011. Lufttemperatur: 19° C, Wasser: 17° C

Im Brackwasserland

Freitag, Juli 22nd, 2011

16072011966.jpg Stets von neuem verblüffte und erstaunte mich die Boddenlandschaft. Nur etwa 7000 Jahre jung ist diese Zone des beständigen Übergangs zwischen Meer und Land, zwischen stummer Naturmacht und tätigem Eingreifen des Menschen. Ein Augenzwinkern angesichts der bis zu 250 Millionen Jahre, die unsere Weltmeere brauchten, ehe sie zur jetzigen – ebenfalls vorläufigen – Gestalt fanden! Als Kinderstube der Evolution preist der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft sein Schatzkästlein an. Auf mich wirkte diese keineswegs nur flache, sondern in sich vielfach gestaffelte, überraschungsreiche Landschaft wie eine Art polymorphes Kraftfeld. Ich beobachtete Storch, Reiher, Kormoran, Natternzunge, Hahnenfuß, Rotbraunes Quellried, Salzmelde, Kriechendes Netzblatt, Bürstenmoose zuhauf!

Hier im Bild ein breiter Streifen herrlich aufgewühlten, flockig hingestreuten Abendlichtes. Wie stets im Norden verzögert sich der Übergang von Abend zu Nacht um eine kleine Unendlichkeit. Zuletzt fragten wir uns, ob es überhaupt je Nacht wurde.

Auch dies ein Zeichen des beständigen Übergangs, des Hin und Her, des dämmrigen Zwischenreiches zwischen Salzwasser und Süßwasser. Brackwasser, Brackland!

Dann wieder hüllte uns schwer peitschender Regen stundenlang ohne Unterbrechung im Zelt ein, gerade nachts. Ja, dann war es Nacht! Und wir sehnten den Tag heran.

Wer recht mit Freuden wandern will

Mittwoch, Juli 20th, 2011

200720111016.jpg Der nur kurz unterbrochene Urlaub geht heute zu Ende. Fast 3 Wochen verbrachte ich mit der Familie im Fischland, stromernd im Landkreis Ribnitz-Damgarten, stets die Nasen kühn in den Wind gestellt. Unsere ganze Habe führten wir mit uns: 3 Fahrräder, ein kleines Zelt, Kleidung, Zeit, 30 gesunde Zehen an den gesunden Füßen, eine unbändige Entdeckerfreude! Der Regen, die Menschen, der Wind, die Tiere, das Flüstern des Rohrs, das Peitschen der Stürme – sie alle wirkten zusammen, boten uns eine tüchtige Tracht Zerzausung, Durchrüttelung, – und das Zelt: ES HIELT!

Im Regionalexpress zurück nach Berlin erkannt ich doch auch gleich die Melodie, mit der die Ansagen eingeleitet werden: Wer recht in Freuden wandern will, der zieh der Sonn entgegen. Wie passend!

“Unser nächster Halt ist Berlin Potsdamer Platz.”

So. Und da sind wir wieder. Zeit Rückschau zu halten.

80.000 leerstehende Mietwohnungen in Berlin suchen verzweifelt Menschen

Dienstag, Juli 12th, 2011

02072011794.jpg10 Tage lebte der Blogger in Mecklenburg-Vorpommern mit seiner Familie auf 6 Quadratmeter Wohnfläche! Das eigene Heim ist halt doch Gold wert! Es ging schon einigermaßen, zumal das Außenzelt uns nachts zuverlässig vor dem pladdernden Dauerregen schützte. Mit wie wenig kann der Mensch doch auskommen! Gebadet wird in der Ostsee, Essen und Trinken findet im Freien statt, Körperpflege in den Gemeinschaftsduschen.

Nur nachts dachte ich manchmal bei Blitz und Donnerschlag: Um wieviel besser wäre es jetzt, eine Mietwohnung am Stadtrand Berlins zu haben! Weiterhin verschenken die städtischen Wohnungsbaugesellschaften Boni und Anreize, damit die Menschen aus den beliebten Innenstadtquartieren in die grünen Randbezirke ziehen. Das berichtet die BZ heute auf S. 14.  80.000 Wohnungen stehen in Berlin leer! Aus Steuergeldern finanziert werden 300-Euro-Starter-Boni, mietfreies Kinderzimmer, 500-Euro-Gutschein und und und …

Aus Berichten von Freunden und Bekannten weiß ich: Die Wohnqualität in den Großsiedlungen ist gut, sie bieten gerade für junge Familien jede Menge bezahlbaren Wohnraum. Den öden Hype um den Bergmannkiez und den Caffe-Latte-Prenzl-Berg sollte man nicht mitmachen! Was nicht durchgentrifiziert wird, fällt eh dem Spielhallenvirus zum Opfer. Konsequent: Bei meiner Rückkehr nach Kreuzberg entdeckte ich vor wenigen Stunden die erste Spielhalle in der Stresemannstraße. Meine Kinder können also jetzt wählen zwischen 2 Spielcasinos am Mehringdamm und einem in der Stresemannstraße.

Der Berliner Hätschel- und Verwöhnstaat schüttet über seine landeseigenen Wohnungsgesellschaften weiterhin sein Füllhorn aus. Buen provecho!  Eine Quadratmetermiete von 3 Euro, wie sie die GSW anbietet, kann niemals kostendeckend sein.

Dauerjammerer und Schlechtwettervögel: Greift zu – statt zu klagen!

Bild: So trübe sah es vor unserem 6-qm-Eigenheim tagelang aus.

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