Okt 212014
 

“Was die beiden [Michel Sapin und Emmanuel Macron, A.d.Bloggers] da im Interview mit der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vorgeschlagen haben, ist im Grunde ein Textbuch-Beispiel für die wirtschaftspolitische Koordination in einer Währungsunion. Alle Teilnehmer stimmen ihre Wirtschaftspolitik so ab, dass sie für den Euroraum insgesamt optimal ist.”

“Ohne eine demokratisch legitimierte europäische Wirtschaftsregierung ist eine Haushaltskoordinierung unmöglich.”

via Wirtschaftspolitik: Koordination funktioniert in Europa schlecht – SPIEGEL ONLINE.

Diese frisch zupackenden, sachlich zutreffenden Sätze Wolfgang Münchaus  sind  “Textbuchbeispiele”, wie es in Schrägdeutsch heißt, für das was in der EU-Finanz- und Wirtschaftspolitik falsch läuft. Das beginnt schon bei der Sprache. Was heißt “Textbuch-Beispiel”? Gemeint ist sicher “Lehrbuchbeispiel”, also zu englisch “textbook example”. Englisch “textbook” heißt ja zu deutsch Lehrbuch. Schon hier beginnt die begriffliche Verwirrung, das ganze Kauderwelsch der EU-Politik.

Wirtschaftsregierung” wiederum ist eine irreführende deutsche Übersetzung des französischen “Gouvernance économique” bzw. des englischen “Economic governance” und lässt sich zutreffend mit staatlicher  “Wirtschaftslenkung” oder auch durch und durch politisierter “Lenkungswirtschaft” übersetzen.

Eine staatliche Wirtschaftslenkung, also das bewusste, direkte Steuern aller gesamtwirtschaftlichen Vorgänge und Stellwerte durch die Politik beobachten wir seit Jahrhunderten bis zum heutigen Tage  in Frankreich. Wir haben folglich einen exorbitanten Staatsanteil an der französischen Wirtschaft, wir haben eine direkte Einflussnahme der gewählten französischen Regierung auf alle wesentlichen Investitionen, Löhne, Vergütungen, auf das Bankwesen usw. usw. Das ist die französische Lenkungswirtschaft, – “la gouvernance économique”.

Wir hatten auch in Deutschland  staatliche Wirtschaftslenkung erklärtermaßen und ganz offen unter dem Reichsbankpräsidenten und späteren Finanzminister Hjalmar von Schacht. Die “Wirtschaftslenkung”/die “gouvernance économique” war das erklärte Leitbild der zentralistischen deutschen Wirtschaftspolitik in den Jahren 1933-1945 sowie in der DDR von 1949 bis 1989. Und genau das wollen wir Deutschen heute eben nicht mehr! Oder ist jemand anderer Meinung?

Genauer gesagt: Viele zumindest wollen es nicht! Sie kämpfen dagegen. Sie wollen weder Lenkungswirtschaft noch Wirtschaftslenkung.

Bei der amtierenden Bundesregierung hingegen weiß man es nicht. Es ist nicht so klar, was die aktuelle deutsche Bundesregierung eigentlich will. Sie sagt es uns Bürgerinnen und Bürgern ja nicht. Sie schwört in tiefer Gläubigkeit auf den Euro, ja, gewiss, sie bezeichnet diejenigen, die an dem pseudoreligiösen Schwur auf den Euro zweifeln, als eine “Schande für Deutschland”  … aber reicht das Glaubensbekenntnis zum Euro und die Verteufelung aller Euro-Skeptiker aus?

Ein Blick zurück lehrt: Die westdeutsche Wirtschaftspolitik wandte sich nach dem Zusammenbruch der staatlichen Strukturen des Jahres 1945 vom Leitbild der Lenkungswirtschaft ab – sie ergriff das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft, ersonnen bereits in den 40er Jahren von Ludwig Erhard, Wilhelm Röpke und anderen, ab 1949 übernommen von Konrad Adenauer und der CDU der “Düsseldorfer Leitsätze”.

Die Wirtschaft der DDR und auch der UDSSR hingegen befolgte weiterhin den Grundsatz der staatlichen Wirtschaftslenkung.

Die Bundesrepublik Deutschland, ja die EU insgesamt muss sich vermutlich bald entscheiden, ob sie die Wirtschaftslenkung nach französischem Vorbild übernehmen will oder doch eher beim Modell der sozialen Marktwirtschaft bleibt.

Eine Klärung der Begriffe kann ein erster Schritt zu dieser Entscheidung sein. Und alle Wirtschaftspolitiker der Euro-Zone sollten mindestens Französisch, Deutsch und Italienisch lernen, um einigermaßen zu verstehen, was da abgeht in den drei größten Volkswirtschaften der Euro-Zone. Lasst uns miteinander reden! Ein offenes Wort zur rechten Zeit schadet nicht.

 

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Okt 212014
 

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“Aber … dieses Lied habe ich doch kürzlich, genauer gesagt am 10. August 2014, in der Erlöserkathedrale in Moskau gehört … und jetzt finde ich es hier abgedruckt. Wie schön!” So durchwärmte und durchschwärmte mich eine Wieder-Erinnerung beim morgendlichen Durchblättern des neuen Gotteslobs.

Ja, in der Tat, so ist es. Das neue Gebet- und Gesangbuch der römisch-katholischen Gemeinden Bozen-Brixens, Österreichs und Deutschlands bringt unter Nr. 567 und Nr. 619 erstmals zwei herrliche alte, mir bisher nur in mündlicher Überlieferung übers Ohr aus dem Gottesdienst bekannte Tonsätze des byzantinisch-orthodoxen Ritus.  Diese beiden Litaneien zeichnen sich durch schlichte, zwischen Dur und Moll modulierende, fest und biegsam im Ungefestigten schwankende Kadenzen, also “Ton-Fälle” aus. Ich hörte sie beide in genau dieser hier abgedruckten Fassung in Moskau am 10. August 2014.

Orientierung heißt dem Wortsinne nach Ausrichtung nach Osten, Hinwendung und Öffnung zum Sonnenaufgang.  Orientierung heißt Ostbindung. Die Öffnung der Westkirche zur Ostkirche, diese Ostbindung des sekundären, des lateinischen, des westlichen, des abendländischen Christentum erfolgt im Gotteslob nicht über das Dogma, sondern über den Klang, nicht über das Lehren, sondern über das Hören. Eine große Tat, eine löbliche Errungenschaft, ein mutiger Schritt, den das westliche Gotteslob unternimmt! Die abendländische, die westliche Kirche macht sich hier ein bisschen kleiner, sie lässt das andere Gotteslob, das griechische, das morgenländisch-östliche, ein bisschen größer werden und bietet ihm Raum.

Nous serons avec le Christ“, diese letzten Worte Fjodor Dostojewskijs, die er am 22.12.1849 in einer westlichen Sprache vor seiner Scheinhinrichtung sprach, lassen sich zwanglos um- und weiterschreiben in: “Nous serons ensemble avec le Christ.”

Wasserquellen Europas:
Sei gegrüßt Maria, in: Gotteslob. Stuttgart 2013, S. 614 [=Nr. 567]
Kyrie Eleison, in: Gotteslob. Stuttgart 2013, S. 746 [=Nr. 619]

Bild: Zwei einander zugewandte, rostige, vernietete, uralte Kreuze aus Metall. Mit gutem Willen erkennst du diese Skulptur hier in den Streben des alten Wasserturms im Natur-Park Schöneberger Südgelände, Berlin. Aufnahme vom  19.10.2014

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Okt 192014
 

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Vergrämung – davon sprechen Vogelkundler, wenn Tauben oder Kormorane durch unangenehme Reizüberflutung von einem Ort vertrieben werden – der Kormoran von einem Fischteich etwa, die Taube aus einem U-Bahnhof.

Das Urban-Krankenhaus im heimatlichen Kreuzberg vergrämt in diesem Sinne Raucher mit klassischer Musik. Ich habe die erzwungene Beschallung selbst erlebt, als ich vor einiger Zeit eine krebskranke Patientin im Urban betreute. Und so las ich es gestern in der U6 Richtung Alt-Tegel. Die suchtkranken Patientinnen und Patienten ertragen “das Gejaule” nicht.

http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/klinik-verjagt-raucher-mit-klassischer-musik

So weit ist es also gekommen – klassische Musik (Vivaldi, J.S. Bach, Tschaikowski, Beethoven) wird als Waffe gegen suchtkranke Menschen eingesetzt.

Es ist nicht zu leugnen: Rein theoretisch kann man Bach, Mozart, Beethoven, Brahms auch als Folterwerkzeug einsetzen, indem man sie zu laut, zu lange, am falschen Ort und zur falschen Zeit auf die Ohren drückt, oder sie als abstrakten Lernstoff in Kinderseelen hineindrückt. Auch Licht, eine gute Quelle unseres guten Lebens,  kann man zur Folter einsetzen. Und das wird in Gefängnissen mancher Länder auch gemacht.

Tiefer Gram erfasst mich. So tief ist Deutschland, das Land Bachs, Beethovens, Felix Mendelssohns und Johannes Brahms’  gesunken. Vor Jahren wurde Mozart wenigstens noch als Mittel zur besseren Hühnerei-Ausbeute in Legebatterien gepriesen, oder auch als Mittel zur pränatalen Intelligenzförderung bei Kindern. Und jetzt verjagt man die Leute mit klassischer Musik.  So wird von Anfang an der Sinn für die Schönheit klassischer Musik unterdrückt. Die Leute werden durch Zwangsbeschallung gefügig gemacht. Der Sinn für Schönheit wird ihnen gewissermaßen herausoperiert.

Noch vor  der um sich greifenden  Selbstaufgabe der europäischen Sprachen, etwa des Deutschen, Italienischen oder Polnischen, zugunsten des Globischen (z.B. “There will be no Staatsbankrott”, wie es Wolfgang Schäuble formulierte), neben der schleichenden, fortschreitenden Selbstaushöhlung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zugunsten der Europäischen Zentralbank  oder der EU-Kommission (also der beiden derzeit scharf konkurrierenden zentralen Gesetzgebungsbehörden der Europäischen Union) empfinde ich die Verhunzung, die Verleugnung, den Missbrauch der großen Musik etwa Antonio Vivaldis, Beethovens, Johannes Brahms’, Felix Mendelssohns, Peter Tschaikoswkijs  oder Johann Sebastian Bachs als besonders schlimm. Diese bewusste Abkopplung einer ganzen Gesellschaft von allem, was sich in der Vergangenheit als schön und gut und erhaltenswert erwiesen hat,  was mir zumindest auch weitergebenswert erscheint, ist für mich Quelle tiefen Grams.

Ich meine: Die Schönheit der klassischen Musik – also etwa des zweiten Satzes in Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 1 –  soll den Kindern und den Kranken im Urban-Krankenhaus behutsam erschlossen werden. Ein Aufscheinen, ein plötzliches Durchzucktwerden, ein freudiges, strahlendes Schönen  trägt diese Musik. Als Mittel zur Vergrämung des Menschen ist diese Musik viel zu schade.

 

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Okt 132014
 

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Mögen sie doch ihr geliebtes Geld hätscheln und hedgen!

Gutes, erquickendes Losschütteln der Sorgen ums Geld, das ich am Wochenende feierte! Das “Lied vom unfruchtbaren Weinberg” aus dem Buch Jesaja wies mir den Weg!  Jesaja erkannte, dass Recht und Gerechtigkeit, dass Barmherzigkeit und Vergebung, dass Freiheit und Wahrheit über dem Willen der Fürsten und Mächtigen thronen. Das wahre Wort ist wichtiger als das Geld, das freie Wort zählt mehr als die Währung.

“Das Geld, das geliebte Geld ist stärker als Recht und Gerechtigkeit, die Währung ist wichtiger als das gegebene Wort!”

So sprechen die Heuchler und Krämerseelen.
Sie haben das gute C ihres Namens in ein € verwandelt.
Auf dem € singen sie, auf das € schwören sie,
wie sie sich früher auf das C beriefen. So sprachen sie:

“Jeder, der angreift das hohe, das zweigestrichene €,
ist eine Schande für unsere Heimat. Eine Schande für Deutschland!
Ihn treffe der Bannfluch.
Denn das € ist heilig. Mit dem schändlichen Zweifler
setzen wir uns an keinen Tisch.  Alles dürft ihr bezweifeln,
am zweigestrichenen €, das aus dem tiefen C hervorging,
dürft ihr nicht zweifeln. Von dieser Frucht dürft ihr nicht nicht essen!
Esst – oder ihr werdet gestopft! Ein Greuel sind uns all jene,
die das Geld nicht zum obersten Wert erklären.
Scheitert das zweigestrichene €, so scheitert der Kontinent.”

Also verehrten sie das Geld, das Geld ward ihnen zum Maß aller Dinge.
Ihm unterjochten sie alle Völker. Eine eiserne Hecke umschlang den Weinberg,
gefangen waren die Menschen im Weinberg wie irrende Schafe.
Was half ihnen all das Jammern und Zagen, das Pochen und Feilen am zweigestrichenen €?

Dieser Weinberg verfiel dennoch, im Süden des Weinbergs verdorrten die Böden,
im Norden des Weinberg blähten sich Hoffahrt und Stolz. Geiz und Habsucht,
Zank und Hader verkehrten die einen gegen die andern,
wandten das Herz des Südens gegen das Herz des Nordens.

“Il attendait le droit et voici l’iniquité, la justice et voici les cris.”

Statt Gerechtigkeit – Schlechtigkeit, statt Barmherzigkeit
herrschte  Schmächtigkeit im Weinberg!

Bitter wurde der Wein, sauer wurden die Trauben,
von denen sich die Trinker betranken.
Den Trinkern und den Töchtern und Söhnen der Trinker
wurden die Zähne stumpf.

Da ertönte die Stimme – und von denen, die sie hörten, wußte später  niemand mehr,
ob sie von innen oder von oben kam:

“And now I will tell you
What I will do to my vinyard:
I will remove its hedge —”

Das ist zu Deutsch: Ich werde die Hecke des Weinbergs einreißen,
den Schafen werde ich die Freiheit zurückgeben,
sie sollen sich tummeln auf grüner Au!

Und wieder ertönte die Stimme:

“Ich sag’ es euch: ein Kerl, der auf den € spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt;
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.”

Auf, ihr Kerls, hängt euer Herz nicht länger ans Geld, ringsherum ist grüne Weide.
Lasst euch nicht einzwängen, lasst euch nicht hätscheln, lasst euch nicht hedgen!

Atmet frei! Sprengt eure Fesseln!

Geht! Atmet! Dehnt euch, streckt euch.

Ihr könnt! Glaubt! Ihr seid frei!

 

Quellen Europas:
Le chant de la vigne, in: Le livre d’Isaïe. In: La Bible de Jérusalem. Les éditions du cerf, Paris 1998, Seite 1234, hier: Kapitel 5, Vers 7
The Book of Isaiah, in: The Holy Bible. Revised Standard Version. CollinsBible, Stonehill Green 1952, Seite 603, hier Kapitel 5 Vers 5
Johann Wolfgang Goethe. Faust. Texte. Herausgegeben von Albrecht Schöne. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1999, S. 80, hier: Vers 1830

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Okt 102014
 

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Er hoffte auf Rechtsspruch, doch siehe da: Rechtsbruch.” So äußerte sich der aus Jersualem stammende  israelische Publizist, Dissident und Lyriker Isaiah Nabi (hier zitiert  in deutscher Übersetzung aus dem Hebräischen) am vergangenen Sonntag in Kapitel 5, Vers 7 seines weltweit gelesenen Bestsellers “Das Buch Jesaja”. Wird Isaiah Nabi heute endlich den längst ihm zustehenden Friedens-Nobelpreis erhalten? Verdient hätte er ihn seit langem! Isaiah beklagt die Erosion des Rechts-Bodens, er gerät in Zorn über die Aushöhlung der Rechtlichkeit im Weinberg eines Freundes.

Wie in Israel am Sonntag – so auch heute in Kreuzberg!  Es gibt eine Erosion des Rechtsstaates von innen und von unten her zu beklagen. Eine Art Unterhöhlung der Rechtsstaatlichkeit setzen mit Zutun des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg und des Berliner Senats die neuen Hausbesitzer – fälschlich “Flüchtlinge” genannt – in der Gerhart-Hauptmann-Grundschule seit Winter 2012/1013 ins Werk. Wir einfachen steuerzahlenden Bürger dürfen seit Monaten beobachten, wie die beteiligten Politiker – vielleicht mit Ausnahme des redlichen Hans Panhoff (Grüne) – seit Monaten einander den schwarzen und grünen Peter zuschieben. Neuester cooler Move, mit dem Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) den Grünschwarzen Peter an die Adresse von Senator Frank Henkel (CDU) zurückschiebt: “Er hätte schon längst räumen können. Er muss nicht warten, bis der Bezirk die Polizei zu Hilfe ruft.”

Tja, Freunde, was grünes Bezirksamt und rot-schwarzer Senat seit Monaten in dieser Sache  abliefern, könnte als Volksbelustigung durchgehen, wenn es nicht so bitter ernst wäre – bitter ernst, und wahnsinnig teuer.

Dann sollte man sich morgen die Lage einmal vor Ort anschauen. Gnädig wie sie nun einmal sind, haben die Hausbesitzer – fälschlich immer noch Flüchtlinge genannt – für morgen in die gute Stube eingeladen. Die tatsächlichen Herren und Besitzer des Hauses laden morgen zum Tag der offenen Tür in der Gerhart-Hauptmann-Schule. Großzügig!

Aber das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg steht den neuen Herren der Gerhart-Hauptmann-Schule in Großzügigkeit  nicht nach! Das Bezirksamt hat für die wahren Besitzer der Gerhart-Hauptmann-Grundschule die Spendierhosen angezogen. Da müssen Kitas, Bibliotheken, soziale Dienste, Schulküchen eben zurückstecken: Haushaltssperre im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg! Aber lest selbst, was der Tagesspiegel berichtet:

Die Situation hat den Bezirk in Finanznot gestürzt: Es fielen 1,5 Millionen Euro zusätzliche Kosten an, etwa für Wachschutz (593 000 Euro), Bewirtschaftung des Gebäudes (628 000 Euro), Unterbringung von Roma-Familien (65 000 Euro) und freiwillige Geldzahlungen an die Bewohner (97 000 Euro), wie aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Abgeordnetenhaus hervorgeht. Der Bezirk hat eine Haushaltssperre verhängt.

via Gerhart-Hauptmann-Schule: Flüchtlinge laden zum “Tag der offenen Tür” – Berlin – Tagesspiegel.

Bild: ein Blick auf die versperrte Gerhart-Hauptmann-Schule

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Okt 092014
 

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Von einer bevorstehenden Staatskrise der Bundesrepublik Deutschland sprach kürzlich Jürgen Stark bei der Vorstellung eines Buches von Hans-Werner Sinn. Haben Jürgen Stark, der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank EZB, und der Buchautor Hans-Werner Sinn recht? Steht die Bundesrepublik Deutschland wirklich vor einer Staatskrise? Nimm und lies – tolle lege:

http://www.welt.de/wirtschaft/article133062562/Deutschland-steht-vor-einer-Staatskrise.html

Ja oder nein? Ich meine: wir erleben in der Tat eine massive, bereits voll erblühte  Sinnkrise in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht viele spüren dies heute schon. Aber sie ist da. Wenn diese Sinnkrise erkannt wird, gelingt es vielleicht noch, eine echte Staatskrise Deutschlands und vieler anderer europäischer Länder abzuwenden.

Die drohende Staatskrise oder besser  die aktuelle Sinnkrise der Bunderepublik Deutschland drückt sich meines Erachtens unter anderem – aber nicht nur – darin aus, dass ganz wesentliche Teile des derzeitigen politischen Führungspersonals (namentlich die Kabinette Merkel I, II und III, die CDU/CSU als Kollektiv, die SPD, die FDP insgesamt und die Bündnisgrünen als Kollektiv) die EU-Verträge und namentlich die Einheitswährung Euro höher werten als den Grundsatz der Bindung demokratischen Handelns an das Recht und an die Vernunft – und höher sogar als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Geringerschätzung des Grundgesetzes, des Rechts und der Vernunft halte ich meinerseits für falsch. Denn die zwischen Regierungen geschlossenen Verträge, etwa die EU-Verträge, haben meiner festen Überzeugung nach einen geringeren Wert als die Verfassungen der demokratischen EU-Staaten oder das deutsche Grundgesetz.

Die genannten politischen Kollektive und Parteien haben beispielsweise – doch ist dies nur eines von vielen möglichen Beispielen – wiederholt und explizit den Erhalt des Euro als höherwertig gegenüber dem Erhalt der Bundesrepublik Deutschland bewertet: “Scheitert der Euro, dann scheitert Europa”, “Der Euro sichert Deutschlands Wohlstand”, “Der Euro sichert den Frieden in Europa“, ist das wörtlich und sinngemäß von Bundeskanzlerin Merkel und anderen oft und oft vorgetragene Glaubensbekenntnis dieser fahrlässig herbeigeführten Staatskrise der Bundesrepublik Deutschland. Der Erhalt des Euro, der innige, geradezu in singendem Tonfall vorgetragene Glaube an den Euro wurde zum höchsten Gut erklärt, der Euro wurde so Symbol und oberste Richtschnur allen politischen Handelns.

Das aber — ist eine reine Glaubenssache. “Believe me … believe me“, “Glaubt mir … so glaubet mir … ” so lautete die flehentlich vorgetragene Bitte, oder vielmehr das Gebet um Glauben bei jener berühmten Pressekonferenz am 26. Juli 2012, mit welcher – so das europäische Glaubensbekenntnis – der Euro, zugleich der Wohlstand Deutschlands, zugleich der Frieden in Europa und zugleich das unerschütterliche Vertrauen in das Geld als oberste Richtschnur allen politischen Handelns ein für allemal gerettet worden ist. Tolle lege – nimm und lies:

http://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2012/html/sp120726.en.html

Die genannten politischen Kräfte  haben sich also wieder und wieder dafür entschieden, den EU-Verträgen und dem Euro höheren Wert als dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland einzuräumen. Und am schlimmsten: Nicht einmal die doch vorgeblich höher als das Grundgesetz gewerteten EU-Verträge werden von genau diesen Regierungen und genau diesen Parteien eingehalten. Eine geistige Bankrotterklärung.

Politik beginnt mit dem Erkennen dessen, was bereits eingetreten ist. Dann beginnt die Umkehr vom Irrweg der Schafe.

“Denket um, verzeiht einander, erlasst einander die Schuld.” Not tut jetzt eine Umkehr, eine Besinnung auf das, was Europa zusammenhalten und wieder zusammenführen könnte.

Wenn es denn – trotz aller Glaubensbekenntnisse – nicht der Euro und nicht das Geld ist – wer oder was könnte es sein?

Bild: Schafe im Schloss, friedlich eingehegt auf dürrem Feld. Aufnahme vom vergangenen Samstag. Schloss Britz, Bezirk Neukölln, Berlin, Deutschland, Europäische Union.

Buchhinweis:

Hans-Werner Sinn: Gefangen im Euro. Redline Verlag, München 2014

 

 Posted by at 11:08
Okt 042014
 

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Hi followers, hi bloggers, ich  sitze am geöffneten Kammerfenster und lese die News im Internet: Krieg, Hetze, Niedertracht, Lüge, Verleumdung, Drohungen, Angst um das Geld, Gier, starrende Verehrung des Geldes,  – dieses Zeugs beherrscht gerade heute die digitale Bühne. Free stuff!, könnte man sagen.

Gerade, während ich die E-mails zu checken anfange,  läuten die Kreuzberger Morgenglocken durch das offene Fenster. Und eine erste Mail erreicht mich aus Franken.

Ich höre heraus:

Ängste dich, quäle
dich nicht länger, meine Seele.
Freu dich, schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Die eine Kirche, die Christuskirche läutet auf g‘, die andere, St. Bonifatius, läutet auf e‘. Welche Kirche ist die wahre? Welche trifft den richtigen Ton? Anhand der Klangprobe mit meiner unhörbar leise angezupften Geige ergibt sich: die evangelische Kirche läutet heute tatsächlich auf dem eingestrichenen g, die katholische eine kleine Terz darunter  auf dem eingestrichenen e. Welche Kirche ist also die wahre Kirche? Welche Klangquelle trifft den richtigen Ton? St. Bonifatius, die Christus-Kirche – oder doch die unhörbar gezupfte Geige in der Kammer des Kreuzberger armen Hansels?

Der Zusammenklang der Christuskirche, der Bonifatiuskirche und der Hanselgeige ergibt ein fast unlösbares Rätsel: drei in einem. Nur eine – Kirche g, Kirche e, Geige des Hansels – kann doch recht haben!

Die Lösung des Rätsels lautet:

Diesen Dreiklang dir zu deuten
weise gern ich dir den Sinn:
Fühlst du nicht an diesem Läuten,
Dass ich drei in einem bin.

 

Die Botschaft ist klar: g und e, das ergibt zusammen mit dem h der Hansel-Geige das Wort: “Geh!” Mit der Geige zusammen ergeben sich drei Wörter: : “Steh auf, geh!” Du bist frei. Lass dich nicht niederwerfen. Oder drei Wörter in einem Wort: “Geh, spiel, sing!”

Und jetzt werden die Glocken schon schwächer. Und der Tag beginnt. Er hat die geschlossenen Lider geöffnet. Und es geht.

Das uns zugesandte Foto zeigt fränkische Schafe auf grüner Au im Oktober 2014.

 Posted by at 08:50
Okt 022014
 

Die EZB ist am Ende ihres Lateins“, so konstatiert der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Georg Fahrenschon unumwunden am 27./28.09.2014  in der Berliner Zeitung auf S. 10. Sie habe ihr Pulver bereits weitgehend verschossen; die Untätigkeit der Regierungen der Euro-Zone habe die EZB in eine Rolle gedrängt, die ihr nie und nimmer hätte zukommen dürfen. Fahrenschon sagt:

Stück für Stück wird die EZB zu einer Art europäischer Ersatzregierung.”

“As joblessness stays high and prices fall, pressure is mounting on E.C.B.”, sagt die International New York Times gleichlautend am 1. Oktober 2014 auf S. 17. Überall richten sich die Augen auf die EZB, der Politik wird offenbar gar nichts mehr zugetraut.

Die Geldpolitik der EZB wird ein Surrogat der gescheiterten Wirtschaftspolitiken der EU, ein derartig einhelliges Resultat findet sich kaum je sonst bei politischen Streitfragen.

Die Regierungen und die EZB sind am Ende des Lateins, was tun sie? Sie erfinden Wunderprogramme in englischer Sprache: Quantitave easing und Asset backed securities. Was bedeutet das? Wer weiß es? Wer würde heute zugeben, dass er kein Englisch kann? Also schweigt man lieber und hält die Füße still. Das ist das Ende jeder echten Debatte! Das ist die Selbstenteignung der Politik.

Englisch, Globisch, Europäisch, – ist doch alles egal.

Aber: In den drei größten Volkswirtschaften der Euro-Zone wird Deutsch, Französisch und Italienisch gesprochen. Die politischen Debatten finden hier auf Italienisch, Französisch und Deutsch statt. Und sie laufen seit Jahren kreuz und quer gegeneinander. Es ist doch unerträglich, dass über Wohl und Wehe eines riesigen Wirtschaftsraumes entschieden wird, ohne dass die maßgeblichen Politiker und die Bürger imstande wären, die Grundlagen ihrer Entscheidungen angemessen bei den anderen Partnern darzustellen. Ebensowenig VERSTEHEN die Politiker und die Bürger das, was jenseits der eigenen Landesgrenzen geschrieben und gesagt wird. Vor allem aber sind die Dokumente in einem für die Politiker und die Parlamentarier  nicht verständlichen Englisch, einem krausen Finanz-Globisch abgefasst, das bewusst geheimnisvoll und unverständlich daherkommt.

Folge: Die EU versucht nunmehr, alles im Bankwesen über einen Leisten zu schlagen. Sie ebnet die Unterschiede ein. Das deutsche Bankensystem – untergliedert in Sparkassen, Privat- und Genossenschaftsbanken – wird diese Gleichschaltung durch die EU vermutlich nicht überleben. Es werden die großen Geschäftsbanken  (“too big to fail”) übrigbleiben, die nach und nach die kleineren Häuser übernehmen. Die kleinen Genossenschaftsbanken, die Kreissparkassen usw. werden vor dieser Gleichmacherei mit all den Stresstests wohl nicht bestehen können.

Wollen wir das? Wollen wir diese Uniformierung, diese Gleichmacherei der 28 Länder, von oben her verfügt durch die zentrale Gesetzgebungsbehörde, die Europäische Kommission?

Die Warnungen Georg Fahrenschons sollten nicht in den Wind geschlagen werden.

Interview zur Zinspolitik der EZB: Sparkassenchef warnt vor Enteignung der Bankkunden | Wirtschaft – Berliner Zeitung.

 Posted by at 16:26
Okt 022014
 

Große Zustimmung erfährt Mario Draghi, der EZB-Chef, immer wieder von den Großen der Zunft, die ihn groß gemacht hat. Und die Zunft, der Draghi sein gesamtes Handwerkszeug verdankt, das sind die großen Banken dieser Erde wie etwa die Citigroup; das sind die Mega-Containerschiffe des internationalen Finanzkapitals, die über Währungsgrenzen, über Staatengrenzen hinaus riesige Geldbeträge hin- und herverfrachten. Die transkontinentalen Großbanken, die transkontinentalen Großkonzerne, die großen, in den USA sitzenden Beraterfirmen lieben den Euro, sie lieben Draghi, sie lieben die EZB mit ihrer aktuellen Politik als unerschöpfliche Quelle von Gewinnmöglichkeiten.

Die Großbanken der Welt einerseits wollen ABS bzw. Quantitative Easing in der einen oder anderen Weise. Sie stehen hinter Mario Draghis Kurs und der EZB; andererseits sind es die riesigen Berater- und Finanzanlegefirmen, wie etwa Morgan Stanley, die hinter Mario Draghi und der EZB stehen. Sie geraten regelmäßig in Verzückung und reiben sich schon die Hände, wenn Draghi wieder einen seiner nächsten Schritte vorab ankündigt und bespricht.

Ein hübsches Beispiel für diese umfassende Beratung und Unterstützung, die die EZB den großen Beraterfirmen und den großen Banken verdankt, liefert soeben das deutsche Wall Street Journal mit 5 sehr namhaften Stimmen aus der Welt der Banken- und Berater-Towers:

Draghis Geldpolitik: Irgendwie Quantitative Easing – aber wie? – WSJ.de.

Was auch immer Draghi und die EZB machen, Freunde, wir können sicher sein: Citigroup, Pimco, Nordea, Morgan Stanley … e tutti quanti … haben die Hände im Spiel.

Die EU-Politiker, der EU-Finanzkommissar, die Finanzminister der Euro-Länder, ja selbst Jens Weidmann, der Bundesbankpräsident auf verlorenem Posten, spielen hierbei nur noch eine Statistenrolle. Der/die EU-FinanzkommissarIn? Wie hieß der oder die doch gleich? Ihr wisst es nicht? Seht ihr. Da liegt das Problem. Schaut doch einmal auf die aktuelle Forbes-Liste der mächtigsten Frauen und Männer dieser Erde! Wo steht Draghi? Und wo steht der/die EU-WährungskommissarIn? Seht ihr. Das ist das Problem. Es müsste umgekehrt sein, wenn es mit rechten Dingen zuginge.

Jean-Claude Juncker, damals der designierte EU-Kommissions-Präsident,  hat dies am vergangenen Karfreitag 2014 sehr hübsch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt: Bei allen Beratungen in der EU-Kommission, so sagte er sinngemäß, sitze der Finanzmarkt mit am Tisch, die EU-Kommission müsse jeden ihrer Schritte daraufhin prüfen, wie die Finanzmärkte reagierten.

Meine Bilanz der Euro-Finanzpolitiken ist niederschmetternd, aber gleichwohl schwer zu widerlegen: Die EU-Politik hat sich durch die EZB und durch die global agierenden Finanzmärkte entmündigen lassen. In irgendwelchem Kauderwelsch-Gebrabbel, in “Globish”, wie das beispielsweise der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi kürzlich ganz offen zugab (“I don’t speak English, I speak Globish”), wird in den EU-Finanzpolitiken alles hemmungslos zugeschnattert und semantisch zugemüllt. Jetzt heißt es Asset Backed Securities. Oder auch QE – die Phantasie der Draghi locopoi, der wortschöpferischen Drachen, wie dies Ersilia Zamponi  einmal nannte, ist unerschöpflich, unerschöpflich wie die Gewinnmöglichkeiten, die sich für die Finanzindustrie aus der EZB ergeben.

Im Klartext: ABS, das ist ein EZB-Programm zum Aufkauf riesiger Pakete an notleidenden, risikobehaften Krediten, die die EZB in ihre Bücher nehmen soll. Die Risiken der Geschäftstätigkeit der privaten Banken werden in die Bücher der EZB genommen und damit uns Steuerbürgern der Euro-Zone aufgebürdet – mit der trügerischen Verheißung, dass dadurch die Geschäfte der Realwirtschaft, also etwa die des italienischen Lampenherstellers oder des griechischen Physiotherapeuten wieder in Gang kommen würden.

Nein, nein, nein. Die Geschäfte der Citigroup, der Pimco, der Nordea, der BlackRock und der Morgan Stanleys dieser Welt kommen durch ABS in Gang – aber nicht die des griechischen Physiotherapeuten oder des italienischen Lampenherstellers. Das ist sicher.

Soll dies geschehen? WOLLTEN wir europäischen Bürger eigentlich das, dass die EZB zu einer zentralen Geldverteilungsmaschinerie geworden ist, bei der die gewählten Politiker der Euro-Zone nichts mehr zu sagen haben, weil sie es offenkundig nicht verstehen, was mit ihnen gemacht wird, allein schon wegen fehlender Englisch-Kenntnisse?

Wieso wollen die Briten den Euro nicht? Etwa weil sie Englisch (es ist ja ihre Muttersprache) können und selbstverständlich das kühl rechnende eiskalte Spiel der Citigroups, der BlackRocks und der Morgan Stanleys dieser Erde durchschauen?

Bitte aufwachen! Wo bleibt das EU-Parlament? Wo bleiben die gewählten Politiker? EU-Fürsten, bitte aufwachen, sonst werden euch die Völker der EU wachrütteln.

 Posted by at 09:08
Sep 292014
 

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“Warum schreibt sich Joseph von Eichendorff eigentlich mit zwei F? Etwa weil er ein Adliger war, oder etwas Besseres sein wollte?” So hörte ich ein Kind fragen.

Nein, mein Kind.

Höre folgende Verse:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot da kommen die Wolken her, aber Vater und Mutter sind lange tot, es kennt mich dort keiner mehr.

So schlicht und doch so niederschmetternd traurig beginnt das Gedicht “In der Fremde”. Eichendorff hat es hingetuscht, Schumann hat es an den Anfang seines Liederkreises op. 39 gesetzt. Robert Schumann hat die Vorzeichnung Eichendorffs mit Blut und mit Farben gefüllt. Schumann steht zu Eichendorff wie der Maler zum Zeichner. Ich hörte das Lied “In der Fremde” erstmals vor vielen Jahren im Alten Rathaus in Potsdam und kann es nicht vergessen und werde es nie vergessen. Schumann schafft es, den bezwingenden, den abgründigen Kern der Elternlosigkeit als gemaltes, geflochtenes Band, als Schmerzenskrone hinzustreichen und hinzustreifen wie eine heilende Salbe, die die Augen des vor Schmerz Erblindeten wieder sehend macht.

Joseph von Eichendorff, dessen Lied “O Täler weit o Höhen”  ich gern beim Spazierengehen am U-Bahn-Hof Felix-Mendelssohn-Park in Kreuzberg singe und summe, streift in diesen Gedichten alles Gefällige, als Romantisch-Hübsche ab. Das ist keine dörfliche Idylle, das ist kein Dorf-Arkadien. Es sind die Stadt-Arkaden. Das ist kein Eichendorf, das er auf ein Stück altes Lindenholz malt. Es ist sperrig, dunkel, untröstlich. Es ist Eichendorff. Und deswegen passt Eichendorff so herrlich in die Shopping-Malls, in die Arkaden am Potsdamer Platz. Jetzt weißt du es, mein Kind.

Und so lautet das ganze Gedicht:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.

Hier kannst du das Lied nachlesen. Lies das Gedicht, lies das Lied mit deinen Augen. Dann – singe! Singe das Lied, und dann kennt dich mindestens der, der dir zuhört. Singe, wenn du einsam bist, und du wirst erkannt.

Robert Schumann: Liederkreis op. 39.: I: In der Fremde. In: Robert Schumann: Lieder I. Für eine Singstimme mit Klavierbegleitung. Nach den Handschriften und Erstdrucken herausgegeben von Max Friedlaender. Ausgabe für tiefe Stimme. C.F. Peters, Frankfurt/M. u.a.,  o.J., S. 58-59

Foto: Die Joseph-von-Eichendorff-Gasse an den Potsdamer-Platz-Arkaden. Aufnahme von heute.

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