Apr 012019
 
Links: Rundbogenöffnungen im Umgang der Sacrower Heilandskirche. Rechts: der Anfang des Johannesevangeliums in deutscher Übersetzung, nur mit Mühe zu entziffern

Ein winziger Augenblick aus der Wanderung vom vergangenen Samstag: Aus Mauerziegeln gewölbt sind die Arkaden des Säulenumgangs in der Sacrower Heilandskirche; sie öffnen den Blick auf das heilignüchterne Wasser des Sacrower Sees. Unter gequadertem Putz verschwinden sie als Werksteinimitation. Kannelierte Sandsteinsäulen streben nach oben, um schließlich in einem Ring feinprofilierter Palmetten aus gesandeltem Zinkguss zu enden. Ein alter Herr sitzt auf der Parkbank, völlig vertieft in das Lesen eines Buches.

Dem tastenden Blick erschließt sich nur nach und nach der Wortlaut und Sinn der in den gequaderten Putz eingetriebenen, eingeriebenen Lettern –

NICHT VON DEM GEBLÜT NOCH VON DEM WILLEN DES FLEISCHES NOCH VON DEM WILLEN EINES MANNES

und schließlich unterliegt es keinem Zweifel: hier ist der Anfang des vierten Evangeliums in Martin Luthers Übersetzung dem entdeckenden, forschenden Auge des Betrachters geboten. Fast nicht mehr lesbar dem Auge des Jetzt!

Staunendes Entzücken des in die steinernen Inschrift versenkten Archäologen, der hier die griechische Ausgangsschrift herauszulesen glaubt:
οὐκ ἐξ αἱμάτων οὐδὲ ἐκ θελήματος σαρκὸς οὐδὲ ἐκ θελήματος ἀνδρὸς

Das, was wir zuinnerst sein wollen und sein können, – so meint es Johannes – sind wir nicht „aus dem Blute“, also nicht durch Abstammung, noch „aus dem Willen des Fleisches“, also nicht als Ergebnis des biologischen Zeugungsaktes, noch „aus dem Willen des Mannes“, also fremdbestimmt durch den Willen eines anderen.

Der klassische griechische Tempel, die römische Basilika, der in griechischer Sprache verfasste Christushymnus vom Anfang des vierten Evangeliums, der erwachende Frühling, der alternde Mann auf der Bank, sie alle treten in einer zeitüberdauernden Harmonie des Gegenläufigen zusammen und enthüllen in der Rückschau einen großen Augenblick eines glückserfüllten großen Tages.

Aufnahme der Heilandskirche Sacrow bei einer Wanderung vom 30. März 2019. Zu den in Kursivschrift zitierten Einzelheiten der Baubeschreibung vgl.: Andreas Kitschke: Die Sacrower Heilandskirche. Herausgeber: Ars Sacrow e.V., 2014, S. 37-38

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Atemzüge eines Riesen – vom Wandel der Natur

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Mrz 192019
 
Blick von der Kipphornaussicht elbeaufwärts Richtung Gelobtbachmühle und Großer Zschirnstein, 17.03.2019

Wir wanderten gerade erst am Wochenende mit offenem Aug, mit weit geblähten Nüstern durch die Wälder des Nationalparks Sächsische Schweiz. Was für eine herrliche Erfrischung, was für eine Labsal für Körper und Seele, welche Wonne brachte uns das Elbsandsteingebirge zu beiden Seiten der Elbe!

Besonders gefreut hat mich, dass man auf Schritt und Tritt mit den Sachsen so gut ins Gespräch kommt und dass das Elbsandsteingebirge mittlerweile Wanderer und Erholungssuchende aus aller Welt anzieht. Insbesondere Israelis und Amerikaner haben das Bundesland Sachsen für sich entdeckt. Oft fliegen sie über den Flughafen Prag nach Europa und steigen dann in den Zug von Böhmen nach Sachsen. Sie genießen hier am Ufer der Elbe in hellen Scharen die sächsische Gastlichkeit und die überwältigenden Eindrücke der wild zerklüfteten Bergwelt. Es muss nicht immer Georgien oder der Yellowstone-Nationalpark sein!

Blick vom Fremdenweg auf die Winterbergspitzen, 17.03.2019


Und wieder haben wir herrliche Beobachtungen zum unfassbar klugen Anpassungsgeschehen des Waldes in Zeiten des Klimawandels anstellen können. Unsere Wälder entwickeln sich – teils aus eigenem, naturhaftem Wirken, durch Selektion und Adaptation also, teils durch gezielte forstliche Eingriffe – hin zu widerstandsfähigeren, an die gerade ablaufenden und die bevorstehenden Klimaänderungen besser angepasste Systeme.

Alte Fichte im Lattengrund, ca. 90 Jahre alt, vor wenigen Tagen durch Starkwind gestürzt, 16.03.2019

Unter anderem wird klar, welche Baumarten wo hingehören! Der Wind wirft viele Flachwurzler wie etwa die Fichte erbarmungslos um, während eng zueinander stehende, schlanke Buchen ohne breitausladende Krone offenbar ausgezeichnet an starke Stürme und an vorübergehenden Wassermangel in besonders heißen Dürreperioden angepasst sind. Sehr gut zu beobachten auf dem Großen und Kleinen Winterberg im Nationalpark Sächsische Schweiz bei Schmilka!

Bestand jüngerer Buchen am Großen Winterberg bei Schmilka, 16.03.2019

Während die zunehmenden Starkwindereignisse an einigen Stellen gerade die ältesten, mächtigsten Fichten umgeworfen haben, zeigen die jüngeren und mittelgroßen Laubbäume, insbesondere die zarten Birken und die schlanken Buchen keinerlei Schäden; im Gegenteil, sie scheinen für ihre Art Lebensraum zu gewinnen, den bisher die oftmals vom Menschen eingebrachten, schnellwüchsigen und zu Nutzungszwecken geförderten Nadelhölzer monokulturell in Beschlag genommen hatten.

Die Natur, und wir sind ja ein Teil von ihr!, spielt ihr Millionen Jahre altes Spiel immer weiter, sie steckt vieles weg, was unsere Fassungskraft übersteigt! Entstehen, Werden, Vergehen, Wandel, Anpassen, Aktion und Reaktion, das sind einige der Grundmechanismen, denen wir hier im Nationalpark Sächsische Schweiz zusehen konnten, wie man den Atemzügen eines schlafenden Riesen lauscht!

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22000 Schritte in die Zukunft hinein

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Jan 202019
 
Blick vom Teufelsberg nach Osten. Heute, 15 Uhr. In der Mitte zu erkennen: der Funkturm, Charlottenburg

Die neue Woche beginnt mit Zuversicht und Erwartungen! Heute führte uns eine mehrstündige Wanderung bei sonnigem Frost von Nikolassee am Ufer des Wannsees entlang durch den Grunewald bis zum „Teufelsberg“, einem Schuttberg, in dem die Trümmer der Vergangenheit liegen. Und von hier aus genossen wir einen weiten Rundblick in die Gegenwart hinein. Der Teufel zeigte sich von seinem hohen Ansitz aus ausgesprochen großzügig, was die Aussicht angeht. Das ist ja seine Art. Die Schrecken der Vergangenheit deckt er einfach zu. 15,7 km legten wir mit 22000 Schritten zurück.

Was mag die Woche bringen? Jede Sekunde bringt uns der Zukunft näher, jede Minute ist Abschied von der Minute der Vergangenheit. Mit dieser Mischung aus Offenheit und Zuversicht beschließe ich diesen Sonntag.

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Der Absprung von 1,2 Mrd. Jahren Erdgeschichte – ins neue Jahr

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Jan 092019
 
Steinerner Tisch bei den Markgrafensteinen, am ehemaligen Aussichtspunkt in den Rauener Bergen. Alter des Gesteins: ca. 1,2 Mrd. Jahre. Aufnahme vom 30.12.2018
Absprung vom steinernen Tisch am ehemaligen Aussichtspunkt bei den Markgrafensteinen in den Rauener Bergen bei Bad Saarow. Die Tischplatte besteht aus 1,2 Mrd. Jahre altem Karlshamn-Granit. Herkunft: Schweden

So beschrieb Fontane genau diese Stelle „Schöne Aussicht“ in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg:

[…] ein sonderbares Granitmobiliar, das mich, auf den ersten Blick wenigstens, an Stonehenge erinnerte, jenen alten Druidenplatz in der Nähe von Salisbury, den man in Kunstatlassen und illustrierten Architekturgeschichten abgebildet findet. Im Quadrat standen vier Steinbänke, dazwischen präsentierte sich ein großer, runder Steintisch, alles aus dem Granitstück gefertigt, das man von dem Stein unten abgesprengt hatte.

Der Wagenplatz, auf dem ich saß, war höher als das Steinmobiliar und gönnte mir einen freieren Umblick. Alles in der Welt aber hat sein Gesetz, und wer auf der »Schönen Aussicht« ist, hat nun mal die Pflicht, sich auf den Steintisch zu stellen, um von ihm aus, und nur von ihm aus, die Landschaft zu mustern. Und so tat ich denn, wie mir geboten, und genoß auch von diesem niedrigeren Standpunkt aus eines immer noch entzückenden Rundblicks, ein weitgespanntes Panorama. Die Dürftigkeiten verschwanden, alles Hübsche drängte sich zusammen, und nach Westen hin traten die Türme Berlins aus einem Nebelschleier hervor.

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… als wäre es sein letzter Tag

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Sep 202018
 

Ich soll euch noch recht festlich grüßen:
Herr Sommer, der den Abschied nimmt,
Winkt uns noch zu, als wäre es sein letzter Tag!
Die Beute legt er sich zu seinen Füßen:
Ein Volleyball, der auf den Wellen schwimmt.
Aus gelbgeflecktem Schnabel noch ein Schrei.
So sehr die Möwe ihr Gefieder spreizen mag,
Herrn Sommer ist es mittlerweile einerlei,
Er hat sich’s überlegt: er geht vorbei.
Zwar war er groß, doch größer ist das Jahr,
Das hinter ihm den dunklen Berg erklimmt.
Die Sonne sinkt, das Licht strahlt hart und klar.
Beim Abschiedsfest erklingt die Melodie: Es war.

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Ich aber will dem Kaukasus zu!

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Sep 042018
 

Ungläubiges Erstaunen ergriff mich jeden Tag von neuem, wenn ich den Blick auf den 5033 m hohen Berg Kasbek schweifen ließ. „Ich kann das nicht glauben, dass dieser herrlich schimmernde Berg, den ganzjährig eine schneebedeckte Spitze krönt, nun Tag um Tag zum Greifen nahe liegt! Hier im Kaukasus glaubte die Alte Welt das Bußgebirge des Prometheus zu erkennen. An diesen steil abschüssigen Hängen schmiedeten Kratos und Bia zusammen mit Hephaistos den gefallenen Titanen an!“

Und dann des Morgens, wenn ich hinaustrat aus dem Alpenhaus in den jugendlich erfrischten dämmrigen Morgen, dann stellten sich beim Blick auf die vor mir liegende Hauptkette des Großen Kaukasus wie von leichter Götterhand gerufen die folgenden Verse aus dem Faust ein:

Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen
Verkünden schon die feierlichste Stunde,
Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
Das später sich zu uns hernieder wendet.

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Glücklich im Schlaubetal: Froschkonzert, Baches Rauschen, Adlerflug

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Mai 252018
 

Eine ungeheure Fülle an Eindrücken für lauschendes Ohr und lugendes Aug, für unbeschuhten Fuß und witternde Nase bot uns die Wanderung durch den sonnenbeschienen Oberlauf der Schlaube am vergangenen Sonntag.  Die Schlaube ist ein geheimnisreicher, weithin unbekannter Fluss, den nur sehr wenige kundige Wanderer dem Namen nach kennen – und noch weniger Menschen zu erreichen wissen. Hier gleich in aller Frühe das Konzert der Frösche im Erlenbruch:

Ein paar Schritte weiter, und silbrig hell sprang uns ein Bächlein entgegen:

Doch damit nicht genug! Hinaufgeschaut, und über dem See an der Kieselwitzer Mühle kreisten zwei Seeadler, auf Beute lauernd, einander folgend im azurenen Himmel, einander umspielend. Dies alles innerhalb weniger Minuten erleben zu dürfen, flößte mir ein ungeheures Glücksgefühl ein, das noch heute anhält, da ich mich dankbar daran erinnere!

 Posted by at 19:21

Glücklich im Schlaubetal

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Mai 232018
 

Im Schlaubetal, 20. Mai 2018

[…] „Der abendliche Rundgang um den Wirchensee bezauberte uns. Die Sonne sank als glühender Ball der Götter über die halkyonisch glatte, unergründliche Wasserfläche.“ —

 

„Die Luft war erfüllt von soviel Sanftheit, soviel Wärme, solchem Dämmerschein. Von einem erhöht gelegenen Aussichtspunkt der Jäger genossen wir die unendliche grüne Weite. Überall regte sich huschendes Geraschel, Gezirpe, Vogelschlag erfüllte den Wald. Hier oben, da in den Wiesen, da entspringt glucksend die Schlaube.“ [—]

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Sattes Blau, zartes Grün, kaltes Bad

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Apr 292018
 

Wir haben heute einen herrlichen Ausflug mit Wanderung zum Liepnitzsee bei Wandlitz unternommen, wo ich in das immerhin 12 Grad warme Seewasser eintauchte und 20 Sekunden schwamm! Überall schmückte sich der Wald mit zartem Grün; der Himmel bestach uns am Vormittag mit sattem, tiefem, dunklem Blau, wie man es sonst nur ganz selten im Hochgebirge sieht!

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Edinburgh, die Schöne Europas – vom Arthur’s Seat bestaunt

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Apr 212018
 

Gelb gesprenkelt bieten sich die Flanken des mächtigen Arthur’s Seat unseren Augen dar: es ist der Stechginster, der hier vor den immer noch kahlen Laubbäumen seine üppig schäumenden Blüten austreibt. 251 m ragt der mächtige, vor 350 Millionen Jahren aus Vulkanschlecke erstarrte massige Doppelgipfel über Edinburgh empor. Die Hauptstadt Schottlands zieht europäische Reisende von überallher an! Ich höre während des unschweren, nur 40 Minuten dauernden Aufstieges Italiener, Russen, Spanier, Schweizer, Franzosen in ihren jeweiligen Sprachen miteinander sprechen. Die Italiener versichern einander: „Lì sopra, ci sono pure gli scalini!“ – „Per fortuna!“, werfe ich ein. Gelächter allenthalben! Dieser 251 m hohe Gipfel sollte doch auch von Ungeübten an diesem sonnigen Vormittag des 14. April 2018 wirklich zu bezwingen sein! Und siehe da: Schon nach wenigen Minuten haben wir die von den Italienern angekündigten Stufen erreicht. Von oben winkt unsere erste Gipfelstürmerin herab. „Vittoria, mio core, non lagrimar più!“

Oben angelangt,genießen wir den herrlichen Ausblick auf die Silhouette der Stadt. Hier im Vordergrund unten rechts der Ortsteil Holyrood mit dem Holyrood-Palast, den Überresten der Abtei Holyrood und dem neuen schottischen Parlamentsgebäude. Weit hinten, jenseits der Stadt mit ihren fast 500.000 Einwohnern, in der Mitte des Horizonts, locken die Pentland Hills. Der strahlende Sonnenschein, in dem der Stechginster uns gelb anlachte, hat sich mittlerweile hinter einigen Wolkenschleiern verborgen.

 Posted by at 23:10