Aug 222016
 

De mortuo nil nisi bene loquamur – von einem Toten möchten wir zunächst einmal nur Gutes reden. Ein wahrhaft europäischer Historiker war Ernst Nolte, der am 18. August verstorben ist.

Sein großartiges Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“, das ich aus der Bibliothek meines Vaters in der 2. Auflage von 1965 ererbt habe, hinterließ mir vor Jahren schon einen tiefen Eindruck; zunächst übrigens wegen des außerordentlich eleganten, mit Fakten und tiefen Einsichten gesättigten Stils. Nolte war zuletzt einer der wenigen noch verbleibenden deutschen Wissenschaftler, der eine rhythmisch geordnete, architektonisch klar gegliederte, dem fein artikulierten rhetorischen Gestus nicht abholde Sprache schrieb. Man braucht sich nur einige Seiten aus seiner Feder vorzulesen und wird erkennen, dass er noch einmal das rhetorisch- analytische Erkennen, diesen Schatz  der antiken Historiker aufscheinen lässt. Sein Deutsch liest sich mitunter so, als wäre es aus Sallust oder Thukydides, aus Montaigne oder Montesquieu übersetzt! Mindestens lässt es diesen Goldgrund noch durchschimmern.

Als weiteren Vorzug hebe ich hervor, dass er sich mit den Quellen mehrerer europäischer Sprachräume auseinandergesetzt hat, sehr im Gegensatz zu fast allen, die in häufig unredlicher Art über ihn hergefallen sind. Er las eben noch im Original Mussolini, D’Annunzio, Drumont, Barrès und all die anderen.

Die meisten heutigen Feuilletonisten und akademischen Barone, von Jürgen Habermas angefangen bis zu all den anderen, die ihm seit dem unsäglichen, fälschlich so genannten „Historikerstreit“ unablässig am Zeug flickten, sind oder waren schon wegen mangelnder Sprachkenntnisse gar nicht imstande, die historischen Quellen aus Italien, Frankreich, der Sowjetunion, Polen oder Tschechoslowakei eigenständig auszuwerten. Sie kennen und können nur Vorgekautes wiedergeben, soweit es ihnen  in deutscher oder englischer Sprache aus zweiter Hand vorgesetzt wird. Sie haben keine Quellenforschung betrieben. Ich behaupte: Sie konnten und können den Wahrheitsgehalt von Noltes Schriften nicht beurteilen. Sie haben sich nie der Mühe unterzogen, den gesamteuropäischen Charakter der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen, wie dies Nolte auf seine besondere Weise tat.

Habermas und die anderen haben nur versucht, die gesamte Epoche von 1917-1945 mit dem Absolutheitssiegel des Bösen schlechthin, verkörpert in Deutschland, zu entsorgen. Entsorgung der Vergangenheit! Sie haben genau das gemacht, was sie Nolte fälschlich vorwarfen. Sie verkörpern im Grunde die autokategoretische Denkart, wie sie sich geradezu idealtypisch in Deutschland herausbilden konnte. Diese Denkart lässt sich so zusammenraffen: „Es gibt genau eines und nur ein einziges Verbrechen, das alle anderen übersteigt. Dieses ist von uns Deutschen begangen worden.  Es ist das einzige Verbrechen, das nie vergeht, für das auch keinerlei Motivation oder Veranlassung denkbar ist, und das auf ewige Zeiten uns Deutschen anhaften wird. Dafür, für dieses einzigartige Verbrechen trägt Deutschland Schuld und Verantwortung.“ So formulierte es übrigens noch kürzlich der Deutsche Bundestag in seiner Armenien-Resolution vom 02.06.2016.

An keiner Stelle hat Ernst Nolte dagegen so etwas wie eine Apologie des Nationalsozialismus versucht oder gar irgendwelche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen oder von Deutschen begangen worden sind, zu verharmlosen, zu entschuldigen oder zu leugnen sich unterfangen, wie es ihm jedoch heute noch einmal auf höchst unredliche Weise im Tagesspiegel auf S. 1 unterstellt wird. Sehr wohl aber hat er versucht, zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Er versuchte das Geschäft des Historikers: Handlungsstränge nachvollziehen, mögliche Motivationen und Triebkräfte freilegen, ohne die historisch Handelnden als den Teufel schlechthin, als den Träger der Schuld schlechthin zu verurteilen –  „mit Abneigung, aber ohne Haß“.

Seine Gegner haben unhistorisch und auf tiefstem Niveau pseudotheologisch mit dem Argument des absoluten Bösen argumentiert, wobei der Rückgriff auf Martin Luthers Schuldbegriff auf krude Weise dem ganzen Volk übergestülpt wurde.

Manet odium sui germanicum! Man lese doch bitte noch einmal Luthers 4. Wittenberger These, und man wird erkennen, wie ein bedeutender Teil der deutschen Gelehrtenschaft ganz im Banne dieses von Luther absolut aufgeladenen kollektiven Schuldbegriffes steht, der letztlich zur Ablehnung der eigenen Identität, zum odium sui, wie dies Luther nannte, führen muss und geführt hat:

4. Manet itaque poena, donec manet odium sui (id est poenitentia vera intus), scilicet usque ad introitum regni caelorum.

 

Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Die Action française. Der italienische Faschismus. Der Nationalsozialismus. R. Piper & Co Verlag, 2. Auflage München 1965

 

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„Sur des modèles anciens, faisons des hommes nouveaux“

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945  Kommentare deaktiviert für „Sur des modèles anciens, faisons des hommes nouveaux“
Feb 092016
 

„Faisons l’homme à notre image.“ / „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bilde.“
Soweit Buch Genesis 1,26

„Sur des modèles anciens, faisons des hommes nouveaux.“ / „Gestützt auf alte Vorbilder, lasset uns neue Menschen machen!“

Mit diesen knappen Worten, die nicht zufällig einen biblischen Anklang verlauten lassen, fasst der französische Historiker Johann Chapoutot seine an einer Fülle von Belegen gewonnenen Beobachtungen über den nationalsozialistischen Kult der griechisch-römischen Antike zusammen.

Der totalitäre Machtverband Sparta, das auf gestählte Manneskraft und absolute Befehlsgewalt gestützte Rom, der zentralistisch-autoritär denkende Platon der Politeia, der Germania-Ursprungsmythos des Tacitus, das sind wohl einige der wichtigsten Kulissen oder Bühnen-Versatzstücke, auf denen die Nationalsozialisten ihren rücksichtslosen Griff nach der Weltmacht stützten.

Das Buch Chapoutots leistet ähnliches, wie es vor ihm Ernst Nolte in seinem Buch „Der Faschismus in seiner Epoche“ geleistet hatte: Genaue Herauspräparierung der politischen Ideologie der faschistischen bzw. nationalsozialistischen Bewegungen anhand der in Originalsprachen ausgewerteten zeitgenössischen Quellen; Versuch, das ganze Gewirr aus Fakten, Forschungen, Halbwahrheiten, Märchen, Lügen und Mythen zu verstehen und aus sich heraus schlüssig zu deuten; Absehen von einer rein moralischen Verurteilung bzw. vom Ende her denkenden Verteufelung der faschistischen Bewegungen. Ich denke, man muss solche Versuche von sorgfältig forschenden Historikern wie etwa Johann Chapoutot durchaus ernstnehmen. Aufgabe des ernsthaften Historikers ist es ja nicht, eine Art Tribunal über die Vergangenheit der Väter und Großväter abzuhalten. Es muss Geschäft des Historikers sein, Ereignisse, Strukturen und Menschen aus dem jeweiligen Zeithorizont heraus zu verstehen – oder es zumindest zu versuchen. Nur so kann der Opferkult, die Bereitschaft zur schrankenlosen, zur verbrecherischen Gewalt erklärlich werden, wie sie den faschistischen Bewegungen, aber auch – dies wird häufig vergessen – den kommunistischen Bewegungen Europas zu eigen waren.

Wie sonst ist es zu erklären, dass sich später allseits gefeierte Männer wie der spätere Nobelpreisträger Günter Grass, der damalige volkstümliche Dialektdichter Pier Paolo Pasolini, der spätere Präsident Giorgio Napolitano, der spätere Nobelpreisträger Dario Fo, der Nobelpreisträger Knut Hamsun, der Diplomat Ernst von Weizsäcker und Tausende, Hunderttausende andere in ihren frühen Mannesjahren ganz offen den jeweiligen faschistischen Organisationen ihrer Länder als Mitglieder freiwillig anschlossen bzw. zumindest nachweisbar ihre Sympathie für die nationalsozialistischen Bewegungen ihrer Zeit offen zu erkennen gaben? Es waren alle doch keine Dummköpfe, sondern bereits damals hochgebildete, nachdenkliche, urteilsfähige Zeitgenossen…

Beleg:

Johann Chapoutot: Le nazisme et l’Antiquité. Presses Universitaires de France, Paris 2012, hier bsd. S. 280-284, Zitat: S. 280
Johann Chapoutot: Le meurtre de Weimar. Presses Universitaires de France, Paris 2010

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„Nie zuvor erlebte Europa so große Probleme wie heute …!“

 Antike, Europäische Union, Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945  Kommentare deaktiviert für „Nie zuvor erlebte Europa so große Probleme wie heute …!“
Jan 142016
 

Nie zuvor erlebte Europa so große Probleme wie heute“ – unter diesem Motto rollen derzeit in einer Armada von Luxuskutschen die Bosse und Führer dieses Kontinents zum Welt-Gipfel.

http://www.welt.de/wirtschaft/article150984660/Die-Probleme-die-Europa-ins-Chaos-stuerzen-koennten.html

„Nie zuvor erlebte Europa so große Probleme wie heute…!“ Aber müssen wir das wirklich glauben?

Wann erlebte Europa seine größten Probleme? Meine persönliche Antwort darauf beschränke ich auf die letzten 500 Jahre – nicht auf die gesamten 3000 Jahre, die wir anhand schriftlicher Quellen ungefähr, aber auch nur ungefähr einschätzen können. Ich meine, es spricht vieles dafür, dass die Jahre 1618-1648 sowie die Jahre 1914-1945 die Jahre mit den größten Problemen für Europa waren. Wir haben in Geschichtsschreibung und Poesie eine sehr große Fülle an Belegen, dass es diese beiden Zeiträume waren, in denen sowohl die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als auch die Nachkommen das Gefühl hatten, noch nie zuvor habe Europa so große Probleme gehabt wie eben in diesem Heute, diesem „itzt“.

Der schönste, der ergreifendste Beleg für dieses Gefühl – „Noch nie hatten wir in Europa so große Probleme wie heute!“ – stammt meines Erachtens von Thukydides. Er schreibt in seinen Historiai, er habe von Anfang das dumpfe Gefühl gehabt, dieser 30 Jahre dauernde, selbstzerfleischende Krieg zwischen den beiden Machtblöcken Athen und Sparta sei für ihn „sozusagen“ der größte, der bis dahin größte, bedeutendste Konflikt der für ihn überschaubaren Menschheitsgeschichte, also der Geschichte der Hellenen und vermutlich auch der meisten Menschen überhaupt gewesen.

Aber er war sich eben nicht 100-prozentig sicher. Unübertroffener Thukydides! Er schränkt sein Urteil ein – „soweit ich das beurteilen kann“, „sozusagen“, „nach allem, was ich ermitteln konnte“. Aber, Freunde Europas, lest doch lieber selbst, mit welch unübertroffener Bescheidenheit, mit welch überragender Klugheit Thukydides uns alle, die wir jetzt Zeter und Mordio schreien, in die Schranken unserer historischen Beschränktheit verweist:

[2] κίνησις γὰρ αὕτη μεγίστη δὴ τοῖς Ἕλλησιν ἐγένετο καὶ μέρει τινὶ τῶν βαρβάρων, ὡς δὲ εἰπεῖν καὶ ἐπὶ πλεῖστον ἀνθρώπων. [3] τὰ γὰρ πρὸ αὐτῶν καὶ τὰ ἔτι παλαίτερα σαφῶς μὲν εὑρεῖν διὰ χρόνου πλῆθος ἀδύνατα ἦν, ἐκ δὲ τεκμηρίων ὧν ἐπὶ μακρότατον σκοποῦντί μοι πιστεῦσαι ξυμβαίνει οὐ μεγάλα νομίζω γενέσθαι οὔτε κατὰ τοὺς πολέμους οὔτε ἐς τὰ ἄλλα.

Quelle:
Thucydidis Historiae, liber primus, 1, 2-3, ed. Henricus Stuart Jones, Oxonii e typographeo Clarendoniano 1974

Nein, Freunde Europas, dies ist nicht die schwerste Stunde Europas. Die Hauptprobleme Europas sind meines Erachtens derzeit das Misstrauen zwischen den europäischen Regierungen und zwischen den europäischen Gesellschaften, ein Mangel an Ehrlichkeit, ein eklatanter Mangel an Fremdsprachenkenntnissen in ganz Europa (büßken Globish reicht halt nicht), ferner die törichte Gleichsetzung einer menschengemachten Organisation (der „Eurozone“) mit Europa überhaupt (Europa, das ist halt nicht der Euro und auch nicht die EU), Mangel an historischer Tiefenbildung, Mangel an wirtschaftspolitischer und finanzpolitischer Grundbildung, Mangel an Mut zur Wahrheit, Irreführungen und Täuschungen, zweifelhafte Alleingänge Deutschlands auf Kosten anderer EU-Länder und auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit, Selbstgerechtigkeit der Spitzenpolitiker in Deutschland und den anderen „alten“ EU-Staaten, ein verengter Blick auf Europa, eine durch die aktuelle EU-Politik vertiefte Ost-West-Spaltung und eine durch die aktuelle EU-Politik vertiefte Nord-Süd-Spaltung: alles Dinge, die wir bewältigen können, die wir ändern können. Es ist noch nicht zu spät.

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„Polen, die in der Wehrmacht kämpften? Das gab es nicht! Niemals!“

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Unverhoffte Begegnung, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für „Polen, die in der Wehrmacht kämpften? Das gab es nicht! Niemals!“
Dez 072015
 

Aus dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erreichte mich eine interessante Einladung, die ich hier unverändert wiedergebe:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mehr als eine halbe Million Polen kämpften in der Wehrmacht: an allen
Fronten, von Afrika bis zum Nordpol. Ihre Rekrutenzeit dauerte vier Wochen
länger als die der deutschen Rekruten, sie mussten Befehle wie „schnell“
oder „laufen“ erst lernen. Dann wurden sie an die Front geschickt, die
meisten von ihnen wurden an der Ostfront getötet. Wer überlebte und es
zurück nach Hause schaffte, wurde als Volksverräter beschimpft – daher
erzählten sie ihren Familien am liebsten nichts.
Ein schwieriges Thema für Polen – in Deutschland kaum erinnert.

Wir konnten Prof. Ryszard Kaczmarek, Universität Katowice, für einen
Vortrag gewinnen, dessen Buch „Die Polen in der Wehrmacht“ derzeit ins
Deutsche übersetzt wird.
Alojzy Lysko berichtet über die Erfahrungen seiner Familie. Aus dem Film
„Großvater war in der Wehrmacht“ zeigen wir einen Ausschnitt; die
Regisseurin Wioletta Weiß ist anwesend.

Zu unserem Themenabend „Polen in der Wehrmacht“ laden wir Sie herzlich
ein. Mehr Informationen finden Sie hier.

Ort: Landesvertretung Niedersachsen, In den Ministergärten 10, 10117
Berlin
Zeit: Mi., 9. Dezember, 18.00 Uhr

Ihre Anmeldung erbitten wir an erinnerungskultur@volksbund.de, möglichst
bis zum 4.12.15

Eine Kooperation des Volksbundes mit dem Zentrum für Historische Forschung
der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN) und dem
Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen
Europa, Oldenburg.

 Posted by at 19:36
Dez 072015
 

„Und warum erfahren wir das erst jetzt?“ So geht es einem wieder und wieder, wenn man sich näher mit der Geschichte der Jahre 1914-1945 befasst. So mag es manchem ergehen, wenn er erfährt, dass gegen Ende des 2. Weltkrieges immerhin mehr als 1 Million sowjetische Kriegsgefangene bereit standen, um als Freiwilligenarmee unter der Führung des Generals Wlassow gegen Stalin in den Krieg zu ziehen. Was zum Teufel ritt sie denn? Wovor hatten die ehemaligen Rotarmisten Angst?

Früher, unmittelbar nach 1945 schob man zur eigenen Entlastung in beiden deutschen Staaten bisweilen alle Schuld von sich: „Das haben alles nur die Nazis gemacht, nicht wir!“

Und in Russland, Italien, Deutschland kann man umgekehrt seit 1956 bis zum heutigen Tage immer wieder hören: „Это была вина сталинизма. Это была не наша вина! Es war alles die Schuld des Stalinismus, nicht unsere!“ Man könnte diese Haltung gegenüber der eigenen Vergangenheit eine apologetische Erinnerungskultur nennen.

In Deutschland herrscht demgegenüber heute eine eindeutig auto-kategoretische, also selbst-anklagende Geschichtsbetrachtung vor. „Wir Deutschen tragen alleine die Schuld und die Verantwortung für die zweimalige Zerstörung Europas in den Jahren 1914-1945. Und wir Deutschen sind außerdem an dem bislang größten Menschheitsverbrechen schuld!“ Deutschland übernimmt tausendfach, stillschweigend oder ausdrücklich, die Alleinschuld oder doch die Hauptverantwortung für zwei Weltkriege und obendrein noch für die Shoah. Die Formulierung vom „größten Menschheitsverbrechen“, der Shoa (auch Holocaust genannt), ist mittlerweile in dieser Absolutsetzung geradezu offiziös geworden, sie findet sich beispielsweise auch bei H.A. Winkler im letzten Band seiner „Geschichte des Westens“ (München 2015, S. 597).

Von dieser autokategoretischen Haltung Deutschlands profitieren insbesondere Italien und Russland in ihrem vorwiegend apologetischen Geschichtsbild. Können sie doch zur eigenen Ehrenrettung stets darauf verweisen, dass die eigenen Verbrechen der Vergangenheit ausnahmslos früher oder später durch die Deutschen übertroffen oder mindestens verursacht worden seien. Weil die Deutschen überall so schlimm gewütet hätten, habe man auch selbst nicht unschuldig bleiben können.

Während sich also in Deutschland mittlerweile in vielen tonangebenden Medien – bis in den Bundestag hinein – diese selbstanklagende Geschichtsschreibung durchgesetzt hat, fördert die historische Forschung seit 1990 sehr viel mehr Zwischentöne heraus.

Die Stichworte dafür lauten: geteilte Verantwortung, Interdependenzen, Kausalketten, reaktive Eskalationsstufen der Verbrechen, „schwache Diktaturen“, Anomie-Prozesse in den Gesellschaften, „europäischer Bürgerkrieg“.

So hat Timothy Snyder etwa darauf hingewiesen, dass bis zum 01.09.1939 das Deutsche Reich unter nationalsozialistischer Herrschaft „nur“ etwa 20.000 Morde an Zivilisten begangen hatte. Deutschland wurde in den Jahren 1935-1939 überall hofiert. Die Tageszeitungen Amerikas, Frankreichs und Englands verfolgten nachweislich die ersten sechs Jahre der Hitlerregierung mit kritischem Wohlwollen oder auch mit Bewunderung.

Demgegenüber hatten die staatlichen Organe der Sowjetunion, also insbesondere die Rote Armee und die Tscheka/der NKWD, ab 1917 bis zum 01.09.1939 sicherlich mindestens das Hundertfache an Morden an Zivilisten begangen, während in der Buchhaltung der Massenmorde an zweiter Stelle das faschistische Italien folgte. Die Sowjetunion nahm also gemessen an der Zahl der Todesopfer bis 01.09.1939 mit großem Vorsprung den ersten Platz der verbrecherischen Regime in Europa ein, Italien den zweiten Platz. Das Deutsche Reich rangierte damals noch weit abgeschlagen auf dem dritten Platz in der europäischen Champions League der Massenverbrechen!

Die Angst vor einem kommunistischen Putsch beherrschte obendrein die Innenpolitik der westeuropäischen Staaten, hatten sich doch die Bolschewiki nicht durch eine Revolution, sondern alleine durch bewaffnete Kader an die Macht in Russland geputscht. Und das Deutsche Reich unter Hitler galt spätestens ab 1935 als eine Art Bollwerk gegen den drohenden kommunistischen Umsturz in den Staaten Westeuropas.

Man braucht nur beliebige Tageszeitungen westeuropäischer Länder jener Jahre aufzuschlagen, und man wird die Wahrheit dieser Thesen aus damaliger Sicht bestätigt finden.

Im großen und ganzen wird man aber sagen können, dass im Nachhinein die tiefe Überzeugung von der alleinigen Schuld der Deutschen erstens an den beiden Weltkriegen und zweitens an der absolut als das Böse an sich gesetzten Shoah eine doppelte Glaubenswahrheit geworden ist, ohne die die Völker Europas nicht friedlich zusammenleben wollen und können.

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De Gaulle ist wieder da!

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Grundgesetz, Krieg und Frieden, Russisches  Kommentare deaktiviert für De Gaulle ist wieder da!
Nov 212015
 

Starkes Wiederauftauchen des Generals de Gaulle und des Gaullismus in genau diesen Tagen! Was für eine Gestalt! Der Sozialist Hollande greift in seiner kriegerischen Rhetorik klar auf ihn zurück! Und der Flugzeugträger, der de Gaulles Namen trägt, ist unterwegs ins östliche Mittelmeer.

Oskar Lafontaine bekennt sich heute im Magazin der Süddeutschen Zeitung „in einem Punkt als überzeugter Gaullist„: er setzt wie de Gaulle die sicherheitspolitischen Interessen Europas an die erste Stelle; und die lassen seiner Meinung nach einen Interventionskrieg nicht zu.

Lafontaine ist wehrrechtlich ein waschechter Nationalkonservativer. Er beschränkt das Recht zur Kriegführung wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Verteidigungskrieg. So steht es ja auch wirklich im Grundgesetz! Man sollte es nicht glauben, aber es ist so. Und auch die Völkerrechtler verneinen weltweit überwiegend das Recht auf den Interventionskrieg, während jedem Staat unstrittig das Recht zur bewaffneten Selbstverteidigung zugesprochen wird. Lafontaine sagt: „Für mich ist die Bundeswehr eine Verteidigungsarmee und keine Interventionsarmee.“

Mehr zufällig entdeckte ich dann beim Blättern in einem Buch über die Entstehung der Sowjetunion ein verschwommenes Schwarz-Weiß-Bild de Gaulles aus seinen frühen, den russischen Tagen als Kämpfer der Weißen Armee im Bürgerkrieg, dem sowjetisch-polnischen Krieg zwischen den Roten, den Bolschewiki einerseits, den Polen, Sozialdemokraten, Konservativen und Alliierten verschiedener europäischer Länder andererseits! Dem überragenden militärischen Geschick Trotzkijs, seiner Strategie des Terrors gegen die Zivilbevölkerung, der konsequenten Liquidierung der Gegner, der massenhaften Ermordung der innenpolitischen Feinde, der flächendeckenden Errichtung von Konzentrationslagern, der unerbittlichen Härte der von Trotzkij geschmiedeten Roten Armee hatten die Weißen keine annähernd gleichwertige Kampfkraft entgegenzusetzen. Auch fehlte ihnen eine konsequente Strategie.

Die Roten verjagten schließlich die Interventionsarmee der Weißen und setzten alsbald zu den Angriffskriegen auf das vorübergehend unabhängige Georgien, auf die vorübergehend unabhängige Ukraine, auf die vorübergehend unabhängigen baltischen Länder, auf das wiedererstandene Polen und auf Finnland an. Lenin, Trotzkij, Berija, Dzierzinski, Stalin, Sinowjew, Swerdlow schossen sich 1920/21 in einem gnadenlos geführten Bürgerkrieg ihren welthistorischen, mit Strömen von Feindesblut getränkten Weg frei und betrieben von da an, von den frühen 20er Jahren an konsequent eine militärisch aggressive Expansionspolitik selbst noch über die Grenzen des ehemaligen Russischen Reiches hinaus – mit dem vorläufigen Endpunkt der Besetzung Ostpolens in den Jahren 1939-41.

Die Rote Armee war ursprünglich zusammengeschmiedet als Bürgerkriegsarmee. Nach dem Sieg im Bürgerkrieg wurde sie umgeschmiedet zur Angriffsarmee, in deren Schatten die Tscheka, die GPU, der NKWD ihren Terror gegen die Volksmassen entfalten konnten.

Und De Gaulle? Er hatte seinen frühen militärischen Kampf gegen die Bolschewiki verloren. Hätte es sich aber der Rechtskonservative de Gaulle je träumen lassen, dass er in den 40er Jahren den Schulterschluß mit den früher erbittert bekämpften Bolschewiki, dass er das Bündnis mit der UDSSR suchen würde, um den gemeinsamen Feind, das Deutsche Reich und dessen Verbündete Italien, Finnland, Ungarn, Rumänien niederzuringen?

Im Zug nach Hamburg las ich als Dreingabe einen glänzend formulierten, höchst lesenswerten Aufsatz des Althistorikers Egon Flaig über den Historikerstreit, der eigentlich eher ein erinnerungspolitischer „Bürgerkrieg“ war, in dem es kaum um Fakten, sondern mehr um Meinungen über höchst selektiv erinnerte Fakten ging. Auch heute werden die über die letzten 25 Jahre gesammelten Erkenntnisse der Fachhistoriker zu den Ländern des ehemaligen Sojewtblocks im bundesdeutschen Feuilleton nur spärlich zur Kenntnis genommen. Die Sowjetunion bleibt die große Unbekannte im deutschen Erinnerungsdiskurs. So kann kein „Haus Europa“ gebaut werden.

Lesehinweise:
„Nur tote Fische schwimmen immer mit dem Strom.“ Interview mit Peter Gauweiler und Oskar Lafontaine. Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 47, 20.11.2015

Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Mit zahlreichen Schwarzweißfotos. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, Foto des Majors Charles de Gaulle: Seite 127

Egon Flaig: Die ‚Habermas-Methode“ und die geistige Situation ein Vierteljahrhundert danach. Skizze einer Schadensaufnahme. In: Mathias Brodkorb (Hrsg.): Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre „Historikerstreit“. Adebor Verlag, Banzkow 2011

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Vom Chaos des „entre-deux-guerres“ zum Goldenen Zeitalter des 2. Weltkriegs

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945  Kommentare deaktiviert für Vom Chaos des „entre-deux-guerres“ zum Goldenen Zeitalter des 2. Weltkriegs
Jun 162015
 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser in Berg und Tal, als lectura matutina vere aedificans, als wahrhaft erbauliche Morgenlektüre schlagen wir heute folgenden Abschnitt auf – möge es euch nicht den Atem verschlagen!

Thomas Piketty: „Le chaos de l’entre-deux-guerres“, in: Thomas Piketty: Le capital au XXIe siècle, Editions du Seuil, Paris 2013, Seite 448-552, bsd. Fußnote S. 448 sowie Graphik 8.2 auf S. 431

Von einem „Goldenen Zeitalter“ der französischen Finanzverwaltung während all der Jahre des 2. Weltkrieges spricht Thomas Piketty in seinem großartigen Wurf, seinem Werk über das „Kapital im 21. Jahrhundert“, das ich aus meinem letzten Frankreich-Aufenthalt im bordtauglichen Handköfferchen mitgeführt habe. Das Goldene Zeitalter der Finanzverwaltung, das Frankreich unter der deutschen Besatzung erlebt habe, habe das verworrene Chaos der Zwischenkriegszeit (1919-1940) abgelöst. Zu keiner anderen Zeit – sagt Piketty – sind die statistischen Veröffentlichungen des französischen Finanzministeriums so reichhaltig und ausführlich wie in den Jahren des Zweiten Weltkrieges.

Auch wer keine Zeit oder Lust hat, die reichhaltigen und ausführlichen Überlegungen Pikettys Seite um Seite durchzulesen, sollte doch diese knapp 5 Seiten des voluminösen Wälzers zur Hand nehmen! Die haben es in sich! Denn nicht nur preist Piketty die Sorgfalt der französischen Verwaltung während des 2. Weltkrieges, nein, er konstatiert auch, dass die Vermögens-Ungleichheit zwischen Arm und Reich in Frankreich gerade in den Jahren 1944 und 1945 am geringsten war. Das oberste Dezil der Bevölkerung, also die reichsten 10 Prozent der Franzosen, das 1914 bei über 45% des Einkommens gelegen habe, erreichte 1945 den absoluten Tiefststand von weniger als 30%! Gegen Ende des 2. Weltkrieges hatte also die französische Gesellschaft das höchste Maß an Einkommensgleichheit in der gesamten lückenlos dokumentierten Geschichte (seit 1910 bis zum heutigen Tage) erreicht.

Ausgerechnet im Bündnis an der Seite des Deutschen Reiches, ausgerechnet während des aus heutiger Sicht doch so niederträchtigen „Vichy-Regimes“ kam also die französische Gesellschaft dem Ideal der weitgehend egalitären Einkommensverteilung am nächsten. Das Chaos der Zwischenkriegszeit – so schreibt Piketty – wurde im Kriege durch eine exemplarisch effiziente französische Verwaltung, durch eine zunehmend egalitäre Einkommensverteilung abgelöst, „comme si de rien n’était“ (Piketty), als wäre der 2. Weltkrieg nichts Besonderes gewesen.

Wie kann das sein?

Nun, kaum eine Wendung liegt so fernab der historischen Realität wie die in Deutschland und Frankreich so gerne und geläufig nachgeplapperte Wendung vom „Vichy-Regime“. Man versucht damit, der Regierung Pétain, die Frankreich im Juli 1940 zum Verbündeten des Deutschen Reiches machte, die Legitimität abzusprechen, so als wäre Frankreich gewissermaßen aus dem Widerstand heraus in ein Bündnis mit Hitler gezwungen worden. Und das ist historisch schlechterdings falsch. Es ist eines jener zahlreichen frommen Märchen, mit denen sich Europa nach 1945 einen Reim auf den 2. Weltkrieg zu machen und die gesamte Schuld an allem und für alles auf die Deutschen und die Deutschen allein abzuwälzen versuchte. Was geschah aber wirklich? Die offiziellen Daten und eine Fülle an Zeitzeugenberichten ergeben ein völlig anderes Bild des „Pétain-Regimes“:

Philippe Pétain (1856-1951) wurde durch Abstimmungen der französischen Nationalversammlung am 16. Juni 1940 zum Ministerpräsidenten und dann am 10. Juli 1940 zum Präsidenten des französischen Staates gewählt, nachdem Frankreich sich nach wenigen Wochen Krieg (10. Mai 1940 bis 22. Juni 1940) nahezu kampflos dem Deutschen Reich ergeben hatte. Pétain ist also – so wie ja auch Hitler – vollkommen legitim und demokratisch an die Macht in den höchsten Staatsämtern gelangt und stellte sich willig an die Seite des Deutschen Reiches. Frankreich hat ab dem 10. Juli 1940 ununterbrochen sowohl im besetzten wie im unbesetzten Teil eine voll funktionsfähige Verwaltung gehabt, das Zusammenwirken, die Kooperation zwischen deutscher und französischer Verwaltung (oft zu Unrecht abschätzig „Kollaboration“ genannt), klappte wie am Schnürchen, der organisierte Widerstand gegen den Französischen Staat (also gegen das sogenannte „Vichy-Regime“) und gegen die deutschen Besatzer existierte zunächst gar nicht, umfasste auch später stets nur eine Minderheit der französischen Bevölkerung.

Umgekehrt bezeugen die etwa 200.000 Kinder, die in jenen Jahren aus der Liebe zwischen deutschen Soldaten und französischen Frauen gezeugt wurden, dass auch jenseits der Ämter und Behörden ganz überwiegend ein gutes Einvernehmen zwischen dem Deutschen Reich und dem Französischen Staat, zwischen Deutschen und Franzosen herrschte. Notabene: Die Razzien gegen die französischen Juden und deren Deportation in die Lager in Frankreich und im Osten Europas wurden durch die französische Verwaltung, durch die französischen Ordnungskräfte effizient und eigenverantwortlich durchgeführt.

Statt abschätzig von „Vichy-Regime“ sollten wir Deutschen also besser respektvoll von der legitimen „Regierung“ des „Französischen Staates“ sprechen, die ihren Sitz von Juli 1940 bis August 1944 in Vichy hatte. Die unleugbaren Daten lassen zweifellos einen Schluss zu: Frankreich stand in den Jahren 1940-1944 offenbar mehrheitlich mit Überzeugung auf Seiten des nationalsozialistischen Deutschen Reiches – gegen die UDSSR Stalins. Frankreich war damals wohl in der Mehrheit antibolschewistisch, antikommunistisch und antijüdisch eingestellt, wie übrigens Deutschland auch.

Quellen und historische Daten hier wiedergegeben nach:

Thomas Piketty: Le capital au XXIe siècle, Editions du Seuil, Paris 2013
http://piketty.pse.ens.fr/fr/capital21c
Le Petit Larousse illustré en couleurs, Paris 1996, bsd. S. 1589 und 1743
Der große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte, 35. Auflage, Freiburg im Breisgau 2008, Lizenzausgabe für KOMET Verlag Köln, S. 1031-1032

 Posted by at 10:28
Jun 032015
 

Auffällig an den zahlreichen Gedenkreden, Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum 8. Mai 2015 war in Deutschland wie auch in Europa überhaupt eine fast völlige Nichtbefassung mit der Geschichte Russlands, der Geschichte der Sowjetunion, eine Nichtbefassung mit der kleinteiligen, durch rechts- und linksextreme Diktaturen aller Art geprägten osteuropäischen Staatenwelt der Jahre 1918-1939, – und ein obsessives Starren auf das Deutsche Reich und nur auf das nationalsozialistische Deutsche Reich, das bekanntlich den 2. Weltkrieg entfesselt hat, – was wir alle genug und übergenug wissen und was aus diesem Grunde auf Schritt und Tritt wiederholt wird.

Dafür, für diese Unwilligkeit also, sich mit der Geschichte der Sowjetunion zu befassen, greifen wir nur einige zufällige Beispiele heraus, die nahezu beliebig ins Unendliche erweiterbar sind:
„Das Zeitalter der Weltkriege“, eine fundamentale, mit dem Segen der Bundeszentrale für politische Bildung zum Preis von € 4,50 ausgegebene Überblicksdarstellung, erwähnt in der Zeitleiste fein säuberlich alle Angriffsfeldzüge des Deutschen Reiches und die meisten Angriffsfeldzüge der anderen europäischer Diktaturen in den Jahren 1914-1945. Und doch fehlt jeder Hinweis auf den Krieg gegen die soeben unabhängig gewordene Ukraine, den die neue russisch-sowjetische Regierung am 17.12.1917 entfesselt hat. Und doch fehlt der Hinweis auf die gemeinsame Siegesparade, die sowjetrussisch-kommunistische und nationalsozialistische Truppen am 22. September 1939 in Brest abhielten. Und doch fehlt jeder Hinweis auf den Finnisch-Sowjetischen Krieg, den „Winterkrieg“, also den Krieg, den die Sowjetunion am 30. November 1939 gegen das viel kleinere Finnland entfesselt hat.

Warum fehlt hier und auch sonst die Sowjetunion fast überall in den Gesamtdarstellungen? Warum verschweigen gerade unsere lieben Landsleute, die Deutschen immer, dass im Zeitalter der Weltkriege auch andere Staaten, insbesondere die Sowjetunion ab 1917 eine waffenstarrende, mörderische Unterdrückungspolitik gegen das eigene Volk betrieben und gegen benachbarte Staaten räuberische Angriffskriege entfesselten? War der finnisch-sowjetische Winterkrieg etwa kein Bestandteil des Zeitalters der Weltkriege? Waren die von der Sowjetunion ab 1917 bis 1941 gegen die Ukraine, gegen Finnland, gegen Polen, gegen Lettland, Litauen, Estland entfesselten Kriege und Terrormaßnahmen keine Kriege und keine Terrormaßnahmen?

Selbst der glänzende Historiker Heinrich-August Winkler, der doch die Geschichte Deutschlands so kenntnisreich wie kein zweiter zu erzählen vermochte, hat über die beispiellos mit Aggressivität aufgestaute, von wechselseitigen Angriffs- und Vernichtungsdrohungen geprägte europäische Staatenwelt der sogenannten Zwischenkriegszeit kein Wort verloren, als er die Feier des 8. Mai 2015 im Deutschen Bundestag maßgeblich prägte. Auch er stellte in seiner großartigen Rede letztlich die politische Entwicklung Deutschlands ausschließlich als endogenen Prozess dar, der von sich aus, aus der Tiefe der deutschen Nationalgeschichte heraus Elend, Not, Mord kurzum das Böse schlechthin über den Rest Europas gebracht habe.

Man möchte geradezu theologisch in lateinischer Sprache fragen: Estne Germania unica origo et vera incarnatio mali XX. saeculi? Ist Deutschland der einzige Urquell und die wahrhaftige Verkörperung des Bösen in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts? Geht man durch die Straßen Berlins mit dem düsteren Denkmal, diesem faszinierenden Touristenmagnet an der Hannah-Arendt-Straße, möchte man dies so glauben!

Woher kommt dieser auffällige moralische Bonus, den die Sowjetunion Lenins, Trotzkis, Berijas, Swerdlows, Jeschows und Stalins in weiten Teilen der deutschen Historikerzunft und der deutschen Politologen genießt? Warum spricht man in Deutschland tagein tagaus vom Holocaust und fast nie vom Holodomor, der diesem doch vorausging? Speist sich der prosowjetische Bonus der Deutschen aus völliger Unvertrautheit mit den Grundtatsachen der Geschichte Osteuropas? Speist er sich aus einem tiefsitzenden, nagenden Schuldgefühl der Deutschen angesichts des Leides, das DIE Deutschen und nur DIE Deutschen (unter ihnen auch der Deutsche Albert Einstein, auch die Deutsche Hannah Arendt, auch der Deutsche Karl Jaspers, auch die Deutsche Margarethe Buber-Neumann, auch der Deutsche Thomas Mann, auch der Deutsche Bert Brecht, auch der Deutsche Walter Ulbricht) durch die Entfesselung der Weltkriege über den gesamten Rest der Menschheit gebracht haben?

Ist jeder Vergleich zwischen den beiden Großdiktaturen des 20. Jahrhunderts, zwischen der kommunistischen Staatenwelt unter Führung der Sowjetunion und der faschistisch-nationalsozialistischen Staatenwelt unter Führung des Königreiches Italien und des Deutschen Reiches unangemessen?

War die Sowjetunion ein Phantom? Müssen wir lernen, mit der Lücke zu leben, so wie die Deutschen und die Russen und die nationalsozialistisch-sowjetisch beherrschten Völker Osteuropas damals lernten, mit der Lüge zu leben?

Wachen wir Deutschen eifersüchtig darüber, dass keine andere Nation auch nur im mindesten an unsere Schuld und Schuldigkeit heranreicht?

Woher kommt der so deutlich ausgeprägte antideutsche Affekt bei einem großen Teil der deutschen Historiker und Politologen?

So viele Fragen!

Beleg:

„Zeittafel“, in: Ernst Piper (Hrsg.): Das Zeitalter der Weltkriege. Helmut Lingen Verlag, Köln 2014. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 1553, Bonn 2015, S. 280-296

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Jun 012015
 

„Sonderfall Ukraine“, unter diesem zutreffenden Titel beschreibt Hugo Portisch in seinem phantastisch reich bebilderten Band über „Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus“ das in der Tat beispiellose Leiden der Ukraine unter der militärischen Bedrohung, der Unterdrückung und Zerstückelung der Ukraine durch Polen, durch das Russische Reich, durch die Sowjetunion und durch das Deutsche Reich in den Jahren 1917-1945. Wir fassen einige Grunddaten ukrainischer Geschichte zusammen:

Starke Bestrebungen, das Land aus russischer Herrschaft in die Unabhängigkeit zu führen, brachen sich nach der russischen Februarrevolution des Jahres 1917 Bahn. Alle ukrainischen Parteien – auch die linken Sozialdemokraten – forderten damals nationale Unabhängigkeit, wobei grundsätzlich der Verbleib innerhalb des Russischen Reiches nicht ausgeschlossen wurde. Nach dem gewaltsamen bolschewistischen Staatsstreich, der „Oktoberrevolution“ des Jahres 1917, verweigerte die ukrainische Rada den Bolschewiki Lenins die Anerkennung und erklärt die staatliche Eigenständigkeit. Die neue Sowjetregierung erklärt der Ukraine umgehend am 17.12.1917 den Krieg.

Am 9. Januar 1918 ruft die Zentralrada in Kiew die „Unabhängige Souveräne Ukrainische Volksrepublik“ aus. Danach marschieren die deutschen sowie die österreichisch-ungarischen Truppen ein. Am 1. November 1918 wird die „Westukrainische Volksrepublik“ proklamiert. Am 6. Februar 1919 marschiert die Rote Armee Trotzkis in Kiew ein, und die Ukraine wird am 8. April 1919 fester Bestandteil der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik. Am 25.04.1920 wiederum erteilt der polnische Diktator, der General Józef Piłsudski, den Befehl, Sowjetrussland entlang der gesamten Grenze anzugreifen.

Allein schon diese wenigen Daten zeigen, dass die Ukraine in der sogenannten „Zwischenkriegszeit“ mehrfach von Polen, Russland und Deutschland angegriffen wurde, ehe sie dann vorerst endgültig Teil der Sowjetunion wurde.

Doch das Schlimmste waren nicht die Kriege, die Russland, Polen und das Deutsche Reich gegen die Ukraine vom Zaun brachen, das Schlimmste war der sowjetisch-nationalsozialistische Doppelschlag aus erstens dem Holodomor und zweitens dem Holocaust. Letzterer, der Holocaust, füllt viele Buchregale, Videotheken und Bibliotheken, der erste, der Holodomor ist nahezu vergessen. Wie kam es dazu?

Im Jahr 1929 fordern die sowjetischen Kommunisten wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage die Vernichtung eines Großteils der ukrainischen Landbevölkerung, der sogenannten Kulaken.

Die bäuerliche Landwirtschaft wird von der kommunistischen Führung im Zuge der Zwangskollektivierung systematisch zerstört. Die Kulaken – also die selbständige ukrainische bäuerliche Bevölkerung – werden teils sofort erschossen, teils in Lager deportiert, aus denen sie meist nicht wiederkehren. Andere Kulaken werden verbannt, die Menschen werden in Viehwaggons eingepfercht, „in eisiger Kälte oder in brütender Hitze ohne Wasser“. Die Ärmsten unter den Kulaken werden obdachlos gemacht, sie vegetieren in den 30er Jahren unter sowjetischer Herrschaft auf den Straßen dahin und sterben wie die Fliegen.

Es gibt Augenzeugenberichte und Fotos darüber, wie hungernde ukrainische Familien in ihrer abgrundtiefen Verzweiflung nach und nach die Schwächsten töteten und danach verspeisten. Kannibalismus, Menschenfresserei aus Hunger – von Trotzki ausdrücklich gutgeheißen – war unter der Herrschaft der sowjetischen Kommunisten in der Ukraine, der einstigen Kornkammer des Russischen Reiches, ein nicht nur vereinzeltes Phänomen.

Berichte über diese Massenmorde, über die Vernichtung eines großen Teils der ukrainischen Bevölkerung erreichten sehr wohl regelmäßig das Ausland. Doch keine ausländische Macht griff ein.

Etwa 10 Millionen Ukrainer wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die sowjetische Führung planmäßig durch Massenerschießungen, durch Vertreibungen und Zwangsarbeit sowie durch gezieltes Verhungernlassen vernichtet. Massenerschießungen, Deportationen, häufig zum Tod führende Zwangsarbeit in der Sowjetunion: Es handelt sich zusammen mit den Kolonialgreueln in Kongo unter dem belgischen König Leopold und zusammen mit dem nationalsozialistischen Holocaust an den europäischen Juden wohl um den schrecklichsten Genozid im Europa des 20. Jahrhunderts. Je nach Bewertungsmaßstab übertrifft der Holodomor am ukrainischen Kulakentum den Holocaust an den europäischen Juden in Grausamkeit und Brutalität sogar noch oder kommt ihm nahe. Der Holodomor ist zweifellos grausamer und schrecklicher gewesen selbst noch als die auf ihn folgenden „Säuberungen“ des sowjetkommunistischen Systems der späten 30er Jahre. Denn der Holodomor dauerte länger als die Säuberungen, der Holodomor forderte nach Schätzungen 8 bis 10 Mal so viele Menschenleben, er betraf eine gesamte Bevölkerung. Und es gab fast keine Überlebenden. Selbst heute ist dieser Genozid am ukrainischen Volk, der ungesühnt und kaum erinnert dem ebenso schrecklichen Holocaust vorausging, selten Gegenstand der öffentlichen Erinnerung außerhalb der Ukraine.

Der Bildband von Hugo Portisch (ich kaufte ihn gestern auf dem Flohmarkt am Rathaus Schöneberg für € 1.-) sei allen empfohlen, die sich für eine vollständige Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts im Zeitalter der Weltkriege interessieren und insbesondere das militärisch-politische Zusammenspiel zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem Deutschen Reich in den Jahren 1924 bis 1941 näher erkunden möchten.

Hinweis:
Hugo Portisch: „Sonderfall Ukraine“, „Die Vernichtung der Kulaken“, in:
Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Mit zahlreichen Schwarzweißfotos. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, S. 124-131 sowie S. 220-223

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Bronsteins Kinder, oder: die Macht des Menschen über Leben und Tod

 1917, Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Hebraica, Krieg und Frieden, Mutterschaft, Opfer, Religionen  Kommentare deaktiviert für Bronsteins Kinder, oder: die Macht des Menschen über Leben und Tod
Mai 292015
 

Von der ungeheuren Macht, besser: der grenzenlosen Selbstermächtigung des 1879 im damaligen Neurussland, heute ukrainischen Janowka geborenen kommunistischen Revolutionärs Lew Davidovitsch Bronstein, besser bekannt als Trotzki, zeugt der folgende Wortwechsel zwischen einem (hier nicht näher bestimmten) Prof. Kusnetzow und Trotzki aus dem Jahr 1919. Zur Erinnerung: Wir stehen im Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen, Moskau wird belagert und ausgehungert. Der militärische Chef der Roten ist Trotzki, der unumstrittene Führer der Roten Armee.

Professor Kusnetzow schreibt an Trotzki: „Moskau stirbt buchstäblich vor Hunger“. Trotzkis überlieferte Antwort: „Das ist kein Hunger. Als Titus Jerusalem einnahm, aßen jüdische Mütter ihre eigenen Kinder. Wenn ich also Ihre Mütter zwinge, ihre eigenen Kinder zu essen, dann können Sie kommen und sagen: „Wir hungern“.

Wenn ich eure Mütter zwinge, ihre Kinder zu essen …“ Dieser hammerartig niederfallende Nebensatz scheint mir geradezu emblematisch die Signatur des frühen 20. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Weltkriege und Revolutionen zu sein. Trotzki, der hochintelligente, rhetorisch brillante, rundum gebildete, kluge Mensch, der sowohl den jüdischen Cheder in der ländlichen Ukraine wie auch die lutherische deutsche St.-Paulus-Schule in Odessa besucht hatte, gibt damit den Ton der Selbstermächtigung durch die Revolution im Zeichen von Hammer und Sichel an. Er sagt gewissermaßen: „Ich, Trotzki, erteile mir hiermit die Macht über Leben und Tod, die Macht über Mütter und deren Kinder.“

Trotzki, der sich in der Kommunistischen Partei handschriftlich unter seiner Volkszugehörigkeit Jude eingetragen hat, ordnet darüber hinaus die russische Oktoberrevolution ganz bewusst in die welthistorische Ereigniskette ein. Er stellt somit die von ihm maßgeblich bewirkte russische Oktoberrevolution auf eine Stufe mit der verheerenden Niederlage und Zerstörung des Judentums, mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70! Das ist der Hammer, das ist die Sichel.

Das durch den jüdischen Historiker Flavius Josephus im 6. Buch seines „Jüdischen Krieges“ erzählte Geschehen, wonach im Jahr 70 unter der Belagerung und Aushungerung Jersualems durch die Römer eine jüdische Mutter ihr eigenes Kind schlachtete, briet und verzehrte, wird durch Trotzki in bewusster Übertreibung noch überboten: In der kommunistischen Revolution, im Kampf zwischen Roten und Weißen wird also nicht nur der Hunger als bewusstes Kampfmittel eingesetzt, vielmehr wird das erste und innigste Band der Menschen untereinander, das zwischen Mutter und Kind, durch Gewalt ganz bewusst zerstört.

Hier im Original das Zitat, wie es Swetlana Alexijewitsch wiedergibt. Die originale Fundstelle habe ich bisher allerdings nicht gefunden. Die Echtheit des Zitats kann ich somit nicht bezeugen. Ich halte es für durchaus für möglich, dass diese Zitate echt sind.

«Москва буквально умирает от голода» (профессор Кузнецов — Троцкому). «Это не голод. Когда Тит брал Иерусалим, еврейские матери ели своих детей. Вот когда я заставлю ваших матерей есть своих детей, тогда вы можете прийти и сказать: “Мы голодаем”» (Троцкий, 1919).

http://pda.litres.ru/svetlana-aleksievich/vremya-sekond-hend/chitat-onlayn/

Die obenstehende Übersetzung des Trotzki-Zitates aus dem Russischen hat der hier Schreibende angefertigt.

Eine andere gedruckte deutsche Übersetzung des Zitates findet sich hier:

Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2013. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, hier S. 11

Eine handschriftliche Selbstauskunft Trotzkis aus dem Jahr 1922 anlässlich des 10. Kongresses der Sowjets findet sich in folgendem Buch:
Robert Service: Trotsky. A biography. Pan Macmillan Books, London 2010, Abbildung Nr. 14, digitale Ausgabe Pos. 15528

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