Dez 212015
 

Einen besonders schlagenden Beweis für den offiziösen, also gewissermaßen amtlichen, furiosen Selbsthaß (odium sui) der heutigen Deutschen für alles, was auch nur im entferntesten als „deutsche Kultur“ wahrgenommen werden könnte, liefert der Umgang des Prager Goethe-Instituts mit dem Sockel der Goethe-Büste, welche bis 1945 im böhmischen Karlovy Vary (Karlsbad) stand. Die Büste wurde 1945 in den Wald verschleppt, der Sockel stand herrenlos umher. Das Goethe-Institut, das vertraglich mit dem Außenministerium verbundene Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, beauftragte einen zeitgenössischen Künstler, Jiří David, eine Art Anti-Denkmal für den verwaisten Sockel Goethes zu schaffen. Ausgestellt werden sollte das Denkmal auf dem Masaryk-Platz in Prag. Zu sehen ist nunmehr (oder war bis zur Entfernung des Denkmals vorübergehend) eine mit Schrott befüllte, aufrecht stehende Schubkarre, die an Stelle Goethes getreten war; doch wie durch ein Wunder fiel der Schrott nicht zu Boden, sondern verharrte als Denkmal seiner eigenen Müllhaftigkeit an seinem Ort.

Dazu lesen wir in einer tschechischen Internet-Seite, die dankenswerterweise auch das Denkmal bildlich darstellt:

Na Masarykově nábřeží v Praze byl vpodvečer odhalen netradiční pomník německého básníka Johanna Wolfganga Goetha.
Skládá se z historického podstavce, který výtvarník Jiří David doplnil stavebním kolečkem naloženým sutí, v níž jsou zabořeny Goethovy knihy, ohořelé fragmenty malířského plátna, nedopalky cigaret, zlatá platební karta Master, tištěné noviny či fragmenty computeru.

Zdroj: http://www.lidovky.cz/jiri-david-odhaluje-novy-objekt-ne-pomnik-j-w-goethe-fxs-/kultura.aspx?c=A151002_155432_ln_kultura_ele

Sollte man also Goethe – dem Beispiel des Goethe-Instituts folgend – gleich auf den Müll auskippen, Goethe in Deutschland verbieten oder Goethe in Deutschland ignorieren? Letzteres scheint an deutschen Schulen überwiegend der Fall zu sein. Bei einem Literaturfestival sprach ich kürzlich mit einer aus Osteuropa nach Deutschland zugewanderten Literaturliebhaberin, deren Tochter die Segnungen des deutschen Deutschunterrichtes an einem deutschen Gymnasium über sich ergehen lassen durfte. Wir sprachen über den Rang und Wert der Literatur für die Herausbildung einer Persönlichkeit. Und was muss ich da hören? „Meine Tochter hat ein sehr gutes Abitur in Deutschland abgelegt, ohne in ihrer ganzen Schulzeit auch nur eine einzige Zeile von Goethe gelesen zu haben!“

Das ist beileibe keine Einzelstimme! Das Goethe-Institut Prag hatte also recht! Mit der Goetheschen Verschrottungsaktion warf es ein Schlaglicht auf den Umgang der heutigen deutschen Kulturnation mit all dem, was den Deutschen einst lieb und teuer war, was übrigens auch im Ausland von China über Russland bis USA, von Indonesien bis Ägypten den einen oder anderen Fan hatte und unvermindert hat. Neben Goethe sind dies beispielsweise Immanuel Kant, Thomas Mann, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Albrecht Dürer, Wolfgang Amadeus Mozart, Albert Einstein, Sigmund Freud, Franz Kafka, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Musik, Kunst, Philosophie, Wissenschaften, das waren Felder, auf denen in deutscher Sprache erzogene Menschen in deutscher Sprache Wesentliches beigesteuert haben. Muss man denn wirklich die deutsche Sprache so in Dreck treten, wie es das Goethe-Institut Prag getan hat?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die genannten Persönlichkeiten waren keineswegs deutschnational eingestellt, sie empfanden sich ganz eindeutig nicht einmal in erster Linie als „Deutsche“, sondern eher als „musikalischer Genius“ wie Beethoven, „gränzenloser Künstler“ wie im Falle Goethes, „gläubiger Christenmensch“ wie etwa im Fall Bachs, „Philosoph des Weltgeistes“ wie Hegel, „Philosoph der menschlichen Vernunft“ wie Kant, „Archäologe der menschlichen Psyche“ wie Freud.

Aber sie sind doch so nur denkbar, sie konnten so nur entstehen unter den besonderen Bedingungen des deutschsprachigen Kulturraumes, der politisch ein buntscheckiger Flickenteppich war, aber kulturell vorrangig in deutscher Sprache sich entfaltete, von deutscher Sprache überhaupt nicht zu trennen ist, sich vielfältig verästelt mit europäischen Kulturen vernetzt hat und überhaupt eine gute, gangbare Alternative sowohl zu früherer nationalistischer Überheblichkeit wie auch zu heutiger antideutscher würdeloser Selbstzertrümmerung darstellt.

Dem Goethe-Institut Prag ist zu danken, dass es ein so scharfes Schlaglicht auf den krankhaften, typisch deutschen Hang zur Selbstentwürdigung geworfen hat, ja ihn bis ins äußerste, absurde Extrem durchexerziert und durchfinanziert hat.

Den mitunter suizidalen deutschen Selbsthaß, das offiziöse odium sui germanicum, schätze ich, nebenbei bemerkt, als sehr gefährlich ein. Wer sich selbst so runtermacht, so würdelos in den Staub wirft, wie das die Deutschen ganz amtlich und rituell gerne tun, der kann auch keine Achtung für andere Nationen empfinden, seien es nun die Tschechen, die Polen, die Ungarn, die Israelis, die Franzosen oder die Russen.

Ohne Selbstachtung keine Achtung des Anderen, ohne Selbstliebe keine Nachbarliebe oder „Nächstenliebe“!

Wer sich selbst – wie allzu oft die Bundesrepublik Deutschland dies als Kulturnation tut, wie dies allzu viele deutsche Intellektuelle tun – würdelos behandelt, wird anderen Nationen auch nicht mit Anstand und Würde begegnen können. Darin liegt eine echte Gefahr für das Haus Europa.

Goethe, ein von Deutschland vergeßner, mißachteter, ausgekippter Dichter hat diese Gefahr der Selbstentzweiung, ja der Zerstörung alles Wertvollen bei seinen Aufenthalten in den böhmischen Bädern Marienbad und Karlsbad sehr hellsichtig erkannt. Er schrieb in seiner Marienbader Elegie zu diesem Thema:

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.

Quellenangabe:
Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1998, hier S. 462; ferner hierzu der aufschlußreiche Kommentar im selben Band, S. 1057

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