Nov 282018
 


„Для нас всегда Бах Бах / Für uns bleibt Bach immer Bach.“ So vertraute es uns im März 2014 eine Musiklehrerin aus der Stadt Керч oder auch aus der Stadt Керчь oder auch aus der Stadt Keriç an. Sie meinte damit: Trotz aller unschönen Entwicklungen in den ukrainisch-russischen Beziehungen glaubt sie fest an das Gute und Schöne, das sie als Musikpädagogin den Kindern in der Musikschule Kertsch weitergeben kann. Johann Sebastian steht offenbar in der großen östlichen Hälfte Europas unerschütterlich für das Wahre, das Schöne, das Gute. Bach verbindet die Ukraine und Russland – zwei eng benachbarte, ja kulturell und menschlich verschwisterte Staaten Europas – unauflöslich wie etwa Gogol oder Puschkin auch. Das habe ich immer wieder in Gesprächen mit Russen und Ukrainern erlebt.

Vorgestern besuchten wir ein Konzert ukrainischer Virtuosen im Kammermusiksaal der Philharmonie. Bach, Beethoven, Myroslav Skoryk, Saint-Saëns standen auf den Programm.

Den kraftvollen Anfang – in Abweichung vom gedruckten Programm – setzte ohne jede Erklärung der Geiger Valeriy Sokolov mit der Chaconne aus Bachs d-moll-Partita. Das war mehr als ein meisterhaft virtuos vorgetragenes Stück, es war ein glühendes Bekenntnis, das war ein Aufruf, ein Herabflehen – ja es war fast schon ein Gebet um Versöhnung des Widersprüchlichen. Sokolov spielte an diesem Abend mit fast schon altertümlicher Brillanz, leuchtend strahlte jeder Ton auf, der Bogenarm vollführte bei den gebrochenen Akkorden wahre Wunder an Gelöstheit und Souveränität. In manchem erinnerte mich Sokolov an die großen Meister der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa Hubermann, Milstein, Stern. Schloss man die Augen, so konnte man nicht heraushören, ob dieser oder jener drei- oder vierstimmige Akkord im Auf- oder im Abstrich gespielt wurde. Und so soll es sein! Sokolov zeigte uns an diesem Abend einen großen, oft warmen, manchmal auch messinghaft glänzenden Ton, völlige Konzentration, endlose Spielfreude, aber eben doch auch eine gewaltige Seelenspannung, eine erhabene Würde. Das können heute nur wenige Geiger dieser Welt, viele können es nicht. Ihnen fehlt manchmal der Glaube an das, was sie spielen. Sokolov hat ihn.

Der ukrainische Botschafter Andriy Melnyk erinnerte in seiner mich sehr ansprechenden, überzeugenden Rede zum 5. Jahrestag der Revolution der Würde an den überragenden Wert der Freiheit und der Gleichheit aller Staatsbürger. Er sprach sehr persönlich aus seiner Erfahrung als Mensch: „Ich kann jetzt auf Augenhöhe mit meinem Präsidenten sprechen.“ Dieser werde ihm stets zuhören, und manchmal gelinge es ihm, dem Botschafter, ihn zu überzeugen. Das sei früher anders gewesen. Man sei in seiner Kindheit noch zu kritikloser Ergebung, Gehorsam und Nachahmung erzogen worden. Die Ereignisse auf dem Maidan hätten ihn damals, vor 5 Jahren, endgültig von Angst und Unterwürfigkeit befreit.

Der glanzvolle Konzertabend wurde passenderweise mit einer wehmütigen Ballade, dem Dumky-Trio von Antonín Dvořák beendet. Die Dumka ist ja ein ukrainischer Tanz, und in der Tat schienen die ukrainischen Musiker Kateryna Titova (Klavier), Aleksey Shadrin (Cello) und Valeriy Sokolov (Geige) besorgt hinüberzulauschen in das Land oder die Länder, denen sie entstammen und denen sie so viel verdanken. Sie spielten so ergreifend, so hingebungsvoll, dass man als Zeitgenosse der heutigen politisch-militärischen Bedrohungen geneigt war zu fragen: „Und? Warum all dieses Ungemach? Warum der Streit? Warum die Gewalt? Sind wir nicht alle Europäer? Sind wir nicht alle geeint durch die Musik eines Bach, eines Beethoven, eines Skoryk, eines Saint-Saëns? Bleibt denn nicht Kertsch Kertsch? Bleibt denn nicht Bach Bach?“

Die Antwort liegt auf der Hand und klang in unsere Ohren hinein. Sie wurde schon vor vier Jahren durch jene Musiklehrerin in Kertsch gegeben:

Для нас всегда Бах Бах

Bild: Der Europaplatz in Moskau mit den Flaggen der 49 europäischen Staaten, eine 2003 gebaute Manifestation des gemeinsamen Kontinents Europa

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Jul 202018
 

… pavet haec litusque ablata relictum
respicit et dextra cornum tenet, altera dorso
inposita est; tremulae sinuantur flamine vestes.

Rückwärtsgewandt, furchtsam schaut sie zurück, Europa, mit der rechten Hand hält sie das Horn des Stiers, die andere Hand liegt auf dem Rücken; vom Windhauch gebauscht flattern ihre Gewänder, – so, carissimi amici, beschreibt Ovid den heutigen Zustand Europas in lateinischer Sprache; und wie Europa den Stier nur mit einer Hand packt und furchtsam in die Vergangenheit starrt, so haben auch wir den Zustand Europas nur mit einer Hand gepackt –  der wirtschaftlichen Hand, der politischen Hand. Vielmehr: Europa, vielmehr: die Europäische Union  hat den ungebärdigen Stier nur mit einer Hand gepackt: der wirtschaftspolitischen Hand, der finanztechnischen Hand, der machtausübenden Hand.

„Wenn wirtschaftliche Gegebenheiten die Menschen auseinandertreiben und längst überwunden geglaubter Nationalismus neu erwacht, ist das Bekenntnis zum Dialog und zur Vielfalt des gemeinsamen Kulturraums wichtiger denn je. This is why the European idea, embodied in the legacy of Greek culture, will be a program focus at the Pierre Boulez Saal this season. Die europäische Idee, verkörpert durch das Erbe der griechischen Kultur, bildet deshalb einen Programmschwerpunkt im Pierre Boulez Saal.“ So schreibt es das in meinen Augen derzeit mit Abstand beste Buch zur europäischen Frage, welches auf meinem Schreibtisch aufgeschlagen ruht. Sein Titel:  „Pierre Boulez Saal. Die Spielzeit 2018/19“. Geschrieben und herausgegeben hat es PIERRE BOULEZ SAAL.

Pierre Boulez Saal – wie unterstellen einmal, es handle sich um einen Autor – lässt also den europäischen Kulturraum mit dem griechischen Erwachen Europas beginnen. Das gesamte spätere Geschehen im europäischen Kulturraum begreift Saal als Nachfolge, Verwandlung, Weitergabe und gleichsam als flatternden Saum der vom gewaltsamen Stier weitergetragenen Europa. Von Homer weht uns alle der Windhauch an, der die Gewänder der europäischen Kulturen flattern lässt! Homer inspiriert Vergil, Ovid, Horaz. Platon inspiriert Cicero, Seneca den Philosophen, Augustinus. Euripides inspiriert Seneca den Tragödiendichter. Vergil inspiriert Dante. Demosthenes und Isokrates wehen Cicero den Redenschreiber an. Ovid inspiriert diese kleine Betrachtung hier.

Der aus dem sorbischen Budyssin stammende Schriftsteller Simon Schaidenreisser ließ 1537 in Augsburg seine Homer-Übersetzung Odyssea mit einem herrlichen Holzschnitt erscheinen, der genau diesen Vorgang der aus Griechenland herwehenden Inspiration bildlich wiedergibt. Ein gewaltiger Luftzug geht aus dem Mund Homers hervor und bläst direkt in die offenen Münder Vergils, Ovids und Horaz‘ hinein, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Der Holzschnitt würde jedem Kupferstichkabinett dieser Erde zur Zierde gereichen, die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek aber hat ihn!

Ist Europa also etwas im Kern Griechisches? Ich meine: in dem hier betrachteten kulturellen Sinne geht Europa als Idee eindeutig aus griechischem Dichten, Denken, Bilden und Handeln hervor. Alle kulturellen Erscheinungen von europäischem Rang, das symbolische Band, das unser heutiges Europa zusammenhält, aber auch Sache und Begriff der Demokratie, entspringen nachweisbar aus griechischer Quelle. Schon die Römer selbst haben das so gesehen. Soweit wir heute noch römische oder lateinische Texte der Antike lesen, sind diese eingestandenermaßen aus Übersetzung, Umformung und Anverwandlung griechischer Texte entstanden. Das gilt für Vergil, Ovid, Cicero, Seneca, Caesar – sie alle strebten der griechischen Leitkultur nach, ihr höchster Ehrgeiz war es, den griechischen Vorbildern gleichzukommen oder sie noch gar zu übertreffen. Und alle großen europäischen Kulturleistungen entspringen aus dem Nachstreben! So versuchte etwa James Joyce Homers Odyssee zu übertreffen. Tomasi di Lampedusa strebte James Joyce nach und schuf etwas Neues – oder etwas Altes.

In diesem Sinne kann man tatsächlich von einer gewissen Einheitlichkeit der europäischen Kultur sprechen – sie reicht von Lissabon am Atlantik bis Jekaterinburg am Ural, von Edinburgh am Firth of Forth bis nach Heraklion auf Kreta.

Und das Politische? Politisch geeint war der Kontinent nie – vielleicht  von 2 oder 3 Jahrhunderten des Imperium Romanum abgesehen.  Europa, es war von jeher ein Kontinent staatlicher Vielfalt, politischer, ökonomischer, militärischer Konkurrenz – flatternder Säume, zerzauster Gewänder.

Zuversicht kann Europa zweifellos daraus erwachsen, dass es sich der gemeinsamen Tragwerke des europäischen Kulturraumes wieder bewusst wird.

Und noch etwas ist wichtig: Die europäische Idee ist etwas Körperliches, etwas Leibhaftiges. Sie lässt sich anfassen, anschauen, anhören. Die etwa 600 Lieder Franz Schuberts, die 32 Klaviersonaten Beethovens, die der Pierre Boulez Saal als kompletten Zyklus aufführen lässt, verkörpern, so meine ich, auf geradezu idealtypische Weise ein derartiges Tragwerk der europäischen Vielfalt. Ich werde mir diese europäischen Lieder anhören und sie singen.

 

Zitate:

Ovid Metamorphosen,  Buch II, vv. 873-875

Pierre Boulez Saal: Demokratie und Europa. Der Nikos-Skalkottas-Schwerpunkt, in: Die Spielzeit 2018/19, Berlin 2018, S. 8-9

Der erwähnte Augsburger Holzschnitt findet sich in folgendem Buch:
Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. C.H.Beck Verlag, 3. Auflage, München 2018, Abb. 44, S. 697

Bild: Europa auf dem Stier. Metallskulptur von Olivier Strebelle. Moskau, Europaplatz, entstanden 2002

 

 

 

 

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Mai 192018
 

Hier, auf allen diesen Bildern, sehen wir den Europaplatz in Berlin, aufgenommen in diesen herrlichen Tagen des Mai 2018. Ein Vergleich mit dem Europaplatz in Moskau drängt sich geradezu auf.

Über den 2002 gestalteten Europaplatz Moskau schrieb ich am 11. Mai 2018:
Aus dem europäischen Uccle stammte der Bildhauer Olivier Strebelle. Für den Europaplatz im europäischen Moskau schuf er 2002 diese kraftvolle, raumbeherrschende und doch spielerische Metallplastik „Die Entführung der Europa“. Den städtebaulichen Entwurf für diesen Platz Europas gestaltete der europäische Architekt Jurij Platonov.

Heute schreibe ich über den Europaplatz Berlin:
Kein Bildhauer schuf irgendeine Plastik für den Europaplatz in Berlin. An diesem Platz findet sich kraftvoll, und raumsperrend der Nachrückverkehr der Taxifahrer. PKWs, schimpfende Droschkenkutscher. Nachrücker. Ängstliche Fußgänger rennen in die Abfertigungshalle des Hauptbahnhofs. Eilig huschen Reisende vorbei. „Nur fort von hier“, sagen ihre Schritte. „Überall ist es besser als an diesem Europaplatz!“ Ein städtebaulicher Entwurf ist nicht erkennbar. Berlins Europaplatz ist ein Nicht-Ort.

Über den Europaplatz Moskau schrieben wir dagegen:
Wir erreichten heute nach einer Stunde Radtour diesen heiteren, sonnenbeschienenen Platz vor dem Kiewer Bahnhof im Moskauer Bezirk Dorogomilovo. Junges europäisches Volk belebte den Platz mit bunten Kleidern, munterem Wortwechsel und lässiger Muße.“

Am düsteren, 2005 angelegten Europaplatz Berlin lädt nichts, aber auch gar nichts zum Verweilen ein. Im Gegenteil, die Leuchttafel mit den Bus-Abfahrtzeiten fordert dazu auf, möglichst rasch das Weite zu suchen. Es wird nichts erzählt, es wird nichts vorgestellt, es wird nicht gelacht in Europa! So also stellt sich Deutschlands Hauptstadt Europa vor.

 

„Fröhlich flatterten die Fahnen aller 49 Staaten Europas im Hintergrund“, notierten wir in unser Moskauer Reisetagebuch.

Hier in Berlin notiere ich:

Europaplatz Berlin:
Sprachlos und kalt
stehn die Gefängnismauern in Moabit.

Nachts klirren die Fahnen im Winde.
Falsch: Nicht einmal Fahnen gibt es hier.
Fahrpläne um wegzukommen? Ja!
Hier herrscht Frost im Frühling.
Der Tod aller europäischen Symbolik,
Er zelebriert sich hier.

Ganz leise, heimlich und unbemerkt ritze ich in trüber Stunde folgende Bronzetafel in meiner Phantasie ein:

ZUM ZEICHEN DER ABWESENHEIT DER FREUNDSCHAFT
UND DER GEDANKENLEERE SOWIE
DES AUSEINANDERDRIFTENS DER MENSCHEN EUROPAS
HAT DER SENAT BERLINS 2005 BESCHLOSSEN
IN DER HAUPTSTADT DEUTSCHLANDS
DIESEN NICHT-ORT ANZULEGEN
UND IHN EUROPAPLATZ ZU NENNEN
WIR HABEN NICHTS ZU SAGEN ZU EUROPA
WIR GLAUBEN NICHT AN DIE EINHEIT EUROPAS
MIT SEINEN 49 STAATEN
WIR GLAUBEN ZWAR NOCH AN DEN EURO
UND AN DIE MACHT DES GELDES
UNS FÄLLT ABER NICHTS SINNVOLLES ZU EUROPA EIN

ES TUT UNS LEID EUROPA
EHRLICH

 

 

 

 

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Mai 112018
 

Europa als geographischer Raum erstreckt sich vom Atlantik bis zum Kaukasus und Ural.  Es ist geologisch eine Vorstreckung der großen eurasischen Landmasse, gekennzeichnet durch ein vielfältiges Kontinuum geologischer und biologischer Erscheinungsformen.

Europa als kultureller Raum manifestiert sich in fortlaufenden Metamorphosen seit etwa 3000 Jahren anschaulich in zeichenhafter, symbolisch aufgeladener Form in vergleichsweise einheitlichen, unendlich oft wiederkehrenden Gestalten. Zwischen diesen kulturellen Gestalten herrscht ein Kontinuum über die Jahrtausende in allen Ländern des heutigen Europa. Dabei gehen die Grundformen nie völlig verloren, sondern werden in unterschiedlichsten Brechungen immer wieder neu geschaffen.

Beispiele dafür sind…

…in der Architektur:

die griechischen Säulenordnungen, der griechische Tempel, die römische Basilika bzw. Säulenhalle, der römische Kuppelbau, der Stadtpalast der italienischen Renaissance

…in der Literatur:

die Verschriftung der kanonischen Überlieferung mithilfe eines Alphabets auf Grundlage des griechischen Alphabets; die Schriften der Bibel; Homer, Platon; das Sonett Petrarcas; das auf mehrere Personen verteilte Drama bzw. Theaterstück

…in der Musik:
die Ordnung der Töne im Oktavenraum nach festen Schritten in sieben Stufen, hiermit verbunden die Ausprägung der Tonarten Dur und Moll

Das gemeinsame Substrat aller europäischen Kulturen, aller europäischen Formensprachen bilden heute in allen 49 Ländern Europas a) die griechische Antike b) die römische Antike c) die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam.

Europa als politischer Raum umfasst im wesentlichen die 49 Staaten, die heute Mitglied des Europarates sind. Eine beschränkte Teilmenge dieses europäischen politischen Raums stellen die Staaten der EU dar.

Selbstverständlich gehören die Schweiz, die Ukraine, Bosnien-Herzegowina, Russland und Mazedonien in diesem dreifachen Sinne – geographisch, kulturell, politisch –   genauso zu Europa wie Frankreich, Polen oder Norwegen auch.

Bild:

Ein typischer Ausdruck Kern-Europas: die Front des Moskauer Puschkin-Museums, eine griechische Tempelfassade des 2. Jahrtausends n. Chr. aus dem Jahr 1912 n. Chr.
Aufnahme des hier schreibenden Verfassers vom 08.05.2018

 

 Posted by at 21:52
Mai 112018
 

Aus dem europäischen Uccle stammte der Bildhauer Olivier Strebelle. Für den Europaplatz im europäischen Moskau schuf er 2002 diese kraftvolle, raumbeherrschende und doch spielerische Metallplastik „Die Entführung der Europa“.

Den städtebaulichen Entwurf für diesen Platz Europas gestaltete der europäische Architekt Jurij Platonov.

Wir erreichten heute nach einer Stunde Radtour diesen heiteren, sonnenbeschienenen Platz vor dem Kiewer Bahnhof im Moskauer Bezirk Dorogomilovo. Junges europäisches Volk belebte den Platz mit bunten Kleidern, munterem Wortwechsel und lässiger Muße.

Fröhlich flatterten die Fahnen aller 49 Staaten Europas im Hintergrund.

Die Bronzetafel am Rand des Platzes klärte uns in französischer, russischer und englischer Sprache auf:

 

 

 

 

ZUM ZEICHEN DER STÄRKUNG DER FREUNDSCHAFT
UND
DER EINHEIT DER LÄNDER EUROPAS
HAT DIE REGIERUNG MOSKAUS BESCHLOSSEN
IN DER HAUPTSTADT RUSSLANDS
DIESES GEMEINSCHAFTSWERK ANZULEGEN
DEN PLATZ EUROPAS

 

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Mai 082018
 

Was mochte wohl die rätselhafte Zeile Petrarcas bedeuten:

I‘ vidi angelici costumi e bellezze celesti

Unklar dürfte hier vor allem das Substantiv „costumi“ sein. Im heutigen Sprachgebrauch könnte das Wort Gewohnheiten, Gebräuche, Gebärden, aber auch Gewänder, Anzüge oder Kostüme bedeuten.

Also zu deutsch etwa:
Ich sah engelhafte Gewänder und himmlische Schönheiten

Da aber im älteren Italienisch, etwa bei Dante oder Ariost, „costume“ auch „Eigenschaft“, „Kraft“, „Macht“, ja sogar „Wesen“ meint, scheint auch folgende Übersetzung erlaubt:

Ich sah englische Mächte und himmlische Schönheiten —

Was galt? So sang und sann ich endlos und wunderte mich beim erneuten Lesen und Singen von Liszts meisterhafter Vertonung des Petrarca-Sonetts.

Heute nun löste sich das Rätsel beim Besuch des Puschkin-Museums in Moskau. In der Sonderausstellung „Das Zeitalter Vermeers und Rembrandts. Meisterwerke aus der Leiden Collection“ fand ich das Gemälde Hagar und der Engel von Carel Fabritius.

Die Schau erregt einen Riesenandrang, wie es üblich ist, sobald einer der ganz großen Namen der Kunstgeschichte auf dem Titel steht.

Immer wieder drängten sich Betrachter vor mein gebanntes Auge. Wie sollte man da zur Besinnung kommen!

Und doch: Wie in einer plötzlichen Erscheinung fügten sich da sämtliche 14 Zeilen des Sonetts in eine einheitliche Schau! Gezeigt wird hier die wunderbare Errettung der von Abraham in die Wüste verstoßenen zweiten Ehefrau Hagar und ihres Sohnes Ismael. Dort drohen sie zu verschmachten, da errettet sie aus tiefer Not der Erzengel. Hagar und Ismael überleben, und Ismael wird Stammvater unserer heutigen „Ismaeliten“, also unserer heutigen Moslems.

Ich sah: alles hat hier der niederländische Maler Carel Fabritius hineingemalt:
Die Tränen der Hagar – bei Petrarca: lagrimar –
Das Weh und die Wehen einer Mutter, die ihr sterbendes Kind beweint – bei Petrarca: doglia
die plötzlich hinzutretenden Gewänder eines Engels – angelici costumi
die wunderbaren Kräfte eines göttlichen Boten – angelici costumi
die sprechenden Gebärden eines Verkünders der Rettung – angelici costumi
die urplötzlich aufstrahlende, aus dem Himmel fallende Schönheit Gottes – celesti bellezze

Und genau so etwas, oder so etwas Ähnliches, muss auch Petrarca und Franz Liszt vorgeschwebt haben. Oder auch etwas ganz anderes. Wer weiß dies?

Ich sah die ungeheuerliche, hereinbrechende Macht der Errettung aus Ausweglosigkeit, Hungertod, Verzweiflung! Das ist Schönheit, das ist das Gute, das ist Liebe, die die Angst und den Schmerz verschlingt, das ist unermessliche Gelöstheit und Heiterkeit.

Tanta dolcezza avea pien l’aere e `l vento!

 Posted by at 21:22
Apr 282018
 

Liszts Lied „I‘ vidi in terra angelici costumi“ in As-Dur entfaltet in diesen Augenblicken eine geradezu berauschende, eine betörende Wirkung auf mich, und ich konnte vor drei Tagen nicht umhin, es innerlich summend als Schmerzbetäubungsmittel bei einem Zahnarztbesuch zu verwenden. Ich lehnte jede schmerzlindernde Spritze ab. Wer dieses Lied in sich trägt, den ficht nichts mehr an. Und – diese List mit Liszts Lied wirkte!

Dem diamantengleich strahlenden Sonett Petrarcas verleiht Liszt Flügel. Er schleift in den Edelstein gewissermaßen Facetten hinein, er zerstäubt das Licht, er lässt es rauschen und flirren. Die Art, wie Liszt in diesem Lied und auch in seinen anderen Liedern mit enharmonischen Verwechslungen, mit endlos sehnenden Vorhalten, mit harmoniefremden Tönen spielt, wie er jähe Abschattungen des Harmonischen in seine scheinbar gerade Linienführung bringt, ist unerhört, ja sie nimmt Wagners Tristan-Harmonik um etliche Jahre vorweg.

Man vergleiche etwa die ersten sieben Takte des Liedes „Die Loreley“, 1841 entstanden, mit den ersten 15 Takten des Vorspiels zu Tristan und Isolde, und man wird erkennen, dass Wagner, der tolldreiste Freund und geistige Kupferstecher, im „Tristan-Akkord“ auf Liszts Pfaden wandelt – nicht umsonst berichtet er zuerst in einem Brief an den verehrten Komponistenkollegen Liszt im Jahr 1856, dass er die gedankliche Konzeption zu Tristan und Isolde ausgearbeitet habe!

Hier der Text des Sonetts von Petrarca, das Liszt so überwältigend in Töne gesetzt hat:

I’ vidi in terra angelici costumi
e celesti bellezze al mondo sole,
tal che di rimembrar mi giova e dole,
ché quant’ io miro par sogni, ombre e fumi;

E vidi lagrimar que’ duo bei lumi
ch‘ àn fatto mille volte invidia al sole,
et udì‘ sospirando dir parole
che farìan gire i monti et stare i fiumi.

Amor, senno, valor, pietate e doglia
facean piangendo un più dolce concento
d’ogni altro, che nel mondo udir si soglia;

ed era il cielo a l’armonia sì ’ntento
che non se vedea ’n ramo mover foglia,
tanta dolcezza avea pien l’aere e ’l vento !

Das absolut reglose Blatt am Baum, von dem Petrarca spricht, wir sahen es heute im Sonnenschein!

Quellennachweise:
Francesco Petrarca: Canzoniere. Introduzione e note di Piero Cudini. Garzanti editore, XV edizione, ottobre 1999, hier: CLVI, S. 221

Liszt: 25 Songs for voice and piano. Volume I. French and Italian (high). International Music Company. New York, ohne Jahresangabe; No. 3347. Darin: 4. I‘ vidi in terra angelici costumi, S. 23-28; sowie auch: Richard Miller: Preface. The Songs of Franz Liszt. S. vii-ix; (enthält die Notenbeispiele aus Liszts Loreley und Wagners Tristan-Vorspiel)

 Posted by at 22:23
Mai 172017
 

Athen, Jerusalem, Rom – das sind die drei symbolisch hochaufgeladenen Städte  und hochaufladenden Stätten, ohne die Europa, so wie wir es heute verstehen, nicht denkbar wäre. Athen verstanden hier – ganz im Gegensatz zu den östlichen, den asiatischen Herrschaftskulturen – als Brennpunkt griechischer Selbstbestimmung in einer Gemeinschaft ohne König, in einer enthusiastisch erregten Freiheitskultur, ohne theologische Letztbegründung irdischer Herrschaft; Geburtsstätte des herrschaftsfreien Redens über Letztes und Vorletztes, Wirkungsort des Areopags, des Sokrates, des Platon, des Aristoteles. In Griechenland sehen wir den Ursprung der Demokratie.

Jerusalem tritt hinzu als wichtigste Pflanzstätte des Eingottglaubens, Zielort und Quellort der drei großen Ein-Gott-Religionen, die als einzige Religionen der Antike bis in unsere Tage hinein wirkmächtig geblieben sind, die das gesamte Antlitz aller europäischen Länder nachhaltig in die Tiefe hinein umgeprägt haben. Ausnahmslos alle europäischen Länder sind mindestens seit 1000 Jahren und über mindestens 10 Jahrhunderte hinweg grundlegend durch das Judentum, das Christentum, den Islam umgewälzt und umgestaltet worden.

Erst in Rom schließlich fand der Gedanke der Staatlichkeit, der in dauerhaft ausgestalteten Institutionen ausgeübten, territorial verankerten Herrschaft eine weithin ausstrahlende Kraft. Den griechischen Stadtstaaten war dieser Gedanke einer personenunabhängigen, durch dauerhafte, kodifizierte Rechtsnormen eingehegten Staatsmacht noch fremd.

Alle staatlichen Gebilde, alle europäischen Kulturen beziehen sich seither mehr oder minder ausgesprochen auf Athen, Jerusalem, Rom.

Athen, Jerusalem, Rom! Alle unsere heutigen europäischen Nationalkulturen, alle unsere modernen Verfassungsstaaaten sind Übersetzungs- und Nachfolgekulturen dieser antiken Grundprägungen, dieser wenigen, klar benennbaren Grundmerkmale der europäischen, tief in der europäischen Geschichte verankerten Leitgestalten. Das eint sehr unterschiedliche Länder, alle 49 Staaten Europas wie etwa Ukraine und Belgien, Portugal, Russland und Dänemark, Bulgarien und Schottland, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Frankreich.

Die Länder des riesigen Länderbogens vom Maghreb bis nach Indonesien und Pakistan begreifen sich hingegen nicht als durch Athen, Jerusalem und Rom geprägt. Länder wie Marokko, Irak, Iran, Pakistan, Usbekistan, Pakistan sind in diesem kulturellen Sinne keine europäischen Länder; jedoch die Staaten Nordamerikas etwa, also Mexiko, die USA, Kanada  sind typologisch gesehen durchaus „europäische“ Länder.

Vgl. zu diesen Themen auch den lesenswerten, weiterführenden Aufsatz von Jens Halfwassen in der FAZ vom heutigen 17. Mai 2017! Er schreibt unter der Fragestellung „Was ist Nationalkultur?“

„Unter der europäischen Kultur verstehe ich nicht das sogenannte christliche Abendland, sondern den Gesamtzusammenhang der europäischen Kulturentwicklung seit den homerischen Epen, also die dreitausend Jahre europäischer Kultur, die wir aufgrund der erhaltenen Texte dieser Kultur überblicken können.“

Nationalkulturen oder gar die berühmten oder rätselhaften „Leitkulturen“ begreift er als unterschiedliche Ausprägungen desselben Grundtyps von kulturell getragener Staatlichkeit, der nach allem, was wir heute wissen, seit dem Scheitern der athenischen Demokratie vor 22 Jahrhunderten im demokratischen Verfassungsstaat seine vorerst letzte Ausgestaltung gefunden habe.

Er, der demokratische Verfassungsstaat, existiere in der europäischen Geschichte nur als Nationalstaat, nicht als kontinentales Reich oder gar globales Imperium.

Die Frage, ob die 49 europäischen Nationalstaaten, die sich als moderne Verfassungsstaaten begreifen, auf ein Jenseits des Verfassungsstaates zugehen sollen, also etwa Teile ihrer Souveränität an Staatenverbünde, etwa die EU, oder Verbände wie etwa Vertragsgemeinschaften abtreten sollten, wirft Halfwassen nicht auf.

Mit guten Gründen erklärt er die demokratischen Verfassungsstaaten zu der derzeit erkennbaren stabilen politischen Gestalt der Freiheit schlechthin.

 Posted by at 23:34
Jun 282015
 

Große Inszenierung des großen, des allergrößten Volkes des europäischen Theaters! Auch angesichts des heutigen europapolitischen Coup de théâtre dürfen wir nie vergessen, dass wir dem alten, dem uralten Griechenland sehr vieles, letztlich fast alles verdanken, worauf der europäische Weg in Ost und West beruht.

Die Griechen haben das reichste, das älteste Gedächtnis, zumal die griechische Sprache ununterbrochen viel weiter zurückreicht als jede andere heute noch verwendete europäische Sprache. Bei den alten Griechen gab es eine Un- und Überzahl von solchen, die vor sich selber schauspielerten: sie glaubten offenkundig das, was sie auf der großen Bühne vortrugen. Die Schauspieler des Aischylos und des Sophokles, ja Sophokles und Aischylos selbst glaubten das, was sie sangen, sagten, tanzten! Sie glaubten – vermutlich – an ihre Götter!

Aber warum sollen wir das glauben? Woran glauben wir überhaupt?“ Derartige unbequeme Fragen wurde Sokrates nicht müde zu stellen. Er spielte gewissermaßen bei den mannigfachen Theaterinszenierungen, aus denen ein großer Teil des griechischen Politik bestand, nicht mit. Er war der große Unzeitgemäße, der untypischste aller Griechen!

Τσίπρας: Ο λαός θα πει το μεγάλο «όχι»

Das große Nein, das große OCHI! Neuester Beweis des überragenden theatralischen Genius der Griechen: die Rhetorik, mit der der griechische Ministerpräsident das Referendum des 5. Juli 2015 ankündigt. Er greift dazu insgesamt – mit den Leitworten von Würde, Freiheit, Stolz und Volk – und in den Metaphern auf den griechischen Feiertag des 28. Oktober zurück. Der 28. Oktober wird bis heute jedem Schulkind in Griechenland gelehrt, er wird festlich begangen.

Damals, am 28.10.1940 wandte sich das stolze griechische Volk unter Führung des griechischen Diktators Metaxas gegen das erpresserische Ultimatum des stolzen italienischen Volkes unter Führung des italienischen Diktators Mussolini; so begann der italienisch-griechische Krieg, den Italien entfesselte und mit dem das so stolze Italien das nicht minder stolze Griechenland als weiteren Kriegsschauplatz eröffnete und in den 2. Weltkrieg hineinzog.

Das feierliche NEIN der Griechen gegen Italien ist bis heute ein nationaler Feiertag! Außerhalb Griechenlands ist der Festtag unbekannt. Ein weiterer schlagender Beweis dafür, dass die EU-„Partner“ unablässig aneinander vorbeireden. Freunde, amici miei: Wir wissen viel zu wenig voneinander.

War 1940 das erpresserische Italien der Feind, so glaubt der griechische Ministerpräsident heute das erpresserische Deutschland als Hauptgegner auszumachen.

So erleben wir im Jahr 2015 die feierliche Wiederkehr des 28.10.1940. Nil novi sub sole europeo!

Η Επέτειος του ΟΧΙ

Source: Επέτειος του Όχι – Βικιπαίδεια

 Posted by at 10:43
Nov 152014
 

Valéry Giscard d’Estaing: Europa. La dernière chance de l’Europe. Préface d’Helmut Schmidt. XO Editions, Paris 2014. Darin aufgeschlagen: Die Landkarte des neuen Europa auf S. 7-8
Michael Žantovský: Václav Havel. In der Wahrheit leben. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Hans Freundl. Propyläen, Berlin 2014. Darin aufgeschlagen: die Seite 280
Gesichtete Zeit. Deutsche Geschichten. 1918-1933. Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. Auflage, München 1987. Darin aufgeschlagen:  Die Geschichte von Joseph Roth: April. Geschichte einer Liebe, S. 177-197

Aus der Sicht erfahrener Staatsmänner bewerten Giscard und Helmut Schmidt den gegenwärtigen Zustand der Europäischen Union einhellig als im äußersten Maße gefährdet.  Sie konstatieren einen hinausgezögerten Offenbarungseid des institutionalisierten Europa. Der heutigen Europäischen Union in der jetzigen Gestalt räumen sie geringste Überlebenschancen ein. Nicht dem Euro bescheinigen sie das Scheitern, sondern nahezu allen anderen Institutionen der EU. Deshalb wählen sie auch den Titel: „Europas letzte Chance“, so als stünde die Europäische Union und damit Europa insgesamt kurz vor dem Scheitern.

Scheitert Europa, wenn die EU scheitert? Joschka Fischer stellte dieselbe Frage, machte sie in diesem Jahr zum Titel seines neuen Buches, so wie 1997 Arnulf Baring in seinem Buch dieses Titels fragte: Scheitert Deutschland? Aber scheitert Deutschland, wenn die Bundesrepublik Deutschland sich als souveräner Staat von innen heraus abschwächt und abschafft, wie sie dies ja derzeit offenkundig tut?

Gestern bestellte ich in dem Gasthaus Joseph Roth in der Potsdamer Straße nahe der Nationalgalerie in Berlin „Pečené hovězí s knedlíkem“ – ich verspürte einfach Lust und Berechtigung, als Reverenz an den nach eigenen Angaben in Schwabendorf bei Brody im Habsburgerreich geborenen und aufgewachsenen Joseph Roth in der Sprache des Kronlandes Böhmen eine Bestellung von Rinderbraten mit Knödel auf Tschechisch aufzugeben. Denn ich meinte, er hätte mich verstanden, wenn er als Kellner hier gearbeitet hätte.  „Also Rinderbraten mit Spätzle?“, fragte das Mädchen zurück. „Ja, mit Spätzle“, lenkte ich ein.

Ich hatte da bereits – beim Warten auf den Rinderbraten mit Spätzle – die Landkarte des neuen Europa aufgeschlagen, wie sie Giscard vorschlägt.

Der  ehemalige Vorsitzende des Verfassungskonventes der EU meint, man sollte die EU auflösen in einen Kernbereich von 12 Staaten, die sich ungesäumt einen einheitlichen Staatshaushalt´und ein gemeinsames Steuer- und Arbeitsrecht geben sollten. Dies neue Kunstgebilde, das aus dem absehbaren Scheitern der heute bestehenden EU hervorgehen soll, nennt Giscard (und vielleicht auch Helmut Schmidt) in lateinischer Sprache „Europa“.  Die anderen 16 Staaten der jetzigen EU sollten dann möglicherweise nach und nach diesem Europa beitreten, so sie denn wollen und können, so sie denn gelassen werden.

Spannend!

Wer ist dann drin in Europa? Wer ist dann draußen, gemäß der „vision ambitieuse“,  der „anspruchsvollen Vision“, wie Helmut Schmidt den Entwurf seines Freundes nennt (S. 15)?

Zu Europa sollen laut Giscard nur die folgenden 12 Länder  gehören: Portugal, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Irland, Polen, Finnland.

Nicht zu Europa sollen nach dem Vorschlag Giscards zunächst alle anderen europäischen Länder gehören, also z.B. die Eurozonen-Mitglieder Estland, Lettland, Griechenland, Slowakei, Slowenien, die EU-Mitglieder  Kroatien, Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Slowenien, aber auch die anderen, mindestens teilweise zum geographischen Europa gehörenden Nicht-EU-Mitglieder, etwa die Länder Ukraine, Türkei, Weißrussland, Russland, Serbien, Albanien, Schweiz.

Hier blieb mir der Rinderbraten im Halse stecken. Was würde Kaiser Karl IV. sagen, der auf der Prager Burg residierte, wenn er sähe, dass sein Stammland Böhmen nicht mehr zu Europa gehören soll? Was würde Václav Havel, der als Staatspräsident ebenfalls auf der Prager Burg residierte, sagen, wenn er sähe, dass die Tschechische Republik nicht mehr zu Europa gehören soll? Was würde Joseph Roth sagen, wenn er mitbekäme, dass sein Geburtsort Schwabendorf bei Brody in Galizien nicht zu Europa gehören soll?

Ich weiß es nicht. Mir gefällt es nicht, dass jetzt wieder Grenzen zwischen dem „eigentlichen“ Europa und den anderen „weniger europäischen“ Ländern gezogen werden. Wieso sollte Schwabendorf bei Brody weniger europäisch sein als Versailles bei Paris? Warum sollte Václav Havel weniger Europa repräsentieren als Helmut Schmidt? Warum sollte Joseph Roth weniger Europa repräsentieren als Valéry Giscard d’Estaing?

Fragen über Fragen! Die drei Bücher werden uns noch einige Tage mit diesen Fragen begleiten. Ich meine: Europa gehört allen Menschen. Wir dürfen keinen verlieren, wenn wir in der Wahrheit Europas leben wollen.

EUROPA – La dernière chance de l’Europe.

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