„Was bedeutet das eigentlich – der Herrentag?“

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Mai 252017
 

Wie ich dich nenn, ist einerlei?
Dann brech ich dich, o Akelei!
Ich wollt sie brechen die Akelei,
Doch sprach sie fein:
Soll ich zum Welken gebrochen sein?

Stop! Was gibt’s du mir, wenn ich dich nicht breche? fragte ich zurück.
Ich löse dir die Rätsel des Alltags, versprach sie.

Das lässt sich hören, erwiderte ich, und legte ihr meine Frage vor: Warum heißt dieser Donnerstag im Mai eigentlich „Herrentag“? Das ist doch ein merkwürdiger Name.

Und die Akelei, Aquilegia, wie sie sich auf Lateinisch nannte, erzählte eine Geschichte, die sie von einem apulischen Gräzisten erfahren haben wollte:

Eines Morgens war der apulische Gräzist sehr früh aufgewacht und fing gleich seine griechischen Texte zu lesen an:

Ὁ μὲν οὖν κύριος Ἰησοῦς μετὰ τὸ λαλῆσαι αὐτοῖς ἀνελήμφθη εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐκάθισεν ἐκ δεξιῶν τοῦ θεοῦ. Wir übersetzen das griechische Bruchstück – wir fanden es zufällig durch das Aufschlagen eines auf dem Nachttischchen aufgelegten Buches – ins Französische: Or le seigneur Jésus, après leur avoir parlé, fut enlevé au ciel et il s’assit à la droite de Dieu.

Ganz nüchtern beginnen wir also diesen Herrentag mit unseren gewohnten griechisch-europäischen Dolmetschübungen! Wie mag es heute weitergehen? Wie? Wir dürfen es vermuten, wir dürfen es vorhersagen als Propheten des Alltags, denn das zufällig aufgeschlagene griechische Fragment geht so weiter: ἐκεῖνοι δὲ ἐξελθόντες ἐκήρυξαν πανταχοῦ, das ist auf gut europäisch: Pour eux, ils s’en allèrent prêcher [bruyamment] en tout lieu, also recht deutsch und deutlich gesagt: Sie aber zogen aus und trompeteten es überall [cum clamore, mit Tröten, mit Geschepper, Getöse, beschickert  und mit Fahrradklingeln]. Wir haben zur Verdeutschung des mit dem lautmalerischen ἐκήρυξαν Gemeinten in eckigen Klammern Zusätze hinzugeschrieben, sit venia verbo!

Und so entstand aus dem heutigen Tag des Herrn – der Herrentag, schloss die Akelei ihr Märchen ab.

Danke, rief ich, nimmermehr brech ich dich ab, o du schöne Akelei!

Bild: der Kamtschatka-Riesenaronstab (Lysichiton camtschatcensis). Man findet ihn bei Wanderungen auf der Kamtschatka  – oder auch im Botanischen Garten zu Berlin.

Text: Markus 16,19-20

 

 

 

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Barfußpfade – eine gangbare Alternative zum Hochgebirgswandern?

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Okt 062015
 

Barfuß 20151004_120517

Statt eines steil ausgesetzten Höhenkamms – den man nicht haben kann im Umland von Berlin – führte uns der Weg am Sonntag von Ribbeck im Havelland auf dem Barfußpfad über eine Länge von 2 km zum Kinderbauernhof Marienhof. Ohne Schuhe und ohne Socken stapften wir durch Sumpf und Luch, über Stock und Stein, immer am Rand des Wirtschaftsweges entlang. Mancherlei Hindernisse stellten sich uns in den Weg, von der knuppeligen Baumwurzel über steil aufragende Altreifen, von der schottrigen Grauwacke über einen schwanken Steg aus zwei Balken bis hin zum umgestülpten Mehrweggetränkeflaschentragl.

Barfuß 20151004_121810

Die nackten Füße erfuhren Erdgeschichte, erfuhren den ersten Kältehauch des Herbstes im tief quatschenden Sumpf, ertasteten noch die gespeicherte Wärme des Sonnentages im feinkörnigen Mergel und im aufgeschütteten Schluff. Und ja, dieses ständige Fassen und Nehmen der Fußsohle am Boden, das Weichen und Nachgeben, das Drücken und Zwicken des Erdbodens entfalteten eine konzertante Gesamtwirkung auf den gesamten Bewegungs- und Halteapparat aus Zehen, Füßen und Beinen, dass ich mich danach an die wohlig walkende Wirkung eines Höhenpfades in 2.000 m erinnert fühlte. Das gesamte Alpenpanorama dacht‘ ich mir dazu – etwa mit folgenden Versen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß
Entlassend meiner Wolken sanftes Tragewerk
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum

— und die Südtiroler Herrlichkeit vergegenwärtigte mir ein Buch, das ich im Sammelregal gebrauchter Bücher im Schloß Ribbeck fand und erstand, nämlich den packenden Schicksalsroman „Zwei Menschen“ von Richard Voß, 1911 zuerst erschienen in Stuttgart, 1959 wieder aufgelegt durch den Fackelverlag Olten. Eine prachtvolle, in vollem Selbstbewusstsein schaltende und waltende Frau ist sie, diese Judith vom Platterhof! Ein Leckerbissen für Genderforscherinnen aller Geschlechter!

Der Roman spielt in Vahrn am wild schäumenden Eisack, wo ich meine letzten Bergabenteuer erlebt habe, und der Autor starb 1918 in seiner Wahlheimat Berchtesgaden, wo man sich seiner noch heute erinnert. Ebenfalls erwähnt wird in dem Buch das Kloster Neustift, aus dem ich drei Flaschen Wein mit nach Berlin brachte.

Wer mochte dies Buch dort wohl für mich hinterlegt haben?

Ergebnis: Ja, Barfußpfade sind eine taugliche Alternative für alle jene, die es nicht schaffen, am Wochenende ins Hochgebirg zu fahren, um starre, zackige Felsengipfel zu erklimmen.

Der Havelland-Radweg führt bequem, still und geräuschlos rollend von Nauen bis Ribbeck ans Ziel.

 

 Posted by at 17:44

Wer recht mit Freuden wandern will

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Jul 202011
 

200720111016.jpg Der nur kurz unterbrochene Urlaub geht heute zu Ende. Fast 3 Wochen verbrachte ich mit der Familie im Fischland, stromernd im Landkreis Ribnitz-Damgarten, stets die Nasen kühn in den Wind gestellt. Unsere ganze Habe führten wir mit uns: 3 Fahrräder, ein kleines Zelt, Kleidung, Zeit, 30 gesunde Zehen an den gesunden Füßen, eine unbändige Entdeckerfreude! Der Regen, die Menschen, der Wind, die Tiere, das Flüstern des Rohrs, das Peitschen der Stürme – sie alle wirkten zusammen, boten uns eine tüchtige Tracht Zerzausung, Durchrüttelung, – und das Zelt: ES HIELT!

Im Regionalexpress zurück nach Berlin erkannt ich doch auch gleich die Melodie, mit der die Ansagen eingeleitet werden: Wer recht in Freuden wandern will, der zieh der Sonn entgegen. Wie passend!

„Unser nächster Halt ist Berlin Potsdamer Platz.“

So. Und da sind wir wieder. Zeit Rückschau zu halten.

 Posted by at 21:04
Okt 182007
 

leipzig-hbf002.jpg Sicher, wie von tausend Rossen gezogen, zieht der ICE 1509 in den Hauptbahnhof Leipzig ein. Ich lese im Internet die Berichte über wütende Passagiere und verstopfte Autobahnen. Gut, dass ich die Bahn gewählt habe. Gerade dann, wenn die Lokführer im Regionalverkehr streiken, hat der ICE freie Bahn. Obendrein habe ich hier im Großraumabteil Strom- und Internetanschluss. Was will man mehr! Wir liegen im Plan, ich werde um 16 Uhr Ingolstadt erreichen, dort umsteigen und heute abend bei meinem Vater in Augsburg sein.

 Posted by at 12:11