Sep 232014
 
Bei einer Hafenrundfahrt durch den Hamburger Hafen fuhr unsere tüchtige kleine Barkasse  am Freitag auch unter der COSCO FRANCE durch, einem der sehr großen Containerschiffe der Welt. Von den riesenhaften Dimensionen des Welthandels erhält man bei einer solchen Fahrt eine schwache Vorstellung. Mehr als drei Viertel aller Transportleistungen an Stückgütern werden weltweit zur See erbracht: egal ab deutsche Schiffsrotoren aus gehärtetem Stahl, Billigjeans aus Bangla Desh  oder südkoreanische  Smartphones – die Massenware kommt über See zu uns und verlässt uns über See. Hier der gewaltige Anker, schwebend über unseren Köpfen:
Und hier ein paar Daten zur Cosco France, die übrigens auf großer Fahrt nicht mehr als 12 Mann Besatzung braucht:
Baujahr
2013
BRZ:153666
Tragfähigkeit:
160000 t
Container:
13386 TEU
Länge:
366.00 m
Breite:
51.20 m
Tiefgang:
15.50 m
Leistung:
72240 kW
Geschwindigkeit:
22.5 kn
 Posted by at 08:22
Sep 222014
 

Ich gäb was drum, wenn ich nur wüsst, wer heut der Herr gewesen ist, der heut vormittag in der Sendung “Di Mattina” bei Rai News den gesamten Kladderadatsch der Euro-Fiskalpolitiken, die unter der weisen Aufsicht und Maßregelung des von allen weniger wichtigen Politikern angehimmelten Mario Draghi stehen, unter dem trockenen, geradezu teutsch-grobschlächtigen Sprichwort zusammenfasste:

Il Cavallo non beve. Das Pferd säuft nicht. 

Sinngemäß sagte der RAI-Studiogast, der ein “Economista e storico”, also ein “Wirtschaftswissenschaftler und Historiker” ist: Die riesigen Summen an Liquidität, die die EZB unter den verschiedensten phantasievollen englischen Namen (Asset Backed Securities usw. usw.) über das Bankwesen in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen versucht, erreichen weder die Unternehmen noch die Arbeitslosen noch die Arbeiter. Weil: Es fehlt an Investitionsmöglichkeiten. “Perché l’investimento fa il reddito”, denn die Investitionen erzeugen letztlich den Gewinn, der dann den Unternehmen und den Beschäftigten zugute kämen.

Die gesamte Geld-Pump-Strategie der von Mario Draghi geführten EZB sei schon seit längerem für aller Augen erkennbar gescheitert, sagte der RAI-Studiogast. Mario Draghi müsse  zurücktreten, wenn er Anstand besäße, sagte der Economista.  Ein umfassender Umbau der EU sei unerlässlich, sonst werde der Laden auseinanderfliegen. Der Euro sei Symptom, aber nicht alleinige Ursache des verheerend schlechten Gesamtbildes, das die Euro-Zone insgesamt und Italien im besonderen biete, sagte der italienische Historiker bei RAI News.

Ich frage Euch, liebe Leser: Wie hieß er? Ich weiß es nicht mehr, denn ich sah die Sendung nur nebenbei, ich hörte sie eigentlich nur auf dem blitzblanken, niegelnagelneuen GALAXY-S5-SMARTPHONE, das mir mein Mobilfunkbetreiber als Dank für langjährige Verdienste – die er an mir einscheffelt – geschenkt hat. Dort kann ich jetzt überall RAI NEWS hören und sehen. Kostenlos.

Liebe Leser! Merkt euch diesen italienischen Merksatz: Il cavallo non beve.  Der Gaul der lahmenden EU-Wirtschaft säuft nicht. Da mögen die im Vergleich zum EZB-Direktorium weniger bedeutenden Politiker Europas ihr geliebtes Geld, ihre hochverehrte EZB, den Inbegriff der europäischen Einigkeit, vergöttern und anhimmeln, so viel sie wollen.

Der Gaul säuft trotzdem nicht.

Proverbi grossolani – Grobschlächtige Sprichwörter! Me li bevo dappertutto – die trink ich mir überall.   In tempo reale. In Echtzeit.

Rai News: le ultime notizie in tempo reale – news, attualità e aggiornamenti.

 Posted by at 15:56
Sep 162014
 

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte eine verschärfte Auseinandersetzung mit der AfD. Es müsse deutlich werden, dass die AfD mit ihrem antieuropäischen Programm hunderttausende Arbeitsplätze gefährde. Es handele sich um eine “Jobkiller-Programm”. Gabriel nannte es einen “Fehler”, dass es bislang keine wirkliche Debatte über die Inhalte der AfD gegeben habe.

via Bundespolitische Reaktionen auf die Wahlen: AfD-Erfolg bringt Parteien ins Grübeln | tagesschau.de.

Verfolgen die europäischen Sozialisten und  Europas Christdemokraten, hier vertreten durch Peter Tauber (CDU), Yasmin Fahimi (SPD) und Sigmar Gabriel (SPD)  ein antieuropäisches Jobkillerprogramm? Die Frage muss im Anschluss an den treuherzig und unschuldig dreinblickenden Wirtschaftsminister erlaubt sein!

Bekümmert lese ich im Corriere della sera von gestern die neuesten Arbeitslosenstatistiken der EU: Seit 2008, also seit dem massiven Bankenrettungsprogramm von EZB, IWF und EU-Kommission hat die Arbeitslosigkeit in den EU-Staaten deutlich zugenommen; besonders schlecht schneiden innerhalb der EU – mit Ausnahme Deutschlands – wiederum die 18 Euro-Mitgliedsländer ab. Hier einige Arbeitslosenzahlen von wichtigen Euro-Volkswirtschaften zum Juli 2014:

Frankreich: 10, 3 %
Italien: 12,6%
Portugal: 14%
Spanien: 24,5
Griechenland: 27,2%
EU insgesamt: 10,2%
Eurozone (EU-18): 11,5%

Zahlen lügen nicht: Die volkswirtschaftlichen Daten der Eurozone  (EU-18) – Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, Staatsverschuldung –  liegen seit Jahren noch etwas schlechter als die der EU insgesamt, die wiederum hinter der Weltwirtschaft dreinhinkt.

Sind die Finanzpolitiken der Eurozonen-Länder der eigentliche Jobkiller? Oder ist der Euro das Jobkillerprogramm? Oder die unfähigen Regierungen? Oder was — sonst, Herr Gabriel?

Was machen eigentlich die amtierenden Wirtschafts- und Finanzminister der EU-Länder, unsere EU-Fürsten,  den lieben langen Tag – außer die Schuld den anderen zu geben, heute mal zur allgemeinen Volksbelustigung der bei den EU-Fürsten sattsam unbeliebten AfD, die freilich nirgendwo in der Regierungsverantwortung steht?

Vor allem aber hat die Jugendarbeitslosigkeit seit Beginn der milliardenschweren Bankenrettungspolitik der famosen TROIKA aus EU-Kommission, IWF und EZB Rekordwerte erreicht – hier die Zahlen für Juli:

Spanien: 53,8%
Griechenland: 53,1%
Italien: 42,9 %

EU-18: 23,2
EU-28: 21,7

Auch hier steht die Eurozone schlechter da als die EU insgesamt.

Das Gewicht der Banken und des Finanzsektors hat in der EU stark zugenommen; sie, die Banken,  werden jetzt durch die EZB erneut mit nahezu zinslosem Geld in Hülle und Fülle gemästet, diesmal nennt man es halt ABS oder Quantitative Easing. Geld, das nicht bei den Unternehmen ankommt und schon gar nicht bei den Beschäftigten oder den Arbeitslosen. Und das alles, dieses Jobkiller-Programm, diese Zahlen haben die regierenden Politiker sehenden Auges zugelassen. Sie haben sie offenkundig nicht einmal zur Kenntnis genommen.

Und die EU-Kommissare stecken für 4 Monate Interimszeit fünfhunderttausend Euro an Vergütung  in die eigene Tasche.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/eu-kommissare-kassieren-fuer-vier-monate-arbeit-je-500-000-euro-a-987716.html

In Griechenland und Italien brechen ganzen Generationen  von jungen Menschen die Beschäftigungs- und Lebensperspektiven weg, die amtierenden Minister und die Parlamente schieben den schwarzen Peter an andere weiter.

Die zitierten Äußerungen der regierenden Politiker lassen mich angesichts der in ihnen zum Ausdruck kommenden sozialen Kälte und der beharrlichen Realitätsverweigerung schaudern. Diese Äußerungen der Sozialdemokraten  Sigmar Gabriel und Yasmin Fahimi sowie des CDU-Politikers Peter Tauber sind eine Beleidigung der politischen Vernunft. Sie zeigen ein Ausmaß an Europafeindschaft, das kaum mehr zu toppen ist.

Quellen:
Corriere della sera, 15.09.2015, S. 7

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/

 

 

 

 

 Posted by at 20:30
Sep 152014
 

Zu den beeindruckendsten und liebenswertesten Menschen, mit denen ich immer wieder sprechen durfte und sprechen darf, zählt die 1920 geborene Moskauer Augenärztin Lidia Ivanovna Sacharowa. Sie erlebte und überlebte als junge Sanitäterin die berüchtigten 1000 Tage der Blockade Leningrads. Darüber sprach sie auch im vergangenen Jahr im russischen Fernsehen:

Захарова Лидия Ивановна — Всероссийский проект “Наша общая Победа”.

“Wir waren alle Atheisten”, antwortet sie auf die Frage, ob sie in der grimmigen Todespein der Blockade nicht auch gebetet hätten.

Heute, nach 70 Jahren der ununterbrochenen Herrschaft des wissenschaftlichen Atheismus, ist die Gottesfrage in Russland wieder lebendiger denn je, wie einst zu Zeiten Belinskijs, Gogols und Dostojewskijs.

“Das russische Volk ist zutiefst atheistisch” schrieb Belinskij in seinem berühmten Brief, den Dostojewskij laut rezitierend im Jahr 1847 im Petraschewskij-Zirkel vortrug.

“Nous serons avec le Christ”, zitierte demgegenüber Dostojewskij in französischer Sprache wenige Minuten vor seiner Hinrichtung am 22.12.1849 aus einem Werk von Victor Hugo. Pietro Citati erzählt diese Szenen sehr bewegend heute auf S. 21 in der italienischen Zeitung Corriere della sera.

Wir trafen unsere Lidia in diesem Jahr auf einem Begräbnis, dabei schenkte sie uns einen bunten, sehr reichhaltigen  Bildband über den russischen Gelehrten Michael Wassiljewitsch Lomonossow, der einige prägende Jahre in Deutschland verbrachte, als erster eine russische Grammatik verfasste und sich stets größter Hochschätzung erfreute. Von der Blockade Leningrads reden wir übrigens kaum. Uns eint das Gemeinsame, das Gute, das Schöne, die Musik, die gemeinsame Sorge für einige Menschen, die Liebe zu einigen Kindern, gemeinsame Trauer, der Glaube an eine Zukunft, die in unseren Händen und den Händen der Kinder liegt.

Nach Lomonossow ist auch ein Krater auf dem Mond benannt, den wir allerdings nicht gesehen haben, denn er liegt auf der erdabgewandten Rückseite des Mondes. Gibt es ihn? Glauben wir an ihn, diesen Lomonossow-Krater, auch wenn wir ihn nicht sehen? Ein paar Verse von Mathias Claudius kommen mir in den Sinn:

Du kannst ihn nicht ganz sehn;
doch ist er rund und schön,

So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost verlachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder,
Kalt ist der Abendhauch,
Behüt Euch Gott vor Strafen
Und lass uns ruhig schlafen,
Und unsern kranken Nachbar auch.

Pietro Citati: I dolori del giovane Dostoevskij. Morte e resurrezione di un genio. Corriere della sera, 15 settembre 2014, Seite 20-21

 Posted by at 23:59
Sep 142014
 

Wasgo 2014-05-19 22.45.47

Schon der zweite Diebstahl eines hochwertigen Fahrrades innerhalb von 3 Tagen! Heute traf es einen meiner Söhne, der sein 3 Monate altes Focus Wasgo 3.0 8G Nexus ordnungsgemäß mit hochwertigem Faltschloß an der Bushaltestelle Yorck-/Großbeerenstraße angeschlossen hatte. Ihm war bereits im Mai dieses Jahres ein ähnliches, sicher angeschlossenes, 1 Jahr altes  Fahrrad gestohlen worden.

So kommt allmählich in unserem Hof und unserem Hauhalt eine satte Liste an gestohlenen Fahrrädern zustande. Traurig, dass dieses so praktische, umwelt- und menschenfreundliche Verkehrsmittel hier in Kreuzberg in diesen Jahren auch bei Einhaltung aller empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen offenbar nicht mehr sicher aufzubewahren ist, weder im Hof noch im Keller, weder auf der Straße noch auf Plätzen. Ärgerlich.

Wer war’s? Ich vermute, das waren sicher Menschen!

 

 Posted by at 16:27
Sep 122014
 

Felt 14052010004

 

 

 

 

 

 

 

“Ja, was ist denn das, das Schloss des Kellerabteils fühlt sich so anders an?” Eben von dienstlicher Fahrt zurückkehrend stellte ich wie üblich das Herrenrad im Keller ab. Was war geschehen? Die Tür gab von selber nach, die Scharniere waren herausgedreht.

Dann durchzuckte mich die bittere Entdeckung:
Das Rennrad ist gestohlen! Unser mit einem Vorhängeschloss gesichertes Kellerabteil hier in einem mit Sicherheitsschloss abschließbaren Keller  in der Straße wurde heute zwischen 10:00 und 23.00 Uhr gewaltsam aufgebrochen, das Rennrad ist geraubt! Weg. Das ist traurig. Mich verbinden so viele herrliche Erfahrungen mit dem Felt F85, gekauft im Mai 2010! Ein Symbol der Freiheit, der Kraft, der Zuversicht! Gewaltsam weggerissen! Das Holz des Verschlags ist gesplittert.

Velothon 20x30-VTAZ4984-199x300

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So schrieb ich 2010 wenige Tage nach dem Kauf:

Viele Muskelfasern freuen sich schon auf den großen Velothon am 30. Mai! “Ob Sie als 2000ster oder als 4000ster ins Ziel kommen, ist unerheblich. Also fahren Sie vorsichtig. Gegen Schluss brennen bei vielen Rennfahrern die Sicherungen durch.” Im Radkreuz Kreuzberg, wo ich mir mein neues Rennrad kaufe, bekomme ich obendrein noch jede Menge Zubehör dazu und den einen oder anderen unersetzlichen Ratschlag. Eigentlich wollte ich “auf Sieg” fahren … wie es MÄNNER-ART ist. Aber gleich beim ersten Radrennen meines Lebens? Vielleicht gibt es ja Altersgruppierungen? Dann sähe es wahrscheinlich besser aus mit den SIEG-Chancen.

Das FELT F85 sieht sehr schmuck aus! Kraftvoll und doch filigran. Blau und weiß herrschen vor. Die Räder heißen Vittoria Rubino 23-622. Meine Jungfernfahrt mit den beiden Vittorias führt mich durch die duftende, frischgemähte Heide im Flughafen Tempelhof. Ich gewöhne mich rasch an das ruckfrei gleitende 18-Gang-Schaltwerk Shimano Tiagra CP.

Meine Reisegeschwindigkeit – oder cruising speed – pendelt sich bei 32 km/h ein. Der Wind streicht seitwärts zwischen den Speichen hindurch.

Ein herrliches Gefühl der Freiheit beflügelt mich.

Die Autofahrer am Tempelhofer Damm schließen mich und meine Rennmaschine sofort in ihr Herz, fahren viel dichter an mir vorbei als wenn ich mit meinem gewöhnlichen Herrenrad vorbeizockele. Das nehme ich alles sehr sportlich.

Die Rahmennummer des gestohlenen Rennrades lautet:
S9GK00799

 

 Posted by at 23:38

Terzo Mondo: Mageds Klang der Farben

 Aleppo  Kommentare deaktiviert
Sep 082014
 

Starke, kräftige Farben verwendet Maged Houmsi, der Maler, dessen Ausstellung im Terzo Mondo in der Grolmannstraße ich am vergangenen Freitag zur Eröffnung besuchte.

Unter seinen Bildern entspringt sofort der Quell des Gesprächs.  Ich spreche bekannte und unbekannte Menschen an. Überall ergibt sich ein lockeres Geplauder, aber auch tiefe, in den Brunnen der Seele tauchende Gespräche.

Mohamed Majdeddin Houmsi, 1962 in Syrien/Aleppo geboren, lebt seit 1980 in Berlin. Seine Ausstellung im Terzo Mondo läuft bis 31.10.2014.

Jeder, der dort hingeht, kann diesen Sprung in die Freiheit, ausgelöst durch den Klang der Farben, erleben!

via Klang der Farben – Mohamed Majdeddin Houmsi – Terzo Mondo – Taverne • Galerie • Bühne.

 Posted by at 22:11
Sep 072014
 

Lehrreiches Blätterrauschen am heiligen Sonntag, sehr spannend, sehr unterhaltsam. Heute meldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das aller-, allerseriöseste Jornal, wo es in Deutschland gibt, die Frühstückslektüre jedes wackeren CDU-Kämpen: “Die AfD mag Happy Birthday nicht.” Liestu ma hier:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/frauke-petry-die-afd-mag-happy-birthday-nicht-13139564.html

Bezugnehmend auf ein Interview in der heutigen Bild am Sonntag, S.2 bis S. 5, wird das 4-seitige Interview im Vorspann so zusammengefasst:

Die AfD-Vorsitzende im sächsischen Landtag, Frauke Petry, hält es für bedenklich, wenn auf Kindergeburtstagen vor allem das englische Lied „Happy Birthday“ gesungen wird: „Wir treten dafür ein, dass die deutsche Sprache gepflegt wird.“

Was aber hat Petry tatsächlich auf die Frage, warum es sie störe, wenn beim Kindergeburtstag Happy Birthday gesungen werde, geantwortet? Frauke Petry antwortet laut Bild am Sonntag heute wörtlich: “Das stört mich gar nicht. Meine Kinder singen auch Happy Birthday. Mich stört nur, wenn nur Happy Birthday gesungen wird und nicht auch deutsche Lieder.”  

Aus Petrys Aussage “Es stört mich nicht, wenn Happy Birthday gesungen wird” zaubert die staatstragende FAZ das genaue Gegenteil dessen, was Petry gesagt hat,  und sie potenziert diesen groben Schnitzer dann noch, indem sie einen drauf setzt: “AfD mag Happy Birthday nicht.” Tja, friends, arkadaşlar: So werden Meinungen gemacht und gestrickt. Das ist der berühmte Spin, die bewusst verzerrte, auf Leserneugier und Vorurteilsverstärkung zielende Aufhängerfunktion der Überschriften, die nun wirklich zum Handwerkszeug jedes Chefredakteurs – egal ob bei FAZ oder bei BILD, bei taz oder der ZEIT – gehören.

Denn welcher wackere CDU-Recke würde sich nicht die Hände reiben, wenn er erführe: “Die AfD mag Happy Birthday nicht.” Tra la la, Das klinget so herrlich, das klinget so schön: AfD stört den Kindergeburtstag der CDU. Die CDU ist also für das Prinzip Kindergeburtstag, die AfD ist also gegen das Prinzip Kindergeburtstag.

Tja, liebe FAZ-ler, wackere CDU-ler, soll man noch – wie von Frauke Petry gewünscht – deutsche Kinderlieder singen, wie etwa Summ summ summ, Bienchen summ herum, Zum Geburtstag viel Glück, Hänschen klein, Wer will fleißige Handwerker seh’n? Bei uns in Berlin geschieht dies kaum mehr, jedenfalls viel zu wenig, wie ich meine, jedenfalls  in den Kitas und Grundschulen.

Vor wenigen Tagen erklärte ein Berliner Gymnasiallehrer uns Eltern auf einer Elternversammlung sinngemäß: “Man sollte es nicht annehmen, aber es kommen nicht wenige Kinder von der Grundschule zu uns ans Gymnasium, die nicht in ganzen Sätzen sprechen können. Ihnen fehlt die natürliche Vertrautheit mit der deutschen Sprache. Sie haben es bis Klasse 7 nicht gelernt, die deutsche Sprache klar auszusprechen, sinnvolle ganze Sätze ohne Stocken, mit Selbstbewusstsein vorzutragen.”

Ein einfacher Vater meldete sich durch artiges Aufzeigen mit dem Finger:  “Wie schaut’s bei Ihnen mit dem Singen in deutscher Sprache aus? Wird in dieser Klasse regelmäßig zu Beginn jedes Schultages oder jeder Schulstunde in deutscher, englischer, französischer, lateinischer Sprache gesungen? Durch das regelmäßige Singen lateinischer, französischer, englischer und deutscher Lieder werden die Kinder in jedem Fall lernen, das Lateinische, das Französische, das Englische und das Deutsche klar auszusprechen, ganze Sätze selbstbewusst vorzutragen und sich überhaupt mit klarer Stimme vernehmlich zu machen.”

Ich denke, der einfache Vater hatte irgendwo  recht. Wieso sollte man nicht auch  in deutscher Sprache singen? Immerhin ist doch Deutsch die allgemeine Landessprache. Zum Feiern an großen Tagen, wie etwa an Kindergeburtstagen gehört doch auch, dass man in der eigenen Muttersprache etwas singt. Oder nicht?

Kurzum: Ich vermag an den Äußerungen Frauke Petrys in der heutigen Bild am Sonntag zum hohen Wert des Singens auch in der deutschen Sprache nichts Verwerfliches zu erkennen.

Das bunte herbstliche Blätterrauschen in FAZ und anderen Qualitätsmedien um die AfD wirft ein ganz besonderes Licht darauf, wie schwer es doch für Zeitungen ist, Standards der journalistischen Seriosität durchzuhalten. Und wäre es auch nur, um dem irreführenden Eindruck vorzubeugen, man sei das merkeltreue Morgenblatt oder die Hofpostille der Bundesregierung.

Sicher ist: Die FAZ mag die CDU, sehr lieb hat sie sie!  UND: Die FAZ mag die AfD nicht. UND: Die CDU mag die AfD auch nicht.

Das sollten FAZ und CDU  anerkennen und zu ihren Gefühlen stehen. Liebe FAZ, liebe CDU: Steht doch zu Euren Gefühlen der Angst vor Machtverlust, der umfassenden Verunsicherung, der argumentativen Ratlosigkeit. Mut zur Wahrheit, das verlangte doch die CDU in ihren Oppositionsjahren bis 2005 ebenso.

Friede, Freude, Happy Kindergeburtstag! Die CDU sollte sich freuen, wenn wenigstens eine Partei noch – wie früher die CDU – gewisse Grundsätze in der Familienpolitik und der Europapolitik vertritt, während die CDU ihr “Wir sind-für -alles-offen”-Regierungshandeln im Wesentlichen nach Meinungsumfragen ausrichtet, worüber der SPIEGEL heute berichtet:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/angela-merkel-meinungsforscher-beeinflussen-arbeit-der-kanzlerin-a-990231.html

“Angela Merkel lässt sich sehr stark von Meinungsforschern leiten. Das zeigen Umfragen im Auftrag des Bundespresseamtes, die der SPIEGEL ausgewertet hat. Sätze der Demoskopen schafften es fast wortgleich in eine Regierungserklärung.”

Regieren nach Meinungsumfragen? Auch darin vermag ich nichts Verwerfliches zu erkennen. So ist sie halt, die CDU. Und sie ist sehr erfolgreich damit. Alles paletti. Alle Kids in Europa sind so happy. Happy Birthday to you, Europe!

Beleg:
CDU trifft AfD: Gleich fliegen die Fetzen. In: Bild am Sonntag, 7. September 2014, S. 2-5

 

 Posted by at 11:38
Sep 062014
 

Engels 2014-08-10 09.18.19

“Мы жили и сейчас еще живем для того, чтобы преподать какой-то великий урок отдаленным потомкам.”

So schrieb es Pjotr Jakovlevich Tschaadajev, verdienter Offizier im Vaterländischen Krieg. Als leidenschaftlicher russischer Patriot und spitzzüngiger Polemiker  ging er in seinem berühmten ersten philosophischen Brief, erschienen 1836 in der Moskauer Zeitschrift Teleskop, sehr hart ins Gericht mit seinem Vaterland, für das er Leib und Leben riskiert hatte. Er vermisste in der nachnapoleonischen russischen Gesellschaft seiner Zeit den Willen zur Modernisierung; Russland, so führte er aus, habe den Freiheitsimpuls, zu dem es durch die Niederringung Napoleons und durch die Abschüttelung des französischen Jochs einen bedeutenden Beitrag geleistet hatte, nicht genutzt.

Wir erinnern uns: 3 Millionen Menschen in Europa hatten in den von Napoleon entfesselten Kriegen ihr Leben verloren; wozu waren sie gestorben, wenn die europäischen Völker, darunter auch die Russen, Polen und Deutschen, doch wieder in die Fürstenherrschaft und Despotie zurückfielen? Wozu der ganze “Freiheitskampf”, wenn die Fürsten Europas nach Willkürart doch wieder schalteten und walteten, wie sie wollten? So fragten Tschaadajew und seine “Westler”, aber auch die geistesverwandten “Göttinger Sieben”, darunter die Brüder Grimm, oder auch Heinrich Heine in Deutschland.

Napoleon hatte Europa mit Waffengewalt und willkürlich losgetretenen Angriffskriegen zu einen gesucht und war 1812 in Russland endgültig niedergerungen worden; gut 100 Jahre später, ab Oktober 1917  folgten ihm in den Fußtapfen  Lenin und die Bolschewiki, die ebenfalls mit Waffengewalt ganz Europa und dann die ganze Welt ins ewige Reich der Freiheit führen wollten; ihr sogenannter Befreiungskampf brachte ab 1917 erneut Blut, erneut millionenfaches Gemetzel  und Tränen über Russland und die eine, die östliche  Hälfte Europas einschließlich Russlands, der Ukraine, Polens, Ungarns, Estlands, Lettlands und Litauens; die Unfreiheit, die Lenin, Feliks Dzierżyński, Stalin, Lawrenti Berija und viele andere mehr von Russland aus über den ganzen Kontinent ab 1917 auszubreiten suchten, dieses von Russland ausgehende kommunistisch-sowjetische Joch wurde erst 1989/1990 endgültig abgeschüttelt.

Ab 1933 versuchte erneut eine diktatorische Gewalt, den ganzen Kontinent – diesmal von Deutschland aus – mit Waffengewalt ins 1000-jährige Reich der Freiheit zu führen. Auch dieser nach Napoleon und Lenin/Stalin dritte, auf Lüge und Gewalt gestützte Versuch der gewaltsamen Einigung Europas durch das Schwert versank in Terror, Blut und Gemetzel. Nach zwölf Jahren, 1945 war das deutsche Joch von den Völkern Europas abgeschüttelt.

Die kommunistische Gewaltherrschaft, die Lenin und Stalin ab 1917 über einen Teil Europas errichtet hatten, ging hingegen erst 1989/1990 zu Ende. Doch das Werk der Befreiung ist damit nicht vollendet! In allen vom Kommunismus befreiten Staaten, darunter Russland, Ukraine, Weißrussland, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen, Tschechien galt und gilt es, die Trümmer und Hinterlassenschaften der jahrzehntelangen, von Russland ausgehenden, als “russisch” empfundenen kommunistischen Diktatur, die auf Lüge und Gewalt gestützt war,  aufzuarbeiten. Kein Staat – selbst das seit 1989 von Marx, Lenin, Dzierżyński, Stalin befreite Russland – ist gefeit dagegen, wieder in Unfreiheit und Terror zurückzufallen.

Tschaadajew wurde 1836 für seine literarischen Beiträge, für seine satirisch-polemische Beleidigung des “heiligen” Russentums  für verrückt erklärt und unter psychiatrische Beobachtung gestellt.  Über Tschaadajews  Diskussionspartner, die Dekabristen, ließ Zar Nikolaus Hinrichtungen, Verbannung und Internierung verhängen. Sie kamen nicht so gnädig davon. Straflager, Verbannung, Publikationsverbote, Einweisung in die Psychiatrie, das sind alles Methoden, die in Russland auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken.

Was hat uns Tschaadajew zu sagen? Hat er uns überhaupt noch etwas zu sagen?

“Мы жили и сейчас еще живем для того, чтобы преподать какой-то великий урок отдаленным потомкам.”
“Infine siamo vissuti e viviamo per servire da chissà quale grande lezione per i posteri lontani.”
“Wir haben gelebt und leben noch dafür, um den fernen Nachkommen irgendeine großartige Lehre zu erteilen.”

Was ist die “großartige Lehre” der Russen des 19. Jahrhunderts?

Ich würde sagen: Es ist die Einsicht, dass der Freiheitsimpuls überall zu verteidigen und zu verstetigen ist. Napoleon wurde nicht deswegen abgeschüttelt, damit Zar Nikolaus oder die europäischen Fürsten der Karlsbader Beschlüsse ein mindestens ebenso gewalttätiges Regime installieren konnten.  Die europäischen Freiheitskämpfer der nachnapoleonischen Zeit, die oftmals Verse von Friedrich Schiller oder Puschkin, dem Jugendfreund Tschaadajews, auf den Lippen geführt hatten, sahen sich bitter enttäuscht durch die Oligarchen und Autokraten, die steinreichen Fürsten, Zaren, Präsidenten und Speichellecker der damaligen Zeit.

Tschaadajew verlangte – statt serviler Speichelleckerei und Prostration vor dem Zaren – Reformen und Modernisierung von Russland. Er wollte Russland für die Freiheitsideen des Westens öffnen. Ihm behagte das Dunkelmännertum, das bequeme Bündnis zwischen russischer Kirche und russischer Staatsmacht, zwischen Thron und Altar, symbolisiert im Schutzherrn und Oberhaupt aller Reußen, dem Zaren, nicht.

Tschaadajew musste erkennen: Die Unfreiheit, die mit Unterdrückung, Waffengewalt und Terror arbeitet, hört nicht dadurch auf, dass die eine Gewaltherrschaft einfach durch eine andere ersetzt wird.

Insofern – wir sind gemeint! Wir sind auch einige der Nachkommen, für die die Westler im Russland des 19. Jahrhunderts kämpften, litten und starben.

Bild: “Der Pole Feliks Dzierżyński, der Georgier Stalin, der Russe Lenin sind nicht mehr da!” Ihre Denkmäler sind aus dem Stadtbild Moskaus verschwunden.  Aber Friedrich Engels, der deutsche Kapitalist, hat seinen festen Platz in Moskau behalten und schaut sich seelenruhig die ihm gegenüberliegende Christus-Erlöser-Kirche an. Aufnahme des reisenden Bloggers vom 10.08.2014

 Posted by at 15:26
Sep 032014
 

«Мы один народ», so äußerten sich in den letzten Tagen sowohl Gorbatschow als auch Putin. Sie beschwören damit hochheilig die ewige Bruderschaft, die ihrer Meinung nach die Ukraine seit jeher an Russland binden soll, ja die Ukraine geradezu zu einem Teil Russlands mache.

Ich besprach diese Aussagen in Russland mit einer Moskauer Kinderärztin. Unser gemeinsamer Befund dieser mittlerweile nur noch mit den Begriffen der Psychopathologie zu erfassenden Konfliktlage: Genau in diesen Aussagen Putins oder Gorbatschows liegt der Kern des Problems. Wenn der Stärkere sagt: “Ihr gehört uns, ihr seid unser” und diesen Anspruch mit Waffengewalt durchsetzt,  der Schwächere aber das anders sieht, dann liegt genau hierin das Problem. Es ist der Keim des Krieges. Zwar mag es durchaus sein und es ist wohl auch so, dass ein Teil der Ukrainer sich als durch und durch russisch fühlt. Russland lockt darüber hinaus mit höherem Lebensstandard, höheren Renten, besserer Versorgungslage als die Ukraine. Wenn Russland meint, diese Lasten stemmen zu können, sollte es diese Neubürger innerhalb seiner jetzt bestehenden Grenzen aufnehmen und integrieren.

Noch wichtiger scheint aber die historische Tiefenprägung zu sein. Diejenigen Ukrainer, die sich zur Orthodoxie bekennen, suchen vielfach weiterhin den Zaren, den Herrscher, der beide Schwerter, das der weltlichen und geistlichen Macht, in einer Hand hält. Sie erblicken in Putin eine Art Sendboten des Weltgeistes, eine mächtige Kaiser- und Vatergestalt, dessen Macht sie sich willig unterwerfen: sie vollführen das seelische Sich-Niederwerfen, die Prostration  vor einer historischen Herrschergestalt. Der Zar stiftet die Brücke zwischen Gott und dem Volk. “Du betest jetzt für Putin!” schrieen sie einen Popen an, der sich weigerte, sich politisch im Gottesdienst auf Seiten Russlands zu stellen. Dann wurde er von der aufgestachelten Menge mit Tomatensaft bespritzt. Er ließ es abprallen, verlor die Ruhe nicht. So verlief vor drei Wochen eine Szene im russischen Fernsehsender 1, die ich mit eigenen Augen sah! Die identitätsstiftende Rolle der Konfessionen in diesem Konflikt wird übrigens im Westen nicht ansatzweise erkannt. Sie ist nicht zu unterschätzen!

Diesen Menschen, die sich dem Blute nach als völkische Russen fühlen,  muss selbstverständlich freistehen, die ungeliebte Ukraine zu verlassen. Russland hat unendlich weite Steppen, unbesiedelte Räume; in ihnen sollten die Neubürger ihr Neu-Russland innerhalb der heutigen Grenzen der Russischen Föderation  aufbauen.

Ein sehr großer Teil der Ukrainer sieht sich aber eben durch historische Tiefenprägung nicht als Untertanen des russischen Autokrators. Das sind insbesondere die weiten Landesteile, die früher unter österreichisch-ungarischer bzw. polnisch-litauischer Hoheit standen und erst im 20. Jahrhundert an die Sowjetunion fielen.  Dieser große Landesteil der heutigen Ukraine kämpfte sowohl nach dem ersten wie nach dem zweiten Weltkrieg noch jahrelang gegen das sowjetische Joch. Letztlich behielten die Kommunisten die Oberhand. Aber die gezielten Ausplünderungen der Ukraine durch die sowjetische Führung, die Auslöschung der Kulaken zu Hunderttausenden unter dem Vorwand “antisowjetischer Umtriebe”, sind in der Ukraine zumindest unvergessen.

7000 eingesickerte Tschetschenen scheinen bereits in der Ukraine auf Seiten der Separatisten zu kämpfen.  So berichtete es mir eine Ukrainerin, deren Vorhersagen seit Monaten bisher alle eingetroffen sind. Diese nichtrussischen, durch die früheren Grenzkriege gestählten Kämpfer sind in der Tat nicht mehr zentral zu steuern.

Eine Aussöhnung zwischen diesen in der historischen Tiefenprägung so verschiedenen Bevölkerungsteilen hätte Offenheit, Klarheit, Versöhnungswillen und Transparenz auf beiden Seiten der Grenze verlangt. Daran hat es aber gefehlt. Daran fehlt es bis zum heutigen Tag. Und so mag denn das “Auseinandergehen” ohne allzuviel Blutvergießen im Augenblick tatsächlich eine Art Lösung sein. So meine Eindrücke, die ich in Gesprächen mit Ukrainern und Russen gewinnen konnte.

via  ВЗГЛЯД / «Мы один народ».

In deutscher Sprache zu empfehlen:
Claus Leggewie: Holodomor: die Ukraine ohne Platz im europäischen Gedächtnis? In: ders., Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Beck Verlag, München 2011, S. 127-143.

 Posted by at 22:23