Jan 212015
 

Aus dem Kopfschütteln komme ich nicht mehr heraus, wenn ich das Tollhaus betrachte, das mittlerweile in der deutschen Politik, in den deutschen Feuilletons ausgebrochen ist. Meine Gespräche mit afrikanischen Zuwanderern und Flüchtlingen aus den teilweise noch multireligiösen Staaten Westafrikas, meine Gespräche mit Muslimen in Kreuzberg und anderen Berliner Bezirken zeigen eine massive Bedrohungslage auf. Die westlichen, die “abendländischen” Moslems fühlen sich durch die Islamisten bedroht. Sie sind durch die machtvolle Islamisierung  stärker bedroht als die Nicht-Muslime!

Wie das denn? Wieso fliehen so viele Muslime und Christen und Nichtglaubende aus den Staaten des vorderasiatischen und asatischen Ostens, aus den Staaten Nordafrikas und Westafrikas zu uns? Wieso fliehen so viele Juden aus Frankreich, das doch eigentlich ein Teil des “Abendlandes” ist, nach Israel? Sie alle – Juden, Christen, Muslime, Religionslose – fliehen vor einer beispiellosen Welle der Gewalt, vor einem expansiven, raumgreifenden islamistischen Terror.

Gefürchtet wird vor allem von den säkularen und aufgeklärten Muslimen (den “Ramadan-Muslimen”, wie sie SPD-nahe Türken gern nennen), von den säkularen und aufgeklärten Türken die schleichende oder auch bedrohlich-massive Re-Islamisierung der Muslime, die schleichende oder auch bedrohlich-massive Re-Nationalisierung, die Re-Türkisierung der Türken. “Muslime! Ihr seid doch alle Muslime! Lasst euch nicht durch die Gottlosen verderben!” So lautet die Melodie heute.

Das Gespenst der neo-fundamentalistischen Islamisierung der Moslems geht um in Westeuropa!

Die abendländischen Muslime der Mehrheit wollen aber nicht in einen Topf mit den Islamisten geworfen werden.

Und doch geschieht genau das. Bei jedem Protest gegen das zunehmend massive Auftreten der teils gewaltfreien und der teils gewaltbereiten Islamisten im europäischen Westen tun sich namhafte deutsche Politiker als Pro-Islam-Aktivisten hervor. Sie tun so, als stellte nicht der Islamismus, sondern ausgerechnet der Protest gegen das massive Vordringen des Islamismus eine Gefahr dar. Und dass der Islamismus massiv vordringt, werden auch die gutwilligsten deutschen Politiker hoffentlich nicht mehr leugnen.

“A bas la France – A bas Charlie Hebdo!”.  Unter diesen und schlimmeren Parolen wird in Niger, in Pakistan, in den Kaukasus-Republiken, im Iran der Hass auf Frankreich, der Hass auf den europäischen Westen (das sogenannte Abendland) geschürt (siehe etwa Le Figaro, 19. Januar 2015, Seite 7). Was tun die deutschen Spitzenpolitiker angesichts der anti-westlichen Massenproteste der aufgehetzten Massen in den islamischen Staaten? Sie schließen fest die Reihen gegen die Islamisierungswarner!

Der “Westen”, das ist das “Abendland”, “the West”, “l’Occident”. Und der heutige europäische “Westen”, das sogenannte “Abendland” hat sich ganz entscheidend herausgebildet in der Zurückweisung jedes Absolutheitsanspruches, wie ihn etwa die römischen Kaiser, später der oströmische christliche Kaiser erhoben oder die verschiedensten muslimischen Machthaber erhoben und erheben.

Den deutschen Politikern, die sich zur Sache äußern, muss ich zugute halten, dass sie es ja eigentlich gut meinen. Aber sie haben offensichtlich keinen direkten Kontakt zu den Millionen und Abermillionen unpolitischen Muslimen, zu den Menschen von der Straße. Alle Botschaften, die auf die Funktionäre und Spitzenpolitiker treffen, sind vielfach interessengeleitet, sind gesteuert, bezwecken etwas.

Und dadurch, dass Pegida verteufelt wird, dadurch, dass man “Hass” und “Herzenskälte” hinter den Ängsten der Pegida-Unterstützer vermutet, stellt man sie per kardiologischer Fern-Diagnose in die Ecke des Teufels.  Man sieht: Auch wenn eine Gesellschaft als ganzes den Gottesbezug verloren hat, braucht sie doch den Teufel, den personifizierten Feind, geradezu lebensnotwendig.

In den Berliner Grundschulen, in den Berliner Sozialämtern, in den Ausländerbehörden wird allerdings ganz anders gedacht als es in den Verlautbarungen der Spitzen aus Gesellschaft und Staat durchklingt.

Der aus Ägypten stammende Deutsche Hamed Abdel-Samad schrieb gestern auf Facebook dazu:

“Frau Fahimi von der SPD lehnt einen Dialog mit Pegida ab. Wie steht sie denn zu jungen Muslimen, die die Demokratie ablehnen und die Salafisten nicht nur toll finden, sondern auch den Dschihad in Syrien? Sie würde sagen, wir müssen um die Herzen dieser Menschen kämpfen, denn sie sind marginalisiert und entwurzelt; wir müssen sie nicht ausschließen, sonst sind sie den Islamisten ausgeliefert! Sie würde sagen: unsere Jungs werden radikalisiert und wir müssen etwas dagegen tun. Sie würde sagen: versöhnen statt spalten!
Hat die SPD es abgelehnt, mit der Hamas Dialog zu führen? Nein. Mit den Muslimbrüdern? Nein. Oder mit dem Iran? Nein. Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Niels Annen hat sogar mit Ali Akbar Velayati im Iran vor wenigen Wochen Dialog geführt: Velayati ist übrigens der Drahtzieher des Mykonos-Mordanschlags gegen kurdisch-iranische Oppositionelle in Berlin im Jahre 1992
Was ist los mit der SPD?”

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Jan 212015
 

Ball grotesk – so muss man das wohl sehen, was derzeit in den deutschen Feuilletons und Kommentarspalten abgeht.

Libanon, Syrien und die Länder Westafrikas wie etwa Mali, Niger, Côte d’Ivoire, Nigeria, ja selbst Indien sind derzeit noch multikulturelle, derzeit noch multireligiöse Staaten im Afrika südlich der Sahara, im Nahen Osten (also im “Morgenland”)  und in Asien. Sie zittern  vor den erbarmungslosen Unterwerfungsfeldzügen des “Islamischen Staates”, “Boko Haram” und anderer Milizen.

Zugleich finden sich hier in wenigen deutschen Städten Protestierende zusammen, die vor einer angeblich drohenden, schleichenden angeblichen partiellen “Islamisierung des Abendlandes”, einer “Landnahme”  warnen, wie dies vor Jahren bereits die Zeitung taz gemacht hatte, die Zeitschrift DER SPIEGEL in ihrer Titelgeschichte (Nr. 13/2007) gemacht hatte,  – und diese “Islamisierungskritiker” (der SPIEGEL, die Pegida, die taz … und die ganze Mischpocha)  werden flugs als “islamfeindlich” etikettiert.

Ihnen, diesen “Islamisierungs-Warnern” von taz, Pegida und SPIEGEL und der ganzen Mischpocha stellt sich eine dicht geschlossene Phalanx der selbsternannten Anständigen in verschiedenen Pro-Bewegungen entgegen: bedingungslos Pro-Zuwanderung, bedingungslos Pro-“Weltöffnung” (auch gegenüber allen Tschetschenen, auch gegenüber allen Serben, auch gegenüber allen Tunesiern), bedingungslos Pro-“Weltoffenheit”, bedingungslos Pro-Immigration. Augen zu – und durch – und immer fest Draufschlagen auf die Unanständigen, auf die “Islamfeinde”, so scheint das Motto zu lauten.

Ich finde, hier tut mehr Differenzierung not.

Das Hauptargument der Pro-Islam-Contra-Pegida-Bewegungungen lautet, es gebe keinerlei Gefahr einer “Islamisierung des Westens”, da rein statistisch die fundamentalistischen Islamisten innerhalb der Gesellschaft und auch innerhalb der Muslime eine Minderheit darstellten. Es gebe keinerlei Aussicht einer flächendeckenden oder begrenzten Islamisierung des “Abendlandes”. Manche schaut tief als gelernte Kardiologin hinein in die Herzen der Mitmenschen, entdeckt “Hass und Kälte” im Herzen der Islamisierungskritiker, mancher entdeckt, wie warm und liebevoll sein Herz doch für die Muslime schlägt, von denen er freilich meist – wenn der Augenschein nicht trügt – im Alltag keine kennt.

Aus Kreuzberger Sicht stellt sich der Frontverlauf übrigens ganz anders dar als eben skizziert. Das riesige Privileg von uns Kreuzbergern in einigen Wohnvierteln wie dem meinen ist ja, dass wir bereits inmitten einer mehrheitlich durch weitgehend islamisch geprägte Zuwanderung geprägten Wohn-Umgebung siedeln.

Wie schätzen nun die hier in Deutschland ansässigen Muslime und Nichtmuslime, die aus den Staaten des Nahen Ostens und Afrikas zu uns kamen, die Lage ein? Sehen sie die Gefahr einer schleichenden Re-Islamisierung, einer expansiven “Landnahme” oder Re-Islamisierung oder Neu-Islamisierung der aufgeklärten, der ehemals zum Teil multikulturell geprägten Länder des europäischen Westens, der westlich-säkularen und multikulturellen Staaten wie etwa Syriens oder Libanons?

Die Antwort darauf lautet: ja. Ganz offensichtlich ist dies so. Sie haben Angst.

Und das Argument der geringen Zahl? Gilt nicht. Gewaltsame, revolutionäre Bewegungen haben sich stets aus einer Minderheitenposition durchgesetzt.

Die russischen Bolschewiki etwa waren zunächst einmal eine Minderheit – sowohl in der Bevölkerung wie auch nicht zuletzt in der russischen SDAPR  selbst. Dann schlugen sie zu, als die Stunde günstig war; sie zertraten und vernichteten aus einer absoluten Minderheitenposition heraus ihre Feinde im Innern des eigenen Staates.

Und bis 1989 beherrschten sie, die Bolschewiki und ihre Nachfolger, dann die Hälfte Europas einschließlich Prags, Warschaus, Brodys, Czernowitz’  und Budapests. Dann erst, in den Jahren 1989/1990 fiel der eiserne Vorhang.

Genaueres Hinsehen tut not. Ein Blick in die Seiten des für Flüchtlinge und Migration zuständigen Bundesamtes der letzten Jahre lehrt: Tschetschenien, Serbien, Tunesien waren je nach Jahr und je nach Bundesland mit die wichtigsten Herkunftsländer für Asylbewerber, obwohl diese Länder nachweislich damals bereits befriedet waren. Immer nur draufschlagen auf Kritiker und Warner wie SPIEGEL, Pegida und taz, und alle Türen für alle zuwandernden jungen Männer aus allen Ländern öffnen, wie dies nachweislich in den letzten Jahren geschah, kann nicht die Lösung für die Probleme von Tschetschenien, Serbien und Tunesien sein.

Wer aber in Not ist, soll unsere Hilfe bekommen. Er hat Anspruch darauf.

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Jan 202015
 

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Ich atme Weite, Seeluft, Meer, Ahnung von neuen Ufern! Begeisternd. Die Stadt Barcelona ist ein gebautes Rästel.

La mar bella! Nur Dichter und Fischer verwenden die See, das Meer mit diesem weiblichen Artikel, sie ist das Wandelbare, das Immer-Rauschende, das Ewig-Hinanziehende, sie ist LA MAR. Für andere, für uns Normalbeschuhte, für Segellose ist es nur el mar, das Meer.

Siehst du hier den Agbar-Turm? Er scheint beschuppt, wie ein Fisch, fließend wie das Wasser erhebt er sich aus der Ödnis der ihn umgebenden Gewerbebrache. O Agbar! Du bist wie Leviathan! In dir spiegelt sich die glitzernde Gesellschaft der Jetztzeit. Du erhebst dein Haupt weit über uns. Leviathan, Herrscher der Meere, Herrscher über uns! Zu deinen  Füßen schäumt die Gischt auf, dich rührt es nicht einmal zu einem Lächeln. Endlos beschuppter, strahlend gleißender Bau!

Und wie klein wirkt daneben die Sagrada Família, die heilige Familie, die unvollendet ist, über der sich die Kräne drehen im endlosen Reigen. Sagrada Família, Du wirkst wie ein Streiholzschächtelchen neben den Türmen dieser Welt. Immer unfertig, immer im Werden, gleichst du eher einem inwendigen Bild als einem im Außen wirksamen Bau.

Salzwasser leckte mir Füße und Schuhe heute, La Mar bella! Die Jogger liefen und rannten, das Meer schwappte und rollte, die Dünung wogte.

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Jan 152015
 

Spannendes Überfliegen der heutigen Süddeutschen (München), der heutigen Monde (Paris), der heutigen New York Times über die Ereignisse der letzten Woche!

Die New York Times geht hinein in die Stadtränder, die Massenquartiere, z.B. Vaulx-en-Velin bei Lyon. Die Mehrheit dort fühlt sich nicht einbezogen, nicht angesprochen, nicht gemeint vom offiziellen Frankreich. Die Sympathien der jungen Französinnen und Franzosen, die im Artikel auf S. 4 zitiert werden, liegen teils auf Seiten der Ermordeten, teils aber auch auf Seiten der Täter.

In der Süddeutschen erkennt Joschka Fischer auf S. 2, welch tiefer Riss sich zwischen den drei größten Volkswirtschaften der Euro-Zone auftut. Er erkennt, dass der Unmut etwa der Italiener sich nicht nur gegen die “Austerity” (also die Einhaltung der EU-Verträge) richtet, sondern zunehmend gegen das ganze Währungssystem und folglich auch gegen die gesamte EU. Fischer wiederholt das endlose Mantra der Regierenden, die bisher nirgendwo bewiesene Behauptung, kein einziges Problem, vor dem Europa stehe, sei allein und national besser zu lösen als innerhalb der EU. Warum sollen wir das glauben, Herr Fischer? Bedenken Sie: Die EU, namentlich die Eurozone steht doch insgesamt derzeit schlechter da als einzelne Staaten, die salopp gesagt ihr eigenes Ding machen wie etwa das clevere Luxemburg (der absolute Einkommens-Überflieger in der EU – wie machen die das?), die clevere Schweiz, Singapur, die stolzen USA oder das reiche Norwegen.

L’union nationale, jusqu’à quand?” In der Monde fällt auf, wie stark das offizielle Frankreich auf der Einheit der Nation pocht, wie sehr die republikanischen Werte beschworen werden. “Wir sind doch alle Franzosen, der französische Staat schützt jeden einzelnen seiner Bürger – unabhängig von Rasse, Religion, Hautfarbe und Herkunft”, so lassen sich die Äußerungen zusammenfassen. Aber auf S. 5 erwähnt das Blatt auch, dass die Zeitschrift Charlie Hebdo seit 1992 48 Mal vor Gericht verklagt und neun Mal verurteilt worden ist, hauptsächlich wegen “Verleumdung”. Vor französischen Gerichten!  Auffallend, dass fast nirgendwo in der französischen Debatte ein Bezug auf andere EU-Länder genommen wird!

Kurz: Die drei genannten Zeitungen bieten heute wie so oft einen Beleg für das ganz unterschiedliche Meinungsbild in Frankreich, Deutschland und den USA. Diese Vielfalt ist spannend, sie lässt die Eigenarten der Nationen schroff und unverbrämt hervortreten: zunächst einmal das pathetische, typisch deutsche Bekenntnis eines Joschka Fischer zu europäischen Werten, die unrealistische, nur in Deutschland verbreitete Einschätzung, dass die Nationen eine Sache der Vergangenheit seien und dass die Zukunft den großen überstaatlichen Machtverbünden gehöre – dann das gespaltene gesellschaftliche Bewusstsein der französischen Nation, die immer wieder den Zusammenhalt beschwört – und schließlich der realistische, ernüchterte Blick der USA auf tatsächliche Verwerfungen in den heterogenen, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften der heutigen Einwanderungsländer.

 

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Jan 152015
 

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Rechtschreibfehler bei der Sprach-Instanz: Der Duden als Naschlagewerk – Welt – Tagesspiegel.

Der Duden als Naschlagewerk? Herrliche Trouvaille, die uns der Tagesspiegel auftischt! Darüber sich lustig zu machen, ist jedoch unweise und kurzsichtig. Wenn man nämlich etwa seinen deutschen Luther im Original aus den Quellen liest, wird man erkennen, dass alle unsere heute gedruckten deutschen Texte gegenüber damals eine unvergleichlich größere Einheitlichkeit bieten als alles, was damals auch nur ein einzelner Deutschschreibender – etwa Martin Luther oder Albrecht Dürer – zu Papier gab.

Es fehlte schlechterdings jahrhundertelang eine in allen deutschen Gebieten anerkannte Rechtschreibnorm. Noch Goethe rang fast täglich im Verein mit dem damals führenden Wörterbuch, dem “Adelung”, mit seinen Sekretären und Verlegern um die jeweils beste, möglichst einheitliche Schreibung.

Nebenbei: Eine köstliche Nascherei bot damals im Jahr 1996 die 21. Auflage des Rechtschreibdudens; mancher hatte sich redlich abgemüht, die Feinheiten der “neuen Rechtschreibung”, der berühmten “Rechtschreibreform” zu erlernen – eines elitären Unterfangens wohlbestallter Akademiker, das der ehemalige Bundespräsident Herzog “überflüssig wie einen Kropf” nannte.

Roman Herzog: ein echter Populist der Mitte im besten Sinne, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sich kein X für ein U vormachen lässt, damals wie heute – auch wenn es nicht bloß die deutsche Rechtschreibung, sondern den weit gravierenderen, sich zusehends verschärfenden Normenkonflikt  zwischen dem Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland und dem durch ein fast unübersehbar kompliziertes Vertragswerk gesetzten Recht der Europäischen Union betrifft!

Wie überrascht sind manche, dass selbst die vertragsschließenden Parteien der EU-Verträge namentlich im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Währungsunion immer wieder gegen die selbstverkündeten Regeln verstießen und weiterhin verstoßen – ein “Schandstück”, wie es recht undiplomatisch der Altkanzler Kohl (CDU) zu Protokoll gab.

Wie überrascht waren manche zu erkennen, dass selbst der Rechtschreibduden immer wieder gegen die selbstverkündeten Regeln verstieß und verstößt!

Seit jeher weist ja die deutsche Rechtschreibung – sowohl alt wie neu –  allerlei glitschige Klippen und Fallstricke auf. Unvergesslich bleibt mir da beispielsweise die genannte 21., 1996 erschienene Auflage des Mannheimer Rechtschreibdudens. Sie brachte neben den unvermeidlichen Flüchtigkeitsfehlern gleich mehrere dicke Zeichensetzungsfehler auf dem Umschlag des Buches (wie oben abgebildet).

Der Fehler bestand darin, dass mehrere Male freistehende Zeilen des Titels – also Überschriften – mit einem Punkt abgeschlossen wurden. Ja, wie denn das: Abschluss einer freistehenden, vom übrigen Text abgehobenen  Zeile mit einem Punkt? Dies gilt seit 1900 als falsch, obwohl es bis etwa 1900 gang und gäbe war. Auch die amtliche Neuregelung blieb bei diesem Prinzip; siehe § 68 der amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung in der letzten Fassung von 2010: “Nach freistehenden Zeilen setzt man keinen Punkt.”

Lies das corpus delicti selbst:

Die deutsche Rechtschreibung

Das Standwerk zu allen Fragen der
Rechtschreibung

Auf der Grundlage der amtlichen Rechtschreibregeln.

Mehr als 115 000 Stichwörter […]

Schau genau hin! Siehst du den Fehler? Der Punkt hinter “Rechtschreibregeln” ist strenggenommen fehl am Platze. Sei’s drum. Wir wollen nicht päpstlicher als der Papst sein. Die tüchtigen Frauen und Männer in der DUDEN-Redaktion sind sicher Manns genug, dieses kleine Interpunktions-Malheur, das auf dem Titel der 21. Auflage des Rechtschreibdudens von 1996 prangt, in ihr Kuriositätenkabinett aufzunehmen! Seien wir nachsichtig! Wer weiß, vielleicht steckt auch dieses Blog voll unbemerkter Rechtschreibfehler? Es wäre keine Schande und auch kein Schandstück!

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Dez 312014
 

Schneetreiben 20141229_172031

Vorgestern stapfte ich in der Winternacht den einsamen Pfad durch den Augsburger Siebentischwald, völlig allein auf mich gestellt. Wer wollte denn heute noch zu Fuß gehen? Es gibt doch Autos, Busse und Straßenbahnen! 11 km zeigte das Navigationssystem an vom Haus meines Vaters in Haunstetten zum Haus meines Bruders in Lechhausen. Dichtes Schneetreiben umgab mich. Still war es ringsum. Niemand begegnete mir. Würde ich den Hochablass erreichen?

Da schimmerten durch die schneebestäubten Bäume die Lichtlein des Hochablasses! Sind durch die Nächte die Lichter gewunden! Wie schön! Mich ergriff große Freude. Ich sang da aus voller Kehle das Lied, das die Kinder und die Erwachsenen hier in Berlin nicht hören wollen, weil ich einen solchen Akzent habe, wenn ich russisch singe. Sei’s drum! Warum sollte man nicht auch einmal ein Lied mit Akzent singen? Hier im dicht verschneiten Siebentischwald hörte mir ja niemand zu. Also pfiff ich drauf.

Das Lied habe ich allen Unkenrufen zum Trotz auswendig gelernt und singe es gern laut auf den Wanderungen, wenn es niemand hört außer dem Wind, den Bäumen und den Schneeflocken, die fröhlich niederwirbeln. Es vertreibt mir zuverlässig Angst, Einsamkeit und Gram.

Dies ist das Lied, das ich gestern im Siebentischwald sang, ehe ich das obige Foto schoss:

Эта ночь святая,
эта ночь спасенья
Возвестила всему миру
Тайну Боговоплощенья.

В эту ночь у стада
пастухи не спали.
Светлый ангел прилетел к ним
Из небесной светлой дали.

Страх объял великий
тех детей пустыни,
Но сказал он: о, не бойтесь, —
Всему миру радость ныне.

Ныне Бог родился
людям на спасенье,
Вы пойдите, посмотрите
На великое смиренье.

И с высот небесных
раздалось вдруг пенье:
Слава, слава в вышних Богу,
На земли благоволенье.

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Dez 272014
 

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Ein unerwartetes, unverdientes Geschenk, bei dem ich staune und dankbar bin: vor mir liegt die Ablichtung einer kleinformatigen Zeichnung Giambattista Tiepolos, wohl in zwei oder drei Stunden hingeworfen, irgendwann zwischen 1754 und 1762. “Feder und Pinsel in Braun, laviert.” Ich schaue: Der markante Kopf des Mannes erinnert mich an den Teppichhändler Abdias, von dem Adalbert Stifter erzählt hat, erinnert an einen Mann, der lange in der Hitze gelebt hat, der lange umhergezogen ist. Hinter ihm meine ich schwach das Bellen der Wüstenhunde zu hören. Seinem Mund merkt man an, dass er lächeln muss, obwohl er nicht lächeln wollte. Er lächelt unwillkürlich! Die Augen der Frau sind verdeckt durch den Schleier. Wer wollte ihr jetzt in die Augen sehen? Die unsäglichen Mühen der Geburt liegen hinter ihr; es ist doch gerade erst geschehen. Hinter meinem “Abdias” beugt sich ein dritter Erwachsener hinzu, ein Zeuge, der eher zurückweicht. Er weiß noch nicht, ob er gemeint ist, oder ob ihm nicht etwas widerfahren könnte, wodurch ihm Hören und Sehen vergeht. Rechts hinter und über den drei Erwachsenen ragt ein roh gezimmertes Kreuz auf.

Alles ist weich hineingezeichnet in das Papier, wie man ein schwaches neugeborenes Kind hineinlegt in wärmende Hände. Was mag daraus werden? Niemand weiß es. Und doch hat der Zeichner in Umrissen viele frei lavierende Geschichten hineingelegt – nein, nicht er hat sie hineingelegt! Wir legen sie lavierend im Fahrwasser, lavierend in den Strudeln des Lebens hinein.Wir können diese Geschichte aufgreifen, weiterführen, hinauserzählen. Ein unverhofftes, plötzliches Geschenk, hineingezeichnet mit wenigen Strichen, in nicht mehr als in zwei oder drei Stunden, mit Feder und Pinsel in Braun, auf 33,1 mal 22,9 cm.

Bild: Gasometer in Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom Balkon einer Wohnung, 27.12.2014. Abends: Künstliche Lichter, darüber der Mond

 

 Posted by at 20:12
Dez 162014
 

Gutes Interview mit dem Berliner Lehrer Bertrand Njeoume! Punkt für Punkt bestätigt er das, was in diesem Blog seit Winter 2012 vertreten wurde: die Politiker haben sich parteiübergreifend naseführen lassen und einander dann den schwarzen Peter zugeschoben: organisierte Verantwortungslosigkeit!   Die Flüchtlinge vom Oranienplatz waren schlichtweg Arbeitssuchende, aber keine Vertriebenen, keine Flüchtlinge und auch keine Verfolgten. War das denn so schwer zu begreifen?

Schade, dass eine Berliner Zeitung sich erst jetzt traut, diese Zusammenhänge so darzustellen, wie sie nun einmal  in den Augen der Anwohner und in den Augen derer, die Kontakt zu den Menschen haben, sind. Schade, dass über die vielfältigen Probleme der 54 afrikanischen Länder so wenig gesprochen wird!  Da ist sehr sehr viel Vertrauen zwischen Berliner Volk und Berliner Politik zu Bruch gegangen. Hier ein paar Auszüge aus dem Gespräch (Hervorhebung durch dieses Blog):

Wenn über Afrikaner in Berlin geredet wird, denken viele gegenwärtig nur noch an Flüchtlinge und Drogendealer im Görlitzer Park.

Ja, das ist extrem frustrierend. Man fragt sich, ob unser Engagement gar nicht gesehen wird. Bisher kommen die meisten Flüchtlinge auch gar nicht aus Afrika, sondern aus Syrien oder Afghanistan. Es gibt da ein verzerrtes Bild. Ich war anfangs am Oranienplatz sehr aktiv, auch in der Gerhart-Hauptmann-Schule. Ich denke wirklich, tut mir leid, die Politiker sind daran Schuld, dass das so aus dem Ruder gelaufen ist. Nicht nur die von den Grünen, sie haben sich zumindest bemüht. Alle. Berlin hat kein Flüchtlingsproblem, sondern eines mit seinen Politikern.

Wie meinen Sie das?

Es ging nie darum, eine Lösung zu finden. Verantwortung wurde immer auf andere abgeschoben. Die Leute auf dem Platz und in der Schule waren eigentlich nicht sonderlich politisch. Die sind nach Deutschland gekommen, weil sie eine Arbeit finden und Geld nach Hause schicken wollten. Es ging ihnen eigentlich nicht um die Änderung von Gesetzen oder um das Asylrecht. Das kam von den Unterstützern, die da ihre Spielwiese gefunden haben. Aber weil die Flüchtlinge in Not waren, haben sie alles geglaubt.

via Über Berlin reden mit dem Lehrer Bertrand Njeoume: “Berlin braucht mehr Autorität und nicht nur Partys” | Über Berlin reden – Berliner Zeitung.

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Verlusterfahrungen alter Männer

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Dez 162014
 

2014-05-01 08.41.15

Spätabends nach des Tages Plackerei und Mühsal noch etwa 30 Minuten mit Kanzler Müller und Goethe verbracht. Der späte, der späteste Goethe hat einen Freimut erreicht, den selbst heute nur wenige zeigen, insofern ist er durchaus dem späten, dem spätesten Adenauer zu vergleichen. Das Verstummen, das Versiegeln der eigenen Meinung wird hier Ausdruck höchster Freiheit, an deren Grund die Verzweiflung derer liegt, die zu alt geworden sind, als dass andere sie ganz verstünden. Sie hoffen vielleicht darauf, dass die Nachwelt sie besser versteht als die Mitwelt.

O wir alten, wir uralten Männer!

“Ich kann eigentlich mit niemand mehr über die mir wichtigen Angelegenheiten sprechen, denn niemand kennt und versteht meine Prämissen.”  So Goethe am 5. April 1830.

“Ich muss die Bücher versiegeln, damit ich nicht in Versuchung gerate, sie doch etwa zu lesen.”

“Man hüte sich vor dem falsch verstandenen Zentralismus! Es gab eigentlich nie ein Zentrum in Weimar. Als Weimar groß war, da ward es von 6 Menschen geprägt, die einander nicht verstanden und einander nicht grün waren. So entstand das herrlichste Gegeneinander, aus dem höchst bedeutende Werke hervorgingen. Heute ist alles nach Plan und Quadrat eingeteilt; die Ergebnisse sind matt.” So oder so ähnlich berichtet es der Kanzler Friedrich von Müller.

Was der Alte hier anspricht, trifft auch heute noch zu. Die Verachtung der Großstädter für alles, was in der Provinz entstanden ist, bekomme ich gerade hier in Berlin immer wieder mit Händen zu greifen. Alle Welt strebt nach Berlin, Berlin wird überschüttet mit Lob, mit Geld, mit Beachtung.  Die Club-Szene verlangt vermehrt nach staatlichen Subventionen, denn “ohne die Clubszene wird Berlin unattraktiv”.

So drohen Städte wie Wittenberg, Eisenach, Gotha, Hildesheim, Wismar, Magdeburg, Naumburg zu veröden und zu verwaisen. “Ich war in Osnabrück, und ich konnte die provinzielle Plattheit der Menschen schon beim ersten Blick erfahren!” So oder so ähnlich höre ich es immer wieder. Es missfällt mir, dies zu hören.

Eisenach, das ich im Mai besuchte, hat mit den höchsten demographischen Verlust unter allen deutschen Landkreisen! Und dabei wurde hier 1869 die SPD gegründet, hier ging Bach zur Lateinschule, hier übersetzte Luther das Neue Testament. Es droht die Gefahr, dass diese alten Städte irgendwann unverstanden dastehen, dass niemand mehr weiß und schätzt, was in ihnen vorgefallen, was bis heute noch eine tiefe Prägewirkung auf unsere Geschichte entfaltet. Irgendwann geht so das Wissen darum verloren, was die SPD heute ist, was Bach heute ist, was Luthers Bibelübersetzung heute ist.

Irgendwann wird  die Vergangenheit verstummen; es wird dann nur noch das platte Präsens gelten: “My life is powered by SAMSUNG.”

Bild: Eisenach, Marienstraße 57, Aufnahme vom 01.05.2014: Hier im Goldenen Löwen wurde 1869 der Gründungskongress der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei (SDAP) unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht eröffnet.

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Dez 102014
 

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Zu den Professoren an der Leukorea in Wittenberg zählte neben Melanchthon auch zeitweilig Giordano Bruno. Von ihm sah ich im Oktober dieses Jahres, hinter dickem Panzerglas ausgestellt, hingerissen seinen handschriftlichen Stammbucheintrag “Nihil sub sole novum” im Lutherhaus. Ich hege keinen Zweifel, das Original dieses Eintrags gesehen zu haben.

Bruno lehnte den Begriff des radikal Neuen ab. Das, was uns als neu erscheint, erscheint eben nur so. “Von der Sonne aus betrachtet”, “im wesentlichen”, war es immer schon, ist immer, und wird auch wieder sein.

In der Weltgeschichte vermag man mit einigem Suchen mehr und mehr Spuren der Wiederkehr des Immergleichen zu erkennen. So wogt die Debatte über die verschleppte, die verschlafene EU-Reform derzeit um den Begriff des Wirtschafts-“Direktoriums”, des Directoire, wie es ähnlich bereits in den Jahren 1795-1799 in Frankreich installiert wurde.  Sinn des Directoire war es nach dem großen Terreur, durch ein mit 5 “Direktoren”, 8 “Ministern” und 5 “Kommissaren” besetztes Kontrollgremium den drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Das Vorhaben scheiterte, der Staatsbankrott war so nicht abzuwenden, Napoleon ergriff die Macht; der Versuch der Lenkungswirtschaft führte zu einer Wiederauflage des Kaiser-Gedankens. Nil sub sole novum!, hätte Bruno wohl ausgerufen.

Giscard d’Estaing empfiehlt nun nachdrücklich in seinem neuen Buch “Europa” eine Neuauflage der Directoire-Verfassung! Und er nennt das oberste Lenkungsgremium sogar ganz ausdrücklich Directoire.

Genau dieses “Directoire” scheint auch die Keimzelle des Gedankens der “Gouvernance économique”, der “Wirtschaftslenkung” zu sein, wie sie seit Jahren in der EU-Debatte gefordert wird und wie sie Jean-Claude Juncker offenkundig favorisiert.

In klarem Gegensatz zur Directoire-Verfassung steht der föderative Aufbau der sozialen Markwirtschaft, wie sie die Bundesrepublik Deutschland bis 1999 verkörperte. Dass der Zentralstaat lenkend und regelnd, steuernd und vorschreibend bis in die Löhne und Gehälter, bis in die Zentralbankzinsen hineinregiert, war in der Bundesrepublik früher undenkbar; erst seit wenigen Jahren ist es durch die aus französischem Geist erschaffene EU-Apparatur hoffähig geworden.

Schwenkt also die Bundesrepublik nach dem Zwischenspiel der “Sozialen Marktwirtschaft” eines Konrad Adenauer oder Ludwig Erhard jetzt auf die wesentlich ältere Linie des Directoire, der Gouvernance économique ein? Bundesweite Mietpreisbremse, gezieltes Ankurbeln der Inflation, Aufkauf von Staatsanleihen, ABS, Quantitative Easing, Hochpuschen der Geldmenge  usw.usw.: es gibt viele Anzeichen für diese rückwärtsgewandte, diese im Wortsinn reaktionäre Wende der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Die Keynesianer in den USA erwarten es von uns, die  hochverschuldeten Euro-Partner erwarten es von uns. Das Directoire, also der engere Führungszirkel der EU-Kommission, soll den größten Wirtschafts- und Währungsraum der Erde retten.

Lesehinweise:
“Das Direktorium”, in: dtv Atlas Weltgeschichte, München 2006, S. 299
“Die französische Verfassung von 1795″, in: Putzger Historischer Weltatlas, 103. Auflage, Cornelsen Verlag, Berlin 2001, S. 119
Valéry Giscard d’Estaing: “Le parcours. La structure institutionelle d’Europa et le Directoire”, in: ders., Europa. La dernière chance de l’Europe. Paris 2014, S. 163-174

 

 

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