„Sponte ac libere“ – der Spruch des Papstes Coelestin V.

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Feb 132013
 

Beachtlich wegen der geradezu modern anmutenden Begründung ist die folgende Erklärung, mit der Papst Coelestin V. im Dezember 1294 auf das Amt des Bischofs von Rom verzichtete. Lesen wir seine in gebrechlichem Latein verfasste Erklärung:

Ego Caelestinus Papa Quintus motus ex legittimis causis, idest causa humilitatis, et melioris vitae, et coscientiae illesae, debilitate corporis, defectu scientiaeL et malignitate Plebis, infirmitate personae, et ut praeteritae consolationis possim reparare quietem; sponte, ac libere cedo Papatui, et expresse renuncio loco, et Dignitati, oneri, et honori, et do plenam, et liberam ex nunc sacro caetui Cardinalium facultatem eligendi, et providendi duntaxat Canonice universali Ecclesiae de Pastore.

Als Gründe des aus freien Stücken vollzogenen Amtsverzichtes führt der Papst an:

humilitas – Demut, die ihm offenbar mit dem Papstamt unvereinbar schien
melior vita – ein besseres Leben, denn die Zwänge des Amtes, das damals in höchstem Maße politisiert, also in Machtkämpfe eingebunden war, stellten offenbar eine fast unerträgliche  Bürde dar
coscientia illesa – ein unversehrtes Gewissen, denn die Ausübung des Papstamtes in unruhigen Zeiten schloss offenbar gewollt oder ungewollt eine Mitwisserschaft an zahlreichen Missetaten ein
debilitas corporis – das Zuendegehen der eigenen körperlichen Kräfte, die Anerkennung der Begrenztheit der eigenen Leiblichkeit
defectus scientiae – ein Mangel an wissenschaftlicher Bildung. Coelestin „konnte Latein nur aus dem Gebetbuch und der Bibel“. Zu wenig, um sich durchzusetzen!
infirmitas personae – Gebrechlichkeit der Person
malignitas plebis – die Bösartigkeit des Volkes, eine klare Anspielung auf das ihn umgebende Ränkespiel

Insgesamt ein klarer, bewundenswerter, ehrlich erklärter Schritt des später heiliggesprochenen armen Einsiedlers, der versuchte, die ganze westliche Christenheit von außerhalb des Patrimonium Petri geistlich zu lenken! Ignazio Silone hat ihn in seiner Schrift vom „Povero cristiano“ gewürdigt.

Povero cristiano, – der arme Mensch! – das ist ein Ausdruck, den ich während meiner italienischen Gastarbeiterjahre oft gehört habe, und zwar auch und gerade von Menschen, die mit der römisch-katholischen Kirche nichts, aber auch gar nichts mehr am Hut hatten.

Ich meine: Coelestin hat wie Benedikt XVI. die Endlichkeit der menschlichen Person in klaren Worten hinausgesprochen. Coelestin hat bereits zu den Zeiten eines Dante Alighieri die Entmystifizierung des Amtes des Bischofs der Stadt Rom eingeleitet, die sich in diesen Tagen auf nicht leicht zu enträtselnde Art fortzusetzen scheint.

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Was man für Geld nicht kaufen kann: schön danken lernen!

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Feb 122013
 

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„Wir sollten den Bauherren des Potsdamer Platzes, vor allem DaimlerChrysler,  dankbar sein, denn aus ihren ca. 8 Millionen Euro Ausgleichszahlungen wurde unser wunderschöner neuer Park am Gleisdreieck gebaut!“

„Wir Berliner sollten als Single-Hauptstadt den tüchtigen Bayern und den wackeren Baden-Württembergern dankbar sein, denn sie finanzieren über den Länderfinanzausgleich unsere tolle BVG, unsere gegenüber den Südstaatleren viel bessere  Kita-Abdeckung, unsere gegenüber München um 50%  billigeren Berliner Mieten, unsere 3 Mal höhere Arbeitslosenrate …! Ohne die Bayern und Baden-Württemberger stünden jedem Single nur noch 18 statt 40 qm zu, die Miete würde verdoppelt, viele Berliner müssten als Gastarbeiter irgendwo anders zu niedrigen Löhnen arbeiten gehen, etwa in der Türkei, in Libanon, in der Slowakei, in Rumänien.“

Hä? Was ist das für ein schräges Gebrabbel? Darf man als Schwabe von uns Berlinern  Dankbarkeit gegenüber den Geberländern des Bundesfinanzausgleichs verlangen?

Schwierig, sehr schwierig! Dankbarkeit gegenüber anonymen Spendern, an deren mildtätige Gaben man sich gewöhnt hat und auf die wir einen erlernten Anspruch zu besitzen glauben?  Ich glaube, die dauernde Abhängigkeit von finanziellen Zuwendungen hat eher einen verwöhnenden Effekt, der schließlich in Aggressivität gegenüber dem Spender umschlägt: „DIE sollten uns mal dankbar sein, dass wir ihnen eine so schöne Hauptstadt bieten! Da können DIE nicht mithalten!“

Dankbarkeit in der Politik? Das klappt meist nicht. Echte Dankbarkeit empfinden wir meist nur gegenüber Personen mit einem Namen und einem Gesicht, denen wir uns irgendwie verbunden wissen.

Lest hierfür einige beliebige Beispiele von Danksagungen aus meinen jüngsten Lesestoffen:

1: „Den größten Dank schulde ich meiner Familie. Am Esstisch und bei Familienreisen waren meine Söhne Adam und Aaron, wann immer ich sie mit neuen ethischen Dilemmata konfrontierte, stets zu scharfsinnigen, moralisch abgewogenen Reaktionen bereit. Und immer wandten wir uns an Kiku, die uns sagte, wer recht hatte. Ihr widme ich dieses Buch in Liebe.“

2: „Ein großer Dank geht auch an meine Frau für all ihre Ideen, an meinen Mitarbeiter Veysel, dessen einziger Fehler ist, Bayern-Fan zu sein, an die beiden Hakans (Mican und Tunç), an Mustafa, ohne die ich noch heute versuchen würde, eine Verbindungsbrücke zwischen den beiden Gipfeln des Kilimandscharo zu bauen, an die Fußballfreunde aus dem sonntäglichen Kick in Kreuzberg, an die Kids, die mir geholfen haben, die richtigen Fragen zu stellen, und an Bruce Lee, der mir ein Motto lieh: „Wasser kann fließen, kriechen, tropfen, stürzen und schmettern. Sei Wasser, mein Freund!“

3: „Anders als in Türken-Sam bin ich in dieser Geschichte nicht der Hauptakteur. Dieses Buch haben andere auf den Weg gebracht. Menschen, die hinter den Kulissen wirken und die darin zu Wort kommen. Menschen wie Renate und Adolf Hampel in Hungen, die sich – beide längst im hohen Rentenalter – ein halbes Leben für die interkulturelle Verständigung engagiert haben. Ich danke ihnen und allen, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen.“

Drei Männer, drei Mal ein Dankeschön gesagt, auf nette, echte, glaubwürdige Weise. Sie statten Dank an namentlich genannte Menschen in Fleisch und Blut ab, denen sie etwas ver-danken. Mit ihnen verbinden sie Geschichten von Wagnissen, von Treue, von Elternschaft, Ehe, Freundschaft, von wechselseitiger Hilfe. Nur diese persönlichen Erfahrungen von Güte und Treue ermöglichen ein echtes Gefühl von Dankbarkeit. Diese Verbundenheit ist es, die letztlich Familien, Städte und ganze Länder zusammenhält. Nicht das Geld der anderen, nicht die Politik, nicht so merkwürdige Dinge wie „soziale Gerechtigkeit“, sondern Treue und Liebe zwischen Eltern und Kindern, von Mann und Weib, von Freundin und Freund, von 11 oder 22 Freunden, von Mit-Menschen und Neben-Wohnern. Wir dürfen ein Wort wagen: das grundlegende Vertrauen in diese überzeitlichen Werte – Familie, Gattenliebe, Freundschaft , Treue – macht  den berühmten „Wertekonservatismus“ aus. Ich nenne diese Grundhaltung auch den Personalismus der Mitte. Eine Grundeinsicht dafür lautet: „Die Welt, die Gesellschaft als solche ist eigentlich weder gerecht noch ungerecht. Menschen verhalten sich gerecht oder oder ungerecht, benehmen sich gut oder böse, geben sich faul oder fleißig. Lasst uns möglichst gerechte, gute, fleißige Menschen sein und anderen als Vorbild dienen!““

Das grundlegende Vertrauen in die regelnde, ausgleichende, gerechtigkeitschaffende Gesellschaft, der Glaube an den gütigen, geldverteilenden und fürsorglichen Staat, der Glaube an die strukturprägende Macht der Politik bis ins Leben der Familien und der individuellen Schicksale hinein ist im Gegensatz dazu ein Merkmal des reformerischen oder revolutionären linken oder rechten Politikansatzes. Man könnte ihn auch den Strukturalismus der sozialen Gerechtigkeit nennen. Grundbekenntnis ist: „Die Welt ist eigentlich ungerecht. Die Gesellschaft ist eigentlich ungerecht. Lasst uns endlich gerechte Verhältnisse schaffen!“

Ich danke den vorbildlichen Buchschreibern Michael, Cem und Cem für diese Einsicht.

Und hier kommen die Quellenangaben (mit bestem Dank):

1) Michael J. Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes. Aus dem Amerikanischen von Helmut Reuter. Ullstein Verlag, Berlin 2012, S. 294
2) Cem Özdemir: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur. Beltz&Gelberg, Weinheim 2008, S. 253
3) Cem Gülay/Helmut Kuhn: Kein Döner Land. Kurze Interviews mit fiesen Migranten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012, [Kindle-Ausgabe], Pos. 2770

Bild: unser wunderschöner neuer Park am Gleisdreieck. Wir sagen schon mal danke. An alle.

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Harzreise im Winter

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Feb 112013
 

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Von Wernigerode, der bunten Stadt am Harz, brachte uns gestern der Hauderer, wie man früher sagte, der recht gesprächige Mietdroschkenkutscher also, zügig und schnell hinauf ins Harzgebirg, in die Gegend von Schirke und Elend. Denn der 257er Bus des HVB, der Harzer Verkehrsbetriebe GmbH  war um 10.15 Uhr uns vor der Nase abgefahren, wir aber wollten den letzten Tag unseres Harz-Aufenthaltes noch nutzen, um auf schmalem Pfad die herrliche Bergluft einzuatmen, mit jugendlichem Übermut den Blick zu weiten, einmal recht frei herabzublicken auf die verwöhnten Städter und bequemen Zauderer.

„Wem gehörte früher euer Wernigeröder Schloss, das da so schön über eurem Städtchen thront?“, fragten wir den Taxifahrer. „Das waren die Grafen zu Stolberg-Wernigerode. Sie wurden 1945 durch die Bodenreform enteignet. Es gab nach der Wende wohl noch einige juristische Auseinandersetzungen über die Rückgabe des enteigneten Eigentums, aber letztlich einigte man sich. Wir Wernigeröder haben ja auch den goldenen Löwen all die Jahrzehnte behütet, und so war es recht und billig, dass nebst dem Schloss auch der goldene Löwe bei uns blieb und nicht den alten Eigentümern zurückgegeben wurde.“

„Die Stolbergs! Ich kenne einen Dichter dieses Namens! Friedrich Leopold Graf zu Stolberg hat immerhin die Texte zu einigen der bedeutendsten Lieder Franz Schuberts geliefert, darunter auch sein Auf dem Wasser zu singen„, gab ich zu bedenken.

In der Tat: Das Dichterwort kann im Gegensatz zu Schlössern und goldenen Löwen nicht enteignet werden, es wird schließlich Allgemeinbesitz.  Plagiatejäger mögen sich heutigentags, im Zeitalter von Internet und Blogosphäre,  dem Geier gleich gütlich tun! Ab dem Zeitpunkt von 70 Jahren nach dem Tod des Dichters erklingen die Worte der Dichter weiter, sie werden gemeinfrei wie die Lüfte auf den Bergen, und keiner, der ihn zitiert, braucht Rechenschaft abzulegen auf jene drängenden Fragen:

Wo hast du das genommen?
Wie konnt es zu dir kommen?

Einen Knotenstock oder Besenstiel brauchten wir nicht für unsere Wanderung, wir liehen uns statt dessen für 10.- Euro Tagesgebühr jedes ein Paar Langlaufskier samt achselhohen Stöcken, schulterten die Skier und stiegen knapp vor der Schierker Jugendherberge in die weitläufige Loipenlandschaft ein. Die ganze Gegend von Schirke (wie man früher statt Schierke schrieb)  und Elend ist wunderbar leichten Schrittes auf diesen neuartigen, leichten, sehr gefügigen Leisten zu erkunden. Klimapolitisch ist die gezielte Förderung des regional gebundenen Langlauf-Skifahrens ohnehin alternativlos, der Umwelteingriff ist beim Ski-Langlauf minimal. Kein Vergleich zu den dröhnenden Schneekanonen und dem breitflächigen Erd-Abtrag im alpinen Ski-Zirkus, wie ihn die Reichen und Mächtigen unseres Landes pflegen!

Immer wieder hielten wir an, verschnauften, gerieten in Entzücken angesichts der schneestarrenden, gebeugten Bergfichten.

Ich machte die eine oder andere Aufnahme. Und da, als ich gestern das untenstehende Bild schoss wie der Jäger das flüchtende Wild, da kamen mir auch die alten, die ewig jungen Verse der Harzreise im Winter in den Sinn:

In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

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Die beiden Fotos entstanden gestern beim Ski-Langlaufen im Harzgebirg, Gegend von Schierke und Elend

Quellennachweis:

Johann Wolfgang Goethe: „Harzreise im Winter“, in: Karl Otto Conrady (Hrsg.): Das große deutsche Gedichtbuch.  Athenäum Verlag, Kronberg Ts./1977, S. 246

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Feb 072013
 

2013-02-05-152209-1024×768.jpg „Wir können uns nicht eine Haltung leisten wie die britischen Tories, die eine Renationalisierung anstreben. Für England mag das gehen, aber eine Renationalisierung Deutschlands würden unsere Nachbarn als Abkehr von Europa auffassen. Und dann gilt: Wenn Deutschland anti-europäisch wird, wird der Rest Europas antideutsch.“

In diesen Worten wird gerade der EU-Parlamentarier Alexander Graf Lambsdorff in einem sehr klugen, sehr profunden Interview zitiert. Lesenswert!

http://www.welt.de/politik/deutschland/article113434271/Camerons-Rueckabwicklung-waere-brandgefaehrlich.html

Und genau das ist die historische Lebenslüge der allermeisten deutschen Europa-Politiker. Sie wenden sich gegen eine von Kritikern der gegenwärtigen EU-Politik, von Kritikern der gegenwärtigen EU-Kommission angeblich betriebene, angeblich drohende „Renationalisierung Deutschlands“, „Renationalisierung Großbritanniens“. Sie fassen die EU demnach ganz offen  als Projekt zur Einhegung, letztlich zur Entnationalisierung Deutschlands auf. Die unterschwellige Argumentation ist stets dieselbe: Da Deutschland und nur Deutschland ab dem 28. Juni 1914 so viel Leid, Krieg und politisch motivierten Massenmord über den ganzen Kontinent gebracht habe, müsse man Deutschland endlich entnationalisieren. Nur ein entnationalisiertes Deutschland sei ein gutes Deutschland.

Was haben sie euch Deutschen denn ins Mittagessen gemischt?“ So fragen mich immer wieder entgeistert meine ausländischen Freundinnen und Freunde.

Grotesk verzerrtes Geschichtsbild, das sich da in den Reden der Politiker ausspricht! Ihnen ist zu entgegnen: Nicht Deutschland, sondern der europäische Kolonialismus, der ab den antifranzösischen Kriegen ab 1806 anwachsende europäische Nationalismus, der europäische Kommunismus, der europäische Sozialismus, der europäische Rassismus, der europäische Faschismus, der europäische Nationalsozialismus, der sowjetisch-europäische Bolschewismus, der europäische Antisemitismus haben unendlich viel Leid, Krieg und Massenmord über Europa und die Welt gebracht. Alle europäischen Nationen waren daran beteiligt, alle haben kräftig auf der einen oder anderen Seite und meist auch auf beiden Seiten mitgemischt. Mit dem einen Unterschied, dass 1945 Deutschland und nur Deutschland als Alleinschuldiger für alles Übel, das ab 1914 geschehen war, dastand, während alle Verbündeten Deutschlands, alle einstigen Mitläufer, Kollaborateure und Vasallen Deutschlands wie etwa der Französische Staat, Rumänien, Italien oder Ungarn plötzlich auf Seiten der Sieger standen oder sich – wie etwa Österreich, Finnland, die Slowakei – als Opfer Deutschlands ausgaben.   Die Sowjetunion, alle Verbündeten der Sowjetunion, alle Vasallen der Sowjetunion hingegen nahmen auf der Seite der Sieger Platz. Mit Namen ausgedrückt: Hitler, Pétain, Pater Tiso und Mussolini und alle anderen abgrundtief böse, deshalb: Stalin, Kalinin, Dimitroff und Edvard Benesch e tutti quanti – politische Engel, sehr gute Menschen! Stalin und Lenin und deren Verbündete (und obendrein Mao und Trotzkij) – särr gutt!

Der in Berlin lebende Brite Barnaby Pole drückte das in der letzten Nummer unseres Berliner  Stadtmagazins zitty so aus:

„Hitler und die Nazis sind das perfekte Beispiel für den Kampf Gut gegen Böse.“

Zum Mitschreiben: „Hitler und sein Überfall auf Polen böse.“ Richtig. Das sehe ich auch so. „Lenin und sein Gulag und seine Überfälle auf Nachbarstaaten, Stalin und seine Überfälle auf Nachbarstaaten, auf  Polen und sein Katyn also gut, sehr gut.“ Falsch! Dieser vorherrschenden Einschätzung kann ich mich als überzeugter Europäer nicht anschließen.  Dass die Sowjetunion ab 1921 bis etwa 1980 (Überfall auf das sich islamisierende Afghanistan) eine extrem aggressive, extrem militarisierte Entrechtungs- und Überfallpolitik auf die Nachbarstaaten in Asien und in Osteuropa betrieb, ist außerhalb der Zunft der Osteuropahistoriker unbekannt, wird verleugnet und totgeschwiegen. Ab etwa 1981 jedoch hat die Sowjetunion ihren aggressiven Kurs der militärischen Einhegung der Nachbarstaaten verlassen. Sie konnte ja nicht mehr.

Mit dieser überall aufgetischten Lebenslüge der europäischen Nachkriegsordnung („Deutschland böse, alle Gegner Deutschlands gut, sehr gut“) konnte die kommunistische Sowjetunion ihr riesiges Reich der Unfreiheit über die Ukraine, Polen, Ungarn, Rumänien, Estland, Lettland, Litauen und die Tschechoslowakei hinweg bis ins Herz Europas vorschieben, während der Westen Europas einschließlich der Bundesrepublik Deutschland befreit aufatmete.

Der große Irrtum der Deutschen ist es, wenn die EU als Projekt zur Eindämmung, Einhegung und Entnationalisierung der Deutschen betrieben oder auch nur gedeutet wird. So war es von Schuman, de Gasperi und Adenauer nicht gemeint.

Nirgendwo in den europäischen Bevölkerungen besteht eine ernsthafte Neigung, wesentliche Teile der staatlichen Souveränität an die EU abzutreten – was aber de jure und auch de facto bereits geschehen ist. In keinem anderen Land der Europäischen Union – wirklich in keinem EU-Land – wird die Europäische Union von Vertretern des eigenen politischen Spitzenpersonals als Projekt zur Einhegung oder Entnationalisierung  des eigenen Staates (z.B. Frankreichs, Belgiens, Tschechiens, Polens, Italiens, Estlands …) angesehen oder betrieben. Da steht Deutschland und ein Teil der europäischen Macht- und Führungselite derzeit ganz allein auf weiter Flur. Und wie immer, wenn Deutschland ganz allein auf weiter Flur steht, handelt es sich um einen Irrweg.

Die Entnationalisierung Deutschlands ist ein deutscher Sonderweg, die Selbst-Entnationalisierung Deutschlands ist ein deutscher Irrweg.

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Welchen monetären oder moralischen Wert, welche Daseinsberechtigung haben eigentlich Kinder?

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Feb 062013
 

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Fast alle deutschen Journalistinnen und Journalisten, fast alle deutschen Politikerinnen und Politiker jammern und barmen nach dem Staat, jammern und barmen nach der Politik. Die Politik soll die Menschen glücklich machen. Die Parteien überbieten sich darin, all jenen, denen sie vorher Gefühle der Benachteiligung eingeredet haben, dann postwendend Förderung, Geld, Geld und nochmal Geld zu versprechen. „Wartet, liebe Bürger, wenn ihr uns wählt, dann geht’s euch aber richtig gut, dann hat alle Ungerechtigkeit auf Erden ein Ende!“

Neuestes Beispiel: Kinder. Erneut wird allein monetär über den Wert der Kinder geredet. Niemand stellt sich hin, der sagt: „Egal ob man nun besser oder schlechter dasteht – es ist immer ein großes Glück und manchmal auch ein großes Unglück, Kinder zu haben. Ehe und Familie sind eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Form, in der volles Menschsein zur Entfaltung kommt, und zwar unabhängig von der Politik, unabhängig von jeder Staatsform.  Die unleugbaren materiellen Nachteile, die das Kinderzeugen und das Kindererziehen mit sich bringt, werden durch tausendfältiges Glück, durch tausendfältiges Leiden in den Gefühlen und den Gedanken mehr als wettgemacht. Das lässt sich mit Geld und Gold gar nicht aufwiegen. Die Entscheidung für oder gegen Familie im Wesentlichen von den Wohltaten des Staates abhängig zu machen, ist unmoralisch.“

Dabei wird in den familienpolitischen Debatten gelogen und betrogen, gefeilscht und gezankt wie in den besten Familien, die sich über das Erbe des Oheims zerstreiten. Es wird gehauen und gestochen, dass es eine Wonne ist. Eine große Lüge ist es beispielsweise, wenn behauptet wird, Kinder bräuchten im Alter von 0-3 Jahren unbedingt die Kita zum besseren Lernen, zum besseren Spracherwerb. Es gibt keinen Beleg dafür. Nichts, keine Biographie, keine seriöse wissenschaftliche Untersuchung, die eindeutig besagt, dass Kinder bessere Sprachfertigkeiten erwerben, wenn sie bereits vor dem Alter von 3 Jahren die Krippe oder die Kita besuchen!

Exemplarisch dafür der folgende nette kleine Clip:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/1768634/Betreuungsgeld-in-der-Kritik

Fast nicht wird geredet darüber, was die KINDER im Alter von 0-3 Jahren brauchen: Bindung, Geborgenheit, Urvertrauen durch die enge räumliche Nähe an Mutter und/oder Vater bzw. an Ersatzmutter oder Ersatzvater.

Wohl und Wehe des Kindes wird nicht gesehen. Im Mittelpunkt stehen die Erwachsenen mit ihren finanziellen Ansprüchen und karrieretechnischen Wünschen, steht die Volkswirtschaft und die Karriere!

Man lese nur etwa die Stellungnahmen aus dem SPIEGEL:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zehn-jungpolitiker-ueber-den-unsinn-in-der-familienpolitik-a-881532.html

Soeben erreichte uns hierzu auch diese öffentliche Stellungnahme aus der Feder Hedwig von Beverfoerdes, die wir hier wiedergeben und zur Diskussion stellen:

 Berlin, den 06.02.2013 Ungenannte „Experten“ arbeiten derzeit im Auftrag des Finanzministeriums sowie des Familienministeriums an einer Studie zur Bewertung der Wirksamkeit familienpolitischer Leistungen. Vor wenigen Tagen hat das Magazin DER SPIEGEL einen „internen Zwischenbericht“  der Studie veröffentlicht. Aus der sicheren Deckung vermeintlicher Wissenschaftlichkeit heraus wird darin die finanzielle Basis der Familien in Deutschland unter Beschuß genommen.

Die Studie basiert allerdings auf Grundlagen, die so grob fehlerhaft sind, daß man sowohl bezüglich des Inhalts als auch des Prozederes ihrer Veröffentlichung von einem interessegeleiteten Propagandamanöver sprechen muß. Das Fazit der „Studie“ überrascht deshalb nicht. Es ist ebenso simpel wie durchsichtig: Gelder, die den Familien direkt zukommen zur eigenverantwortlichen Verwendung, werden im Bericht fast durchgängig als „unwirksam“ beurteilt, während die Subventionierung außerhäuslicher Betreuung positive Bewertung erfährt.

Dazu die Sprecherin der Initiative Familienschutz, Hedwig von Beverfoerde: „Das hat mit seriöser Evaluation nichts mehr zu tun. Hier wird Krieg geführt gegen die Familie.“

Drastischster Beleg für die mangelnde Seriosität der Studie ist die Tatsache, daß sie nach wie vor an der erwiesenermaßen falschen Zahl von 200 Milliarden Euro Familienleistungen festhält. Diese seit Jahren in der Debatte umherirrende falsche Zahl hatte das Familienministerium erst vor wenigen Wochen im Familienreport 2012 auf 55 Milliarden als „Familienförderung im engeren Sinne“ korrigiert. Hedwig von Beverfoerde stellt dazu klar: „Die Autoren dieser Studie haben offenbar erneut Leistungen zur Familienförderung gezählt, die überhaupt nicht dazu gehören. Das Kindergeld ist zu zwei Dritteln eine Rückzahlung des Staates von zu viel bezahlten Steuern der Familien mit Kindern. Die Mitversicherung von Familienangehörigen in der Krankenkasse wird über die Krankenversicherungsbeiträge vom Versicherten selbst finanziert, nicht vom Staat. Es ist eine Frechheit, nach der jüngst endlich erfolgten Richtigstellung des Familienministeriums hier nach wie vor etwas anderes zu behaupten.“

Auch die Diskreditierung des Ehegattensplittings als „Förderung der traditionellen Versorger-Ehe“, in der ein Hauptverdiener (meist der Mann) den Rest der Familie versorge, ist unredlich, da sachlich falsch. Das Splittingverfahren dient vielmehr der Vermeidung von Überbesteuerung von Ehegatten im Verhältnis zu Singles, da Ehegatten in einer Wirtschafts- und Erwerbsgemeinschaft leben, die ihnen auch vielfältige finanzwirksame gegenseitige Verpflichtungen auferlegt. Das Ehegattensplitting erfüllt, anders als in der Studie behauptet, genau seinen steuerlichen Gleichbehandlungs-Zweck.

Von Beverfoerde: „Ein Staatsziel zur Erzwingung gleichmäßiger Voll-Erwerbstätigkeit von Müttern und Väter bei maximaler staatlicher Kindesbetreuung, zu dessen Erreichen staatliche Familienleistungen in ihrer Wirksamkeit zu messen wären, existiert nicht. Ein solches Ziel wäre mit unserer Verfassung auch nicht vereinbar. Diese Studie ist daher das Papier nicht wert, auf dem sie steht.“

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„Schamt’s enk!“, oder: Wenn schon fremdschämen – dann richtig!

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Feb 052013
 

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„Bairisch wurde 2009 von der UNESCO auf die Liste der aussterbenden Sprachen gesetzt. Doch gerade die Sprache verbindet uns mit der Heimat und egal wo und was für den Einzelnen Heimat ist, sie mag im Koffer, im Fotoalbum oder vor der Haustüre sein – die Sprache ist und bleibt immer ein Teil von ihr. Allerdings ist Sprache auch ein Teil einer anderen Heimat, einer Heimat, die uns fremd ist, die wir nicht kennen, aber die Heimat des Anderen ist. Da helfen nur Toleranz, Respekt und Zuneigung.“

Gute, treffende, nachdenkliche Worte von Rosemarie Will zum Eingang des Berchtesgadener Heimatkalenders 2013, den wir hier im Familienkreis im preußischen Friedrichshain-Kreuzberg mit großem Gewinn lesen!

Redlichkeit gebietet es allerdings auch in der Blogosphäre, eigene sprachliche und sachliche Fehler einzugestehen. So unterlief uns gestern ein dicker Patzer bei der Pluralbildung von „Scham di“ / „schäme dich, Bayern, dass du die staatliche Kleinstkinderbetreuungsquote so niedrig hast und wertvolle Menschen bzw. Humanressourcen dem Produktionskreislauf vorenthältst!“

Schamt’s eahna ist falsch. Schämt euch, ihr Bayern! muss in gutem gepflegtem Bairisch lauten: „schamt’s enk!“ oder auch „schamt’s aich„.

Zu höhergestellten Damen könnte man sagen:

Schamen’s eahna – schämen Sie sich, dass sie Ihr Kleinstkind selbst betreuen, statt es in professionelle Hände abzugeben.

Und damit für heute auf  Türkisch:

allahaısmarladık

oder, wie der Bayer im preußischen Friedrichshain-Kreuzberg sagt:

Pfüt eahna God!, oder Pfiat aich God!

Gemeint ist ohnehin dasselbe:

Guit scho – „es gilt schon“.

Rosemarie Will: „Grüß Gott“. Berchtesgadener Heimatkalender 2013, Verlag Berchtesgadener Anzeiger, Berchtesgaden 2012, S. 75-89

Bild: Portal der Berchtesgadener Stiftskirche St. Peter und Johannes der Täufer

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Schamt’s eahna! Nur 20% Kinderbetreuungsquote bei Unter-3-Jährigen!

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Feb 052013
 

Meine beiden Lieblings-Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg haben mit 20% Betreuungsquote bei den unter-3jährigen Kindern fast die hintersten, also die schlechtesten  Plätze unter allen Bundesländern. Sie haben die hohen Erwartungen, die die Bundespolitik in sie setzte, bisher nicht erfüllt. Besser sind Berlin und Brandenburg mit 41% Betreuungsquote, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (56%) sind die Klassenbesten unter allen Bundesländern! Die hohen Zahlungen der Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg in den Länderfinanzausgleich sind als  eine Art gerechte Bestrafung für die Plan-Untererfüllung zu werten.

Scham di Bayern! Scham di, Schwaben – Schäme dich, Bayern und Schwaben! In beiden Ländern, die ich ja auch aus eigener Lebenserfahrung kenne, werden Kinder zu redlichen, anständigen, fleißigen Menschen erzogen. „Ehre Vater und Mutter!“, „Väter und Mütter: Kümmert euch um eure kleinen Kinder!“, „Du sollst nicht lügen!“, Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst!“, „Du sollst nicht ehebrechen!“,  „Du sollst nicht morden!“, „Bekämpfe Schmutz und Schund in der Zeitschriftenliteratur!“ (=“Steck deine Nase nicht in Sexheftla“)   – derartige Gebote wurden uns damals wohl tausendfach eingeschärft, in die Seele einmassiert! „Familien – haltet zusammen!“, ist ebenfalls überall zu hören.

Wer will, möge Caroline Links 1996 gedrehten Film „Jenseits des Schweigens“ sehen, der in Bayern spielt: lauter kantige, schwierige, aber dem Guten zugewandte, umeinander ringende, füreinander sorgende Menschen!

Ergebnis: schlechte, niederschmetternd niedrige Werte bei der staatlichen Kleinkindbetreuung, ebenfalls sehr niedrige Werte bei Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Schulversagern, ebenfalls niedrige Werte bei Umweltverschmutzung, aber hohe Werte bei Produktivität, Innovation und Wirtschaftskraft in den beiden Südstaaten.

Niederschmetternd auch: der Bundesratspräsident Winfried Kretschmann und seine Ehefrau lassen es zu, dass eine eigentlich durchaus aufgeklärte, linksliberale Zeitung wie die Süddeutsche Zeitung geradezu ein Andachtsbild der christlichen Ehe, der christlichen Familie zeichnete – dieses Blog berichtete. „Ich musste mich um unsere drei Kinder kümmern, ich kann kochen und backen, ich bin nur die Mutter meiner drei Kinder“, so etwa Gerlinde Kretschmann. Es entsteht hier wie überall sonst in Bayern und Baden-Württemberg immer wieder der Eindruck, als sei die traditionelle Familie mit Vater, Mutter, mehreren Kindern und Verwandten der ideale Rahmen, um Kinder zu glücklichen, lebensfrohen und tüchtigen Menschen zu erziehen.

Dabei scheint viel dafür zu sprechen, dasss es das beste ist, wenn die Kinder bis zum Alter von etwa 3 Jahren von ihrer Mutter oder einem Mutter-Ersatz, also einer weiblichen Pflegerin oder Hegerin,  in einem  familienähnlichen Rahmen erzogen werden, in einer „Kinderstube“ behütet und beschützt werden, wie das die Zoologen nennen.

Erst im Alter von etwa 3 oder eher 4 Jahren sind die Kinder dann gefestigt genug, um täglich mehrere Stunden außerhalb der Kinderstube zu verbringen.

Tja, Freunde, genau so sehe ich das auch – im Gegensatz zu allen im Bundestag vertretenen Parteien. Die Steigerung der außerhäusigen Kleinstkindbetreuungsquote hätte niemals zum erklärten Planerfüllungsziel der Familienpolitik werden dürfen.

Ich halte es für verheerend, wenn die Politik sich anmaßt, eine staatliche Betreuungsquote, eine Soll-Größe für außerhäusige Betreuung der unter 3-Jährigen als Ziel festzusetzen. Besser ist es, wenn die Familie enger zusammenrückt und um des Glückes der Kinder willen materielle Einbußen erleidet. Das ist meine Meinung. Notfalls leiden halte die Karrieren der Väter oder der Mütter.

Mit materiellen Anreizen die viel zu niedrige Kinderzahl erhöhen zu wollen, ist ein Irrweg. Nein, wir müssen es wieder lernen, dass die auf Kinder hin sich erweiternde Ehe und die Familie, also die natürliche, in den ersten 2-3 Jahren aufgebaute und dann lebenslang gefestigte  Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern  der Ursprung und der Keim des gesellschaftlichen Zusammenhaltes ist.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bericht-zur-familienpolitik-befeuert-wahlkampf-um-kindergeld-und-co-a-881370.html

 Posted by at 00:37

„Heizpilze bleiben verboten!“, oder: „Klimaschutz geht vor Eigennutz“

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Feb 042013
 

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Artenschutz geht vor Eigennutz!

Spannend! Im Berchtesgadener Heimatkalender des Jahres 2013 gibt es eine Geschichte über die Ansiedlung bzw. Wiederansiedlung des edlen Steinwildes und den Naturschutz in der Röth, einem hochgelegenen Almgebiet oberhalb des Obersees in den Berchtesgadener Alpen, gegen den Willen der Bevölkerung durch den Nazi im grünen Rock, den damaligen Reichsforst- und Reichsjägermeister Hermann Göring durchgedrückt. Die Bevölkerung wollte zwar 1935 die Berge weiterhin als Wirtschaftsraum für Almbeweidung und Wandertourismus nutzen, der Reichsgrüne Göring verlangte aber herrisch Flächenstilllegung, Wiederansiedlung bedrohter Arten, Naturschutz. „Artenschutz geht vor Eigennutz“, lautete ein Wahlspruch der Nationalsozialisten,  und bereits 1934 ordnete Göring gegen die Interessen der Wanderer und Almbauern an, „dass die Röth zum Naturschutzgebiet besonderer Ordnung erklärt wird.“ Umfangreiche Nutzungs- und Wegeverbote wurden durch das Bezirksamt Berchtesgaden verhängt. Die Natur, das edle, das rassige Wild durfte durch schnödes Wirtschaften des Menschen nicht gestört werden! Naturschutz war in den Augen der Herrschenden wichtiger als wirtschaftliche Interessen der Berchtesgadener Einheimischen.

Unser im Juli 2012 geschossenes Bild zeigt einen Blick über den herrlichen Obersee hin, genau auf jene Röth hin, wo der „Steinbock“ oder das Steinwild, wie der Waidmann sagt (capra ibex), 1935 in einem speziellen Artenschutzprogramm wieder ausgewildert wurde.

Sehr oft habe ich mich mit der Generation meiner Väter über die Grundgedanken der Ökologie und des Umweltschutzes gestritten und unterhalten. Wie die meisten Jugendlichen und die meisten Bildungsbürgersöhne neigte ich innerlich den Grünen zu. Ich fasse meine Erkenntnisse aus den damaligen Gesprächen vorläufig so zusammen:

Mit dem ganzen Geraune von Naturschutz, Schutz der Heimat, Umweltschutz, Klimaschutz, Reinhaltung des Mutterbodens, Schutz vor Verseuchung der Erde usw. konnte sie, die erste Nachkriegsgeneration, die Generation der Söhne und Töchter der Nazis,  – exemplarisch verkörpert in der neugegründeten CDU/CSU – nichts mehr anfangen.  Die Väter von der CSU und CDU sagten mir:

„Am wichtigsten war nach Krieg, Massenmorden und Vertreibung, dass wieder Recht und Gerechtigkeit einkehrten. Die Menschenrechte waren ja 1918-1947 durch die sowjetischen Kommunisten und die europäischen Nazis mit Füßen getreten worden. Die Nazis und die Kommunisten huldigten einem Gewaltideal, das sie als Naturideal ausgaben: das herrische Raubtier Nietzsches blitzte einerseits aus dem Auge des arischen Naturburschen auf.  Die unterdrückte Kreatur, der Naturmensch, der Proletarier eines Karl Marx,  setzt sich andererseits gegen den ruchlosen Unterdrücker, den Kapitalisten zur Wehr – dieses Bekenntnis zur unvorgreiflichen Natur einte Kommunisten und Nationalsozialisten. Damit wollten wir aufräumen. Wir wollten vor allem die Einhaltung der Menschenrechte, wir wollten vor allem Rechtsstaatlichkeit. Wir brauchten nach Kriegen, politischen Massenmorden und Vertreibungen vor allem Frieden und Häuser, Straßen, Schulen, Arbeit und Brot, etwas zu beißen! Ganze Lehrergenerationen waren durch die Nazis im Westen Europas und die Kommunisten im Osten Europas vernichtet worden – der Naturschutz musste selbstverständlich im Vergleich zum NS-Regime, das unleugbar Beispielhaftes im Bereich des Natur- und Landschaftsschutzes geleistet hatte, deutlich zurücktreten. Auch für die ideologische Aufarbeitung der NS-Zeit blieb keine Zeit. Wir Deutschen wollten Schluss machen mit allem, wofür die Nationalsozialisten und die Kommunisten standen, unter anderem mit dem Kult der Natur und dem Kult der Gewalt. Daraus entstand die Bundesrepublik Deutschland, die sich zu den unverletztlichen Menschenrechten und den ewigen Freiheitsrechten aller Menschen bekannte, nicht hingegen zu einer ewigen oder heiligen Natur, nicht zu einem heiligen Boden, und am allerwenigsten zu einem Blut der Rasse!“

Soweit das Grundgerüst der Argumente, die ich in meiner Kindheit und Jugend immer wieder hörte. In der Politik der 50er und 60er Jahre spielte der Naturschutz nur eine untergeordnete Rolle.

Die Grünen, also die geistig-politischen Enkelinnen und Enkel der Nazis, haben beginnend in den späten 70er Jahren, einige alte, wesentliche Bestandteile der nationalsozialistischen Ideologie und der nationalsozialistischen Politik wiederbelebt und wieder aufgegriffen, insbesondere

-den Grundsatz der ganzheitlichen Bestandspflege,
-den nachhaltigen Ansatz des Natur- und Umweltschutzes, verkörpert insbesondere im bahnbrechenden  deutschen Reichsnaturschutzgesetz von 1935,
-die Reinhaltung des heimatlichen Bodens vor der Verseuchung, wobei Verseuchung des Bodens in den Augen der Nationalsozialisten durch naturferne, artfremde, „zersetzende“, „spaltende“ „Rassen“ erfolgte, 3 Jahrzehnte später bei den Grünen  durch die naturwidrige, „zersetzende“, „spaltende“ Atomkraft bewirkt wurde.

Auch die Selbstermächtigung durch die Lehre vom „Ausnahmezustand“, wie sie der maßgebliche NS-Rechtstheoretiker Carl Schmitt entwickelt hatte, taucht ansatzweise bei den Anti-Atom-Bewegungen, bei der westdeutschen Friedensbewegung und dann – in geradezu reinrassiger Wiedergeburt – bei den linken Terroristen der Roten Arme Fraktion (RAF) wieder auf.

Bei den recht zahlreichen einsichtsfähigen, akademisch gebildeten Grünen-Politikern wie etwa Jürgen Trittin sind diese Strukturanalogien zwischen nationalsozialistischem Naturschutzgedanken und ökosozialistischem Klimaschutzgedanken durchaus bekannt. Die recht zahlreichen einsichtsfähigen Grünen wären möglicherweise durchaus bereit zuzugeben: „Es war ja nicht alles schlecht, was die Nazis eingeführt haben. Denn Mülltrennung, ganzheitlicher Naturschutz, Artenschutzprogramme, Wiederansiedlung ausgerotteter Arten, Grundsatz des Naturschutz geht vor Eigennutz, Flächenstilllegung, Schutz des Bodens vor Verseuchung – das sind alles Dinge, die in der Tat die Nationalsozialisten in Deutschland auf breiter Front eingeführt haben. Das haben wir Grünen – so schmerzhaft dies ist, so sehr wir uns von den Nazis unterscheiden – von den Nationalsozialisten und den italienischen Faschisten unbewusst übernommen. “

Der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin drückte dies höchst diplomatisch, aber doch unumwunden 2002 so aus:

(E)s gab eigentlich keinen Punkt, an dem Naturschutz und Nationalsozialismus ideologisch grundsätzlich unvereinbar waren.

Es ehrt den ehemaligen grünen Umweltminister, dass er bereit ist, maßgebliche Traditionen seiner Partei bis in die Jahre 1933-1945 zurückzuverfolgen. Die frühere Anti-AKW-Politik, die Klimaschutzpolitik der heutigen Grünen trägt leider in der Tat gewisse manichäische, welterlösende, pathetische und diktatorische Züge – etwa dann, wenn behauptet wird, der Klimaschutz sei die alles überragende Aufgabe der heutigen Politik, dem alles andere unterzuordnen sei.

Keineswegs sei aber hiermit behauptet, die Grünen seien ebenso gefährlich wie die Nationalsozialisten. Nur einen gewissen apodiktischen Starrsinn, eine alles wegwischende, autoritäre Geste, die wird man den Grünen durchaus zusprechen können.

Hierfür ein beliebiges Beispiel:

„Heizpilze bleiben verboten!“ So wörtlich und allen Ernstes unser herrisches Bezirksamt 2010. Klimaschutz geht vor Eigennutz der Restaurants! Mit dieser Begründung verhängten Grüne und Rote  in unserem Bezirk 2009 ein klimapolitisch begründetes Verbot der Aufstellung von Wärmestrahlern im Freien, denn „ein Heizpilz belastet das Klima genau so stark wie ein PKW“.

Trockenen Auges gesteht allerdings der Bezirksbürgermeister Schulz von den Grünen im selben Jahr: „Ich fahre gern Fahrrad, aber ich fahre auch  Auto. Das ist für mich kein Gegensatz.

Da stellt sich doch die Frage: Wäre es nicht angebrachter, zielführender, ehrlicher, die hunderttausenden von klimapolitischen rollenden GAU’s, die gesundheitsgefährdenden erdölgetriebenen PKWs in Friedrichshain-Kreuzberg zu verbieten – oder mindestens dem Radverkehr wenigstens annähernde Gleichrangigkeit mit dem Autoverkehr in Friedrichshain-Kreuzberg einzuräumen – statt die lumpigen paar Heizpilze zu verbieten, die klimapolitisch völlig unerheblich sind, aber ein paar Euros mehr in den Steuersäckel gespült hätten?

Naturschutz und Nationalsozialismus - Radkau, Joachim / Uekötter, Frank (Hgg.)

 Wissenschaftliches Schrifttum:

Radkau, Joachim; Uekötter, Frank (Hg.): Naturschutz und Nationalsozialismus. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2003, Trittin-Zitat hier: S. 38

Heimatkundliches Schrifttum:

Pressemitteilung des Bezirksamtes: „Heizpilze bleiben verboten!“ http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/20100714.1105.302973.html
Günther Gödde: Wie das Steinwild in der Röth bei Berchtesgaden eingebürgert wurde. Eine heimatkundliche Betrachtung. In: Berchtesgadener Heimatkalender 2013, Verlag Berchtesgadener Anzeiger, Berchtesgaden 2012, S. 75-89
http://berchtesgadener-heimatkalender.de/b/Original_Berchtesgadener_Heimatkalender.html
Spannende Prozesse rechts und links der Spree.“ Im Gespräch mit Bezirksbürgermeister Dr. Franz Schulz. In: Friedrichshain-Kreuzberg. Ein Bezirk mit vielen Gesichtern. 2009/10.  Berlin 2009, S.1- 2, hier S. 2 [Bezirksbroschüre]

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„Wenn das der König wüsste!“, oder: Warum ist Radfahren in Kreuzberg immer noch lebensgefährlich?

 Fahrrad, Friedrichshain-Kreuzberg  Kommentare deaktiviert für „Wenn das der König wüsste!“, oder: Warum ist Radfahren in Kreuzberg immer noch lebensgefährlich?
Feb 042013
 

 

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„Berlin wird grüner und gesünder, etwa durch mehr Fahrradstraßen und Radstreifen auf großen Straßen wie der Skalitzer. Dort ist es auf dem Rad lebensgefährlich. Die Grünen wollen das nun ändern.“

http://www.taz.de/!60594/

Hört hört! Das ist eine klare Aussage eines bekannten VW-Touran-Fahrers (er braucht den Touran einfach für den Wahlkampf) aus dem Jahr 2010 (!), der kürzlich wieder von der andächtig ergebenen Gemeinde zum Bundestagskandidaten gewählt wurde. Es ist doch so viel Platz für Radverkehrsanlagen in der Skalitzer Straße, am Halleschen Ufer, am Tempelhofer Ufer!  Die regierenden Grünen hatten in Kreuzberg, wo sie die Hegemonialen sind, doch so viel Zeit! Wieso gefährdet grüne Verkehrspolitik weiterhin mutwillig die Radlerleben an so vielen Stellen? Wenn das Kandidat erführe!

Bild: Hallesches Ufer, Kreuzberg, Aufnahme vom Januar 2013. Massig Platz für den VW Touran!

 

 

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„Europäer! Die Deutschen waren euer Unglück!“ Oder: Ist Deutschland das metaphysisch gezeichnete Trägervolk des Bösen ab 1914?

 Das Böse, Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Russisches, Sündenböcke, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für „Europäer! Die Deutschen waren euer Unglück!“ Oder: Ist Deutschland das metaphysisch gezeichnete Trägervolk des Bösen ab 1914?
Feb 032013
 

Ich schaue gerade in diesen Minuten die spannende BBC-Dokumentation auf VOX „Die Geschichte des Menschen“ – hier werden Geschichtsbilder für ca. 500 Millionen Zuschauer weltweit geprägt. Bezeichnend: Die Alleinschuld am 1. Weltkrieg wurde soeben in diesen Minuten wieder einmal Deutschland zugeschrieben. Wider gesicherte historische Einsicht (Christopher Clark Sleepwalkers!) wird allein „Deutschlands Griff zur Weltmacht“ als Auslöser für die größten Katastrophen des 20. Jh. geschildert. Die russische Oktoberrevolution wird hingegen als „erste sozialistische Staatsgründung“ gefeiert. Von den Greueln der Oktoberrevolution, von GULAG, von den zweistellig millionenfachen Massenverbrechen der sowjetischen Kommunisten kein Wort! Deutschland erscheint in dieser BBC-Dokumentation ab 1914 wieder einmal als metaphysisch gezeichnetes Trägervolk des Bösen. Dennoch herausragend gut gemacht! Sehenswert! Aber Deutschland droht 2013/2014 die geschichtspolitische Debatte um Europas Vergangenheit und die Zukunft der EU komplett zu verlieren. Fast alles Übel von 1914 an wird auf die Deutschen abgeladen. Es ist ein völlig einseitiges Geschichtsbild, das stets zu Lasten Deutschlands gemalt wird. Das sollten wir so nicht stehenlassen.

Immer wieder schimmert durch: „Europäer! Die Deutschen waren euer Unglück! Deshalb müssen wir sie  vorsorglich binden!“ Dieser Refrain – so falsch er ist – wird dennoch unterschwellig wieder und wieder gesungen.

 Posted by at 00:42