Jul 212017
 

Ein dumpfer Klangteppich aus klirrenden Gläsern, das Aufflackern von Zigarren und Zigaretten, Stoßen und Schubsen der Kellner umgibt den Augenblick, da Benjamin Bilse den Taktstock erhebt. Er ist dem Publikum zugewandt, die ersten Geigen sitzen von ihm aus gesehen rechts, die zweiten links, die vier Kontrabässe stehen mittig ganz hinten. So hat es Adolph Menzel festgehtalten. Seine Gouache ist seit heute in  der großartigen Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts zu sehen.

Johann Ernst Benjamin Bilse – er war der führende Dirigent der klassischen Musikszene Berlins, bereiste ganz Europa mit Dirigaten, seine Bilse’sche Kapelle galt als Berlins bestes Orchester, und doch knarrte und krachte es allenthalben! Die Musiker fühlten sich unter Wert gehandelt, unter Wert behandelt, und als Bilse sich 1882 erdreistete, die Musiker in der vierten Klasse der Eisenbahn auf eine Konzertreise zu schicken, kam es zur Sezession: 52 Musiker verließen im revolutionären Zorn die Bilse’sche Kapelle und schlossen sich zum Berliner Philharmonischen Orchester zusammen.

Es wurde eine echte Orchesterdemokratie und ist es bis heute geblieben! Man nennt sie heute weltweit die BERLINER PHILHARMONIKER.

Adolph Menzel: Konzert bei Bilse. Gouache 1871

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog herausgegeben von Catalina Heroven und Dagmar Korbacher. Erschienen im Imhof Verlag, Petersberg 2017, darin: Abb. 44 (Kat. 107)

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Jul 202017
 

Ein Höhepunkt unserer Radtour war am vergangenen Sonntag der Anblick dieser ältesten Darstellung Rathenows; dieses im Jahr 1571 für den Stadtschreiber Nesen gemalte Epitaph zeigt die Geschichte vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37). Die Familie der Stifterin Anna Hansen ist unten im Querformat zu sehen.

Jesus, selbst ein zutiefst gläubiger, offenkundig zutiefst von Zweifeln durchgeschüttelter Jude, auf dem Bild rechts zu sehen, erzählt diese Geschichte einem jüdischen Rechtskundigen, um eine Rechtsvorschrift aus dem 3. Buch Mose (Levitikus 19,18) zu erörtern. Im Vordergrund links gießt der Samariter dem Mann, den die Räuber überfallen haben, Öl und Wein in seine Wunden.

Was geschah dann? Das lesen wir aus dem darüber gemalten Bildfeld heraus: Der Samariter setzt den Verwundeten auf sein Pferd und bringt ihn zur weiteren Versorgung in die Stadt. In welche Stadt? Die Erzählung des Lukas  erwähnt doch keine Stadt, sondern eher so etwas wie eine Karawanserei, eine Unterkunft an der Landstraße!

Und doch wird eine Stadt dargestellt – es ist die Stadt Rathenow, und zwar in genau dem baulichen Zustand, den sie im Jahr 1571 gehabt haben dürfte. Die Heimatstadt Anna Hansens soll also zur Bühne werden, auf der sich die Geschichte vom Barmherzigen Samariter wieder und wieder ereignet. Der Horizont des Hier und Jetzt, der Horizont des Nächsten, also das Havelland, verschmilzt mit dem Horizont der Ferne der Geschichte des Evangeliums, die sich ursprünglich ja an der Straße von Jerusalem nach Jericho abgespielt hat.

So wird diese ferne Vergangenheit des Jahres 1571 vor dem Hintergrund des Evangeliums lesbar. Lesbarkeit des Bildes, Lesbarkeit der Welt!

Dieses Grabbildnis konnte die furchtbare mehrtägige Feuersbrunst im Frühling des Jahres 1945 nur überdauern, weil der Pfarrer es in weiser Vorahnung in den Turm eingemauert und dadurch vor Plünderung und Brand bewahrt hatte. Nach dem Kriegsende wurde es wieder aus dem Mauerversteck befreit.

Der Ursprung des Evangeliums wird also in Rathenow erneuert. Im Betrachter entspringt eine Wiedervergegenwärtigung dieser Geschichte von Verbrechen und Rettung, von Abgrund und Aufstehen. Das Nächste, die unmittelbare Umgebung, wird im Nächsten, im Menschen an deiner Seite zur Heimstätte der aufscheinenden Wahrheit. Denn das griechische Wort πλησίον kann sowohl die Person des Nächsten bedeuten wie auch den adverbial zu verstehenden Nahbereich, also „das Nächste“.

καὶ τίς ἐστίν μου πλησίον; Diese Frage des jüdischen Gesetzeslehrers (Lk 10,29) lässt sich auf zweierlei Art übersetzen: Wer ist denn mein Nächster?, oder: Wer ist mir denn am nächsten?

Lukas, der von Beruf Arzt war und ein sehr gepflegtes Griechisch schreibt, verwendet die griechische Wendung ἰδὼν ἐσπλαγχνίσθη, um die Reaktion des Samariters bei der Begegnung mit dem Verletzten zu beschreiben. Das lässt sich ungefähr so wiedergeben: „Bei diesem Anblick ging es ihm durch die Eingeweide, es durchfuhr ihm den Bauch„. Im Samariter geschieht also etwas Leibhaftiges, er kann sich nicht schützen, er lässt es sich erbarmen. Er überlegt also nicht lange: Was ist meine sittliche Pflicht?, sondern er fühlt eine innere leibhafte Regung. Er leidet mit!

In Erinnerung an Paul Celans Gedicht „Unlesbarkeit“ wage ich zu schreiben:

LESBARKEIT dieses Bildes, Lesbarkeit
dieser Welt. Die Doppelung

der Horizonte verschmilzt in
Herz, Lunge, Leber und Milz.

Im Zeitspalt, in imo abyssi,
zutiefst eingeklemmt,
entspringst du dir. Das Du. Rette,
tue das und leben wirst du
in Rathenow.

 

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Jul 202017
 

Wie konnte es dazu kommen? Warum hast du das getan? Warum habe ich das getan? Diese Frage legtest du, Augustin, dir selbst vor, und du legst sie auch uns vor. Im zweiten Buch deiner Bekenntnisse erzählst du, wie du einmal im Alter von sechzehn Jahren mit anderen halbwüchsigen Jungs, cum nequissimis adulescentulis, in einen Nachbargarten einbrachest. Du hattest eigentlich keinen Hunger, du hättest jederzeit etwas anderes essen können, keinerlei Zwang trieb dich. Du hattest Lust auf das Verbotene. Das Böse war dein Ziel. Du wolltest das Böse um seiner selbst willen, nicht zur Erreichung eines Vorteiles. Die meisten Äpfel warfet ihr weg oder warfet sie den Schweinen vor die Schnauzen.

Für deine Ehrlichkeit kann ich dir gar nicht hoch genug danken, Augustinus. Ich glaube, du hast uns auch heute noch etwas zu sagen. Wir fragen uns oft, ich frage mich oft: warum? Sie – also zum Beispiel Rodolfo Graziani oder Émile Hennequin, Leo „Trotzki“ Dawidowitsch Bronstein oder Feliks Dzierżyński (um nur einige wenige der zahlreichen politischen Massenverbrecher des 20. Jahrhunderts zu nennen) – waren nicht gezwungen dies zu tun. Niemand gab ihnen den Befehl, Befehle zum Massenmord an unbeteiligten Zivilisten zu erteilen. Sie gaben gewissermaßen Aufträge zum Massenmord aus freien Stücken, ohne daraus einen persönlichen Vorteil zu ziehen. Es überkam sie nicht. Es war keine Tat der anderen. Sie haben ihre Verbrechen gewollt, geplant und ausgeführt.

Doch, sie haben es getan. Sie waren nicht gezwungen dies zu tun.

Augustin, du zeigst uns, dass der Wille zum Bösen auch offenkundig unmotiviert in uns aufsteigen kann. Das Böse ist in uns angelegt, es ist gewissermaßen in uns hineingelegt. Goethe sagt oder schreibt es irgendwo einmal, soweit ich mich erinnern kann: Ich spüre in mir die Anlage zu jedem Verbrechen.

In deinen Erinnerungen an deine kleineren und größeren Vergehen oder Verbrechen, zeigst du uns, Augustin, dass es häufig nicht des Anstoßes von außen bedarf, um das Böse zu tun. Der Anstoß, der Haß kommt scheinbar grundlos von innen. Und diese Grundlosigkeit, das ist die Erfahrung des Abgrundes: mein Herz war im tiefsten Abgrund, cor meum in imo abyssi, schreibst du.

So beschreibst du es in deinem eigenen feurig lodernden Latein – und ich zitiere dich ohne deine Erlaubnis:

Et ego furtum facere volui, et feci, nulla compulsus egestate, nisi penuria et fastidio iustitiae et sagina iniquitatis. nam id furatus sum, quod mihi abundabat et multa melius; nec ea re volebam frui, quam furto appetebam, sed ipso furto et peccato. arbor erat pirus in vicinia nostrae vineae, pomis onusta, nec forma nec sapore inlecebrosis. ad hanc excutiendam atque asportandam nequissimi adulescentuli perreximus nocte intempesta, quousque ludum de pestilentiae more in areis produxeramus, et abstulimus inde onera ingentia non ad nostras epulas, sed vel proicienda porcis, etiamsi aliquid inde comedimus, dum tamen fieret a nobis quod eo liberet, quo non liceret. Ecce cor meum, deus, ecce cor meum, quod miseratus es in imo abyssi. dicat tibi nunc ecce cor meum, quid ibi quaerebat, ut essem gratis malus et malitiae meae causa nulla esset nisi malitia. foeda erat, et amavi eam; amavi perire, amavi defectum meum, non illud, ad quod deficiebam, sed defectum meum ipsum amavi, turpis anima et dissiliens a firmamento tuo in exterminium, non dedecore aliquid, sed dedecus appetens.

S. Aurelii Augustini Confessiones, ed. Car. Herm. Buder, Lipsiae 1837, p. 24 [=Liber II, c. IV], litteris pinguibus ipse scripsi

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Jul 192017
 


2017_07_20_Wir geben den Ton an_Einladung (1)

Einen warmen, sommerlich-beschwingten Abend erwarte ich morgen, Donnerstag, im Kupferstichkabinett am Kulturforum, einem der bedeutendsten Museen unserer an Museen nicht eben armen Hauptstadt. Eröffnet wird um 19 Uhr unter dem Titel „Wir geben den Ton an“ eine Ausstellung zum Thema „Musik in der Zeichnung“. „Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse.“ Musik als gezeichneter Augenschmaus? Das klingt vielversprechend.

Frage: Ob es wohl so etwas wie das Musikalische in der Zeichnung, das Zeichnerische in der Musik gibt? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen, es liegt außerhalb meines Fachgebietes, aber ich will mehr dazu erfahren. Gerade heute weidete ich mich an einigen Betrachtungen über „Dichterische und malerische Musik“; verfasst hat sie vor über hundert Jahren Albert Schweitzer, veröffentlicht wurden sie zuerst 1905 in französischer, 1906 dann auch in deutscher Sprache. Heute noch lesenswert!

Es spielt morgen ein junges Blechbläserensemble, das Berlin Concert Quintett.

Der Eintritt ist frei. Alle sind eingeladen zu kommen, lauschen, schauen, plaudern.

Lesehinweis: „Dichterische und malerische Musik“. In: Albert Schweitzer, J. S. Bach, Wiesbaden 1976, S. 382-398

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Jul 182017
 

Wir beginnen am vergangenen Sonntag die Tour über den durchweg sehr gut ausgeschilderten Radfernweg Brandenburg am Bahnhof Kirchmöser. Schnurgerade zieht sich die Straße zwischen dem Gelände der alten Pulverfabrik und den weitläufigen Gleisanlagen hin. Am ehemaligen Nordtor thront seit nunmehr neun Jahren machtvoll diese alte, 23 m lange Dampflok der Baureihe 52.

Über die alte Plauer Brücke fahren wir über die Havel weiter in Richtung Briest.

Was blüht denn da?

Es ist der Buchweizen, in den sich einige blau leuchtende Kornblumen eingeschlichen haben! Buchweizen, scheinbar ein Getreide wie Weizen auch, in Wahrheit jedoch ein Knöterichgewächs, wird als Grütze гречневая каша con variazioni auch heute noch viel in Russland gegessen. In Deutschland erfreut er sich in urbanen Ökokreisen wachsender Beliebtheit. Ein unverkennbarer, schal-süßlicher Geruch schwebt über den weiten Feldern.

Von Pritzerbe setzen wir mit der Fähre über nach Kützkow. Zwei Fischer gehen ihrer Arbeit nach.

Die Kreissparkasse rettete dieses alte Kirchengebäude in Milow. Der alten Leopoldsdorfer Kolonistenkirche, bereits in den 60er Jahren entwidmet, drohte der Abriss. Doch der neue Eigentümer vermietete das Gebäude an die Kreissparkasse, die das Gebäude 1999 mit einem Teil der Innenausstattung sanierte und seither für eigene Zwecke nutzt.

Der feuchte, warme Juli hat eine unglaubliche Pracht und Fülle auf den Wiesen wachsen lassen. Ruderalvegation, Blumenwiesen, überall trinkt sich das Auge satt an den buchstäblichen „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl völlig zu recht voraussah. Der gesamte Landstrich, der Naturpark Westhavelland, wirkt heute sehr gepflegt, beruhigt und beruhigend. Eine Labsal für den Städter! Die Natur wirkt hier alles!
Und fehlt’s ihr an Menschen im Quartier,
sie nimmt bunte Blumen als Schmuck dafür!

In Rathenow fällt uns am Schleusenplatz das Kurfürstendenkmal auf. Dieses Sandsteindenkmal errichtete die Stadt dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. (dem Großen Kurfürsten), der die Stadt 1675 durch die Schlacht bei Fehrbellin von der damaligen militärischen Großmacht Schweden befreite, die versucht hatte, einen Teil des Kurfürstentums Brandenburg dem eigenen Königreich einzugliedern.

Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche überragt die Stadt Rathenow. Errichtet um 1280, wurde sie im 15. und 16. Jahrhundert zu einer gotischen Hallenkirche umgebaut. In den letzten Kriegswochen des 2. Weltkrieges brannte sie mehrere Tage lang nieder. Doch der Gemeinsinn der Bürger, insbesondere der Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche hat sie in Teilen schon wieder aufgebaut; die Rathenower Bürger arbeiten liebevoll an der Ausgestaltung des geistlichen Raumes und beleben die Kirche durch Konzerte, Lesungen und Ausstellungen.

Als sehr zuverlässigen Begleiter nutzten wir am vergangenen Sonntag folgenden Radreiseführer:
Tour Brandenburg. Rund um Berlin durch ganz Brandenburg. Bikeline Radtourenbuch. 3., überarbeitete Auflage, Verlag Esterbauer, Rodingersdorf 2014, S. 18-23

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Jul 172017
 

„Französische Polizisten hatten am 16. und 17. Juli 1942 im Auftrag der deutschen Besatzer 13000 Juden verhaftet, darunter 4000 Kinder. Ein Großteil von ihnen wurde in der Winter-Radsporthalle (Vélodrome d’Hiver) eingepfercht. Anschließend wurden sie von der SS in Sammel- und Konzentrationslager in Frankreich verschleppt, später in Vernichtungslager.“ So schreibt es heute, am 17. Juli 2017, die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf S. 5 (Fettdruck durch dieses Blog). Die Razzia und Deportation vom 16. und 17. Juli seien also nicht im Auftrag des Französischen Staates, nicht im Auftrag der Pariser Polizei, sondern im Auftrag der Deutschen erfolgt.

Ganz anders, ja geradezu im Gegensatz zu dieser Feststellung der bekannten deutschen Zeitung äußerte sich gestern der französische Präsident Macron bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Razzia vom Vél d’Hiv. Kein einziger Deutscher sei an der Organisation der Razzia beteiligt gewesen. Die Verantwortung für die Razzia und Deportation liege beim Französischen Staat und bei Frankreich, nicht bei den deutschen Besatzern. Wir zitieren beispielhaft als Beleg zwei öffentlich zugängliche Quellen:

http://www.francetvinfo.fr/politique/emmanuel-macron/75e-anniversaire-du-vel-d-hiv-le-discours-tres-emouvant-d-emmanuel-macron_2285904.html

«Pas un seul Allemand» ne participa à l’organisation de cette rafle, a ajouté le chef de l’État, qui a dit être «ici pour que se perpétue le fil tendu en 1995 par Jacques Chirac», le premier président de la République à reconnaître la responsabilité de l’État français dans les persécutions antisémites. Le régime de Vichy, organisateur de la rafle, «ce n’était certes pas tous les Français mais c’était le gouvernement et l’administration de la France», souligne Emmanuel Macron.

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2017/07/16/01016-20170716ARTFIG00064-c-est-bien-la-france-qui-organisa-la-rafle-du-vel-d-hiv-declare-emmanuel-macron.php

Wer hat nun recht, die heutige FAZ mit ihrer Behauptung, Frankreich habe im Auftrag der deutschen Besatzer gehandelt, oder der französische Präsident, Frankreich habe damals am 16. und 17. Juli in eigener Verantwortung gehandelt? Wer hat die Deutungsmacht über die Geschichte?

Nun, eine kurze Internet-Recherche ergibt für mich am heutigen Tage folgendes Bild: Der unmittelbare Auftrag für die Razzia und Deportation stammt nachweislich vom Pariser Polizeidirektor Émile Hennequin; nachlesbar und dokumentiert als Rundschreiben Nr. 173-42, unterzeichnet von eben diesem französischen Polizeichef. Der mittelbare Auftrag, die Fachaufsicht für diesen konkreten Auftrag oblag wiederum den zuständigen Stellen des Französischen Staates, also der durch die Französische Nationalversammlung gewählten legitimen Regierung Frankreichs unter Führung des legitim zur Macht gekommenen Staatsoberhauptes Pétain. Hier ist als Fachaufsicht an erster Stelle der damalige französische Kabinettschef Pierre Laval zu nennen, der für seine eigenständig erteilten Weisungen und Befehle zur Verfolgung und Deportation der in Frankreich versteckten europäischen Juden oft, jedoch keineswegs immer die Zustimmung der deutschen Besatzer einholte.

FAZIT: Die deutsche FAZ verfälscht die historische Wahrheit, wenn sie behauptet, die französischen Polizisten hätten am 16. und 17. Juli „im Auftrag der deutschen Besatzer“ gehandelt.

Dem französischen Präsidenten Macron ist hingegen nach allem, was uns heute an Quellen und Forschungen zugänglich ist, zuzustimmen.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Rafle_du_V%C3%A9lodrome_d%27Hiver

Bild: Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin, Aufnahme 17. Juli 2017

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Der Kopf der Natter spricht

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Jul 162017
 

Ich: Borstige Blattrosette im ersten Jahr.
Lanzettliche Blätter, wechselständig.
Erst sind rot in der Knospe die Blüten,
Rosa dann und blau erst ganz geöffnet.

Euch Menschen soll ich wohl gefallen? Mitnichten!
Dafür verantwortlich: Änderungen des Zellsäuregehalts,
zelluläre Innenverhältnisse, da staunt ihr, was?
Dennoch: den Bienen besonders, aber auch andren Insekten,

Biete ich mit meinen geöffneten, noch rosafarbenen
Blüten wohlschmeckenden Seim, den klebrigen Nektar.
„Natternkopf“, einen ganz gewöhnlichen nennt ihr mich,
Pah! Fürchtet ihr meine weit herausragenden

Staubblätter, die euch an meine Muhme die Schlange
Gemahnen? S’ist nur mein Fraßschutz vor euch, Menschen!
Das habe ich mir einfallen lassen, ebenso auch
Die steifen Borstenhaare, meinen Stolz!

Ihr nennt mich giftig? Ich bekräftige: Jeder Fraßschutz
Ist recht und richtig vor euch, ihr Menschen!
Ich kenne nichts Gewöhnlicheres als euch, ihr Räuber!
Ihr verbannt mich ins Unkraut, im Ödland tummle ich mich,

Auf Felsen, im Bahngelände, auf Schuttflächen, im Abweg,
Da bin ich zuhaus. Wisst ihr denn, was dies bedeutet?
Was es mir bedeutet? Starrer Hansl, Natterngezücht,
„Echion vulgare“, Stolzer Heinrich, so nennt ihr mich.

Ich nenn euch undankbar, vulgär, gemein! Wegelagerer,
Irrtümler, Unbehauste, „Bipous vulgaris“, bleiche Riesen,
So nenn ich euch, Menschen, ihr allzu Gewöhnlichen!
Ihr begreift mich nicht, werdet mich nicht erfassen, so sei es!

Meine tiefen trichterförmigen Blüten sind euch verschlossen,
Ihr Ungründlichen! Es ist gut so, ihr Menschen.
Ich blühe weiter, unbeachtet von euch. Ich komm schon zurecht.
Ich brauche euch nicht. Geht mir aus dem Schatten!

Ich bleibe sitzen auf meinen Borstenhaaren,
Bin ein Raublattgewächs und bleibe es auch
Und will euch nicht gleichen, EUCH – NIE!

Wertvolle Hinweise und Auskünfte zum besseren Verständnis des hier zitierten Gewöhnlichen Natternkopfes lieferte uns folgendes vortreffliche Werk:
Margot und Roland Spohn: Welche Blume — ist das? Über 450 Blumen Europas. Kosmos Naturführer, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2017, hierin: „Gewöhnlicher Natternkopf. Echium vulgare (Raublattgewächse)“, S. 189

Foto: gewöhnlicher Natternkopf, aufgenommen heute auf einer Radtour in der Nähe von Mögelin/Brandenburg

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Doppelter Schein

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Jul 152017
 

UNLESBARKEIT dieser
Welt. Alles doppelt.
 
Die starken Uhren
geben der Spaltstunde recht,
heiser.
  
Du, in dein Tiefstes geklemmt,
entsteigst dir,
für immer.

Diese Zeilen von Paul Celan fallen mir beim Betrachten des obenstehenden Bildes ein. Der Gasometer scheint in ein unwirkliches Licht getaucht. Nein, der Eindruck täuscht: Das Licht scheint aus ihm hervorzubrechen. Ja, wahrhaftig, es entsteigt dieser leeren Hülle! Darauf erfolgt ein Einspruch: Nein, so ist es nicht! Dieses Stahlgerüst gleicht in Wahrheit einem aufgegebenem Uhrturm, den Siedler anderer Zeiten, die unsere Erde längst verlassen haben, kurz vor ihrer Abreise entkernt haben. Aber siehe, auch das ist nur Schein. In Wahrheit, so scheint es, bereiten sie ihre Ankunft vor.

Zitatnachweis des Gedichtes von Paul Celan:
Werner Hamacher: Unlesbarkeit, in: Paul de Man: Allegorien des Lesens. Aus dem Amerikanischen von Werner Hamacher und Peter Krumme. Mit einer Einleitung von Werner Hamacher. Frankfurt, Suhrkamp Verlag, 1988 [=edition Suhrkamp 1357], S. 7-26, Zitat hier: S. 23

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SENSATION: Glucke führt ihr Völklein aus! Bächlein rauschen in dem Sand! Unverdroßne Bienenschar fleucht! Weizen wächst mit Gewalt!

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Jul 082017
 

Morgen am Sonntag, dem 9. Juli,  findet um 18.00 Uhr ein kleines sommerliches Konzert in der Kreuzberger Kirche St. Bonifatius, Yorckstraße 88, statt. Es eignet sich besonders auch für Kinder, die allmählich an die Musik herangeführt werden sollen. Ich spiele und singe selbst dabei mit. Auch ihr Lesende seid mir alle willkommen. Besonders freue ich mich auf das Singen des Liedes „Geh aus / mein hertz / und suche freud Jn dieser lieben sommerzeit“. Es hat 15 Strophen!

Mit Gewalt setzte heute der Sommer ein! Der erste Tag, an dem der pralle Sommer zu Mittag in uns alle fährt. Im Hans-Baluschek-Park mache ich Halt und nehme die Blumenwiese auf. Zuhause suche ich die älteste gedruckte Fassung des Evergreens von Paul Gerhardt heraus. Sie lautet so:
1
Geh aus / mein hertz / und suche freud
Jn dieser lieben sommerzeit
   An deines Gottes gaben:
Schau an der schönen gärten zier
Vnd siehe / wie sie mir und dir
   Sich außgeschmücket haben.

2
Die bäume stehen voller laub /
Das erdreich decket seinen staub
   Mit einem grünen kleide
Narcissus und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an /
   Als Salomonis seyde.

3
Die lerche schwingt sich in die luft /
Das täublein fleugt aus seiner kluft /
   Und macht sich in die wälder.
Die hochbegabte nachtigal
Ergötzt und füllt mit jhrem schall
   Berg / hügel / thal und felder.

4
Die glucke führt ihr völcklein aus /
Der storch baut und bewohnt sein haus /
   Das schwälblein speist die jungen /
Der schnelle hirsch / das leichte reh
Ist froh und kömmt aus seiner höh
   Ins tiefe graß gesprungen.

5
Die bächlein rauschen in dem sand
Vnd mahlen sich und ihren rand
   Mit schattenreichen myrthen:
Die wiesen ligen hart dabey
Und klingen gantz vom lustgeschrey
   Der schaf und jhrer hirten.

6
Die unverdroßne bienenschaar
Fleucht hin und her / sucht hie und dar
   Jhr edle honigspeise.
Des süssen weinstocks starcker saft
Bringt täglich neue stärck und kraft
   Jn seinem schwachen reise.

7
Der weitzen wächset mit gewalt
Darüber jauchzet jung und alt /
   Und rühmt die grosse güte
Des / der so überflüssig labt /
Und mit so manchem gut begabt
   Das menschliche gemüthe.

8
Ich selbsten kan und mag nicht ruhn:
Des grossen Gottes grosses thun
   Erweckt mir alle sinnen /
Jch singe mit / wenn alles singt /
Und lasse was dem Höchsten klingt
   Aus meinem hertzen rinnen.

9
Ach denck ich / bist du hier so schön /
Und läßst dus uns so lieblich gehn
   Auf dieser armen erden /
Was wil doch wol nach dieser welt
Dort in dem vesten himmelszelt
   Vnd güldnem schlosse werden?

10
Welch hohe lust / welch heller schein
Wird wol in Christi garten seyn /
   Wie muß es da wol klingen /
Da so viel tausent Seraphim /
Mit unverdroßnem mund und stimm
   Jhr Alleluja singen.

11
O wär ich da! o stünd ich schon /
Ach süsser Gott / für deinem thron
   Und trüge meine palmen:
So wolt ich nach der Engel weis
Erhöhen deines Namens preis 
   Mit tausent schönen psalmen.

12
Doch wil ich gleichwol / weil ich noch
Hier trage dieses leibes joch /
   Auch nicht gar stille schweigen /
Mein hertze sol sich fort und fort /
An diesem und an allem ort
   Zu deinem lobe neigen.

13
Hilf mir und segne meinen Geist
Mit segen / der vom himmel fleußt /
   Daß ich dir stetig blühe:
Gib / daß der sommer deiner gnad
In meiner seelen früh und spat
   Viel glaubensfrücht erziehe.

14
Mach in mir deinem Geiste raum /
Daß ich dir werd ein guter baum /
   Und laß mich wol bekleiben /
Verleihe / daß zu deinem ruhm
Jch deines gartens schöne blum
   Vnd pflantze möge bleiben.

15
Erwehle mich zum Paradeis
Vnd laß mich bis zur letzten reis
   An leib und seele grünen:
So wil ich dir und deiner Ehr
Allein / und sonsten keinem mehr /
   Hier und dort ewig dienen. 

Gedruckte Erstfassung hier zitiert nach:
1653. Paul Gerhardt: Sommergesang. Mel. Den Herren meine seel erhebt. In: Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Christian Wagenknecht. [=Epochen der deutschen Lyrik in 10 Bänden. Herausgegeben von Walther Killy. Band 4], 2., verbesserte Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 207-209

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„Die Deutschen wollen mich loswerden“

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Jul 042017
 

Das vergangene Wochenende sah mich für 30 Stunden in der französischen Hauptstadt; dienstliche Belange hatten mich hingeführt. In diese Zeit fiel sowohl die Beisetzung des deutschen Politikers Helmut Kohl wie auch die Nachricht vom Hingehen der französischen Politikerin Simone Veil, welche beiden Ereignisse wir erschüttert zur Kenntnis nahmen.

Daneben nutzte ich auch die Vielzahl französischer Fernsehsender, um mir einen Überblick über das Zeitgespräch und die Lage der französischen Geisteswelt zu verschaffen. Schon am Tag nach der Rückkehr berichtete ich es meinem bevorzugten Gesprächspartner Goethe.

„Hätten Sie den französischen Schauspieler Fabrice Luchini noch erleben dürfen, so wären Sie wohl in Ihrem Urteil über die heutigen Schauspieler weniger unnachsichtig geworden!“, begann ich vorsichtig meinen Bericht von einem der französischen Salons. „Ich sah ihn auf dem Schauspiel „On n’est pas couché“ am vergangenen Samstag auf France 2 gar artig seinen Molière preisen, ja er fand sein besonderes Vergnügen daran, einige Verse dieses unnachahmlichen, fast schon ans Tragische streifenden Meisters zu rezitieren. In dreierlei verschiedenen Betonungen trug er ein und denselben Vers Molières vor; sein Publikum in der Talkshow „On n’est pas couché“ lauschte ihm hingerissen. Luchini ist ein Schauspieler, der die hohe Kunst der Rezitation ein Leben lang an Meistern des Wortes wie Molière, Valéry, Flaubert, Proust geschult hat und damit auch heute noch in Paris die Säle füllt!“

„Sie vergessen dabei“, versetzte Goethe unmutig, „daß Luchini in Frankreich lebt! Dort wissen sie die Großen ihrer Nation zu schätzen, statt sie immerfort loswerden zu wollen wie dies nicht nur dem kaum mehr gelesenen Immanuel Kant, sondern auch mir selbst widerfährt. Ich kenne nach dem Verstummen Gustav Gründgens‘, Klaus-Maria Brandauers und Thomas Holtzmanns keinen deutschen Schauspieler, der meinen Pylades, meinen Mephisto, meinen Egmont einigermaßen genau, leidenschaftlich und glaubhaft darzustellen vermöchte. Weshalb es denn auch nicht wundern kann, daß auch die deutschen Abiturienten mich nicht mehr kennen, nicht mehr schätzen, nicht mehr lieben, ja nicht einmal mehr bekämpfen. Kurzum: Meine Vorbehalte gegenüber den heutigen deutschen Schauspielern bleiben ungeschmälert bestehen. Sie werden falsch ausgebildet und kennen mich nicht und können kein gutes Deutsch mehr.“

Wieder befiel den alten Herrn der Mißmut, den ich schon des öfteren an ihm gesehen. Er tat mir zuinnerst leid und so forderte ich ihn auf, den Blick hinüber auf unsere westlichen Nachbarnationen zu wenden, an deren geistigen Schätzen er sich doch ein Leben lang immer wieder erfreut habe.

Goethe nahm das Zuspiel willig auf. Seine Stimmung hellte sich beim Gedanken an Frankreich auf. Er sprach erneut wie schon vor Tagen von Napoleon, den er weiterhin glühend verehrte, und fuhr fort:

„Molière, Racine, Voltaire, Diderot und einige andere Franzosen waren für mich ein Leben lang meine Vorbilder. Sie waren ähnlich den italienischen Malern meine europäische Leitkultur, ihnen strebte ich eifernd und ehrgeizig nach. Ich wollte für die Deutschen das werden, was Molière und Racine für die Franzosen geworden. Aber vergeblich. Ich konnte es ihnen nie zu Danke machen. Die Deutschen wollen mich alle loswerden.“ Goethe schwieg einige Augenblicke. Vorwurf und Mißmut belasteten die Atmosphäre.

„Luchinis Begeisterung für Moliere teile ich freilich durchaus“, fuhr er nach einigem Zögern fort. „Ich lese von Molière alle Jahr einige Stücke, so wie ich auch von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern betrachte. Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns anzufrischen.“

In diesem Augenblick läutete es hell von einer Fahrradklingel auf der Gasse. Ich blickte hinunter. Der Mond schien als freundlicher Geselle herunter auf uns kleine Menschen. Ich wurde erwartet! Mir hüpfte das Herz vor Freude!

Ich verabschiedete mich von Goethe zugunsten jüngerer Gesellschaft, nicht ohne ihn noch mit ein paar Versen aus seinem unsterblichen

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz

erfreut zu haben, und verließ ihn in der Hoffnung, ihm aus einer verdrießlichen Stimmung herausgeholfen zu haben.

Hinweise:

Eckermann, Gespräche mit Goethe, 12. Mai 1825

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Singt freudig euch empor!

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Jul 032017
 

Aus der Gemeinde von St. Norbert erreichte mein Smartphone gestern beim Warten in Paris am Flughafen Charles de Gaulles der folgende Bericht, den wir hier einrücken. Auch heute abend erwartet uns ja wieder eine Chorprobe, auf die wir uns schon freuen.

Viel zu lächeln und zu lachen gibt es gibt es immer, wenn wir am Montag abends buchstäblich den Staub des Alltags abschütteln, den Körper in gute Form klopfen, Stimme und Atem geschmeidig lockern. Jede Chorprobe mit Chorleiterin Ute Rosenbach beginnt mit einer Einstimmung von Körper, Stimme und Geist. Darauf folgen einfache Tonübungen, Summen, Singen, Sprechen: die ganze bunte Palette der unentdeckten Möglichkeiten wird geboten.

Ein schönes Aufatmungs-Erlebnis war in genau diesem Sinn das Chorwochenende in der Musikakademie Rheinsberg. Hier widmeten wir uns Ende März vor allem der Musik für die Gottesdienste zu Karfreitag und zu Ostern. Wo einst Kronprinz Friedrich seinen Quantz studierte, probten wir die Johannespassion von Thomas Mancinus: ein derbes, schonungsloses Theater, das vor allem die Gerichtsszenen des Evangeliums ohne jede Beschönigung entfaltet! Dieses schreiend ungerechte Drama stand dann im Mittelpunkt unseres Beitrages zum Karfreitag. Wir verkündeten erneut in St. Norbert das Leiden Jesu Christi, ebenso schroff wie dies um 1600 Thomas Mancinus, der Wolfenbütteler Hofmusiker getan hat.

Aber auch die strahlend schöne Klage des Tomás Luis de Victoria „Popule meus, quid feci tibi – Mein Volk, was hab ich Dir denn angetan?“ begeisterte uns. Sie trug uns fliegend durch die stillen Lande hin. Der Katholik Tomás de Victoria komponierte diesen Gesang in denselben Jahren wie der Lutheraner Thomas Mancinus!

Zu Ostern priesen wir dann endlich befreit die Auferstehung zusammen mit einem fulminanten Blechbläserquartett in zeitgenössischen Sätzen. Wir waren also zu Ostern wieder im 21. Jahrhundert angekommen. Ein großer Erfolg! Eine Auferstehung!

Schwingt freudig euch empor! Neue Menschen und neue Stimmen sind uns immer willkommen. Wir treffen uns regelmäßig am Montag um 19.30 Uhr im Pfarrsaal von St. Norbert, Dominicusstr. 19 B, 10823 Berlin. Dann geht’s aber richtig los! Jede Chorprobe mit Ute Rosenbach bietet als Zusatzgewinn kostenlosen Gesangs- und Stimmunterricht vom feinsten. Der eigentliche Sinn des Chorgesanges, das Lob Gottes, verschmilzt also mit der Kräftigung und Stärkung von Körper, Stimme und Geist im Singen. Menschendienst wird durch den Chor Teil des Gottesdienstes.

Ein Mal im Monat bieten wir nach Ansage zusätzlich am Sonntag um 10 Uhr als „Generalprobenchor“ das vorsichtige Reinschnuppern für Neugierige an, als würde man erst einmal vorsichtig den Fuß ins kalte Wasser stecken, ehe man sich uns Schwimmbad stürzt. Dort nehmen wir Neugierige und Neulinge unter die Fittiche und führen die geprobten Lieder und Sätze gleich anschließend im Gottesdienst auf. Das belebt, erfrischt und macht Freude.
Gottesdienst ist Menschendienst. Kommt, hört, singt!

Quelle:
miteinander. Pfarrnachrichten der katholischen Gemeinde St. Norbert – Berlin. Juli / August / September 2017, S. 18-19

Foto: Blick auf das Floß des Odysseus. Holzfiguren des Künstlers Tony Torrilhon. Aufgenommen am Ufer des Grienericksees bei Schloss Rheinsberg während des Chorwochenendes am 24. März 2017.

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Im Treibhaus

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Jun 302017
 

Kurzes Aufatmen nach den sintflutartigen Regenfällen der letzten 30 Stunden! Wie in einem Treibhaus ist es heute Mittag. Langsam und schwer kriechen die Menschen aus ihren Quartieren hervor. Die Sonne steht nur als trüber Schein über der Stadt. Ein Erkundungsgang führt mich ins Schöneberger Habichtsquartier am alten Lokschuppen. Werde ich das lockende Gickern des Habichts hören, das ängstliche Anschlagen der Amseln?

Hochgewölbte Blätterkronen spannen sich wie Baldachine über üppig wucherndem Rankenwerk. Schweigend neigen sich die Zweige, kein menschlicher Tritt ist zu vernehmen. Wie einsam ist’s hier! Schwere Tropfen rinnen die Blätter herab. Da hinter mir, das Aufrauschen des Windes, ein sanftes Rascheln!

Ich wende mich: Ein schwerer Vogel nimmt den Ansitz wohl drei Klafter über mir. In seinen Krallen hält er blutiges Gekröse. Ein prachtvolles Tier! Die braungebänderte Brust zeigt ihn eindeutig als Habicht an, die stattliche Größe – wohl ein halber Arm eines Kriegers – weist den Vogel als Weibchen aus. Deutlich über 1 Kilo wird es schon wiegen!
Herrisch wendet das Tier den Kopf hin und her. Wer wagt es? Nein, dich stört hier niemand, und auch ich bin dein Feind nicht!

Schließlich aus innen heraus – der Entschluss zum Abflug. Du stürzt dich hinab in die grünen Tunnel, weit breitest du die Schwingen aus und fliegst berührungslos hindurch durch das Rankengemenge, über den Mulch hin, als wäre es Deine Bahn, Deine Spur, Dein Revier!

Foto: Habichtweibchen, aufgenommen heute um 13.25 Uhr im Natur-Park Schöneberger Südgelände

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Über die Entstehung des Neides aus der Bewunderung

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Jun 262017
 

„Is this what my consulship is going to consist of, Tiro? A year spent running back and forth between the patricians and the populists, trying to stop them tearing one another to pieces?“

„Soll denn etwa mein Konsulat in so etwas bestehen, Tiro? Soll ich ein Jahr damit verbringen, zwischen dem Establishment und den Populisten hin und her zu laufen? Soll ich versuchen sie daran zu hindern, einander in Stücke zu reißen?“

Die ungeheure Überlegenheit Ciceros über seine Zeitgenossen hat zweifellos kaum einer so gut erkannt wie sein Schreiber Marcus Tullius Tiro, dem wir einen großen Teil der Überlieferung der Ciceronianischen Schriften verdanken. Ja, ich gehe weiter: ein Mann, dem Cicero so viel anvertraut hat, konnte gar nicht verhindern, dass seine eigene Persönlichkeit in die Diktate Ciceros mit einfloss! Kongenialität! Tiro war, so dürfen wir vermuten, eine Art schattenhaftes Gewissen Ciceros.

Und kongenial nähert sich der britische Schriftsteller Robert Harris diesem Schriftsteller-Duo an. Harris ist derjenige, den du unter den derzeitigen Historien-Schriftsellern am meisten bewunderst. Du bewunderst Harris wegen seines umfassenden, bildlichen Verstehens hochkomplexer Lagen so sehr, dass du ihn schon beneidest, ja – dass du dir in Zeiten moralischer Schwäche fast vorstellen könntest, ihn zu hassen.

Ich frage: „Neid, der aus Bewunderung erwächst? Haß, der aus Neid erwächst?“

So ist es wohl… Es denkt in dir: „Warum er und nicht ich? Warum versteht er Cicero und Tiro besser als ich ihn bis dahin verstanden habe?“ Woher kommt ihm diese Einfühlungsgabe, sich in die Psyche eines Politikers (in Lustrum), eines Finanzjongleurs (in Fear Index), eines Massenmörders (in Fatherland) hineinzuversetzen?

Ja, so entsteht Neid, so kann auch Hass entstehen. „Warum er und nicht ich?“ Das ist die Wurzel des Neides.

Doch ist dies nur eine dunkle, kaum eingestandene Regung.

Du betrachtetest gestern lange die stille Horizontlinie des Wannsees. Der Sand lag zu unseren Füßen, wir waren eine Stunde lang die einzigen Badegäste an diesem Ort, der bei großer Hitze bis zu 5000 Menschen zugleich aufnimmt.

Es war einsam um uns dort. Himmel und See blieben bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, der von drüben, dort wo die weiße Villa am Wannsee ruhte, allerlei trübe und schwer lastende Gedanken herüberwehte.

Der langsame Aufstieg auf den in roten Ziegeln gemauerten Turm im Grunewald brachte die Befreiung von der Ahnung des Neides. Die Bewunderung trat wieder hervor. Und zuletzt setzte ein heftiger, fröhlicher Regen ein. Ich danke dir für alles, was du geschrieben hast, Robert.

Zitatnachweis:
Robert Harris: LUSTRUM. Hutchinson, London 2009, hier Seite 20

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Drei Frauen beantworten die Frage: Was ist deutsch?

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Jun 242017
 

Nach Neil MacGregor, Dieter Borchmeyer, Thomas de Maizière, deren Thesen und Bücher wir eifrig gelesen haben, kommen nun Angela Merkel, Toni Garrn und Anne-Sophie Mutter in der BILD zu Wort. Grandioser Bilderbogen zu dieser Frage, die eine typisch deutsche Frage ist!

Hier drei erste Beobachtungen:
Das Gestern soll keinen Bann über das Heute ausüben. Es herrscht in dieser BILD – im Gegensatz zu den drei genannten Männern – ein Blick auf das vor, was die Deutschen heute und morgen sind, heute und morgen sein wollen – nicht auf das, was sie früher waren!

Das Hier und Jetzt zählt. Was wollen wir sein, was wollen wir für unsere Kinder? Gut gemacht von den Frauen!

Goethe und Schiller, Kant und Hegel, Thomas Mann, Kafka und Albert Einstein spielen dabei keinerlei Rolle. Das Deutschland der männlichen, allzu männlichen Dichter und Denker ist endlich vorbei.

LIES DAS:

BILD Deutschland. Unabhängig. Überparteilich.  22. Juni 2017, passim, darin besonders:

„Was ist deutsch?“. Bundeskanzlerin Angela Merkel buchstabiert unser Land. Seite 2

„Adiletten können so sexy sein.“ BILD trifft Top-Model Toni Garrn. Seite 4

Anne-Sophie Mutter. „HIMMLISCH! Meine Top 10 der deutschen Klassik.“ Seite 8-9

 

Diese BILD-Ausgabe wurde überall kostenlos in die Briefkästen geworfen. Neben den Büchern und Thesen von Dieter Borchmeyer, Neil MacGregor und Thomas de Maizière unbedingt lesenswert. BILD lesen lohnt. Lösungswort des Preisrätsels übrigens: Das bringt nur BILD.

Bild: ein märkisches Kornfeld mit Blumen. Schorfheide. Hier. Jetzt.

 

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Was war früher anders?

 Helmut Kohl  Kommentare deaktiviert für Was war früher anders?
Jun 182017
 

Die lange Kohl-Nacht„, eine sechsstündige, sehenswerte Dokumentation aus Anlass des Todes von Helmut Kohl.

http://programm.ard.de/TV/Programm/Jetzt-im-TV/?sendung=28111137269121

Wir verneigen uns respektvoll vor dieser großen Persönlichkeit Helmut Kohl.

Das hindert uns aber nicht daran, dieses authentische, in alle Ausführlichkeit ausgebreitete Material mit wachem Sinn anzusehen. Und dies fällt auf, dies sind ersten Eindrücke, die täuschen mögen, die aber doch haften bleiben:

  1. Es wurde damals noch herzhaft vor laufenden Kameras geraucht, teils Pfeife wie von den Herren um Helmut Kohl, teils Zigarette wie von Günter Gaus und Helmut Schmidt.

2. Es wurden noch vor laufender Kamera ausführliche Fragen gestellt, so insbesondere durch den unvergessenen Günter Gaus. Die Menschen hatten mehr Zeit für langes, beharrliches Fragen und Antworten, Werken und Schaffen, langes beharrliches Arbeiten und Feiern, Singen und Tanzen, Spielen und Lernen. Es gab weniger Ablenkungen.

3. Es gab bei den Deutschen noch ein lebendiges Gefühl, ein Volk zu sein. Man litt öffentlich und privat an der Teilung Deutschlands durch Stacheldraht und Mauer, man betrauerte in Deutschland öffentlich auch die eigenen Opfer, die eigenen Toten, nicht nur die Opfer und die Toten der früheren Kriegsgegner. Man, oder besser gesagt Politiker wie Adenauer, Schumacher, Brandt, Genscher, Kohl und viele andere arbeiteten tatkräftig vor allem am Aufbau der Demokratie in Freiheit und Würde, an der Aussöhnung und der Freundschaft mit den früheren Feinden zweier Weltkriege.

4. Weniger Wert als heute wurde auf die unermüdliche Pflege, systematische Vertiefung, wissenschaftliche Untermauerung, Bekanntmachung und symbolische Weitergabe der Gefühle von deutscher Schuld, deutscher Schande und deutschen Verbrechen gelegt, mit denen unsere Schulkinder heute in Deutschland heranwachsen. Man lebte damals noch im Gefühl, es sei nicht alles schlecht in der deutschen Geschichte vor 1933 gewesen; man versuchte damals, die Jahre 1933 bis 1945 als zwölf verbrecherische Jahre, als großen Sündenfall und große Ausnahme und absoluten Tiefpunkt darzustellen und zu überwinden und setzte sie noch nicht wie heute als überzeitlich bannende, mythische, absolute Größe, in deren nächtlichem Schatten die Deutschen als Kainsvolk und als Tätervolk ewige Zeiten leben müssten.

5. In den 50er, 60er und 70er Jahren wurde noch vor laufenden Kameras die korrekte indirekte Rede verwendet! Diese sehe, so erklärten es uns damals unsere Deutschlehrer, grundsätzlich den früher Konjunktiv Präsens genannten, heute meist als Konjunktiv I der indirekten Rede bezeichneten Konjunktiv vor; dieser Konjunktiv Präsens, so erklärten sie uns damals, sei nur im Falle der Gleichheit von Konjunktiv I und Indikativ Präsens durch den Konjunktiv II, der früher meist als Konjunktiv Imperfekt bezeichnet worden sei, zu ersetzen.

6. Auch früher, in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland, wurde geschimpft, auch früher wurde hart an der Grenze zur Beleidigung gestritten, aber alles geschah noch mit einer gewissen Mäßigung. Kritiker der herrschenden politischen Mehrheitsmeinung wurden nur ausnahmsweise als Feinde oder Verräter beschimpft und als Nazis verunglimpft.

7. Die gesprochenen Sätze waren damals, in den 50er und 60er Jahren länger, die damalige deutsche Sprache wirkt von heute aus gehört gepflegter. Der Historiker Dr. Helmut Kohl, der offenkundig noch richtig gutes Latein gelernt hatte, bildete in seinen frühen Interviews in den 60er Jahren aus dem Stegreif heraus lange, an den klassischen Vorbildern Demosthenes, Isokrates, Caesar und Cicero geschulte Perioden. Sie sind heute noch hörenswert!

Bild: Auch Kohls Leistung und Kohls Verdienst: Die Flagge des Europarates, d.h. die Flagge aller 47 europäischen Staaten flattert froh auf dem Deutschen Bundestag in Berlin, gleichberechtigt, auf derselben Höhe wie die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland. Aufnahme vom 16. Juni 2017, nachmittags, am Todestag Helmut Kohls

 

 

 

 

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Wu de Hosen Husn haaßn… oder: Wo sind wir zuhaus?

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Jun 132017
 

Hanne spricht:

Wo de Hosen Husn haaßn
un de Hasen Hosn haaßn
do sei mer drham.

Wo sind die daheim, die so etwas von sich geben? Ein lustiges Rätsel, gar manchem Deutschen unlösbar, und doch ist dies Rätsel ein Kinderspiel im Vergleich zu den Schwierigkeiten, denen sich einer jener Hunderttausenden syrischer, ägyptischer oder eritreischer Migranten gegenübersieht, wenn er im Erwachsenenalter ohne jegliche Vorkenntnisse in einer europäischen Sprache mit dem Lernen des Deutschen als Fremdsprache (DaF)  beginnt!

Hannes erzählt:

Wir recht du hast, Hanne! Gar manche, ja viele Geflüchtete in meinem Bekanntenkreis besuchen seit 10 oder noch mehr Wochen den deutschen Sprachkurs und können immer noch nicht die so wichtigen Konsonanten p/t/k bzw. b/d/g oder die Vokale o (kurz-lang) und u bzw. e und ä unterscheiden oder nachbilden! Sie kennen und können sie nicht. Sie werden stattdessen offenkundig im Sprachunterricht bombardiert und vollgestopft mit geschriebenen Texten und Formeln, mit abstraktem Regelwissen, mit zu vielen Einzelwörtern, aber sie können und kennen die Laute nicht. Ein Unding!

Hanne erwidert:

Ganz meine Rede, das erfahre ich ebenso in meinen Kursen! Da sind wir auf einer Wellenlänge: Es ist wirklich wichtig ein ö vom u und vom i zu unterscheiden! Nimm können, kennen, Kissen, küssen… Die isolierten Laute und die einfachen zweisilbigen Wörter wie etwa Mama, Papa, Hase, Hose, zuhause, daheim, spielen, schlafen, essen, küssen, kennen sind das geeignete Ausgangsmaterial. Sie treten zusammen zu einfachsten Ausrufen und Sätzen, zu einfachsten Reimen und Liedern, die nach und nach den Mutterboden bilden, in den sich behutsam zarte Würzlein des grammatischen Regelwissens einsenken können.

Hannes bekräftigt:

Ich stimme dir zu!  Die Schulung von Ohr und Stimme ist das A und O beim Anfängerunterricht für Migranten im Erwachsenenalter; sie ist das unerschütterliche Fundament, ohne das jeder Sprachunterricht auf Sand gebaut ist. Ich habe das damals in meiner Zeit als DaF-Dozent wie auch heute immer wieder bemerkt, zum Beispiel auch bei den erwachsenen Zuwanderern hier.

Hanne:

Besonders wichtig für die muttersprachliche Lehrerin ist es, sich ein deutliches Bild von den Lauten der deutschen Sprache zu machen. Ich als Lehrerin muss vorbildlich klar, eindeutig und wahrnehmbar artikulieren, damit sich die einzelnen Laute dem Ohr der Lernenden einprägen.

Hannes fragt:

Was rätst du uns nun? Wie kann sich der künftige Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in die Klippen und Fallstricke  der deutschen Lautgebung einarbeiten?

Hanne antwortet:

Vor allem muss sich die Deutsch-Lehrkraft selber der leiblichen und organischen Vorgänge beim Sprechen durchaus bewusst werden. Ohne bewusstes, vorbildliches  Sprechen findet kein sinnvoller Unterricht für Lernende im Erwachsenenalter statt! Mir hat es damals bei der Selbstausbildung meiner Sprechwerkzeuge und bei der Vorbereitung für den DaF-Unterricht geholfen, die folgenden Bücher zu Rate zu ziehen:

Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Verlag Schott, Mainz
Egon Aderhold / Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag, Berlin
Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens. Nach dem Urtext von Julius Hey. Neu bearbeitet und ergänzt von Fritz Reusch. Verlag Schott, Mainz

Hannes drängt ungeduldig:

Komm doch nun endlich zur Lösung des Rätsels, das dem Buch „So spreche ich richtig aus“ entnommen ist:

Wo de Hosen Husn haaßn
un de Hasen Hosn haaßn
do sei mer drham.

Woher stammen diese Menschen?

Hanne nennt die Lösung:
Aus dem Erzgebirge.

Beleg:
Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Verlag Schott, Mainz, 2. Auflage 2011, S. 21

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Schritte von der Verdachtskultur zur Kultur des Vertrauens

 Freude  Kommentare deaktiviert für Schritte von der Verdachtskultur zur Kultur des Vertrauens
Jun 102017
 

Die Berliner Landes- und Bezirkspolitik erzeugt parteiübergreifend allzu oft eine Kultur des Verdachts, zum Beispiel indem sie Angst vor Veränderungen schürt, indem sie den Wandel aussperrt, indem sie starr am Vorhandenen festhält. Man gewinnt oft den Eindruck, die paternalistische Politik Berlins wollte das freie Handeln freier Menschen verhindern und traue ihnen nichts zu. Die Verhängung einer Erhaltungsverordnung – gekoppelt mit der Aufforderung an die Bürger, „verdächtige Baumaßnahmen“ zu melden – ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Allein schon das Wort „Verdachtsgebiet“ spricht Bände! So viel Verzagtheit, so viel Missmut, so viel Angst prägt ein solches Vorgehen, wie man es wieder und wieder im Bundesland Berlin sehen kann! Dabei hat nachweislich eine derartige typisch Berliner Verhinderungspolitik – zu der auch das Verbot privater Ferienwohnungen gehört – das unleugbare Steigen der Mieten weder verhindern noch verlangsamen können; und auch private Investoren ziehen sich zunehmend aus dem Wohnungsbau zurück. Wen wundert’s?

Um so wichtiger war es mir heute, dagegen kräftige Zeichen des Vertrauens aufzunehmen, sobald sie sich bieten würden! Und so geschah es! Angesagt war heute das Ordnen meines reichen Notenbestandes.  Dazu kauften wir ein Regal zum Selberbauen. Ein Möbeltaxi brachte es nachhause. Ich knüpfte ein Gespräch mit dem Fahrer an. Sein Name war Ismael. Sofort stellte sich eine Vertrauensbasis her. Denn Ismael, das ist ja der erstgeborene Sohn Abrahams, gezeugt mit der Magd Hadschar oder auch Hagar, wie sie bei uns meist genannt wird. Wie die meisten anderen biblischen Gestalten auch, so erscheint der Urvater Abraham oft eher schwach, ja zwielichtig. Die Art, wie er Hadschar und den gemeinsamen Sohn Ismael in der Wüste aussetzt, wird schonungslos sowohl in jüdischen wie auch in muslimischen Quellen geschildert: er gibt den Einflüsterungen seiner Erstfrau nach und verstößt Mutter und Sohn in die wasserlose Wüste. Clemens Brentano hat dieses Schicksal sehr ergreifend und voller Mitgefühl besungen:

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

Das Fehlverhalten Abrahams wird weder in der Bibel noch im Koran beschönigt. Und doch wird dieser verstoßene Erstling Abrahams zum Stammvater der Muslime weltweit werden, auf den sie sich heute alle noch beziehen! In der wunderbaren Errettung Ismaels aus der wasserlosen Wüste erblicken viele Muslime einen besonderen Gnadenbeweis – „und Gott findet dich…“, wird Brentano in seinem grandiosen Gedicht „Der Traum der Wüste“ dichten.

Nicht überrascht war ich, als auch mein heutiger Ismael berichtete, dass er aus einer mehr oder minder aus dem Land getriebenen Minderheit stamme, nämlich der türkischen Volksgruppe, die bis vor kurzem noch in Bulgarien wohnte. Wir plauderten freundschaftlich über dies und das, und schon bald hatten wir das Ziel erreicht, und ich konnte endlich meinen gesammelten Notenbeständen (Bach, Beethoven und den anderen Gefährten) eine neue, sichere Heimat namens Billy gewähren.

Mein Gespräch und die Taxifahrt mit Ismael bedeutete den Übergang vom Verdachtsgebiet der Berliner Politik  in das Vertrauensgebiet der Berliner Menschen.- Weitere Schritte in das Vertrauensgebiet brachte dann eine kurze Rast in der herrlichen Labungsstätte des Namens Rüyam – „mein Traum“ heißt das auf Türkisch. Und der Wüstentraum manifestierte sich hier als rein pflanzlicher Kebap; eine echte Delikatesse Schönebergs! Die Menschen dort im Rüyam zeigen alle viel Herz – und wer hätte das gedacht? Als hätten sie geahnt, dass wir sehr durstig waren, schenkten sie uns noch zwei Becher Ayran dazu. Einfach so, es gab keinen echten Anlass; es war eine Geste der Menschenfreundschaft.

Und damit ist auch das merkwürdige Erlebnis, durch die Politik plötzlich das eigene Wohngebiet zum „Verdachtsgebiet“ erklärt zu wissen, abgehakt und überwunden! O nein, ihr Politiker, wir leben hier ganz und gar nicht im Verdachtsgebiet, sondern offenkundig in einem Vertrauensgebiet, einem Gebiet der Mitmenschlichkeit und der Menschenfreundschaft.

Brentano, dessen Herz auch für Ismael schlug, klingt hier erneut nach:

Dann wehet Friede,
klingender Lieder
glänzender Lauf,
ringelt sich nieder,
wallet hinauf.

 

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Vogelgrippe, Faulbrut, Ebola, Botulin-Neurotoxine: Leben im Verdachtsgebiet

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Jun 102017
 

Achtung, Achtung! Wir leben in einem VERDACHTSGEBIET! Eine wichtige Warnung erreichte uns gestern von seiten des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg: Unser Wohnbezirk ist zu einem Verdachtsgebiet erklärt worden.

Die Frage drängt sich auf: Was ist ein Verdachtsgebiet?

Antwort: Verdachtsgebiete werden überall dort erklärt, wo erste Anzeichen auf das Vorhandensein einer Seuche hinweisen: das kann die Vogelgrippe sein, das kann die Maul- und Klauenseuche sein, das kann der  chronische viszerale Botulismus als Tierseuche sein, das kann Ebola sein. Das war noch zu Hegels Zeiten die Cholera in Berlin, zu Boccaccios Zeiten war es die Pest in Florenz. Die Behörden verhängen dann im Verdachtsgebiet Maßnahmen wie etwa Sperrbezirke, Zugangskontrollen, Freilaufverbote, Stallpflicht, Desinfektionsmaßnahmen und ähnliches.

Als derartige Seuchensymptome werden ganz offenkundig in Berlins Bezirken auch Wohnungssanierungen, Modernisierungen, Einbau von Wannenbädern und übermannshoch gefliesten Badezimmern, Einbau von behindertengerechten Aufzügen, ja überhaupt Baumaßnahmen in bestehenden Wohnungen und ähnliches betrachtet.  Treten gehäuft derartige Symptome auf, dann kann die Verwaltung eine Erhaltungsverordnung nach § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BauGB erlassen, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern.

Folgerichtig werden immer mehr Wohngebiete zu Verdachtsgebieten erklärt. Jetzt hat es auch uns erwischt! Wir Bürger wurden gestern durch ein Anschreiben des Bezirksamtes aufgerufen, verdächtige Symptome auf einem vierseitigen Fragebogen an das Büro TOPOS Stadtforschung zu melden. Wir kommen dieser Aufforderung selbstverständlich nach. Schließlich lebt niemand gern dauerhaft in einem Verdachtsgebiet. Man möchte ja schließlich Gewissheit haben, dass die Seuche der Sanierungs-, Modernisierungs-, Erhaltungs- und Baumaßnahmen in Wohngebieten sich nicht weiter ausbreitet. Man möchte wieder ruhig schlafen können, wie man es tat, als man noch nicht wusste, in einem Verdachtsgebiet zu leben. Die Bezirkspolitik und die Behörden werden uns schon vor der Seuche schützen, das ist immerhin ein Trost.

Gleichwohl fällt nunmehr ein Schatten auf das Wohnen im Verdachtsgebiet. Der seuchenkundige Bürger wird verunsichert und aufgeschreckt, mehr noch: es entsteht ein allgemeines Misstrauen gegenüber dem Wandel, eine allgemeine Kultur des Verdachts durch derartige behördliche Maßnahmen.

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Lerne zu zweifeln!

 Sokrates  Kommentare deaktiviert für Lerne zu zweifeln!
Jun 072017
 

ZWEIFEL, dieses Leitwort des europäischen Künstlers Lars Ø. Ramberg soll nach dem Willen der drei europäischen Gründungsintendanten des neuen Humboldt-Forums Bredekamp, MacGregor und Parzinger auf die Ostseite des Daches des Humboldt-Forums übertragen werden. Ein witziger Vorschlag, der erheblichen Charme aufweist; das ganze Unterfangen des restaurierten Schlosses würde gewissermaßen mit einem ironischen Knick versehen, so als sollten wir alle das nicht glauben, was da vor unseren Augen aus Ruinen wieder auferstanden ist. Eine Denkerfurche, tief eingegraben in die Stirn des Schlosses! Daran, dass wir am Stadtschloss zweifeln, ist somit kein Zweifel mehr möglich. Die eingegrabene Denkerfurche Rambergs beweist dies unwiderleglich.

Aber siehe, selbst diese Furche ist nur ein Schein, ein Lichtschein nämlich. Ihr entspricht kein echtes Sein im Stein!

Und damit sind wir mittendrin in dem nicht endenden und nicht beendbaren Gespräch, dieser Auseinander-Setzung, diesem Befragen, Bezweifeln und Überprüfen, das seit Sokrates ein unterscheidendes Merkmal der europäischen Geisteshaltung ist. In außereuropäischen Kulturen kommt dieser ständige Zweifel als Grundmerkmal – soweit ich es beurteilen kann – nicht vor.

Lerne zu zweifeln! Lehre uns zweifeln, o Sokrates! Damit wird in der Tat die Grundhaltung des Zweifelns, die am Anfang des im engeren Sinne europäischen Geistes steht, in monumentalen Leuchtbuchstaben vor Augen geführt. Lerne zu zweifeln, lerne alles und alle sowie nicht zuletzt auch dich selbst in Frage zu stellen. Glaubst du denn wirklich, was du siehst? Ist echte Tapferkeit wirklich das, was du dir darunter vorstellst? Diese und zahllose andere Fragen stellte zuerst und am nachhaltigsten der Steinmetz Sokrates von Athen.

Lerne zu zweifeln! Der Vorschlag der drei Intendanten verdient, so meine ich, ausführliche Bezweiflung.

Lesehinweis:
Im Zweifel für das Kreuz. Von Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2017, Seite 11

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Aug in Aug mit dem Luchs

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Jun 052017
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen und brachte uns wieder
Parkrind und Wolf, das wollige Schaf, die trächtigen Sauen auf schorfiger Heide!
Aug in Aug verharrte ich da beim geschmeidigen Luchs, der
dehnte und reckte sich, schnappte den Brocken des blutigen Fleisches,
welches ihm hinwarf die eilige Schaffnerin, die uns erklärte,
Leben und Beute des Luchses, wie er sich schlägt und mehrt.
[…]

Gute, endlose Zwiesprache zu Pfingsten mit den Tieren und Menschen im Wildpark Schorfheide! Besonders angetan hat es mir heute der Luchs, den ich noch nie so lange ungestört beobachten konnte. Anschließend wanderten wir zu Fuß zurück zum Bahnhof Groß Schönebeck, besahen die Kirche und das Jagdschloss. Alles schön, alles gut, ein zauberhafter Tag im Sonnenschein und voll üppigem Grün!

 Posted by at 20:13