Feb 232017
 

 

 

 

Hinab ins Alte, ins Uralte führte uns kurz vor dem  „UNESCO-Tag der Muttersprachen“ (21. Februar) der Weg. Einige Händler und Köche aus der sudanesischen Sahara haben Zelte mit bunten Luftballons aufgeschlagen und laden zur Eröffnung des neuen Imbisses ein. Palmen aus Pappmachée, Nachbildungen von Tempelsäulen, Farnwedel und der unverwechselbare Geruch von Falafel, Datteln, Bulgur, Erdnuss-Soßen, Magali und Halloumi umfangen uns. Die Köche begrüßen mich – „Wir kennen uns doch aus der Eisenbahnstraße…?“; „Ja!, wir kennen uns!“, stimme ich zu. Ja, wir Wüstenwanderer – „O Traum der Wüste, Durst und Datteln, endlos Sehnen…“ wir erkennen uns.

Schmeckhaft, lecker breiten sich die Gerichte aus. Wir nehmen Platz und tun uns gütlich! Am besten gefällt  mir, dass die Gäste in ihren Muttersprachen das „Willkommen“ an die Wand schreiben dürfen. Ich erkenne eine uralte, mir unbekannte, entfernt an ägyptische Hieroglyphen des 2. Jahrtausends v. Chr. erinnernde Bilderschrift, ferner das Hebräische, das Türkische, das Isländische und ein gutes Dutzend regionaler Sprachen. Ich beschließe ebenfalls in der Sprache meiner Mutter einen besonders herzlichen Willkommensgruß daneben zu setzen, den mich meine Mutter noch gelehrt hat: „Griaß enk!“ Enk, ein alter Dual des Bairischen, im heutigen Bayern nicht mehr geläufig, aber im südlichen Tirol bei Brixen (das ja zur bairischen Sprachenvielfalt gehört) habe ich ihn noch gehört, von jungen Bergwanderern. Und ich lehre die Sudanesen aus Naga, aus Meroe die zwei herrlich klingenden Wörter des Bayrischen und sie lehren mich den Klang und Sang ihrer Muttersprachen.

O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen!

Bild: Die Wand des Willkommens. In:  Sahara. Sudanesische Spezialitäten. Aufnahme vom 18.02.2017

 

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Feb 182017
 

Immer wieder gerate ich als vorbeigehender Zeuge in  Unterredungen zwischen Kindern und erwachsenen Radfahrern, die einen Schulhof, dessen Gelände auf das allgemeine Straßenland hinausreicht und das deutlich an beiden Einfahrten ein Verkehrszeichen „Radfahren verboten“ aufweist, ungescheut auf ihrem Rad durchfahren. Sehr zum Unwillen der Kinder! Sie rufen dann: „Absteigen bitte!“ „Aussteigen bitte, das ist ein Schulhof!“

Umsonst! Ich höre dann von den Erwachsenen, die von den Kindern um das Absteigen gebeten werden, irgendwelche Rechtfertigungen oder auch barsche Knurrlaute, etwa in folgender Art: „Ich passe schon auf!“, „Das seh ich nicht ein, hier kommt ja niemand“, „Haltet das Maul“ usw. usw.

Sind Verkehrszeichen oder überhaupt Vorschriften – wie etwa hier das VZ 254 „Verbot für Radfahrer“ – nur dann zu beachten, wenn man deren Sinn einsieht? Soll man Regeln nur dann befolgen, wenn man sie gut findet?

Ich selbst befuhr übrigens vor Jahrzehnten ebenfalls als Achtklässler ohne Zögern einige Male den Schulhof mit dem Fahrrad, obwohl ich wusste, dass dies verboten war und mich der Rex sogar erwischt hatte. Mich leitete dabei die Maxime: „Ich weiß selbst, was ich verantworten kann, ich sehe doch, dass da niemand kommt. Und wenn jemand mir in die Quere kommt, dann bremse ich rechtzeitig.“

Zwei Jahre später, in der 10. Klasse,  las ich dann als Hinführung zu der „Kritik der praktischen Vernunft“ Immanuel Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, erschienen in Riga 1785; Kant hinterließ damals mit seinen drei Kritiken einen ungeheuerlichen, bis heute nachwirkenden Eindruck auf mich, und seither begleitet mich die beständige Selbstbefragung und Selbstprüfung: „Was wäre, wenn jeder dieser Maxime folgte? Würde ich wollen können, daß meine Maxime ein allgemeines Gesetz werde?“

Die Antwort lautete damals nein und lautet heute nein. Man muss Vorschriften auch dann befolgen, wenn man deren Sinn nicht einsieht.

Ich meine darüber hinaus, dass hier auf diesem Schulhof geradezu die sittliche Pflicht für Erwachsene besteht, den Kindern als Vorbild zu dienen und sich an die Verkehrsregeln zu halten. Auf diesem Schulhof abzusteigen stellt auch keine unzumutbare Härte dar, denn auch der eilige Radfahrer verliert nur etwa eine Minute Lebenszeit. Lebenszeit, die er dazu nutzen kann, mit den Kindern oder den Lehrern zu plaudern.

Was sollen die kleinen Grundschulkinder (ab Klasse 1) von uns Großen halten, wenn sie sehen, dass die meisten Radfahrer an dieser Stelle so offensichtlich und trotz aller Bitten der Kinder die Regeln missachten, die hier zum Schutz der kleinen Kinder erlassen worden sind?

Man bedenke: Für Kinder sind alle Erwachsenen irgendwie die Großen. Und „die Großen“ halten sich nicht an die Gebote. Und das ist schlecht für die Kinder, weil die Großen damit ihre Achtung verlieren. Und die Kleinen können keinen Sinn für das Rechtschaffene, für die Redlichkeit entwickeln, die doch recht eigentlich Gesellschaften zusammenhält.

Bild: Szene  auf dem Schulhof heute, am Vormittag

Leseempfehlung für die Großen:

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Riga, bey Johann Friedrich Hartknoch. 1785. Hier bsd. S. 52: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

 

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„Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden“. Heines Pfeifen im Walde

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Feb 152017
 

Ein äußerst reizvolles Miteinander, besser Gegeneinander ergab sich uns, als wir vor Tagen kurz hintereinander Goethes während seiner Harzreise des Jahres 1777 geführte Aufzeichnungen und Gedichte mit Heinrich Heines Reisebild „Die Harzreise“  von 1824 durchlasen. Zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Zeiten, durch die ungeheuren Zeitenbrüche, besser Verwerfungszonen der Französischen Revolution  und der Napoleonischen Kriege getrennt. Es herrscht in den Seiten dieser beiden Dichter ein jeweils anderer Ton, es weht ein anderer Wind, es atmet sich völlig unterschiedlich! Es erhellt sich bei beiden ein unverwechselbares, höchstpersönliches und in den tiefsten Kern des Selbst hineinreichendes Grundverhältnis zum Ich, zur Welt, zum Du.

Doch gehen wir es langsam an und fragen: Was ist den beiden Dichtern gemeinsam? Antwort: Beide besichtigten damals auf ihren Harzreisen ein Bergwerk von innen, beide bestiegen den Brocken, beiden führten beständig einen inneren Dialog mit anderen Menschen, beide suchten das Gespräch mit Gott, sie wanderten als Beter und versuchten die Anrufung Gottes, beide zitierten ausdrücklich aus der Bibel, beide nutzten diese Wanderung als Anlass der mühseligen Selbsterhellung und Selbst-Klärung. Heine erlebte den Harz bereits – wie der hier Schreibende – im Lichte Goethes, er verehrte ihn – wie der hier Schreibende – über alle Maßen wie keinen zweiten deutschen Schriftsteller, er kannte den ersten Teil unseres heutigen Faust sehr gut, und Heine schloss seine eigene Fußwanderung sogar mit einem höchst merkwürdigen Besuch bei Goethe in Weimar ab, der ihn ungeheuerlich verstört und niedergeschmettert haben muss. Genug Stoff für mehrere Tage des Nachdenkens!

Für Goethe stellte die Gebirgslandschaft und hier wiederum die geologische Erforschung der Granitformationen der „Felsklippen“ eine Abklärung der letzten irdischen Gewissheiten dar. Im Granit vermeinte er einen unerschütterlichen Urkern der Erde zu erleben, eine Urform des Lebens vor allem organischen Leben der Pflanzen und Tiere, er erlebte eine Schau des Werdens vor allem Sein. Tiefste Gewissheit des Vorpersönlichen, unerschütterliches Hinabreichen in das Tiefste und Beständigste, in das „vorthematische Bewusstsein“, wie das die Phänomenologen nach Art des Edmund Husserl nennen würden! Goethes Prosadichtung „Der Granit war in ältesten Zeiten“ ist ein höchst beredtes Zeugnis dessen.

Wie anders klingt es da bei Heine! Wir zitieren hier als Beleg seine Wiedergabe des Besuchs in dem Bergwerk Caroline, in das er als Tourist eingestiegen ist. Während Goethe im Erdinneren Gewißheiten findet, stößt Heine auf ein nicht mehr Durchschaubares, ein Unerklärliches, nicht zu Gewärtigendes, das Angstgefühle erweckt, deren er nur durch die ironische Wendung „Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden“ Herr wird, eine geniale Wendung! Allein  deswegen lohnt sich das Lesen Heines schon!

Zur Einstimmung sei hier ein Auszug aus Heines Schilderung eingefügt. Man lese sich dieses Stück laut und gemessenen Ganges vor, man höre es sich an, um es so richtig zu verstehen und zu genießen!

Ich war zuerst in die Carolina gestiegen. Das ist die schmutzigste und unerfreulichste Carolina, die ich je kennengelernt habe. Die Leitersprossen sind kotig naß. Und von einer Leiter zur andern geht’s hinab, und der Steiger voran, und dieser beteuert immer: es sei gar nicht gefährlich, nur müsse man sich mit den Händen fest an den Sprossen halten, und nicht nach den Füßen sehen, und nicht schwindlicht werden, und nur beileibe nicht auf das Seitenbrett treten, wo jetzt das schnurrende Tonnenseil heraufgeht, und wo, vor vierzehn Tagen ein unvorsichtiger Mensch hinuntergestürzt und leider den Hals gebrochen. Da unten ist ein verworrenes Rauschen und Summen, man stößt beständig an Balken und Seile, die in Bewegung sind, um die Tonnen mit geklopften Erzen, oder das hervorgesinterte Wasser heraufzuwinden. Zuweilen gelangt man auch in durchgehauene Gänge, Stollen genannt, wo man das Erz wachsen sieht, und wo der einsame Bergmann den ganzen Tag sitzt und mühsam mit dem Hammer die Erzstücke aus der Wand herausklopft. Bis in die unterste Tiefe, wo man, wie einige behaupten, schon hören kann, wie die Leute in Amerika »Hurrah Lafayette!« schreien, bin ich nicht gekommen; unter uns gesagt, dort, bis wohin ich kam, schien es mir bereits tief genug: – immerwährendes Brausen und Sausen, unheimliche Maschinenbewegung, unterirdisches Quellengeriesel, von allen Seiten herabtriefendes Wasser, qualmig aufsteigende Erddünste, und das Grubenlicht immer bleicher hineinflimmernd in die einsame Nacht. Wirklich, es war betäubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mühe hielt ich mich an den glitschrigen Leitersprossen. Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre, ungefähr um dieselbe Zeit, einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstückchen losblasen, zwischendrein der lustige Matrosenlärmen erschallt, und alles frisch überschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft!

Heinrich Heine: Die Harzreise. 1824. In: derselbe, Reisebilder. Mit einem Nachwort von Joseph A. Kruse und zeitgenössischen Illustrationen. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1980, S. 9-93, hier S. 30-31

Bild: Auf dem Brocken, 30.12.2016

 

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Der 1. Januar 2017 – ein Schritt zu mehr Geichstellung des Radverkehrs

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Feb 112017
 

Wichtige Neuerung für Radfahrende ab 01.01.2017! Wir brauchen jetzt beim Überqueren von Straßen nicht mehr die Ampelsignale für Fußgänger zu beachten, wenn wir ausgewiesene Gehweg- oder Radwegfurten befahren! Das war in der Praxis häufig für den verkehrsrechtlichen Laien (wie den hier Schreibenden) ein Zweifelsfall, etwa wenn man beim indirekten Linksabbiegen von der Fahrbahn auf eine Radfahrerfurt einbog, für die das Fußgängersignal auf Rot stand. Dann musste man bis 31.12.2016 tatsächlich anhalten, selbst wenn der in der gleichen Richtung fahrende linksabbiegende Autoverkehr freie Fahrt hatte und die Kreuzung problemlos räumen konnte. Wir sind nunmehr dem motorisierten Fahrzeugverkehr stärker gleichgestellt; für uns gelten jetzt auch hier die „Lichtzeichen für den Fahrverkehr“ .

 

So lautet § 37 Abs. 2 Nr. 6 StVO:

6. Wer ein Rad fährt, hat die Lichtzeichen für den Fahrverkehr zu beachten. Davon abweichend sind auf Radverkehrsführungen die besonderen Lichtzeichen für den Radverkehr zu beachten. An Lichtzeichenanlagen mit Radverkehrsführungen ohne besondere Lichtzeichen für Rad Fahrende müssen Rad Fahrende bis zum 31. Dezember 2016 weiterhin die Lichtzeichen für zu Fuß Gehende beachten, soweit eine Radfahrerfurt an eine Fußgängerfurt grenzt.

Näheres hierzu:
Roland Huhn: Ampel-Update. Radwelt, Das ADFC-Magazin, Februar/März 2017, S. 14-15

Bild: Rätselhafte Radverkehrsführung in Paris…

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Selbsthaß

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Feb 092017
 

Selbsthaß ist auch das Grundgefühl, welches in diesen Jahren die deutsche Nation zu durchziehen scheint; mit unglaublicher Wonne zeigen sie der Welt immer wieder, wie schlimm sie gesündigt haben, wie unübertroffen sie die Meister des Bösen gewesen sind. „Von unserem Land aus [=Deutschland] sind alle europäischen Werte zerstört worden“, „an diesem einzigartigen Verbrechen, diesem schlimmsten Menschheitsverbrechen der gesamten Weltgeschichte trägt Deutschland Schuld und Verantwortung“, „wir Deutsche haben zwei Mal ganz Europa zerstört“, dergleichen superlativische Wendungen tauchen unzählige Male immer wieder in den Schuldbekenntnissen der Spitzen von Staat, Regierung und Parlament auf.

Eine durch und durch negative Sicht auf die deutsche Geschichte wird heute stärker denn je den Kindern schon in den deutschen Schulen beigebracht. So erzählte mir erst kürzlich ein Geschichtslehrer stolz, er wolle die Kinder nicht gleich mit dem von uns verübten Holocaust belasten, sondern sie erst einmal behutsam an das größte Menschheitsverbrechen heranführen, indem er sie erst einmal selbständig  The Kaiser’s Holocaust erarbeiten lasse, also den deutschen Völkermord an den Herero und Nama ab dem Jahr 1904. So könnten die Schülerinnen und Schüler  sich allmählich mit dem Gedanken des deutschen Völkermordes anfreunden. Der Holocaust sei dann als Krönung das große Thema im darauffolgenden Jahr, ein Völkermord wachse in der deutschen Geschichte organisch aus dem vorhergehenden Völkermord hervor. Deutschen Völkermord erkennen, deutschen Völkermord benennen, das sei ein wesentliches Lernziel des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts!

Ich war verblüfft. Ist es wirklich sinnvoll, den Gedanken des Völkermordes als Sinnkern der deutschen Nationalgeschichte darzustellen? Soll wirklich der Holocaust den innersten Kern der Gedächtniskultur ausmachen, wie dies etwa Claus Leggewie vorgeschlagen hat? Ich meine: Man kann dies tun, beginnend vom Tag von Verden an der Aller im Jahr 782.

Ich meine aber auch: Die heutigen Kinder werden überfordert mit diesen ewig lastenden Schuldvorwürfen an alle Deutschen, eine Zugehörigkeit zur deutschen Nation erscheint ihnen zunehmend als moralische Belastung, zumal ja die deutsche Geschichte vorwiegend als Geschichte deutscher Verbrechen dargestellt wird.  Warum sollten sie sich zu einem Land bekennen, das das Land der Täter ist, also im Grunde ein Verbrecherland ist?

Keinen Augenblick darf man die Niedertracht der Deutschen vergessen. Man geht kaum aus dem Haus, schon wird man wieder aufgefordert, sich all der unsäglichen Schrecken zu erinnern, die die Deutschen überall vollbracht haben.  „In mir ist nichts Gutes!“, so sagt derjenige, der sich selbst hasst. Das Böse in dir, Deutscher, das darfst du nie vergessen.

Und damit kommen wir auch schon zum Unterschied zwischen dem Augustinischen Selbsthaß und dem heutigen politisch korrekten deutschen Selbsthaß! Für Augustinus war der Selbsthaß ein notwendiger, schmerzhafter Übergang zu etwas Neuem, etwas Anderem, etwas Schönem. In der deutschen vulgären Geschichtsbetrachtung der Jetztzeit dagegen erscheint die deutsche Geschichte als eine Abfolge von Hassenswertem, also von häßlichen Verbrechen, die wie ein Fluch auf dem ganzen Land lasten.

 

Lesehinweise:
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Verlag C.H. Beck, München 2011, hier bsd. S. 14
David Olusoga und Casper W. Erichsen: The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide. Faber & Faber, London 2010
Frank Brendle: Der Holocaust ist einzigartig. taz online, 19.01.2012
Norman Davies: Categories of people killed in Soviet Russia and the Soviet Union 1917-1953 (excluding war losses, 1939-1945), in: Europe. A History. Pimlico, London, 1997,  S. 1328-1329

Graffito: „Bomber Harris, do it again.“ Aufnahme vom Juli 2016, Schöneberg, S-Bahn-Übergang

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Selbsthaß – eine Erbsünde des augustinisch geprägten Christentums?

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Feb 062017
 

[8.7.17] Tunc uero quanto ardentius amabam illos de quibus audiebam
salubres affectus, quod se totos tibi sanandos dederunt, tanto
exsecrabilius me comparatum eis oderam, quoniam multi mei anni me cum
effluxerant (forte duodecim anni) ex quo ab undeuicesimo anno
aetatis meae, lecto Ciceronis Hortensio, excitatus eram studio
sapientiae […]

Eine erneute rasche, den Text überfliegende Lektüre des achten Buches in des Augustinus Confessiones bestätigt mir soeben ein zentrales Motiv dieses so prägenden abendländischen Philosophen, nämlich den vulkanisch empordrängenden, ihn gewissermaßen von hinten durchschüttelnden Selbsthaß, den Augustinus mehrfach als notwendiges Stadium seiner Bekehrung in glühenden Farben schildert; eine Stelle sei hier oben noch einmal zum Beleg angeführt (CONFESSIONES VIII, 7, 17).

Selbsthaß, odium sui, das ist auch das beständige Grundgefühl, das die Wittenberger Thesen des Augustiners Martin Luther als Treibsatz durchherrscht! Und diese Grundstruktur des Lutherischen Empfindens, Lehrens, Handelns ist, so meine ich, ohne Augustinus nicht denkbar. Lese ich Luther in seinen lateinischen Briefen und Schriften, etwa an den Bibelübersetzer Johannes  Lange, so meine ich die Stimme des Augustinus überdeutlich herauszuhören, bis hinein in Einzelheiten des Sprachgebrauchs!

4.  Wittenberger These: Manet itaque poena, donec manet odium sui (id est poenitentia vera intus), scilicet usque ad introitum regni caelorum.

Übersetzt: So bleibt also die Strafe, solange der Selbsthaß bleibt (d.h. die wahre Buße innen drin), also bis zum Eintritt des Reiches der Himmel.

Ein anderes erklärendes Wort für Selbsthaß dürfte übrigens Selbstverwerfung sein. Der Sündige verwirft sich selbst, denn er fühlt sich von Gott verworfen; er empfindet sich als hassenswert. Und er haßt sich wirklich.

Immerwährendes Sündenbewusstsein, nahezu ewiger Selbsthaß! Eine kulturell bedingte Erbsünde des augustinischen Christentums, weltgeschichtlich verstärkt durch Luthers Thesenanschlag von 1517?

Dauernder Selbsthaß, ist das noch christlich? Predigte Jesus je, man solle sich selbst hassen?  Man sollte es nicht vorschnell ausschließen! Wo predigt Jesus den Haß? Hierzu fällt einem sicherlich sofort die folgende Stelle en:

εἴ τις ἔρχεται πρός με καὶ οὐ μισεῖ τὸν πατέρα ἑαυτοῦ καὶ τὴν μητέρα καὶ τὴν γυναῖκα καὶ τὰ τέκνα καὶ τοὺς ἀδελφοὺς καὶ τὰς ἀδελφὰς ἔτι τε καὶ τὴν ψυχὴν ἑαυτοῦ, οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής.

Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und ferner auch seine Schwestern und auch seine eigene Seele, kann er nicht mein Schüler sein (Lk 14,26, eigene Übersetzung).

Antwort: Der Bußprediger Jesus – er war ja auch ein recht unbequemer Bußprediger, nicht nur wohltätiger Heiler und Befreier – predigte gelegentlich in bestimmten Zusammenhängen seinen Schülern durchaus den Haß, er kannte zweifellos den Haß aus eigener Erfahrung, ja er forderte gewissermaßen den Haß, auch den Selbsthaß als notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg zur Wahrheit. Eum hominem esse et nil humani ab eo alienum esse puto! Er ist, so glaube ich, ein Mensch und nichts Menschliches ist ihm fremd.

Aufs ganze gesehen überwiegt aber bei Jesus zweifellos nicht das Gebot des  Hasses, sondern das Liebesgebot.  Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten, Liebe zum eigenen Selbst,  diese drei erscheinen immer wieder geradezu unlösbar ineinander verschränkt (z.B. Mt 22,34-40). Das ist gewissermaßen die grundlegende Dreifaltigkeit, die Trinität, zu der Jesus wie zu einem Angelpunkt wieder und wieder gelangt! Jesus lehrte die Liebe gerade nicht als Selbstsorge, nicht als reflexive Selbst-Erhellung, überhaupt nicht als bloßes Selbstverhältnis, wie dies etwa der von Platon herkommende Philosoph Augustinus in De trinitate später so glänzend und packend versucht hat, sondern als Einigung im dreifachen Verhältnis zum anderen, zum eigenen Selbst und zu Gott.

Die Trinität aus Vater, Sohn und heiligem Geist hat Jesus Christus selbst ebenfalls nicht gelehrt; die Lehre von der Dreifaltigkeit  ist eine spätere Entdeckung der Kirchenlehrer, unter denen wiederum Augustinus eine wesentliche Rolle spielt.

 

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Frühes Eis am Morgen

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Feb 042017
 

 

https://www.youtube.com/watch?v=xkMLvRqQyLE&feature=youtu.be

O mirabilis glacies matutina! Nihil iratum habet, nihil invidum, nihil atrox, nihil miserabile, nihil astutum; casta, verecunda, virgo incorrupta quodam modo haec glacies.

Schau her, wie ich auf dem frischen Eis als erster dahingleite! Dieses Eis  hat nichts Zorniges an sich, Neid und  Hass kennt es nicht, es steht über dem Jämmerlichen des Alltags, es stellt dir keine Fallen; keusch, wahrhaftig breitet es sich vor Dir aus. In gewisser Weise ist dieses Eis unverdorben und jungfräulich.

Zu den Wörtern, die hier ungewohnt klingen, gehört sicher die Erfahrung des Jungfräulichen, hier also des keuschen, wahrhaftigen, jungfräulichen Eises, das ich vorgestern tatsächlich erfahren durfte, da ich als erster Schlittschuhläufer überhaupt an diesem Tag das Stadion umrundete. Jungfräulichkeit, Virginität ist ein Ideal, das heute weithin verworfen wird; und doch lebt es noch in den alten Schriften – und auch in allen muslimischen Familien mitten unter uns.

Keineswegs gibt es jedoch eine Hochschätzung des Jungfräulichen nur in den abrahamitischen Religionen, etwa im Islam; die griechisch-römische Antike kennt es ebenso, wovon Cicero Zeugnis ablegt, der dieses Ideal der Jungfräulichkeit dem philosophischen Gespräch zuschreibt. In der Antike bedeutet Jungfräulichkeit eben auch die Nicht-Unterwerfung unter den Willen des Mannes. So dürfte auch Cicero dazu gelangt sein, das philosophische Gespräch als keusch, unverdorben und jungfräulich zu loben. Im philosophischen Dialog zählt nicht das Machtwort, es zählt die Wahrhaftigkeit, es kommt nicht auf Unterwerfung an, sondern auf Überzeugung, fußend in Wahrhaftigkeit.

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O flaumenleichtes Glück der Frühe

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Feb 022017
 

Vorsichtig ritzte ich heute Linien in das noch weitgehend unbeschriebene Blatt undeutlicher Geschichten. Früh am Morgen ist es. Das Eis trägt am besten in dieser Frühe. Es, das Eis glaubt alles, was ich mit meinen Kufen hineinritze. Klarheit, Wahrheit, Vertrauen, Glauben. Licht! Andere schrieben andere Geschichten als ich! Die – sind zu glauben…

Hier noch zum Abend ein eingeritzter Gedanke:

Sommes-nous des Juifs? Sommes-nous des Grecs? Nous vivons dans la difference entre le Juif et le Grec, qui est peut-être l’unité de ce qu’on appelle l’histoire. So schreibt es Jacques Derrida in L’écriture et la différence (Editions du Seuil, Paris 1967, S. 227).

Dieses Zweierlei von Judentum und Griechentum, dieses Kelajim, wie es auf Hebräisch der Talmud nennt, wird kaum irgendwo deutlicher eingetragen ins Eis der Biographien als bei Augustinus. Er hat dieses unverbundene, vielleicht nie aufzulösende Zweierlei – stellvertretend dafür seien Platon und Moses genannt – in aller Schärfe ausgetragen, und zwar als Römer, als lateinischer, als westlicher Denker. Von daher die alles überragende Bedeutung des Dritten, der Drei. De trinitate ad unitatem, über die Dreiheit zur Einheit, das war für Augustinus offensichtlich die Vermittlung, der Ausweg aus dem schroffen Gegeneinander von Judentum und Griechentum. Und so – aus dieser innigen Verbindung der zwei unverbundenen, entstand ein drittes – das lateinische, das abendländische Christentum – übrigens ganz im Gegensatz zum griechisch-slawischen, östlichen, zum morgenländischen Christentum. „Trinitarische Strukturen des vorthematischen Selbstbewusstseins“, so nennt dies heute zu recht Notger Slecnzka, und er findet sie allenthalben auf den Wegen der westlichen Denker und Geschichtenerzähler, bis hin zu Kant, Hegel, Freud, Max Scheler.

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„Der Fremde hat Blut wie wir“ – Filmkritik zu Anziehung (Prityazhenie)

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Feb 012017
 

Der neue Film Притяжение (Anziehung) von Fjodor Bondarchuk zog uns am vergangenen Sonntag in das Cinemaxx am Potsdamer Platz. Wir erreichten den Saal rechtzeitig zu Beginn der Vorführung; er war schon gestopft voll. Alle wollten den neuen Film in der russischen Originalfassung sehen, der erst am Vortag, dem 29. Januar 2017 seinen Kinostart in Russland erlebt hatte.

Worum geht es? Eine außerirdische Zivilisation entsendet ein Beobachtungs- und Erkundungs-Raumschiff zur Erde. Schon lange Zeit hatte das Raumschiff die Erde umkreist, doch verzichtete die fremde Kultur auf eine Invasion,  da ihnen die Erde kaum Potenzial zu bieten schien. Die irdischen Bewohner, so hieß es, hätten die Ressourcen weitgehend ausgeplündert und so den Planeten größtenteils zerstört. Inmitten eines Meteoritensturms gerät nun zu Beginn des Films das Raumschiff auf das Radar des russischen Militärs und wird darauf ohne Zögern von der russischen Luftwaffe abgeschossen.

Um das gestrandete Raumschiff, das sphärische Gestalt besitzt, wird sofort eine Sperrzone errichtet und eine Mauer aufgebaut.

Eine  übermenschlich große Gestalt windet sich nach einiger Zeit aus dem Raumschiff heraus und versucht, in der fremden Umgebung Fuß zu fassen. Es kommt zu ersten Versuchen der Kontaktaufnahme.

In einer Schulklasse entwickelt sich ein beziehungsreiches Geflecht aus einer entstehenden zarten Liebesbeziehung zwischen Julia, der Tochter des Oberst, der den Truppeneinsatz gegen die fremde Macht leitet, und einem jungen Mann sowie dessen Freunden, die alle in prekären Verhältnissen in einer Vorstadt von Moskau leben.

Die Clique um Julia dringt entgegen dem schärfsten Verbot in die Zone ein und gerät dabei in die Nähe des gestrandeten Raumschiffs.

Julia gerät dabei in eine Auseinandersetzung mit einem Außerirdischen, der sie verfolgt und dessen Händen sie nur mithilfe der anderen Mitglieder der Clique entkommt. Der Außerirdische wird von den jungen Leuten umzingelt und seiner Rüstung beraubt, die ihm wie ein Exoskelett schier unbezwingliche Kräfte verliehen hatte. „Кровь как нашa – das Blut ist wie unseres“, stellt Julia mit einem Klassenkameraden fest, der Medizin studiert.

Der Außerirdische entpuppt sich als Mensch wie du und ich; er verfügt sogar über die Fähigkeit zu sprechen, und zwar Russisch. Julia verliebt sich in den Außerirdischen; sie erlebt überirdisch schöne Momente des Glücks und der Trance im phantasierten Inneren des Raumschiffes, das mehr und mehr einem himmlischen Jerusalem gleicht, wo Frieden, Eintracht und Wohlstand herrschen.

Julia beendet per Telephonat am Handy die eben erst entstandene Liebesbeziehung zu dem russischen Mann. Doch tappt sie dadurch in eine schreckliche Falle. Der Fremdling wird von den irdischen Jungs zusammengeschlagen und übelst zugerichtet; darauf schlägt der Fremde mit magischen Kräften und ungeheurer Wucht zurück und verlässt die Stelle als Sieger.

An der Frage, wie mit den Fremden umzugehen sei, scheiden sich die Geister der russischen Gesellschaft . „Wir haben eine einmalige Chance zu erkunden wer wir sind!“ beschwört der Lehrer seine Klasse. Er ruft zum unvoreingenommenen Kennenlernen auf.

Doch es kommt anders. In den Volksmassen wächst die Unzufriedenheit mit dem eher vorsichtigen Kurs der russischen Staatsführung.  Die Volksmassen rotten sich zusammen, um die Eindringlinge auf eigene Faust zu verjagen und zu zerstören. Die internationale Staatengemeinschaft ist überfordert, der US-Präsident Trump, der es auch schon in diesen Film geschafft hat, bietet Russland zwar Hilfe an, doch die Situation ist völlig neuartig, und die Nachrichtenwelt steht Kopf. Es bildet sich eine machtvolle, populistische Widerstandsbewegung, die den Angriff auf die Fremden gegen den erklärten Willen der russischen Staatsführung unter Präsident Putin, der ziemlich im Hintergrund bleibt,  lostritt.

In dem daraus entstehenden Chaos kommt der Außerirdische in Polizeigewahrsam und wird festgenommen.

Meine Eindrücke: Die russische Gesellschaft der Jetztzeit wird meines Erachtens sehr gut eingefangen. An keiner Stelle meinte ich, in einem Studio zu sitzen. Alle Gestalten – mit Ausnahme der Aliens – hätten mir auch so oder so ähnlich auf der Straße begegnen können. Das war auch der Eindruck meines Sohnes Ivan, der schon oft in Russland gewesen ist und der mir nicht nur die Kinokarte spendiert hatte, sondern mir auch das eine oder andere russische Wort hilfreich zuflüsterte und diese Rezension mitverfasst und auch gegengelesen hat. Der Film zeigt den inneren Kampf und die Zerrissenheit einer Gesellschaft. Zentral ist die Frage der Gewalt. Gewalt dringt angesichts der überforderten Staatsmacht in alle Lebensbereiche ein; der Gesellschaftsvertrag wird aufgekündigt; die Kräfte des Guten und der Liebe zwischen Verschiedenartigen unterliegen letztlich.

Am Schluss verlässt das Raumschiff die Erde, die sich als äußerst unwirtliches Land erwiesen hat.  Eine beklemmende Studie über die Fragilität der modernen Gesellschaft!

Gut gemachtes Kino! Der Besuch ist empfehlenswert, wenngleich der Film meines Wissens nur in russischer Sprache in den deutschen Kinos anlaufen wird. Doch ist Russland das größte Land der Erde, eine Gesellschaft im Übergang wie die EU-Länder ja auch, ein wichtiger Teil Europas, mit uns Deutschen, mit uns anderen Europäern durch mannigfache Bande verknüpft, und es war mir eine Freude, der Vorführung unter lauter russischsprachigen Berlinern beizuwohnen, mit ihnen zu bangen und mit ihnen zu lachen. Es war nur ein Film. Und der war phantastisch!

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„Am Zweifeln selbst ist der Zweifel nicht möglich.“ Wer hat dies als erster geschrieben?

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Feb 012017
 

„Schau, die Sonne geht über dem Brocken auf, der Tag beginnt jetzt, die gütige Sonne sendet ihre Boten, die farbigen Lichtstrahlen, voraus!“

Drei Sätze, drei subjektive Wahrheiten, jedoch drei objektiv falsche Aussagen oder Täuschungen! Denn die Sonne geht nicht auf, der Tag beginnt nicht jetzt, die Sonne sendet keine Boten aus, die Sonne ist nicht gütig, denn die Sonne hat keinerlei Absichten, geschweige denn irgendwelche Boten, schließlich sind die Strahlen nicht farbig, denn die Farben sind nur in unserer Wahrnehmung begründet.

So kann man eigentlich die allermeisten Aussagen, die wir im Alltag verwenden, zerlegen und bezweifeln und widerlegen und zerpflücken.

Großer Tag mit dem Studientag an der Katholischen Akademie in Berlin am vergangenen Samstag, aus dem ich eine dichtgedrängte Fülle von Anregungen und Einsichten mit nachhause nahm. Der Studientag war mit folgenden Worten angekündigt:

Ungeklärte Gegenwart – Licht und Schatten des Augustinus 
  
Die Denkmodelle des Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.) sind bis heute im christlichen und nachchristlichen Denken gegenwärtig. Hochschätzung und Kritik stehen unverbunden nebeneinander. 
  
Der Philosoph Peter Sloterdijk fragte anlässlich eines Besuches in Wittenberg, ob nicht eine „Befreiung vom Augustinismus“ an der Zeit wäre. Das Denken Augustinus habe das christliche Abendland nachhaltig verdunkelt und traumatisiert. Der Mensch als unheilbar korruptes Wesen habe seine Liebenswürdigkeit eingebüßt, seine Gottesbeziehung die Gegenseitigkeit verloren. Gnade würde als Begnadigung ins Werk gesetzt. 
  
Zu Beginn des Jahres 2017 fragen wir genauer nach den Erleuchtungen und Verdunklungen, die wir Aurelius Augustinus verdanken. Wir tun dies in ökumenischer Perspektive und im Blick auf zeitgenössische Augustinrezeptionen. Dabei werden uns begleiten Prof. Dr. Teresa Forcades i Vila (Berlin), Pater Prof. Dr. Elmar Salmann (Gerleve) und Prof. Dr. Notger Slenczka (Berlin). 

Als ein Beispiel unter vielen für die erstaunliche Gegenwärtigkeit des nordafrikanischen Philosophen und Theologen wurde uns von Professor Slenczka ein Zitat vorgelegt, das ich sofort und ohne mit der Wimper zu zucken den Meditationes de prima philosophia des Descartes zuordnen konnte. Zweifellos hatte ja Cartesius (1596-1650) in diesem Werk von 1641 erstmals systematisch den Gedanken des methodischen Zweifels als eine Art Letztbegründung des Selbstbewusstseins entwickelt. Auch wenn es keinerlei Gewissheit über irgendein Ding, irgendeine Empfindung gäbe, so Descartes, bliebe doch die Erfahrung des Zweifels bestehen. Es müsse also jemanden oder zumindest etwas geben, der oder das da zweifle, selbst wenn wir den Träger oder Akteur des Zweifels sowie auch den Gegenstand des Zweifels nicht zweifelsfrei bestimmen könnten.  Viuere se tamen et meminisse et intellegere et uelle et cogitare et scire et iudicare quis dubitet? Wer würde denn auch bezweifeln, dass er lebt und sich erinnert und versteht und will und denkt und weiß und urteilt – so falsch oder irrig dies alles auch sein möge?

Folgender uns vorgelegter Gedankengang, der geradezu von Descartes selbst geschrieben oder von Descartes abgeschrieben zu sein scheint, gibt in etwas anderen Worten die Argumentation des Cartesius recht gut wieder:

Sed quoniam de natura mentis agitur, remoueamus a consideratione nostra omnes notitias quae capiuntur extrinsecus per sensus corporis, et ea quae posuimus omnes mentes de se ipsis nosse certasque esse dilegentius attendamus. Vtrum enim aeris sit uis uiuendi, reminiscendi, intellegendi, uolendi, cogitandi, sciendi, iudicandi; an ignis, an cerebri, an sanguinis, an atomorum, an praeter usitata quattuor elementa quinti nescio cuius corporis, an ipsius carnis nostrae compago uel temperamentum haec efficere ualeat dubitauerunt homines, et alius hoc, alius illud affirmare conatus est. Viuere se tamen et meminisse et intellegere et uelle et cogitare et scire et iudicare quis dubitet? Quandoquidem etiam si dubitat, uiuit; si dubitat, unde dubitet meminit; si dubitat, dubitare se intellegit; si dubitat, certus esse uult; si dubitat, cogitat; si dubitat, scit se nescire; si dubitat, iudicat non se temere consentire oportere. Quisquis igitur alicunde dubitat de his omnibus dubitare non debet quae si non essent, de ulla re dubitare non posset.

Und – welcher kluge Kopf hat dies von Descartes abgeschrieben? Überlege selbst!

Und?

Nun, das Werk, aus dem diese Sätze stammen,  heißt De trinitate. Geschrieben hat es Aurelius Augustinus in den Jahren 399-419.  Wir zitierten aus dem Buch X, cap. 14. Daran ist kaum ein Zweifel möglich.

https://la.wikisource.org/wiki/De_trinitate_(Aurelius_Augustinus)/Liber_X#14

 

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Das angeborne Recht ist nur ein einziges: FREIHEIT

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Jan 292017
 

Gute Unterrichtsstunde am letzten Donnerstag,  verbracht mit Oberstufenschülern des Beethoven-Gymnasiums bei einem Berufskundetag. Gemeinsam lesen und übersetzen wir den Anfang der Rede des US-amerikanischen Präsidenten vom 19. Juni 2013, gehalten am Brandenburger Tor. Die große lehrreiche Stunde lebt wieder auf; wir versuchen gemeinsam den Hintergrund der wichtigen Rede  auszuleuchten.

As your Chancellor mentioned, five years ago I had the privilege to address this city as senator.  Today, I’m proud to return as President of the United States.  And I bring with me the enduring friendship of the American people, as well as my wife, Michelle, and Malia and Sasha.  You may notice that they’re not here.  The last thing they want to do is to listen to another speech from me.  So they’re out experiencing the beauty and the history of Berlin.  And this history speaks to us today.

Here, for thousands of years, the people of this land have journeyed from tribe to principality to nation-state; through Reformation and Enlightenment, renowned as a “land of poets and thinkers,” among them Immanuel Kant, who taught us that freedom is the “unoriginated birthright of man, and it belongs to him by force of his humanity.”

 

Dass ein US-amerikanischer Verfassungsrechtler, wie es Barack Obama seinem eigenen Beruf nach, seiner akademischen Ausbildung nach ist, ausgerechnet Immanuel Kant mit einer Aussage zur Freiheit als dem Geburtsrecht jedes Menschen wörtlich zitiert, erfüllte mich damals mit Freude, es macht mich heute noch froh. Denn wann hätte je ein führender deutscher Politiker mit derartiger Überzeugung, mit derartigem Glauben wie es der Kantianer Barack Obama tat Immanuel Kant zitiert? Der Jurist, Philosoph, Schriftsteller und Politiker Obama trug Kant nach Berlin, ins Herz der Hauptstadt der Nation! Das war auch notwendig.

Gar nicht so leicht war es, die deutsche Originalquelle zu ermitteln, den Schülern zu vermitteln, was „by force of his humanity“ – „kraft seiner Menschheit“ bedeutet.

Und doch gelang es. Es lohnte sich.
Hier kommt der Beleg in Immanuel Kants eigenen Worten:

Das angeborne Recht ist nur einziges. Freiheit (Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür), sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinem Gesetz zusammen bestehen kann, ist dieses einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit, zustehende Recht.

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, Werkausgabe Band VIII, herausgegeben von Wilhelm Weischedel,  17. Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2014,  S. 345 [Fettdruck in den beiden Zitaten durch dieses Blog]

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Was oder wer ist Sómogyi?

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Jan 272017
 

26 gennaio. […] Parte del nostro essere ha sede nelle anime di chi ci accosta: ecco perché è non-umana l’esperienza di chi ha vissuto giorni in cui l’uomo è stato una cosa agli occhi dell’uomo. Noi tre ne fummo in gran parte immuni, e ce ne dobbiamo mutua gratitudine; perciò la mia amicizia con Charles resterà a lungo.

[…]

27 gennaio. L’alba. Sul pavimento, l’infame tumulto di membra stecchite, la cosa Sómogyi.
Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare, non possiamo toccarlo che dopo di aver cucinato e mangiato. E inoltre, <<…rien de si dégoûtant que les débordements>>, dice giustamente Charles; bisogna vuotare la latrina.  I vivi sono più esigenti; i morti possono attendere. Ci mettemmo al lavoro come ogni giorno.

I russi arrivarono mentre Charles ed io portavamo Sómogyi poco lontano. Era molto leggero. Rovesciammo la barella sulla neve grigia.

Charles si tolse il berretto. A me dispiacque di non avere berretto.

Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

Kurzes einsames Innehalten am heutigen Tag vor dem Denkmal der Erinnerung am Kaiser-Wilhelm-Platz: Flossenbürg, Trostenez, Monowitz und all die anderen Orte. Ich gehe nie daran vorbei, ohne nicht mindestens einen der genannten Orte auf der inneren Landkarte zu verankern und kurz an Menschen wie etwa Primo, Charles und Sómogyi zu denken. Und manchmal stelle ich mein Fahrrad hier am Kaiser-Wilhelm-Platz ab und nehme den Helm ab.  So auch am heutigen Tag. Ich glaube: Sómogyi war auch ein Mensch wie wir anderen es heute sind und morgen sein werden. Die Tagebuchaufzeichnungen Primo Levis vom 26. und 27. Januar 1945 aus dem Buch „Ob das ein Mensch ist“  sind der Beweis.

 

 

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Im dunklen Spiegel des Grabens, oder: Wie wir uns selbst und einander erkennen, oder: Was uns zusammenhält

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Jan 252017
 

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden…

 

Die deutsche Sprache unterscheidet meist zwischen dem Sich-selbst und dem Sich-Einander, jedoch nicht immer. So ist beispielsweise  in dem Satz „Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens“ im Wortlaut offengelassen, ob sie, die beiden, einander erkannten, ob also der eine den anderen erkannte, oder ob jeder sich selbst erkannte.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild. Irgendwie könnte man auch sagen: Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse. Was hält uns dieweil zusammen? Wie erkennen wir uns? Wie erkennen wir einander dieweil? Was bindet dieweil uns zusammen? Wir wissen es zumeist nicht, wir ahnen es zumeist nur. Es ist wie bereits gesagt worden ist ein Blick in einen undeutlichen Spiegel, ein rätselhaftes Aufblitzen, es ist ein Sich-Selbst-Erkennen in einem Einander-Erkennen.

Jetzt erkennen wir es nur einem undeutlichen Spiegel, gleichsam in einem geriffelten Wasser, damals erkannten wir es deutlich, und dann werden wir es wieder deutlich erkennen.

Lesen wir den Wortlaut nun  laut vor und lesen wir weiter:

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden, eine Erinnerung, die sie in den kleinen schäbigen Hafen von Glüserup verschlug, wo sie im Schutz der Steinmole angelten oder auf dem Fluttor herumturnten oder sich auf dem gebleichten Deck eines Krabbenkutters sonnten. Aber nicht dies wird es wohl gewesen sein, woran sie beide unwillkürlich dachten, als sie einander im Spiegel des Grabens erkannten, vielmehr wird in ihrer Erinnerung nur der trübe Hafen gewesen sein, der Samstag, an dem mein Vater, als er neun war oder zehn, von dem glitschigen Tor stürzte, mit dem die Flut reguliert wurde, und der Maler wird noch einmal nach ihm getaucht und getaucht haben, so wie damals, bis er ihn endlich am Hemd erwischte, ihn hochzerrte und ihm einen Finger brechen mußte, um sich aus der Klammerung zu befreien.

   Sie traten aufeinander zu, oben und unten, im Graben und auf der Brücke, gaben sich im Wasser und vor der Staffelei die Hand, begrüßten sich wie immer, indem sie, leicht zur Frage angehoben, den Vornamen des andern nannten: Jens? Max?

Quelle: Siegfried Lenz, Deutschstunde. Roman. Ungekürzte Ausgabe. 26. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, September 1993, S. 28-29

Bild: ein Blick in das Horst-Dohm-Eisstadion, Berlin-Wilmersdorf, darin: undeutlich erkennbare Menschen, 15.01.2017

 

 

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Jan 242017
 

I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame„, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: „Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet“, und er fährt fort: „Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge“, im englischen Original: „Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.“

Das sind zwei glänzende, wegweisende Sätze, in denen die Janusköpfigkeit unserer typisch deutschen Gedächtniskultur, die Doppelgesichtigkeit der einzigartigen deutschen Vergangenheitsbewältigung – jeder Vergangenheitsbewältigung, so meine ich –  in geradezu klassischer Vollkommenheit ausgedrückt wird. Zugleich stehen sie am Beginn des Buches „Germany. Memories of a Nation“. Und dieses Buch ist nicht anders zu bewerten denn als glänzender, ja genialer Wurf, nicht nur im gesamten Grundansatz, sondern auch bis in kleinste und feinste Details hinein. Kein Deutscher schafft so etwas derzeit! MacGregor bringt sorgfältig ausgewählte Bilder und Gegenstände zum Sprechen, freilich so, dass sie nicht bloß als tote Gegenstände der Vergangenheit ausgestellt, sondern als mahnende und ermunternde Zeugen freigelegt werden. Sie sollen uns ermöglichen die eigene Zukunft zu gestalten, ohne die letzten 10 Jahrhunderte der deutschen und die letzten 35 Jahrhunderte der europäischen Geschichte mit all ihren vielen guten und auch den schlechten Seiten zu vergessen.

Szenenwechsel! Wir sind jetzt in Weimar und schreiben das Jahr 1788.

„Die Götter rächen
Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;
Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.
Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.“

So – in der Wiedergabe Goethes – die Mahnung des Pylades an Orest. Orest ist gewissermaßen völlig verstrickt in seine dunkle, mit Schandtaten aller Art beladene Vergangenheit, „obsessed with his ancestors‘  past„. Er ist im zweiten Aufzug von Goethes Iphigenie der Inbegriff des schicksalhaft in die Verbrechen seiner Herkunftsfamilie, seiner Sippe und seines Volkes verfangenen Melancholikers; er leidet am kollektiven Schuldgefühl der Atriden, ausgelöst durch die mehrfach begangenen Kapitalverbrechen der Vorfahren. Ihm gegenüber vertritt Pylades den personalistischen Begriff der Schuld, wie ihn in der Bibel beispielsweise der Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Chr. herausgearbeitet hat. Es gibt keine Kollektivschuld und keine kollektive Haftung bei Ezechiel. Auch von der Augustinischen Lehre der Erbsünde oder gar der neopaganen Lehre vom „Tätervolk“ sind wir Lichtjahre entfernt. Nicht die Sippe, nicht das Volk tragen alle Schuld, sondern jeder einzelne Mensch wird von den Göttern – an deren Existenz Ezechiel ebenso wenig wie Goethe zweifelte – nach individuellem Handeln beurteilt.  Goethes Pylades führt hier gewissermaßen diesen prophetisch-christlichen, befreienden Schuldbegriff in die antikisierende Tragödie ein – die eben dadurch aufhört, eine echte Tragödie zu sein.

Zusammen mit der vorzüglichen, von Dieter Borchmeyer besorgten Neuausgabe von Goethes Klassischen Dramen und der monumentalen Arbeit von Peter Watson über den Deutschen Genius fängt MacGregor, so empfinde ich, das ständige Hin und Her, die fortwährenden, sich wiederholenden 180-Grad-Wendungen ein, die jeder gelingenden Gedächtniskultur by necessity nicht nur in Deutschland innewohnen müssen; man kann, man muss gewissermaßen das Schwabinger Siegestor immer wieder von Nord nach Süd und von Süd nach Nord durchqueren, Schande und sittliche Größe in der eigenen Herkunftsgeschichte gleichermaßen ins Auge fassen.

Blickt man hingegen auf den Streit zurück, den deutsche Geistesgrößen damals fast ausschließlich um völlig abstrakte Begriffe wie etwa „Einzigartigkeit“ oder „Unerklärlichkeit“ führten, ohne dass sie je der konkreten deutschen geschweige denn der europäischen Vergangenheit, diesem Medusen- und Juno-Haupt ins Antlitz geblickt hätten, so kann man ermessen, welch riesigen Schritt voran die vier genannten Bücher von MacGregor, Goethe, Ezechiel und Peter Watson darstellen. Watson, Goethe, MacGregor und der Prophet Hesekiel, diese vier sollte man unbedingt zur Kenntnis nehmen, ehe man auf typisch deutsche Art einen bouc émissaire oder whipping boy erwählt.

Gestern legte ich in einem kurzen Augenblick des Innehaltens diese drei frisch erworbenen Bücher, diese guten, verlässlichen Reiseführer und Wandergefährten in der zerklüfteten Landschaft der deutschen Gedächtniskultur zu Füßen der 3500 Jahre alten, hart an der Friedrichstraße mahnenden und wachenden Sphinx ab, ehe ich sie in meine Fahrradtasche packte. Ad multos annos, o Sphinx!

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Johann Wolfgang Goethe: Klassische Dramen. Iphigenie auf Tauris. Egmont. Torquato Tasso. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer unter Mitarbeit von Peter Huber. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 30, Frankfurt am Main 2008, hier v.a. S. 575 (Iphigenie auf Tauris, Vers 713-717)

Peter Watson: The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution, and the Twentieth Century. Simon&Schuster, London 2010

Das Buch Hesekiel/Ezechiel,  Kap. 18, in: Die Bibel

 

 

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Die drei Hänflinge. Ein Traum Johann Peter Eckermanns

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Jan 222017
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Betrachtungen, Einsichten und unterhaltsamen, oft erheiternden Geschichten sind mir seit einigen Wochen Eckermanns „Gespräche mit Goethe“. Gerade beim geselligen Vorlesen entfalten diese über fast ein Jahrzehnt sich erstreckenden Unterhaltungen einen unbeschreiblichen Reiz. Sie zeigen aber auch zwei scharfsichtige Beobachter, und es wird klar, dass Goethe in seinen politischen Analysen weit ins 19. Jahrhundert, ja teilweise bis ins 20. Jahrhundert vorausblickte und so manche unliebsamen Entwicklungen, die nach seinem Tode eintraten, vorhersah. Er las und lobte beispielsweise noch Stendal, er befasste sich mit dem Grundgedanken des Sozialismus eines Saint-Simon und durchschaute ihn besser als die meisten Nachgeborenen, er durchschaute auch die zeitgenössische bigotte Debatte um die Abschaffung oder Beibehaltung des interkontinentalen Sklavenhandels in all ihrer Heuchelei.

Die Fühlfäden von Goethes Seele reichten also weit in die Zukunft hinein, und auch lange nach uns werden die Menschen diese Einsicht wieder und wieder bestätigt finden. Eckermanns „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“, das ist eins der besten, anmutigsten, tiefsten, heitersten, tröstlichsten deutschen Bücher überhaupt, so meine ich, das die Lektüre zahlloser mehr oder minder gelehrter Abhandlungen mit einem Schlag überflüssig machen kann oder diese doch mindestens in den Schatten stellt.

Heute erfreute uns besonders das Gespräch der beiden Männer über einen Traum Eckermanns, berichtet unter dem Datum vom 7. Oktober 1827.

Das Bild zeigt ein mit wolligem Gespinst bedecktes Gesträuch im Schöneberger Südgelände am heutigen Tag.

Eine Vorbemerkung sei gestattet: Der in dieser Geschichte vorkommende Hänfling, heute meist genauer als Bluthänfling bezeichnet, gehört zur Familie der Finken und zur Gattung der Zeisige. Er ist ein geselliger, in ganz Europa häufig vorkommender Singvogel, der zu Goethes und Eckermanns Zeiten gern als munterer Hausgenosse gehalten und als fleißiger Sänger geschätzt wurde, ehe dann exotische Arten wie etwa der Wellensittich ihn von diesem Platz verdrängten.

Zu einer abendlichen ruhigen Stunde mag diese Geschichte von den drei Hänflingen beim lauten Vorlesen eine wohltuende Wirkung entfalten. Sie beginnt mit den folgenden Sätzen:

Es war indes Licht gebracht, wir nahmen ein kleines Abendessen und saßen nachher noch eine Weile in allerlei Erinnerungen und Gesprächen.

Ich erzählte Goethen einen merkwürdigen Traum aus meinen Knabenjahren, der am andern Morgen buchstäblich in Erfüllung ging.

»Ich hatte«, sagte ich, »mir drei junge Hänflinge erzogen, woran ich mit ganzer Seele hing und die ich über alles liebte. Sie flogen frei in meiner Kammer umher und flogen mir entgegen und auf meine Hand, sowie ich in die Tür hereintrat. Ich hatte eines Mittags das Unglück, daß bei meinem Hereintreten in die Kammer einer dieser Vögel über mich hinweg und zum Hause hinausflog, ich wußte nicht wohin. Ich suchte ihn den ganzen Nachmittag auf allen Dächern und war untröstlich, als es Abend ward und ich von ihm keine Spur gefunden hatte. Mit betrübten herzlichen Gedanken an ihn schlief ich ein und hatte gegen Morgen folgenden Traum. Ich sah mich nämlich, wie ich an unsern Nachbarshäusern umherging und meinen verlorenen Vogel suchte. Auf einmal höre ich den Ton seiner Stimme und sehe ihn hinter dem Gärtchen unserer Hütte auf dem Dache eines Nachbarhauses sitzen; ich sehe, wie ich ihn locke und wie er näher zu mir herabkommt, wie er futterbegierig die Flügel gegen mich bewegt, aber doch sich nicht entschließen kann, auf meine Hand herabzufliegen. Ich sehe darauf, wie ich schnell durch unser Gärtchen in meine Kammer laufe und die Tasse mit gequollenem Rübsamen herbeihole; ich sehe, wie ich ihm sein beliebtes Futter entgegenreiche, wie er herab auf meine Hand kommt und ich ihn voller Freude zu den beiden andern zurück in meine Kammer trage.

Mit diesem Traum wache ich auf. Und da es bereits vollkommen Tag war, so werfe ich mich schnell in meine Kleider und habe nichts Eiligeres zu tun, als durch unser Gärtchen zu laufen nach dem Hause hin, wo ich den Vogel gesehen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als […]

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 462-463 (=Eintrag vom 7. Oktober 1827)

 

 

 

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„Der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“. Giulio Tremontis treffende Metapher

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Jan 172017
 

„La talpa del popolo ha minato la cattedrale della globalizzazione – „der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“, mit diesem sehr treffenden Vergleich hat Giulio Tremonti, der bekannte europäische Hochschulprofessor und Jurist  gestern Nachmittag etwa um 17 Uhr  in dem Fernsehsender RAI news 24 die aktuelle Weltlage in ein sehr aussagefähiges Bild gefasst (hier sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergegeben).

Ein sehr hörenswertes Interview! Die Globalisierung, so der gute Europäer Tremonti, sei seit dem Fall der Berliner Mauer eine Religion geworden. Auf dem Grundgedanken des weltweit einheitlichen Marktes habe man den einheitlichen Verbraucher erstehen lassen wollen. Man habe sich bemüht, eine Art Homo novus zu schaffen, unabhängig davon, ob die Menschen (also das Volk, il popolo) dies wolle oder nicht. Traditionen, gewachsene Bindungen, Herkünfte seien eingeebnet worden, um darauf die Kathedrale des einheitlichen Marktes zu errichten.

Bei dem Bemühen eine neue einheitliche Welt mit einem neuen einheitlichen homo consumator zu schaffen, sei zu viel in zu kurzer Zeit angepackt worden. Er selbst habe während seiner aktiven Zeit als italienischer Minister vergeblich versucht, längere Übergangsfristen zu bewirken, z.B. durch die Beibehaltung oder Einführung von Übergangszöllen, die den Schock der plötzlichen Einebnung beim Bau der Kathedrale hätten abmildern sollen.

Doch das Volk, dieser Maulwurf, habe sich nicht an die Wünsche der Herren und Meister der Globalisierung gebunden gefühlt. Mittlerweile habe das Volk die Kathedrale zu unterwühlen begonnen.

Spannend, finde ich! Man sollte darüber diskutieren. Tremonti merkt zu recht an, dass der Glaube an die Einheit des Marktes, der Glaube an den einheitlichen neuen Verbraucher, der Glaube an die Einigungskraft des Geldes eine echte politische Religion geworden ist, in deren Dienst sich viele Politiker gestellt haben. Alte Bindungen an Herkünfte, Sprachen, Orte, der Glaube an Gott und Götter, an Kunst und Sitten, an bestehende Rechtsordnungen werden ausgehebelt. Nichts darf dem Bau der einen einzigen überragenden Kathedrale entgegenstehen.

Nur das störende, störrische Volk sperrt sich gegen diesen Vorgang, denn – il popolo è populista, das Volk ist nun mal populistisch. Es ist ja sein Wesen.

Ähnlich, wenn auch nicht so brillant zugespitzt  formuliert wie bei dem live gesendeten Interview von RAI News äußerte sich Tremonti auch im Corriere della sera (Fettdruck durch dieses Blog):

Professore, non le pare eccessivo evocare l’estinzione della globalizzazione?
«Qualche giorno dopo le elezioni americane, Obama disse a Berlino che la vittoria di Trump non sarebbe stata la fine del mondo. Non è stata la fine del mondo ma sarà la fine di “un” mondo. La giovane talpa populista ha via via scavato il terreno su cui la globalizzazione aveva costruito nell’ultimo ventennio la sua cattedrale».

http://www.corriere.it/esteri/17_gennaio_16/donald-trump-fa-storia-finita-utopia-globalizzazione-giulio-tremonti-intervista-ff95f7c8-db5e-11e6-8da6-59efe3faefec.shtml?refresh_ce-cp

 

Bild: Eine Kathedrale der Zukunft wird in Mailand gebaut

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„Niemand verstand meine Sprache.“ Goethes berechtigte Klage über das gestaltlose Deutschland

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Jan 142017
 

„Mein Leiden, meine Klagen über das Verlorene schien sie zu beleidigen, ich vermißte jede Teilnahme, niemand verstand meine Sprache„, mit diesen Worten schildert Goethe sein Grundgefühl, das ihn 1788  bei der Rückkehr aus Italien nach Deutschland niederwarf.

Niemand versteht mehr Goethes deutsche Sprache, nicht einmal mehr die deutschen Theaterleute, nicht einmal mehr die deutschen Schauspieler, nicht einmal mehr die Deutschen im deutschen Theater. Ich vermisse jede Lebendigkeit im Wort, es fehlt an allem, was Goethes klingende, ja oft singende Sprache ausmacht, es wird nichts mehr erzählt auf dem deutschen Theater.“ Dies ist mein Grundgefühl, das ich aus der Inszenierung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ am vergangenen Donnerstag aus dem Haus an der Schumannstraße nachhause nahm. Ein niederschmetterndes Gefühl, das mir über viele Stunden hinweg und bis zu  diesem Tage die Stimmung eintrübt.

Ich habe nichts verstanden. Aber es war  cool.“ So der vierzehnjährige Junge Ivan, der neben mir saß und mit dem ich einen zweiten Versuch unternahm, ihn am Deutschen Theater behutsam an Goethe heranzuführen, den Dichter, für den mein Herz seit Jahrzehnten schlägt wie sonst nur für wenige andere europäische Autoren.

Es fehlte im Deutschen Theater beim gesprochenen Wort an allem. Es fehlte jede Musikalität in der Sprache, jedes Gefühl für Klang und Rhythmus scheint den Schauspielern von einer unbarmherzigen Regie ausgetrieben worden zu sein. Sinnwidrig werden Sätze zerrissen, zueinandergehörige Wörte werden durch Zäsuren entkoppelt. Sie kennen offenbar die metrisch gebundene Sprache nicht mehr, die Regie weiß nichts anzufangen mit dem musikalisch klingenden, unfassbar reichen, farbenprächtigen Gewand, in das Goethe seine Iphigenie gekleidet hat. Dieser Goethe klingt wie ein schlecht einstudierter, schlecht aufgeführter Samuel Beckett. Sie, die Schauspieler, verschlucken und vernuscheln unbetonte Endsilben ohne die geringste Hemmung, viele Wörter sind akustisch unverständlich. Da lebt nichts. Alles wird erstickt in einem pastos aufgetragenen, kreidigen Grau in Grau. Jede Farbe fehlt in dieser gipsernen, zubandagierten  Sprache. Nur wenn sie laut werden, wenn sie schreien, dann sind sie gut, da bricht endlich ein echter Affekt durch. Gut, bitte mehr davon!

Bei dieser Inszenierung von Goethes Iphigenie musste ich unwillkürlich an ein Streichquintett denken, das sich vorgenommen hat, ein Werk von Mozart aufzuführen, zum Beispiel das c-moll-Quintett KV 406, das ungefähr zur selben Zeit wie die Versfassung  der Iphigenie entstand (1788). Die Musiker studierten die Stimmen ein. Nun kam der Regisseur und befahl: „Du Bratscher da, du machst nach jedem fünften Ton eine Pause. Lass die anderen weiterspielen! Und du da, Geiger, du unterdrückst jede schwache Zählzeit und spielst bei punktierten Notenwerten nur die erste Note. Und du, zweiter Geiger, du setzt dich mit dem Rücken zu deinen Kollegen und fiedelst auf dem Boden hockend. Und du Cellist, du streichst immer wieder deinen Bogen mit Kolophonium ein, so dass der ganze Zuhörerraum mit Staub eingenebelt wird!“ Es war klar, dass man unter solchen Bedingungen keine zumutbare Aufführung von Mozarts c-moll-Quintett zustande bringen konnte! Der Notentext war so schlechterdings nicht angemessen darzustellen. Wie sollten die Musiker darauf reagieren? Hinwerfen? Das ging nicht, denn sie wurden dafür bezahlt alles zu erdulden, alles zu erleiden, was der Regisseur ihnen befahl.

Dem Theater ist jedoch zugute zu halten, dass man sich immerhin anhand der mitlaufenden englischen Übertitel – und trotz der allzu umfangreichen Streichungen im Text – einen ungefähren Eindruck davon verschaffen konnte, was gerade auf der Bühne verhandelt ward. Aber ist dies eine sinnvolle Übung auf einer deutschen Bühne, den Text Goethes vor einem deutschsprachigen Publikum so gnadenlos zu entstellen, dass er ohne mitlaufende englische Übersetzung unverständlich bleibt?

Auch – und dies bringt mich zum nächsten Lob auf diese Inszenierung – wurde die friedhofsartig schwarz ausgezimmerte Bühne durch reichliches Auftragen eines kreidigen Pulvers in eine fahle, totenstarre Schreckenslandschaft ohne jede Farbigkeit verwandelt, was die herrlichen Harz-, Dom-, Nacht- und Kirchhofsbilder von C. D. Friedrich ins Gedächtnis rief, und so ward denn denn die beabsichtigte Mortifizierung des lebendigen Goetheschen Wortes trefflich ausgedrückt.

Goethe hat selbst im Jahr 1803 einige „Regeln für Schauspieler“ zu Papier gebracht. Nächstes Lob, denn diese Regeln haben sich die Darsteller am Deutschen Theater sehr zu Herzen genommen, begingen sie doch systematisch jeden einzelnen Fehler, den Goethe in seinen Empfehlungen bei den Schaupielern anzukreiden Anlass fand. Folgendes würde Goethe den Schaupielern erneut ankreiden:  Verschlucken von unbetonten Silben („Willkomm“ statt „Willkommen“), Vernuscheln und Verhuschen von Eigennamen, sinnwidrige Zäsuren, mangelnde Empfindung für das Gemeinte und Gesagte, Fehlen der Musikalität beim Vortrag der liedhaften Stellen, Mangel an Rhythmus beim Vortrag der metrisch gebundenen Sprache usw. usw.

Sie, die Darsteller am Deutschen Theater, vertrauten offenkundig dem deutschen Wort nicht. Sie, die Schauspieler oder wohl eher der Regisseur, glaubten Goethe offenbar kein einziges Wort.

Gut, so sei es! Sie drücken damit das fundamentale, das abgründige Misstrauen der heutigen Deutschen gegenüber den besten Teilen der Überlieferung in deutscher Sprache aus. Goethe, Kant, Schiller, Lessing, Hegel, Sigmund Freud, Albert Einstein, Thomas Mann, die Gebrüder Grimm, Johann Peter Hebel, Annette von Droste-Hülshoff, um nur einige wenige zu nennen, sie alle – diese deutschen Autoren der grauen Vorzeit  – werden heute zunehmend missachtet, verspottet, mit Füßen getreten.  Sie werden an den deutschen Schulen, den Hochschulen, Universitäten, Schauspielschulen, Kunsthochschulen kaum oder gar nicht mehr gelesen, und sie werden auch nicht mehr verstanden. Es drängt sich der Eindruck eines echten Sprach- und Kulturverlustes auf, um nicht zu sagen: „eine unglaubliche Verrohung“, wie dies Norbert Lammert heute in der Berliner Morgenpost nennt. „Gestaltloses Deutschland“, so nannte dies Goethe 1817, und er setzte ihm verzweifelt sein „formreiches Italien“ entgegen.

Insofern ist die Inszenierung von gewissermaßen erfrischender Ehrlichkeit. Sie ist zu rühmen und zu preisen. Sie sei hiermit allen Goethefreunden wärmstens ans Herz gelegt.

Danke, deutsches Theater, dass es dich noch gibt. Danke, Goethe, dass du noch gespielt wirst. Danke, deutsche Sprache, dass es dich noch gibt.

Besprochener Theaterabend: Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe. Deutsches Theater, Berlin, Aufführung vom 12. Januar 2017

Zitatnachweise:

Johann Wolfgang Goethe: „Verfolg“ [Zur Morphologie, Band I Heft 1, 1817]. Zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Band 17: Naturwissenschaftliche Schriften. Zweiter Teil, S. 84-101, hier S. 84. Artemis Verlag Zürich, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1977 [=Artemis-Gedenkausgabe 1952, unveränderter Nachdruck 1977]

„Eine unglaubliche Verrohung.“ Interview mit Bundestagspräsident Norbert Lammert. Berliner Morgenpost, 14. Januar 2017, S. 3
Bild oben: Typisch deutsch! Grauer Nebel auf der Kolonnenbrücke, Berlin, Aufnahme des Verfassers am Abend des Theaterbesuches, 12. Januar 2017

 

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Ich habe genug

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Jan 122017
 

 

 

 

 

 

Am Sonntag, dem letzten Tag der Weihnachtszeit, hörte ich vormittags eine Radiosendung mit Musik im rbb Kulturradio:
So 08.01.2017 | 09:04 | Gott und die Welt. Drehtür Glauben. Wenn Menschen zur Kirche zurückfinden. Von Matthias Bertsch

Der Autor hat das Thema Kirchenaustritt und Wiederannäherung auf gewundenen Pfaden, so meine ich, in vier ausgewählten Stimmen in den wesentlichen Aspekten glaubwürdig eingefangen. Die Musik Johann Sebastian Bachs aus der Kantate „Ich habe genug“ entfaltete dazwischen  ihre überwältigende Kraft geradezu „gnadenlos“ – wieder einmal! So ist er halt, unser Bach. Unwiderstehlich. Er ist einer der Brückenbauer für verirrte Schafe, für Wege zurück.

Die leuchtende schöne Weihnachtszeit klang  mit einem abendlichen Konzert und Chören und einem kleinen Orchester und strahlenden Kinderaugen in der Kirche St. Bonifatius aus. Ich selbst fiedelte am Pult der Bratsche, das Instrument unters Kinn geklemmt, das Bach mit Vorliebe im Orchester spielte.

Die Chöre der Gemeinde haben mich nachhaltig inspiriert, und ich wünsche ihnen weiterhin diesen Eifer und diese von oben herabströmende Begeisterung. Ihnen steht die Gewalt der Hl. Cäcilie zu Gebote, die die wilden Tiere an den Streicherpulten mühelos bändigt!

Ich habe genug!
Ein Dankeschön den Chören

Bin nur ein armer Spielmann, kaum beacht,
meist mild belächelt, oft verlacht,
die Zahl der Noten, die ich spiel,
ist recht gering, drum hör ich viel,
denn ich hab Ohren groß und weit,
zum Zuhören sind sie bereit,
was andre spielen, andre singen,
das bringt in mir das Herz zum Klingen,
drum dank ich euch, Ihr Sängerinnen,
Ihr Sänger, die ihr singt im Geistesbraus,
die Töne in mir weiterschwingen,
sie leuchten, stärken, machen klug,
Ich packe ein und geh nachhaus.

Ich habe genug.

Bild: ein Schneemann, gestern Abend am Gasometer in Schöneberg

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„Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer“

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Jan 122017
 

Aus drei Bestandteilen – Feldspat, Quarz, Glimmer – setzt sich das Mischgestein Granit im Grundsatz zusammen. Diese ältere Einsicht gilt auch heute noch im wesentlichen.

Goethe selbst hielt den Granit bis in die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts für das Urgestein der Erde, das unerschütterlich bis in den Erdkern hineinreiche. Allerdings wurde er nach und nach von Fachkollegen der Geologie eines besseren belehrt. Der Granit – so wissen wir heute – ist mitnichten das Urgestein der Erde, sondern selbst das Ergebnis älterer metamorpher Vorgänge in den Tiefenschichten der Erde.

Ein Blick auf „Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ von 1830 bietet einen späten Nachhall jener spekulativen Anstrengung, die bemüht ist, die Gesamtheit aller Erscheinungen das Alls, von der unbelebten geologischen Natur bis hin zum Geist zu durchmessen, zu durchschreiten, zu „schauen“.  Auch Hegel lässt noch die „Geologische Natur“ mit dem Granit beginnen, genauer, mit dem „granitischen Prinzip“.   Er schreibt in § 340:

Die physikalische Organisierung beginnt als unmittelbar nicht mit der einfachen, eingehüllten Form des Keimes, sondern mit einem Ausgang, der in einen gedoppelten zerfallen ist, in das konkrete granitische Prinzip, den die Dreiheit der Momente in sich schon entwickelt darstellenden Gebirgskern, und in das Kalkige, den zur Neutralität reduzierten Unterschied. Die Herausbildung der Momente des ersteren Prinzips zu Gestaltungen hat einen Stufengang, in welchem die weiteren Gebilde teils Übergänge sind, in denen das granitische Prinzip die Grundlage, nur als in sich ungleiche und unförmliche, bleibt; teils ein Auseinandertreten seiner Momente in bestimmtere Differenz und in abstraktere mineralische Momente, die Metalle und die oryktognostischen Gegenstände überhaupt, bis die Entwicklung sich in mechanischen Lagerungen und immanenter Gestaltung entbehrenden Aufschwemmungen verliert. Hiermit geht die Fortbildung des anderen, des neutralen Prinzips teils als schwächere Umbildung zur Seite, teils greifen dann beide Prinzipien in konkreszierenden Bildungen bis zur äußeren Vermischung ineinander ein.

Der Granit bzw. das granitische Prinzip steht in spekulativer Schau sowohl bei Goethe wie Hegel für eine Form der Bildung vor allem Leben, vor allem organischen Werden. Sie erblicken in ihm eine Art Urmuster des Werdens vor und über allem Lebendigen.

Nicht anders als bei den antiken Naturphilosophen, nicht anders als beim Evangelisten Johannes ist es ihr oberstes Ziel, eine das gesamte All, die gesamte Geschichte durchherrschende prinzipielle Einheit herauszuarbeiten, eine Theorie von allem, – eine Art Weltformel. Und genau daran arbeiten auch heute noch einige Astrophysiker wie etwa Stephen Hawking, aber auch einige Atomphysiker.

Und heute? Was wissen wir heute über den innersten Kern der Erde? Was ist noch dran an jenen naturphilosophischen Grundannahmen über den Granit?

Heute geht die Geophysik davon aus, dass der Erdkern zu etwa 85% aus Eisen (Fe) und zu etwa 10% aus Nickel (Ni) bestehe. Die verbleibenden 5% gelten als nicht endgültig geklärt. Doch hat sich eine japanische Forschergruppe in diesen Tagen mit der Hypothese an die Öffentlichkeit gewandt, es müsse sich dabei um Silicium (Si) handeln; Silicium wiederum ist im Granit reichlich vertreten! Quarz etwa ist reines Siliciumdioxid, mit Metallen bildet Silicium zahlreiche Gesteine aus; so sind auch Glimmer und Feldspat, die beiden anderen Hauptbestandteile des Granits, silicathaltige Gesteine!

Die Naturwissenschaftler zu Goethes und Hegels Zeiten lagen also nicht völlig falsch, wenn sie annahmen, dass der Granit bis in den Erdkern hineinreiche. Silicium, das zweithäufigste Element in der Erdkruste, scheint tatsächlich eine Art Bildungsgeschichte der Erde zu speichern, es kann wie der Granit auch in seinen mannigfaltigen Verbindungen mit Fug und Recht als eine Art „Archiv“ der Erdentstehung gelesen werden.

http://www.sciencealert.com/scientists-may-have-uncovered-the-missing-element-inside-earth-s-core

Bild:

Granitblöcke am Einstieg zu den Schnarcherklippen, von Goethe beim Aufstieg in die Walpurgisnacht seines „Fausts“ verewigt (es könnte genau hier gewesen sein!):
In die Traum- und Zaubersphäre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Führ uns gut und mach dir Ehre
Daß wir vorwärts bald gelangen
In den weiten, öden Räumen!
Seh‘ die Bäume hinter Bäumen,
Wie sie schnell vorüberrücken,
Und die Klippen, die sich bücken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

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Im Zeichen der Zuversicht – das Beispiel Großbritannien

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Jan 102017
 

Zuversichtlich dürfen wir das neue Jahr 2017 anpacken! Ein gutes Beispiel dafür liefert die britische Volkswirtschaft des soeben abgelaufenen Jahres. Hatte das Wirtschaftswachstum dort ohnehin jahrelang schon deutlich über dem der Eurozone gelegen, so setzte es sich nun noch deutlicher von Kerneuropa, also vom wahren Europa, dem Europa des Euro ab. Deutlich mehr als 2% Wachstum des britischen BIP in 2016 – eine Ohrfeige für die „Experten“, Chefvolkswirte, Zentralbankvorstände, die mit dem Risiko einer unmittelbaren Rezession im Gefolge des Brexit-Referendums gedroht hatten. Das Gegenteil ist eingetreten. Die britische Volkswirtschaft blüht und gedeiht mehr als vor dem Brexit-Votum, während die Wirtschaft der Eurozone weiterhin hinter Großbritannien und der Weltwirtschaft dreinhumpelt und lahmt. Woran liegt das? Die Experten sind uneins oder gar ratlos.

Aber lest selbst, wie Andrew Haldane, der Chefvolkswirt der britischen Zentralbank, der Bank of England, das Vorhersage-Desaster der brillanten hochbestallten Kaffeesatzleser unumwunden eingesteht (Hervorhebung durch uns):

The BoE’s chief economist noted the apparent „disconnect“ between the historically high levels of political uncertainty and the „remarkably placid“ response evident in the financial markets at present.

Before the referendum took place in June 2016, BoE Governor Mark Carney warned that the likelihood of a „technical recession“ would be superior if the majority of citizens voted to leave the EU. Instead, the U.K.’s economy outperformed all other advanced economies in 2016.

More recently, Britain’s benchmark stock index, the FTSE 100, extended its record breaking streak on Thursday as the index closed higher for the sixth consecutive day for the first time in two decades.

http://www.cnbc.com/2017/01/06/economic-forecasting-in-crisis-bank-of-england-chief-economist.html

Was lernen wir daraus? Das oft zu hörende Argument, ein Votum für den Brexit würde unweigerlich zum Niedergang der britischen Volkswirtschaft führen, scheint nicht zu stimmen. Die Sonne geht weiterhin über Albion auf.

Die britischen Bürger lassen sich durch Vorhersagen des Niedergangs oder des Weltuntergangs nicht mehr ins Bockshorn jagen. Sie stimmten für das, was sie wollten und woran sie glaubten. Und sie vertrauen den Experten und Sachverständigen weniger und weniger, zumal die führenden Chefs und Köpfe in den Zentralbanken mehr als einmal grob daneben gegriffen haben mit ihren im Brustton der Leidenschaft verkündeten Prophezeiungen.

Dabei gehen die Bürger durchaus das Risiko wirtschaftlicher Nachteile sehenden Auges ein.

Es war ein grober Fehler anzunehmen, die Stimmung in Großbritannien  hätte sich durch das Ausmalen von konjunkturellen Niedergangsszenarien beeinflussen lassen.

Fazit: Der vorhergesehene Niedergang des Vereinigten Königreiches ist vertagt, vielleicht ad kalendas graecas.

 Posted by at 13:12