Jul 252016
 

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“Meinen Haß bekommt ihr nicht. […] Er lacht.”

Großes, bewegendes Buch, schmal, es umfasst nur 139 Seiten! Und doch presst der Verfasser Antoine Leiris eine ganze Welt zwischen die Pappendeckel. Herzdeckel!  Schwaches, bebendes Herz eines Kindes, sterbendes Herz einer Mutter, klagendes Herz eines Vaters!

Hier noch ein weiteres Zitat:

“Maison, déjeuner, change, pyjama, sieste, ordinateur. Les mots continuent d’arriver. Ils viennent d’eux-mêmes, pensés, pesés mais sans que j’aie à les convoquer. Ils s’imposent à moi, je n’ai plus qu’à les prendre.”

Alltagsgliederung, das Erledigen der Tuns und Treibens, das feste Gefüge der Lebenswelt, Krippe, Stundenpläne — das alles hilft nach Einschlägen, nach Anschlägen, nach Verwüstungen. Und das Reden, die ordnende, bannende Macht des Erzählens. Heilkraft des Erzählens!

Wozu soll ich Französisch lernen, der Zug ist abgefahren, fragte mich einmal ein 14-Jähriger, der so gern Ego-Shooter spielt – wie all die anderen Jungs auch.Warum ein französisches Buch lesen statt Counterstrike zu spielen?

Spaß am Töten, wenn auch virtuell eingeübt … diese Egoshooter-Spiele senken die Hemmschwelle, sie führen zu einer Gewöhnung an das Töten, sie belohnen  das Töten, wenn auch nur virtuell.

Darum, o Junge – lerne Französisch! Damit du dieses Buch vom Töten und Sterben, Leben und Weiterleben lesen kannst! Es ist ein großer Lobgesang auf das Leben.

Das Buch von Michel Leiris ist in klarem, redlichem, einfach zu verstehendem Französisch geschrieben. Ich empfehle es zum Französisch-Unterricht an deutschen Gymnasien. Ich griff zu, fand es bei meinem letzten Aufenthalt in Paris und las es atemberaubt beim Rückflug von Paris nach Berlin durch.

Antoine Leiris: Vous n’aurez pas ma haine. Récit. Librairie Arthème Fayard. Paris 2016. Zitate hier von Seite 59 und Seite 139

PS:

Il rit. Er lacht.

Bild: Straßenszene in Paris. Juli 2016, Sonntag Tag des Endspiels der Fußball-Europameisterschaft

 

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“Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden?”

 Kain, Rassismus  Comments Off on “Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden?”
Jul 122016
 

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Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammen-Übermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden?
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,

[…]

 

Soweit seien einige morgendliche Gedanken aus der Feder eines bei den Deutschen heute im großen und ganzen vergessenen Dichters zitiert. Beachtlich an diesen aus dem kollektiven Gedächtnis radierten Versen: Beim Blick in die Sonne weiß der Sprechende – nennen wir ihn einfach auf italienisch Pugno – nicht, ob LIEBE oder HASS ihn umschlingt. Seine Sehkraft reicht nicht aus, diesem Glutkern ins Auge zu schauen.

Liebe und Haß sind also “umschlingende” Leidenschaften aus “ewigen Gründen”, Gefühle, die stärker sind als wir selbst, die uns gewissermaßen über unsere Kräfte hinausführen.

Und deswegen ist der Hass so interessant, aber auch so unfassbar! Im innersten Glutkern scheinen Haß und Liebe mitunter ununterscheidbar zu sein. Sigmund Freud hat viel darüber nachgedacht. Er spricht vom Gegensinn der Urworte. Wir dürfen hier vom Gegensinn der Urgefühle sprechen. Weniges ist dabei klar, vielleicht dieses: Die Liebe ist zweifellos das große Ja zum Du. Der Hass ist zweifellos das große Nein zum Du.

Dies ist Stadium 1 des Hasses: eine unerklärliche, bannende, das Ich übersteigende Macht, die noch unentschieden ist.

“Man wußte nicht, was man mehr bestaunen sollte: ihre Zungenfertigkeit oder ihre Kunst der Lüge. Ich begann sie allmählich zu hassen.”

Erneut – der Umschlag von guten, positiven Gefühlen der Bewunderung, des Bestaunens in das Gegenteil: das böse, negative Gefühl des Hasses. “Ich begann sie allmählich zu hassen.” Ein klug sezierender Einblick in die Genese des Hasses – lesenswert. Alice Miller und Thomas Mann haben das Wagnis unternommen, den Autor dieses Buches als ihresgleichen zu verstehen. Thomas Mann nannte ihn “Bruder”, er meinte, in dem Verfasser der zitierten Zeilen nichts wesentlich anderes zu erkennen als in jedem anderen Menschen und in sich auch.

Dies ist Stadium 2 des Hasses: an einem bestimmten Objekt, das zunächst bewundert oder auch geliebt wird, entzündet sich nach und nach das Gefühl der Unterlegenheit, das Gefühl der Benachteiligung, das Gefühl des Neides. Wir sagen: der Neid “flammt auf”, und Neid (althochdeutsch nit oder nid) ist semantisch mit Hass verwandt. Von Bewunderung über Neid zum Haß!

Den vollkommen ausgebildeten Haß, das Stadium 3 des Hasses, das auch therapeutischer Durcharbeitung nur noch schwer zugänglich sein dürfte, legt die populistische BZ, nach eigenem Bekunden Berlins größte Zeitung, heute offen. Sie druckt in voller Länge ein Dokument von 210 Zeilen ab, das zweifellos einen exemplarischen Inbegriff des Hasses darstellt. Hier, bei den Friedrichshain-Kreuzberger Linksextremisten, bricht sich ungeschminkt, unbeschönigt der “blanke Haß” Bahn. Gegenstand dieses rassistischen Hasses der Linksextremisten ist hier eine bestimmte Gruppe von Menschen, eine Gruppe, die als “Schweine” bezeichnet wird, die als eine entmenschte Horde verspottet werden, denen man alles Böse an den Hals wünscht.  Sie sind gewissermaßen die “Macker, die es überall gibt”, die man plattmachen, also vernichten möchte.

Die Objekte des Hasses sind austauschbar: “Macker gibt’s in jeder Stadt”, das heißt auch: Jeder kann Macker sein, jeden kann es treffen, als Macker angegriffen zu werden.

Man kann das gut auch bei Adolf Hitler zeigen: In seinem autobiographischen Buch bekundet er an der einen Stelle Bewunderung für den englischen Parlamentarismus, und an anderer Stelle bezeugt er seinen Haß auf den Parlamentarismus in Österreich.

Der Haß entzündet sich also an einem zufälligen Du, an einer Projektionsfläche. So wird man wohl auch annehmen dürfen, dass der blanke, der krankhaft, ja wahnhaft verfestigte  Haß auf “Macker” oder “Schweine”, wie er sich in den Unterstützerkreisen der Rigaer Straße bekundet, gleichsam als überwältigende Kraft, als Urkraft aus dem Glutkern der Psyche herausbricht.

Das klingt schlimm, aber es ist menschlich, allzu menschlich!

Diesen derart verfestigten Haß (in diesem Fall den grundlosen Haß auf die Polizisten) in Gesprächen aufzulösen, ist ein schwieriges Geschäft. Zunächst einmal ist es wichtig, den Haß anzuerkennen. Ja, da steckt viel Haß in diesen Menschen. Sie erleben den Haß, sie sind gefangen im Haß. Aber, so meine ich:  der Haß muss und darf kein Letztes sein.

Alice Miller sagt sinngemäß: Der Haß wird erlebt; Haßgefühle zu erleben, ist zunächst einmal etwas Normales. Was wir wollen, ist, dass Hassgefühle nicht ausgelebt werden. Haßgefühle, die schrankenlos ausgelebt werden, führen zu Verletzungen, Zerstörungen, zur Vernichtung des Menschlichen im Hassenden wie im Gehassten.

Hier ist zunächst einmal die Herstellung eines gesetzlichen Zustandes zu erwarten. Der Staat kann mit Gewalttätern nicht darüber verhandeln, ob die Gesetze einzuhalten sind oder nicht.

Eine echte Schlichtung kann – so hoffe ich – in Gesprächen als zweiter Schritt erfolgen.

Quellenangaben:

Goethe, Faust II, Verse 4707-4712, ed. Albrecht Schöne, Frankfurt 1999

Thomas Mann: Der Bruder

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Thomas_Mann_Der_Bruder_Foto_%C2%A9_H.-P.Haack.JPG

Alice Miller:

DIE KINDHEIT ADOLF HITLERS

“Wer meint, man könne mit den Linksextremisten verhandeln, sollte diese 210 Zeilen lesen.” BZ, Berlins größte Zeitung, 12. Juli 2016, S. 4-5

Mein Kampf : eine kritische Edition / Hitler ; herausgegeben von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser ; im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin, vierte, durchgesehene Auflage, 2016, hier Band I, bsd. S. 225 [S. 63] und S. 261 [S. 77]

Bild:
“Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt.” Hauswand in der Rigaer Straße, Aufnahme vom 23.06.2016

 

 

 

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Halkyonische Tage: una semana de oro (2)

 Meine innige Freude  Comments Off on Halkyonische Tage: una semana de oro (2)
Jul 072016
 

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Halkyonische Tage! Sanfte Wollust des Daseins!
Betrachte die weitgeöffneten Blüten,
Höre hinein in den Hörnerschall,
vertraue dich an dem Bach der Bilder!

Glutkern des Sommers, grüne Symphonie,
Genieße das Reiben der Zikadenflügel,
Koste aus die Reibungen der Dissonanzen
In Mozarts köchelndem Andante.

Schmatze die Lasagne in dich hinein,
Sauge am Sellerie, koste die Karotte,
Schenk nach den roten Wein,
Pack Backblech in Klappkorb,

Tritt in die Pedale, fahr hin und her,
Zwischen Kreuzberg und Schöneberg,
Nimm das Kreuz an vor jeder Note,
So schön es ist! Und so gut, so wahr uns…

 

 

 

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“Ich spreche viele Sprachen, aber Deutsch ist meine Lieblingssprache”. Auf die Frage: Was ist deutsch?

 Richtig gutes Deutsch!  Comments Off on “Ich spreche viele Sprachen, aber Deutsch ist meine Lieblingssprache”. Auf die Frage: Was ist deutsch?
Jul 052016
 

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welche neue Welt bewegest du in mir?
Was ist’s, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Diese deutschen Verse des aus dem schwäbischen Urach stammenden Eduard Mörike sind schön, sie klingen heiter sangbar, sie haben die Leichtigkeit des Andante cantabile in F-Dur aus Mozarts Streichquartett in C-dur, KV 465, datiert Wien, 14. Januar 1785. Sie sind im besten Sinne typisch und unverwechselbar deutsch. Ich murmele und summe sie manchmal vor mich hin, wie ich auch gerne die eine oder andere Stelle aus Mozarts C-Dur-Streichquartett KV 465 für mich hinsumme und mit anderen zusammen hinfiedele (so etwa gestern abend).

“Aber was ist denn typisch deutsch?” Antwort: “Deutsch”, das sollte – so meine ich – in heutigen Zusammenhängen im Wesentlichen das sein, was es der Grundbedeutung nach von Anfang an war: eine Sprachbezeichnung. Theodisk, tiudisk, todisk und wie auch immer … das ist seit den Zeiten des Althochdeutschen bis heute jemand, der als Haus- und Heimatsprache jene Sprache verwendet, die in eben dieser Sprache als “theodisk, tiudisk, tütsch, dytsch, daitsch”  usw. bezeichnet wird, also das, woraus sich das heutige Deutsche in all seinen Spielarten entwickelt hat. “Deutsch” ist seit etwa dem Symboljahr 842, also der Zeit der Straßburger Eide, im Kern kein politischer Begriff, sondern zunächst einmal ein rein sprachlicher.

Dass Sprachzugehörigkeit unverbrüchlich auch politische Zugehörigkeit bedeuten solle, kam später.  Es ist eine Idee von “1789” bzw. “1813”. Erst durch die Französische Revolution von 1789 und die europäischen Nationalbewegungen (vgl. etwa die preussisch-russische Koalition von 1813, den Startschuss der Befreiungskriege im Norden Europas) wurde die Deckungsgleichheit von Volk, Staat, Sprache und Boden verkündet. “Ein Volk, eine Sprache, ein Land” – das ist die typische Gleichung dafür, wie sie übrigens bis zum heutigen Tage nicht nur in vielen europäischen Staaten, sondern auch im Nationalstaat Türkei von allen Bergeshängen, auf Plätzen und in Hymnen, in Gedichten und Zeitungsartikeln und Verlautbarungen des Landesvaters verkündet wird.

Wir vertrauen heute dieser damals revolutionären, neuartigen, ab den Symboljahren 1789 und 1813 gut belegten, historisch gewachsenen Gleichsetzung von Boden, Volk, Staat, “Blut und Gut”, Politik und Gesellschaft mit gutem Grund nicht mehr.

Und deshalb treffen Adornos und Bassam Tibis Liebeserklärungen an die deutsche Sprache gerade heute im besten Sinne den Kern der Sache!

Linkspopulisten, Rechtspopulisten, Mittepopulisten oder überhaupt irgendwelche Isten oder Ister – wie etwa die  trotzistischen Brexiteristen – sind Tibi und Adorno dabei sicher nicht! Die heute bei den Deutschen, insbesondere bei den deutschen akademischen Jungspunden in Deutschland so weit verbreitete Missachtung und Geringschätzung der deutschen Sprache ist Tibis und Adornos Sache nicht! Bei vielen Akademikern und auch Kulturschaffenden gehört es – wie wir alle wissen – zum guten Ton, in Deutschland lieber Grotten-Englisch (Globalesisch, wie dies Jürgen Trabant nannte) zu schreiben und zu sprechen als einigermaßen verständliches Deutsch.

Der aus Frankfurt am Main in Hessen stammende Theodor W. Adorno hatte bekanntlich nach dem 2. Weltkrieg erklärt, die deutsche Sprache sei ein Hauptgrund für seine Rückkehr nach Deutschland gewesen. Der aus Damaskus in Syrien stammende Bassam Tibi wiederum erklärt soeben in einem sehr lesenswerten Interview Deutsch nach reiflicher Überlegung zu seiner Lieblingssprache. Und der hier Schreibende nutzt verschiedene Spielarten des Deutschen ebenfalls als einige seiner Lieblingssprachen. Das Bairische und das Alemannische (etwa jenes des aus dem schwäbischen Urach stammenden Cem Özdemir oder jenes eines Eduard Mörike) mit all ihren Spielarten sind unter allen Spielarten des Deutschen wiederum die eigentlichen Heimat-, Herkunfts- und Haussprachen des hier Schreibenden. Ich darf dankbar sagen: Das Bairische und das Alemannische und zunehmend auch das Fränkische gehören unter den mannigfachen Spielarten des Deutschen zu meinen Lieblingssprachen.

Genug des tiefschürfenden Nachdenkens! Beschließen wir diese morgendliche Besinnung mit ein paar wunderschönen, typisch deutschen, nur im laut schallenden,  klingenden Vortrag sich erschließenden  Versen von Eduard Mörike, dem Sohne des Horaz und einer feinen Schwäbin:

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

 

Quellenangaben:
Eduard Mörike: An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang. In: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm. Insel Verlag, Frankfurt am Main, 3. Auflage 2013, S. 699-700

Andrea Seibel: “Heute sieht Göttingen aus wie ein Flüchtlingslager”. Interview mit Bassam Tibi. Die Welt, 04.07.2016 (online-Ausgabe)
http://www.welt.de/debatte/article156781355/Heute-sieht-Goettingen-aus-wie-ein-Fluechtlingslager.html

Jürgen Trabant: Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europas Sprachen. C.H. Beck Verlag, München 2014

W.A. Mozart: Quartett in C. KV 465. In: Die zehn berühmten Streichquartette. Herausgegeben von Ludwig Finscher. Urtext der Neuen Mozart-Ausgabe. Violino I. Bärenreiter Verlag Kassel, 15. Auflage 2013, S. 48-55, hier bsd. S. 48 und S. 51

 

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Col fuoco dell’amare: una semana de oro (1)

 Meine innige Freude  Comments Off on Col fuoco dell’amare: una semana de oro (1)
Jul 032016
 

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Reiche, goldene Ernte brachte die vergangene Woche. In leichter Abwandlung des Namens “Fuocammare” geben wir ihr heute, am ersten Tag der neuen Woche den Titel: Col fuoco dell’amare. Eingeläutet am Montag durch das Totenglöcklein für Carlo. Mein Sohn Ivan überbrachte mir die Nachricht am Vorabend des eigenen Geburtstages. Ich war nicht überrascht. Es war angekündigt von ihm selbst. Nun, … so hatte Carlo es geschafft, er hatte ein Kapitel abgeschlossen, und er betrat das nächste Kapitel, bei dem wir ihm nicht mehr zuschauen können. Was er darüber schreiben oder denken mag, werden wir nicht mehr in eine der ca. 6000 Menschensprachen übersetzen können. Nein, dort schreiben sie nicht, dort sprechen  sie von Angesicht zu Angesicht. Ora vediamo come in uno specchio, in maniera confusa, ma allora… Addio, stammi bene, Carlo! (Occhio alla lingua!) Seien wir dankbar dafür, dass wir ihn erleben durften!

Das Kunstwerk Fuocammare, das ja zu recht den Goldenen Bären, den Orso d’oro bekommen hat, sahen wir den Abend drauf. Einen kurzen tosenden Gewehrschuss entfernt vom Weltkriegsbunker, wo heute die DAV-Kletterer die unzerstörbaren Außenmauern hochklimmen, huschten tausende und abertausende Menschen vor unseren Pupillen. Im flackernden Licht der Scheinwerfer, mit klagender Stimme die letzte Position eines sinkenden Schiffes durchgebend: Hilferufe, hörende Herzen, abgehörte Zwillingsherzen, Ultraschallaufnahmen des vergehenden und des werdenden Lebens. “What is your position? Give us your position!”

“Aver aiutato queste persone ci rende felici”, die am Menschen geleistete Hilfe macht uns glücklich, so fasst es der Dr. Bartolo zusammen.  Werden alle Schiffbrüchigen von Lampedusa überleben? Nein, aber einige werden dank der Hilfe des Dottor Bartolo überleben, leben, besser leben. Und das ist mehr wert alles Geld und alles Gold. (Und doch: die Jungs werden weiter mit Gewehren spielen, der uralt-alte Wunsch zu herrschen über das Leben, zu töten und zu verletzen, wird nicht verschwinden.)

Mhhh…, by the way: What is your position?

Bild: Goldener Widerschein der Abendsonne. Bankgebäude in Friedrichshain-Kreuzberg, am Abend des 30. Juni 2016

 

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“Und redete in der Wüste”, oder: Kann denn ein Buch mit “Und” anfangen?

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Jun 232016
 

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“Fangen Sie nie einen selbständigen Hauptsatz  mit “und” an! Auch ein Cicero, ein Caesar haben niemals einen Hauptsatz mit Et oder ac oder atque angefangen!”

Dies war die Ermahnung unseres hochverdienten Dr. Weinold, der uns am Gymnasium St. Stephan in lateinischer und deutscher Stilkunde unterwies.

Und – eine aneinanderreihende Konjunktion. Im guten deutschen Stil begann man keinen Hauptsatz nach einem Punkt mit “Und”.

Und um so weniger beginnt man ein ganzes Buch mit “und”, nicht wahr? Das wäre schlechter Stil, nicht wahr?

Und doch – drei der wichtigsten Bücher des Judentums beginnen mit der aneinanderreihenden Konjunktion ו (gesprochen ve), also  “und”: das zweite, das dritte und das vierte Buch Mose beginnen mit einem “und” –

וְאֵ֗לֶּה שְׁמֹות֙ “Und das sind die Namen”
וַיִּקְרָ֖א “Und er rief”
וַיְדַבֵּ֨ר יְהוָ֧ה “Und redete in der Wüste”

Keine der geläufigen Übersetzungen, so genau sie auch sein mögen, lassen die drei mittleren der 5 Bücher Mosis mit einem Und beginnen, weder die Septuaginta noch die heutigen Bibeln des Christentums in englischer, italienischer oder irgendeiner anderen modernen Sprache.

Warum ist das so? Was fehlt? Mit welcher Berechtigung wird aus dem kanonischen Text ein “Und” herausgenommen?

Ich befragte einmal hierzu einen Rabbiner in meinem Bekanntenkreis. Wir kamen erstaunt überein: “Jawohl, das Und bleibt unübersetzt.” Aber warum? Wir fanden keine Antwort.

Eigentlich heißt es ja beim Umgang mit kanonischen Texten “nichts wegnehmen / nichts hinzufügen”, etwa im 5. Buch Mosis 4,2 oder 13,1. “Kein Jota soll davon weggenommen werden”, so sagt es auch Jesus (Matthäus 5,18) mit Bezug auf Moses.

Ganz ähnlich im allerletzten Kapitel im allerletzten Buch der christlichen Bibel, der Apokalypse (Offb 22,19).

Vermutlich drückt sich im aneinanderreihenden “und” eine gänzlich andere Weltsicht aus als die, wie sie etwa das klassische Stilideal eines Cicero oder eines Caesar oder eines bayerischen Gymnasialprofessors vertreten mag.

Bild: und in der Wüste wachsen die Blüten … die Grauwacke im Park am Gleisdreieck am heutigen Tage.

 

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Jun 222016
 

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Mancher Wortklauber hat schon die harte Nuss zu knacken versucht, wie man das neue deutsche Modewort Empowerment älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit älteren deutschen Worten erklären könne, die schon vor dem Jahr 2000 in Gebrauch waren.

Stets geht es bei Empowerment darum, Menschen, die in einer gewissen Lage sich nicht selbst zu helfen wissen oder nicht mehr weiter wissen, zu befähigen, selbständiger zu werden und mehr für sich in eigener Verantwortung zu bewirken.

Empowerment, das bedeutet die Stärkung der Eigenverantwortung, das heißt Stärken stärken, Selbstbewusstsein verleihen, Eigenkräfte fördern, Perspektiven öffnen, schlummernde Kräfte wecken, Selbstlähmung aufsprengen durch das lösende, befreiende, ermunternde Wort. Selbstfesselungen heilen!

“Hey Alter, nimm dein Bett, steh auf und geh!” Wer mag, der kann dabei, bei diesem Empowerment, an die Heilung des Gelähmten am Sabbat in Jerusalem denken.

Johannes, dessen höchst eigenwilliges, ja eigenmächtiges Evangelium, das sogenannte “Vierte Evangelium” wahrscheinlich das wichtigste Meister-Narrativ überhaupt, mutmaßlich die wichtigste Großerzählung, den bedeutendsten Grand récit  der gesamten europäischen Literaturgeschichte darstellt, erzählt die Geschichte in seinem Buch in Kap. 5, 1-18.  Der Evangelist Markus wiederum, der Mann mit dem Löwen, der Meister der Kleinerzählung, erzählt die Geschichte so ähnlich in seinem alltagsnäheren Jesus-Narrativ, dem sogenannten Markusevangelium, in deutlich bescheidenerer Form, nicht so gespannt, nicht so hochfliegend wie dies Johannes, der Mann mit dem Adler, später tun wird.

Markus 2,1-12 und Johannes 5,1-18 sind herrlich tönende Weckrufe. Sie erinnern – bildlich gesprochen – an Weckrufe von edlen Waldhörnern in der Halle der schlafenden Lokomotiven: “Auf auf, ihr schlafenden Lokomotiven, bewegt euch! Ihr habt noch was vor!”  Die Erzählungen von Markus und Johannes sind eine gute Erläuterung dessen, was das neue deutsche Wort Empowerment meint. Und diese Geschichte von der Heilung eines Gelähmten wurde schon vor 2000 Jahren erzählt, und sie wird auch noch in 2000 Jahren erzählt werden, wie ich zuversichtlich hoffe und fest glaube.

Bild: Vier Musiker der Staatskapelle Berlin, vier Waldhörner spielen mit fröhlichem Schall in der “Halle der schlafenden Lokomotiven”. Lokhalle, Natur-Park Südgelände, Schöneberg. Festliche Eröffnung des Langen Tages der Stadtnatur. Berlin, Samstag, 18. Juni 2016, 16 Uhr

 

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Der Fuchs – ein Vorbild des Menschen?

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Jun 072016
 

 

 

Betrachte diesen Fuchs genau! Er streift an uns vorbei, sucht sich ein Plätzchen, wittert, prüft, verhält, lugt, lauscht: ein gepacktes Bündel an Aufmerksamkeit, Hinhalten, Hinlauschen. Und doch wieder vollkommen in sich ruhend, auf sich bezogen. Selbsthabe, Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung des Umfeldes, spielerisches Erkunden, Selbst-Fürsorge: das Kratzen mit dem eigenen Lauf. Kurz fasste er uns ins Auge, sicherte und witterte zu uns herüber. Er eräugte uns – aber wir waren kein Ereignis für ihn: eine Kommunikation zwischen Mensch und Tier wollte sich diesmal nicht einstellen.

Der Fuchs ist ein Vorbild an Wachheit und Aufmerksamkeit für uns Menschen. Wir Menschen, deren Aufgabe das Wachsein ist!

Bedenke: diese Begegnung ereignete sich vergangenen Sonntag an der Wilhelm-Förster-Sternwarte in Schöneberg, also dort, wo der Mensch sein Eräugen in die Weiten des Weltraumes wirft! Dem Fuchs muss dies unbegreiflich sein. Und dennoch tut er im Kleinen nichts anderes als das, was die Naturforscher im Großen auch bewerkstelligen: er erkundet, erforscht, er sucht Koordinaten, er orientiert sich, er bildet sich eine Vorstellung des Ganzen, das ihn umgibt. Er hat eine Weltsicht; er hat gewissermaßen sogar ein “Menschenbild”, denn offensichtlich misst er dem Menschen, den er vermutlich als Lebewesen, also als seinesgleichen, wahrnimmt,  keine überragende Bedeutung bei. Menschen sind für diesen Fuchs Lebewesen, die es nicht zu fürchten gilt, die allenfalls nur vorübergehende Aufmerksamkeit verdienen. Wir sind für ihn – Vorübergehende. Er ist für uns – ein Vorübergehender, der kurz bei uns verweilte und uns beglückte in all seiner Fremdheit.

 Posted by at 22:00

Die Wahrheit über den Gesang des Raben

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Jun 052016
 

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Weithin bekannt ist die Fassung der alten Sage vom “Schlauen Fuchs und dem dummen Raben”, wonach der Fuchs den Raben herausgefordert habe: “Wenn du ebenso schön sängest, wie Deine Federn glänzen, wäre kein Vogel dir überlegen.” In der überlieferten ältesten Fassung – aus der wir hier übersetzen – heißt es so: “Se tu avessi una bella voce, nessun ucello sarebbe superiore a te.”

Eine allzu glatte, allzu eilfertig, ohne Sinn und Verstand wiederholte Wiedergabe eines Streitgesprächs, das zweifellos einmal stattgefunden hat! Niemand, auch nicht der erbittertste  Fabelleugner und Verspotter unserer Geschichtenerzähler, zieht ja in Zweifel, dass es dieses Gespräch einmal gegeben hat oder mindestens gegeben haben muss. Der Sinnkern dieser historisch gesicherten Tatsache ist unleugbar. Wie sonst hätte es seine vielfältige Überlieferung in die Sprachen unseres Kontinents finden können?

Die Überlieferung ist allerdings sehr selbstherrlich mit dem erstmals aus dem in den Bergamasker Alpen gelegenen, bereits frühsteinzeitlich von Menschen besiedelten Tal des Brembo überlieferten, viele Jahrhunderte später von Äsop aufgegriffenen, leider bereits von Anfang an verfälschten Vorfall umgegangen. Der Grund dafür ergibt sich zwingend aus folgenden Umständen:

Wie hätte der Rabe, der doch nicht zu Unrecht schon damals als der klügste Vogel galt und auch heute noch als der klügste aller Luftbewohner gilt, auf die plumpe, bereits damals ebenso wie heute von jedem Schulbub durchschaute Täuschung hereinfallen sollen? Und weiter: Wie hätte der Rabe nicht durchschaut, dass einem Fuchs selbstverständlich kein Urteil über die Sangeskunst eines Vogels zusteht, dass folglich kein Fuchs auch nur im mindesten auch nur auf den Gedanken käme, die Sangeskünste eines Raben in Zweifel zu ziehen? Dies alles durchschaute der Rabe selbstverständlich.

Und dennoch fand der Rabe im Fuchs seinen Meister. Statt nämlich die Kunstfertigkeit des Raben in Zweifel zu ziehen, pries der Fuchs den Raben in Worten über alle Maßen: “Du bist der beste aller Sänger, ach, könnte ich doch nur ein Zehntel so gut singen wie Du! Ach, was sage ich da: Würde mir doch ein Hundertstel deiner Stimmgewalt zuteil!” Der Fuchs fing daraufhin selbst zu singen an, obwohl doch nur ein heiseres Bellen, irgendein Zwischenlaut aus Bellen und Knurren aus seinem viel zu engen, obendrein von einer langen Hungerzeit viel zu trockenen Schlund hervorkam.

Für den Raben stellte dieser kläglich scheiternde Singeversuch des Fuchses den Großangriff dar, gegen den es für ihn keinen Schutz gab. Einem Vogel ist es ja unmöglich, die Ohren zu verschließen, ständig achtet ein Vogel auf mögliche Angriffe, auf das sprichwörtliche Rascheln im Gezweig, auf das Anschleichen der Feinde. Die Sprache der Raben ist ebenso wie die der anderen Singvögel geradezu gespickt mit Redewendungen, die die Unmöglichkeit, das eigene Gehör zu verstopfen, als Quelle tiefen Unglücks ausweisen. So sagt man etwa bei den Raben in der Tiefebene “der unerträgliche Lärm der falschen Sänger hat ihn wahnsinnig gemacht”, “der Krach der Säugetiere ist zum Federnverlieren”,  “eine schlechte Sängerin entlaubt einen ganzen Wald”, oder auch: “dieser brennende Lärm  ist  schlimmer als ein Feuersturm”. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern, doch dürfte das Gemeinte auch aus diesen wenigen, wahllos herausgegriffenen Beispielen überdeutlich hervortreten.

Der Fuchs hatte tatsächlich im Gesang – aber darf man diese abgründig mißlungene Knurren und Fauchen Gesang nennen? – den einzigen Weg, ja gewissermaßen das Trojanische Pferd gefunden, um den Raben zu überlisten. Vielmehr – er überlistete ihn nicht, er zwang den Raben dazu, sich vor dem unerträglichen Gewinsel und Gejaul des Fuchses zu schützen.

Mit Bedacht und in Abwägung aller Umstände ersann der Rabe das einzige Mittel, um den Fuchs zum Verstummen zu bewegen: er ließ den Käse fallen, den er im Schnabel hielt.

Der Fuchs stellte das Singen sofort ein und packte den Käse, um damit vor den anderen Tieren zu prahlen. Dieser – wie man es wohl nennen muss – doppelte Schurkenstreich, den der Fuchs gegen den Raben ins Werk gesetzt hat, beschädigt den Ruf des Raben bis zum heutigen Tage. Er gilt als stolz und eingebildet, obgleich er doch ganz zu recht von den Biologen als Singvogel geführt wird und im Reich der Vögel von den urteilsfähigen Vögeln selbst einhellig als der stärkste und gefragteste Sänger gerühmt und gefürchtet wird, während es den zum Gesang völlig unbegabten Füchsen – ganz zu schweigen von den Menschen – zweifellos nicht zusteht, irgend ein Urteil über die Sangeskunst des Raben zu fällen.

Ein einziges Mal war der Rabe, der unbestreitbar größte unter den Singvögeln, das bei weitem klügste Tier, das je die Lüfte bevölkert hat, in die Enge getrieben worden – und auf Jahrtausende hinaus wurde dadurch sein Ruf zerstört.

Der Fuchs hingegen, dessen wahre Geisteskräfte noch hinter seinen musikalischen Fertigkeiten zurückfallen, hat einen einzigen Geistesblitz dazu genutzt, um sich unsterblichen Ruhm zu erschleichen. Eine tiefe Ungerechtigkeit, die zu durchschauen den Menschen wiederum aufgrund eigener musikalischer und sonstiger Beschränktheit nicht möglich ist.  Dieser Irrtum ist nicht wieder gutzumachen. Von daher erklärt sich das bis heute unter uns Raben geläufige, von tiefer Bitterkeit zeugende  Sprichwort: “Käse verloren – alles verloren!”

Quellenangabe:

La volpe saggia, in: Gianni Molinari: Storie e leggende dell’alta Valle Brembana,Verlag Corponove, Bergamo 2014, S. 36-38, Zitat hier S. 36

Foto:

Ein Fuchs, gesehen heute vor der Sternwarte  am Insulaner, Berlin-Schöneberg

 Posted by at 21:33

Arkadische Melodie. Südgelände, Schöneberg

 Südgelände  Comments Off on Arkadische Melodie. Südgelände, Schöneberg
Jun 042016
 

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Schon verloren die Guteschafe
die Hälfte des wolligen Kleides,
während auf sicher gebauetem Steg
der selberernannte Schäfer

Quendel und Quecke nicht achtend
stumm summend auf unhörbarer Flöte
zärtlich lockend die Zicklein heranruft,
die seiner nicht achten, nein:

Eifrig nicken die Köpfchen, zupfen
am Thymian und an Wegwarte
Blatt um Blatt, Halm um Halm,
eifrige Rasenstutzer im Dienste

des unbekannten, des unerkannten Gottes.
Die Sprayer werkeln und schütteln die Döschen,
träge rummen die Interregios vorüber;
ein uralter Opel-Schornstein qualmt unsichtbar weiter.

hic in reducta valle caniculae vitabis
vitabis aestus, die Fräulein Grimms erzählen indes
dein leichtes, dein sanft plätscherndes Leben,
dein Leben: das war, das ward, das wird und das sein wird.

 

 

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