Was bleibt in unserer Erinnerung? Was kann wegfallen?

 Einzigartigkeiten, Leitkulturen, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Was bleibt in unserer Erinnerung? Was kann wegfallen?
Sep 222017
 

 

Recht versonnen lief ich vor einigen Tagen vom Schöneberger Jugend Museum die Hauptstraße hoch zum Kaiser-Wilhelm-Platz. Die dort, im Jugend Museum gezeigte, sehr gut gemachte Ausstellung über den deutschen Kolonialismus mit der Beschreibung des deutschen Völkermordes an den Nama und den Herero hatte mich erschüttert. Da war er wieder einmal – The Kaiser’s Holocaust! Gab es denn gar nichts Gutes in der deutschen Vergangenheit – außer Holocaust, Not und Elend der arbeitenden Bevölkerung, Armut auf der einen Seite, Protz und Prunksucht der Schöneberger „Millionenbauern“ auf der anderen Seite? Ist es nicht so: Wo immer man hinschaut, herrscht in der deutschen Geschichte Not, Elend, Verbrechen.

Ich begann allmählich, die Deutschen zu hassen. Wen sollte es wundern? Wenn – wie es sich eingebürgert hat in Deutschland – ganz überwiegend Hässliches, Schweres, Problematisches über die Deutschen erzählt, berichtet und gezeigt wird, wenn die deutsche Geschichte – wie es sich mittlerweile eingespielt hat – ganz überwiegend im Lichte von zahlreichen einzigartigen, unerhörten Verbrechen gesehen wird, dann entwickelt sich in jedem nach und nach ein Gefühl des Widerwillens, der Ablehnung des Deutschen. So auch in dem hier Schreibenden. Das unablässig dargestellte Hässliche erzeugt Hass auf die, die das Hässliche begangen haben.

Aber müssen wir wirklich die Deutschen hassen? Mehr noch: Ist es unsere menschliche Pflicht, nicht nur die Deutschen, sondern das Deutsche als solches zu hassen? Man möchte dies so annehmen, wenn man die heutigen deutschen Darstellungen der deutschen Geschichte ansieht.  Müssen wir, sollen wir die Deutschen hassen nach allem, was die Deutschen dem Rest der Welt, den  anderen Menschen angetan haben?

Blut, überall Blut klebt und tropft an den Händen der Deutschen. Das ist die vorherrschende Meinung zur deutschen Geschichte, wie sie auch die die aktuelle Diskussion um das Humboldt Forum prägt.

In solchen tieftraurigen Stunden möchte man fast ausrufen:

„Weg, ihr Schreckensbilder der deutschen Geschichte mit all den unvergleichbaren deutschen Verbrechen, all den einzigartigen, unvergesslichen deutschen Völkermorden! Ich möchte euch nur einen Tag lang vergessen, ich möchte nur eine Stunde lang nicht an euch denken. Weg du deutscher Albtraum, so schlimm du bist, hier auch Lieb und Leben ist! Bitte, Schicksal, lass mich die Deutschen nur für einen Augenblick vergessen! Wie schön, wie glücklich wäre die europäische Geschichte, gäbe es die Deutschen nicht!“

Schau dich um, armer Tropf! Aus allen Ländern kommen die Zuwanderer zu den Deutschen. Die Zuwanderer leben ihr Leben weiter, sie bringen den Deutschen ihre reiche Gegenwart mit. Sie verbessern die Deutschen! In Not und Armut lebt im heutigen Deutschland niemand.

Und so war ich froh und dankbar wieder in der Gegenwart angelangt und begrüßte die Deutschen und die Zuwanderer als das, was sie sind: Menschen wie du und ich. Ich war ganz oben angelangt, da wo die Hauptstraße ihren Gipfel erreicht: den Kaiser-Wilhelm-Platz.

Hinüber wanderte da mein Blick auf die andere Seite der Straße. Dort, wo früher das Schöneberger Rathaus stand, ragt heute ein Denkmal auf:

Orte des Schreckens, die wir nie vergessen dürfen
Auschwitz
Stutthof
Maidanek
Treblinka
Theresienstadt
Buchenwald
Dachau
Sachsenhausen
Ravensbrück
Bergen-Belsen
Trostenez
Flossenbürg

Da gingen mir die Augen auf und ich erkannte: Das ist also unser deutsches Geschichtsbild, das die Deutschen Tag um Tag, Nacht und Tag sich selbst und all den Zuwanderern vermitteln, die dort in großen Zahlen auf die BVG-Busse warten. Das ist die einzigartige Erinnerung an das Einzigartige, das Allgegenwärtige. DAS dürfen wir nie vergessen. Wir Deutschen dürfen und sollen selbstverständlich Weimar, die Gebrüder Humboldt, Eisenach, Athen, Zwickau, Bad Doberan, Bad Freienwalde, Jerusalem, Chemnitz, Breslau, Rom, Prag, Königsberg, Augsburg, Bert Brecht, die Brüder Grimm und die Bremer Stadtmusikanten vergessen. Wir Deutschen dürfen unsere Mütter, unsere Väter, unsere schöne, reiche, klangvolle Muttersprache, unsere großen Dichterinnen und Komponistinnen, unsere Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen vergessen – und ja, wir haben sie auch vergessen. Goethe dürfen wir ins Abseits drängen. Dürer und Bach? kw, können wegfallen. Wir haben auch die 12 Apostel vergessen, die 12 großen Propheten, die 10 Gebote der Bibel dürfen und sollen wir vergessen. Homer sowieso. kw! Die Hiwiter der Bibel, die vollständig niedergemetzelten Usipeter und Tenkterer  aus Caesars De bello gallico, die Amalekiter aus dem ersten Buch Samuel, die vollständig vernichteten, die im 20. Jahrhundert ausgelöschten Kulaken der Ukraine dürfen wir vergessen und haben sie vergessen. Sie kommen schon nicht mehr vor in der europäischen Leitkultur. Die Schülerinnen und Schüler in Berlin erfahren nichts davon.  Angelika Kaufmann, Fanny Hensel, Hannah Arendt – kw! Können wegfallen. Immanuel Kant – wird in Deutschland nicht mehr gelesen. kw, auch.

Aber diese 12 Orte des Schreckens und nur diese 12 Orte, die bleiben uns wenigstens erhalten, die dürfen wir NIE vergessen. NIE, keinen Augenblick lang! Sie, diese 12 Orte, sind offenbar der unvergängliche Kristallisationskern der deutschen Geschichte, das jederzeit wiederbelebte, jederzeit als Gegenwart vor Augen geführte Alpha und Omega der deutschen Erinnerungskultur. Sie sind die deutsche Leitkultur, an der Zweifel nicht zugelassen werden.

Während es in Goethes Faust noch heißt:

„Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!“

könnte man über die heute herrschende deutsche Gedächtniskultur schreiben:

So herrsche denn Thanatos, der alles verschlungen!

Da fällt mir mit Schrecken ein: Wo liegt eigentlich Trostenez. Was geschah in Trostenez? Wir alle müssen dies wissen! Wir dürfen es niemals, keinen Augenblick vergessen.

 

Belege:
Kritik am Humboldt-Forum wird schärfer. Deutsche Welle, 13.08.2017:
http://www.dw.com/de/kritik-am-humboldt-forum-wird-sch%C3%A4rfer/a-40054767

http://www.jugendmuseum.de/Kolonialgeschichte.html

David Olusoga und Casper W. Erichsen: The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide. Faber & Faber, London 2010

 Posted by at 18:09
Jul 242017
 

Das Samaritergleichnis erschließt einen Nahbereich. Im Grunde, so Jesus, spielt sich das Leben des Menschen wesentlich im Umfeld der Nahen und der Nächsten ab.

Die moderne Welt der Medien, gerade die elektronischen Medien erschließen hingegen das Fernste. Der typische Vertreter dieser fernsten Dimension sind die Nachrichten.

„Wie kannst du noch ruhig schlafen angesichts des Übels in der Welt! Hast du denn nicht die Nachrichten gesehen? Und hast du denn schon vergessen, was in der Weltgeschichte alles an Schlimmem passiert ist? Kannst du denn die Millionen und Millionen von Toten vergessen, die wir Deutschen alle für alle Zeiten auf dem Gewissen haben, direkt oder indirekt? Grad DU ALS DEUTSCHER!“

Was hat Jesus auf derartiges Starren auf die Schrecken der Vergangenheit geantwortet, in dem ja wir Deutschen die unübertroffenen Weltmeister sind?

Er antwortet schroff und barsch: ἄφες τοὺς νεκροὺς θάψαι τοὺς ἑαυτῶν νεκρούς „Lass die Leichen doch ihre Leichen begraben“(Mt. 8,22). Tot ist tot. Widme dich den Lebenden. Die Lebenden sind wichtiger als die Toten, sie verlangen unsere ganze Aufmerksamkeit.

In ähnlichem Geist schrieb es Primo Levi am 27. Januar 1945 in sein Tagebuch, als er vor der Frage stand, ob er einen Toten bestatten oder eine Latrine leeren sollte:

Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare. Bisogna vuotare la latrina. I vivi sono più esigenti. I morti possono attendere. 

Es gibt dringendere Arbeiten als die Totenbestattung. Man kann sich nicht waschen. Man muss die Latrine leeren. Die Lebenden sind anspruchsvoller. Die Toten können warten.

Saubere Abwasserentsorgung, eine Grundbedingung sicheren Trinkwassers, sicheren Lebens für alle Menschen, das war damals so und ist auch heute noch so. Über die Toten haben wir keine Gewalt.

Die sittlichen Lehren Jesu Christi richten sich stets an den einzelnen, nie an Staaten. Seine Trinitätslehre ruhte auf der Gottesbeziehung, der Beziehung des Menschen zum Menschen, der Beziehung des Menschen zum Selbst. Gottesliebe, Selbstliebe, Nächstenliebe, das ist seine Dreieinigkeit. Wenn Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe im Lot sind – so Jesu Lehre – dann ist auch das Wohlergehen der Seele und des Leibes besorgt. Diese drei können auch Quelle von politischem Engagement werden, aber doch nur im übergreifenden Horizont dieser intimen Beziehung der Person zum eigenen Selbst, zum Nächsten und zu Gott. Der primäre Kampf richtet sich auf die Wahrheit der Person, nie auf die Wahrheit der Macht.

Politisches Handeln ist allenfalls ein Sekundärphänomen, niemals setzt der Kampf für eine bessere Welt bei der Welt an, sondern stets bei dem Kampf für eine liebevollere Beziehung zum eignen Selbst, zu Gott, zum Nächsten. Make yourself a better place for God, könnte das Motto lauten. Jesus war kein Weltverbesserer!

Christus hat es ausdrücklich abgelehnt, in den gewaltigen politischen Konflikten, die damals Palästina erschütterten, Stellung zu beziehen. „Gebt dem Caesar, was des Caesars ist, und Gott, was Gottes ist“, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“, damit hat er im Grunde der Sphäre der Politik die höheren Weihen entzogen. Er tritt im Prozess vor Pilatus seinem Richter mit einem ungeheuren Selbst- und Gottesvertrauen entgegen. Er duzt ihn ohne Titelangabe, er wirft sich nicht in den Staub vor der Autorität des Kaisers, er führt ein Gespräch auf Augenhöhe. Er respektiert ihn wie jeden anderen Menschen auch, aber er dient sich ihm nicht an, er unterwirft sich ihm nicht.

Und er nimmt aus der aufgeheizten politisch-religiösen Diskussion seiner Zeit den Dampf raus.

Und so meine ich, man sollte den erstickenden moralisch-metaphysischen Dampf aus den politischen Debatten nehmen. Politische Fragen sind, so meine ich, zunächst einmal praktische, nicht ideologische Fragen. Jede politische Betrachtung ist eine Betrachtung dessen, was in einem Staat, also im politischen Nahbereich der Fall ist.

Danach sollten wir fragen: Und? Sind wir damit zufrieden, wie es bei uns ausschaut? Können wir es dabei belassen? Oder wollen wir es ändern?  Falls ja: Können wir es überhaupt ändern? Oder muss der Anstoß zur Änderung in anderen Staaten von diesen anderen Staaten, von diesen anderen Menschen erfolgen? Sollen wir Europäer das Leben der Amerikaner und der Asiaten verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Sollen wir Europäer das Leben der Afrikaner verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Haben wir Europäer von heute für die Amerikaner eine fundamentale Verantwortung? Für die Afrikaner von heute?

Quellen:

Mt 8,22; Mk 12,17; Joh 18-20 passim
Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

 

 

 Posted by at 19:25
Jan 242017
 

I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame„, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: „Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet“, und er fährt fort: „Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge“, im englischen Original: „Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.“

Das sind zwei glänzende, wegweisende Sätze, in denen die Janusköpfigkeit unserer typisch deutschen Gedächtniskultur, die Doppelgesichtigkeit der einzigartigen deutschen Vergangenheitsbewältigung – jeder Vergangenheitsbewältigung, so meine ich –  in geradezu klassischer Vollkommenheit ausgedrückt wird. Zugleich stehen sie am Beginn des Buches „Germany. Memories of a Nation“. Und dieses Buch ist nicht anders zu bewerten denn als glänzender, ja genialer Wurf, nicht nur im gesamten Grundansatz, sondern auch bis in kleinste und feinste Details hinein. Kein Deutscher schafft so etwas derzeit! MacGregor bringt sorgfältig ausgewählte Bilder und Gegenstände zum Sprechen, freilich so, dass sie nicht bloß als tote Gegenstände der Vergangenheit ausgestellt, sondern als mahnende und ermunternde Zeugen freigelegt werden. Sie sollen uns ermöglichen die eigene Zukunft zu gestalten, ohne die letzten 10 Jahrhunderte der deutschen und die letzten 35 Jahrhunderte der europäischen Geschichte mit all ihren vielen guten und auch den schlechten Seiten zu vergessen.

Szenenwechsel! Wir sind jetzt in Weimar und schreiben das Jahr 1788.

„Die Götter rächen
Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;
Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.
Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.“

So – in der Wiedergabe Goethes – die Mahnung des Pylades an Orest. Orest ist gewissermaßen völlig verstrickt in seine dunkle, mit Schandtaten aller Art beladene Vergangenheit, „obsessed with his ancestors‘  past„. Er ist im zweiten Aufzug von Goethes Iphigenie der Inbegriff des schicksalhaft in die Verbrechen seiner Herkunftsfamilie, seiner Sippe und seines Volkes verfangenen Melancholikers; er leidet am kollektiven Schuldgefühl der Atriden, ausgelöst durch die mehrfach begangenen Kapitalverbrechen der Vorfahren. Ihm gegenüber vertritt Pylades den personalistischen Begriff der Schuld, wie ihn in der Bibel beispielsweise der Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Chr. herausgearbeitet hat. Es gibt keine Kollektivschuld und keine kollektive Haftung bei Ezechiel. Auch von der Augustinischen Lehre der Erbsünde oder gar der neopaganen Lehre vom „Tätervolk“ sind wir Lichtjahre entfernt. Nicht die Sippe, nicht das Volk tragen alle Schuld, sondern jeder einzelne Mensch wird von den Göttern – an deren Existenz Ezechiel ebenso wenig wie Goethe zweifelte – nach individuellem Handeln beurteilt.  Goethes Pylades führt hier gewissermaßen diesen prophetisch-christlichen, befreienden Schuldbegriff in die antikisierende Tragödie ein – die eben dadurch aufhört, eine echte Tragödie zu sein.

Zusammen mit der vorzüglichen, von Dieter Borchmeyer besorgten Neuausgabe von Goethes Klassischen Dramen und der monumentalen Arbeit von Peter Watson über den Deutschen Genius fängt MacGregor, so empfinde ich, das ständige Hin und Her, die fortwährenden, sich wiederholenden 180-Grad-Wendungen ein, die jeder gelingenden Gedächtniskultur by necessity nicht nur in Deutschland innewohnen müssen; man kann, man muss gewissermaßen das Schwabinger Siegestor immer wieder von Nord nach Süd und von Süd nach Nord durchqueren, Schande und sittliche Größe in der eigenen Herkunftsgeschichte gleichermaßen ins Auge fassen.

Blickt man hingegen auf den Streit zurück, den deutsche Geistesgrößen damals fast ausschließlich um völlig abstrakte Begriffe wie etwa „Einzigartigkeit“ oder „Unerklärlichkeit“ führten, ohne dass sie je der konkreten deutschen geschweige denn der europäischen Vergangenheit, diesem Medusen- und Juno-Haupt ins Antlitz geblickt hätten, so kann man ermessen, welch riesigen Schritt voran die vier genannten Bücher von MacGregor, Goethe, Ezechiel und Peter Watson darstellen. Watson, Goethe, MacGregor und der Prophet Hesekiel, diese vier sollte man unbedingt zur Kenntnis nehmen, ehe man auf typisch deutsche Art einen bouc émissaire oder whipping boy erwählt.

Gestern legte ich in einem kurzen Augenblick des Innehaltens diese drei frisch erworbenen Bücher, diese guten, verlässlichen Reiseführer und Wandergefährten in der zerklüfteten Landschaft der deutschen Gedächtniskultur zu Füßen der 3500 Jahre alten, hart an der Friedrichstraße mahnenden und wachenden Sphinx ab, ehe ich sie in meine Fahrradtasche packte. Ad multos annos, o Sphinx!

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Johann Wolfgang Goethe: Klassische Dramen. Iphigenie auf Tauris. Egmont. Torquato Tasso. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer unter Mitarbeit von Peter Huber. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 30, Frankfurt am Main 2008, hier v.a. S. 575 (Iphigenie auf Tauris, Vers 713-717)

Peter Watson: The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution, and the Twentieth Century. Simon&Schuster, London 2010

Das Buch Hesekiel/Ezechiel,  Kap. 18, in: Die Bibel

 

 

 Posted by at 13:22
Aug 222016
 

De mortuo nil nisi bene loquamur – von einem Toten möchten wir zunächst einmal nur Gutes reden. Ein wahrhaft europäischer Historiker war Ernst Nolte, der am 18. August verstorben ist.

Sein großartiges Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“, das ich aus der Bibliothek meines Vaters in der 2. Auflage von 1965 ererbt habe, hinterließ mir vor Jahren schon einen tiefen Eindruck; zunächst übrigens wegen des außerordentlich eleganten, mit Fakten und tiefen Einsichten gesättigten Stils. Nolte war zuletzt einer der wenigen noch verbleibenden deutschen Wissenschaftler, der eine rhythmisch geordnete, architektonisch klar gegliederte, dem fein artikulierten rhetorischen Gestus nicht abholde Sprache schrieb. Man braucht sich nur einige Seiten aus seiner Feder vorzulesen und wird erkennen, dass er noch einmal das rhetorisch- analytische Erkennen, diesen Schatz  der antiken Historiker aufscheinen lässt. Sein Deutsch liest sich mitunter so, als wäre es aus Sallust oder Thukydides, aus Montaigne oder Montesquieu übersetzt! Mindestens lässt es diesen Goldgrund noch durchschimmern.

Als weiteren Vorzug hebe ich hervor, dass er sich mit den Quellen mehrerer europäischer Sprachräume auseinandergesetzt hat, sehr im Gegensatz zu fast allen, die in häufig unredlicher Art über ihn hergefallen sind. Er las eben noch im Original Mussolini, D’Annunzio, Drumont, Barrès und all die anderen.

Die meisten heutigen Feuilletonisten und akademischen Barone, von Jürgen Habermas angefangen bis zu all den anderen, die ihm seit dem unsäglichen, fälschlich so genannten „Historikerstreit“ unablässig am Zeug flickten, sind oder waren schon wegen mangelnder Sprachkenntnisse gar nicht imstande, die historischen Quellen aus Italien, Frankreich, der Sowjetunion, Polen oder Tschechoslowakei eigenständig auszuwerten. Sie kennen und können nur Vorgekautes wiedergeben, soweit es ihnen  in deutscher oder englischer Sprache aus zweiter Hand vorgesetzt wird. Sie haben keine Quellenforschung betrieben. Ich behaupte: Sie konnten und können den Wahrheitsgehalt von Noltes Schriften nicht beurteilen. Sie haben sich nie der Mühe unterzogen, den gesamteuropäischen Charakter der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen, wie dies Nolte auf seine besondere Weise tat.

Habermas und die anderen haben nur versucht, die gesamte Epoche von 1917-1945 mit dem Absolutheitssiegel des Bösen schlechthin, verkörpert in Deutschland, zu entsorgen. Entsorgung der Vergangenheit! Sie haben genau das gemacht, was sie Nolte fälschlich vorwarfen. Sie verkörpern im Grunde die autokategoretische Denkart, wie sie sich geradezu idealtypisch in Deutschland herausbilden konnte. Diese Denkart lässt sich so zusammenraffen: „Es gibt genau eines und nur ein einziges Verbrechen, das alle anderen übersteigt. Dieses ist von uns Deutschen begangen worden.  Es ist das einzige Verbrechen, das nie vergeht, für das auch keinerlei Motivation oder Veranlassung denkbar ist, und das auf ewige Zeiten uns Deutschen anhaften wird. Dafür, für dieses einzigartige Verbrechen trägt Deutschland Schuld und Verantwortung.“ So formulierte es übrigens noch kürzlich der Deutsche Bundestag in seiner Armenien-Resolution vom 02.06.2016.

An keiner Stelle hat Ernst Nolte dagegen so etwas wie eine Apologie des Nationalsozialismus versucht oder gar irgendwelche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen oder von Deutschen begangen worden sind, zu verharmlosen, zu entschuldigen oder zu leugnen sich unterfangen, wie es ihm jedoch heute noch einmal auf höchst unredliche Weise im Tagesspiegel auf S. 1 unterstellt wird. Sehr wohl aber hat er versucht, zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Er versuchte das Geschäft des Historikers: Handlungsstränge nachvollziehen, mögliche Motivationen und Triebkräfte freilegen, ohne die historisch Handelnden als den Teufel schlechthin, als den Träger der Schuld schlechthin zu verurteilen –  „mit Abneigung, aber ohne Haß“.

Seine Gegner haben unhistorisch und auf tiefstem Niveau pseudotheologisch mit dem Argument des absoluten Bösen argumentiert, wobei der Rückgriff auf Martin Luthers Schuldbegriff auf krude Weise dem ganzen Volk übergestülpt wurde.

Manet odium sui germanicum! Man lese doch bitte noch einmal Luthers 4. Wittenberger These, und man wird erkennen, wie ein bedeutender Teil der deutschen Gelehrtenschaft ganz im Banne dieses von Luther absolut aufgeladenen kollektiven Schuldbegriffes steht, der letztlich zur Ablehnung der eigenen Identität, zum odium sui, wie dies Luther nannte, führen muss und geführt hat:

4. Manet itaque poena, donec manet odium sui (id est poenitentia vera intus), scilicet usque ad introitum regni caelorum.

 

Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Die Action française. Der italienische Faschismus. Der Nationalsozialismus. R. Piper & Co Verlag, 2. Auflage München 1965

 

 Posted by at 16:50

Sie werden lachen: Es war Schlesisch – wie bei Dieter Hildebrandt

 Deutschstunde, Vergangenheitsbewältigung, Vertreibungen  Kommentare deaktiviert für Sie werden lachen: Es war Schlesisch – wie bei Dieter Hildebrandt
Dez 262015
 

„Ich kann ja kaum salber de Fingerla biegn“ – wie angekündigt, brachte ich zu Weihnachten unterm Tannenbaum das volkstümliche Wiegenlied zwei Mal als gelesenen Wortlaut zu Gehör und schickte die Quizfrage hinterdrein: Welche Sprache ist das? Beide Male erkannte ein Zuhörer die richtige Antwort: „Schlesisch! Das kenne ich von Dieter Hildebrandt!“ In der Tat: Kurz vor seinem Tode hatte Hildebrandt die Mundart seiner heimatlichen Kindheit wiederentdeckt und dichtete in ihr auch spartanisch verknappte Vierzeiler, zum Beispiel über die vier Jahreszeiten. Der Herbst ist sicherlich eines der Glanzlichter der Mundartenpoesie. Man kann ihn hier nachhören:

Woher konnte der Mann so gut Schlesisch? Nun, 1927 im niederschlesischen, heute polnischen Bunzlau, dem Geburtsort von Andreas Gryphius geboren, entdeckte er sehr früh in einer Spielschar der Hitlerjugend sein schauspielerisches Talent, das er später häufig zum lebhaftesten Missfallen der regierenden Parteien, insbesondere der CDU/CSU einsetzte. Die frühere Mitgliedschaft Hildebrandts in der NSDAP sorgte später für Meinungsstreit, verhinderte aber nicht den breitesten Erfolg Hildebrandts beim Massenpublikum. Ähnlich dem im selben Jahr im heute polnischen Danzig geborenen früheren Waffen-SS-Mitglied Günter Grass, bekannte Hildebrandt sich später mehrfach offen als Sympathisant der SPD. Weder das frühere NSDAP-Mitglied Hildebrandt noch der frühere Waffen-SS-Mann Grass erlitten irgendwelche Nachteile wegen ihrer Nazi-Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland – wie Hunderttausende andere auch, die sich in den Jahren 1933-1945, ohne dazu gezwungen zu sein, den nationalsozialistischen Organisationen angeschlossen hatten. Im Gegenteil, sie wurden beide trotz ihrer braunen Vergangenheit hochdekoriert, und wer wären wir Nachgeborenen denn, über sie leichtfertig den Stab zu brechen? Sie haben zweifellos bereut, gelitten und vor Entdeckung und öffentlicher Bloßstellung gezittert.

Hildebrandt lebt in unseren Erinnerungen als unbequemer, unbeugsamer, menschenfreundlicher Kabarettist und tiefernster Spaßmacher fort. Nicht zuletzt hat er auch die Erinnerung an die reiche mundartliche Sprachlandschaft wachgehalten, die bis zur Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg blühte und gedieh.

„Sie lachen!“, rief Hildebrandt ins Publikum hinein, wenn es des unbeholfenen schlesischen, heute fast ausgestorbenen Dialekts spottete. Wir sehen: Es war ihm ernst.

Mein zaghafter Versuch, die internationale Weihnachtsgeselligkeit, bei der sich in diesem Jahr mir liebe und teure Mitmenschen aus Russland, Deutschland und der Türkei um einen Tannenbaum versammelt hatten, zum gemeinsamen Singen einiger Krippenlieder, die ich aus meiner eigenen Kindheit her kannte, zu bewegen, endete ebenfalls mit einem Desaster. Sie lachten mich aus. Und es waren nur Wiegenlieder, etwa „Joseph, lieber Joseph mein“. Und so verschwand ein Stück meiner Kindheit im Orkus.

 Posted by at 19:54

„Nur wo du bist sei alles“: der Ratschlag der Carlsbader Elegie

 Goethe, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für „Nur wo du bist sei alles“: der Ratschlag der Carlsbader Elegie
Dez 222015
 

„Verschlossen in sich selbst, als hätte dies Herz sich nie geöffnet“, so eingekerkert in lastender schuldhafter Verstrickung, in endloser Trauer: der Goethe des Septembers 1823 erinnert in manchem an die büßenden, mit Felsbrocken beladenen Künstler und Reiter im elften Gesang von Dantes Purgatorio!

Das Herz krampft sich zusammen
„Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belasten’s nun in schwüler Atmosphäre.“

Es gibt wohl kein anderes lyrisches Gedicht Goethes, das so verzweifelt, so abgründig endet wie die sogenannte „Marienbader Elegie“. Entstanden ist das Gedicht unterwegs, zwischen 5. und 17. September 1823 auf der Heimreise vom böhmischen Karlsbad (oder „Carlsbad“, wie Goethe schreibt) nach Weimar, wobei Eger als Zwischenstation diente. Genauer wäre es also, das Gedicht „Carlsbader Elegie“ zu nennen, wenngleich die schicksalhaften Geschehnisse, die ihr zugrundelagen und die sich über die Jahre 1821, 1822 und 1823 hinzogen, in Marienbad stattfanden.

Erstaunlich, verblüffend bleibt aber zu lesen, wie ein gütiges Wesen folgenden Ratschlag an den Unglücklichen gibt:

„Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten,
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende, zu wissen ist’s verboten;
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

Drum tu wie ich und schaue, froh verständig,
Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
Begegn‘ ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei’s, zur Freude, sei’s dem Lieben;
Nur wo du bist sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich
.“

Weisheit des Kindes! „Das Gestrige ließ uns geringe Kunde“, – das ist Traumabewältigung, das ist das Abschütteln der ferneren Vergangenheit; ein sehr kluger Ratschlag, den insbesondere Überlebende von Katastrophen immer wieder zu beweisen scheinen. Zu beweisen scheinen! Ganz so einfach ist es ja nicht. Der Schluß der Carlsbader Elegie belegt dies schmerzhaft.

Quellenangabe:
„ELEGIE“ in: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 457-462; ferner hierzu der aufschlußreiche Kommentar im selben Band, S. 1050-1057

Bild:
Blick von Goethes Gartenhaus auf sein Wohnhaus in Weimar, Aufnahme von unserer Radtour im Juli 2015
Goethes Gartenhaus 20150719_154349

 Posted by at 18:19

„Selbstgleichschaltung“ bis zum „Kadavergehorsam“ in Deutschlands Parlamenten?

 Bundestagswahlen, Einzigartigkeiten, Trasformismo europeo, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für „Selbstgleichschaltung“ bis zum „Kadavergehorsam“ in Deutschlands Parlamenten?
Okt 202015
 

Vor der Gefahr einer neuen „Selbstgleichschaltung bis zum Kadavergehorsam“ spricht Peter Steinbach in seinem neuen Buch „Nach Auschwitz“. Die Kolonialgreuel im Kongo, die Greueltaten der russischen Oktoberrevolution, der Holodomor in der Ukraine, die Shoah in den Ländern Osteuropas (fälschlich mit „Auschwitz“ gleichgesetzt), die Massaker in Ruanda … die Liste der einzigartigen, erschütternden Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts ist lang! Stets funktionierten solche Massenverbrechen im Zusammenwirken vieler Befehlsempfänger und vieler williger Vollstrecker.

Kadavergehorsam auch heute? Ich denke, an der Warnung Steinbachs ist vielleicht schon etwas dran, aber von Selbstgleichschaltung oder Kadavergehorsam der Parlamente kann man heute in der Bundesrepublik nicht sprechen. Unsere Demokratie lebt, die Freiheitlich-Demokratische Grund-Ordnung gilt es zu schützen und zu hegen!

Ich sehe eher die Gefahr einer Selbst-Entmachtung der parlamentarischen Demokratie. Was sich derzeit abspielt, „geht an die Substanz der parlamentarischen Demokratie“ (Stefan Marschall).

Die Parlamente der Bundesländer und der Bundestag sind eigentlich die Herzkammern der Demokratie – oder sollten es sein. Aber heute werden sie immer mehr in den Schatten gestellt von der Bundesregierung, die eigentlich fast schon eine Zentralregierung geworden ist, und vor allem in den Schatten gestellt von der EU. Insbesondere die Fraktionen der CDU und SPD begreifen sich offenkundig immer mehr als Wasserträger und gehorsame Stützen ihrer Regierungen und Abnickorgane der EU-Behörden. „Vorgaben der EU wollen wir eins zu eins umsetzen“, heißt es im geltenden CDU-SPD-Koalitionsvertrag für den Bundestag. Was brauchen wir noch mehr? Das ist der brave Gehorsam von Schuljungen! Man vergleiche nur etwa einmal anhand der amtlichen Datenhandbücher des Bundestages die Zahl der Vorlagen und der Gesetzentwürfe, die die Bundesregierung einbringt, mit der viel geringeren Zahl an Vorlagen, die aus dem Bundestag selbst kommen!

Nein, Herr Steinbach, es droht nicht der Kadavergehorsam, sehr wohl aber die Gefahr der schleichenden Aushöhlung der Macht der Bundesländer und der Macht der Parlamente! In der 17. Wahlperiode betrug die Zahl der EU-Vorlagen im Bundestag atemberaubende 4258 – gegenüber noch 946 in der 6. Wahlperiode (1969-1972)! Und sehr oft begreifen die Bundestagsabgeordneten nicht, was sie da abnicken und durchwinken. Die Gesetze und Vorlagen sind ganz bewusst derart kompliziert, dass sehr oft nur eine winzige Handvoll Fachpolitiker deren Sinn und Zweck einschätzen kann.

Und das berühmt-berüchtigte Volk? Tja, das Volk – oder sagen wir besser die Bevölkerung – kriegt das natürlich irgendwie mit. Und es, das Volk, wird sauer.

Ich würde von einem schleichenden Übergang, einem Trasformismo (wie im Italien des späten 19. und 20. Jahrhunderts) sprechen, mit dem die parlamentarische Demokratie allmählich in eine zentral gesteuerte Apparatur der Machtausübung in den Händen der Exekutive umgewandelt wird. Der Wandel geschieht unmerklich, ist aber konkret an neuralgischen Themenfeldern wie etwa Flüchtlingspolitik und Finanzpolitik (Euro-Politik) nachweisbar. Diese Gefahr lässt sich meines Erachtens nicht leugnen.

Es ist noch nicht zu spät, um dieser Gefahr zu steuern.

Beleg:
Ulrike Nimz: Gedanken über Gedanken. Süddeutsche Zeitung, 20.10.2015, S. 15 [= Rezension von:
Peter Steinbach: Nach Auschwitz. Die Konfrontation der Deutschen mit der Judenvernichtung. Dietz Verlag 2015]

 Posted by at 13:18

Abschied vom Tage, vom heut gewesenen Tage

 Deutschstunde, Europäisches Lesebuch, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Abschied vom Tage, vom heut gewesenen Tage
Mai 142015
 

„Gelassen stieg die Nacht ans Land“ – dieses Gedicht verströmt etwas unfassbar Tröstliches – es ist ein Ausbalancieren des Dunklen und Hellen in ihm zu spüren, wie es sonst vielleicht nur im Flug eines Reihers über einer trüben Teichfläche zu finden ist:

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

 Posted by at 23:15

Daß du das Leben erwählest

 Hebraica, Russisches, Schöneberg, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Daß du das Leben erwählest
Mai 142015
 

20150514_104919
„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählest.“ So ungefähr steht es im 5. Buch Moses, XXX, 19.

Wladimir Solowjev zitiert diese Stelle am 17.4.1888.

Eine großartige Wanderung unternahm ich am Herrentag quer durch Schöneberg und Steglitz. Die Bergschuhe trugen mich mühelos Kilometer um Kilometer voran, nicht ich trug sie! Nachtigallen schmetterten ihr Lied. Schafe weideten die Langgraswiesen ab. Arkadien lachte. Im Südpark sah ich, wie die Gleise sich trennten – nach rechts ging es hinein in einen dunklen Tunnel, dessen Ausgang ungewiss war. Das war die Vernichtung. Nach links führte der Weg ins Grüne, ins Freie, ins Offene. Das ist das Leben.

Wähle das Leben!

 Posted by at 23:07

Brauchen wir ein staatliches oder amtliches Geschichtsbild?

 Das Böse, Gedächtniskultur, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Brauchen wir ein staatliches oder amtliches Geschichtsbild?
Apr 172015
 

Die Benennung und Bewertung geschichtlicher Ereignisse wird immer wieder zum Gegenstand offizieller Sprachregelungen, ja mitunter werden falsche – oder als falsch deklarierte – Meinungen sogar strafrechtlich verboten.

Plato hat deswegen Dichter völlig aus seinem Idealstaat verbannt, weil sie ja soviel Lügen auftischten und lauter Trugbilder erzählten.

Soll man Lügen und Leugnen, Dichten und Phantasieren strafrechtlich verbieten? Die französische Nationalversammlung hat dies mit Bezug auf Armenien getan – wobei bezeichnenderweise nicht die Leugnung von im französischen Namen begangenen einzigartigen Massakern (Indochina und Algerien im 20. Jahrhundert, Afrika und Europa in Napoleonischer Zeit) unter Strafe gestellt wird, sondern die Leugnung des armenischen Genozids.

Belgien hat das Leugnen der auch von Belgiern begangenen, ungeheuer grausamen Kolonialgreuel in Belgisch-Kongo nicht unter Strafe gestellt, wohl aber das Leugnen der ungeheuer grausamen von den Deutschen begangenen Greuel usw. usw. Jeder Staat scheint diejenige Lüge unter Strafe zu stellen, die ihm aus Opportunitätsgründen gerade in den Kram passt.

Ich persönlich bin freilich gegen derartige Wahrheitsfeststellungen durch die Politik. Beispielsweise wird immer wieder gesagt: „Alle Rassisten sind Verbrecher. Denn Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“ Dann müsste man aber auch Sigmund Freud als Verbrecher bezeichnen, denn wie zahlreiche frühere andere bedeutende Wissenschaftler und bedeutende Philosophen Europas (Kant und Voltaire etwa) hat er sich klar rassistisch geäußert, in dem Sinne nämlich, dass er von höher und niedriger entwickelten Menschenrassen sprach (z.B. in „Das Unbehagen in der Kultur“).

„Wir Deutschen haben zwei Mal – im Ersten und im Zweiten Weltkrieg – die ganze Welt in den Abgrund gezogen. Und wir Deutschen tragen eine erhebliche Mitschuld auch an dem Armenien-Genozid, wir Deutschen müssen endlich unsere Verantwortung und unsere Schuld auch am Genozid an den Armeniern öffentlich eingestehen.“

Diese Bereitschaft, auch für weit zurückliegende Verbrechen anderer die ganz persönliche Schuld zu übernehmen und glaubwürdige Reuegefühle zu manifestieren, finden wir besonders gut bei dem Dichter Paul Gerhardt ausgeprägt, dem in Lübben ein Standbild gewidmet ist. Er dichtet:

„Ich bin’s, ich sollte büßen
an Händen und an Füßen.“
„Ich, ich hab es verschuldet,
Was du getragen hast.“

„Deutschland trägt, wir Deutschen alle tragen unermessliche Schuld.“ Derartige Sätze kann man immer wieder von hochrangigen Vertretern der Bundesrepublik Deutschland und des Deutschen Bundestages hören.

Man kann das so sehen. Man darf durchaus die These vertreten, das „wir Deutschen“ die Alleinschuld am Ersten und am Zweiten Weltkrieg und auch die Schuld oder mindetens Teilschuld am Armenien-Genozid trügen. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer hat sich während seiner Amtszeit etwa in diesem Sinne immer wieder hervorgetan.

Man kann es aber auch anders sehen – wie etwa Historiker, die von „Beiträgen aller Großmächte zur Kriegsauslösung“, von „Kausalketten“, von „Interessenkollisionen der Großmächte“ usw. sprechen.

Und es ist wichtig, dass den Politiker-Meinungen über Vergangenes auch widersprochen werden darf. Historiker haben sehr oft eine andere Meinung zur Geschichte als Politiker, Zeitzeugen vertreten sehr oft andere Ansichten als Schriftsteller, Politiker und Historiker. Und das ist auch gut so.

Um es kurz zu machen: Geschichtspolitik, Erinnerungspolitik ist Teil des politischen Kräftespiels, unterliegt dem Machtkalkül und dem Machtbegehr. Ihr oberstes Ziel ist nicht die Erkenntnis der Wahrheit.

Wir brauchen gerade deshalb kein normiertes, kein einheitliches staatliches Geschichtsbild. Jede Gesellschaft soll und wird unaufhörlich im freien Gegeneinander der Meinungen neue Zugänge zur eigenen Vergangenheit finden. Was z.B. früher – in Polen, der Ukraine oder der Sowjetunion – unter Strafe gestellt wurde – z.B. das Aussprechen der Wahrheit über die Massaker von Katyn, das Aussprechen der Wahrheit über die Lager in Kolyma oder Magadan – kann morgen schon erlaubt sein.

Ich meine: Die politische Macht, das Parlament, die Regierung dürfen und sollen nicht festlegen, was eine gesetzlich erlaubte oder eine gesetzlich verbotene Meinung über geschichtliche Ereignisse ist. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Nicht einmal das bewusste oder unbewusste Lügen über geschichtliche Wahrheiten als solches darf verboten werden.

Wir brauchen kein „Ministerium für Wahrheit“, wie das in George Orwells Roman „1984“ an die Wand gemalt wird.

Wohlgemerkt: Völkermorde, Shoaim, wie man auf Hebräisch sagt, auch der armenische Völkermord sollen durchaus einen Platz im Gedächtnis der Welt haben, wie dies Reinhard Veser heute ja sehr schön, sehr abgewogen auf S. 2 der FAZ formuliert. Der Toten soll gedacht werden, über Tote soll getrauert werden. Aber es kann in einer echten Demokratie nicht Aufgabe der Regierung oder des Parlamentes sein, der Bevölkerung oder gar einer anderen Regierung ein endgültiges Geschichtsbild vorzuschreiben.

Völkermord an Armeniern: Die Bundesregierung muss klare Worte sprechen – Politik – Tagesspiegel.

 Posted by at 14:44