Sep 192017
 

23. Mai 2017, Kreuth am Tegernsee, abends.

Gutes, lauschendes, tief einsaugendes Lauschen auf die Landleute beim Viehtrieb in Kreuth! Das ist ja genau die Sprache, die mir in die früheste Kindheit hineinschallte, meiner Mutter Sprache – Bairisch, ein Idiom, dessen ich mich bei meinen gelegentlichen Aufenthalten in meinem Herkunftsland gern auch selbst befleißige.

Vergessen wir nicht, wir sind hier am Tegernsee auf ältestem deutschem Kulturboden. Der älteste erhaltene deutsche Roman überhaupt, der berühmte Ruodlieb – ein lateinisch verfasstes Versepos – stammt aus dem Kloster Tegernsee! Er wurde gut 9 Jahrhunderte vor Thomas Manns Doktor Faustus verfasst, diesem Schicksalsroman, dessen letzte, dramatisch zugespitzte Szenen ebenfalls im oberbayrischen Voralpenland spielen.  Ja, die in Pfeiffering ausgemalten Schlussbilder, der gutmütige Dr. phil. Serenus Zeitblom  hätte sie auch hier ansiedeln können.

Bild: eine Kreuther Ziegenherde am 23. Mai 2017, wenige Momente nach dem Austrieb aus dem Stall. Unsicher taumelnd  tollen die Ziegen umher. Nach der Sicherheit des Stalls, wo ihnen Tag um Tag das Futter gereicht wurde, löst die Freiheit des Graslandes einen rauschartigen Tanz aus. Die Herde bleibt sicherheitshalber vorerst zusammen. Die Herde bietet Schutz angesichts des Neuen, das da kommen mag.

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Sep 182017
 

Gestern war ein großartiger Tag, von neblichter Morgendämmerung an bis zum Nachtanbruch von den beeden kreglen Wandrern ganz auf den vier Wanderbeinen verbracht! Vier Türme erklettert, 14 km durch Wälder und Hügel gelaufen! Von Falkenberg in der Mark, wohin uns ganz früh die Eisenbahn brachte, führten die bestens ausgeschilderten Pfade erst frisch am Fontanestein vorbei, den holpernden Stock, Wurzeln, Steine den Trott hinauf zum Bismarckturm, von da rasch ins Leben hinein, über den tiefdunklen Teufelssee den eratmenden Schritt mühsam den Berg hinauf zum Gipfel des märkischen Watzmanns. Mittagssonnenstrahlen rieselten durch die noch üppig begrünten Kronen – dann zum Eulenturm beim Haus der Naturpflege. Von dort ging es immer weiter über Stock und Stein zum Skistadion in Freienwalde, wo es uns auf den Sprungturm der 66m-Schanze hinaufhob. Weit hoch herrlich der Blick rings ins Leben hinein! Nachmittagssonne, da der Blick ungehindert ins Weite dringt! Ab dann, frischer hinab, siehe, die Sonne sank schon! Hinab zum unterirdischen Friedhof im Talgrund, dem Rosengarten, wo tief tief drunten entzahnte Schädel schnatterten und das Gebein schlockerte. Nun schon wieder eratmend bergan hinauf zum Galgenberg.

Den krönenden Abschluss bildete dann ein Ausblick vom Aussichtsturm! Schlotternde Knie wollten zurück, nachhaus, zum Bahnhof in Bad Freienwalde. Nacht ward es. Und so war’s vollbracht.

Das Leben geht weiter!

 

Bild: Blick vom Bismarckturm bei Falkenberg in die Mark hinaus, 17. September 2017, vor Mittag

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Damit ihr nie vergesset, was deutscher Hass euch tut

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Sep 132017
 

Damit ihr nie vergesset, was meine Liebe tut… 

Dieses Kirchenlied Beim letzten Abendmahle war mir in meinen Kindertagen das liebste. Ich wurde erzogen in dem Glauben an einen verzeihenden, erbarmenden, gütigen Gott. Oft hörte ich: Gott liebt dich durch Jesus. Liebe auch du deinen Nächsten, wie es Jesus getan hat. Es gibt keine unvergängliche Schuld. Der gnädige Gott erbarmt sich deiner. Er erbarme sich unser und nehme von uns Schuld und ewigen Tod. Du darfst nach Verbrechen und Schuld wieder von neuem anfangen.

 

Und heute? Woran glauben die Deutschen? Was sollen wir Deutschen nie vergessen? Was dürfen wir nie vergessen?

 

Die prall gefüllte, ergiebige Seite 24 im heutigen Tagesspiegel gibt die unbestreitbare Antwort! Gute, kundige Besprechung der Übersetzung des neuen Buches von Christian Gerlach über den Mord an den europäischen Juden! Und auch das neue Buch von Sven Felix Kellerhoff wird angemessen durch Bernhard Schulz gewürdigt. Wieder einmal bestätigt sich: Die Jahre 1933-1945 sind der unvergängliche Kern, der strahlende Kohlenstoff, aus dem in alle Ewigkeiten hinein die Deutschen ihr Geschichtsbild schöpfen und umschöpfen. Nichts anderes hat daneben in der deutschen Geschichte Bestand. Daran darf nicht gerüttelt werden. Es ist VERBOTEN.

Generationen und Generationen von Historikern werden da weiterforschen und zu keinem Ende kommen. Das ist Deutschlands ewige Gegenwart, Deutschlands einziges ewiges Licht, Deutschlands Glutkern, Deutschlands unvergängliche, unauslöschliche, immerwährende Schuld und Verantwortung.

Deutsche Männer, deutsche Tücke,
Deutscher Wahn und deutscher Mord.

Dieses Böse dürfen wir nie vergessen, darauf läuft alles immer wieder zu! Das sind wir Deutschen.

Müssen wir Deutschen also die Deutschen hassen? Müssen wir Deutschen also das Deutsche hassen? Es sieht ganz danach aus!

So herrsche denn Thanatos, der alles begonnen!

Christian Gerlach: Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen. Aus dem Englischen von Martin Richter. C.H. Beck Verlag, München 2017

Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta, Stuttgart 2017

Besprochen heute in DER TAGESSPIEGEL

 

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Tata, Wahlarena: „Deutsche! Wählt Regierungspartei A oder Regierungspartei B!“

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Sep 122017
 

Ein gutes Vorbild waren im April 2017 in meinen Augen für uns Deutsche die Wahlsendungen zur französischen Präsidentschaftswahl des Senders France 2, des größten öffentlich-rechtlichen Senders eines unserer  46 europäischen Brudervölker. Alle 11 maßgeblichen Parteien erhielten für ihre Kandidaten in den Wahlarenen von France 2 gleich viel Sendezeit, sowohl die Parteien der Opposition wie auch die der Regierung  erhielten jeweils gleiche Chancen. Im direkten Elfkampf musste sich der Kandidat der Regierungspartei, Benoît HAMON, gegenüber anderen Kandidaten der etablierten Parteien, aber auch gegenüber zunächst einmal chancenlosen Außenseitern wie Artaud, Mélenchon, Macron, Poutou bewähren.

Wie furchtbar anders läuft es doch bei uns in Deutschland! Wie übel stößt mir das auf! Jetzt in den letzten Tagen des Bundestagswahlkampfes wird die amtierende Regierung auf nachgerade unerträgliche Weise bevorzugt. Warum sage ich dies?

Der Befund ist eindeutig: CDU und SPD, zwei der drei Regierungsparteien,  räumen in den Medien alles ab, was sie kriegen können, obwohl sie doch bei den letzten Bundestagswahlen zusammen nur etwas weniger als 60% der Wählerstimmen auf sich vereinigt haben. Die beiden Sendungen WAHLARENA der ARD sind der x-te Beweis dieses beklagenswerten Übelstandes.

Scheinbar aussichtslos zurückliegende Kandidaten wie etwa  Jean Lassalle, Nathalie Artaud, Jean-Luc-Mélenchon, Emmanuel Macron, Philippe Poutou hätten nach dem System der deutschen öffentlich-rechtlichen Medien nicht den Hauch einer Chance gehabt.   B. HAMON oder F. FILLON hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wahl gewonnen, wenn es in Frankreich so zuginge wie bei uns. Die grundlegende Erneuerung der Regierung, der in der Demokratie unerlässliche Wechsel zwischen Regierung und Opposition, vor allem aber die zwingend gebotene Weitergabe der Verantwortung an die jüngere Politikergeneration wäre in Frankreich ebenso wenig eingetreten wie er bei uns in Deutschland eintreten wird.

Obwohl es um eine Bundestagswahl geht, werden die Spitzenkandidaten von zwei der drei Regierungsparteien auf eine absurde, eine grelle Weise ins Rampenlicht gestellt, als gölte es, den Bundeskanzler direkt zu wählen. Die anderen größeren Parteien – also LINKE, Grüne, AFD, CSU, FDP – werden mit den restlichen Sandkastensendungen, mit kümmerlichen Randformaten abgespeist. Das ist der parlamentarischen Demokratie abträglich, es ist ihr schädlich. Denn wir gemeinen Bürger werden doch am 24. September einen Bundestag wählen, nicht den Bundeskanzler. Warum werden SPD/CDU, also die Regierung, auf so verzerrende Weise bevorteilt?

Der Anteil von CDU/SPD an allen abgegebenen Stimmen wird am 24. September wahrscheinlich wie schon in den vorangegangenen Wahlen weiter fallen, warum also sollten nicht die Spitzenkandidaten der anderen größeren und der kleineren Parteien – z.B. FDP/Linke/AFD/CSU/Grüne –  mindestens eine gleich große, faire Chance auf angemessene Selbstdarstellung erhalten, und zwar im direkten Mehrkampf auf Augenhöhe mit den Spitzenkandidaten der Regierungsparteien CDU/SPD?

Warum erhält nur die amtierende Regierung das ungeheure, unverdiente Privileg, ihre beiden Kandidaten in den mit dem Geld aller Bürger finanzierten Sendeanstalten ausführlichst und von allen Seiten beleuchten zu dürfen? Das ist meines Erachtens ungerecht, manipulativ, schädlich für die Demokratie. Es drückt eine Missachtung des Bundestages aus – es wertet den Bundestag noch weiter ab, als er ohnehin schon abgewertet ist, eine Gefahr, vor der kürzlich völlig zu recht in ihren höchst nachlesenswerten Abschiedsreden die Bundestagsabgeordneten N. LAMMERT und E. STEINBACH gewarnt haben!

Es entsteht von vornherein das Bild: „Ihr Deutschen könnt wählen zwischen Regierungspartei A und Regierungspartei B.“ Das darf doch nicht sein! Wenn es heißt: Wähle die Kandidatin X der Regierungspartei A oder die Kandidatin Y der Regierungspartei B, dann ist dies ein weiterer Schritt zur Aushöhlung der Demokratie.

Ach hätten wir doch wenigstens einen Sender wie France 2 auch in Deutschland! Uns brauchte um den Zustand der parlamentarischen Demokratie nicht bange zu sein.

Im übrigen glaube ich vorhersagen zu können: Der Gesamtanteil der für die SPD/CDU abgegebenen Stimmen soll, muss und wird weiter fallen, der Anteil der für LINKE/CSU/GRÜNE/AFD/FDP/ und die anderen Parteien abgegebenen  Stimmen wird und soll zunehmen.

Wen wird es wundern?

http://daserste.ndr.de/wahlarena/index.html

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Sep 102017
 

Hanadi, Nirit, Essfandiar, Pegah, Sadaf, Banu, Christa, Laura, Jonni, Cem, Marthe, Alexander, Laila, Rose-Anne, Theokleia. Das sind die Namen von 15 Menschen, die vieles gemeinsam haben, vor allem aber eines teilen: Ihre Lebensgeschichte führte sie oder zumindest ihre Eltern aus anderen Ländern nach Berlin, wo sie derzeit wohnen und sich wohl fühlen. Sie bringen den Schatz ihrer Herkünfte mit, leben diesen Schatz weiter aus und verbinden sie auf anrührende Weise mit ihrer neuen Umgebung.  Sie beweisen hier ihre Freiheit, den eigenen Raum zu gestalten und ihre Geschichte mit anderen Menschen zu verbinden.

Sie haben unter ihrem eigenen Namen einen eigenen Raum im Schöneberger Jugend Museum eingerichtet. Wir besuchten sie heute am Tag des offenen Denkmals. Lebende Menschen zeigen sich und ihre Räume. Großartig! Diese Ausstellung lohnt in jedem Fall einen Besuch.

Villa Global. The Next Generation. Jugend Museum. Hauptstr. 40/42, 10827 Berlin-Schöneberg. Öffnungszeiten: Mo-Do, Sa+So 14 bis 18 Uhr, Fr 9-14 Uhr.

www.villaglobal.de

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Bitte einen echten Fünfkampf!

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Sep 042017
 

Kanzlerduell! Gestern sahen wir dieses harmonische Duett (nicht Duell) auf vier Fernsehkanälen. Es war eine von großem Einvernehmen geprägte Begegnung bekannter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Nun steht heute Abend gleich ein richtiger Fünfkampf auf dem Programm!  Möge es kein harmonisches Quintett werden, sondern ein echter Fünfkampf … gewissermaßen ein Quintell! Sahra Wagenknecht, Cem Özdemir, Joachim Herrmann, Christian Lindner und Alice Weidel werden sich hoffentlich nichts schenken!

ARD, 20.15 Uhr!

Ein paar Fragen zum Thema Europa für den heutigen Wahlabend der fünf hätten wir da, diesmal aus dem Bereich Wirtschaft und Währungspolitik:

Sachstand:
a) Wie schon seit vielen Jahren weist die Eurozone (Euro-19) auch derzeit weiterhin konstant eine viel höhere Arbeitslosigkeit als der Größe nach vergleichbare Wirtschaftsräume (USA, China) auf.
b) Der Wirtschafts- und Währungsraum der 19 Euro-Länder (Eurozone) weist ein deutlich niedrigeres Wachstum und eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit als die EU außerhalb der Eurozone (z.B. Schweden, Polen) auf.

Frage an die Kandidaten der  Linken, Grüne/B’90, CSU, FDP, AfD:
Was bedeutet diese außerordentliche Schwäche des Euro-Raumes für die EU,  für die Euro-Zone insgesamt und für Deutschland im besonderen?

Wie erklären Sie das?

Wollen Sie, dass die Eurozone weiterhin deutlich schwächer bleibt als andere vergleichbare Wirtschaftsräume und dem Rest der Welt hinterherhinkt?

Sie sind doch überzeugte Europäer, oder etwa nicht? Wollen Sie diesen beschriebenen Zustand ändern, wenn  Sie in den Bundestag kommen? Falls ja, wie?

Belegzahlen:

USA:
Arbeitslosenquote (Juli 2017) 4,3%
Wachstumsrate BIP (Q2 2017) +2,1

China:
Arbeitslosenquote (2. Quartal 2017) 4,0%
Wachstumsrate BIP (Q2 2017) + 6,9

Eurozone:
Arbeitslosenquote (Juni 2017) 9,1%
Wachstumsrate BIP (Q2 2017) + 2,2

Tschechien (als ein Nicht-Euro-Land zum Vergleich):
Arbeitslosenquote (Juni 2017) 2,9%
Wachstumsrate BIP (Q1 2017) + 4,0

Quelle:
„Economic and financial indicators“, in: The Economist, August 26th-September 1st 2017, p. 76

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Sicherer Job! Planbares Leben! Oder: Von der unermesslichen Last des Mutterseins

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Sep 012017
 

Versagende Eltern, gefährdete Kinder, belastete Mutter-Kind-Beziehungen – das dürfte das enorm wichtige Grundmotiv sein, welches zwei Schriftstellerinnen in  ihren neuen Büchern aufgreifen. Gut, bedeutend, es stimmt mich nachdenklich! Ist dies eine Bestandsaufnahme einer Situation, die jeden von uns unvorbereitet treffen kann?

Katharina, die Mutter in Mareike Krügels neuem Roman Sieh mich an, musste ihre Karriereträume beerdigen, nachdem sie ihren Mann Costas geheiratet und das erste Kind  bekommen hatte. Sie erteilt jetzt, statt auf Konzertbühnen zu glänzen,  Musikunterricht für Vorschulkinder und setzt das Orffsche Instrumentarium ein. Das schwierige Muttersein, schwierige Schwangerschaften und ihre eigene schwere Krankheit strichen ihre Lebensplanung durch. Sie sagt:

Nichts ist mehr so, wie es gehört. Nichts ist so geworden, wie ich es wollte, gar nichts, und nun stehe ich da und muss mir selber zuhören, wie ich zu mir sage: War das nicht klar? Das hast du doch gewusst, Katharina, damit war doch zu rechnen.“

PLANBARES LEBEN! Das ist eine zentrale Verheißung, mit welcher eine bedeutende Partei, Die Linke, in diesen Bundestagswahlkampf zieht. Die Politik soll es einrichten, dass alles so kommt, wie man sich das wünscht und vorstellt. Und dann – dies! Krankheiten, Schwangerschaften und schwierige Kinder vermasseln einem die Lebensplanung.

Monika Helfer schildert in Schau mich an, wenn ich mit dir rede! eine U-Bahn-Szene. Eine Mutter nimmt ihre Tochter ins Verhör. Mutter und Tochter haben beide einen Stadtroller zwischen den Beinen, beide tragen eine Schildmütze auf dem Kopf. Die Mutter fragt:

„Und du? Du? Du? Magst du ihn immer noch, deinen lieben, lieben Vater? Ich will es wissen. Ich weiß schon, nichts darf ich, aber etwas wissen wollen darf ich wohl. Oder wollt ihr mir das auch noch verbieten?“
Der Mund des Mädchens nahm einen leidenden Zug an, und ich dachte, gleich wird sie weinen. Sie weinte nicht. Sie drehte sich weg von ihrer Mutter, sagte nur sehr leise: „Mmhm.“

Zwei kurze, meisterhaft verdichtete Miniaturen aus zwei lesenswerten Büchern!  In Monika Helfers Szene fällt mir etwas auf, was für viele unserer Familien charakteristisch geworden ist: Die Einebnung der Unterschiede zwischen Eltern und Kindern.  Die Eltern ziehen sich so an wie die Kinder, sie ziehen die Kinder aber auch in ihre eigene emotionale Verstricktheit hinein.

Das Kind wird behandelt, als sollte es ein gleichartiger Partner der Eltern sein. „Dein Kind – dein Partner“, so hieß der Ratgeber von Carl H. Schmitt-Rogge, den ich übrigens selbst als Jugendlicher las, um meine Eltern in ihrem Erziehungsstil besser zu verstehen.

Das Kind als Partner? Ich finde das bedenklich! Das Kind wird so allzu leicht hineingezogen in den Paarkonflikt. Und dies, so meine ich, stellt eine heillose Überforderung des Kindes dar. Das Kind wendet sich dann ab wie in der U-Bahn-Szene, es verweigert die Antwort.

Und der Grund ist: Es muss sich schützen. Das Kind möchte nicht Sparringspartner für die ungelösten Konflikte der Eltern werden.

Ich lese aus diesen beiden Grundkonstellationen zweierlei heraus: Ja, Kinder können alles durcheinanderbringen. Ja, das Leben ist fundamental nicht planbar. Ja, Muttersein ist nicht einfach schön. Es kann schrecklich sein. Muttersein ist nicht angeboren. Die Frau wird hineingestoßen in etwas, was ihre Pläne umwirft. Anders ist es meist für den Mann; ihm wird viel eher zugestanden, seine eigene Karriereplanung duchzuziehen.

Und ja, Kinder sind etwas anderes als Erwachsene. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist keine demokratische Beziehung zwischen Gleichberechtigten; es wird immer eine größere Macht, eine größere Verantwortung bei den Eltern geben.

Zwei Bücher, die jetzt, wo die Abende früher einsetzen, sicherlich das Lesen lohnen.

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! Jung und Jung Verlag, Salzburg 2017, hier zitiert nach: Deutscher Buchpreis. Die Longlist 2017. Leseproben. Börsenblatt, Frankfurt 2017, S. 27-31, hier S. 28-29
Mareike Krügel: Sieh mich an. Roman. Piper, München 2017, hier zitiert nach: Petra Pluwatsch: Begrabene Träume. Mareike Krügel zieht eine bitterböse Bilanz des Mutterseins. Berliner Zeitung, 1. September 2017, S. 23

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Und meine Stimme spannte weit ihre Flügel aus

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Aug 292017
 

Von der Notwendigkeit des behutsamen Einsingens. Seit einigen Wochen versuche ich, eine geeignete Einstimmung für das tägliche Singen zu finden. Wie schnell zeigt sich die Stimme verschnupft, wie leicht ermattet sie, wenn sie zu schnell in die Höhe getrieben oder in die Tiefe gestoßen wird, wie leicht fängt man sich ein leichtes Brennen, eine kleine Verkrampfung ein, wenn man zu früh, zu hastig, zu steif lossingt!

Die verschiedenen Chorleiter, unter denen ich im Lauf der letzten Jahre singen durfte, haben mich jedoch nach und nach von derartigen Gewaltsamkeiten auf den richtigen Weg geführt.

Das Wichtigste scheint mir das allmähliche Herantasten, das Auflockern, das Vorwärmen des Körpers und der Stimme zu sein. Der ganze Leib soll sich allmählich aus seiner starren Alltagstauglichkeit lösen und sich zentrieren und hinfließen auf das Geschehen in der Stimme. Die Stimme stimmt buchstäblich den Körper ein, der Körper stimmt die Stimme ein!  Ausdrücke des Staunens, der Freude, der Erwartung durchziehen den Körper und den Geist. Sie finden eine lautliche Gestalt im Ausruf, im Seufzen, im Lächeln, im Gähnen, im Lachen. Einzelne Silben werden geformt mit wulstigen Lippen, der Bauchraum lockert sich, die Atmung wandert hinein in den Leib. Man kann sich vorstellen, die Luft flösse durch die Kehle in alle Blutgefäße des Körpers hinein. Nach und nach wird dieses Gefühl zum Klang. Der Klang ergreift Besitz vom Körper, der Körper formt sich seinen Klang.

Schließlich wird die Stimme nicht mehr „hochgetrieben“ und nicht „in den Keller verbannt“. Nein, sie beginnt umherzuspazieren, sie schaut sich um, sie möchte buchstäblich hoch hinaus, sie steigt in die Tiefen hinab, schaut sich um. Sie geht auf Entdeckungsreise!

Aus einem solcherart eingestimmten  Leib-Stimme-Verbund entsteht zwanglos das gezielte, methodisch geschulte Üben des Gesanges – ein Einüben und Hinführen der Stimme auf ein Geschehen, das schließlich das rein Physikalische überschreitet und den Sänger zum Hörer macht, wie umgekehrt auch der Hörer zum Sänger wird.

Und dann spannt die Seele im Gesang ihre Flügel aus!

Als Empfehlung verweise ich gern auf folgendes Heft, das mich seit einigen Sommerwochen kundig und treu begleitet:

Matthias Drievko: Die Seele in Klang verwandeln. Anregungen, Hilfestellungen und Übungen für die technischen Erfordernisse des Singens. Systematisches Trainingsprogramm für Sänger, Gesangslehrer und -schüler zum praktischen Gebrauch. Doblinger Musikverlag, Wien 2012, hier insbesondere Abschnitt II: Konzentrierte Vorbereitung: Atemtraining, Körperbewusstsein, Haltung, Lösen diverser Verspannungen etc., S. 14-17

Der krönende Abschluss einer derart vorbereiteten Übungsstunde kann folgendes Lied sein:

Robert Schumann: Mondnacht. Joseph von Eichendorff. Zart, heimlich. In: Das Lied im Unterricht. 61 Lieder für hohe Singstimme mit Klavierbegleitung.  Herausgegeben von Paul Lohmann. Verlag Schott, Mainz o.J., S. 63-65

 

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Goethe unplugged. Zum 28. August 2017

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Aug 282017
 

Ansprache am Rheinhessischen Weinbrunnen auf dem Rüdesheimer Platz. An Goethes Geburtstag

Goethes Geburtstag ist heute! Wir ehren heute das Andenken dieses größten Wandrers, dieses besten Begleiters und Reisegefährten, den die deutsche Literatur je erlebt hat, und wir brechen damit ein Bröckchen von dieser Ehre für uns selbst ab.

Goethe unplugged, so möchte ich meine erlesenen Abenteuer mit dem unbekannten, dem weniger gerühmten Goethe einführen; und dabei denke ich insbesondere an die Aufzeichnungen des Kanzlers Friedrich von Müller, der häufig vertrauliche Unterredungen mit Goethe pflegte und gleich anschließend ungefiltert Protokolle darüber führte, ohne sie doch, wie dies etwa Eckermann getan, noch erneut zur Gegenprobe vorzulegen. Goethe erscheint hier bereits mitten in dem großen, furchtbaren  Zerwürfnis mit der deutschen Gesellschaft, das sich bis heute fortgesetzt hat. Er benennt die Missachtung, ja den Haß, den ihm viele Frauen und Männer in Deutschland aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder Missgunst entgegenbringen.

Eine weitere, weniger bekannte Seite Goethes ist seine Ablehnung des nationalen Überschwangs, des romantischen Taumels, die im Zuge der antinapoleonischen Kriege die deutsche akademische Jugend erfasst hatte. Auch den entstehenden Sozialismus der Saint-Simonisten lehnte er ab.  Und schließlich widerstrebte ihm jeder gewaltsame utopische Zugriff auf die bestehenden Verhältnisse, jedes selbstgewisse Schwärmertum, das etwa unsere 68er Bewegung  prägte, die eine offenbar unersättliche Gier nach Diktaturen und Gewaltherrschern mitschlepppte.  In seinen Venezianischen Eprigrammen geißelt er die Selbstgerechtigkeit der selbsternannten Revolutionäre:

Jeglichen Schwärmer schlagt mir an’s Kreuz im dreißigsten Jahre;
Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.

Die Gespräche mit Eckermann wiederum – eins der besten Bücher, die Goethe uns vermacht hat – beweisen, dass Goethe die politische Landschaft der europäischen Staaten mit wachem, nie nachlassendem Interesse verfolgte. Es unterliegt keinem Zweifel und muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass Goethe die Verbindung aus Nationalismus, Sozialismus und Rassismus, die im deutschen Nationalsozialismus und im sowjetischen Bolschewismus so furchtbar gewütet hat, aufs schärfste abgelehnt hätte. Die Deutschen sind Goethes Grundeinsichten in all jenen Jahren mehrheitlich nicht gefolgt. Zu ihrem, zu unserem  Schaden und zum Schaden der ganzen Welt!

Und gerade bei der vielbeschworenen Integration, bei der in Europa so qualvoll unfruchtbaren Migrationsdiskussion hätte Goethe, der Wanderer zwischen allen Welten, zwischen Antike und Moderne, zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum, ein kräftiges Wörtlein mitzureden, wenn man ihn denn nur ließe. Wenn man ihm denn in Deutschland nur ein Ohr liehe! Wenn man doch wenigstens die Kinder und die Jugendlichen Schritt für Schritt heranführte an diesen reichen Schatz an Bildern, Geschichten und Versen, die Goethe uns und allen Menschen auf diesem Globus ausbreitet.  Man brauchte sich um mangelnde kulturelle Integration keine Sorgen zu machen!

Ich komme zum Lobgesang auf die prachtvollste, strahlendste, überwältigendste Sprachmusik, die je ein sterblich Ohr in deutscher Sprache vernommen hat: die metrisch gebundene Sprache Goethes, seine Gedichte, seine Epen, seine in rhythmischer Bindung verfassten Dramen.

Ich darf nur eines sagen: Der Tag, an dem ich erstmals die Gedichte Goethes in einer schönen Gesamtausgabe des Birkhäuser-Verlags in die Hand nahm und sie dann Seite um Seite wendete, da mein Durst, immer mehr von diesem Mann zu lesen, immer unstillbarer wurde, dieser Tag hat mich verwandelt; und seither suche ich wieder und wieder diese Quelle auf. Ich dürste nach Goethes Versen, wenn der getrocknete Staub des Kulturgeredes sich über die Feuilletons ausbreitet, ich verlange nach Goethe, wenn unsere heutigen deutschen Schriftsteller, denen es an nichts Materiellem gebricht, endlose Klagen über sich selbst und über den beklagenswerten Zustand der Welt und ihres eigenen Ichs führen; wenn sie im Dauerlazarett ihrer Neurosen nach dem Psychiater schreien und doch jede Möglichkeit der Heilung ausschlagen; ich sehne mich nach Goethe, wenn jeder Sinn für Schönheit, jedes Gefühl für Klang, Rhythmus, Metrum in der erbarmungslosen Darre des Aktualitätengewitters ausgedroschen wird und erstirbt.

Ich spreche Verse Goethes laut aus, wenn ich den Gipfelschnee auf den Dreitausendern der Dolomiten in der Ferne erahne, ja ich habe mich erst vor wenigen Tagen wieder einmal mit leicht abgewandelten Goetheschen Versen in ein Südtiroler Gipfelbuch eingetragen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,
Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.

Wandelnd! Wogenhaft! Veränderlich! Ja, so mag er uns weitergeleiten. Goethe, er wird auch die gegenwärtige Geringschätzung, Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit, die ihm an deutschen Schulen und Hochschulen, in den Medien und Kultureinrichtungen Deutschlands widerfährt, gekräftigt überdauern und schöner als vorher zu uns zurückkehren.

Er ist der beste, der größte Schriftsteller, den wir im deutschen Sprachraum haben, er ist der unerreichte Meister der deutschen Sprache, jeder nach ihm kommende Schriftsteller bezieht sich, ob er will oder nicht, bewusst oder unbewusst auf ihn.

Ich schließe mit einem Seitenblick auf Shakespeare, der für den jungen Goethe ein nachtvolles Erweckungserlebnis bedeutete. In seiner Rede „Zum Shäkespeare Tag“ tritt er 1771 ins Zwiegespräch mit dem großen Engländer ein – er spricht ihn an und spricht zugleich auch über sich selbst:

Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shaekspearen [also von Goethen], das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.

Auf, Zecherinnen und Zecher! Goethe wird uns nicht fressen! Goethe, du Pate, Unterstützer, Ermuntrer! Wie es auch sei, das Leben, es ist gut! Wir rufen dir zu mit Versen aus deinem Lied an Schwager Kronos, das Franz Schubert so großartig-brüderlich vertont hat:

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll

Labe dich und uns auch mit diesem schäumenden Trunk
Und dem freundlichen Gesundheits Blick.

 

Erheben wir das Glas auf die berauschende Schönheit der Goetheschen Sprache, auf die leuchtende Vernünftigkeit seiner Prosa, auf den Gesundheitsblick Goethes und auf seine Wiederkehr! Bleibe bei uns!

Und jetzt Musik! Es singt für uns Goethes Lied „An Schwager Kronos“ der Sänger Heinrich Schlusnus.

Verzeichnis trinkbarer sowie gedruckter Quellen:

Rheingauer Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz, Wilmersdorf. Täglich 15.00-21.30 Uhr. Nur noch bis 04. September!

Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Weingut Ferdinand Abel, Oestrich

Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller. Herausgegeben von C. A. H. Burkhardt. Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1870

Weingut Adam Basting, Winkel

An Schwager Kronos. Goethe. Nicht zu schnell. Orig. D moll. In: Schubert-Album. Sammlung der Lieder für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung von Franz Schubert kritisch revidirt von Max Friedländer. Ausgabe für tiefe Stimme. Band II, Edition Peters 7610, Verlag C.F. Peters, Leipzig o.J., S. 44-46

Weingut Wilhelm Nikolai, Erbach

Johann Wolfgang Goethe: Epigramme. Venedig 1790. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 208-236, hier S. 220 [Nr. 52]

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„Große Männer“, was bedeutet das?

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Aug 272017
 

„Ich hoffe, daß in Deutschland bald gesunde Verhältnisse eintreten werden und daß dort in Zukunft die großen Männer wie Kant und Goethe nicht nur von Zeit zu Zeit gefeiert werden, sondern daß sich auch die von ihnen gelehrten Grundsätze im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewußtsein durchsetzen.“

Vorfreude auf den bevorstehenden 28. August erfasst mich! Wird es uns morgen gelingen, einen der in Deutschland heute fast nicht mehr gelesenen, fast nicht mehr gelebten, in deutschen Schulen und Hochschulen fast nicht mehr gelehrten, fast nicht mehr rezitierten, fast nicht mehr gesungenen, nicht mehr auswendig vorgetragenen Physiker, Juristen, Politiker, Biologen, Geologen, Botaniker, Zeichner, Schriftsteller, scharfsinnigen Historiker, Kunstsammler, Staatstheoretiker angemessen zu würdigen, dessen Geburtstag sich dann zum 268. Male jährt?

Ich hege Zweifel. Denn Kant, Einstein und Goethe – galten  die denn einst nicht als Vorbilder? Könnte es sein, dass sie als Leitbilder taugen, ja schlimmer noch – dass sie aufgrund unserer eigenen freien Wahl – , globale, europäische und – in diesem Falle auch – deutschsprachige Leitkultur bilden und abbilden? Hat er (Goethe) doch selber – ebenso wie später auch Einstein – völlig zutreffend erkannt: „Die Deutschen wollen mich loswerden“ – und sie sind ihn (wie später Einstein auch) losgeworden.

Doch hege ich auch Hoffnungen! Denn außerhalb Deutschlands wurde und wird Goethe in seiner Bedeutung durchaus erkannt und geschätzt. So hat etwa der am 14. März 1879 im württembergischen Ulm an der Donau geborene Albert Einstein im März 1933 – damals bereits in den USA sich aufhaltend – den Wunsch geäußert, die von Immanuel Kant und Johann Wolfgang Goethe gelehrten Grundsätze möchten sich in Deutschland „im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewusstsein durchsetzen“. Deutschland hat ihm diesen Wunsch damals nicht erfüllt.

Ich werde den Wunsch Albert Einsteins, die Deutschen möchten ihre großen Männer – also zum Beispiel Tilman Riemenschneider, Albrecht Dürer, Albert Einstein, Johann Sebastian Bach, Immanuel Kant, Goethe – stärker zu Herzen nehmen, im Original lesen, diskutieren, rezitieren, singen und weitersagen – gerne morgen und weiterhin weitertragen!

Diese großen Männer – Kant, Einstein, Bach, Goethe zum Beispiel – sind ja nicht schon deswegen böse Menschen oder verwerfliche Menschen, weil die Deutschen sie loswerden wollten, sich keinen Deut um sie kümmern und sie loswerden wollen. Sie sind, so meine ich, ganz im Gegenteil großartige Vorbilder für uns alle, da wir dank unserer gemeinsamen Mutter- und Arbeitssprache Deutsch einen sehr viel leichteren Zugang zu ihnen haben könnten als andere auf aller Welt, die sich erst mühsam Kenntnisse des Deutschen erarbeiten müssen, ehe sie diese großen Männer im Original lesen und genießen können.

Nachweis des Zitats von Albert Einstein:

Monika Stoermer: Albert Einstein und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. In: Akademie aktuell 1/2005, S.4-7

https://web.archive.org/web/20071211111139/http://www.badw.de/aktuell/akademie_aktuell/2005/heft1/01_stoermer.pdf

Zum deutschen Haß auf Goethe vgl. beispielhaft bereits des Dichters eigene Wahrnehmung:
Johannes Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt. Ein nachgelassenes Werk von Johannes Falk. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1832, hierin besonders das V. Kapitel: „Goethe’s Humor“.

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Ein Europäer von echtem Schrot und Korn

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Aug 252017
 

„franczoisch, morisch, katlonisch vnd kastilian,
teutsch, latein, windisch, lampertisch, Rewsisch vnd roman –

dy zehen sprach hab ich gepraucht, wann mir zeran;
auch kond ich fidlen, trummen, pauken, pheyffen.
Jch hab umbfaren Jnsel und aren, manig land
auff scheffen gros, der ich genos von sturmes bant“

 

Also hast gesprochn vnd gsunga, du guter fidler und gesell,
sänger, landfahrer, kämpfer, komödiant
mir ham di erscht neili bsucht an deiner alten stell,
burg hauenstein ist sie genannt,
von dort hobm mir geschaut ins ganze land,
nunter auf di alm nach Seis, auffi zu die kofelspitzen,
mit schrofengelände und felsenritzen,
fiari nach sankt Valentin zur rechten hand,
und nachert hamma do no gsessn,
und ham die kaminwurzn alle gessen.

des ohngeacht
hamma vui glacht
oba freili, neili,
gschumpfn host a no wiara teifi.

 

Zitat: Oswald von Wolkenstein: „ES fugt sich, do ich waz von zehn Jarn alt“. In: Gedichte 1300-1500. Nach Handschriften und Frühdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Eva und Hansjürgen Kiepe [=Epochen der deutschen Lyrik, hg. von Walther Killy, Band 2] dtv, Wissenschaftliche Reihe, München 1972, S. 193-197, hier S. 194

Bild: Blick von der Burgruine Hauenstein, zu einem Drittel im Besitz Oswald von Wolkensteins, auf das Dorf Seis, Aufnahme vom 16.08.2017

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24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Gedächtniskultur  Kommentare deaktiviert für 24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas
Aug 232017
 

Ein Tag der gesamteuropäischen Schande, ein Tag, der die Pforten zur Hölle auf Erden öffnete: so muss man wohl in der Rückschau den 24. August 1939 bezeichnen, den Tag, an dem der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet wurde. Während sich vor diesem Tag die fünf großen, hochgerüsteten europäischen Militärmächte Italien, Frankreich, Sowjetunion, Großbritannien, Deutsches Reich gegenseitig belauerten und ein wirres Geflecht zahlloser wechselseitiger Beistandserklärungen mit kleineren Mächten vereinbart hatten, schafften die Sowjetunion und das Deutsche Reich jetzt die Weltsensation: ein sehr konkret ausverhandeltes Bündel an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen, mit denen sie den gesamten Kontinent untereinander aufzuteilen gedachten.

Damit wurden die mörderischen Pflöcke eingerammt, die in den folgenden Jahren unseren Kontinent mit seinen Menschen so unsäglich quälten und zerstörten. Es begann mit der Zerstörung Polens und der baltischen Staaten durch die beiden Hegemonialmächte Deutsches Reich und Sowjetunion.

Der gut dokumentierte Handschlag, das bei der gemeinsamen Parade der sowjetischen Armee und der Wehrmacht in Brest-Litowsk gezeigte lächelnde Einvernehmen der Generäle Mauritz von Wiktorin (eines Österreichers), Heinz Guderian (eines Deutschen)  und Semjon Moissejewitsch Kriwoschein (eines sowjetischen Juden) lässt einem in der Rückschau das Blut in den Adern gefrieren.

Diese dramatischen Tage im August und September 1939 und ihre bis heute ganz unterschiedliche Wertung in Russland, der Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen und in den westlichen EU-Staaten prägen bis heute die einander widerstrebenden Gedächtniskulturen der 47 europäischen Staaten, die unseren Kontinent Europa bilden.

Vielleicht ermöglicht es die Besinnung auf diesen deutsch-sowjetischen Pakt, die Gründe für das bis heute völlig zersplitterte Geschichtsbild der jetzt 47 europäischen Länder zu erhellen.

Erschütterndes Archivmaterial in russischer und englischer Sprache in Ton und Bild ist heute mühelos abrufbar. Zwei drastische Videos der an jenem Tag, dem 24. August 1939 besiegelten deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft möchte ich heute hervorheben.

 

 

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Von der Freiheit des Absprungs

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Aug 182017
 

Auf dem Anstieg zum Speikboden, einem bekannten Berg im Ahrntal, bestaune ich in etwa 2200 Meter Höhe gebannt die Vorbereitungen der Gleitschirmflieger. Wie sie sorgfältig ihre wulstförmigen Schirme ausrollen, wieder und wieder die Leinen überprüfen und richtig legen. Wie sie regelmäßig hinüber schauen zum gleichmäßig im Wind flatternden Fähnchen. Eine junge Frau probt wieder und wieder den Anlauf und bricht dann mehrfach ab. Zur gleichen Zeit erheben sich mehrere Flieger geradezu mühelos in die Luft. Erheben? Nein, sie lassen sich fallen, sie gehen ein paar Schritte und lassen sich dann hineinfallen ins Meer der Luft wie ein Schwan sich ins Wasser eines Teiches gleiten lässt, um dann gelassen, sicher und gleichsam mit einem grüßenden Lächeln seine Kreise zu ziehen.

Acht Gleitschirmflieger schweben schon dahin. Nach wenigen Sekunden erreichen sie eine Thermikzone. Jetzt beginnen sie in immer erneut wiederholten Kreisen den Aufstieg. Höher und höher fliegen sie. Sie umrunden uns, sie schauen schon auf uns herab.

Nun hat auch die junge Frau den Absprung geschafft. Sie findet die Freiheit des Absprungs. Aus dem krächzenden Mikrophon ertönt die Stimme ihres Betreuers oder Lehrers. Und schon ruht sie sicher in der Luft, als hätte sie dieses Fliegen, dieses Gleiten, dieses königliche Schwimmen nie lernen müssen.

Ein grandioses Schauspiel, das die Fliegenden mit ihren bunten Schirmen uns bieten! Vergleichbar dem Mobile in einem Kinderzimmer, wo beim Einschlafen bunte Fische hin und her schwimmen.

Ahrntaler Flieger, ich danke Euch!

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Schaurige Schönheit, nicht ungefährlich

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Aug 172017
 

10. August

Mit der Gitsch-Gondelbahn fuhren wir bei strahlender Morgensonne hinauf zur Bergstation auf der Gaisraste, die in 2058 m Höhe liegt. Von hier bot sich ein herrlicher Rundblick über das Pustertal bis hin zu den Geislerspitzen.

 

 

 

 

 

 

Ein bequemer Weg brachte uns um den Rücken von Breiteleben herum an diesem plätschernden Brunnen vorbei. Etwa eine Stunde lang querten wir Wiesen und durchschritten einige Almweiden, auf denen das Vieh graste.

 

Dann wurde es ernst: Ein Hinweisschild kündigte den ungesicherten Schellebergsteig an, der an abschüssigem, felsdurchsetztem Schrofengelände quer durch die zerschrundene Westflanke des Fallmetzers (2568 m) führt.

Wir stiegen ein. Jetzt galt es, jeden Schritt sorgfältig zu setzen! Oftmals war die Trittspur ausgesetzt. sorgfältig sicherten wir uns mit den Händen ab.

Doch ließen wir auch den Blick hinab in das grüne Altfaßtal fallen, das sich in 300 m Tiefe unter unseren Füßen ausbreitete.

Am Ufer des Großen Seefeldsees, der auf 2271 m liegt, hielten wir die wohlverdiente Mittagspause.

„Wie ein Fjord hockt das Gewässer in einem engen Graben – wenn Wolken ziehen, Licht und Schatten rasch wechseln, ein Bild von schaurig-wilder Schönheit“, schreibt Eugen E. Hüsler in seinem Wanderführer.

An den Hängen des Talkessels fielen uns große Flächen auf, die üppig mit einer betörend schönen Blume besetzt waren. Ein zweiter Blick belehrte uns: Die bezaubernde, von emsigen Hummeln besuchte Alpenschönheit war nichts anderes als der Blaue Eisenhut. Die giftigste Pflanze ganz Europas, deren Wurzel von alters her als todbringendes Gift bekannt ist und auch als Pfeilgift bei Jägern Verwendung findet! Wer weiß, vielleicht wurde es schon in der späten Kupferzeit verwendet? Vielleicht fiel der hinterrücks mit einem Pfeil erschossene Ötzi ihm zum Opfer?
Hier ist er jedenfalls, der Blaue Eisenhut in all seiner Pracht:

Bald mussten wir von der rauhen Schönheit des Talksessels Abschied nehmen, denn für den Nachmittag waren Gewitter angekündigt.

Wir stiegen hinab ins Tal des Altfaßbaches, der sich mäandernd durch den Talboden schlängelt. In der Wieserhütte stärkten wir uns mit einem Teller Suppe.
Gegen Ende der Wanderung führte uns eine bequeme Sandstraße zurück nach Meransen. Hochwillkommen war uns dabei eine Kneippstation. Dort konnten wir im eisig kalten Wasser des Altfaßbaches Erquickung und Erfrischung für die Füße schöpfen.

Das letzte Stück lief wie von selbst. Jetzt wurde die Landschaft weicher, das Felsige verschwand, eine üppige Pflanzendecke breitete sich über die sanfter geschwungenen Hügel. Der Blick weitet sich ins Ungeahnte hinüber zu den entfernten Bergen jenseits des Pustertales.

 

 

Wir waren zurückgekommen. Eben als wir die Gondelbahn bestiegen, die uns zurück nach Meransen bringen sollte, fielen die ersten Regentropfen.

 

Die für den Nachmittag angekündigten Gewitter setzten erst spät am Abend ein. Von unserem Quartier aus konnten wir Blitz und Donner verfolgen, und dann begann ein Hagelschlag ungeheuren Ausmaßes. Bis zur Größe eines Apfels hatten sich die Hagelgeschosse zusammengeballt, unseren Ohren bot sich ein betäubendes Trommelfeuer!
Am nächsten Tag wurde klar: es war in dieser Gegend am Eisack der schlimmste Hagelschlag seit vielen Jahren.

Beleg:
Eugen E. Hüsler: Tauferer Ahrntal mit Pfunderer Bergen. 50 ausgewählte Berg- und Talwanderungen. Rother Wanderführer. Bergverlag Rother GmbH, München 2016, darin: Route 47: Seefeldsee, 2271 m. Spannender Weg zu einem versteckten Alpenfjord, S. 142-143

 

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Am Abendhimmel blühen die Rosen uns auf

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Aug 072017
 

Schau! Dort hoch am Weinberg steigt eine Nebelfahne auf. Säuberlich getreppt steigen die Zeilen mit den enggepflanzten Rebstöcken empor.

 

 

 

Erfrischt atmen die Rosen auf. Sie schmiegen sich eng an die Spaliere. So endet der Abend des ersten Tages voller Zuversicht auf das, was uns morgen erwartet.

 

Das Kloster Neustift empfängt und begrüßt jeden, der nicht mehr weitergehen kann. Es liegt eingebettet zwischen Weinbergen, Wegen, Rosen und dem Himmel.

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Macht des Wassers

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Aug 062017
 

Der Eisack tobt mächtig durch sein enges Bett. Unaufhörlich strömt Welle auf Welle, einzelne Inseln werden abgetrennt, werden vom Wasser umschnürt. Wie lange werden sie halten?

 

 

 

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Zunehmendes Licht

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Jul 312017
 

„Wie ist es bei euch in Deutschland, Papa? Erzähl mir dein Leben in Märchen!“

„O mein Sohn, es ereignet sich einiges hier bei uns in Deutschland: Zunehmende Wärme wärmt uns, zunehmendes Licht erleuchtet uns!  Der Sommer kommt in die Gänge, keiner glaubt noch, er könnte schnell zu Ende gehen. Tief Zlatan, der nordische Jagdhund, dieses pelzige Ungetüm, der alte Spielverderber, zog sich grollend in die Berge zurück, weit hinter die sieben Berge. Auch mit einem 12-Zoll-Zoll-Teleskop kannst du ihn nicht mehr sehen, nicht einmal von unserem 7000er Gipfel, dem Insulaner!“

„Warum, Papa? Gefällt es ihm nicht bei euch in Deutschland?“

„Weißt du, hier sind mir die Menschen zu kalt, sagt Zlatan, zur Rede gestellt. Bei uns in Sibirien ist es außen kalt und dunkel, aber wir Hunde leuchten von innen.“

 

Unverhoffte Begegnung: Wir befinden uns in einem Schöneberger Buchladen, irgendwo in dem Quartier, das sie großsprecherisch Kreuz des Südens nennen.  Ein Kunde streift suchend vor den Regalen umher, legt seinen Kopf schräg, um die Buchrücken zu entziffern. Schreitet Schritt um Schritt voran. Zieht das eine oder andere Buch hervor, zunehmend rascher, ungeduldiger.

„Sie suchen nichts Bestimmtes?“, fragt ihn die Buchverkäuferin, die ihn schon einige Augenblicke beobachtet hat.

„Doch! Ich habe da einen neuen Spielfilm gesehen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Er hat mich erschreckt. Ich fand die Personen alle ziemlich klischeehaft. Pappmachéefiguren. Und es herrschte eine abgründige Lieblosigkeit, fast schon ein Hass zwischen den Menschen des Films, wie er sich eigentlich nur in echten Familien ausbilden kann, aber nicht in Filmen.

Und das reicht nicht, um einen guten Film zu machen,“ fuhr der Kunde fort. „Aber ich glaube, das Buch ist besser. Denn gelungene und weniger gelungene Literaturverfilmungen sind als geschäftige Kupplerinnen anzusehen: sie erregen eine unwiderstehliche Neugier auf das Original.“

„Das Buch wäre also besser als der Film? Wissen Sie das, oder glauben Sie es zu wissen?“, fragte die Buchhändlerin zurück.

„Ich weiß, das ich es glaube. Aber um es zu beweisen, möchte ich dieses Buch lesen. Wissen Sie, wer es geschrieben hat?“

„In Zeiten des abnehmenden Lichts – von Eugen Ruge? Das hatten wir gestern noch in einigen Exemplaren hier liegen. Schauen Sie hier!“ (Triumphierende Demut der Buchhändlerin)!

„Ha, danke, Sie sind noch eine Buchhändlerin von altem Schrot und Korn. Sie kennen also jedes Buch, das Sie hier vorrätig halten?“

„Fast jedes! Und alle anderen bestellen wir Ihnen, sofern lieferbar.“

Der Kunde war begeistert, kaufte das Buch, dazu noch eine Zeitschrift und eine Zeitung. Was mag er wohl beim Lesen des Buches empfinden?

 

Hier die Angaben:
Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9. Auflage, Februar 2017, Reinbek 2017

In Zeiten des abnehmenden Lichts. 2017. Regie: Matti Geschonneck.

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Im Schrofengelände unterwegs zu einem Siebentausender

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Jul 282017
 

 

Aus dem Tagebuch eines Berliner Bergsteigers, der sich geistig schon auf die anstehenden  Südtiroler Bergtouren vorbereitet:

28.07.2017. Schlechtwetter hielt uns mehrere Tage am Basislager auf Höhe von 3800 über NN gefangen. Sturmtief Zlatan zeigte uns wieder und wieder seine unbeugsame Macht. Nach zwei Nächten sintflutartiger Regenfälle klarte es endlich auf. Immerhin waren die Temperaturen  hochsommerlich warm geblieben und fielen auch nachts nicht unter 15°C. So beschlossen wir am 25.07.2017 kurz nach Sonnenaufgang, den Anstieg zum Gipfel zu wagen. Uns lockte insbesondere das alte Observatorium, das, beginnend ab den späten 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dort oben am Gipfelplateau in Höhe von 7840 über NN errichtet worden war.

Besonders der heute als technisch überholt geltende, aber handwerklich immer noch staunenswerte 12-Zoll-Bamberg-Refraktor hatte das Interesse der Astronomen in unserer Gruppe geweckt.

Schon nach kurzer Gehzeit im lichten Bergwald wurden die Schäden der verheerenden Unwetter der vergangenen  Tage und Nächte sichtbar: großflächig ausgewaschene Kare, von denen auch noch der spärlichste Bewuchs abgetragen war (siehe Foto oben), bröckelnde Felsen, die schon beim leichtesten Tritt abgestürzt wären!

 

 

Eine Armlänge neben unserem Weg lag eine umgestürzte hundertjährige Fichte, deren lautes Krachen wir zwei Nächte zuvor bis in unser Quartier hinein gehört hatten. Vor uns erstreckten sich jetzt zahllose ineinander mäandernde Schrofen. Bergseitig hatte sich eine mächtig aufragende Wand gebildet, von der ab und zu abgehender Steinschlag zu hören war (siehe nebenstehendes Foto). Wir hatten also jene Zwischenzone erreicht, in der ein Klettern noch nicht nötig, ein rüstiges Ausschreiten nicht mehr möglich war. Auch ein Luis Trenker hätte hier zu äußerster Vorsicht geraten. Wie sollten wir uns verhalten, wenn wir das Gipfelplateau sicher und heil an Leib und Leben erreichen wollten?

In seinem Buch „Meine Berge“ gibt der genannte Luis Trenker über dieses Zwischenreich des Nicht-mehr und des Noch-nicht folgenden Ratschlag:

Man hat keine einheitliche Bezeichnung für diese Mittelzone, dieses Mittelding zwischen Geh- und Kletterterrain, doch ist sie meist mit dem identisch, was man S c h r o f e n g e l ä n d e nennt, also ein mehr oder weniger steiles, noch mit Vegetation, langhaarigem Gras, einzelnen Latschen, mit kleinen Felswandeln, Zacken, Gesteinsrippen, erdigen oder schotterigen Rinnen, also Schrofen, durchsetztes Gehänge – über das man gewöhnlich den „Einstieg“, wo die reine Felsarbeit beginnt, erreicht.  Die Schrofenkletterei ist zwar die technisch leichteste, aber nicht die ungefährlichste Art des Gehens im Fels. Anfänger begehen gern den Fehler, sich möglichst bald, schon bei leichter Steilheit, an die geneigten Schrofen zu lehnen und womöglich auf allen vieren zu kriechen. Das ist verdammenswert schlecht. Der Körper muß unter allen Umständen aufrecht bleiben.

Nun, wir krochen nicht auf allen vieren, was ja verdammenswert schlecht gewesen wäre, sondern hielten uns aufrecht und an die Ratschläge Trenkers.  Nach nicht weniger als geschlagenen 900000 ms hatten wir unser Ziel erreicht. Wir genossen den Ausblick auf die weit unter uns hinter dem wogenden Baumwipfelmeer liegende Stadt. 

 

 

 

Endlich konnten wir auch  den 12-Zoll-Refraktor in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Augenschein nehmen. So wurden wir für die Mühen des Aufstiegs im unwirtlichen Schrofengelände reich belohnt.

 

 

 

 

 

 

Hinweis:
Die Höhenangaben erfolgen in diesem Bericht in Zentimeter über Normalnull (NN).

Die Angabe der Gehzeit bis zur Wilhelm-Foerster-Sternwarte erfolgt in Millisekunden (ms).

Die Wilhelm-Förster-Sternwarte liegt auf dem Insulaner-Berg im Berliner Stadtteil Schöneberg.

 

Zitatnachweis:
Meine Berge. Das Bergbuch von Luis Trenker unter Mitarbeit von Walter Schmidkunz. Mit 190 Bildern im Kupfertiefdruck. Verlag Neufeld & Henius. Berlin 1932, S. 44

 

 

 

 

 

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„The healing Sounds dispel his Cares“. David gibt den Ton an

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Jul 272017
 

 

 

 

 

 

Ein erneuter Besuch in der Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts führte uns gestern bei herbstlichem, trübstem Regenwetter zu diesem Chiaroscuro-Holzschnitt von oder nach Frans Floris. Dargestellt ist eine Szene aus dem 1. Buch Samuel (Kapitel 18): Der strahlende Sieger David spielt vor dem König Saul, den ein böser Geist überfallen hat. In ihm lodern Verdacht, Eifersucht und Neid auf. Voller Ingrimm packt er den Speer und fasst den Beschluss, David an die Wand zu spießen. Nur mühsam gelingt es seinen Angehörigen und Hofbeamten, ihn davon abzuhalten.

Doch Davids Harfenspiel und sein Gesang üben immer wieder eine heilende Wirkung auf den König aus. Die abgrundtiefe Schwermut, der Verfolgungswahn und der Jähzorn Sauls werden durch den Klang der Musik vertrieben. Vertrieben? Nicht ganz, aber doch vorerst „zerstreut“.

In mir stiegen die Nachklänge jener großartigen Aufführung des Oratoriums „Saul“ von George Frideric Handel auf, der ich am 15. Januar 2017 im Kammermusiksaal der Philharmonie lauschen durfte.

Dort sang die Sopranistin Marie Luise Werneburg betörend schön als Sauls jüngere Tochter Michal die folgenden Worte zu dieser im Holzschnitt dargestellten Szene:

Fell Rage and black Despair possesst
With horrid Sway the Monarch’s Breast;
When David with Celestial Fire struck,
Struck the sweet persuasive Lyre:
Soft gliding down his ravish’d Ears,
The healing Sounds dispel his Cares;
Despair and Rage at once are gone,
And Peace and Hope resume the Throne.

So tritt denn das überwältigende Erlebnis jenes Konzerts im Kammermusiksaal durchscheinend hinter die Auffrischung in der Darbietung für die Augen  durch den flämischen Meister. Das ist Musik in den Augen! Das Kupferstichkabinett erweist sich so als der Kammermusiksaal der bildenden Künste; und so wurde es ja auch völlig zu recht schon bei der Eröffnung der diesjährigen Sommerausstellung bezeichnet.

Bezüge:

Die Bibel. 1. Buch Samuel, Kapitel 18

Georg Friedrich Händel: SAUL. HWV 53. Berliner Figuralchor, Cantores minores. Berlin Baroque. Leitung: Gerhard Oppelt. Aufführung am 15. Januar 2017. Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin. Textzitat aus dem Programmheft

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog Nr. 38

 

 

 

 

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Fernstenliebe oder Nächstenliebe?

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Jul 242017
 

Das Samaritergleichnis erschließt einen Nahbereich. Im Grunde, so Jesus, spielt sich das Leben des Menschen wesentlich im Umfeld der Nahen und der Nächsten ab.

Die moderne Welt der Medien, gerade die elektronischen Medien erschließen hingegen das Fernste. Der typische Vertreter dieser fernsten Dimension sind die Nachrichten.

„Wie kannst du noch ruhig schlafen angesichts des Übels in der Welt! Hast du denn nicht die Nachrichten gesehen? Und hast du denn schon vergessen, was in der Weltgeschichte alles an Schlimmem passiert ist? Kannst du denn die Millionen und Millionen von Toten vergessen, die wir Deutschen alle für alle Zeiten auf dem Gewissen haben, direkt oder indirekt? Grad DU ALS DEUTSCHER!“

Was hat Jesus auf derartiges Starren auf die Schrecken der Vergangenheit geantwortet, in dem ja wir Deutschen die unübertroffenen Weltmeister sind?

Er antwortet schroff und barsch: ἄφες τοὺς νεκροὺς θάψαι τοὺς ἑαυτῶν νεκρούς „Lass die Leichen doch ihre Leichen begraben“(Mt. 8,22). Tot ist tot. Widme dich den Lebenden. Die Lebenden sind wichtiger als die Toten, sie verlangen unsere ganze Aufmerksamkeit.

In ähnlichem Geist schrieb es Primo Levi am 27. Januar 1945 in sein Tagebuch, als er vor der Frage stand, ob er einen Toten bestatten oder eine Latrine leeren sollte:

Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare. Bisogna vuotare la latrina. I vivi sono più esigenti. I morti possono attendere. 

Es gibt dringendere Arbeiten als die Totenbestattung. Man kann sich nicht waschen. Man muss die Latrine leeren. Die Lebenden sind anspruchsvoller. Die Toten können warten.

Saubere Abwasserentsorgung, eine Grundbedingung sicheren Trinkwassers, sicheren Lebens für alle Menschen, das war damals so und ist auch heute noch so. Über die Toten haben wir keine Gewalt.

Die sittlichen Lehren Jesu Christi richten sich stets an den einzelnen, nie an Staaten. Seine Trinitätslehre ruhte auf der Gottesbeziehung, der Beziehung des Menschen zum Menschen, der Beziehung des Menschen zum Selbst. Gottesliebe, Selbstliebe, Nächstenliebe, das ist seine Dreieinigkeit. Wenn Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe im Lot sind – so Jesu Lehre – dann ist auch das Wohlergehen der Seele und des Leibes besorgt. Diese drei können auch Quelle von politischem Engagement werden, aber doch nur im übergreifenden Horizont dieser intimen Beziehung der Person zum eigenen Selbst, zum Nächsten und zu Gott. Der primäre Kampf richtet sich auf die Wahrheit der Person, nie auf die Wahrheit der Macht.

Politisches Handeln ist allenfalls ein Sekundärphänomen, niemals setzt der Kampf für eine bessere Welt bei der Welt an, sondern stets bei dem Kampf für eine liebevollere Beziehung zum eignen Selbst, zu Gott, zum Nächsten. Make yourself a better place for God, könnte das Motto lauten. Jesus war kein Weltverbesserer!

Christus hat es ausdrücklich abgelehnt, in den gewaltigen politischen Konflikten, die damals Palästina erschütterten, Stellung zu beziehen. „Gebt dem Caesar, was des Caesars ist, und Gott, was Gottes ist“, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“, damit hat er im Grunde der Sphäre der Politik die höheren Weihen entzogen. Er tritt im Prozess vor Pilatus seinem Richter mit einem ungeheuren Selbst- und Gottesvertrauen entgegen. Er duzt ihn ohne Titelangabe, er wirft sich nicht in den Staub vor der Autorität des Kaisers, er führt ein Gespräch auf Augenhöhe. Er respektiert ihn wie jeden anderen Menschen auch, aber er dient sich ihm nicht an, er unterwirft sich ihm nicht.

Und er nimmt aus der aufgeheizten politisch-religiösen Diskussion seiner Zeit den Dampf raus.

Und so meine ich, man sollte den erstickenden moralisch-metaphysischen Dampf aus den politischen Debatten nehmen. Politische Fragen sind, so meine ich, zunächst einmal praktische, nicht ideologische Fragen. Jede politische Betrachtung ist eine Betrachtung dessen, was in einem Staat, also im politischen Nahbereich der Fall ist.

Danach sollten wir fragen: Und? Sind wir damit zufrieden, wie es bei uns ausschaut? Können wir es dabei belassen? Oder wollen wir es ändern?  Falls ja: Können wir es überhaupt ändern? Oder muss der Anstoß zur Änderung in anderen Staaten von diesen anderen Staaten, von diesen anderen Menschen erfolgen? Sollen wir Europäer das Leben der Amerikaner und der Asiaten verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Sollen wir Europäer das Leben der Afrikaner verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Haben wir Europäer von heute für die Amerikaner eine fundamentale Verantwortung? Für die Afrikaner von heute?

Quellen:

Mt 8,22; Mk 12,17; Joh 18-20 passim
Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

 

 

 Posted by at 19:25