Jul 202019
 

Wegwarte und Rispen-Flockenblume auf der Wiese, am 15.07.2019, Hans-Baluschek-Park

Andrea Camilleri war soeben im italienischen Fernsehen zu hören, bei einem seiner letzten Interviews. Ich zitiere:

«Io sono stato felice per pochi attimi e per cose inspiegabili. Una volta quando in campagna mi entrò la citronella nelle narici, nei polmoni e mi venne voglia di cantare ad alta voce e sentii il mio essere in armonia con l’universo, non con il mondo, ma con il grandissimo nulla dentro cui fui felice di perdermi».

[Ich bin wenige Momente glücklich gewesen, und wegen unerklärlicher Dinge. Einmal, als in Feld und Wiese Zitronengras in meine Nasenlöcher und Lungen drang, und ich Lust bekam, mit lauter Stimme zu singen, und ich fühlte ich, dass ich in Harmonie mit dem Universum war, nicht mit der Welt, sondern mit dem riesengroßen Nichts, in dem ich glücklich war verloren zu gehen.]

… also im Augenblick von diesem höchsten Glück verspürtest du Lust, mit lauter Stimme zu singen? Darauf rufe ich dir als Überlebender deines Todes zu: Bereits das Singen mit lauter Stimme kann uns Lebenden, uns noch Lebenden im rechten Moment, in nicht wenigen Momenten Glück bedeuten. Du erinnerst dich? … ed era il cielo a l’armonia sì ’ntento
che non se vedea ’n ramo mover foglia!

C’è tanta dolcezza che ti aprirà le narici, Andrea, che farà entrare l’odore della citronella nei tuoi polmoni …

In memoriam Andrea Camilleri (Porto Empedocle, 6 settembre 1925 – Roma, 17 luglio 2019)

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Jul 132019
 
Vorüberfahrendes Rad im Hans-Baluschek-Park, Schöneberg, 28.06.2019

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz wonach du angetreten.

Blühendes Gedeihen ringsumher begrüßte mich am Morgen des 28. Juni, Wegwarte, Schafgarbe, Goldrute und Wiesenschaumkraut dufteten und leuchteten mir entgegen. Ein gelingender Tag, den ich im Zeichen und mit dem Beistand Goethes begann!

„Du bist der Welt verliehen von einem Tag.“ Merkwürdiger orphischer Gedanke, dass du der Welt verliehen seiest, dass du ihr nicht fest angehörest; gelockertes Band an das Irdische, gefestigte Bindung an das Dämonische! Nichts, was dir begegnet am Wegrand, kann dich endgültig festhalten. Und nichts von dem, was du behandelst, womit du handelst, gehört dir ewig an. Es ist dir alles nur verliehen, so wie du dem All nur verliehen bist.

Du bist immer unterwegs, nie ganz zuhause. Du schwebst dahin, da bist ein rollendes Rad durch blühende Landschaften. Du bist – ein Vorübergehender, nicht bestimmt zum Bleiben.

Quellennachweis
Johann Wolfgang Goethe: ΔΑΙΜΩΝ, Dämon. In: Urworte. Orphisch. Zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1998, S. 501


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Jul 052019
 
Auf der Pfaueninsel, Berlin-Wannsee. Blick von der Meierei auf den Luisentempel. Aufnahme des hier Schreibenden vom 3. Juli 2019

„In der heutigen Zeit, in der alles speicherbar und abrufbar ist, ist das Theater, die Oper, ein Konzert eine Form, wo etwas passiert, das danach nur in der Erinnerung der Akteure und des Publikums noch da ist. Es passiert jetzt, und ich bin jetzt da – und dann ist es vorbei. Das ist cool.“

So äußert sich heute in der Süddeutschen Zeitung die aus dem Oberfränkischen stammende Tatortkommissarin Eli Wasserscheid. Oder – sie äußerte sich gegenüber den Nürnberger Nachrichten in der Vergangenheit so, und hat es heute vielleicht schon vergessen. Oder es wird ihr morgen wieder einfallen, wenn sie dies liest.

„Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden. Und sie? Ist vielleicht nur so etwas wie eine Temperatur der Dinge, eine Färbung, die alles durchdringt, ein Schleier, der alles bedeckt, alles von dem man sagt, daß es einmal war. Und in Wirklichkeit ist alles noch da, und auch wir sind alle noch da, nur nicht im Jetzt, sondern zugedeckt von ihr, der Zeit im Setzkasten der Ewigkeit. Denn zwar stirbt alles, doch es bleibt etwas dort, wo etwas war. Zunächst sind es die Orte, die länger bleiben als wir. Was tut die Zeit mit ihnen?“

Dies schreibt, oder schrieb, hat geschrieben, oder wird schreiben der vom Rand des Vogelsbergs stammende Thomas Hettche. Uns fallen dabei jene mutmaßlich unsterblichen, hoffentlich ewigen Verse ein, welche der aus dem Hessischen gebürtige Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1885 hätte lesen können, wenn er es denn damals noch hätte versuchen dürfen:

Und von allem Dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag!

Preis dem Vergangenen, das da war, da ist und da sein wird!

Zitatnachweise:

„Leute“, in: Panorama. Süddeutsche Zeitung, Freitag, 5. Juli 2019, Seite 10

Thomas Hettche: Pfaueninsel. Roman. Genehmigte Taschenbuchausgabe. 3. Auflage, btb Verlag München, März 2016, S. 32

Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Mit Einleitungen von Karl Goedeke. Erster Band, Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1885, S. 878

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Jun 242019
 
Der 1704 gekaufte Freihof der Hampels in Klein-Herrlitz, Öl auf Leinwand, Familienbesitz, signiert: H. Hampel, Bild entstanden ca. 1960

Am Johannistag vor genau 315 Jahren, dem 24. Juni 1704, kaufte Johann Friedrich Hampel, einer der Vorfahren des hier Schreibenden, von Georg Friedrich Ritter von Eichendorff, einem der Vorfahren des Dichters Joseph von Eichendorff, und Eva Salomena, geb. Henn von Henneberg, den Freihof in Klein-Herlitz Nr. 39 und 40.

Am Johannistag vor genau 283 Jahren, dem 24. Juni 1736, bestätigte der römisch-deutsche Kaiser Karl VI. die mit diesem Freihof verbundenen Freiheiten mit einem aus 28 Blätter-Pergamenten bestehenden Privilegium.

Alte, längst vergessne Zeiten,
Alte, halb verschollne Tage,
Was will all das noch bedeuten,
Hebt sich darum eine Klage?

Man mag diese Erinnerungen abtun; und doch steigen die verschollenen Tage wieder auf, sobald ich wieder einmal das Lied Robert Schumanns singe, zu dem Joseph von Eichendorff die Worte schrieb. So geschah es mir auch gestern im Hochmeistersaal in Berlin-Halensee; Schumann op. 39, Liederkreis, Lied Nr. I!

In der Fremde

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner kennt mich mehr hier.

Quelle: Ahnentafel der aus dem Freihof in Klein-Herrlitz bei Troppau stammenden Geschwister Hampel. Erforscht von Bruno Hampel. 2. Auflage, August 1935. Privatdruck o.O.

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Jun 232019
 
„Sarà lieta la mia sorte, al tuo fianco io vuò spirar“. Donizettis „Il Barcaiolo“, gesungen im Hochmeistersaal am 22.06.2019. Am Klavier: Kathrin Freyburg

Gelöstes, leichtes Dahingleiten über die flimmernden Wogen des Augenblicks, Dahinsegeln über die lächelnden grünen Meeres-Abgründe, ein triumphierendes, pulcinella-artiges Wiederauftauchen nach den Schrecknissen der Seefahrt, ein Zuzwinkern an die Geliebte nach dem Scheintod des Schiffsuntergangs – überhaupt etwas Starkes, Frohes, etwas … Italienisches!

Hinter mir ließ ich gestern, da ich Donizettis raffiniertes Ding, diese Barcarola, vortragen durfte, das allzu Schwere, das Dampfige, das unerträglich Wabernde, Schicksalhaft-Jähe des deutschen Wesens und Unwesens, all die ständige Nahzeiterwartung des Weltenendes, ob nun damals beim Bergmannssohn Martin Luther oder auch heute im Braunkohletagebau Garzweiler, diese Unfähigkeit der Deutschen, sich auch nur einen Augenblick an dem Erreichten, dem Gelungenen zu erfreuen, diese Form-Unlust der Deutschen, diese Unerbittlichkeit, diese Humorlosigkeit der Deutschen, wie sie immer wieder aufflackert in eingebildeten – deshalb höchst realen – Ängsten vor dem nahenden Weltenbrand und Weltenende!

Nein, da lob ich mir doch meine Italiener! „Könnt ich einen Augenblick sein wie sie!“ Also wünschte ich mir.

Und siehe, da ward ich es schon, mindestens im Singen. Nichts hinderte mich! Die Barke glitt federleicht dahin! Glückes genug!

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„Zurück zum Gesang, zum Ton als Sprache!“ Kottmanns beredte Klage

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Jun 132019
 

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.

„Bald sind wir aber Gesang.“ So Hölderlin, in seiner Hymne „Friedensfeier“ (Fassung vom 28.09.1802). Vom Gespräch, das wir von Morgen an sind, zum Gesang, der wir bald sind. Eine großartige Aufgipfelung, die vermutlich auf Erasmus von Rotterdam zurückgreift, der ja Joh 1,1 übersetzt hatte mit: Im Anfang war das Gespräch.

Eine weitere gedankliche Hymne auf das Gesangliche, dieses Mal am Geigen, stimmt heute in der FAZ auf S. 11 der Frankfurter Geiger Alois Kottmann an. Höchst lesenswert! Er beklagt die heutige artistisch-zirzensische Geigenbetriebsamkeit und sagt:

„Die Geige ist nicht da, um zu geigen, sondern um etwas zu sagen. Denn der Gesang ist das Ursprünglichste in Tönen. Ich nehme an, das Erste, was der Mensch konnte, war nicht sprechen, sondern summen. Der Gesang stimuliert den Menschen. Der Gesang macht das ganze Gemüt aus und war schon da, bevor die Sprache sich in ihrer ganzen Komplexität entwickelt hatte. Und da müssen wir im Geigenspiel wieder hin, zu dieser Ursprünglichkeit, dieser Ganzheit des Gemüts, aus der heraus sich erst wieder tonsprachlich arbeiten lässt.“

Quellen:
Friedrich Hölderlin: Friedensfeier, in: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Herausgegeben von D. E. Sattler. Luchterhand Verlag, München 2004, Band IX, S. 231-236, hier S. 234

„So kann man doch nicht Geige spielen!“ Wir müssen zurück zum Gesang, zum Ton als Sprache – und weg von der reinen Selbstdarstellung. Ein Gespräch mit dem Hochschullehrer Alois Kottmann. Das Gespräch führte Jan Brachmann. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2019, S. 11

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/der-geiger-alois-kottmann-im-gespraech-16233272.html

Bild: Feld- und Wiesengeigen inmitten summender Mückchen und Fliegen. „Das Märchen von dem Frettchen und dem Stier Ferdinand.“ In Irenes Garten. Der hier schreibende Geiger mit seinem Sohn Ivan. Aufnahme vom 05.07.2009. Bildhintergrund: Die rückwärtige Einbandansicht der Septuaginta-Ausgabe des Jahres 1935 von Alfred Rahlfs, Verlagsnummer 5121. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1979


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Full-throated ease: das Geheimnis der Nachtigallen

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Jun 012019
 
The grass, the thicket, and the fruit-tree wild-
White hawthorn, and the pastoral eglantine…
Hundsrosen im Südgelände, die Schwestern der Eglantine, wachsen Seit an Seit mit Gras, mit Dickicht und mit wildem Obst! Aufnahme vom 26.05.2019

[…]
‚Tis not through envy of thy happy lot,
But being too happy in thine happyness-
That thou, light-winged Dryad of the trees,
In some melodious plot
Of beechen green, and shadows numberless,
Singest of summer in full-throated ease.
[…]

Too happy in thine happyness – oft schon rang ich nach Worten, wenn ich dem unbeschreiblich süßen, dem unverhofft sehnenden Nachtigallensang hier in Schöneberg nachsann. Bis zum heutigen Tag singen und klagen einige Männchen weiter, sie klagen uns wohl ihr Leid, denn nur die Männchen, die kein Weibchen gefunden haben, singen noch so spät im Jahr, während ihre jäh verstummten, ernüchterten, bürgerlichen Geschlechtsgenossen jetzt mit Nestbau und Brutpflege befasst sind.

Was soll ich auch sagen zu dieser Fülle des Wohllauts, diesem Erfindunsgreichtum, dieser Mannigfaltigkeit an Tönen, diesem süßen Schmelz, dieser Ausdruckskraft?

Thou singest in fullthroated ease, so fasst diesen Eindruck des Nachtigallenschlags der aus London stammende John Keats, und er trifft damit das Geheimnis nicht nur des Nachtigallensangs, sondern des Singens überhaupt: „vollkehlige Leichtigkeit“, völlige Öffnung des Schlundes, des „Schlotes“, bei gleichzeitiger Lockerheit des Schnabels, Strömenlassen der Lautwerkzeuge, während der übrige Körper fest im Gebüsch verankert ist, als beweglicher stämmiger Resonanzraum ganz verschmilzt mit den Girlanden und Melodienranken des Sängers, so habe ich einige Nachtigallen hier in Schöneberg gesehen, und so hörte ich zwei von ihnen auch heute, am 1. Juni 2019, im geöffneten Fenster meines Zimmers lehnend.

Einige andere Vogelarten erhoben da im zartesten Morgengrauen ebenfalls ihre Stimme, ich meinte insbesondere auch den Gartenrotschwanz zu vernehmen, den ich einige Mal schon hier im Gehölz sah und hörte. Sein Gesang beginnt „mit einem gedehnten hohen Ton, dem einige kürzere und tiefere Töne folgen, weiter klingelnde Passagen, in die auch raue Töne und Imitationen eingebaut sind, mit einem schwachen Trillern endend… „

Endend? Das Ende? Darf so etwas Schönes enden? Ja, es muss enden! Aber es wird wiederkehren, John Keats! Es ist wieder da! John, es ist kein Wachtraum, es ist, war, und es wird sein.

Adieu! adieu! thy plaintive anthem fades
Past the near meadows, over the still stream,
Up the hill-side; and now ‚tis buried deep
In the next valley-glades:
Was it a vision, or a waking dream?
Fled is that music:—do I wake or sleep?

Zitatnachweise:
John Keats: Ode to a Nightingale, in: The Oxford Book of English Verse. Edited by Christopher Ricks. Oxford University Press, 1999, S. 403-404
Eckart Pott: Gefiederte Stars. 4., aktualisierte Auflage. Franckh-Kosmos-Verlag, Stuttgart 2019, hierin: Nachtigall, S. 24; Gartenrotschwanz, S. 30

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Vom „Ecce homo“ zum „Homo sacer“. Denkwege Giorgio Agambens

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Mai 282019
 

„Nuda vita“. Detail aus dem Gemälde „Abstieg Christi in die Vorhölle“ von Andrea Mantegna. Eitempera und Gold auf Holz. Z.Zt. in der Ausstellung „Mantegna und Bellini“, Gemäldegalerie, Staatliche Museen Berlin

Vor einigen Tagen habe ich mir Giorgio Agambens Buch „Homo sacer“ in der überarbeiteten italienischen Fassung aus dem Jahr 2018 (Verlag Quodlibet, Macerata) beschafft. Gute, mutig vorgetragene Geschichten und Ansichten zu einigen zentralen Begriffspaarungen der europäischen Geistesgeschichte, wie etwa: Macht und Recht, Leben und Politik, Lebensform und Volk!

Erster auffälliger Befund für den Leser, der viel liest oder zu lesen gezwungen ist, der also wissenschaftliche Bücher von hinten, vom Literaturverzeichnis und vom Register her liest: aus dem Register der Namen und aus erster kursorischer Lektüre geht hervor, dass Jesus von Nazaret und der Philosoph Aristoteles die wichtigsten Bezugsgrößen für Agamben sein dürften, wobei Jesus, der europäische Inbegriff des homo sacer, sogar noch etwas häufiger genannt wird, mehr Platz einnimmt und wichtiger zu sein scheint als Aristoteles, den Agamben antikem und mittelalterlichem Brauch folgend gelegentlich auch schlicht il filosofo nennt. Jesus von Nazaret (Gesù di Nazaret, wie er italienisch genannt wird) scheint mir hier bei Agamben wichtiger jedenfalls als der sich weltweit so großer Beliebtheit erfreuende Walter Benjamin, der in Deutschland nicht mehr ganz so freudebringende Martin Heidegger, der ungebrochen allseits beliebte Michel Foucault … e tutti quanti. 

Auch der sehr beredte, sehr stumme Bildteil, bestehend aus 16 Farbtafeln, weist eindeutig in diese Richtung, zeigt er doch nicht weniger als 10 Mal die Hetoimasia (gr.ἑτοιμασία), also die Zurüstung des leeren Thrones Gottes mit dem Kreuz Jesu Christi, ein Bildmotiv, das an Offb 22,1-4 anschließt.

(wird fortgesetzt)

Bibliographische Angaben:
Giorgio Agamben. Homo sacer. Edizione integrale. 1995-2015. Quodlibet: Macerata 2018; hierin besonders: Tafelteil (nach S. 576); Riferimenti bibliografici, S. 1283-1341; Indice dei nomi, S. 1345-1360, hier bsd. S. 1346 und S. 1351

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Du sollst einem Blinden keinen Anstoß in den Weg legen!

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Mai 202019
 
Siehe! Eine Hummel saugt Nektar aus einer Rainfarn-Phacelie. 19.05.2019, 13:21 Uhr, Feldrain an der Allee am Königsgraben von Luckenwalde nach Jänickendorf

13לֹֽא־תַעֲשֹׁ֥ק אֶת־רֵֽעֲךָ֖ וְלֹ֣א תִגְזֹ֑ל לֹֽא־תָלִ֞ין פְּעֻלַּ֥ת שָׂכִ֛יר אִתְּךָ֖ עַד־בֹּֽקֶר׃

14לֹא־תְקַלֵּ֣ל חֵרֵ֔שׁ וְלִפְנֵ֣י עִוֵּ֔ר לֹ֥א תִתֵּ֖ן מִכְשֹׁ֑ל וְיָרֵ֥אתָ מֵּאֱלֹהֶ֖יךָ אֲנִ֥י יְהוָֽה׃

15לֹא־תַעֲשׂ֥וּ עָ֨וֶל֙ בַּמִּשְׁפָּ֔ט לֹא־תִשָּׂ֣א פְנֵי־דָ֔ל וְלֹ֥א תֶהְדַּ֖ר פְּנֵ֣י גָדֹ֑ול בְּצֶ֖דֶק תִּשְׁפֹּ֥ט עֲמִיתֶֽךָ׃

οὐκ ἀδικήσεις τὸν πλησίον καὶ οὐχ ἁρπάσεις, καὶ οὐ μὴ κοιμηθήσεται ὁ μισθὸς τοῦ μισθωτοῦ παρὰ σοὶ ἕως πρωί. οὐ κακῶς ἐρεῖς κωφὸν καὶ ἀπέναντι τυφλοῦ οὐ προσθήσεις σκάνδαλον καὶ φοβηθήσῃ κύριον τὸν θεόν σου· ἐγώ εἰμι κύριος ὁ θεὸς ὑμῶν.

Du sollst deinem Nächsten nichts rauben; du sollst den Lohn des Taglöhners nicht über Nacht bei dir bleiben lassen, bis morgen. Du sollst keinem Tauben fluchen, keinem Blinden Anstoß in den Weg legen, sondern dich vor deinem Gotte fürchten; Ich, der Ewige!“

Du sollst einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen!“ Beim dankbaren Nachsinnen über den gestrigen Tag fiel mir soeben dieser Vers aus dem 3. Buch Mose ein. Eine blinde Frau suchte mühsam tastend den Weg zur Toilette im Regionalzug von Berlin-Südkreuz nach Luckenwalde. Wie beschwerlich war es doch für sie, die komplizierten Türverriegelungen und die Entriegelung zu bedienen. Eine Kette an Missverständnissen und Missgeschicken! Wir halfen, so gut wir konnten. Doch es gelang uns nur unzureichend. Die Blinde ließ sich nicht beirren und meisterte die Klippen in Gestalt einer halbautomatischen Tür mit bewundernswerter Gleichmut und unbeirrbarer Würde.

Wie unendlich wertvoll, weise, beherzigenswert sind doch die mosaischen Vorschriften über die Heiligung des Alltags! Sie können auch heute noch, im Jahr 2019, zuverlässig ein gedeihliches Miteinander in Regionalbahnen, Interregios und ICEs, auf Bahnhöfen, Bürgersteigen und Fußgängerzonen, in Parklets und Parkhäusern erleichtern. Wie anrührend, wie bedachtsam und feinfühlig findet Mendelssohn den richtigen Ton in seiner Übersetzung der Tora! So findet die Hummel den Nektar am Grund der Blüte der Phacelie!

Hier sind die Verse 13-19 aus dem Buch Levitikus, Kap. 19, in Hebräisch (Tora), Griechisch (Septuaginta) und schließlich in der deutschen Übersetzung durch Moses Mendelssohn wiedergegeben.

Übersetzung Mendelssohns hier zitiert nach: Artikel „Mendelssohn“, in: Philo-Lexikon. Handbuch des jüdischen Wissens. Unveränderter Nachdruck der 3. vermehrten und verbesserten Auflage von 1936, erschienen im Philo-Verlag Berlin. Jüdischer Verlag im Athenäum-Verlag, Königstein/Ts. 1982, Spalte 467-468

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Vielfach gestaffelte Räume, wimmelndes Leben im Nuthe-Urstromtal

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Mai 192019
 

Ab von dem längs der Gottower Chaussee verlaufenden Radweg, etwa 2 km von Gottow und von Luckenwalde entfernt, lockte uns heute der Waldweg in den urwaldartigen Baumbestand des Nuthe-Urstromtales. Wir bogen ab in den Waldlehrpfad, der zum Eiserbach führt. An der Kranichwiese stießen wir auf einen übermannsgroßen Ameisenbau. Die Waldameisen wimmelten zu Tausenden auf dem mächtigen Haufen umher. Das geschärfte Ohr des Waldgängers vernahm ein feines Rascheln und Knistern, ein Knacken und Zirpen in vielen Frequenzen aus dem Haufen heraus.

Der Ameisenbau an der Kranichwiese

Der Wald in diesem Abschnitt des Nuthe-Urstromtales erinnert in wesentlichen Zügen an einen Urwald, wie er sich früher über die Jahrhunderte ohne tiefgreifende Eingriffe der Menschen an Bächen und Flüssen herausgebildet hat und jetzt allmählich durch gezielte Renaturierung wieder zurückbildet. Kennzeichen der naturnahen, urwaldähnlichen Pflanzenverbundgesellschaft im Nuthetal sind: ein erstaunlicher Artenreichtum, hoch aufwachsende Laubhölzer, insbesondere Esche, Buche, Erle, einige wenige Eichen und Birken. Keine Nadelbäume! Immer wieder kreuz und quer liegend alte, hochaufgeschossene Baumriesen, die durch Windbruch, Schädlingsbefall, Pilze oder altersbedingte Schwäche umgestürzt worden sind und dadurch eine Lichtung für nachwachsende Gehölz schaffen: raschwachsende Büsche, Moose, Gräser. Das Leben schießt unverwüstlich wieder auf, das Leben im Wald überlebt!

„Verkammerte“ Lebensräume: man blickt immer wieder in Abschnitte der Pflanzengesellschaft hinein, die eine Art Binnen-Räumlichkeit schaffen, mit eigenem Licht, eigenen Farben, eigenen Geräuschen. So insbesondere auch am Eiserbach selbst, einem nicht begradigten schmalen Bach, der hier zu sehen ist:

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