Jun 282015
 

Große Inszenierung des großen, des allergrößten Volkes des europäischen Theaters! Auch angesichts des heutigen europapolitischen Coup de théâtre dürfen wir nie vergessen, dass wir dem alten, dem uralten Griechenland sehr vieles, letztlich fast alles verdanken, worauf der europäische Weg in Ost und West beruht.

Die Griechen haben das reichste, das älteste Gedächtnis, zumal die griechische Sprache ununterbrochen viel weiter zurückreicht als jede andere heute noch verwendete europäische Sprache. Bei den alten Griechen gab es eine Un- und Überzahl von solchen, die vor sich selber schauspielerten: sie glaubten offenkundig das, was sie auf der großen Bühne vortrugen. Die Schauspieler des Aischylos und des Sophokles, ja Sophokles und Aischylos selbst glaubten das, was sie sangen, sagten, tanzten! Sie glaubten – vermutlich – an ihre Götter!

Aber warum sollen wir das glauben? Woran glauben wir überhaupt?” Derartige unbequeme Fragen wurde Sokrates nicht müde zu stellen. Er spielte gewissermaßen bei den mannigfachen Theaterinszenierungen, aus denen ein großer Teil des griechischen Politik bestand, nicht mit. Er war der große Unzeitgemäße, der untypischste aller Griechen!

Τσίπρας: Ο λαός θα πει το μεγάλο «όχι»

Das große Nein, das große OCHI! Neuester Beweis des überragenden theatralischen Genius der Griechen: die Rhetorik, mit der der griechische Ministerpräsident das Referendum des 5. Juli 2015 ankündigt. Er greift dazu insgesamt – mit den Leitworten von Würde, Freiheit, Stolz und Volk – und in den Metaphern auf den griechischen Feiertag des 28. Oktober zurück. Der 28. Oktober wird bis heute jedem Schulkind in Griechenland gelehrt, er wird festlich begangen.

Damals, am 28.10.1940 wandte sich das stolze griechische Volk unter Führung des griechischen Diktators Metaxas gegen das erpresserische Ultimatum des stolzen italienischen Volkes unter Führung des italienischen Diktators Mussolini; so begann der italienisch-griechische Krieg, den Italien entfesselte und mit dem das so stolze Italien das nicht minder stolze Griechenland als weiteren Kriegsschauplatz eröffnete und in den 2. Weltkrieg hineinzog.

Das feierliche NEIN der Griechen gegen Italien ist bis heute ein nationaler Feiertag! Außerhalb Griechenlands ist der Festtag unbekannt. Ein weiterer schlagender Beweis dafür, dass die EU-“Partner” unablässig aneinander vorbeireden. Freunde, amici miei: Wir wissen viel zu wenig voneinander.

War 1940 das erpresserische Italien der Feind, so glaubt der griechische Ministerpräsident heute das erpresserische Deutschland als Hauptgegner auszumachen.

So erleben wir im Jahr 2015 die feierliche Wiederkehr des 28.10.1940. Nil novi sub sole europeo!

Η Επέτειος του ΟΧΙ

Source: Επέτειος του Όχι – Βικιπαίδεια

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Jun 272015
 

Hochgebirg 20150610_122552

“Es war zu einer Zeit, da sich eben in vielen Theilen der Gegend Fälle von Hundswuth ergeben hatten, daß Abdias eine Reise nach Hause machte, und zwar auf einem Maulthiere reitend, und wie gewöhnlich von Asu begleitet. In einem Walde, der nur mehr einige Meilen von seinem Hause entfernt war, und der Länge nach gegen jenen Föhrenwald mündete, von dem wir oben gesprochen haben, merkte er an dem Thiere eine besondere Unruhe, die sich ihm aufdrang, weil er sonst nicht viel hin geschaut hatte. Der Hund gab unwillige Töne, er lief dem Maulthiere vor, bäumte sich, und wenn Abdias hielt, so kehrte er plötzlich um, und schoß des Weges fort, woher sie gekommen waren. Ritt Abdias nun wieder weiter, so kam das Thier in einigen Sekunden wieder neuerdings vorwärts, und trieb das alte Spiel. Dabei glänzten seine Augen so…”

Eine starke, eindringliche und doch herzzerreißende Szene, die uns der österreichische Landschaftsmaler Adalbert Stifter da in seiner Erzählung vorzeichnet! Der Hund ist der treue Gefährte dieses einsamen Menschen Abdias, aber der Mensch Abdias hat es nicht erkannt. Mehr noch: Treue, Hingabe, Fürsorge kommen im Bild des Hundes Asu zum Vorschein, und die Welt hat es nicht erkannt.

Über viele Wochen hin erstreckt sich unsere Lesung dieses großartigen, mächtig aus Erzählquadern gefügten Werks schon. Der Weg des Juden Abdias führt voller Hoffnungen aus den Trümmern der alten Römerstadt im heutigen Maghreb – nach Europa! Europa, schimmernder Sehnsuchtsort! Für den Juden Abdias war dies der Sehnsuchtsort schlechthin. Wie bitter und süß und schmerzhaft waren seine Enttäuschungen dort!

Eine über derart lange Zeit sich erstreckende Lektüre der Erzählung Abdias von Adalbert Stifter vermittelt etwas von der ungeheuren Weite der Stifterschen Wort-Welten! Hier erfassen wir auch mehrere Jahrtausende Geschichte der Menschheit in einem einzigen gewaltigen Atemzug.

Das Thema Hund hat auch das Kupferstichkabinett in Berlin zum Thema einer entzückenden kleinen Sommerausstellung gemacht. Ich besuchte die Eröffnung vorgestern und konnte mich bei Wein und Brezen mit anderen Besuchern über einige lustige und traurige, tiefsinnige und oberflächliche, struppige und glattgestriegelte Hundedarstellungen von Goya, Dürer, Rembrandt, Polke e tutti quanti unterhalten. Der Besuch dieser Ausstellung mag den einen oder anderen dazu antreiben, das Thema “Hund” mit aufmerksam lauschendem Gehör und wach witterndem Gespür wahrzunehmen. Es lohnt sich!

Wir kommen auf den Hund. Werke aus fünf Jahrhunderten von Albrecht Dürer bis Dieter Roth. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 26. Juni 2015 – 20. September 2015.

Bild: Im Hochgebirg. Blick vom Kramermassiv hinüber nach Österreich, der Heimat Adalbert Stifters

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Jun 252015
 

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Gute Einwürfe zum Thema Schuld und Schulden gestern am Johannestag, dem 24. Juni! Johannes der Täufer forderte die plötzliche, den ganzen Menschen erfassende Umkehr. Rückkehr zum Geglaubten, Erkenntnis der Fehler, öffentliches Bekenntnis, Vergebung und Verzeihung der Schuld, Erlass aller Schulden, raus aus der Schuld.

Das kann für die EU übrigens auch bedeuten: raus aus dem jetzigen Euroregime, das ähnlich dem 2. Weltkrieg einen Strudel an Staatsverschuldung ausgelöst hat.

Rückkehr zum Geglaubten, Umdenken, also metanoia, Erkenntnis der Fehler, öffentliches Bekenntnis! Das sind die Schritte, die Johannes predigt. Von ewiger Buße, “pénitence éternelle”, ist keine Rede. Schuldenschnitt, Streichung der Schuld! Johannes verlangt die Rückbesinnung auf das, was um des Geldes und der Macht willen verraten ward. Das Bußsakrament des Johannes ist gewissermaßen eine Art individuelle Schuldenkonferenz. Und danach – ist wieder gut.

Ganz ähnlich wie Johannes der Täufer kurz vor dem Auftreten Jesu äußerte sich Thomas Piketty mit klarem Rückgriff auf die katholische Theologie der “kurzen” Buße gestern in der ZEIT. Piketty verwirft den Gedanken der ewigen Buße, der “pénitence éternelle”. Er verwirft den Gedanken der Alternativlosigkeit, wie ihn fast alle deutschen Bundestagsparteien – allen voran die CDU und die SPD – vertreten.

Piketty hat erkannt, dass die Politik der Spitzenpolitiker der EU die Länder in unhaltbare Verschuldung hineingetrieben hat. Es sei genauso schlimm wie am Ende des 2. Weltkrieges! Die Politik der EU-Staaten und der EU insgesamt hat finanztechnisch laut Piketty unter dem heillosen Euro-Regime genauso verheerend gewütet wie der 2. Weltkrieg. Eine beispiellos niederschmetternde Bilanz.

Am schlimmsten ist zweifellos der Vertrauensverlust. Vertrauen zwischen den Staaten ist zerstört worden. Vertrauen der Bürger in die Weisheit und Einsichtsfähigkeit der Politiker ist zerstört.

Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, hat sich ganz im Sinne des Täufers geäußert, als er zur Begrüßung des Papstes im Europäischen Parlament im November 2014 sagte: “Besonders dramatisch ist der Vertrauensverlust von Menschen ihren Institutionen gegenüber. Ob auf nationaler oder europäische Ebene: Der Vertrauensverlust ist enorm. Ohne Vertrauen aber kann keine Idee und schon gar keine Institution dauerhaft bestehen.

In einer kanadischen Zeitung fand ich folgende Bemerkung Thomas Pikettys über den raschen, den entschlossenen Wandel, die Umkehr zum Besseren, wie ihn auch Johannes der Täufer forderte, wobei ich mir erlaube, den Begriff ewige Buße – pénitence éternelle – hervorzuheben:

«Ce que nous enseigne l’histoire, c’est qu’il y a toujours des alternatives afin de réduire la dette publique. Mais l’idée que la seule possibilité, c’est la pénitence éternelle en remboursant lentement par des excédents budgétaires, cette idée est toute simplement fausse historiquement puisqu’on observe plusieurs cas de figure où les choses se sont faites beaucoup plus rapidement et cela n’a pas nui aux pays», analyse l’économiste.

Source: L’apôtre de l’anti-austérité | Le Journal de Montréal

Bild: Los desastres de la deuda pública – una pesadilla. Zeichnung von Francisco Goya. The Morgan Library Museum

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“Was willst du Böser denn für ein Europa, wenn du nicht an die Euro-Religion glaubst?”

 Europäische Union, Trasformismo europeo  Comments Off on “Was willst du Böser denn für ein Europa, wenn du nicht an die Euro-Religion glaubst?”
Jun 232015
 

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Bin ich böse? Ist der Euro das oberste Gut, das Summum bonum der scholastischen Theologie?

Die immer engere Einigung Europas, der Euro sind in meinen Augen kein oberstes Ziel und kein summum bonum.

Das oberste Ziel ist oder sollte sein ein Europa, in dem überall die Menschenrechte geachtet werden, ein Europa, in dem kein Krieg herrscht und das dem Frieden unter den Völkern dient, ein Europa, in dem kulturelle Vielfalt blüht und keine Armut und kein Elend herrschen. Ein Europa der Bürger, in dem alle Menschen das Gefühl haben dürfen, ein Leben zur Entfaltung des eigenen Potenzials nach freier Entscheidung führen zu dürfen. Das reicht vollkommen aus. Wir müssen uns keineswegs zu “immer engerer Union” zusammenschließen. Die immer engere Union ist kein Ziel, das um jeden Preis zu erreichen wäre.

Politisch glaube ich unverrückbar an die Machtverteilung und an die Gewaltentrennung. Genau das besagt das berühmte “westliche” Demokratiemodell. “Checks and balances”, der Grundsatz der US-Verfassung, ist hier das unumgängliche Wort. Ich meine: Alle staatliche Gewalt soll streng an die Trennung von gesetzgebender, ausführender und rechtsprechender Gewalt gebunden sein. So fordert es auch das Grundgesetz. So wird das bei uns in der Bundesrepublik Deutschland auch gehandhabt.

Die Europäische Union hingegen kennt den so fundamentalen Unterschied der rechtsstaatlichen Gewaltentrennung nicht, sondern arbeitet derzeit mit einem unkontrollierten Wildwuchs an Machtverschiebungen, Machtballungen, Machtverwässerungen und Machthäufungen. Mal ist es eine Troika aus EZB, IWF und Kommission, die das Sagen hat, dann heißt es: “Draghis Wille geschehe”. Dann ist es wiederum plötzlich neuerdings eine “Pentarchie”, eine Fünferherrschaft der fünf Präsidenten der EU-Kommission, des EU-Parlamentes, der Eurogruppe, des Europäischen Rates, der EZB. Es herrscht in der EU kein klares Regelwerk, sondern ein unkontrollierter Aufwuchs von Regelneusetzung oder Regelfortschreibung durch die Judikative des EUGH und die Exekutivelegislative bzw. Legislativexekutive der EU-Kommission, der “obersten Gesetzgebungsbehörde” (was für ein eklatanter Widerspruch in sich selbst!).

Es herrscht in der EU ein institutionelles Durcheinander, in dem die Grundsätze der Gewaltentrennung missachtet werden.

Ich glaube:

Wir haben als Bundesrepublik Deutschland keinerlei Anlass, das politische System der Bundesrepublik Deutschland grundlegend umstülpen oder wesentlich transformieren zu lassen durch das ganz anders geartete System der Europäischen Union, das teilweise dysfunktional, teilweise erfolglos und widersprüchlich und teilweise undemokratisch ist und den Grundsätzen des demokratischen Verfassungsstaates widerspricht. Das angeblich “unvollendete Projekt” der Europäischen Union ist kein Wert, der über den unverletzlichen Grundsätzen des demokratischen Staates stünde.

Das bestehende politische System der Bundesrepublik Deutschland, geschützt und verbürgt durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949, ist meines Erachtens vollkommen demokratietauglich, durchaus zweckdienlich, höchst erfolgreich und gegen alle Angriffe von oben und unten, von innen und von außen in hohem Maße schützenswert.

Von einem grundlegenden Umbau der bestehenden politischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, wie er allerdings nach jetziger EU-Politik unvermeidlich wäre, halte ich nichts; es gibt dafür keinen Grund.

Schlussfolgerung: Die EU muss sich reformieren, nicht die Bundesrepublik Deutschland.

Bild: Europa auf dem Stier – ein Albtraum? “Pesadilla”. Zeichnung von Francisco Goya. The Morgan Library Museum

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Η Ευρώπη είναι το σύμβολο της Ευρώπης; – Ist Europa das Symbol Europas?

 Europa  Comments Off on Η Ευρώπη είναι το σύμβολο της Ευρώπης; – Ist Europa das Symbol Europas?
Jun 232015
 

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… sic et Europe niveum doloso
credidit tauro latus…

“… so vertraute Europa auch dem listigen Stier
an die schneeweiße Hüfte…”

So besingt ein europäischer Dichter, Quintus Horatius Flaccus, das Schicksal Europas (Ode 3,27). Europa, mit einem erlesenen Sinn für Schönheit, für Natur, für Vielfalt und für Freundschaft unter den Menschen begabt, steht bei Horaz symbolisch für Europa im Zeichen der europäischen Kulturen, der europäischen Natur, der europäischen Schönheiten und der Solidarität.

Im Blick auf Europa dürfen wir sagen: Europa ist da stark und überzeugend, wo der Sinn für Freundschaft, Schönheit und Kultur gedeiht, wo Vielfalt nicht zertrampelt wird, sondern sprießt und wo Europa nicht unter das Joch der Gewalt gespannt wird.

Als blumenpflückende Prinzessin stellt auch Bernardino Luini, der Zeitgenosse Martin Luthers, um das Jahr 1522 Europa dar. Wir sehen Europa beim Blumenpflücken. Wie schön: Europa im Frieden! Frieden für Europa – das wollen wir doch alle!

Doch dieses Idealbild Europas ist gefährdet. Ein scheinbar zutraulicher, scheinbar zahmer Stier nähert sich Europa. Was führt er im Schilde? Der Zeichner Luini zeigt es uns nicht; die furchtbare Vergewaltigung und Entführung Europas bleibt unseren Augen erspart.

Im Blick auf die heutige Lage dürfen wir sagen: Der Stier, der Europa auf die Hörner nimmt, vergewaltigt und entführt, steht symbolisch für die Macht des Einen, für die zügellose Herrschaft. Es ist der Inhaber der Macht selbst, der sich als angreifender Stier verkleidet hat, um Europa zu vergewaltigen. Nicht umsonst steht der angreifende Stier, the Charging Bull, als Monument für die Macht am Bowling Green. Der Stier der verführerischen, unterjochenden Macht des Geldes hat Europa auf die Hörner genommen.

Europa steht symbolisch für ein Europa der Vielfalt, der Blüte der Kulturen, ein Europa der Achtung der Menschenrechte. Die Königstochter Europa steht für ein Europa des Wortes und der Kultur. Und Europa will den Frieden.

Der Stier der Macht hingegen steht für Zwang, Herrschaft, Gewalt, Unterjochung, Zwangsehe. Aus den Hörnern des Stiers gibt es kein Entkommen. Der Stier – er mag als europäisches Schwert, als europäisches Reich, als zügellos herrschendes Geld erscheinen – kennt keine Bindung an das Recht. Er holt sich, was er will.

Europa? Ist das nicht unser Kontinent? Richtig – es ist Europa, von dem Europa den Namen hat.

Europa, Tochter des Königs Agenor, ist das Symbol Europas.

Ein Schöneberger fragt: Ist also nicht der Euro, sondern Europa das Symbol Europas? Antworte mir, Kreuzberger!

Einige Quellen Europas:
Das Gedicht von Horaz ist z.B. hier publiziert:
Q. Horati Flacci opera. Ediderunt Edvardus C. Wickham et H.W. Garrod. Oxonii, 1975, carminum liber III, carmen XXVII.

Bild: Europa und ihre Gefährtinnen beim Blumenpflücken. Zeichnung, Pinsel in Braungrau, weiß gehöht. Entwurf für Fresko in der Casa Rabia in Mailand. Foto Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin. Fotograf/in: Volker H. Schneider

Die Zeichnung Bernardino Luinis ist hier publiziert:
“Europa und ihre Gefährtinnen beim Blumenpflücken.” In: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Für das Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. Ausstellungskatalog hgg. von Dagmar Korbacher mit Beiträgen von Christophe Brouard und Marco Riccòmini. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 216-217

Eine Website mit dem angreifenden Stier – The CHARGING BULL – findet sich hier:
http://chargingbull.com/

Die Geschichte Europas steht hier:

Η Ευρώπη

Source: Ευρώπη (μυθολογία) – Βικιπαίδεια

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Το ευρώ είναι το σύμβολο της Ευρώπης; – Ist der Euro das Symbol Europas?

 Der Euro als Religion des Geldes  Comments Off on Το ευρώ είναι το σύμβολο της Ευρώπης; – Ist der Euro das Symbol Europas?
Jun 192015
 

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– Betrachte dieses Foto! Was erkennst du?

– Ich sehe das Brandenburger Tor und das Reichstagsgebäude und darauf 2 Flaggen: die Europaflagge und die deutsche Bundesflagge.

– Sehr gut! Nenne mir die Gemeinsamkeiten zwischen diesen vier Gegenständen!

– Es sind Gegenstände mit einer besonderen Bedeutung. Brandenburger Tor, Reichstagsgebäude, Bundesflagge und Flagge der Europäischen Union stehen für etwas anderes. Sie sind mit Bedeutung aufgeladen.

– Wie nennst du solche Gegenstände, die mit Bedeutung aufgeladen sind?

– Es sind Symbole.

– Richtig. Was weißt du über Symbole?

– Symbole stehen sinnbildlich für einen Begriff, eine Überzeugung oder einen Glauben. Das Symbol, griechisch Symbolon, ist ein Erkennungszeichen. So steht etwa die Bundesflagge Schwarz-Rot-Gold als Symbol für die Bundesrepublik Deutschland. Das Brandenburger Tor steht symbolisch für Deutschlands Einheit, für den Fall der Berliner Mauer, für die Einheit Europas und für den Fall des Eisernen Vorhangs.

– Du hast gut geantwortet!

So weit ein kurzer Dialog, wie er sich gestern oder irgendwann abgespielt haben könnte.

Symbolon lautete aber auch der alte griechische Name für das Glaubensbekenntnis der frühen Christen. Manche Christen kennen wohl noch das Symbolon apostolicum, das Apostolische Glaubensbekenntnis, oder das Symbolon nikaeanum, das Nizänische Glaubenbekenntnis.

“Ist der Euro das Symbol Europas?” “Το ευρώ είναι το σύμβολο της Ευρώπης;” So fragen wir heute. Kein Zweifel: Die führenden Politiker, insbesondere der amtierende Präsident der EU-Kommission Juncker und die CDU haben sich festgelegt. Für sie ist der Euro in herausgehobener Weise das Symbol der Einigung Europas. Sie glauben dies fest und bekennen diesen Glauben auf Schritt und Tritt.

Sehr schön ist dieses überzeugte Glaubensbekenntnis zum Euro erst gestern wieder in der Regierungserklärung im deutschen Bundestag zu hören gewesen. Hier tritt die Doppelnatur des Symbolbegriffes – Sinnbild UND Glaubensbekenntnis – besonders schön zutage! Der Euro ist nämlich in den Augen der europäischen und deutschen Christdemokraten das Symbol Europas schlechthin, und das Bekenntnis zum Euro gilt für Europas christlich-demokratische Spitzenpolitiker eindeutig und unhintergehbar als Bekenntnis zu Europas Einheit schlechthin.

Zitat aus der Regierungserklärung im Bundestag von gestern:

Die Idee des Euros und derer, die ihn erfunden haben, war immer weit mehr als eine Währung. Der Euro stand und steht symbolisch für die europäische Einigung wie keine andere Entscheidung.”

Source: “Wo ein Wille ist, ist ein Weg” – Nachrichten Print – DIE WELT – Wirtschaft (Print DW) – DIE WELT

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Vom Chaos des “entre-deux-guerres” zum Goldenen Zeitalter des 2. Weltkriegs

 8. Mai 2015, Europa, Finanzmaus  Comments Off on Vom Chaos des “entre-deux-guerres” zum Goldenen Zeitalter des 2. Weltkriegs
Jun 162015
 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser in Berg und Tal, als lectura matutina vere aedificans, als wahrhaft erbauliche Morgenlektüre schlagen wir heute folgenden Abschnitt auf – möge es euch nicht den Atem verschlagen!

Thomas Piketty: “Le chaos de l’entre-deux-guerres”, in: Thomas Piketty: Le capital au XXIe siècle, Editions du Seuil, Paris 2013, Seite 448-552, bsd. Fußnote S. 448 sowie Graphik 8.2 auf S. 431

Von einem “Goldenen Zeitalter” der französischen Finanzverwaltung während all der Jahre des 2. Weltkrieges spricht Thomas Piketty in seinem großartigen Wurf, seinem Werk über das “Kapital im 21. Jahrhundert”, das ich aus meinem letzten Frankreich-Aufenthalt im bordtauglichen Handköfferchen mitgeführt habe. Das Goldene Zeitalter der Finanzverwaltung, das Frankreich unter der deutschen Besatzung erlebt habe, habe das verworrene Chaos der Zwischenkriegszeit (1919-1940) abgelöst. Zu keiner anderen Zeit – sagt Piketty – sind die statistischen Veröffentlichungen des französischen Finanzministeriums so reichhaltig und ausführlich wie in den Jahren des Zweiten Weltkrieges.

Auch wer keine Zeit oder Lust hat, die reichhaltigen und ausführlichen Überlegungen Pikettys Seite um Seite durchzulesen, sollte doch diese knapp 5 Seiten des voluminösen Wälzers zur Hand nehmen! Die haben es in sich! Denn nicht nur preist Piketty die Sorgfalt der französischen Verwaltung während des 2. Weltkrieges, nein, er konstatiert auch, dass die Vermögens-Ungleichheit zwischen Arm und Reich in Frankreich gerade in den Jahren 1944 und 1945 am geringsten war. Das oberste Dezil der Bevölkerung, also die reichsten 10 Prozent der Franzosen, das 1914 bei über 45% des Einkommens gelegen habe, erreichte 1945 den absoluten Tiefststand von weniger als 30%! Gegen Ende des 2. Weltkrieges hatte also die französische Gesellschaft das höchste Maß an Einkommensgleichheit in der gesamten lückenlos dokumentierten Geschichte (seit 1910 bis zum heutigen Tage) erreicht.

Ausgerechnet im Bündnis an der Seite des Deutschen Reiches, ausgerechnet während des aus heutiger Sicht doch so niederträchtigen “Vichy-Regimes” kam also die französische Gesellschaft dem Ideal der weitgehend egalitären Einkommensverteilung am nächsten. Das Chaos der Zwischenkriegszeit – so schreibt Piketty – wurde im Kriege durch eine exemplarisch effiziente französische Verwaltung, durch eine zunehmend egalitäre Einkommensverteilung abgelöst, “comme si de rien n’était” (Piketty), als wäre der 2. Weltkrieg nichts Besonderes gewesen.

Wie kann das sein?

Nun, kaum eine Wendung liegt so fernab der historischen Realität wie die in Deutschland und Frankreich so gerne und geläufig nachgeplapperte Wendung vom “Vichy-Regime”. Man versucht damit, der Regierung Pétain, die Frankreich im Juli 1940 zum Verbündeten des Deutschen Reiches machte, die Legitimität abzusprechen, so als wäre Frankreich gewissermaßen aus dem Widerstand heraus in ein Bündnis mit Hitler gezwungen worden. Und das ist historisch schlechterdings falsch. Es ist eines jener zahlreichen frommen Märchen, mit denen sich Europa nach 1945 einen Reim auf den 2. Weltkrieg zu machen und die gesamte Schuld an allem und für alles auf die Deutschen und die Deutschen allein abzuwälzen versuchte. Was geschah aber wirklich? Die offiziellen Daten und eine Fülle an Zeitzeugenberichten ergeben ein völlig anderes Bild des “Pétain-Regimes”:

Philippe Pétain (1856-1951) wurde durch Abstimmungen der französischen Nationalversammlung am 16. Juni 1940 zum Ministerpräsidenten und dann am 10. Juli 1940 zum Präsidenten des französischen Staates gewählt, nachdem Frankreich sich nach wenigen Wochen Krieg (10. Mai 1940 bis 22. Juni 1940) nahezu kampflos dem Deutschen Reich ergeben hatte. Pétain ist also – so wie ja auch Hitler – vollkommen legitim und demokratisch an die Macht in den höchsten Staatsämtern gelangt und stellte sich willig an die Seite des Deutschen Reiches. Frankreich hat ab dem 10. Juli 1940 ununterbrochen sowohl im besetzten wie im unbesetzten Teil eine voll funktionsfähige Verwaltung gehabt, das Zusammenwirken, die Kooperation zwischen deutscher und französischer Verwaltung (oft zu Unrecht abschätzig “Kollaboration” genannt), klappte wie am Schnürchen, der organisierte Widerstand gegen den Französischen Staat (also gegen das sogenannte “Vichy-Regime”) und gegen die deutschen Besatzer existierte zunächst gar nicht, umfasste auch später stets nur eine Minderheit der französischen Bevölkerung.

Umgekehrt bezeugen die etwa 200.000 Kinder, die in jenen Jahren aus der Liebe zwischen deutschen Soldaten und französischen Frauen gezeugt wurden, dass auch jenseits der Ämter und Behörden ganz überwiegend ein gutes Einvernehmen zwischen dem Deutschen Reich und dem Französischen Staat, zwischen Deutschen und Franzosen herrschte. Notabene: Die Razzien gegen die französischen Juden und deren Deportation in die Lager in Frankreich und im Osten Europas wurden durch die französische Verwaltung, durch die französischen Ordnungskräfte effizient und eigenverantwortlich durchgeführt.

Statt abschätzig von “Vichy-Regime” sollten wir Deutschen also besser respektvoll von der legitimen “Regierung” des “Französischen Staates” sprechen, die ihren Sitz von Juli 1940 bis August 1944 in Vichy hatte. Die unleugbaren Daten lassen zweifellos einen Schluss zu: Frankreich stand in den Jahren 1940-1944 offenbar mehrheitlich mit Überzeugung auf Seiten des nationalsozialistischen Deutschen Reiches – gegen die UDSSR Stalins. Frankreich war damals wohl in der Mehrheit antibolschewistisch, antikommunistisch und antijüdisch eingestellt, wie übrigens Deutschland auch.

Quellen und historische Daten hier wiedergegeben nach:

Thomas Piketty: Le capital au XXIe siècle, Editions du Seuil, Paris 2013
http://piketty.pse.ens.fr/fr/capital21c
Le Petit Larousse illustré en couleurs, Paris 1996, bsd. S. 1589 und 1743
Der große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte, 35. Auflage, Freiburg im Breisgau 2008, Lizenzausgabe für KOMET Verlag Köln, S. 1031-1032

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“Wir glauben!” Glaube ersetzt Berge

 Der Euro als Religion des Geldes  Comments Off on “Wir glauben!” Glaube ersetzt Berge
Jun 152015
 

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“Ja, wo sind denn deine gerühmten Berge?”, so fragte mich kürzlich in gespielter Empörung ein Urlaubsreisender, als er in dichtestem Nebel ins Werdenfelser Land einfuhr. “Ich sah sie gestern! Sie waren gestern noch da. Glaube nur! Der Glaube ersetzt Berge”, erwiderte ich in gespieltem Gleichmut wie aus der Pistole geschossen. Und ich sollte recht behalten.
Am nächsten Tag lichtete sich der Nebel – und die Berge waren alle wieder da: der Kramer, der Waxenstein, die Zugspitze, alle alle waren wieder da.

Dieser triviale Dialog fällt mir wieder ein, wenn ich lese, was der Blogger Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, gestern im IWF-Blog bekundet hat. Alles steht und fällt laut Blanchard mit dem Glauben (belief) an diese oder jene politische Maßnahme.

Über weite Strecken nimmt der Kampf um die Rettung des Euro Züge eines Mysterienspiels, eines Religionszwistes an. Die letzte Entscheidung über Wohl und Wehe der europäischen Einheitswährung hängt derzeit vom persönlichen GLAUBEN der Entscheider im IWF, in der EZB, in der EU-Kommission ab. Glauben heißt etwas oder jemanden subjektiv als gut oder erstrebenswert einzuschätzen. Unübertrefflich ist dies dokumentiert in dem Blogbeitrag des Chefvolkswirtes des IWF.

WE BELIEVE … mit dieser dreifachen Bekräftigungsformel unterstreicht der IWF-Vertreter die fundamentale Wichtigkeit des Glaubens in dieser langjährigen spektakulären Inszenierung, genannt Eurorettung. Glauben heißt persönlich Vertrauen und heißt Nicht-sicher-wissen. Der Euro ist in der Tat letztlich eine Glaubenssache. Entweder man glaubt weiterhin an den Euro, also an das Geld als letzthinniges oder einziges Fundament der Europäischen Union und nimmt dafür weiterhin Zwist, Zwang, Uneinigkeit, Rechtsbruch, Neid, Armut und Streit zwischen den Staaten in Kauf. Oder man glaubt, dass die Europäische Union ihre letzte Begründung in anderen Werten wie etwa Freiheit, Recht und Einigkeit sowie der Gewaltentrennung zwischen der Dreifalt aus Legislative, Exekutive, Judikative hat.

Man kann an den Verbleib Griechenlands im Euro glauben oder nicht glauben. Wenn an den Verbleib Griechenlands im Euro-Währungsverbund weiterhin von allen Entscheidern unerschütterlich geglaubt wird, wenn es also von allen maßgebenden Personen gewollt und ersehnt wird, dann wird Griechenland im Euro-Verbund bleiben. Wenn nicht, dann nicht.

Echter religiöser Glaube wie der Euro-Glaube verlangt jedoch auch Hingabe, verlangt Opfer sowohl von den Glaubenden, die in diesem Fall “CREDITORS”, also “GLÄUBIGER” heißen, als auch von den “SCHULDIGEN”, die in diesem Fall “SCHULDNER”, also “DEBTORS” heißen.

Unter dieser Perspektive empfehle ich den Blogbeitrag des IWF-Bloggers Olivier Blanchard einer vulgärtheologisch gestützten Analyse. Ich habe die religiösen Formeln und Wendungen hier durch Fettdruck hervorgehoben.

[…] On the one hand, the Greek government has to offer truly credible measures to reach the lower target budget surplus, and it has to show its commitment to the more limited set of reforms. We believe that even the lower new target cannot be credibly achieved without a comprehensive reform of the VAT – involving a widening of its base – and a further adjustment of pensions. Why insist on pensions? Pensions and wages account for about 75% of primary spending; the other 25% have already been cut to the bone. Pension expenditures account for over 16% of GDP, and transfers from the budget to the pension system are close to 10% of GDP. We believe a reduction of pension expenditures of 1% of GDP (out of 16%) is needed, and that it can be done while protecting the poorest pensioners. We are open to alternative ways for designing both the VAT and the pension reforms, but these alternatives have to add up and deliver the required fiscal adjustment. On the other hand, the European creditors would have to agree to significant additional financing, and to debt relief sufficient to maintain debt sustainability.We believe that, under the existing proposal, debt relief can be achieved through a long rescheduling of debt payments at low interest rates. […]

Source: Greece: A Credible Deal Will Require Difficult Decisions By All Sides | iMFdirect – The IMF Blog

Bild: Der Kramer, ein seit Jahrtausenden bestehender Berg in Europa. Auch das ist Europa. Aufnahme vom 12.06.2015

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Energiewende en Allemagne oder électricité française?

 Elternlosigkeit, Europäische Union  Comments Off on Energiewende en Allemagne oder électricité française?
Jun 132015
 

La transition énergétique allemande est au bord de l’échec – die deutsche Energiewende steht am Rande des Scheiterns”, mit diesem Zitat des Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel vom 25.11.2014 fasst der Wirtschaftswissenschaftler Jean de Kervasdoué im Figaro vom 12. Juni 2015 seine Analyse der deutschen Energiewende zusammen.

Er rät den Franzosen und den anderen EU-Staaten mit aller Entschiedenheit davon ab, die deutsche Energiewende nachzuahmen oder auch nur im geringsten als Anregung zu nehmen. Die Zahlen, die Kervasdoué gegen das derzeitige deutsche Modell der Energieversorgung und stärker noch gegen den deutschen Atomausstieg und die deutsche Energiewende ins Feld führt, sind in der Tat beeindruckend:

– Die deutschen Energieerzeuger emittieren 10 Mal mehr Kohlendioxid als die französischen.

– Kohlekraftwerke verursachten pro erzeugter KWh in den letzten 50 Jahren 4200 Mal mehr Todesfälle als Atomkraftwerke. Windkraftwerke haben 10 Mal häufiger als Atomkraftwerke getötet. Solarstromanlagen töten 4 Mal öfter als Atomkraftwerke.

– Weitgehend emissionsfreie Atomkraftwerke und Wasserkraftwerke erzeugen 90% des französischen Strombedarfs und erfordern nur im Winter flankierend den Einsatz von klimaschädlichen Wärmekraftwerken.

– Wenn man im Jahr 2050 den gesamten Energiebedarf in Deutschland aus erneuerbaren Energien beziehen will und zugleich annimmt, dass in dieser Zeit die Windkraftanlagen ihren Leistungsgrad verdoppeln, müssen dafür 43500 Quadratkilometer, also 8% der Fläche Frankreichs (oder ca. 12% der Fläche Deutschlands) mit Windkraftanlagen bedeckt werden.

Ich meine, es lohnt sich, die Argumente Kervasdoués vorurteilslos zu prüfen, zumal auf derselben Seite die deutsche Botschafterin in Frankreich, Susanne Wasum-Rainer, ebenso engagiert für die deutsche Energiewende wirbt und sie ausdrücklich zur Nachahmung empfiehlt.

Zwischen beiden Standpunkten, so meine ich, ist eine Vermittlung nahezu unmöglich. Wichtig ist, dass beide Positionen gehört und rational im Für und Wider abgewogen werden. Dem Figaro gebührt Dank, dass er die gegensätzlichen, prinzipiell unvereinbaren Argumentationsketten ungeschmälert zur Geltung bringt!

Schließlich sollte man auch noch die einzige Gemeinsamkeit beider Autoren anführen, dass sie nämlich beide die Energieversorgung als nationale, nicht als europäische Lenkungsaufgabe ansehen, bei der zentrale nationalstaatliche Planung gefordert ist und ein EU-Konsens nicht erreicht werden kann und auch nicht angestrebt wird.

Quelle:
Susanne Wasum-Rainer: Le tournant énergétique en Allemagne
Jean de Kervasdoué: L’électricité française: un atout
Le Figaro, 12 juin 2015, Seite 14

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Am fallenden Bache

 Meine innige Freude, Personalismus der Mitte  Comments Off on Am fallenden Bache
Jun 072015
 

Werdenfelser Land 20150607_182003

Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?” Die Frage der Fragen, so möchte man meinen! Parmenides mag sie – soweit für uns fassbar – als erster so gedacht haben. Heidegger hat sie im 20. Jahrhundert kräftig und laut hinausgerufen, eine staunende Philosophenwelt hörte ihm zu – und hört heute lieber weg. Das Staunen des Philosophen darüber, dass überhaupt etwas das Bestimmte ist, was es ist, und nicht vielmehr etwas anderes Bestimmtes ist, steht als Antriebskraft hinter dem platonischen Dialog Parmenides, dem Gipfelwerk antiker Dialektik.

Staunen darüber, dass überhaupt etwas ist, Staunen darüber, dass ein Etwas etwas Bestimmtes ist, dies dürfte die doppelte Erfahrung des Staunens sein, aus der sich für Aristoteles die Philosophie speist. Wir dürfen jenes erste Staunen das ontische Staunen, dieses zweite Staunen das ontologische Staunen nennen.

Noch aber verbleibt dieses Staunen, dieses philosophische Fragen im vorpersönlichen Bereich, noch fragt es nicht danach, dass ja ein Ich es ist, welches diese Fragen stellt, dass ja ich es bin, der diese Fragen stellt.

Was heißt dies – ein Ich? Warum bin ich überhaupt einer, eine Person – und warum bin ich nicht vielmehr nichts oder doch eher etwas anderes, zum Beispiel ein Fels oder ein Grashalm?

Das Gewahrwerden dieses Ich-Bewusstseins widerfährt einem unverdient. Du erlebst es quälend in der Verzweiflung einer schlaflosen Nacht, du erlebst es beglückend in der Begegnung mit einem sprechenden Du, du erlebst es auch in der Begegnung einer als sprechend, raunend, murmelnd erfahrenen Natur. Das Ich findet, ja es erfindet sich im Zusammengehen mit einer belebten, beseelten Außenwelt.

Heute sprach ich bei einer Busfahrt ins Tal hinab mit einem Geologen über die uns umgebenden Alpen. “Du befasst dich mit der Geschichte der felsigen Natur. Dir erzählen die Felsen die Geschichte der Jahrmillionen!”

“Da hast du recht”, erwiderte der Geologe. “Überall entdecke ich im Werdenfelser Land Spuren dessen, was vor Jahrmillionen gewesen ist. Werdenfels – Felswerden! Aber du als Philologe hast die Aufgabe, das wiederzuerzählen, was andere vor dir erzählt haben. Dir erzählen die Sprüche und Sagen der Alten die Geschichte der Jahre, der Jahrzehnte, der Jahrhunderte und der Jahrtausende!”

Am Abend stieg ich durchs Tal den Weg in Richtung zum Waxenstein hoch. Wie zur Bestätigung des am Morgen Gesagten fielen mir die herrlichen, die unvergänglichen Zeilen des Dichters ein. Der Geolog hat recht. Kaum je in einem anderen Werk geht dieser Übergang aus der uralten Natur in die ihrer selbst gewahr werdende Seele, dieses Innewerden des Personalen so bezwingend hervor wie in diesem Eintrag vom 10. Mai.

Lies selbst, und schreibe den Abschnitt selbständig zu Ende:

Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart […]

Foto: Sanft steigt der Weg aus dem Tal empor zum Waxenstein.

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