Mrz 242015
 

Durch schneidenden, sprühenden, scharf splitternden Regen bahnte ich mir am Samstag mit meiner Bratsche auf dem Fahrrad den Weg nach St. Canisius in der Witzlebenstraße. Nichts Großes, nichts Weltbewegendes, nichts Welthistorisches war angesagt, nur eine Kleine Passionsmusik von Carl Loewe und ein kurzes Requiem von Giacomo Puccini.
Zwei kurze, unscheinbare Werke also, dargeboten von zwei Kirchenchören und einer bunt zusammengewürfelten Musikerschar. Thema: Sterben, Tod, Weiterleben, Feindschaft, Hass, Einsamkeit, – und Schritte über Feindschaft, Hass und Einsamkeit hinaus. Wie ein grauer Nebel erhob sich der mit Dämpfer abgedunkelte Klang der Streicher in der kahl und unwirklich scheinenden Kirche.
Was geschah da? Einer starb da ganz für sich allein. Natürlich hat er sich von allen verlassen gefühlt, natürlich hat er an der Anwesenheit und Existenz Gottes gezweifelt, natürlich hatten sie ihm wieder und wieder Blasphemie, Tabuverletzungen ohne Zahl, Gottlosigkeit vorgeworfen. Spott über den Propheten steht in der Geburtsurkunde der Gemeinde. Sie hatten ihn verspottet und verlästert. So tief war er gesunken, dass er wie ein ganz gemeiner Verbrecher enden sollte. Schwere Stunde, schwerste Stunde!
Dennoch erhob sich ein Bratschensolo über der grauen, matten, sterbenskranken Stunde. Ja, was leistete sich denn Puccini da wieder einmal mit diesem Bratschensolo? Natürlich, ein Italiener! Das war doch ungeheuerlich. Da schwang sich etwas auf, da schwang sich etwas herab.
Die Bratsche sang, als hätte es keinen schneidenden Nieselregen auf der Hinfahrt gegeben, der Chor sang, als würde es Schritte über Tod, Haß und Feindschaft hinausgeben; ja, wir wussten oder ahnten, es war Schlimmes geschehen, es würde auch wieder Schlimmes geschehen. Nicht nur in der Weltgeschichte war Schlimmes geschehen, auch in unserer Kleinen Lebenspassion, in unserem eigenen kurzen Requiem war Schlimmes geschehen.
Und doch ist das Schlimme nicht das Letzte. Die Abwesenheit Gottes, die der Sterbende so deutlich als seine vorletzte Botschaft herausgeschrien hat, ist nicht das Letzte. Es geht weiter. Er ist noch nicht ganz fertig. Mit der Musik erbrachten wir den Beweis. Der Beweis wurde uns zu Ohren gebracht. Auf schneidenden, scharf splitternden, sprühenden Nieselregen folgt samtener, warmer Klang, folgt Aufsprießen der Narzissen, folgt gelbes klingendes Licht. Und der Regen war schon fast vergessen.

 Posted by at 11:32
Mrz 202015
 

Ein zunehmend operettenhaftes Gepräge mit zweifelhaftem Unterhaltungswert bietet nicht ganz kostenlos die derzeitige europäische Bühne. Zum Glück wird meist nur mit Worten gefochten und nur ausnahmsweise mit erhobenem Zeigefinger oder auch einmal mit erhobenem Mittelfinger.

Aber im Ernst muss die Frage erlaubt sein: Sollte man eine italienisch-deutsch-österreichisch-bulgarisch-russisch-englisch-griechische-äthiopische Stiftung Erinnern – Aufarbeiten – Versöhnen begründen?

Ich denke – ja!

Die Tatsache, dass der griechische Ministerpräsident Tsipras erneut zum passendsten Augenblick eine Entschädigungsdiskussion der unsäglichen in Griechenland begangenen deutschen Verbrechen unter monetären Aspekten (wie in der EU üblich) aufgebracht hat, stößt auf lebhaftes Interesse bei einigen deutschen Politikern. Deutschland solle und müsse endlich zu seiner Verantwortung stehen, wird immer wieder von deutschen Politikern gefordert.

Gut, dann sei dem so! Aber die Italiener, die Bulgaren, die Österreicher, die Briten, also die anderen Besatzermächte Griechenlands in den Jahren 1941-49, müssen unbedingt bei der Diskussion dabei sein! Ich denke, wir Deutschen müssen uns daran gewöhnen, dass nicht alle Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung auf dem Balkan von “uns Deutschen” begangen worden sind.

Deutsche, Italiener, Russen, Bulgaren, Griechen, wir alle fragen immer nur nach den deutschen Verbrechen. Die Verbrechen der anderen werden vergessen, verdrängt, unter den Teppich gekehrt. Am meisten verdrängt werden die Massenverbrechen, die die europäischen Mächte gegen Nicht-Europäer, beispielsweise gegenüber Afrikanern begangen haben.

Erinnern wir uns: Die Italiener haben ab 1935 ganz entscheidend den gesamten Mittelmeerraum einschließlich Griechenlands nach eigenem Gusto umgestaltet. Auf dem gesamten Balkan – dem damaligen Jugoslawien, Albanien und Griechenland – waren es die Italiener, die zuerst die Umvolkungsprogramme, also die Zwangsassimilation der als minderwertig erachteten slawischen Völkerschaften vorantrieben – nicht die Deutschen.

Unter dem Leitwort Mare Nostro erhoben die Italiener Hegemonialansprüche über das gesamte östliche Mittelmeer. Die EU hat – nebenbei erwähnt – vom faschistischen Italien die Bezeichnung Mare Nostrum für ihre eigenen Abwehrbemühungen gegenüber andringenden Völkern übernommen: ein weiterer Beweis für die erstaunliche, ohrenbetäubende historische Blindheit, mit der die EU-Politik geschlagen zu sein scheint.

Und ab 1935 hat Italien mit militärischer Gewalt an diesem Ziel der italienischen Vorherrschaft auf dem Balkan und im gesamten östlichen Mittelmeehr gearbeitet.

Die italienischen Angriffskriege gegen Abessinien bzw. Äthiopien (1935), Albanien (Karfreitag 1939) und Griechenland (1940) bereiteten ganz entscheidend die Bühne für den 2. Weltkrieg vor.

Die Italiener haben übrigens auch als erste europäische Macht Giftgas flächendeckend gegen eine feindliche Zivilbevölkerung eingesetzt.

Mit größter Bestürzung las ich heute in italienischer Sprache die Rede, mit der der äthiopische Kaiser Haile Selassie vor dem Völkerbund im Juli 1936 den mutmaßlich ersten industriell betriebenen, eliminatorischen Massenmord der europäisch-afrikanischen Geschichte, die Ausmerzung von Mensch, Tier und Natur durch Giftgas anprangerte. Lest selbst:

http://www.polyarchy.org/basta/documenti/selassie.1936.html

Sugli aeroplani vennero installati degli irroratori, che potessero spargere su vasti territori una fine e mortale pioggia. Stormi di nove, quindici, diciotto aeroplani si susseguivano in modo che la nebbia che usciva da essi formasse un lenzuolo continuo. Fu così che, dalla fine del gennaio 1936, soldati, donne, bambini, armenti, fiumi, laghi e campi furono irrorati di questa mortale pioggia. Al fine di sterminare sistematicamente tutte le creature viventi, per avere la completa sicurezza di avvelenare le acque ed i pascoli, il Comando italiano fece passare i suoi aerei più e più volte. Questo fu il principale metodo di guerra.

Ma la vera raffinatezza nella barbarie consisté nel portare la devastazione ed il terrore nelle parti più densamente popolate del territorio, nei punti più lontani dalle località di combattimento. Il fine era quello di scatenare il terrore e la morte su una gran parte del territorio abissino.

Zurück zum Gedanken von Erinnern – Aufarbeiten – Versöhnen!

Die Erinnerung an die im eigenen Namen begangenen Verbrechen bleibt eine Daueraufgabe aller europäischen Gesellschaften. Die Österreicher sollten sich ruhig ihrer Verbrechen erinnern, die Russen der ihrigen, die Italiener der ihrigen. Gern darf man darüber hinaus auch mit dem Zeigefinger auf die Deutschen und auf die deutschen Verbrechen zeigen, warum denn nicht? Wenn’s der eigenen Gewissensentlastung dient. Das machen doch alle so. Alle – Italiener, Deutsche, Russen, Österreicher, Belgier – zeigen wahnsinnig gern auf die deutschen Verbrechen. Es tut offenkundig so gut. Es baut offenbar das eigene Selbstbewusstsein wieder auf.

Ich meine jedoch: Sofern das Erinnern an all die unsäglichen deutschen Verbrechen nicht zum leeren Schul- und Schuldritual verkommen soll (was zweifellos in Teilen bereits der Fall ist), müssen auch alle anderen Völker zu ihren eigenen Verbrechen und Verbrechern stehen. Und das ist bis heute leider nicht im mindesten der Fall. Italien ist ein gutes, wenn auch keineswegs das einzige Beispiel dafür.

Der flächendeckende Massenmord der italienischen Luftwaffe an der äthiopischen Zivilbevölkerung im Abessinienkrieg, der erste systematische Giftgaseinsatz gegen Zivilisten in der europäischen Geschichte, für den das traurige Verdienst den Italienern zukommt, steht zweifellos zusammen mit dem 1940 entfesselten grundlosen Angriffskrieg Italiens gegen Griechenland im Lastenheft der “Italiani brava gente”.

Die italienischen Konzentrationslager in Dalmatien, die Zwangsitalianisierung der slawischen Völker, die erpresserische Demütigung des griechischen Volkes durch den Duce und seine Lakaien gehören zur vergessenen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts – und zur vergessenen Vorgeschichte des 2. Weltkrieges.

Das geradezu manische, das alleinige Starren der Europäer auf deutsche Verbrechen, in diesem Fall also das völlige Vergessen der Verbrechen der beiden anderen Besatzungsmächte Italien und Bulgarien in Griechenland, sowie auch das Wegdrücken der Verheerungen des innergriechischen Bürgerkrieges, der erst 1949 endete, lässt weiterhin wenig Gutes für ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein erwarten.

 Posted by at 23:50
Mrz 102015
 

Ein heute weitgehend in Vergessenheit geratener syrischer Schriftsteller aus dem türkischen Ferienort Antakya mag wohl einen Hinweis über den richtigen Umgang mit Geld und Gut liefern. Von Beruf war er Arzt. Er schrieb nicht türkisch, sondern griechisch. Er legt im 16. Kapitel seiner früher viel gelesenen Lebensbeschreibung eine umfangreiche Abhandlung über Sinn und Unsinn des Schuldenmachens vor.

Entscheidend ist für den Verfasser – nennen wir ihn Lukas- , dass er dem Geld, also dem “Mammon”, wie er abschätzig sagt, keinen allzu hohen Rang zumisst.

Dennoch: Geld spielt eine riesige Rolle im gesamten Neuen Testament! Es ist die treibende Kraft hinter der Kreuzigung Jesu, es spaltet Gemeinschaften unheilbar.

In schroffem Gegensatz zur Europäischen Union und zu Europas Sozialdemokraten, und in denkbar schärfstem, in unüberbrückbar schroffem Gegensatz zu Europas “C”-Demokraten, die vor allem und fast ausschließlich im Geld das Bindeglied und das Unterpfand der Europäischen Gemeinschaft sehen, erblickt der mittlerweile ganz in den Hintergund gedrängte Jesus von Nazaret im großen Geld eher etwas potenziell Gemeinschaftsschädigendes. Und er hat damit recht. Der Mann hatte einen doch erstaunlich modernen Blick auf die Wirklichkeit. Ist Jesus doch irgendwie der bedeutendste Europäer? Man sollte manchmal noch an ihn denken.

Erstaunlich! Europas sogenannte “C-Demokraten” setzen ihr ganzes Vertrauen in die einigende Kraft des Geldes; Europas C-Demokraten haben uns jahrelang eingeredet, dass wir dem Geld vertrauen sollen, dass jeder Zweifel am System Euro zu “Unfrieden”, “Krieg” oder doch zu “Währungskrieg” führen würde.

Was für ein abgrundtiefes Misstrauen in die menschliche Person offenbart sich in der Geldverhaftung der deutschen und der europäischen Christdemokraten! Jeder, der Zweifel am Euro-System anmeldete, wurde über Jahre hinweg verteufelt – oder als “Rechtspopulist” stigmatisiert.

Wahnsinn des Eigendünkels, Wahnsinn der Geldgläubigkeit! Jetzt hat die EZB das Weisungsrecht gegenüber der Politik erreicht. Irre. Ein geistlicher Bankrott. Das glatte Gegenteil dessen, was das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland festgelegt hat. Und die C-Parteien haben das sehenden Auges zugelassen.

Was für ein grauenhafter Missbrauch des “C” im Parteinamen! Jesus Christus, der einen deutlich realistischeren Blick aufs Geld als unsere führenden europäischen C-Politiker hat, erkennt den spaltenden, ja den verheerenden Einfluss von schlecht verwaltetem, von allzu sehr geliebtem Geld.

Geld, Big Money ist der Spaltpilz der Gemeinschaft, daran lässt Lukas nie einen Zweifel; man lese nur noch einmal die Geschichte von Hananias und Saphira in der Apostelgeschichte.

Und wenn einem schon das Geld ausgeht, sagt Jesus, dann sollte man es so ausgehen lassen, dass es menschliche Beziehungen nicht unrettbar zerstört.

Die vier Evangelien erzählen sehr viel vom Geld. Hergeschenktes Geld kann Gutes bewirken – zum Beispiel im Gleichnis vom Samariter. Uneinigkeit über das anvertraute Geld hingegen untergräbt zwischenmenschliche Beziehungen unrettbar, höhlt Vertrauen aus.

Zwei Einsichten treten immer wieder aus den vier Evangelien hervor: Geld ist sehr wichtig, aber nicht alles. Geld kann niemals gestörte menschliche Beziehungen kitten. Wer nicht einmal mit Geld vertrauenswürdig umgeht, dem wird auch kein Vertrauen entgegengebracht, wenn es um das Entscheidende, das “Wahre” geht.

Lies auf Griechisch im Evangelium nach Lukas, Kapitel 16, Vers 9:

εἰ οὖν ἐν τῷ ἀδίκῳ μαμωνᾷ πιστοὶ οὐκ ἐγένεσθε, τὸ ἀληθινὸν τίς ὑμῖν πιστεύσει;

via Greek Bible.

 Posted by at 21:20
Mrz 042015
 

20150304_134945
Im Evangelium des Johannes lesen wir unter Kapitel 4, Vers 22:
ἡμεῖς προσκυνοῦμεν ὃ οἴδαμεν ὅτι ἡ σωτηρία ἐκ τῶν Ἰουδαίων ἐστίν.

Das ist aus dem Griechischen verdolmetscht in roh gepflastertes, unbehauenes Deutsch: “Wir strecken uns ganzkörperlich vor etwas nieder, was wir wissen, dass die Rettung aus den Juden ist.”

Sammeln wir ähnliche Sätze dieses Typs:
1) “Das Heil kommt von den Juden” (Johannesevangelium 4,22)
2) “Die Juden sind unser Unglück” (H. v. Treitschke, 1879)
3) “Deutschland verrecke” (übermenschlich große öffentliche Inschrift auf Berliner Hausdach, Revaler Straße, sichtbar 2013- ?)
4) “Die Verwüstung des afrikanischen Kontinents nahm politisch und ökonomisch 1884 von Berlin aus ihren Anfang” (Beilage des Festivals “Return to Sender” in der Tageszeitung taz vom 28.02.2015, S. 3)
5) “War es doch unser Land, von dem aus alles Europäische, alle universellen Werte zunichtegemacht werden sollten” (Bundespräsident Gauck am 22.02.2013)

Was eint diese Sätze?

Antwort: Diese 5 Sätze schreiben einem Volk, einer Stadt, einem Land das Merkmal des schlechthin Guten, des Heils, oder des schlechthin Bösen, des Ursprungs der Wertevernichtung zu.

1) Für den Evangelisten Johannes sind es die Juden, von denen das Heil der Welt kommt.
2) Für den Historiker Treitschke sind es demgegenüber die Juden, aus denen das Unglück kommt.
3) In Friedrichshain-Kreuzberg gilt Deutschland heutzutage in aller Öffentlichkeit als minderwertiges Land, von dem es besser wäre, wenn es sofort qualvoll verschwände.
4) Bei den Kolonialismus-Kritikern des gegenwärtig laufenden, öffentlich geförderten Festivals “Return to Sender” gilt Deutschland und die Berliner Afrika-Konferenz von 1884 als der eigentliche Ursprung der Zerstörung eines ganzen Kontinents.
5) Für den Bundespräsidenten gilt “unser Land” Deutschland als Ursprung der Vernichtung des Europäischen, der universellen Werte.

Stimmen diese 5 Sätze? Sind sie wahr?

Antwort:
Diese 5 roh hingepflasterten Sätze sind für sich genommen weder beweisbar noch widerlegbar. Man kann sie glauben oder auch nicht glauben. Es sind zweitens gewissermaßen theologische Sätze, die im Zusammenhang ihrer Entstehung gedeutet werden müssen. Und es sind drittens von völkischem Denken geprägte Sätze. Sie schreiben einem einzelnen Volk (also den Juden an sich bzw. den Deutschen an sich) den überzeitlich wirksamen Keim des Guten oder des Bösen zu.

Viele Fragen bleiben!

Etwa diese:

Nahmen der Kolonialismus, der Sklavenhandel, die Ausplünderung der Rohstoffe, die kolonialistische Zerstörung Afrikas wirklich 1884 von Berlin aus, von Deutschland aus ihren verhängnisvollen Lauf? Oder gab es auch vor 1884 einen Sklavenhandel, eine Ausplünderung des afrikanischen Kontinents? Oder spielten auch andere Länder, andere Völker eine ursächliche Rolle dabei?

Wir Deutsche neigen – wie die Sätze 3-5 zeigen – dazu, die Hauptschuld für alles Böse in der gesamten Weltgeschichte etwa ab 1884 auf unser Haupt zu laden. Jetzt sollen “wir Deutschen” – nach den beiden Weltkriegen I und II, dem Holocaust usw. usw. usw.- also auch noch die entscheidenden allein- oder doch zumindest hauptschuldigen Auslöser für die verheerenden Folgen des gesamten Kolonialismus ab 1884 (oder auch bereits vor 1884?) sein.

Sind wir Deutschen wirklich das Trägervolk des Bösen in der gesamten Neuzeit?

Das kann man so glauben. Man muss es aber nicht glauben.

Ich konstatiere ein geschichtlich absolut negativ geprägtes Selbstbild der Deutschen. Und damit wird man niemanden gewinnen können, am allerwenigsten die jungen Deutschen und die berühmten “neuen Deutschen”. Irgendwo muss es doch auch was Gutes geben in der deutschen Geschichte!

Zum Beispiel? Zum Beispiel – die Berliner Abwasserkanalisation, maßgeblich bewirkt durch Rudolf Virchow. Die geordnete Entsorgung des keimbelasteten Abwassers, die geordnete Versorgung der Bevölkerung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser hat seit Virchows Taten Millionen und Abermillionen Menschen in Deutschland und anderswo Leben und Gesundheit bewahrt. Sie ist ein unerlässlicher Bestandteil der socialen Medizin.

War also Rudolf Virchow, der in Deutschland heute längst vergessene Erfinder des Prinzips der “socialen Medizin” oder der “Public-Health-Philosophy” wie man heute korrekterweise sagen muss, ein im Grunde Guter, obwohl er doch nur ein Berliner, nur ein Deutscher war? Gab es denn auch zwischendurch zur Abwechslung etwas Gutes in der deutschen Geschichte?

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/return-to-sender/

via Greek Bible.

 Posted by at 13:01
Mrz 032015
 

IMG-20150302-WA0007
Eine mit uns korrespondierende Kore übersandte uns gestern einige Bilder aus Athen: herrliche, unvergängliche Stadt, immer von neuem sprießen zu Füßen der Akropolis die Ginsterstauden auf! Eine Ahnung von Unsterblichkeit ergreift uns beim Betrachten dieses Ginsters.
Dieser große Atem der Jahrtausende erlaubt uns einen kühnen Sprung, einen Adler-Schwung zu tun. Wohin treibt unseren Adler auf seinem Flug heute der Frühlingswind?

Er treibt uns von Werner Heisenberg zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von Ferraris “Principe” zu Hegels “Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften”! Wir erinnern uns: Heisenbergs Bemühen, der letzten, der kleinsten Teilchen der Materie habhaft zu werden, trieb ihn in eine Aporie hinein: die kleinsten Teilchen waren als Teilchen nicht durchgängig vorstellbar, ja sie waren als Teilchen unabhängig von ihrem Ladungszustand nicht einmal mehr messbar. Die Materie wurde damals, also in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, in der Weltgemeinde der Physiker zunehmend “dünner”, oder sogar “leerer”, sie, die Materie wurde im Grunde zu etwas Immateriellem. Die Materie ist – so Heisenbergs Einsicht – im Grunde nur noch als Nicht-Materie zu begreifen.

Hier ergreift Hegel das Wort: … und dieses Begreifen von etwas (zum Beispiel das Begreifen der Materie als Nicht-Materie) ist das Werden des Geistes. Aus diesem In-Eins-Denken des vorderhand einander Ausschließenden erwächst der Begriff des Geistes. So nennt es Hegel.

Sein Begriff des Geistes ist also ein relationaler, ein in Beziehungen sich entfaltender Begriff, so wie Heisenbergs Quantenbegriff ein relationaler, ein in Masse-Ladung-Relationen sich entfaltender Begriff ist. Heisenberg wird nachgerade durch Hegel besser verständlich!

Hegel schreibt beispielsweise unter der ersten Abteilung seiner Philosophie des Geistes in § 389 der Enzyklopädie:

“Die Frage um die Immaterialität der Seele kann nur dann noch ein Interesse haben, wenn die Materie als ein Wahres einerseits und der Geist als ein Ding andererseits vorgestellt wird. Sogar den Physikern ist aber in neueren Zeiten die Materie unter den Händen dünner geworden; sie sind auf imponderable Stoffe als Wärme, Licht usf. gekommen, wozu sie leicht auch Raum und Zeit rechnen könnten. Diese Imponderabilien, welche die der Materie eigentümliche Eigenschaft der Schwere, in gewissem Sinne auch die Fähigkeit, Widerstand zu leisten, verloren, haben jedoch noch sonst ein sinnliches Dasein, ein Außersichsein; der Lebensmaterie aber, die man auch darunter gezählt finden kann, fehlt nicht nur die Schwere, sondern auch jedes andere Dasein, wonach sie sich noch zum Materiellen rechnen ließe.”

Hegels Philosophie lässt sich mit einer unerschöpflichen, lebendigen Akropolis des Denkens vergleichen. Selbst die Erkenntnisse eines Werner Heisenberg, ja selbst noch der erbitterte Einspruch des aus dem schwäbischen Ulm stammenden Albert Einstein gegen Heisenbergs durch und durch relationales Denken der Materie dürfen bezogen werden auf den durch Hegel nachvollzogenen, ja vorvollzogenen Gang der europäischen Philosophie, dürfen eingeschrieben werden in diesen großartigen, in allen Teilen noch heute staunenswerten Versuch, das gesamte damalige und selbst noch das spätere Wissen in ein durch seine allseitige Offenheit beeindruckendes System einzutragen.

Quelle:
G.W.F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Hg. von Friedhelm Nicolin und Otto Pöggeler. 7. Aufl. 1969, erneut durchgesehen 1975, Felix Meiner, Hamburg 1975, hier S. 319
Bild: Athen, am gestrigen Tage

 Posted by at 11:27
Mrz 012015
 

Fahrrad 20150301_124746

Einen vollkommen ernüchterten und gleichwohl hinreißenden Blick auf das römische Altertum warf der große deutsche Prosaschriftsteller Theodor Mommsen. Von der stillen Bewunderung, dem erhabenen Ah und Oh der Glyptotheken und der früheren Rom-Pilger war er meilenweit entfernt. Mit Blick auf das heutige Problem der überbordenden öffentlichen Verschuldung mag insbesondere folgendes feine, geradezu kupferstichartig ins Papier schraffierte Porträt des allmächtig-ohnmächtigen Diktators C. Julius Caesar (100-44 v. Chr.) eine Vorstellung von Mommsens meisterhaftem deutschem Stil bieten – wir zitieren das Prosa-Kabinettstück aus Bd. 3 der Römischen Geschichte:

“Auch er”, schreibt Mommsen und meint damit Caesar, “hatte von dem Becher des Modelebens den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte recitirt und declamirt, auf dem Faulbett Litteratur getrieben und Verse gemacht, Liebeshändel jeder Gattung abgespielt und sich einweihen lassen in alle Rasir-, Frisir- und Manschettenmysterien der damaligen Toilettenweisheit, so wie in die noch weit geheimnißvollere Kunst immer zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb sowohl die körperliche Frische ungeschwächt wie die Spannkraft des Geistes und des Herzens.”

Man lese sich den Abschnitt ruhig einmal halblaut murmelnd vor! Das klingt und singt! Dieses Deutsch hat Biss, es tanzt, es lächelt, es hat Rhythmus und Stil, es erkennt Größe und Jämmerlichkeit in wenigen Sekunden als Nachbarn an. Man wird erkennen, dass Mommsen hier sein geistvolles Spiel mit historischer Größe treibt; seine wissenschaftliche Prosa ist mehr als nur objektivierende Wiedergabe des Geschehenen, sie ist auch und in einem damit Kunst; hier bekennt sich Geschichtswissenschaft dazu, dass sie niemals gegenständliche Wahrheit ein für allemal wird festhalten können, sondern in der Form der Darstellung, die dem Inhalt keineswegs nur äußerlich ist, eine Art Kupferstich dessen, “was gewesen ist”, oder vielmehr dessen, “wie es gewesen sein könnte”, liefert.

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 3: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Leipzig 1856, hier S. 428

Bild:
Ein klassisches Fahrrad, abgestellt auf der Großbeerenbrücke, aufgenommen heute um 13 Uhr im Kreuzberger Sprühregen

 Posted by at 17:24
Feb 252015
 

Wo alles sich durch Macht beweist
Und tauscht das Geld und tauscht die Ringe
Im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
Dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Mon Dieu, c’est tellement beau! Kein anderes Buch hat mir in den letzten Wochen so viel Glück gegeben wie das Buch “Le principe” von Jerôme Ferrari. Diese behutsame Annäherung, diese erfundene Zwiesprache eines offensichtlich gescheiterten, heute lebenden französischen Physikstudenten an den verstorbenen deutschen Physiker Werner Heisenberg ist der perfekte Gegenentwurf zu dem, was die verehrte Zentralmacht des Geldes nicht leistet, nicht leisten kann: das Verstehen-Wollen, das Anfragen, das An-die-Tür-Klopfen. Das Schreiben, das Hören, das Miteinander-Reden.

Was hat das mit Europa zu tun? Sehr viel! Denn Heisenberg versuchte nichts anderes, als was die Philosophen und Physiker Europas vor ihm seit Jahrtausenden, beginnend von den Zeiten eines Heraklit, Thales oder Platon wieder und wieder versucht hatten: ein einigendes Prinzip, eine leitende Idee, eine erklärende Formel all dessen zu finden, was sich in bunter Vielfalt darbietet.

Im philosophischen Bereich konkurrieren in Europa seit Jahrtausenden eher idealistische mit eher empiristischen Ansätzen.

“Das Wahre ist eins. Und das absolut Eine ist Geist. Die Materie ist für den Geist letztlich erkennbar. Der Geist kommt zu den Dingen selbst. Er trifft wahre Aussagen über Seiendes.” So der Platon der Politeia, so der Hegel der Enzyklopädie.

“Nein! Das Wahre ist vieles. Und eine absolute Erkennntnis ohne Erkenntnis der mannigfaltigen Bedingtheiten des Erkennens ist unmöglich. Das Wahre ist eine Vielfalt von Einzelerkenntnissen. Das Ding an sich bleibt prinzipiell unerkennbar.” Mindestens hierin kommen Aristoteles und Kant überein.

Heisenberg wiederum gelangte in Abhebung von Einsteins Relativitätstheorie zur Überzeugung, dass die Materie im subatomaren Bereich, also bei den sogenannten Quanten, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht mehr eindeutig, nicht mehr unabhängig vom Standpunkt des Messenden zu bestimmen seien. Im letzten, im kleinsten Bereich herrsche also ein “Unbestimmtheitsprinzip”, eine “Unschärferelation”, die nicht mehr hintergehbar seien. Das letzte gründende Prinzip der Physik wäre also nicht das Eine – sondern eine Relation zwischen dem Zweierlei aus Impuls und Masse, wobei weder Impuls noch Masse außerhalb dieser Relation existierten.

Etwas Übergreifendes, etwa Zusammenführendes vermochte Heisenberg noch im Erlebnis des Schönen, in der Musik etwa, im Erklingen etwa der Bachschen d-moll-Chaconne für Violine solo, im Anblick des Walchensees zu erkennen. Das Ding an sich, die unverhüllte Wahrheit bliebe unabschließbar, bliebe in der gegebenen langen oder kurzen Zeit unerfindlich.

Man könnte sagen: Lang oder kurz ist die Zeit, es ereignet sich allenfalls das Wahre.

Zu “erkennen”? Nein, das Letzte, den tiefsten Grund – so schildert es mehrfach Ferrari – den konnte er nicht mehr erkennen. Den kann er nur “heraushören”, oder “hineinhören”.

Ich höre jetzt den ungeduldigen Zwischenruf:
“Schluss damit! Einheit oder Vielfalt? Platon oder Aristoteles? Kant oder Hegel? Albert Einstein oder Werner Heisenberg? Wer hat denn nun letztlich recht? Es können doch nicht beide recht haben!”

Wenn man nur lange genug forsche, dann müsse doch auch einmal die wissenschaftliche Wahrheit ein für alle Mal hervortreten, sagt unser Gegenüber. So dachte auch ich als Kind, so denken heute noch viele. Und doch deutet bis heute nichts darauf hin. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass mit jeder neuen Erkenntnis die Unabschließbarkeit des Erkennens sich deutlicher offenbart.

Genau dieses Hin und Her zwischen Alternativen, diese unabgeschlossene Bewegtheit und Beweglichkeit ist es, die so etwas wie Freiheit eröffnet. Wenn es so ist, dass am Grund der Materie keine letzte Bestimmtheit herrscht, dann ist genau diese Unbestimmtheit auch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Freiheit gedacht werden kann.

Und der bewusste Träger dieser Freiheit ist – was? Oder wer? Die Antwort lautet: Im einen Fall ist es Werner Heisenberg, im anderen Fall ist es Jérôme Ferrari. Oder der Leser Heisenbergs, der Leser Ferraris.

Inbild und Inhaber dieser Freiheit kann sein oder ist überhaupt und jederzeit, so er dies will – der Mensch: das Du, das Ich, das Wir. Alle. Il maggior dono di Dio all’uomo è la libertà.

Ich erlebte das öffentliche Gespräch über Ferraris “Principe”, zu dem die Französische Botschaft in Berlin eingeladen hatte, als rundweg gelungenes europäisches Miteinander über Sprachengrenzen hinweg, als Gegenglück, als lustvolles Eintauchen in den Kern des europäischen Freiheitsdenkens.

Und die Reaktion darauf waren – Tränen. Was ist ist inopportun oder schlimm an solchen Tränen?

Der Dichter sagte doch: Lasst mich weinen. Das ist keine Schande. Weinende Männer sind gut.

Zitat:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, hier bsd. S. 75 sowie S. 3 (handschriftliche Widmung des Autors)

 Posted by at 18:07
Feb 252015
 

Kehrtwende der Europäer, jetzt sind die europäischen Bürger mehrheitlich EU-Skeptiker. Innerhalb weniger Jahre ist der Glaube an die heilbringende, die friedensstiftende Kraft der EU und namentlich der Einheitswährung Euro, welche die führenden Politiker der EU beseelt, pulverisiert worden. Dies erstaunt, denn nachweislich haben die führenden Massenmedien in allen Ländern der EU stets das Hohelied der EU und des Euro gesungen.

Der Euro ist doch das absolut gesetzte Symbol, das Unterpfand, das quasi-religiös verehrte Sinnbild von Einheit, Größe, Macht, Frieden und Glück, dem insbesondere Europas Christdemokraten (die EVP), Europas Sozialdemokraten und Europas Grüne mit großer Leidenschaft anhängen.
“Ich bin stolz auf den Euro”, “scheitert der Euro, dann scheitert Europa”, “ich freue mich, dass Europa wenigstens noch den Euro als einigende Klammer hat”, all die Litaneien vermochten die Bevölkerung bisher nicht zu überzeugen, oder vermögen sie nicht mehr zu überzeugen.

In Deutschland allein liegt der Prozentsatz der Bürger, die Vertrauen in die EU haben, noch oberhalb von 50% (53%), während in allen anderen befragten Bevölkerungen das Misstrauen gegenüber der EU größer ist als das Vertrauen in die EU.

So lässt sich das Ergebnis einer repräsentativen Meinungsumfrage des italienischen Instituts Demos e pragma zusammenfassen.

Noch schlechter als die EU insgesamt schneidet der Euro ab. In allen Ländern der Eurozone – übrigens auch in Deutschland – hält nur noch eine Minderheit der befragten Bürger den Euro für sinnvoll oder vorteilhaft. Außerhalb der Eurozone wünscht die befragte Bevölkerung in keinem Land die Einführung des Euro.

Hier bleibt weiterhin sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die Bevölkerung endlich auch einmal das glaubt, was die Regierungen, die führenden Intellektuellen und die allermeisten Medien eins ums andere Mal vorbeten.
Aber – bildet euch selbst eine Meinung. Lest selbst die Ergebnisse, wie sie die italienische Zeitung La Repubblica bietet:

L’euro: solo una minoranza ristretta dei cittadini dei Paesi dove è stato introdotto lo ritiene una scelta vantaggiosa. Circa il 10% in Italia. Poco più in Germania. Il 20% in Spagna e in Francia. Mentre per la maggioranza della popolazione (45-50%) è un "male necessario". Teme che abbandonarlo sarebbe peggio. Tuttavia, circa un terzo dei cittadini in Italia, se potesse, lascerebbe l’euro. E in Germania, la "guardiana" (e la padrona) dell’euro, quasi il 37% ha nostalgia del marco. L’euro, peraltro, non suscita alcun desiderio nei Paesi dove non c’è. In Polonia e in GB poco più del 10% della popolazione (intervistata) sarebbe favorevole a introdurlo

via Dietrofront degli italiani, ora sono i più euroscettici – Repubblica.it.

 Posted by at 16:14
Feb 212015
 

Baum_20150221_070720
“Le maître dont l’oracle est à Delphes ne dit rien, ne cache rien – mais il fait signe.”
So zitiert es der 1968 n. Chr. in Paris geborene Schriftsteller Jérôme Ferrari im Anfang seines Buches “Le principe”, das im März 2015 in Paris erscheinen wird. Wir übersetzen aus dem Französischen ins Deutsche: “Der Herr, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nichts, verbirgt nichts – sondern er gibt ein Zeichen.”
Gestern hörten wir der Vorstellung des Buches in der Französischen Botschaft am Pariser Platz zu Berlin zu.
Was ist damit gemeint? Was bedeutet das?
Offenbar zitiert Ferrari hier eine Übersetzung einer Äußerung des etwa 525 v. Chr. geborenen Schriftstellers Heraklit von Ephesos, wie sie in der griechisch verfassten Schrift “De Pythiae oraculis” des wahrscheinlich 45 n. Chr. in Chaironeia geborenen Schriftstellers Plutarch zitiert wird.

Wir schlagen heute den entsprechenden Abschnitt in Plutarchs Schrift auf, um dem rätselhaften Spruch Heraklits über das delphische Orakel auf die Spur zu kommen, und zitieren aus der im Internet bequem einsehbaren Ausgabe von Bernardakis, die 1891 bei Teubner in Leipzig erschien (Steph. p. 404e):

οἶμαι δὲ σὲ γιγνώσκειν τὸ παρ᾽ Ἡρακλείτῳ 2 λεγόμενον ὡς ‘ὁ ἄναξ, οὗ τὸ μαντεῖόν ἐστι τὸ ἐν Δελφοῖς, οὔτε λέγει οὔτε κρύπτει ἀλλὰ σημαίνει.’ πρόσλαβε δὲ τούτοις εὖ λεγομένοις καὶ νόησον τὸν ἐνταῦθα θεὸν χρώμενον τῇ Πυθίᾳ πρὸς ἀκοήν, καθὼς ἥλιος χρῆται σελήνῃ πρὸς ὄψιν.

Wir übersetzen aus dem Griechischen ins Deutsche! Plutarch schreibt hier in etwa:
Ich glaube, du kennst den bei Heraklit zitierten Ausspruch, dass “der Herrscher, dem das Orakel in Delphi gehört, weder sagt noch verbirgt, sondern bedeutet“. Nimm nun zu diesen treffenden Aussagen hinzu und bedenke, dass der hiesige Gott über die Pythia in Orakeln zum Gehörsinn spricht ebenso wie die Sonne über den Mond zum Sehsinn in Orakeln spricht.

Bild: Tief aus der Erde wächst ein hoch aufragender winterlicher Baum! Darunter ein kleines gelbes Haus. Schöneberg, Aufnahme vom 22.02.2015

Quellenangaben:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, Seite 7
Plutarch, De Pythiae oraculis 404e:
via Plutarch, De Pythiae oraculis, stephpage 404e.

 Posted by at 15:18
Feb 162015
 

 

Gewalt im Namen Gottes – dieses Thema brennt buchstäblich auf den Nägeln Europas.

“Nun, Kreuzberger, hast du denn deine Wittenberger Thesen an die Schlosskirchentür oder an den Durchgang zur Leukorea geheftet?” So fragte mich eine Zuhausegebliebene in Berlin, kaum dass ich dem Regionalexpress  von Wittenberg nach Berlin-Südkreuz entstiegen war. Es war der Reformationstag des Jahres 2014.

“Nein”, erwiderte ich. “Die Schlosskirche in Wittenberg ist weiterhin durch einen Bauzaun eingerüstet, und am Durchgang zur Leukorea hatten zahllose Besucherinnen aus aller Welt bereits ihre Thesen angepinnt. Es war kein Platz für weitere schriftliche Thesen mehr vorhanden. So beschränkte ich mich darauf, einige mutige Antithesen zu Jan Assmanns 5 gewagten Thesen über den Zusammenhang von Religion und Gewalt in der mündlichen Aussprache vorzutragen.”

Sind die drei “monotheistischen Religionen” besonders zur Gewaltausübung geneigt? Man könnte es meinen! Dazu lesen wir heute schwarz auf weiß in der FAZ gedruckt in einem Text aus der Feder von drei Mitgliedern des Exzellenzclusters “Religion und Politik” der Universität Münster:

“Die heiligen Texte aller drei monotheistischen Religionen enthalten Passagen, die wörtlich genommen die unnachgiebige Vernichtung von Gottesfeinden, Gottesfrevlern, und -lästerern fordern, dies als Befehl Gottes an seine Auserwählten deklarieren und verheißen, dass diesbezüglicher Eifer durch Gott reich belohnt werde.” 

Was ist über diese und ähnliche Behauptungen zu sagen?

Was haben wir aus Kreuzberger Sicht gegenüber diesen und ähnlichen Behauptungen der Wittenberger Disputanten gesagt?

Prima antithesis Kreuzbergensis contra professores
Der Begriff des “heiligen Textes” ist mindestens für das Christentum in hohem Maße irreführend.

In der Nachfolge Jesu Christi gibt es strenggenommen keinen unantastbaren, unveränderlichen, heiligen Text und kein heiliges Buch. Zwar gibt es – oder gibt er, nämlich Jesus Christus – das gesprochene oder gesungene Wort Gottes. Es gibt in der Gemeinde Jesu Christi kanonische Schriften – namentlich die Bücher des Alten und des Neuen Testaments. Aber es gibt – oder Jesus gibt – keinen heiligen, unveränderlichen, maßgeblichen Text. Kein einziges Wort, kein Eigengut Jesu Christi ist im aramäischen Original erhalten.

Es gibt – oder Jesus Christus gibt – nur noch fundamental auslegungsbedürftige, grundsätzlich übersetzungsbedürftige, zu verdolmetschende, wandelbare und verwandelnde Worte. Die Bibel der Christen, der Gott Jesu ist kein feste Burg!

In einem lateinisch verfassten Brief schreibt der Bibelübersetzer Martin Luther an den Bibelübersetzer Johannes Lange aus der Burg Eisenach nach Erfurt am 18. Dezember 1521: Möge doch ein jede Burgfeste ihren eigen Dolmetscher haben, damit dies Buch in Sprach, Hand, Aug und Ohr jedes Menschen wandle und ihn verwandle.

Belege:

Gerd Althoff, Thomas Bauer, Perry Schmidt-Leukel: Wie auch Christen und Buddhisten metzeln. Das Gewaltpotenzial von Religionen steht nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen im Zentrum der Aufmerksamkeit und prägt die Wahrnehmung des Islams. Aber die anderen Weltreligionen stehen nicht zurück. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Februar 2015, S. 12

Jan Assmann: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003.

 Posted by at 14:12