Sep 182017
 

Gestern war ein großartiger Tag, von neblichter Morgendämmerung an bis zum Nachtanbruch von den beeden kreglen Wandrern ganz auf den vier Wanderbeinen verbracht! Vier Türme erklettert, 14 km durch Wälder und Hügel gelaufen! Von Falkenberg in der Mark, wohin uns ganz früh die Eisenbahn brachte, führten die bestens ausgeschilderten Pfade erst frisch am Fontanestein vorbei, den holpernden Stock, Wurzeln, Steine den Trott hinauf zum Bismarckturm, von da rasch ins Leben hinein, über den tiefdunklen Teufelssee den eratmenden Schritt mühsam den Berg hinauf zum Gipfel des märkischen Watzmanns. Mittagssonnenstrahlen rieselten durch die noch üppig begrünten Kronen – dann zum Eulenturm beim Haus der Naturpflege. Von dort ging es immer weiter über Stock und Stein zum Skistadion in Freienwalde, wo es uns auf den Sprungturm der 66m-Schanze hinaufhob. Weit hoch herrlich der Blick rings ins Leben hinein! Nachmittagssonne, da der Blick ungehindert ins Weite dringt! Ab dann, frischer hinab, siehe, die Sonne sank schon! Hinab zum unterirdischen Friedhof im Talgrund, dem Rosengarten, wo tief tief drunten entzahnte Schädel schnatterten und das Gebein schlockerte. Nun schon wieder eratmend bergan hinauf zum Galgenberg.

Den krönenden Abschluss bildete dann ein Ausblick vom Aussichtsturm! Schlotternde Knie wollten zurück, nachhaus, zum Bahnhof in Bad Freienwalde. Nacht ward es. Und so war’s vollbracht.

Das Leben geht weiter!

 

Bild: Blick vom Bismarckturm bei Falkenberg in die Mark hinaus, 17. September 2017, vor Mittag

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Schaurige Schönheit, nicht ungefährlich

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Aug 172017
 

10. August

Mit der Gitsch-Gondelbahn fuhren wir bei strahlender Morgensonne hinauf zur Bergstation auf der Gaisraste, die in 2058 m Höhe liegt. Von hier bot sich ein herrlicher Rundblick über das Pustertal bis hin zu den Geislerspitzen.

 

 

 

 

 

 

Ein bequemer Weg brachte uns um den Rücken von Breiteleben herum an diesem plätschernden Brunnen vorbei. Etwa eine Stunde lang querten wir Wiesen und durchschritten einige Almweiden, auf denen das Vieh graste.

 

Dann wurde es ernst: Ein Hinweisschild kündigte den ungesicherten Schellebergsteig an, der an abschüssigem, felsdurchsetztem Schrofengelände quer durch die zerschrundene Westflanke des Fallmetzers (2568 m) führt.

Wir stiegen ein. Jetzt galt es, jeden Schritt sorgfältig zu setzen! Oftmals war die Trittspur ausgesetzt. sorgfältig sicherten wir uns mit den Händen ab.

Doch ließen wir auch den Blick hinab in das grüne Altfaßtal fallen, das sich in 300 m Tiefe unter unseren Füßen ausbreitete.

Am Ufer des Großen Seefeldsees, der auf 2271 m liegt, hielten wir die wohlverdiente Mittagspause.

„Wie ein Fjord hockt das Gewässer in einem engen Graben – wenn Wolken ziehen, Licht und Schatten rasch wechseln, ein Bild von schaurig-wilder Schönheit“, schreibt Eugen E. Hüsler in seinem Wanderführer.

An den Hängen des Talkessels fielen uns große Flächen auf, die üppig mit einer betörend schönen Blume besetzt waren. Ein zweiter Blick belehrte uns: Die bezaubernde, von emsigen Hummeln besuchte Alpenschönheit war nichts anderes als der Blaue Eisenhut. Die giftigste Pflanze ganz Europas, deren Wurzel von alters her als todbringendes Gift bekannt ist und auch als Pfeilgift bei Jägern Verwendung findet! Wer weiß, vielleicht wurde es schon in der späten Kupferzeit verwendet? Vielleicht fiel der hinterrücks mit einem Pfeil erschossene Ötzi ihm zum Opfer?
Hier ist er jedenfalls, der Blaue Eisenhut in all seiner Pracht:

Bald mussten wir von der rauhen Schönheit des Talksessels Abschied nehmen, denn für den Nachmittag waren Gewitter angekündigt.

Wir stiegen hinab ins Tal des Altfaßbaches, der sich mäandernd durch den Talboden schlängelt. In der Wieserhütte stärkten wir uns mit einem Teller Suppe.
Gegen Ende der Wanderung führte uns eine bequeme Sandstraße zurück nach Meransen. Hochwillkommen war uns dabei eine Kneippstation. Dort konnten wir im eisig kalten Wasser des Altfaßbaches Erquickung und Erfrischung für die Füße schöpfen.

Das letzte Stück lief wie von selbst. Jetzt wurde die Landschaft weicher, das Felsige verschwand, eine üppige Pflanzendecke breitete sich über die sanfter geschwungenen Hügel. Der Blick weitet sich ins Ungeahnte hinüber zu den entfernten Bergen jenseits des Pustertales.

 

 

Wir waren zurückgekommen. Eben als wir die Gondelbahn bestiegen, die uns zurück nach Meransen bringen sollte, fielen die ersten Regentropfen.

 

Die für den Nachmittag angekündigten Gewitter setzten erst spät am Abend ein. Von unserem Quartier aus konnten wir Blitz und Donner verfolgen, und dann begann ein Hagelschlag ungeheuren Ausmaßes. Bis zur Größe eines Apfels hatten sich die Hagelgeschosse zusammengeballt, unseren Ohren bot sich ein betäubendes Trommelfeuer!
Am nächsten Tag wurde klar: es war in dieser Gegend am Eisack der schlimmste Hagelschlag seit vielen Jahren.

Beleg:
Eugen E. Hüsler: Tauferer Ahrntal mit Pfunderer Bergen. 50 ausgewählte Berg- und Talwanderungen. Rother Wanderführer. Bergverlag Rother GmbH, München 2016, darin: Route 47: Seefeldsee, 2271 m. Spannender Weg zu einem versteckten Alpenfjord, S. 142-143

 

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Am Abendhimmel blühen die Rosen uns auf

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Aug 072017
 

Schau! Dort hoch am Weinberg steigt eine Nebelfahne auf. Säuberlich getreppt steigen die Zeilen mit den enggepflanzten Rebstöcken empor.

 

 

 

Erfrischt atmen die Rosen auf. Sie schmiegen sich eng an die Spaliere. So endet der Abend des ersten Tages voller Zuversicht auf das, was uns morgen erwartet.

 

Das Kloster Neustift empfängt und begrüßt jeden, der nicht mehr weitergehen kann. Es liegt eingebettet zwischen Weinbergen, Wegen, Rosen und dem Himmel.

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Im Schrofengelände unterwegs zu einem Siebentausender

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Jul 282017
 

 

Aus dem Tagebuch eines Berliner Bergsteigers, der sich geistig schon auf die anstehenden  Südtiroler Bergtouren vorbereitet:

28.07.2017. Schlechtwetter hielt uns mehrere Tage am Basislager auf Höhe von 3800 über NN gefangen. Sturmtief Zlatan zeigte uns wieder und wieder seine unbeugsame Macht. Nach zwei Nächten sintflutartiger Regenfälle klarte es endlich auf. Immerhin waren die Temperaturen  hochsommerlich warm geblieben und fielen auch nachts nicht unter 15°C. So beschlossen wir am 25.07.2017 kurz nach Sonnenaufgang, den Anstieg zum Gipfel zu wagen. Uns lockte insbesondere das alte Observatorium, das, beginnend ab den späten 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dort oben am Gipfelplateau in Höhe von 7840 über NN errichtet worden war.

Besonders der heute als technisch überholt geltende, aber handwerklich immer noch staunenswerte 12-Zoll-Bamberg-Refraktor hatte das Interesse der Astronomen in unserer Gruppe geweckt.

Schon nach kurzer Gehzeit im lichten Bergwald wurden die Schäden der verheerenden Unwetter der vergangenen  Tage und Nächte sichtbar: großflächig ausgewaschene Kare, von denen auch noch der spärlichste Bewuchs abgetragen war (siehe Foto oben), bröckelnde Felsen, die schon beim leichtesten Tritt abgestürzt wären!

 

 

Eine Armlänge neben unserem Weg lag eine umgestürzte hundertjährige Fichte, deren lautes Krachen wir zwei Nächte zuvor bis in unser Quartier hinein gehört hatten. Vor uns erstreckten sich jetzt zahllose ineinander mäandernde Schrofen. Bergseitig hatte sich eine mächtig aufragende Wand gebildet, von der ab und zu abgehender Steinschlag zu hören war (siehe nebenstehendes Foto). Wir hatten also jene Zwischenzone erreicht, in der ein Klettern noch nicht nötig, ein rüstiges Ausschreiten nicht mehr möglich war. Auch ein Luis Trenker hätte hier zu äußerster Vorsicht geraten. Wie sollten wir uns verhalten, wenn wir das Gipfelplateau sicher und heil an Leib und Leben erreichen wollten?

In seinem Buch „Meine Berge“ gibt der genannte Luis Trenker über dieses Zwischenreich des Nicht-mehr und des Noch-nicht folgenden Ratschlag:

Man hat keine einheitliche Bezeichnung für diese Mittelzone, dieses Mittelding zwischen Geh- und Kletterterrain, doch ist sie meist mit dem identisch, was man S c h r o f e n g e l ä n d e nennt, also ein mehr oder weniger steiles, noch mit Vegetation, langhaarigem Gras, einzelnen Latschen, mit kleinen Felswandeln, Zacken, Gesteinsrippen, erdigen oder schotterigen Rinnen, also Schrofen, durchsetztes Gehänge – über das man gewöhnlich den „Einstieg“, wo die reine Felsarbeit beginnt, erreicht.  Die Schrofenkletterei ist zwar die technisch leichteste, aber nicht die ungefährlichste Art des Gehens im Fels. Anfänger begehen gern den Fehler, sich möglichst bald, schon bei leichter Steilheit, an die geneigten Schrofen zu lehnen und womöglich auf allen vieren zu kriechen. Das ist verdammenswert schlecht. Der Körper muß unter allen Umständen aufrecht bleiben.

Nun, wir krochen nicht auf allen vieren, was ja verdammenswert schlecht gewesen wäre, sondern hielten uns aufrecht und an die Ratschläge Trenkers.  Nach nicht weniger als geschlagenen 900000 ms hatten wir unser Ziel erreicht. Wir genossen den Ausblick auf die weit unter uns hinter dem wogenden Baumwipfelmeer liegende Stadt. 

 

 

 

Endlich konnten wir auch  den 12-Zoll-Refraktor in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Augenschein nehmen. So wurden wir für die Mühen des Aufstiegs im unwirtlichen Schrofengelände reich belohnt.

 

 

 

 

 

 

Hinweis:
Die Höhenangaben erfolgen in diesem Bericht in Zentimeter über Normalnull (NN).

Die Angabe der Gehzeit bis zur Wilhelm-Foerster-Sternwarte erfolgt in Millisekunden (ms).

Die Wilhelm-Förster-Sternwarte liegt auf dem Insulaner-Berg im Berliner Stadtteil Schöneberg.

 

Zitatnachweis:
Meine Berge. Das Bergbuch von Luis Trenker unter Mitarbeit von Walter Schmidkunz. Mit 190 Bildern im Kupfertiefdruck. Verlag Neufeld & Henius. Berlin 1932, S. 44

 

 

 

 

 

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„Was bedeutet das eigentlich – der Herrentag?“

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Mai 252017
 

Wie ich dich nenn, ist einerlei?
Dann brech ich dich, o Akelei!
Ich wollt sie brechen die Akelei,
Doch sprach sie fein:
Soll ich zum Welken gebrochen sein?

Stop! Was gibt’s du mir, wenn ich dich nicht breche? fragte ich zurück.
Ich löse dir die Rätsel des Alltags, versprach sie.

Das lässt sich hören, erwiderte ich, und legte ihr meine Frage vor: Warum heißt dieser Donnerstag im Mai eigentlich „Herrentag“? Das ist doch ein merkwürdiger Name.

Und die Akelei, Aquilegia, wie sie sich auf Lateinisch nannte, erzählte eine Geschichte, die sie von einem apulischen Gräzisten erfahren haben wollte:

Eines Morgens war der apulische Gräzist sehr früh aufgewacht und fing gleich seine griechischen Texte zu lesen an:

Ὁ μὲν οὖν κύριος Ἰησοῦς μετὰ τὸ λαλῆσαι αὐτοῖς ἀνελήμφθη εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐκάθισεν ἐκ δεξιῶν τοῦ θεοῦ. Wir übersetzen das griechische Bruchstück – wir fanden es zufällig durch das Aufschlagen eines auf dem Nachttischchen aufgelegten Buches – ins Französische: Or le seigneur Jésus, après leur avoir parlé, fut enlevé au ciel et il s’assit à la droite de Dieu.

Ganz nüchtern beginnen wir also diesen Herrentag mit unseren gewohnten griechisch-europäischen Dolmetschübungen! Wie mag es heute weitergehen? Wie? Wir dürfen es vermuten, wir dürfen es vorhersagen als Propheten des Alltags, denn das zufällig aufgeschlagene griechische Fragment geht so weiter: ἐκεῖνοι δὲ ἐξελθόντες ἐκήρυξαν πανταχοῦ, das ist auf gut europäisch: Pour eux, ils s’en allèrent prêcher [bruyamment] en tout lieu, also recht deutsch und deutlich gesagt: Sie aber zogen aus und trompeteten es überall [cum clamore, mit Tröten, mit Geschepper, Getöse, beschickert  und mit Fahrradklingeln]. Wir haben zur Verdeutschung des mit dem lautmalerischen ἐκήρυξαν Gemeinten in eckigen Klammern Zusätze hinzugeschrieben, sit venia verbo!

Und so entstand aus dem heutigen Tag des Herrn – der Herrentag, schloss die Akelei ihr Märchen ab.

Danke, rief ich, nimmermehr brech ich dich ab, o du schöne Akelei!

Bild: der Kamtschatka-Riesenaronstab (Lysichiton camtschatcensis). Man findet ihn bei Wanderungen auf der Kamtschatka  – oder auch im Botanischen Garten zu Berlin.

Text: Markus 16,19-20

 

 

 

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Ein Herbsttag im Himmelreich, wie wir ihn schon einmal sahen

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Okt 072016
 

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Aufmerksame Augen haben den Ursprung des letzten poetischen Versuchs, aufgequollen am Rande des Grienericksees, sofort erkannt. Sie weisen darauf hin, daß Friedrich Hebbel den Grundton angab, nachdem wir einige Verse nachgeformt. So sei es dem Leser überlassen zu entscheiden, ob Urbild oder Nachbild hier größeren Eigenwert beanspruchen dürfen.

Unser Bild zeigt eine bei einer Fahrradtour aus dem Waldgebiet Himmelreich zwischen Zootzensee und Großem Wummsee mitgebrachte Aufnahme vom vergangenen Montag, dem Tag der Deutschen Einheit.

Wir versäumen nicht, Hebbels schöne Verse nach einer verlässlichen Neuausgabe zu zitieren:

Herbstbild

Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als athmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah‘,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dieß ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute lös’t sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Zitiert nach:
Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm, Insel Verlag, 3. Aufl. 2013, S. 719

 

 

 

 

 

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Triefender Herbsttau am Grienericksee. Ein Herbstbild

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Okt 032016
 

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Ein einzigartiger geschliffener Spiegel des kommenden Tages, das war der Grienericksee heute morgen. Wir fuhren eine Runde um die Seenplatte herum. In hellem Sonnenschein stiegen satt die Gerüche auf in den Buchenwäldern. Ich schnaubte ein, schnoperte, schnaubte und sog ein: den fetten Geruch von Pilzen und Most, von süßem Rotwein und leicht vergorener Aprikose. Trüffelgerüche im triefenden Laub! Den Herbst riechen! Triefender Tau, sattes Laub von mächtigen Buchen! Mühselig klaubte ich aus dem Gedächtnis zusammen ein Gedicht von wem? Ja, von wem?  Doch fiel’s mir nur unvollständig ein. Also schrieb ich es um. Ist es Diebstahl, Plagiat? Was tut es zur Sache? Umschreiben, fortschreiben, nacherleben, wiedererleben. Lese halten, einsammeln, weitergeben! Dabei alle Hebel nutzen! Danke Herbst, danke Friedrich!

Dies war ein Herbsttag, wie ich keinen roch,
Der See lag still, als wehte nie ein Wind,
Und dennoch drohten, kaum zu sehen noch,
Die dicksten Wolken, die wie Schiffe sind.

Uns störte nichts, die Feier der Natur,
Die Atem-Lese, die sie uns geschenkt,
Denn heute stiegen von dem Boden nur
Gerüche, die der Wandrer dankbar fängt.

Fetter blühte die Herbstzeitlose herauf, im hellen Kalk erhob sich der Obelisk, in französischer Sprache besang er die Taten der Generale.

 

Bild: Blick auf den Grienericksee, heute früh

 

 

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„Pecore matte“?, oder: Sind Schafe immer „lammfromm“ oder „gut“?

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Mai 302016
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Beobachtungen bieten die Hornschafe im Natur-Park Schöneberger Südgelände! So manche gute Stunde habe ich damit verbracht, sie anzuschauen. Und so heißt diese Rasse ja denn auch: „Guteschaf“, wobei „Gute-“ sich auf die Herkunft dieser Spielart bezieht, nämlich Gotland in Schweden. Die Widder tragen spiralförmige prachtvolle Hörner, die Hörner der Auen sind krumm wie eben die Krummhörner.

Hier eine Aufnahme vom 26. Mai 2016. Erstaunlich sind die schnellen Läufe einzelner Tiere, das spielerische Rangeln und Raufen, das heftige Aufeinanderprallen kämpfender Widder. Zu Beginn ist eine niesende Aue zu hören und zu sehen. Das gesamte Sozialverhalten der geselligen Tiere weicht stark von dem der üblichen Hausschafe ab. Die Herde zeigt starke selbstregulatorische Verhaltensmuster: Ruhen, Äsen, Spielen, Kämpfen, Fellwechsel scheinen sich von selbst in dieser Lebensgemeinschaft „einzuspielen“. Als ich sie heute erneut besuchte, war der Fellwechsel vollzogen. Der dicke Winterpelz, den einige Tiere noch vor wenigen Tagen zeigten, hat sich in großflächigen Abschnitten abgelöst.

Von der angeblichen „Schafsgeduld“ konnte ich wenig entdecken. Im Gegenteil! Die Herde wirkt außerordentlich aktiv, sie gestaltet ein geselliges Leben, sie gestaltet verändernd auch das eigene Lebensumfeld. Die einzelnen Tiere zeigen Neugierde, Anlehnungsbedürfnis, Geselligkeit, Rivalität, Aggression und Gemeinschaftssinn.

Die Antwort auf unserer heutige Frage lautet also: Schafe sind keineswegs nur lammfromm. Dante hatte einst gedichtet: „Siate uomini e non pecore matte – Seid Männer, nicht tumbe Schafe!“ Ich meine, er würde seine vorgeprägte Meinung über Schafe ändern, wenn er sähe, wie ausgelassen Schafe tollen, wie tapfer und mannhaft sie kämpfen können!

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Barfußpfade – eine gangbare Alternative zum Hochgebirgswandern?

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Okt 062015
 

Barfuß 20151004_120517

Statt eines steil ausgesetzten Höhenkamms – den man nicht haben kann im Umland von Berlin – führte uns der Weg am Sonntag von Ribbeck im Havelland auf dem Barfußpfad über eine Länge von 2 km zum Kinderbauernhof Marienhof. Ohne Schuhe und ohne Socken stapften wir durch Sumpf und Luch, über Stock und Stein, immer am Rand des Wirtschaftsweges entlang. Mancherlei Hindernisse stellten sich uns in den Weg, von der knuppeligen Baumwurzel über steil aufragende Altreifen, von der schottrigen Grauwacke über einen schwanken Steg aus zwei Balken bis hin zum umgestülpten Mehrweggetränkeflaschentragl.

Barfuß 20151004_121810

Die nackten Füße erfuhren Erdgeschichte, erfuhren den ersten Kältehauch des Herbstes im tief quatschenden Sumpf, ertasteten noch die gespeicherte Wärme des Sonnentages im feinkörnigen Mergel und im aufgeschütteten Schluff. Und ja, dieses ständige Fassen und Nehmen der Fußsohle am Boden, das Weichen und Nachgeben, das Drücken und Zwicken des Erdbodens entfalteten eine konzertante Gesamtwirkung auf den gesamten Bewegungs- und Halteapparat aus Zehen, Füßen und Beinen, dass ich mich danach an die wohlig walkende Wirkung eines Höhenpfades in 2.000 m erinnert fühlte. Das gesamte Alpenpanorama dacht‘ ich mir dazu – etwa mit folgenden Versen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß
Entlassend meiner Wolken sanftes Tragewerk
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum

— und die Südtiroler Herrlichkeit vergegenwärtigte mir ein Buch, das ich im Sammelregal gebrauchter Bücher im Schloß Ribbeck fand und erstand, nämlich den packenden Schicksalsroman „Zwei Menschen“ von Richard Voß, 1911 zuerst erschienen in Stuttgart, 1959 wieder aufgelegt durch den Fackelverlag Olten. Eine prachtvolle, in vollem Selbstbewusstsein schaltende und waltende Frau ist sie, diese Judith vom Platterhof! Ein Leckerbissen für Genderforscherinnen aller Geschlechter!

Der Roman spielt in Vahrn am wild schäumenden Eisack, wo ich meine letzten Bergabenteuer erlebt habe, und der Autor starb 1918 in seiner Wahlheimat Berchtesgaden, wo man sich seiner noch heute erinnert. Ebenfalls erwähnt wird in dem Buch das Kloster Neustift, aus dem ich drei Flaschen Wein mit nach Berlin brachte.

Wer mochte dies Buch dort wohl für mich hinterlegt haben?

Ergebnis: Ja, Barfußpfade sind eine taugliche Alternative für alle jene, die es nicht schaffen, am Wochenende ins Hochgebirg zu fahren, um starre, zackige Felsengipfel zu erklimmen.

Der Havelland-Radweg führt bequem, still und geräuschlos rollend von Nauen bis Ribbeck ans Ziel.

 

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Die zwei Schwestern im Garten. Eine Sichtachse

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Sep 302015
 

Toleranzblick 20150926_104508

 

„Hier ists ietz unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen. Es ist wenn man so durchzieht wie ein Mährgen das einem vorgetragen wird und hat ganz den Charackter der Elisischen Felder in der sachtesten Mannigfaltigkeit fliest eins in das andre, keine Höhe zieht das Aug und das Verlangen auf einen einzigen Punckt, man streicht herum ohne zu fragen wo man ausgegangen ist und hinkommt. Das Buschwerck ist in seiner schönsten Jugend, und das ganze hat die reinste Lieblichkeit.“

Mit diesen Worten schilderte Goethe am 14. Mai 1778 in einem Brief an Charlotte von Stein seine Eindrücke in den Wörlitzer Anlagen. Letzten Samstag führt uns der Weg dorthin. Es war einer jener herrlich strahlenden durchwärmten Nachsommertage, an denen erste Verfärbungen das Kommen des farbenprangenden Herbstes ankündigen. Ein letzter Scheideblick des Sommers! Wir? Das war in diesem Fall der Elternchor der Beethoven-Schule Berlin. Unser Ziel: Ein Konzert mit Engelsgesang zu Füßen des Kirchhofengels in Vockerode. Die ganze herrliche Landschaft lag ausgebreitet vor uns, wir ließen uns fangen und leiten, die muntre Gästeführerin erzählte, erklärte, pries und zeigte uns vieles, wenn auch nicht alles; wie hätten wir sonst wohl auch die klug und bedacht errichteten „Sicht-Achsen“ wahrnehmen können?

Das Bild oben zeigt eine solche Sichtachse, nämlich den „Toleranzblick“ von jener Stelle aus, wo der 29-jährige Goethe damals niedersaß um seine melodisch dahinfließenden Zeilen niederzuschreiben, die wir oben unverändert in seiner eigenhändigen Rechtschreibung und Zeichensetzung wiedergeben (siehe WA IV/3, S. 222f.). Wir sehen rechts genau in der Sichtachse die Synagoge, die Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau 1787-90 für das jüdische Volk von Wörlitz und Oranienbaum errichten ließ, und wenn das Aug von da ausgeht ohne Punckt und ohne Komma ohne zu fragen wo es hinkommt schleicht es weiter zur später errichteten, hier teilweise verdeckten Kirche Sankt Petri mit dem Bibelturm, der nicht weniger als 60 Bibeln in verschiedenen Sprachen hegt und birgt.

Ich erzählt‘ einer empfindsamen guten Seele in Berlin von all den Herrlichkeiten und fügte hinzu: „Den Bibelturm möcht ich einmal von innen seh’n, denn da sind 60 Bibeln ausgestellt.“ Die Antwort lautete: „Schau dich nur um bei dir zuhaus, du hast sie doch schon. Aber du weißt nicht wo.“

 

 

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