Nov 182017
 

Parole da salvare – rettungsbedürftige Wörter, so hebt mein neuestes großes Zingarelli-Wörterbuch 2017 diejenigen Wörter hervor, die nach und nach verschwinden, nicht mehr gebraucht und endlich nicht mehr verstanden werden.

Боговоплощение (griechisch ενανθρώπηση, lateinisch incarnatio), zweifellos ein Wort, das im Herannahen des Weihnachtsfestes eine Betrachtung und wohl Rettung verdient! Ich entnehme es dem folgenden schmalen Bändchen:

Internationale Weihnachtslieder. Texte und Melodien. Herausgegeben von Sigrun Jantzen. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2011, S. 80-81

Das feine gelbe Büchlein enthält Weihnachtslieder in rund 20 europäischen Sprachen, darunter auch eines in der meistgesprochenen europäischen Muttersprache, nämlich dem Russischen:

Эта ночь святая, эта ночь спасенья
Возвестила всему миру
Тайну Боговоплощенья.

Es wird ja immer wieder gefragt, welche Erzählung Europa zusammenhalten könnte, was also die europäische Leitkultur, wie dies Bassam Tibi nannte, ausmachen könnte. Der Euro, das Gold, die EZB, die Macht der Großreiche, der Krieg, also das Schwert, haben es ja wieder und wieder auseinandergetrieben. Ein gemeinsames europäisches Geschichtsbild, eine europäische gemeinsame Geschichtserzählung existiert nicht; sie wird wohl auch nie existieren, nicht einmal in den derzeit genau darüber so zerstrittenen Staaten der EU.

So möge es das Wort sein, das gesprochene, das gesungene Wort, welches die 47 Staaten Europas zusammenführt!  In allen europäischen Ländern wurde und wird Weihnachten gefeiert, in allen Ländern liegt dieser Weihnachtserzählung im wesentlichen dieselbe Geschichte zugrunde. Entnommen ist sie dem Lukusevangelium.   Die mehr als 40 europäischen Weihnachtslieder des Reclam-Bändchens in mehr als 20 europäischen  Sprachen lassen sich mühelos ineinander übersetzen. Sie weichen inhaltlich nicht voneinander ab.

Von der überwältigenden Schönheit des orthodoxen liturgischen Gesanges konnte ich immer wieder einen Eindruck bei meinen Reisen nach Russland gewinnen. Die altkirchliche Liturgie kennt nur den unbegleiteten Gesang ohne alle Instrumente. Denn nur in der menschlichen singenden Stimme meinte die Alte Kirche in das Klingen des Göttlichen hinaufzulangen.

Боговоплощение – das bedeutet die Einkörperung Gottes im Menschen, die Vermenschlichung Gottes. Gott greift Platz im Menschen. площадь heißt ja Platz! Gott nimmt Platz im Menschen, wird sterblich, wird schwach und hilfsbedürftig. Nicht die Macht, sondern die Ohnmacht ist es, in der Gott erscheint. Ein packender, zugleich niederschmetternder  Gedanke, höchst ungewohnt für antike Ohren, höchst ungewohnt für moderne Ohren.

Wo kann man dieses russische Lied hören?

Es genügt folgende drei Wörter in eine Internet-Suchmaschine einzugeben

Эта ночь святая

und man erhält als Video eine reiche Auswahl an Fassungen, aus der man die am meisten gefallende auswählen möge!

Hinweis:

Nicola Zingarelli
lo Zingarelli 2017
Vocabolario della lingua italiana
A cura di Mario Cannella, Beata Lazzarini
2016
Isbn: 9788808601476
Collana: I grandi dizionari
Note: 145 000 voci, oltre 380 000 significati, 115 definizioni d’autore

 

 

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Nov 132017
 

Jeder Einsatz in ein Lied ist wie ein Abspringen in die Lüfte, die dich tragen werden. Gutes Eintauchen in das freundliche Asyl des Gesanges am vergangenen Samstag!  In der Klassenstunde der Schüler von Kathrin Freyburg-Scharnick (la maestra modello) darf ich die Arie Dolente immagine di Fille mia von Vincenzo Bellini und das Lied Komm süßer Tod, komme selge Ruh von J. S. Bach vortragen.

Am 11.11. um 11 Uhr wölbt Joh 1,1 sich in der Laibung des Saales der Hochmeistergemeinde fittichartig über mir, ich stehe geborgen in der Kehlung des Flügels und singe, möchte nur singen und wieder singen. Das Wort erklingt und wird getragen! Da fällt alle Beschwernis ab. Beim Singen ist es in der Welt besser, das Ich wird besser im Gespräch mit den Toten, das Wir wird größer im Gespräch mit dem Tod, weiter, umfassender. Das Ich wird getragen im  Schatten seiner Flügel.

 Posted by at 16:58
Nov 072017
 

Bei meinen eigenen Reisen durch Italien, Russland, Großbritannien und Frankreich fällt mir immer wieder auf, wie unterschiedlich diese Länder Deutschland und die deutsche Geschichte im Vergleich zu uns Deutschen selbst wahrnehmen. Meine vielen Gespräche mit Russen, Italienern, Briten und Franzosen, aber auch das Lesen historischer Studien aus diesen Ländern lassen in meinen Augen nur einen Schluss zu:

Nirgendwo in Europa herrscht derzeit ein so negatives Deutschlandbild vor wie in der deutschen akademischen Historikerzunft. Während Italien, Frankreich, England und Russland sich sowohl ganz allgemein in der Gesellschaft wie auch bei den an den Universitäten lehrenden Neuzeithistorikern von einem hypermoralischen, rein negativen Deutschlandbild verabschiedet haben und die früher üblichen Schwarz-Weiß-Darstellungen rein deutscher, teuflischer Bestialität hinter sich gelassen haben, herrscht in der Zunft der deutschen Fachhistoriker ein stärker denn je düster gefärbtes Deutschlandbild vor. Deutsche Verbrechen, deutsche Schuld, deutsches Verhängnis, deutsche Vernichtungsfeldzüge  geben nunmehr in den in Deutschland verfassten, meistverbreiteten Darstellungen der europäischen Geschichte den Grundton an. Das gilt heute – so meine ich –  für die meisten deutschen Historiker, die meisten deutschen Germanisten, die meisten deutschen Soziologen. Es gilt ferner auch mehrheitlich für den Deutschen Bundestag und die meisten deutschen Spitzenpolitiker, für die deutsche Klimapolitik, die in all ihrer Irrationalität kaum anders zu erklären ist denn als Ausblühung des hier beschriebenen düsteren schuldbedrückten Selbstverhältnisses.  Es gilt nicht zuletzt für die deutsche Gedächtniskultur allgemein, die sich bekanntlich vor allem als Erinnerung an deutsche Verbrechen sieht.

Jeder Gang durch die Hauptstadt Berlin oder durch eine gut bestückte europäische Bibliothek kann diese Analyse bestätigen. Man muss nur die Augen offen halten.

In lateinischer Sprache lässt sich mein Befund über das Deutschlandbild der meisten heutigen deutschen Historiker, Soziologen, Politologen und Germanisten so zusammenfassen: Germania omnis est indivisa unica origo mali. Deutschland insgesamt ist der Urquell des Bösen. Und wir fügen auf gut Deutsch hinzu:

So ist denn alles, was ihr Sünde, Böses nennt,
der Deutschen eigentlichstes Element.
Drum besser wär’s, es hätte Deutschland nie gegeben.

Aber trifft dieses in Deutschland vorherrschende Bild der deutschen Geschichte die Wirklichkeit? Oder entsteht es aus einer systematischen Verzerrung dessen, was geschehen ist?

Schwere Vorwürfe in genau diesem Sinne werden gegen die Zunft der Historiker im aktuellen SPIEGEL am Beispiel der im Ersten Weltkrieg begangenen deutschen Kriegsverbrechen  erhoben.

Der Kunsthistoriker Prof. Ulrich Keller spricht von der „Unterschlagung von Quellen“ in „verstörend häufigen Fällen“ sowie „systematischer Missachtung grundlegender akademischer Verfahrensregeln„. Gerd Krumeich, einer der anerkannten Spezialisten zur Erforschung des Ersten Weltkrieges, nehme diese Vorwürfe ernst, heißt es.

Denn man muss bedenken: Jeder Zweifel an der alleinigen deutschen Schuld an allen in Belgien begangenen Verbrechen wäre äußerst unbequem gewesen, weil dann eine Isolation „in der internationalen Scientific Community“ (sic!) gedroht hätte.

Spiegel-Autor Dr. Klaus Wiegrefe, seinerseits ein promovierter Zeithistoriker, schreibt: „Das klingt nach einem Schweigekartell unter Historikern„, und er äußert einen bohrenden Verdacht: „Es geht auch um die Glaubwürdigkeit der Branche, die zu lange scheinbare Gewissheiten nicht in Frage stellte.“

Ich hege die Vermutung: Dieses Schweigekartell gibt es wirklich; es herrscht tatsächlich in der deutschen Scientific Community vor, aber eben nur in der deutschen Scientific Community. Nur hier in Deutschland, nicht aber in den anderen europäischen Ländern, nicht einmal in Österreich oder in der Schweiz, gibt es derartig hartnäckig durchgehaltene Forschungs- und Erinnerungstabus, wie sie immer wieder in der öffentlich finanzierten deutschen Historikerbranche durchscheinen – oder buchstäblich handgranatenartig durchschlagen.

Mein Eindruck ist: In der deutschen Zeithistorikerindustrie lesen sie mehrheitlich nicht einmal mehr Herodot oder Thukydides, von Tacitus oder Friedrich Schiller ganz zu schweigen. Sie sind in einem hypermoralischen Sinn voreingenommen. Sie fällen heutigentags in ihrer Mehrheit ein gnadenloses Urteil über ihre Väter und ihre Großväter, ja über die gesamte Geschichte Deutschlands. Sie fallen damit hinter das Methodenbewusstsein eines Herodot, eines Thukydides, eines Friedrich Schiller zurück, die sich stets bemüht haben, bei den großen geschichtlichen Katastrophen beiden Seiten, oder eigentlich den vielen Seiten gerecht zu werden.

Unsere deutschen, allzu deutschen offiziösen Zeithistoriker  drücken ihren Forschungen stets den Stempel der moralischen, ja fast schon onto-theologischen Eindeutigkeit auf. Es fehlt mir bei den deutschen Zeithistorikern, Soziologen, Politologen und Germanisten – von Ausnahmen abgesehen – an den Zwischentönen, ich vermisse bei der Formierten Gesellschaft der deutschen Zeithistoriker, Politologen, Germanisten und deutschen Sozialwissenschaftler jedes Bewusstsein für das Changieren der Akteure zwischen Gut und Böse.  Ich vermisse ein Bewusstsein dafür, dass Gut und Böse nicht die einzigen Kategorien historischer Erkenntnis sein können.

Die anderen Länder, also insbesondere Italien, Frankreich, Russland und Großbritannien sind schon deutlich weiter. Sie haben das Schweigekartell gebrochen. Sie begnügen sich nicht damit, Deutschland stets und immer und vorrangig als Inkarnation des Bösen darzustellen. Dort, in den anderen Ländern, wird wirklich ernsthaft geforscht, sine ira et studio.

Klaus Wiegrefe: Furchtbare Reaktionen. Verschwiegen Historiker alliierte Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg? Eine Studie wirft einen neuen Blick auf die deutschen Massaker in Belgien 1914. DER SPIEGEL 45/2017, 04.11.2017, S. 44-46
Ulrich Keller: Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017

Bild:

Alltagsszene in Schöneberg 2017, jetzt und immerdar: „Orte des Schreckens, die wir nie vergessen dürfen“

 

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Nov 012017
 

Es ist höchst bedauerlich, dass in den heutigen Koalitionsverhandlungen der Grundgedanke der Freiheit eine so verschwindende Rolle spielt! Stattdessen sehen wir allenthalben – vielleicht mit Ausnahme der wenigen freiheitlich gesonnenen Politiker, die in Deutschland noch verblieben sind – eine überbordende Anspruchsphantasie,  die der Staat bei seinen Bürgern entfacht.

Jede Partei schreibt den Wunschzettel für ihre Zöglinge aus und versucht dann, ein Maximum vom Kuchen herauszuholen. Die inhaltliche Auseinandersetzung wird von den Parteien verweigert. Der fette, der üppige Staat teilt Geld in Hülle und Fülle für seine Zwecke aus, was immer er geben kann. Der Staat verwöhnt seine Kinder, er sorgt für alle, er weiß es besser! Bis weit in die Zukunft hinein schafft der Staat Bindungen und Verbindlichkeiten für die künftigen Generationen. Das Mittel dazu: die Planwirtschaft, mit der etwa die Volkswirtschaft oder mindestens doch die Energiewirtschaft umgekrempelt wird; unausgegorene Großprojekte wie etwa die bedingungslose Öffnung der Grenzen und die Aufnahme der jungen, männlichen, voll mobilen Mittelschichten aus anderen Staaten in unser Sozialsystem ersetzen die saure Arbeit am Detail, verdrängen die echte Hilfe für die Bedürftigsten dieser Welt. Kühne Gesellschaftsverbesserungswünsche, hochfliegende Klima- und Weltrettungswünsche treten an die Stelle rationaler Erwägungen. Das alles wird der Gesellschaft von den Politikern, diesen „Wesen höherer Art“, ins Pflichtenheft hineingeschrieben.

Um wieviel anders dachte doch ein Friedrich Schiller! Der Marquis Posa entwirft im Don Carlos gegenüber dem dynastischen, dem zentralistischen Unterwerfungsstaat das Ideal der bürgerlichen, der selbstregierten Gesellschaft, in der die Bürger, nicht die staatliche Politik  das Schicksal in eigene Hände nehmen. Unter unterem unterstützt der Marquis Posa aus genau diesem Grund das Sezessionsrecht der Regionen – in diesem Falls das Recht auf den „Abfall der Niederlande“, also die Sezession der spanisch-habsburgischen Niederlande von der Krone. Geburt des modernen Verfassungsstaates, Vorbild des europäischen Subsidiaritätsdenkens!

Gegenüber dem bevormundenden, ideologiebewaffneten Fürstenstaat eines Königs Philip II. vertritt der Marquis im 10. Aufzug des dritten Aktes die Meinung,

Daß Menschen nur – nicht Wesen höhrer Art –
Die Weltgeschichte schreiben! – Sanftere
Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten;
Die bringen mildre Weisheit; Bürgerglück
Wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln,
Der karge Staat mit seinen Kindern geizen,
Und die Nothwendigkeit wird menschlich sein.

Der karge, der geizige Staat – das kann doch nur heißen, dass der Staat sich nicht besinnungslos in unbedachte Transformationsabenteuer stürzt, dass er schonend mit seinen Ressourcen umgeht. Der karge Staat kennt seine Grenzen und überlässt die wesentliche Arbeit der Existenzsicherung seinen Bürgern.

Nur so kann Freiheit gedeihen, nur so gelingt der Zusammenhalt einer wahrhaft freien Gesellschaft. Die Niederlande haben es im 16. Jahrhundert vorgemacht. Es gibt sie heute noch. Das Habsburgerreich dagegen ist untergegangen.

Leseempfehlung:

Friedrich Schiller: Don Carlos. Infant von Spanien. Dritter Akt, zehnter Auftritt. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Auf Grund der Originaldrucke herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert. Zweiter Band. Dramen II [=Lizenzausgabe des Hanser Verlags], Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1981, S. 118-131, hier besonders S. 124

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Okt 242017
 

ὣς δὲ Σκύθαι λέγουσι, νεώτατον πάντων ἐθνέων εἶναι τὸ σφέτερον, τοῦτο δὲ γενέσθαι ὧδε. ἄνδρα γενέσθαι πρῶτον ἐν τῇ γῆ ταύτῃ ἐούσῃ ἐρήμῳ τῳ οὔνομα εἶναι Ταργιτάον· τοῦ δὲ Ταργιτάου τούτου τοὺς τοκέας λέγουσι εἶναι, ἐμοὶ μὲν οὐ πιστὰ λέγοντες, λέγουσι δ᾽ ὦν, Δία τε καὶ Βορυσθένεος τοῦ ποταμοῦ θυγατέρα.

Wie ein prachtvoller Hymnus auf einen der bedeutendsten europäischen Prosaschriftsteller aller Zeiten, also auf Herodot von Halikarnass, liest sich die Besprechung der neuen Skythen-Ausstellung des Britischen Museums, die heute in der SZ erscheint. Diese uralte, nur durch reiche archäologische Funde und das umfassende Zeugnis Herodots bezeugte Völkerschaft gibt uns heute noch viele Rätsel auf.

In Alexander Mendens  Sicht erweist sich Herodot als insgesamt erstaunlich glaubwürdiger Zeuge. Zahlreiche Angaben zu Lebensweise, Ernährung und Totenkult haben sich durch neuere russische Grabungen in der Pasyryk-Stufe im Altai-Gebirge erhärten lassen. So haben skythische Brandgefäße tatsächlich eine Mischung aus Opium und Cannabis enthalten. Die Skythen inhalierten sie in eigens errichteten Hütten, „die kein griechisches Schwitzbad übertreffen konnte.“

Allerdings übernimmt Herodot nicht alles, was ihm seine Gewährsleute zutragen; dass die Skythen – nach ihrer Einschätzung mit nur 1000 Jahren das jüngste aller Völker –  über ihren Stammvater Targitaos von Zeus und einer Tochter  des Flusses Borysthenes abstammen wollen, überzeugt ihn nicht. Er meldet deutliche Zweifel an: ἐμοὶ μὲν οὐ πιστὰ λέγοντες, λέγουσι δ᾽ ὦν, Δία τε καὶ Βορυσθένεος τοῦ ποταμοῦ θυγατέρα (Buch 4, Kap. 5).  Herodot glaubte also nicht alles, was ihm zugetragen wurde, er prüfte durchaus die Sagen und Legenden auf Überzeugungskraft.

Aber er bestritt nicht grundsätzlich, dass die Götter, dass göttliche Erscheinungen vielfach ins Menschenleben hineinwirken. Er glaubte an Zeus, er glaubte an die Existenz von Göttern – bezeugt durch Geschichten und Geschichte. Nur glaubte er nicht an die Wahrheit all dieser Geschichten, sondern nur an die Wahrheit einiger Geschichten. Für Herodot war die Welt Schauplatz eines gewaltigen göttlich-menschlichen Ringens um Macht, um die Wahrheit der Geschichten, deren fortzeugende Kraft sich durch ihre Herkunft aus einem nicht bloß innerweltlichen Ursprung aufhellen ließ. Walter F. Otto schreibt sehr schön in einem heute wieder höchst lesenswerten Aufsatz über Herodot: „der unerschütterliche Glaube an die Herkunft allen Seins und Geschehens aus dem Göttlichen durfte das Gedächtnis der vorangegangenen Geschlechter nicht gering achten.“

Und genau darin verwarf ihn Thukydides! Das Göttliche, die Einflussnahme eines Numinosen, nicht zu Enträtselnden, war ihm keine brauchbare Kategorie historischer Erkenntnis! Der Sinn der Geschichte konnte nur aus ihr selbst entschlüsselt werden! Die Welt war keine Bühne der ewigen Auseinandersetzung der Götter mehr.

Beide Historiker wählten sich als Gegenstand ihrer Forschungen  eine geschichtliche Ereigniskette, die sie als präzedenzlos, als zunächst unbegreiflich, ja als von „einmaliger Größe und Bedeutung“ erachteten. Bei Herodot ist es die Auseinandersetzung zwischen der Welt der östlichen, persisch dominierten Großreiche und der zersplitterten Welt der griechischen Poleis, für Thukydides ist es der Vernichtungskrieg der griechischen Stadtstaaten gegeneinander.

Der fortwirkende Gegensatz zwischen Herodot und Thukydides ist auch heute noch deutlich spürbar. Das lässt sich in der schier uferlosen Literatur zum 1. und 2. Weltkrieg wieder und wieder nachweisen: für die einen ist der Europäische Bürgerkrieg 1914-1945 ein schicksalhaftes Ringen zwischen den Guten (also den Westmächten und der Sowjetunion) und den Bösen (oder gar der Inkarnation des Bösen, also Deutschland, dem Hort aller Übel), für die anderen dagegen eine vielfach gebrochene, vielfach gestaffelte, von wechselnden Assoziationen und Verwerfungen geprägte Ereigniskette ohne klare onto-theologische Rollenzuweisung.

Der Besuch der Londoner Schau dürfte nicht weniger spannend sein als die erneute Befassung mit Walter F. Ottos Herodot-Deutung!

Bild:
Blick auf das heute türkische Bodrum. Hier befand sich einst das griechische Halikarnassos, aus dem Herodot stammte. Aufnahme vom 23.07.2013, 19.47 Uhr

Belege:

Alexander Menden: Kiffer und Kämpfer. Kaum ein Volk ist so sagenumwoben wie die Skythen. Eine grandiose Ausstellung im British Museum in London gewährt überraschende Einblicke in ihr Leben – und in ihr Sterben. Süddeutsche Zeitung, 24.10.2017, S. 13

Walter F. Otto: Herodot und die Frühzeit der Geschichtsschreibung, in: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H.W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Vierte Auflage. Stuttgart: Kröner 1971, S. XI-XXXI, hier bsd. S. XXVII

Herodot griechisch zitiert nach folgender Quelle:

http://www.sacred-texts.com/cla/hh/hh4000.htm

Website der Ausstellung:

http://www.britishmuseum.org/whats_on/exhibitions/scythians.aspx

 

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Ist der Populismus eine Massenvergiftung der Nation?

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Okt 202017
 

HASS SCHADET DER SEELE. HATE HARMS THE SOUL. RECHTSPOPULISMUS SCHADET DER SEELE.

Dies sind Aussagen, die ich in den letzten Tagen, in den Tagen nach der Bundestagswahl, als moralisch-politische Tiefenanalyse an den Fassaden monumentaler evangelischer Kirchen lesen konnte. Das Foto zeigt beispielhaft zwei dieser Merk- und Denk-Sprüche am Eingang des Berliner Doms in einer Aufnahme vom 10.10.2017. Hier, in dieser Kirche, wirkte bekanntlich der Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909), ein Theologe, der unermüdlich vor den Gefahren des Großkapitalismus und des Judentums warnte und die Trennung von Staat und Kirche ablehnte. Stoecker, ein Spitzenvertreter des durch und durch politisierten deutschnationalen Christentums, darf als einer der Begründer der antisemitischen Bewegung im deutschen Sprachraum gelten. Sein besonderer Hass richtete sich bekanntlich gegen das Judentum, dem er in Schriften, Pamphleten und zahllosen Eingaben beredten Ausdruck verlieh; die von ihm unterzeichnete Antisemitenpetition  von 1880/81 verdient auch heute noch besonderes Interesse. Stoecker verlangte unter anderem die Entfernung der Juden aus dem Staatsdienst. Er muss als unmittelbarer Anreger und Vorbereiter der nationalsozialistischen Ideologie gelten.

Hate harms the soul, wer wollte dem widersprechen? Der Hass auf die Juden, der Hass auf die politischen Gegner hat der Seele der Christen geschadet, das ist sicher auch richtig. Aber zu dieser Aussage vermag sich die Kirche nicht durchzuringen. Schade.

In ihrer Plakatkampagne spricht sich die ev. Kirche unverbindlich gegen den Hass im allgemeinen und sehr verbindlich gegen den Rechtspopulismus im besonderen aus. Rechtspopulismus und Hass sind austauschbar, wenn man die Plakate hintereinander liest. Mehr noch: In der Darstellung der ev. Kirche  IST der Rechtspopulismus der hervorgehobene Träger des Hasses, den es zu bekämpfen gilt. Der Rechtspopulismus gefährde das Seelenheil, er schade der Seele, er sei eine Art psychische Krankheit, die im Hass wurzele, so die Botschaft der deutschen, in diesem Sinne allzu Deutschen Kirche.

Ganz ähnlich wie die ev. Kirche äußert sich heute auf S. 4 in der Berliner Zeitung der an der FU lehrende Historiker Paul Nolte. Auch er verwendet ganz offen die Metaphern der Krankheit, auch er sieht den Rechtspopulismus als eine Art Seuche an, vor der es den gesunden demokratischen Volkskörper zu schützen gelte. Die AfD bezeichnet er ganz offen als Seuchenträger dieser gefährlichen Krankheit. Er bekennt sich zustimmend zu dem bisher geltenden „Dogma, dass es rechts der Union keine demokratisch legitimierte Partei geben darf“. Er untermauert diese dogmatische Lehre mit der Begründung, „weil die AfD eine Partei ist, die auch rechtsextrem und bis in den Bereich der Mandatsträger nationalsozialistisch verseucht ist.“

Ein paar Sätze weiter vergleicht er die populistische Bewegung in den USA mit Schmarotzern, sie habe sich wie ein Parasit auf ein Wirtstier gesetzt. „Dort ist ja zu beobachten, dass sich eine populistische Bewegung wie ein Parasit auf ein Wirtstier, in diesem Fall eine existierende Partei, die Republikaner, gesetzt hat.“ 

Parasiten“ und „Wirtstiere„, „kranker Populismus“ und gesunde „demokratische Parteien“, – diese Bezeichnung des politischen Gegners als Ungeziefer, als Gefahr, als Schädling ist etwas, was sich auf Schritt und Tritt auch im nationalsozialistischen Schrifttum findet. Ein Blick in den Artikel „Juden“ in Knaurs Lexikon von 1938, aber auch in das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler beweist dies schlagend. Die Angst vor „Verseuchung“, „Zersetzung“ und „Massenvergiftung der Nation“ durchzieht teils versteckt, teils völlig offen das gesamte Buch.  Dort heißt es beispielsweise: „So wie man zur Heilung einer Krankheit nur zu kommen vermag, wenn der Erreger derselben bekannt ist, so gilt das gleiche auch vom Heilen politischer Schäden.“

Der geradezu hasserfüllte Feldzug der evangelischen Kirche und teilweise auch der Kath. Kirche gegen den Rechtspopulismus, die ebenfalls nahezu hasserfüllte Bezeichnung der AfD als  „verseucht“ durch den Historiker Nolte sind Hinweise darauf, wie stark der Kampf gegen den Rechtspopulismus in der ungebrochenen, unseligen Metaphern-Tradition des Kampfes gegen die Juden, gegen die „inneren Feinde“ steht. Beide Male wird ein echter oder vermeintlicher Gegner zum inneren Feind erklärt, der zersetzend und unterwühlend im „eigentlich gesunden“ Volk wirke. Wie anders sollte es sonst zu erklären sein, dass ein anerkannter Neuzeithistoriker sich völlig ungehemmt in der Lingua Tertii Imperii (LTI), im Wörterbuch des Unmenschen bedient?

Nachweise:

Knaurs Lexikon A-Z. Berlin Verlag von Th. Knaur Nachf., Berlin 1938, vor allem Artikel „Juden“ (dort der Ausdruck „Wirtsvolk“), „Seuchen“, „Adolf Stöcker“, „Sozialismus“, „Nationalsozialismus“
„Weder ausgrenzen noch ignorieren“. Der Historiker Paul Nolte über den richtigen Umgang mit Populisten und die Erosion der Volksparteien. Berliner Zeitung, 20. Oktober 2017, S. 4
Adolf Hitler: „Die Massenvergiftung der Nation“, in: Mein Kampf : eine kritische Edition / Hitler ; herausgegeben von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser ; im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin; vierte, durchgesehene Auflage, 2016, hier Band I, S. 643 [S. 256]; Zitat:  S. 605 [S. 238]
Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. 2. Aufl., München 1965, darin besonders: Weltkampf um „Gesundung“, S. 502-505

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Von Kant zum Kind. Ein Auflachen

 Immanuel Kant, Kinder, Philosophie, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Von Kant zum Kind. Ein Auflachen
Okt 182017
 

Eine ungelöste Frage bleibt die Einhaltung der Verkehrsregeln durch Erwachsene bei der Begegnung mit den schwächsten Menschen, den Kindern. Wird es mir je gelingen, auch nur einen Erwachsenen zum Absteigen im Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule zu bewegen? Wie, wenn ich die Erwachsenen auf Immanuel Kant verwiese, ihnen einschärfte, dass wir allezeit gemäß diesem wohl bedeutendsten Philosophen deutscher Sprache so handeln sollten, als könnte die Maxime unseres Handelns zugleich Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein? Wer kräht denn danach? Wer liest oder kennt heute unter den Deutschen noch Kant? Wer ließe sich durch allgemeine philosophische Überlegungen zu einer Verhaltensänderung bewegen?

Solches Sinnieren befällt mich unwillkürlich manches Mal, doch wische ich diese trüben Gedanken über den kulturell so dürftigen, so armseligen Zustand des deutschen Vaterlandes gern beiseite, wenn mir etwas Schönes begegnet.

So auch heute! Ich schob mein Fahrrad gedankenverloren über den Schulhof der Grundschule, da sprang mir ein Mädchen entgegen, das sich aus einer Gruppe von spielenden Kindern gelöst hatte!

Welche Botschaft brachte es mir? Es reichte mir lächelnd ein handgeschriebenes Zettelchen entgegen und lief sofort ängstlich weg. Was stand auf dem Zettelchen?  „Danke fürs Absteigen!“ las ich. Ich las es und da lachte mir das Herz! O ihr Kinder, ihr bezwingt noch den melancholischsten Philosophen! Selbst ein Immanuel Kant hätte kurz von seinem kategorischen Imperativ oder seinen transzendentalen Bedingungen einer jeglichen Erkenntnis abgesehen, die irgend Anspruch auf den festen Gang einer Wissenschaft würde Anspruch erheben können. Er hätte sich rühren lassen.

So wie ihr mich angerührt habt. Ihr habt mein Herz erobert. Kant hin, Goethe her. Das ist Musik in meinem Herzen, wie sie ein J.S. Bach nicht schöner komponieren könnte.

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Unbedingt einsatzbereit, völlig selbständig, bei Bedarf auch mit Verbündeten: Frankreichs neue Militärdoktrin

 Krieg und Frieden  Kommentare deaktiviert für Unbedingt einsatzbereit, völlig selbständig, bei Bedarf auch mit Verbündeten: Frankreichs neue Militärdoktrin
Okt 142017
 

Ausgezeichnetes, kluges Interview der amtierenden französischen Verteidigungsministerin Florence Parly in der heutigen Monde! Während in Deutschland im Dienste der Klimarettung oder der Weltenerlösung über unerfüllbare Elektro-Quoten hier und mehrfach nicht eingehaltene CO2-Quoten da gezankt und gezauselt wird, hat Frankreich gestern eine sehr griffig und bündig ausgearbeitete Miltärdoktrin veröffentlicht, die – offiziell bestätigt durch Präsident Macron – verbindliche Leitlinie des militärpolitischen Regierungshandelns sein wird: die „Revue stratégique de défense et de sécurité nationale„, also die strategische Militärdoktrin der von Präsident Macron eingesetzten Regierung.

In dem heutigen Monde-Interview fasst die Ministerin die Kernaussagen dieser Doktrin zusammen. Für die Europapolitik, die Verteidigungspolitik und die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland liegt hier ein Dokument vor, das meines Erachtens unbedingt vertiefte Aufmerksamkeit verlangt.

http://www.lemonde.fr/international/article/2017/10/13/florence-parly-la-france-veut-conserver-une-autonomie-strategique_5200442_3210.html

Unter drei Leitworten sei diese Zusammenfassung hier zusammengefasst:

Unbedingt einsatzbereit über alle Waffengattungen. Die französischen Streitkräfte werden auch weiterhin sowohl in der konventionellen als auch der nuklearen Bewaffnung alle Fähigkeiten aufrechterhalten und stärken und ihre jederzeitige Einsetzbarkeit in allen für Frankreich sicherheitsrelevanten Ländern nach dem alleinigen Ermessen Frankreichs sicherstellen. Die französischen Streitkräfte werden das gesamte Spektrum der modernsten Miltärtechnik in allen Waffengattungen eigenständig vorhalten und weiterentwickeln. Hierzu sind die Verteidigungsausgaben im Staatshaushalt planmäßig auf 2% des BIP zu erhöhen. Eine Verminderung der Militäreinsätze Frankreichs in den verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens ist nicht vorgesehen.

Völlig selbständig. Frankreich wird zunächst alle seine Kampfeinsätze ohne vorherige Rücksprache mit anderen und in völliger Selbstständigkeit („autonomie totale“) planen und durchführen. Diese „autonomie stratégique, technologique et opérationelle“, welche die Ministerin ausdrücklich nennt, betrifft strategische Planung, Einsatzführung und taktische Maßnahmen im Kampfgebiet.

Jedoch werden die Kampfeinsätze nicht notwendigerweise stets allein ausgeführt, sondern es gilt der Grundsatz:

Bei Bedarf auch mit Verbündeten. Je nach strategischer Lage und taktischer Zielsetzung wird Frankreich sich mit unterschiedlichen Verbündeten absprechen und Zusatzleistungen anderer Staaten mit einbeziehen. Das können, wenn auch in vermindert zu erwartender Verlässlichkeit,  die USA sein; insbesondere aber kommen hier Deutschland und Großbritannien als hilfeleistende Verbündete und  Truppensteller in Betracht. „Les Allemands ont la capacité de nous soutenir„, sagt die Ministerin wörtlich, zu deutsch: „Die Deutschen haben die Fähigkeit uns zu unterstützen. “

Wie in anderen Politikbereichen auch gilt der Grundsatz: Frankreich zuerst. Frankreich beansprucht also in Sachen Krieg und Frieden die erste Geige zu spielen. Dann kommen die anderen, darunter die USA, Großbritannien und Deutschland.

Was fällt auf? Weder NATO noch EU spielen in den Betrachtungen der Ministerin eine Rolle. Was zählt, das sind zuerst und zuletzt die Staaten, wie natürlich Frankreich zuerst, dann Frankreich noch einmal und dann die anderen mehr oder minder großen Staaten dieser Welt. Von einer gemeinsamen Militärdoktrin oder Grenzsicherungsdoktrin der EU kann weiterhin nicht im entferntesten die Rede sein. Darüber, so meine ich, sollte man sich nicht mehr so vielen trügerischen Illusionen hingeben, wie dies hierzulande bei aller löblichen Frankreich- und EU-Begeisterung (die der hier Schreibende teilt) noch der Fall ist.

Ich empfehle das messerscharf geschliffene Interview der brillanten französischen Verteidigungsministerin, in dem Christophe Ayad, Nathalie Guibert und Marc Semo die Fragen stellten, nachdrücklich der Aufmerksamkeit in den anderen Staaten der EU.

 

 

 

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„Uns droht die Kultur!“ Der verzweifelte Seufzer der europäischen Beamten

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Okt 102017
 

Auf dreierlei konnten wir gemeinen Bürger uns in dem hinter uns liegenden Bundestagswahlkampf verlassen: zum einen auf eine entschlossene Vermeidungshaltung der sich selbst als solche bezeichnenden „demokratischen“ Parteien gegenüber den wirklich drängenden Themen Europas und der Europäischen Union, zum anderen auf eine angewiderte, angeekelte, fast schon hasserfüllte Haltung der sich selbst als solche bezeichnenden „demokratischen“ Parteien gegenüber dem von den „demokratischen Parteien“ als solchem bezeichneten „Rechtspopulismus“ und den Wählern der „Rechtspopulisten“; die demokratischen Parteien standen in dieser Frage zumindest in geschlossen abwehrbereiter Front zusammen; zum dritten schließlich  auf eine nicht minder angewiderte, ja fast schon gleichgültige Haltung gegenüber allen kulturellen Themen, die häufig in einer geradezu allergischen Reaktion der gelehrten und akademisch angehauchten Öffentlichkeit gegenüber Wort und Begriff der europäischen bzw. deutschen „Leitkultur“ gipfelte.

Die Kultur, geschweige denn die mindestens in meinen Augen ganz entscheidende Frage der kulturellen Leitwerke der 47 europäischen Staaten, die im Europarat vereinigt sind, sowie auch Fragen der kulturellen Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland spielten im Bundestagswahlkampf keine Rolle.

Uns droht die Kultur!“, so seufzen die  Beamten in Brüssel laut dem Zeugnis des gestern ausgezeichneten Schriftstellers Robert Menasse, wenn es um die Verteilung der Zuständigkeiten geht. „Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!“  „Die Bildung wurde unterschlagen.“ Das lässt schmunzeln. Auch in der EU lässt sich also mit Kultur kein Staat machen! In Deutschland haben die sich selbst so bezeichnenden „demokratischen“ Parteien um die Kultur einen Bogen gemacht genauso wie um die wichtigen, zukunftsentscheidenden Fragen der Europäischen Union. Indifferenz gegenüber der Zukunft der Europäischen Union, Einheitsfront gegenüber dem erbittert zu bekämpfenden Rechtspopulismus, Missachtung der Kultur – diese drei Merkmale scheinen Grundzüge unserer bundesdeutschen bornierten Häuslichkeit  zu sein.

Zitat:
Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2. Aufl. 2017, S. 45-46

 

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An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen

 Freude, Goethe, Musik, Singen  Kommentare deaktiviert für An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen
Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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