Jul 052018
 


Удивительная жизнь Адольфа Хампеля, судетского немца, полюбившего Россию, „Das wunderbare Leben Adolf Hampels, eines Sudetendeutschen, der Russland liebgewonnen hat“ –

unter diesem Titel konnten wir am 5. Juli 2018, also vorgestern, eine Radiosendung des russischen Echo Moskaus (Эхо Москвы) verfolgen.

 

 

Adolf Hampel, 1933 in Klein-Herrlitz in der Tschechoslowakei geboren, katholischer Priester und Theologe, der an der Universität Gießen lehrte, hat in seinem Buch „Mein langer Weg nach Moskau“ auf sehr ansprechende  Art einen Rückblick auf einige Stationen seines ereignisreichen, wunderbaren Lebens geworfen. Das Buch ist mittlerweile durch Irina Potapenko ins Russische übersetzt worden und fand so das Interesse des Echos Moskaus. Der Autor kam nun in dieser Interview-Sendung in russischer Sprache zu Wort, und einzelne Abschnitte der russischen Übersetzung wurden vorgelesen. Angesprochen wurden Begegnungen mit Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, die Rückführung einer Ikone nach Kasan, Kapitel aus Kindheit und Jugend, Kriegserfahrungen, die Enteignung und Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei im Jahr 1946, der mühsame Neubeginn der Vertriebenen in den aufnehmenden Ländern. Einen breiten Raum nahmen dann im Gespräch  die unermüdlichen Bemühungen Adolf Hampels um Begegnung, Austausch und Versöhnung mit Menschen in den Gesellschaften des Ostens ein. Er ist einer jener zahlreichen Pioniere der deutsch-tschechischen Aussöhnung, für die beispielhaft der Name Václav Havels stehen mag. Dabei öffnete ihm seine wundersam erwachte Liebe zur russischen Sprache auch das Tor zu allen Völkern der früheren Sowjetunion.

Ich meine: Gerade in der heutigen Zeit, wo – wie damals auch – ethnische Konflikte, Kriege, Flucht, Vertreibungen, der Wiederaufbau, die Versöhnung, das Erzählen, das Erinnern, das Teilen und das Weitergeben der Erinnerungen das Tagesgespräch bestimmen, stellen die lebendigen Erinnerungen Adolf Hampels einen unschätzbaren Denkanstoß dar. Sie verdienen sowohl im deutschen Original wie in der russischen Übersetzung größte Aufmerksamkeit.

Hier kann man die Sendung nachhören, indem man einfach mit der Maus auf den Link klickt und dann ganz oben auf dem Bildschirm das „Abspielen“-Symbol anklickt:

https://echo.msk.ru/sounds/2234122.html

https://echo.msk.ru/programs/diletanti/2234122-echo/

Adolf Hampel: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012; russisch: A. Hampel: Moi dolgij put v Moskvu, übers. von I. Potapenko, Verlag Pero, Moskwa 2017, ISBN 978-5-90633-76-8

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Mai 092018
 

Tiefe, sehr bewegende und verwandelnde Eindrücke nehme ich aus dem gemeinsamen Marsch des Gedenkens mit, an dem ich soeben in Moskau teilnahm. Seit etwa 10 Jahren versammeln sich am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, dem 9. Mai, um 15 Uhr die Nachkommen und Angehörige all jener, die im Kampf gegen den Faschismus während der Jahre 1941 bis 1945 ihr Leben unter oft schrecklichsten Umständen verloren; dies waren etwa 40 Millionen Sowjetbürger, die als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten zu Opfern des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges wurden.

Bei diesem Marsch der Trauer und der Erinnerung geht es nicht um Zahlen oder Analysen, sondern um ehrendes Gedächtnis, um Dankbarkeit gegenüber all jenen, die damals im Krieg um das Überleben der Heimat und des Vaterlandes hingemetzelt wurden. Sie kämpften nicht für eine Idee oder für den Kommunismus, sondern für das nackte Überleben des Volkes, für den Fortbestand der russischen Staatlichkeit.

Ich reihe mich zusammen mit russischen Angehörigen und einem russischen Freund ein. Es gibt sogar aus einer originalen sowjetischen Feldküche die damalige Hauptspeise der Soldaten, nämlich Buchweizengrütze mit ein bisschen Fleisch darin. Ivan stellt sich in die Reihe und fordert mich in deutscher Sprache auf näherzutreten. Kaum fallen die deutschen Worte, werde ich bemerkt, ein junges russisches Paar steht vor mir in die Reihe, dreht sich zu mir um und berät flüsternd kurz. Sofort steht ihr Entschluss fest: Sie weichen aus und bitten mich höflich vor. Ich darf zuerst aus dem mir gereichten Plastiknapf essen, dann nehmen sie ihre Portion und lächeln mir zu. Eine wunderbare Geste! Sie zeigt beispielhaft die Würde, den Anstand, die Menschenfreundschaft, den Geist der Versöhnung, mit dem alle Russen mir hier gerade in diesen Tagen begegnen.

Die Trauer, der Schmerz und die Dankbarkeit richten sich auf die Verstorbenen. Über der ganzen Veranstaltung, die in großer Würde verlief, lag ein großes Zutrauen, eine große Verbundenheit mit allem, das lebt. Die Menschen tragen auf Pappschildern Fotos mit dem Namen und den Lebensdaten ihrer Weltkriegsopfer mit sich. Ich schaue in die Gesichter hinein: es sind offene, nahe und sprechende Gesichter. Menschen, denen ich gerne heute begegnen würde.

Als Teilnehmerzahl wurde dieses Mal bei herrlichstem Wetter eine Million gemeldet. Letztes Jahre waren es 800.000 Menschen – Kinder, Greise, Familien, Einzelnen, Freunde.

In der Gegenwart spüre ich bei den Russen keinerlei Groll, keinerlei Ressentiment und schon gar keinen Hass gegenüber uns Deutschen oder Deutschland, sondern Entgegenkommen, freundschaftliches Interesse und echte Anteilnahme.

Und so kann ich mit Trauer, Dankbarkeit und geteiltem Gedenken in dem gewaltigen Zug der Nachfahren mitgehen, mich einreihen in dieses persönliche und doch auch gesellschaftliche Ritual. Zuletzt erreichen wir den Roten Platz auf dem Kreml. Es herrscht Friede, ich kann mitfeiern, mitsummen und mitsingen.

Dies erfahren zu haben, stimmt mich sehr froh.

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Mrz 102018
 

„Ja, damals, als diese Najade im pompejanischen Stil aufgetragen wurde, nahm Russland selbstverständlich an der europäischen Geschichte teil. Deutsche Handwerker, italienische Architekten, französische Gouvernanten und Gelehrte waren fester Teil der russischen Gesellschaft. Der deutsche und der russische Hochadel bildeten eine politische Klammer zwischen der Mitte und dem Osten Europas. Überall in Europa wurden die Romane Balzacs, Zolas, Tolstois und Dostojewskis gelesen.“

Derartige Gedanken an die ehemals durchaus vorhandene gesamteuropäische Kultur- und Gedächtnislandschaft kamen mir vor zwei Sonntagen während einer kurzen Wanderpause in den Sinn.

Hier ein Fresko, ein Wandgemälde in der Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg oberhalb des Wannsees. Weit, hoch, herrlich schweift der Blick hinüber nach Babelsberg. Errichtet wurde dieses kleine Prachtstück zur Erinnerung an Alexandra Fjodorowna, die als Prinzessin Charlotte von Preußen geboren wurde und nach ihrer Heirat mit dem russischen Großfürsten Nikolaus, dem späteren russischen Kaiser Nikolaus I., diesen russischen Titel annahm: Kaiserin Alexandra Fjodorowna.

Die Zerstörung der traditionell guten, jahrhundertelang gewachsenen preussisch-russischen bzw. deutsch-russischen Beziehungen begann im späteren 19. Jahrhundert im Zeichen imperialen Machstrebens der europäischen Großmächte.

Aber erst durch die bolschewistische Machtergreifung und die anschließende, unvorstellbar brutale, etwa bis zum Tod Stalins (1953) währende kommunistische Terrorherrschaft in der Sowjetunion wurde Russland dauerhaft aus der europäischen Familie herausgerissen. Lenin, der deutsch-russische Adlige mit all seinen willigen Vollstreckern, warf 1917 gewissermaßen – gefördert und angestachelt durch die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches – die zerstörerische Brandfackel, mehr noch: eine Atombombe auf das alte Russland. Millionen von Toten, Hungersnöte unvorstellbaren Ausmaßes, zerstörte Landschaften, unendliches Leiden und Elend in weitesten Bevölkerungsschichten, zerbrochene Familien waren die Folge.

Die berühmt-berüchtigte Oktoberrevolution des Jahres 1917 muss, so scheint mir, heute in mancherlei Hinsicht als ein vernichtender atomarer Schlag betrachtet werden, von dem sich Russland erst im 21. Jahrhundert zu erholen beginnt.

Hier sind auf Seiten aller europäischen Länder, insbesondere Deutschlands, mühsame Schritte der Wiederannäherung erforderlich, die hoffentlich irgendwann zu echter Aussöhnung zwischen den europäischen Völkern führen werden, wie dies ja auch zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Großbritannien und Deutschland gelungen ist.

Ein Schüleraustausch zwischen Russland, dem größten europäischen Land, und den anderen Staaten Europas, insbesondere den Staaten der Europäischen Union, könnte ein wichtiger Baustein dieser Versöhnungsarbeit sein. Hierfür kann und soll, so meine ich, der deutsch-französische Schüleraustausch ein echtes Vorbild sein.

Die Strecke dieser Wanderung, welche zur Loggia Alexandra führt, ist hier zum Nachwandern beschrieben:
Manfred Schmid-Myszka: Von Wannsee nach Babelsberg. Wanderung am südlichen Berliner Stadtrand. In: M. Schmid-Myszka: Rund um Berlin. Von der Ruppiner Schweiz bis in den Spreewald. 50 ausgewählte Wanderungen in der Mark Brandenburg. Bergverlag Rother, München 2016, S. 104-106, hier bsd. S. 106

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Jan 132018
 

„Ich habe mir immer gedacht, wäre die alttestamentliche Behauptung Im Anfang war das Wort buchstäblich wahr, dann müßte dieses Wort ein gesungenes Wort gewesen sein… Können Sie sich vorstellen, daß Gott „Es werde Licht“ so ganz einfach vor sich hingesagt hat, so wie man Kaffee bestellt? Selbst in der Originalsprache: יְהִ֣י אֹ֑ור? Ich hatte stets die Phantasievorstellung, daß Gott die beiden flammenden Worte Y’HI-O-O-OR gesungen haben muß. Das mag der tatsächliche Schöpfungsakt gewesen sein. Musik mochte Licht hervorgebracht haben.“

Einer der großen Musik-Erzieher des 20. Jahrhunderts, Leonard Bernstein, ist zugleich auch ein bedeutender Anreger, ein Versöhner und Verbinder der beiden Bundesbücher der christlichen Religion, nämlich der hebräischen Bibel und des christlichen Neuen Testaments.

Das Johannes-Evangelium, der entscheidende, der krönende Abschluss der 27 neutestamentlichen Schriften beginnt bekanntlich mit dem Wort: Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, d.i. zu deutsch: „Im Anfang war das Wort und das Wort war zu Gott.“

Bernstein – dieser Name klingt so typisch deutsch, so typisch aschkenasisch, so typisch jüdisch – schreibt nun diesen Beginn des Johannesevangeliums ohne weitere Erklärung dem Alten Testament zu, also der hebräischen Bibel. Eine kühne Tat, die der amerikanische Dirigent mitteleuropäisch-jüdischer Herkunft hier vollbringt! Er denkt, nein er singt den Anfang der hebräischen Bibel und den Beginn des vierten Evangeliums zusammen. Eine ungeahnte Harmonie erklingt, eine Harmonie des jüdischen und des christlichen Bundesgedankens! Die Alte Bundesbuchsammlung (das AT) und die Neue Bundesbuchsammlung (das NT) werden unlösbar ineinandergeflochten.

Wir dürfen in der Nachfolge Leonard Bernsteins etwas Ähnliches wagen – die Harmonie der hebräischen und der griechischen Bibel, indem wir folgenden zweisprachigen Spruch niederschreiben:

Am Anfang war des gesungene Wort: Es werde Licht!

In der hebräisch-griechischen Fassung mochte der Verfasser des vierten Evangeliums tatsächlich so etwas gesummt und gesungen haben wie dies hier:

Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος יְהִ֣י אֹ֑ור

Und dieses Jahr möge das Jahr des Gesanges der Versöhnung werden!

Zitat:
Leonard Bernstein: Worte wie Musik. Herausgegeben und eingeleitet von Harald Schützeichel. Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 1992, S. 47

Bild:
Blick von der Krim-Brücke auf den Fluss Moskwa, Bezirk Chamovniki, Moskau, aufgenommen vom hier Schreibenden am 05. Januar 2018

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Jan 052018
 

 

„Der Krieg ist nicht zuende. Er beginnt erst jetzt so richtig.“ So eine zentrale Aussage des Films „STAR WARS 8 – The last Jedi“, den ich heute in russischer Sprache im Kinocentr Caro in Moskau genoss. Luke Skywalker äußerte diese Kampfansage an den WIDERSTAND gegen Ende des Films.

An diesem Film sticht die Unerbittlichkeit des Ringens der verfeindeten Mächte ins Auge. Da ist keine Wille zur Versöhnung, keine Betroffenheit über das entsetzliche Gemetzel zu spüren! Außer der vollständigen Unterwerfung und Vernichtung des Feindes scheint es bei STAR WARS keine Möglichkeit der Lösung zu geben.

Bild:

Sowjetisches Ehrenmal in Buckow –  Erinnerung an einen unerbittlich geführten Krieg

 

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Dez 202017
 

„Wer ist schuld? Erst wurden die Deutschen bezichtigt, unser äußerer Feind, dann der Zar, dann der Bolschewik, der Jude – enden wird der Krieg, wenn es heißt: Ich bin schuld.“

So schreibt es Michail M. Prischwin am 21. Februar 1918 in sein Tagebuch. Diese Sätze, so meine ich, drücken eine tiefe Wahrheit aus. Sie lassen sich zweifellos auf andere Länder übertragen. Diese Wahrheit gilt auch für unsere Zeit.

Zitiert nach:
1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017, S. 105

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Mai 082017
 

„Ich respektiere sie … Pfeifen Sie sie nicht aus!“ Das ist der Unterschied zwischen einem nur großartigen und einem wahrhaft großen Redner. Die Ansprache des neugewählten französischen Präsidenten ist ein weiterer Beleg für die Tugenden des persönlichen Mutes, der Wahrheitsliebe, des Anstandes, der Zuversicht. Dies zeigt sich in jedem seiner Worte, von denen einige sicherlich zu erwarten waren, es zeigt sich aber vor allem in seiner vermutlich ungeplanten, nicht vorgefertigten Verteidigung derjenigen, die gegen ihn gestimmt und gegen ihn gekämpft haben.

„Ne les sifflez pas!“, sagt er, als seine Anhänger die Gegenkandidatin und deren Wähler ausbuhen.

Er verbittet sich die Beschimpfung und Verhöhnung seiner unterlegenen Gegnerin. Das ist vorbildlich, was Emmanuel Macron hier zeigt, sich gegen die Verteufelung, Kriminalisierung, Beschimpfung der Populisten zu verwahren. So etwas bräuchten wir in Deutschland auch. Es täte uns dringend not.

Ansonsten hervorzuheben – ungewohnt für deutsche Ohren und Augen, so in Deutschland ebenfalls undenkbar:  Erstens, das Fahnenmeer der Trikolore mit den Nationalfarben. Zweitens, der stete Bezug auf die Nation, auf den Nationalstaat Frankreich; der Nationalstaat ist und bleibt weiterhin jenseits des Rheins der entscheidende Bezugsrahmen; nur wer ja sagt zu Frankreich, ja zur Republik, der kann auch ja zu Europa, ja zur Welt sagen. Der Einsatz für die eigene Nation wird eingebettet und überwölbt vom Einsatz für Europa, für die Welt.

https://www.tf1.fr/tf1/elections/videos/discours-d-emmanuel-macron-louvre.html

 

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Mai 262016
 

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Als eine stille Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

So weit schallen ein paar Verse aus einem neuen Buch nach, das ich mir gestern zulegte. Der Dichter? Nennen wir ihn einfach – Matthias.

„Wie bitte? Sollen wir des Tages Jammer verschlafen und vergessen? Dürfen wir das überhaupt? Können wir das? Gibt es nicht Ereignisse und Orte des Jammers, die wir nie vergessen dürfen? Wird es uns nicht jeden Tag am Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Platz aufs Brötchen geschmiert, dass es 12 Orte – genau 12! – des Schreckens gibt, die wir nie vergessen dürfen, an die wir buchstäblich Tag um Tag, Nacht um Nacht, bei jedem Frühstück und bei jedem Abendessen von Kindesbeinen an und bis ins Sterbebett denken müssen? Dürfen wir uns über dieses Gebot „Wir dürfen nie vergessen“ hinwegsetzen?“

Du stellst eine große Frage, o Freund! Zu groß für mich!  Erlaube, dass ich dir von Abuna Matthias I., dem Patriarchen der äthiopisch-orthodoxen Kirche erzähle!  Im Mai 1937 richteten dort im Kloster von Debre Libanos europäische Truppen unter Führung des  Europäers Rodolfo Graziani, des Vizekönigs von Äthiopien, unter den äthiopischen Christen das schlimmste Klerikermassaker aller Zeiten auf afrikanischem Boden an. Die vielzitierten europäischen Werte wurden von den Europäern in Afrika mit Maschinengewehren und Giftgas vertreten, diese Maschinengewehre erlebten die Afrikaner damals als europäische Werte! Ian Campbell, der derzeit wohl bestausgewiesene Historiker in dieser Sache, schätzt die Zahl der durch die Europäer ermordeten Christen dieses einzigen Tages auf 1.800 bis 2.200, darunter etwa die Hälfte Priester und Ordensleute, die andere Hälfte Wallfahrer. Dieses und andere Massaker, insbesondere auch der gesamte Krieg, den die Europäer – in diesem Fall italienischer Herkunft – gegen die Äthioper führten, zielten nach Darstellung der Äthioper selbst damals auf Auslöschung der gesamten christlich-äthiopischen Kultur und die Vernichtung von deren Existenz. Das sind die vielzitierten europäischen Werte!

„Aber das ist ja … das habe ich nicht gewusst. Das ist furchtbar, schrecklich, was wir Europäer damals in Afrika angerichtet haben! Das dürfen wir Europäer nie vergessen. Wir Europäer tragen alle auf ewige Zeiten Schuld und Verantwortung dafür, was wir Europäer alles den Afrikanern angetan haben. Das ist unverzeihlich!“

Freund, sei dessen eingedenk, was damals geschah! Wie bewertet aber nun der heutige äthiopisch-orthodoxe Patriarch Matthias diese 1937 verübten Verbrechen der Europäer an den afrikanischen Christen? Die Antwort hat es in sich, sie sei hier in deutscher Übersetzung zitiert: „Non si è trattato di una cosa buona“, sagt Matthias, „es handelte sich um keine gute Sache, wir haben sehr viele Menschen verloren, darunter die Mönche, den Bischof Abuna Petros. Jetzt ist zu recht fast alles vergessen und vergeben. Ich darf sagen: es ist gut so. Was kann man jetzt noch machen?“

Matthias von Wandsbek und Matthias von Äthiopien, diese beiden Matthiasse weisen auf die Bedeutung des Vergebens und Vergessens hin. In der Tat scheint es so zu sein, dass man irgendwann nicht mehr anders kann als so zu tun, als wäre etwas nicht gewesen. Nach vorne richtet sich der Blick. Man schläft und vergisst. Man verschläft es alles weg, weil man nicht immer daran denken möchte.

Quellen:

Andrea Tornielli: Sterminate quei monaci. Firmato: il viceré Graziani. Un docufilm solleva il velo sulla più grande strage di religiosi cristiani mai compiuta in Africa. Nel 1937 i soldati al comando del generale italiano uccisero per rappresaglia duemila persone: mille erano membri del clero. In: La Stampa, mercoledì, 18 maggio 2016, pagina 22

Matthias Claudius: Abendlied. In: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Sinn. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 3. Aufl. 2013, S. 385

http://www.lastampa.it/2016/05/18/vaticaninsider/ita/inchieste-e-interviste/sterminate-quei-monaci-firmato-il-vicer-graziani-sXPpXXTZmE5TaN8nJZo79L/pagina.html

Bild: Der Mond ist aufgegangen über Neuranft in Oderaue im Oderbruch am vergangenen Samstag, als wüsste er von nichts. Als wäre kein Jammer je gewesen!

 

 

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Dez 012015
 

„Kein Krieg kann den Kriegen ein Ende setzen.“ Dies ist die Quintessenz aus 818 Seiten detaillierter historischer Analyse, wie sie uns im Jahre 2011 Prof. Henry Laurens, Inhaber des Lehrstuhles für „Zeitgeschichte der arabischen Welt“ am Collège de France schenkt. „Aucune guerre ne peut mettre fin aux guerres.“ Das ist die Bilanz der Jahre 1967-1982, das ist die Bilanz aus 818 Seiten genauester diplomatisch-historisch-militärischer Analyse.

Ein vortrefflicher Satz! Die Vorstellung, man könne mit einem wirklich endgültigen, mit dem wirklich allerletzten Krieg endlich im gesamten Ringen und Rechten der Völker des Nahen Ostens (in Palästina, Israel, Syrien, Libanon, Jordanien, Ägypten, Türkei, Saudi-Arabien, Iran, Irak, Afghanistan usw. usw.) Frieden schaffen, erweist sich seit 1948, oder vielleicht schon seit 1792, wieder und wieder als trügerischer, törichter Wahn.

Ich habe mir ein paar Stunden Zeit genommen und in des Pariser Historikers monumentaler mehrbändiger Geschichte der Palästinafrage gelesen: Ein reiches Reservoir an wiederkehrenden Figuren, wütenden Beschwörungen, iterativen vergeblichen Formen der Gewalt, und wieder und wieder dem Anheizen der Gewalt und des Terrors! Wann fing es an? Wer brach den Streit vom Zaun? Fing alles mit Napoleon an? Mit dem Türken? Mit den Briten? Mit dem Holocaust oder mit der Shoah? Mit Lord Balfour? Mit Kain und Abel? Mit Sara und Agar? Mit Isaak und Ismael? Wer weiß es, wer kennt die Zahlen alle, nennt die Namen alle? Irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen.

Man denkt sich fassungslos: Irgendwo haben sie irgendwie früher oder später doch irgendwann recht.
Schließlich – unterbrach ich ermattet die Lektüre. Der Spruch des Friedrich Leopold Freiherrn von Hardenberg, entnommen aus seinen gewaltigen Hymnen an die Nacht, erhellte mir das Bewusstsein:

Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt?

Gewaltige Hymnen an die Nacht! Gewaltiger Novalis! Können Worte gewaltig sein? Ich denke ja! Worte können gewaltig sein! Sie sind stärker als die Gewehre und Bomben.

Waffen alleine können der Gewalt der Waffen kein Ende setzen.

Es muss zum Waffenstillstand und zum Friedensschluss in jedem Falle der Gewaltverzicht im Wort hinzukommen. Alle beteiligten Seiten müssen erkennbar und verlässlich der Gewalt der Waffen abschwören, ehe sie den Stift unter ein Abkommen setzen. Keiner darf als Verlierer aus der Walstatt davon gehen.

Nur das verbindliche, das gute verbindende Wort kann Kriege beenden. Daran fehlt es erkennbar.

Zitatnachweis:

Henry Laurens: La question de Palestine. Tome quatrième. 1967-1982. Le rameau d’olivier et le fusil du combattant. Librairie Arthème Fayard, Paris 2011, hier v.a. Seite 818

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