Das Kreuz ist das überragende Denkmal der Schande

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Jun 052017
 

Keine schändlichere Todesart kannte das Römische Reich als die Kreuzigung. Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus, schreibt Cicero in seiner noch heute sehr lesenswerten Gerichtsrede Pro C. Rabirio. Die Kreuzigung galt – so geht aus dieser Rede hervor –  im römischen Strafrecht als besonders schmachvoll und entehrend. Keinem römischen Bürger – fordert Cicero – solle sie auch nur ansatzweise zugedacht werden, sie beraube ihn jeder Freiheit.

Für Sklaven, Aufrührer, Kapitalverbrecher und unterlegene Feinde galt zur Zeit Jesu die Kreuzigung als die Strafe der Wahl. Das Kreuz war zu Zeiten Ciceros und Caesars das Denkmal der Schande.

Als Denkmäler ihrer eigenen Schande (monuments to their own shame) bezeichnete zu recht Neil MacGregor, einer der drei Gründungsintendanten des Berliner Humboldt-Forums, die zahlreichen Mahnmale, mit denen die Deutschen der im deutschen Namen ermordeten Menschen gedenken; das bedeutendste unter ihnen ist zweifellos das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das sich nur einen Büchsenschuss vom neuen Humboldt-Forum entfernt befindet.

Was Neil MacGregor völlig zutreffend als Denkmäler der Schande bezeichnet hat, die kennzeichnend für den Umgang Deutschlands mit eigener Schuld seien, das ergänzt nun ein anderer Gründungsintendant des Humboldt-Forums, Horst Bredekamp, um ebenso zutreffende Betrachtungen zur kulturgeschichtlichen Bedeutung des Kreuzes. Auch das Kreuz ist ja ein Mahnmal der Schuld, ein Denkmal der Schmach, ein Symbol der Scham. Das Kreuz ist das überragende Denkmal der Schande des Menschen. Im Kreuz Jesu Christi erblickt der Mensch seine tiefste Erniedrigung. Das Kreuz ist für die Menschen ein Mahnmal ihrer eigenen Scham – a monument to their own shame.

„Kreuzige ihn“, dieser Ruf, in den wir alle einstimmen, wenn wir etwa die Matthäuspassion J. S. Bachs oder die Johannespassion von Thomas Mancinus singen, dieser Ruf führte mir erst vor wenigen Wochen im Karfreitagsgottesdienst wieder einmal in der Schöneberger Kirche St. Norbert vor Ohren, was damit gemeint ist: Wir alle haben diese Möglichkeit des Rufes nach Kreuzigung in uns. Wir alle haben das Zeug in uns, einen Menschen zu kreuzigen. Deshalb ist es richtig und sollte auch von allen Dirigenten so empfohlen werden, dass der Chor dieses „Kreuzige ihn“ mit Macht, mit teuflischer Lust an der Grausamkeit zu singen hat.  Gerade das Knirschen der beiden Konsonanten K und R ist aufs schärfste herauszuarbeiten! Es muss gleichsam in der Seele des Sängers knirschen und krachen. Es muss weh tun. Nietzsches Gott ist tot: ich, ihr, wir haben ihn getötet, Bachs Ich bin’s, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen, diese nur scheinbar wahnsinnigen Schuldbekenntnisse drücken nichts anderes aus als den rituellen, symbolischen Nachvollzug der Gottestötung.

Der christliche Glaube ermöglicht im Zeichen des Kreuzes jedem Menschen, die schlimmsten aller Verbrechen, deren Anlagen in uns schlummern, ritualisiert nachzuvollziehen oder vielmehr vorwegzunehmen und sich dadurch vom Bann des Verbrechens zu befreien. „In der Tat, dies waren grausame Verbrechen. Und das schlimmste ist: Ich hätte sie ebenfalls tun können! Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite ich gestanden hätte.“

Einen Augenblick lang – so meine ich – muss sich jeder Chorsänger in den Turba-Chor hineinversetzen. Er muss nachfühlen können, weshalb die Menge den Tod Jesu verlangt hat. Stärker noch: Er muss selbst den Tod Jesu am Kreuz verlangen. Und diese Einsicht führt zu einem dauernden, verstörenden Selbstzweifel.

Dieses Gefühl des äußersten Selbstzweifels, des in einem aufgerichteten Kreuzes, ist ein Grundzug der europäischen Leitkultur nach Golgatha. Diese eigene Schuldhaftigkeit zu erkennen, sich durch sie hindurchzuarbeiten, entfaltet eine verwandelnde Wirkung. Denn diese Erfahrung ist kein letztes. Es geht ja weiter!

Man mag diesen Selbstzweifel verwerfen, man mag diese radikale Selbstbefragung durch Entfernung aller Kreuze baulich ausmerzen. Man mag sagen: „Hurra, wir haben ja den Euro, wir kämpfen unermüdlich für die Geschlechtergerechtigkeit, wir haben den Klimavertrag, wir retten unaufhaltsam die Mutter Erde durch den Vertrag von Paris. Wir sind die Guten! Hurra, danke, dass wir nicht so sind wie diese da, all die pöbelhaften Plebejer!“

Dann hat man aber auch mit dem Kreuz einen Kern der europäischen Kultur baulich und symbolisch ausgemerzt. Man bewirkt das, was ich nicht umhin komme als Repaganisierung oder besser Entkernung der Leitkultur zu bezeichnen.

Belege:

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Horst Bredekamp: „Das Kreuz ist der aufgerichtete Zweifel an sich selbst“. Die Welt, 04.06.2017
https://www.welt.de/kultur/article165221092/Das-Kreuz-ist-der-aufgerichtete-Zweifel-an-sich-selbst.html

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Der demokratische Verfassungsstaat als vorläufig letzte Vollendungsform des europäischen Freiheitsdenkens

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Mai 172017
 

Athen, Jerusalem, Rom – das sind die drei symbolisch hochaufgeladenen Städte  und hochaufladenden Stätten, ohne die Europa, so wie wir es heute verstehen, nicht denkbar wäre. Athen verstanden hier – ganz im Gegensatz zu den östlichen, den asiatischen Herrschaftskulturen – als Brennpunkt griechischer Selbstbestimmung in einer Gemeinschaft ohne König, in einer enthusiastisch erregten Freiheitskultur, ohne theologische Letztbegründung irdischer Herrschaft; Geburtsstätte des herrschaftsfreien Redens über Letztes und Vorletztes, Wirkungsort des Areopags, des Sokrates, des Platon, des Aristoteles. In Griechenland sehen wir den Ursprung der Demokratie.

Jerusalem tritt hinzu als wichtigste Pflanzstätte des Eingottglaubens, Zielort und Quellort der drei großen Ein-Gott-Religionen, die als einzige Religionen der Antike bis in unsere Tage hinein wirkmächtig geblieben sind, die das gesamte Antlitz aller europäischen Länder nachhaltig in die Tiefe hinein umgeprägt haben. Ausnahmslos alle europäischen Länder sind mindestens seit 1000 Jahren und über mindestens 10 Jahrhunderte hinweg grundlegend durch das Judentum, das Christentum, den Islam umgewälzt und umgestaltet worden.

Erst in Rom schließlich fand der Gedanke der Staatlichkeit, der in dauerhaft ausgestalteten Institutionen ausgeübten, territorial verankerten Herrschaft eine weithin ausstrahlende Kraft. Den griechischen Stadtstaaten war dieser Gedanke einer personenunabhängigen, durch dauerhafte, kodifizierte Rechtsnormen eingehegten Staatsmacht noch fremd.

Alle staatlichen Gebilde, alle europäischen Kulturen beziehen sich seither mehr oder minder ausgesprochen auf Athen, Jerusalem, Rom.

Athen, Jerusalem, Rom! Alle unsere heutigen europäischen Nationalkulturen, alle unsere modernen Verfassungsstaaaten sind Übersetzungs- und Nachfolgekulturen dieser antiken Grundprägungen, dieser wenigen, klar benennbaren Grundmerkmale der europäischen, tief in der europäischen Geschichte verankerten Leitgestalten. Das eint sehr unterschiedliche Länder, alle 49 Staaten Europas wie etwa Ukraine und Belgien, Portugal, Russland und Dänemark, Bulgarien und Schottland, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Frankreich.

Die Länder des riesigen Länderbogens vom Maghreb bis nach Indonesien und Pakistan begreifen sich hingegen nicht als durch Athen, Jerusalem und Rom geprägt. Länder wie Marokko, Irak, Iran, Pakistan, Usbekistan, Pakistan sind in diesem kulturellen Sinne keine europäischen Länder; jedoch die Staaten Nordamerikas etwa, also Mexiko, die USA, Kanada  sind typologisch gesehen durchaus „europäische“ Länder.

Vgl. zu diesen Themen auch den lesenswerten, weiterführenden Aufsatz von Jens Halfwassen in der FAZ vom heutigen 17. Mai 2017! Er schreibt unter der Fragestellung „Was ist Nationalkultur?“

„Unter der europäischen Kultur verstehe ich nicht das sogenannte christliche Abendland, sondern den Gesamtzusammenhang der europäischen Kulturentwicklung seit den homerischen Epen, also die dreitausend Jahre europäischer Kultur, die wir aufgrund der erhaltenen Texte dieser Kultur überblicken können.“

Nationalkulturen oder gar die berühmten oder rätselhaften „Leitkulturen“ begreift er als unterschiedliche Ausprägungen desselben Grundtyps von kulturell getragener Staatlichkeit, der nach allem, was wir heute wissen, seit dem Scheitern der athenischen Demokratie vor 22 Jahrhunderten im demokratischen Verfassungsstaat seine vorerst letzte Ausgestaltung gefunden habe.

Er, der demokratische Verfassungsstaat, existiere in der europäischen Geschichte nur als Nationalstaat, nicht als kontinentales Reich oder gar globales Imperium.

Die Frage, ob die 49 europäischen Nationalstaaten, die sich als moderne Verfassungsstaaten begreifen, auf ein Jenseits des Verfassungsstaates zugehen sollen, also etwa Teile ihrer Souveränität an Staatenverbünde, etwa die EU, oder Verbände wie etwa Vertragsgemeinschaften abtreten sollten, wirft Halfwassen nicht auf.

Mit guten Gründen erklärt er die demokratischen Verfassungsstaaten zu der derzeit erkennbaren stabilen politischen Gestalt der Freiheit schlechthin.

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Dürers Grafiken als Ausmalbildchen für die Kleinsten?

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Mai 082017
 

Neben den Märchen der Gebrüder Grimm, den Gedichten und Dramen Goethes, den Chorälen und Passionen Bachs und den drei Kritiken Kants zählten die Grafiken und Gemälde Dürers früher zum Kernbestand der kulturellen Leitwerke, die in Deutschland und weltweit in anderen Ländern von Generation zu Generation weitergegeben wurden.  Sie waren lebendiger Teil der europäischen Leitkulturen und folglich auch Teil der wie immer wandelbaren, aber doch weithin bekannten und geschätzten deutschen Leitkultur.

Jeder, der länger als 4 Jahre die Schule besucht hatte, war mit ihnen irgendwie in Berührung gekommen, hatte einige Gedichte Goethes oder Schillers gelernt, einige Märchen der Grimms gehört, einige Grafiken Dürers erklärt bekommen, und, soweit er das Gymnasium besucht hatte, ein paar Sätze aus den Kritiken Kants gelesen.

Wie schaut es heute aus? Außer den Märchen der Gebrüder Grimm kann heute nichts mehr davon zum Allgemeinwissen eines deutschen Schülers gerechnet werden. Es gibt in Kunst und Kultur gar keinen Kanon mehr, an dem man sich abarbeitet, stößt, den man bezweifelt, befragt, abklopft – und endlich wohl auch gar liebt.

Unsere Schüler verlassen heute in Deutschland in aller Regel die Schule, ohne eine lebendige Beziehung zu den Gedichten und Dramen Goethes, den Grafiken Dürers oder zu den Chorälen und Passionen Bachs aufgebaut zu haben. Bezeichnend etwa, dass bei einer Befragung für Plasbergs Fernsehsendung „Hart aber fair“ die älteren Schüler des Berliner Goethe-Gymnasiums mit einigen  der berühmtesten Zeilen Goethes nichts verbinden konnten, ja sie nicht einmal erkannten.

Von einem Stillstand des kulturellen Gedächtnisses spricht zu Recht Ellen Euler heute in der FAZ auf S. 11. Ich würde noch weitergehen: Wir erleben eine echte Entkernung des deutschen, ja des europäischen kulturellen Gedächtnisses. Es gibt schlechterdings keine Leitwerke oder Leitvorbilder mehr, auf deren Kenntnis man sich bei der Mehrheit der in Deutschland Aufwachsenden verlassen kann.

Sowohl die Fibel als auch die Bibel haben in Deutschland ausgedient. Man macht heute alles neu, alles besser, das Alte ist oder war so schlecht. Man dient sich in der pädagogischen Arena den neuen Medien an, statt sie sich weise zunutze zu machen.

Was ich bei den Schülern heute noch in Berlin und anderen deutschen Städten wahrnehme, was ich etwa den in den Schulen verwendeten Lesebüchern entnehme, das  sind kümmerliche Restbestände einer deutschen Leitkultur, aber keine echte Befassung, keine tiefe Auseinandersetzung mehr mit den jahrhundertelang gepflegten, jahrhundertelang gesammelten und errungenen Vorbildern der europäischen Leitkulturen. Und die Schuld daran tragen nicht die Schüler, sondern wir!

Dabei wäre es so wichtig, auf kulturelle Leitbilder zu setzen! „Grimms Märchen waren meine Integration!“, derartiges konnte man immer wieder hören von Menschen, die in Deutschland angekommen sind.

Das gemeinsame Erzählen, das gemeinsame Hören, das gemeinsame Nachspielen und Inszenieren von Grimms Märchen etwa wäre ein richtiger Ansatz zur „Integration durch Kultur“. Man kann sogar sagen: Kitakinder und Grundschüler, die ein paar Monate lang in Grimms Märchen gelebt haben, sie wieder und wieder gehört haben, sie nachgespielt haben, die sind angekommen in der deutschen Sprache, die brauchen keine Integrationslotsen mehr. Die sind hier zuhause. Und viele Dutzende Integrationskonferenzen –  (die der hier Schreibende besucht hat) – wären mit einem Schlag überflüssig, wenn man sich auf einen gewissen Grundbestand an zeitüberdauernden  kulturellen Leitbildern und Leitwerken geeinigt hätte, an die die Kleinen rechtzeitig herangeführt werden sollen.

Ellen Euler schlägt heute vor, die Jüngsten spielerisch an die Leitwerke der Kultur heranzuführen. So können etwa Kinder Grafiken Dürers als Ausmalbildchen bekommen. Und das ist, so meine ich, goldrichtig! Sie sagt: „Je früher man ein solches Angebot machen kann, umso besser, denn dann bleiben die Sachen auch im gelebten Gedächtnis und sind nicht nur unabgerufene Fragmente im Speicher.“

Frühe Heranführung, frühe Befassung, spielerisches Hineinwachsen in die Werke und Bilder der europäischen Leitkulturen, das brauchen die Kinder, davon lebt der kulturelle Zusammenhang, das ist der Kitt der Integration.

 

 

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/republica-ellen-euler-sieht-kulturellen-stillstand-in-europa-15004621.html

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15 Minuten Überzeugungsarbeit für jede Kandidatin und jeden Kandidaten … auch in Deutschland möglich?

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Mai 012017
 

Eine großartige Sendung war in meinen Ohren die zweite lange, abschließende, am 20. April ausgestrahlte Fernsehdebatte von France 2 für die 2 Kandidatinnen und die 9 Kandidaten „15 minutes pour convaincre – 15 Minuten Überzeugungsarbeit.“ Noch heute bequem nachzuhören auf Youtube! Zwar dürfte vor der ersten Runde der französischen Präsidentenwahlen  festgestanden haben, dass nur 4 Kandidaten (Fillon, Le Pen, Macron, Mélenchon) echte Aussichten auf den Einzug in die Stichwahl  hatten, doch wurde auch den anderen 7 zugelassenen Kandidaten dieselbe Zeit eingeräumt, in der sie möglichst viele Menschen für sich und ihre Sache gewinnen konnten. Vorbildlich!

Was fiel einem hier als deutschem Zuhörer auf? Nun, zunächst einmal die gute Leistung der beiden fragenstellenden Journalisten, Léa Salamé und David Pujadas! Es wurde einem nicht klar, welchen der 11 Kandidaten die Journalisten persönlich bevorzugten. Und so muss das ja auch sein.  Die Zuhörer sollen entscheiden, nicht die Journalisten! Bei jedem der 11 Kandidaten ließen die beiden die wählbare Saite erklingen. Keine der Kandidatinnen hauten sie von vornherein in die Pfanne, jede Kandidatin konnte sich von der besten Seite her zeigen. Die kritischen Rückfragen der Moderatoren setzten behutsam nach, ohne je der Gefahr des Draufhauens oder des Aushebelns zu erliegen. So sollte das eigentlich immer sein.  Vorbildlich!

So kamen die entscheidenden Fragen des Wahlkampfes zur Sprache – Fragen der Identität Frankreichs vor allem. Alle 11 französischen Kandidaten von ganz links bis ganz rechts stellten sich ausdrücklich den folgenden Fragen nach der Identität Frankreichs, die derzeit zentral für die französische Politik sind:

Wie sehen wir Franzosen uns? Wie wollen wir sein? Was ist unsere Leitkultur? Was macht uns als französische Nation aus? Was ist es doch, das unsere französische Welt im Innersten zusammenhält? Wie verteidigen wir das französische Erbe angesichts der Globalisierung durch Coca Cola, Facebook, Microsoft und Hollywood? Wie führen wir uns als stolze Franzosen, die wir alle sind und bleiben wollen,  in das 21. Jahrhundert? Welche Form soll der französische Nationalstolz annehmen? Wie geht es eigentlich mit der Europäischen Union weiter? Wo drückt da der Schuh? Wie schaffen wir es, die unleugbaren Mißstände in unserem Vaterland Frankreich zusammen mit den europäischen Partnern zu beheben? Wie vermitteln wir das reiche französische und danach auch das europäische kulturelle Erbe unseren Kindern weiter? Brauchen wir in Frankreich mehr zentrale Steuerung durch Paris – oder mehr Rückgabe der Verantwortung an die unteren Ebenen? Mehr Zentralismus oder mehr Subsidiarität? Mehr Durchgriffsrechte von oben – also von Brüssel und von Paris?  Oder mehr Zusammenhalt von unten und von innen heraus (also aus Aix, aus Donzy, aus Bourges, aus Marseille)?

Unbedingt sehenswert, diese Sendung!  Wäre so etwas auch in anderen Ländern möglich?

Denn ähnliche Fragen – Was ist unsere Leitkultur, welches Leitbild schwebt uns vor, wer sind unsere Vorbilder? – stellen die Menschen auch in den anderen Ländern Europas, also z.B. in Österreich, in der Schweiz, in Russland, in der Ukraine, in Dänemark, in Griechenland und in Großbritannien!

 

 

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„Dal tuo stellato soglio“, oder: Was mir an Europa lieb und teuer ist …

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Sep 122016
 

… das brachte das kleine improvisierte Abendliedchen meines treuen Wandergefährten Gian Battista Semaforo sehr gut zum Ausdruck:

„Dal tuo stellato soglio …“, ein großartiger Chor aus der Oper „Moses in Ägypten“ von Giacomo Rossini. Eine herrliche Bass-Arie leitet den Chorgesang ein! Das Chorische, das Vielstimmige an Europa, das ist mir fürwahr lieb und teuer. Fazit:
Lieb und teuer an Europa sind mir, nur zum Beispiel: a) Moses, der Gründer des alten Israel, obzwar kein Europäer b) Rossini, ein wahrhaft europäischer Komponist italienischer Herkunft c) der europäische Chorgesang, eine Ausfaltung des liturgischen Singens.

Und was noch? Vielleicht dieses:

Mancher Geiger kennt wohl die „Moses-Phantasie“ von Niccolò Paganini. In diesem Stück fordert der Teufelsgeiger dem Solisten alles ab: auf einer einzigen Saite, der G-Saite, solle er ähnliche Effekte erzielen, wie sie ein vielstimmiger Chor, ein Orchester und der Bass-Solist in der Oper Rossinis erzielen. Teuflisch schwer, überheblich. Und doch: Der Teufel gehört also auch zu Europa dazu.

Und was noch? Vielleicht dieses:

Im Nachtlied von Nietzsches Also sprach Zarathustra heißt es:
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.“ Siehe da, auch das gehört zu Europa: die großen Gegenentwürfe, das Aufbegehren gegen die mosaische Tradition, die großen Gottestötungen der Neuzeit, beispielhaft vorgedacht durch Marx, Nietzsche, Engels, vorgemacht und ausgeführt und nachgemacht durch Lenin, Dzierżyński, Mussolini, Trotzki, Graziani, Hitler, Stalin, Eichmann und zahllose Helfer, zahllose andere willige Vollstrecker – das Aufsässige, Ungehörige, Trotzige – und erst zuletzt: das Versöhnliche, das Nimmergeglaubte, das irgendwoher wiederkehrt.

Und was noch? Vielleicht dieses:

In dem Film FuocammareSeefeuer – des Regisseurs Gianfranco Rosi erklingt aus einem unzulänglichen 50er-Jahre-Radio der Chor „Dal tuo stellato soglio“ aus Moses in Ägypten, während eine alte Witwe das Ehebett in einem 50er-Interieur herrichtet. Auch das ist Europa. Auch das ist mir teuer. Und zur selben Zeit werden in Lampedusa Schiffbrüchige aufgenommen, mit warmen Getränken und  Wärmefolien versorgt. Ein unzulänglicher Bus mit der Zielbestimmung MisericordieBarmherzigkeiten – wartet mit tuckerndem Motor und wird sie in Sicherheit bringen. Auch das ist mir lieb und teuer. Auch sie sind mir lieb und teuer.

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„Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde“, oder: Goethe. Ein Kippbild

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Dez 212015
 

Einen besonders schlagenden Beweis für den offiziösen, also gewissermaßen amtlichen, furiosen Selbsthaß (odium sui) der heutigen Deutschen für alles, was auch nur im entferntesten als „deutsche Kultur“ wahrgenommen werden könnte, liefert der Umgang des Prager Goethe-Instituts mit dem Sockel der Goethe-Büste, welche bis 1945 im böhmischen Karlovy Vary (Karlsbad) stand. Die Büste wurde 1945 in den Wald verschleppt, der Sockel stand herrenlos umher. Das Goethe-Institut, das vertraglich mit dem Außenministerium verbundene Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, beauftragte einen zeitgenössischen Künstler, Jiří David, eine Art Anti-Denkmal für den verwaisten Sockel Goethes zu schaffen. Ausgestellt werden sollte das Denkmal auf dem Masaryk-Platz in Prag. Zu sehen ist nunmehr (oder war bis zur Entfernung des Denkmals vorübergehend) eine mit Schrott befüllte, aufrecht stehende Schubkarre, die an Stelle Goethes getreten war; doch wie durch ein Wunder fiel der Schrott nicht zu Boden, sondern verharrte als Denkmal seiner eigenen Müllhaftigkeit an seinem Ort.

Dazu lesen wir in einer tschechischen Internet-Seite, die dankenswerterweise auch das Denkmal bildlich darstellt:

Na Masarykově nábřeží v Praze byl vpodvečer odhalen netradiční pomník německého básníka Johanna Wolfganga Goetha.
Skládá se z historického podstavce, který výtvarník Jiří David doplnil stavebním kolečkem naloženým sutí, v níž jsou zabořeny Goethovy knihy, ohořelé fragmenty malířského plátna, nedopalky cigaret, zlatá platební karta Master, tištěné noviny či fragmenty computeru.

Zdroj: http://www.lidovky.cz/jiri-david-odhaluje-novy-objekt-ne-pomnik-j-w-goethe-fxs-/kultura.aspx?c=A151002_155432_ln_kultura_ele

Sollte man also Goethe – dem Beispiel des Goethe-Instituts folgend – gleich auf den Müll auskippen, Goethe in Deutschland verbieten oder Goethe in Deutschland ignorieren? Letzteres scheint an deutschen Schulen überwiegend der Fall zu sein. Bei einem Literaturfestival sprach ich kürzlich mit einer aus Osteuropa nach Deutschland zugewanderten Literaturliebhaberin, deren Tochter die Segnungen des deutschen Deutschunterrichtes an einem deutschen Gymnasium über sich ergehen lassen durfte. Wir sprachen über den Rang und Wert der Literatur für die Herausbildung einer Persönlichkeit. Und was muss ich da hören? „Meine Tochter hat ein sehr gutes Abitur in Deutschland abgelegt, ohne in ihrer ganzen Schulzeit auch nur eine einzige Zeile von Goethe gelesen zu haben!“

Das ist beileibe keine Einzelstimme! Das Goethe-Institut Prag hatte also recht! Mit der Goetheschen Verschrottungsaktion warf es ein Schlaglicht auf den Umgang der heutigen deutschen Kulturnation mit all dem, was den Deutschen einst lieb und teuer war, was übrigens auch im Ausland von China über Russland bis USA, von Indonesien bis Ägypten den einen oder anderen Fan hatte und unvermindert hat. Neben Goethe sind dies beispielsweise Immanuel Kant, Thomas Mann, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Albrecht Dürer, Wolfgang Amadeus Mozart, Albert Einstein, Sigmund Freud, Franz Kafka, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Musik, Kunst, Philosophie, Wissenschaften, das waren Felder, auf denen in deutscher Sprache erzogene Menschen in deutscher Sprache Wesentliches beigesteuert haben. Muss man denn wirklich die deutsche Sprache so in Dreck treten, wie es das Goethe-Institut Prag getan hat?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die genannten Persönlichkeiten waren keineswegs deutschnational eingestellt, sie empfanden sich ganz eindeutig nicht einmal in erster Linie als „Deutsche“, sondern eher als „musikalischer Genius“ wie Beethoven, „gränzenloser Künstler“ wie im Falle Goethes, „gläubiger Christenmensch“ wie etwa im Fall Bachs, „Philosoph des Weltgeistes“ wie Hegel, „Philosoph der menschlichen Vernunft“ wie Kant, „Archäologe der menschlichen Psyche“ wie Freud.

Aber sie sind doch so nur denkbar, sie konnten so nur entstehen unter den besonderen Bedingungen des deutschsprachigen Kulturraumes, der politisch ein buntscheckiger Flickenteppich war, aber kulturell vorrangig in deutscher Sprache sich entfaltete, von deutscher Sprache überhaupt nicht zu trennen ist, sich vielfältig verästelt mit europäischen Kulturen vernetzt hat und überhaupt eine gute, gangbare Alternative sowohl zu früherer nationalistischer Überheblichkeit wie auch zu heutiger antideutscher würdeloser Selbstzertrümmerung darstellt.

Dem Goethe-Institut Prag ist zu danken, dass es ein so scharfes Schlaglicht auf den krankhaften, typisch deutschen Hang zur Selbstentwürdigung geworfen hat, ja ihn bis ins äußerste, absurde Extrem durchexerziert und durchfinanziert hat.

Den mitunter suizidalen deutschen Selbsthaß, das offiziöse odium sui germanicum, schätze ich, nebenbei bemerkt, als sehr gefährlich ein. Wer sich selbst so runtermacht, so würdelos in den Staub wirft, wie das die Deutschen ganz amtlich und rituell gerne tun, der kann auch keine Achtung für andere Nationen empfinden, seien es nun die Tschechen, die Polen, die Ungarn, die Israelis, die Franzosen oder die Russen.

Ohne Selbstachtung keine Achtung des Anderen, ohne Selbstliebe keine Nachbarliebe oder „Nächstenliebe“!

Wer sich selbst – wie allzu oft die Bundesrepublik Deutschland dies als Kulturnation tut, wie dies allzu viele deutsche Intellektuelle tun – würdelos behandelt, wird anderen Nationen auch nicht mit Anstand und Würde begegnen können. Darin liegt eine echte Gefahr für das Haus Europa.

Goethe, ein von Deutschland vergeßner, mißachteter, ausgekippter Dichter hat diese Gefahr der Selbstentzweiung, ja der Zerstörung alles Wertvollen bei seinen Aufenthalten in den böhmischen Bädern Marienbad und Karlsbad sehr hellsichtig erkannt. Er schrieb in seiner Marienbader Elegie zu diesem Thema:

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.

Quellenangabe:
Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1998, hier S. 462; ferner hierzu der aufschlußreiche Kommentar im selben Band, S. 1057

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Sokrates und die Bibel in gutes Deutsch übersetzt – ist das die deutsche Leitkultur?

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Dez 102015
 

Einen wertvollen Denkanstoß zu unserer Besinnung auf das, was die deutsche Leitkultur oder überhaupt die nationalen Leitkulturen Europas ausmacht, lieferte im Jahr 1856 der Dichter Ernst Moritz Arndt.

Seine Formel für den Grundbestand der europäischen Nationalkulturen lautete damals: Griechische Antike und Bibel.

Die Weisheit des hartnäckig fragenden Sokrates mit dem Schatz der Bibel zusammengebracht – das ist in der Tat, in gröbster Vereinfachung, das Basiswissen unserer europäischen Nationalkulturen. Dies gilt, so meine ich, in dieser Allgemeinheit völlig unspezifisch für Polen, Russen, Griechen, Deutsche, Franzosen, für Juden, Muslime, Christen und Atheisten gleichermaßen!

Das sind die unerlässlichen Grundzutaten der vorwaltenden Kulturen aller europäischen Völker. Die Mischung im Teig variiert, aber die Ausgangsstoffe sind überall dieselben.

Und das Nationale, das Eigentümliche der europäischen Völker, des Europas der 47 europäischen Staaten? Es tritt in Form von „Zuschlagstoffen“ hinzu. Aber der Teig, die Masse als solche bleibt dieselbe.

Die Bibel und der größte Zweifler, der wegen Gotteslästerung und Jugendverführung hingerichtete Skeptiker der hellenischen Antike in verlässliches Deutsch übersetzt, das dürfte einen großen Teil unserer deutschen Leitkultur ausmachen. Sie, die nationalen Leitkulturen Europas, sind allesamt Übersetzungskulturen! Nachfolgekulturen der griechischen Antike und der griechisch übersetzten Bibel sind es samt und sonders! Ohne Kenntnis der griechischen Antike und der Bibel kann man die europäischen Leitkulturen nicht würdigen und nicht verstehen.

Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet bei Ernst Moritz Arndt finden wir dieses Grundschulwissen! Ein langer Weg, den er seit seinen Anfängen zurückgelegt hat!

Lest selbst, diskutiert diese steile These!

Ernst Moritz Arndt
Der Dämon des Sokrates

Sokrates, der große Geisteskämpfer,
Hatte einen Flüstrer und Erreger,
Einen Weiser Leiter Halter Dämpfer
Und auch Diener und Laternenträger,
Wo es galt durch Finsterniß zu wanken.
Dieser Ohrenflüstrer Haucher Lauscher,
Aller seiner Triebe und Gedanken
Kluger Mitdurchsprecher Gegentauscher
Galt ihm, wie uns Andern das Gewissen;
Dämon schalt er ihn und all sein Wissen,
All sein Ahnen Lieben Denken Wollen –
Wie in uns auch Geisterchen sich rollen –
Schob er diesem Führer zu und Folger.

Ach! ruft Jeder, lebt noch wo ein Solcher?
Sind sie denn erloschen jene Sterne,
Woher solche Folger Menschen kamen?

O ihr Gaffer, Greifer in die Ferne!
Könnt ihr des Begleiters kurzen Namen,
Jenes weisen, gottgeweihten Griechen,
Euch in gutes Deutsch nicht übersetzen?
Müsset durch den Hochmuth doppelt siechen?
Drum herunter von den hohen Stufen!
Auf die Bank der Schüler mit der Fibel!
Dort wird auch der Kleinste lachend rufen:
Das war ja der Engel aus der Bibel.

Quelle:
Gedichte 1830-1900. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Ralph-Rainer Wuthenow. [=Epochen der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Walther Killy, Band 8], Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., München 1975, S. 237

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Nuscheln, Murmeln, Schweigen: Das verstummende kulturelle Gedächtnis

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Sep 082015
 

Manchmal frage ich mich, wie wohl Goethe seine Gedichte und Dramen vorgetragen hat. Seine „Regeln für Schauspieler“ aus dem Jahr 1803 liefern Hinweise darauf! Das heute so modische, lässig-unterkühlte Murmeln und Nuscheln, z.B. das silbische M, war ihm zuwider, das Verschlucken etwa von unbetonten Vokalen, das sich heute überall in Fernsehen und Vortrag – auch bei geschulten Bühnenschaupielerinnen – ausgebreitet hat, suchte er seinen Darstellern auszutreiben. Goethe schreibt etwa unter § 7 seiner Regeln:

Bei den Wörtern, welche sich auf e m und e n endigen, muß man darauf achten, die letzte Silbe deutlich auszusprechen; denn sonst geht die Sylbe verloren, indem man das e gar nicht mehr hört.

Z.B. folgendem, nicht folgend’m
hörendem, nicht hörend’m

Ganz offenkundig schrieben Goethe und all die anderen Dichter ihre Verse zu lautem, klingendem Vortrag nieder. Das geschriebene Wort diente nur als eine Stütze, die das klar, frei und deutlich erschallende Wort trug und vorgab, wie die gedruckte Stimme in der Musik – in Goethes Worten – als Anleitung „zum richtigen, genauen und reinen Treffen jedes einzelnen Tones“ hilft.

Die heutigen deutschen Kinder lernen die klingende, singende Sprache oder vielmehr Aussprache eines Goethe, eines Paul Gerhardt, eines Thomas Mann oder Friedrich Hölderlin nicht mehr kennen und nicht mehr schätzen, da auch die Erwachsenen sie nicht mehr kennen und schätzen.  Es ist so, als würde man im Instrumentalspiel nicht mehr Bach, Mozart und Brahms in allen Noten spielen, sondern nur noch darüber hinweghuschen, diese oder jene Notengruppe nicht mehr spielen.

Mit der Kenntnis der relativ einheitlichen deutschen Sprache oder mindestens Aussprache der Dichter, Wissenschaftler und Philosophen von Immanuel Kant und J.W. Goethe bis hin zu Albert Einstein, Sigmund Freud und Thomas Mann droht nun seit Jahrzehnten in Deutschland selbst auch die Kenntnis des ehemaligen Kernbeitrages der deutschsprachigen Länder zur Weltkultur verloren zu gehen.

Nun könnte man sagen, es sei doch unerheblich, ob noch irgend jemand in Deutschland die Relativitätstheorie Albert Einsteins, die Buddenbrooks Thomas Manns, das Kapital von Karl Marx, die Traumdeutung Sigmund Freuds, die Gedichte Goethes oder die Kritik der reinen Vernunft Immanuel Kants im deutschen Original zu lesen vermöchte. Schließlich gebe es überall englische Übersetzungen, Deutschland und Europa würden  sowieso irgendwann nur noch Englisch reden – oder mit Blick auf die neuesten demographischen und migratorischen Entwicklungen – Arabisch oder Chinesisch.

So wie heute in Deutschland in aller Öffentlichkeit das klingende, gesprochene, gepflegte Deutsch aus der Zeit eines Immanuel Kant oder eines Goethe nach und nach vergessen und verschüttet wird, so vergaß Europa im ersten Jahrtausend nach und nach die griechische Vortragskunst.

Irgendwann hatte man einfach vergessen, wie die Epen Homers, die Tragödien eines Aischylos, Sophokles oder Euripides geklungen hatten – ein Kernbestand des kulturellen Gedächtnisses wurde weitgehend ausgelöscht, insbesondere natürlich das alte Griechisch, die Sprache Homers, Herodots, Sokrates‘, Platons und Aristoteles‘, die Sprache auch der Urschriften des Christentums. Der lateinische Westen kannte und konnte etwa ab dem 5. Jh. n. Chr. kein Griechisch mehr, selbst die großen abendländischen Theologen konnten das Neue Testament bis ins 15. Jh. hinein meist nicht mehr im griechischen Original lesen, mit all den verheerenden, teils gewalttätigen theologischen Fehldeutungen und Irrtümern, die die Nichtbefassung mit dem griechischen bzw. hebräischen Urtext auslösen sollte.

Die griechischen Originalklänge der europäischen Kulturen gingen damals verloren, das kulturelle Urbild Europas ward im Westen komplett vergessen. Lateinisches Abendland und griechisches, später arabisches, später türkisches Morgenland drifteten auseinander und sind bis heute nicht wieder zusammengewachsen.

Verlust des Originalklanges! Allerdings hat sich in der Musik bereits vor Jahrzehnten eine mächtige Gegenbewegung gesammelt: Heute strebt man bei der Aufführung eines Bach, eines Vivaldi oder eines Palestrina eine klug abwägende Wiederannäherung an den früheren Klang an. Bach soll eben nicht wie Brahms, W.A.Mozart soll nicht wie Richard Wagner klingen. Man bemüht sich mindestens einmal herauszufinden, wie es damals geklungen haben mag, um die Werke besser verstehen und aufführen zu können.

Und so meine ich, dass auch wir uns darum bemühen sollten, die Werke Goethes oder Friedrich Schillers, Lessings oder Immanuel Kants auch heute noch im Originaltext zu verstehen, vorzulesen und so erklingen zu lassen, dass auch die Verfasser von damals uns heute noch zustimmend verstehen könnten.

Ein ähnliches Bild dürfte sich übrigens im Englischen ergeben. Man vergleiche etwa die Art, wie William Butler Yeats sein Gedicht The Lake Isle of Innisfree vorträgt, mit irgendeiner aktuellen Einspielung eines heutigen Schauspielers, wie man sie ohne Mühe auf Youtube finden kann. Auch hier wird man sachlich, unterkühlt und nüchtern feststellen: Der Originalklang war ganz anders, er ist nahezu schon verloren. Komplette Register des Sprachlichen, die noch vor 50 oder 70 Jahren Allgemeinbestand waren, sind fast unwiederbringlich verschüttet – oder abgetönt.

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Jan 022013
 

2013-01-01-152859.jpg

Viele Male durfte der arme Fährmann Silvesterfeiern beiwohnen: das eine Mal mit einigen hochbetagten Freundinnen in Kreuzberg, das ander Mal mit einigen jungen Freunden und Freundinnen in anderen Städten.

Das eine Mal saßen wir Seit an Seit und sangen die alten Lieder, welche bis noch  vor etwa 30 Jahren verlässlicher Gemeinbesitz aller Deutschen gewesen waren: Heinrich Heines heute bei den Jüngeren vergessenes Ich weiß nicht was soll es bedeuten, Muss i denn muss i denn zum Städtele hinaus, In einem kühlen Grunde, Am Brunnen vor dem Tore und einige Dutzende andere Lieder, die alle schon über 100 oder auch 200 Jahre auf dem Buckel haben.   Selbst bei den geistig Armen, den „Dementen“, wie sie heute von den Experten genannt werden, kommen durch das Singen und Mitsingen, das stumme Erinnern und das leise Mitsummen die Lebensfreude und die Wärme in die Augen zurück.  Ich mischte meinen vergleichsweise jugendlichen Bariton laut und vernehmlich unter die Stimmen der Soprane und Altistinnen.

Die etwa 200 oder 300 volkstümlichen, gemeinsam zu singenden Lieder, die mündlich weitergegebenen, später von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen, die von Stammvater Abraham sich herleitenden Ein-Gott-Religionen mit ihren prägenden Bildern, Lehren und Gleichnissen, die Bibel, vor allem aber die deutsche Sprache in ihren mannigfachen Dialekten – diese wenigen, jedoch durchaus konkret zu benennenden Gegebenheiten waren es im Grunde, was die Deutschen jenseits aller staatlichen Grenzen seit etwa 1600 kulturell zusammenhielt. Gewisse sittliche Gebote wie etwa „Du sollst nicht stehlen, lügen, töten“, „Ehre Vater und Mutter“ wurden trotz mannigfacher Verletzungen nie grundlegend in Zweifel gezogen. Dies galt unabhängig von landsmannschaftlicher Zugehörigkeit, vom Grad der Bildung, von politischer Richtung, von der staatlichen Verfasstheit der jeweiligen Staaten, in denen die Deutschen siedelten.

Nichts davon ist heute mehr selbstverständlich. Es gibt heute keine gemeinsamen Lieder mehr, die die Menschen mehrerer Generationen singen könnten, wenn sie zusammentreffen. Weder die deutsche Sprache bzw. die deutschen Dialekte noch die Religion oder der Erzählungsschatz der Bibel noch die Grimmschen Märchen gelten heute als einigendes Band aller Menschen, die in Deutschland leben. Es fehlt ein gewisser kultureller Grundkanon, es fehlt ein gewisser Grundkonsens in unserer Gesellschaft.  Die Vielzahl an Scheidungen, Trennungen, das bewusste Fördern und Fordern der Versingelung – etwa durch die Stadtplanung und durch das Sozialsystem – lockern zusätzlich das intergenerationelle Band. Die Familie, die lebenslange wechselseitige Verantwortung zwischen Eltern und Kindern wird heute in der Bundesrepublik Deutschland als Grundgerüst der Gesellschaft nicht mehr anerkannt.

Am ehesten kommt heute wohl der Volkswirtschaft, dem Geld, der Politik und dem Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland diese Rolle des einigenden Bandes zu. Fast alle Indikatoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werden heute der Sphäre der Ökonomie entlehnt. Alle Deutschen sowie alle in Deutschland lebenden Menschen scheinen sich selbst von der Geburt bis zum Grab als Anspruchsberechtigte heute gegenüber der Wirtschaft,  gegenüber dem großen Versorger und Allerhalter, dem deutschen Sozialstaat zu sehen. Die Politik befördert diese Grundhaltung des Geber-Staates. Soziale Sicherheit, „Solidarität“ durch den Staat wird von nahezu allen Parteien mehr oder minder überzeugend versprochen und in Ansprachen feierlich beschworen.

Die kulturelle Zusammengehörigkeit der Menschen wird heute jenseits der monetären Rückversicherung durch den Staat eher durch die Massenmedien und durch den Kult der Stars gestiftet. Alle schauen beispielsweise gebannt einen spannenden Rückblick auf das erfolgreiche Leben und Schaffen von Michael Jackson, dem Mann mit dem unwiderstehlichen Bewegungen, diesem großartigen Einsamen an. Kinder, Jugendliche  und Erwachsene finden im andächtigen Lauschen und Schauen, im gebannten Starren auf die Mattscheibe, zusammen. Im stillen Hocken und Sitzen stellt sich eine Art kulturelle Gemeinschaft her. Für alle Kinder stehen in den Haushalten elektronische Gerätschaften zur individuellen Freizeitgestaltung bereit. Die neuesten Songs werden von den Kindern und Jugendlichen in einem halblauten Stammeln mitvollzogen – selbstverständlich in englischer Sprache.

Ähnliche Funktionen erfüllt der Sport, erfüllen das gemeinsame Fahren und Dahinbrausen auf der Autobahn. Die großen, massiv gebündelten Daten- und Medienströme, das breite Betonband der Autobahn scheinen heute neben dem allgütigen Versorgerstaat den kulturellen Kitt der Gesellschaft zu bilden. Die Kinder und Jugendlichen werden oft schon recht früh in dieses System der medial vernetzten Determinanten eingegliedert.

Bild aufgenommen auf der Wilhelmstraße in Kreuzberg heute

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Von der alltäglichen Gewalt zum gewaltfreien Miteinander

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Nov 272012
 

2012-10-28-152633.jpg2012-10-28-152633.jpg„In der Türkei wird Gewalt immer noch verherrlicht und in traditionellen Familien ein falsches Männlichkeitsbild anerzogen.“ Oftmals fehle der Vater jugendlichen Heranwachsenden als Vorbild, weil für die Erziehung in traditionellen Familien ausschließlich die Mutter zuständig sei.“ Mit diesen Worten äußert sich Gülcin Wilhelm laut WELT vom 24.11.2012 in einem Beitrag von Freia Peters: „Wäre das Opfer türkisch, gäbe es einen Aufschrei.“http://www.welt.de/politik/deutschland/article111464365/Waere-das-Opfer-tuerkisch-gaebe-es-einen-Aufschrei.html

Der Vorwurf des Artikels lautet: Wenn die Mörder türkischer Herkunft sind, wird in der Sicht der Migrantenverbände geschwiegen oder allenfalls Schuld in der sozialen Diskriminierung gesucht.

So etwas kommt überall vor„, das habe ich immer wieder nach Ehrenmorden, nach innerfamiliärer Gewalt gehört. Viele Türken bestreiten, dass es in der türkischen Gesellschaft eine hohe Akzeptanz von Gewalt gebe. Gibt es denn wirklich immer einen Aufschrei der Migrantenverbände, wenn das Opfer einer Gewalttat türkischer Herkunft ist? Ein klares Nein!  Nur dann, wenn die Täter Deutsche sind, wird von den Verbänden groß die Trommel geschlagen. Dann sieht man sofort den Beweis erbracht, dass Deutschland ein Hort des finstersten Rassismus ist.

Aber die meisten Morde und die meisten Gewalttaten  werden in Deutschland „innerethnisch“ verübt! Und unter den Tätern und den Opfern sind wiederum die Herkunfts-Deutschen absolut und relativ gesehen in der Minderheit, die türkisch- und arabischstämmigen Männer hingegen überwältigend überrepräsentiert.

Genau hier in meinem engeren Kreuzberger Wohnumfeld, wo zufällig auch die Türkische Gemeinde Deutschland ihren Hauptsitz hat, geschahen in den letzten Jahren etliche Morde und Mordversuche, von denen einige es in die Schlagzeilen brachten. Alle Mörder und auch alle Mordopfer waren türkeistämmig. Zufall? Soll man dann immer noch sagen: Das kommt überall vor?  Darüber, über diese Häufung von Gewalttaten gerade in  türkeistämmigen und den arabischen Gemeindeverbänden,  wird aber in der Tat von den Migrantenverbänden vornehm geschwiegen. Der Mordversuch gegen die türkeistämmige Anwältin Seyran A.,  die Ehrenmorde  junger Kreuzberger Türkinnen, die nicht nach den Vorstellungen ihrer Brüder lebten und deswegen umgebracht wurden, die grausame, vielleicht fundamentalistisch motivierte  Hinrichtung von Semanur S. im Fanny-Hensel-Kiez, die nicht nach den Vorstellungen ihres Ehemannes lebte, das vor wenigen Wochen berichtete Blutbad einer Familie in der Oranienstraße  … das sind schreckliche Taten, die mich erschüttern. Müssen wir hier in diesen Gewalttaten ein kulturelles Problem erblicken – oder ist alles nur sozial bedingt, wie die Migrantenverbände nicht müde werden zu betonen?

Wie sieht es in der alten Heimat, in der Türkei selbst aus?

Ein anderes grundsätzliches Problem liegt in der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt. Es sind die schrecklichen Ehrenmorde oder die Diskriminierung von Mädchen und Weigerung der Eltern, ihre Töchter auf die Schule zu schicken. […] Vor dem Hintergrund einer solchen Akzeptanz und Rechtfertigung der Gewalt in ihrer alltäglichen Form ist die Abschaffung von Folter auf institutioneller Ebene mit Gesetzen allein kaum zu erreichen.“  So schreibt es  Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen über die türkische Gesellschaft (Die Türkei, Weinheim 2008, S. 165).

Gülcin Wilhelm, aber ebenso auch der Kreuzberger Ercan Yasaroglu werfen den Migrantenverbänden mehr oder minder unverblümt vor, das hohe Gewaltpotenzial der türkischen Gemeinde zu verharmlosen.

Die Türkei scheint in der Tat einen anderen Umgang mit Gewalt gegen Menschen zu haben. So sind auch scheinbar rassistische Äußerungen wie die folgende zu erklären:“Je mehr Türken wir im Land haben, desto mehr Unruhe haben wir.“Für diese Aussage wurde Bilkay Öney, die Integrationsministerin des Landes Baden-Würtemmberg (Ex-Grüne, jetzt SPD), heftigst gerügt. Ich selbst muss sie ebenfalls rügen. Derartige Zahlenspielereien bringen doch nichts.

Denn: Ich kenne viele Türken in Kreuzberg, die entsetzt sind über das Ausmaß der Verharmlosung oder Beschönigung von Alltagsgewalt, über das Wegducken bei Schlägen gegen Kinder und Frauen,  über das vornehme Schweigen, wenn ein Türke einen Türken oder eine Türkin ermordet. „Diese wenigen türkischen Gewalttäter haben unseren Ruf als anständige, fleißige, rechtschaffene Türken völlig runiert! Warum macht ihr Deutschen denn nichts dagegen? Seid ihr denn total blind? Warum lasst ihr euch so hinters Licht führen?“

Hinter diesen Verzweiflungsrufen meiner guten Kreuzberger Vatandaşlar ist deutlich spürbar: „Ihr Deutschen durchschaut nicht, was hier abgeht. Ihr lasst euren Sozialstaat hemmungslos ausplündern, finanziert damit Faulheit und Kriminalität heran und lasst euch dann noch als Rassisten beschmimpfen ohne mit der Wimper zu zucken! Das kann nicht lange gutgehen!“
Ich meine: Es nützt nichts, die verhängnisvolle Spirale zwischen uralten Ehrbegriffen, Bejahung von Gewalt zur Wiederherstellung der Ehre, Sozialhilfeexistenz, Staatsausplünderung und Bildungsunwillen zu leugnen. Wir alle sind gefordert.

Nur eine Absage an Gewalt gegen Menschen und gegen Sachen im Alltag, eine klare, konsequente Erziehung zur Gewaltlosigkeit und zum anständigen Broterwerb kann hier Abhilfe schaffen. Wir brauchen eine Kultur der klaren Regelsetzung, eine Kultur der Verantwortung und der anständigen, ehrlichen Arbeit.

Mit diesen Betrachtungen soll selbstverständlich nichts von der Schwere der Gewalttaten gegen Menschen mit Migrationshintergrund geleugnet werden. Die Morde von Mölln, Solingen und Dresden sind erschütternd und furchtbar, wie all die Morde hier in Kreuzberg auch.

Gewalt, Mord bleiben etwas Furchtbares. Wir müssen der Gewalt, dem Mord entgegentreten, wo immer sie sich zeigen. Aber man muss auch erkennen, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch die sogenannten Migranten ein Gewaltproblem haben – und dem Umfang nach steht es der „rassistischen“ Gewalt in nichts nach.

Bild: Blick auf die Kochstraße und die Wilhelmstraße, Kreuzberg

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„Den deutschen Frauen danket!“, oder: die schönen Seiten des Frauenbildes

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Okt 292012
 

„Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
Und täglich sühnt der holde klare
Friede das böse Gewirre wieder.“

Wer mag diese deutschnationalen Töne wohl gedichtet haben? So viel sei verraten: es ist ein Dichter, der bei der jüngsten Wahl des Stuttgarter Oberbürgermeisters eine entscheidende Rolle als Wahlhelfer für den obsiegenden Bewerber gespielt hat! Vorname des Dichters wie auch des neuen Oberbürgermeisters: Friedrich, umgangssprachlich auch Fritz. Deutsch von echtem Schrot und Korn!

„Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!“

Wer mag diesen deutschnationalen Ton gedichtet haben? Nun ratet fein! Sein Vorname, Heinrich, umgangssprachlich Heinz.

„Gesang des Deutschen“, „Lied der Deutschen“ – in beiden Gedichten werden die deutschen Frauen besonders angerufen. Das hätte nur unter zwei Voraussetzungen Sinn: wenn erstens die deutschen Frauen irgendwie anders als die nichtdeutschen Frauen wären, und wenn zweitens auch die deutschen Frauen irgendwie anders als die deutschen Männer wären.

Sowohl bei Friedrich Hölderlin wie auch bei Heinrich Hoffmann von Fallersleben lässt sich eindeutig erkennen, dass deutsche Frauen anders als deutsche Männer sind oder doch wahrgenommen werden. Ist dies etwas Besonderes? Nein! Über die gesamte Geschichte der Menschheit lässt sich nämlich mit überwältigender Mehrheit eine Unterscheidung der Rolle von Männern und Frauen herausarbeiten, Hölderlin und Hoffmann  sind da keine Ausnahme, sondern sie übernehmen diese uralte Einsicht, dass Männer und Frauen „irgendwie verschieden“ sind.

Woher kommt diese Verschiedenheit? Nun, hier scheint oftmals die Erkenntnis eine Rolle zu spielen, dass Frauen Mütter werden können. Es ist ein unleugbarer biologischer Befund, dass der Bestand von Gesellschaften an Mutterschaft geknüpft ist.  Von daher die hohe Wertschätzung, die Mutterschaft und Familie seit unvordenklichen Zeiten weltweit in den meisten Gesellschaften genießen: ob nun als Demeter, als Magna Mater, als Gottesmutter Maria, als Madonna. Der Mutterbilder sind zwar unendlich viele, aber jeder anständige Mensch – so meine auch ich – zollt seiner Mutter wieder und wieder besondere Hochachtung, besonderen Respekt.

Die Mutter ist etwas „Unantastbares“, wer die Mutter eines Mannes beschimpft, beschimpft ihn selbst!

Kaum eine stärkere Beschimpfung ist denkbar als „Hurensohn“, eine Schmähung, wie sie seit einigen Jahren hier in Kreuzberg auf Straßen und Schulhöfen sehr oft zu hören ist. Das weibliche Gegenstück zum „Hurensohn“ ist die „Schlampe“, ein Ausruf, der sich seit einigen Jahren ebenfalls größter Beliebtheit erfreut.

„Ach, wenn wir doch nur ein Kind hätten“, seufzt die Frau in Grimms Märchen „Rapunzel“. In alten Märchen werden Frauen geschildert, deren sehnlichster Wunsch es ist, Mutter zu werden.

„Den deutschen Frauen danket!“ So Hölderlin!

Wie sehen die deutschen Vorzeigefrauen heute aus? Welches Frauenideal wird heute in Deutschland verkündet?

Die Antwort darauf fällt nicht einfach aus, doch müsste sie in folgende Richtung gehen:  Angestrebt wird heute eine weitgehende Gleichheit der Geschlechter. Der berufliche Erfolg, die gleiche Bezahlung („equal pay“)  ist der entscheidende Gradmesser der angestrebten Gleichheit.  Wenn Frauen in den Führungspositionen der Wirtschaft und der Politik ebenso stark vertreten sind wie Männer und auch die gleiche Bezahlung bekommen, ist alles in Butter und wir können uns entspannt zurücklehnen! Dann hat die Sozialpolitik alles richtig gemacht!

Mutterwerden gilt gesellschaftlich im heutigen Deutschland nicht als für sich erstrebenswertes Ziel. Ganz im Gegenteil! Jede Frau, die sich etwa unterstünde zu sagen:

„Ich möchte vor allem Mutter werden! Mutter zu sein für meine Kinder, Herrin des Hauses meiner Familie zu sein, wäre ein großer Teil meines Lebenssinnes. Ich möchte gar nicht vorrangig an meinem eigenen beruflichen Erfolg arbeiten. Mir ist der Erfolg und das Glück meiner Familie und meiner Kinder  grundsätzlich wichtiger als mein eigener individueller beruflicher Aufstieg!“

wird in den Medien sofort belächelt oder verachtet. Zwar dürfen Frauen als einzelne Menschen durchaus den Wunsch äußern, Mutter zu werden und eine Familie zu gründen, jedoch wirken sehr starke Kräfte auf sie ein, den Wunsch doch bitte schön zurückzustellen. Wichtiger als Mutterschaft und Familie ist die wirtschaftliche und soziale Selbständigkeit! Mutter werden kann frau später immer noch.

„Die Wirtschaft braucht das Potenzial von Männern und Frauen. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, das wirtschaftliche Potenzial der Frauen ungenutzt zu lassen, gerade in Zeiten des demographischen Wandels! Unsere Volkswirtschaft braucht jede Frau und jeden Mann uneingeschränkt!“

Da Deutschland seit Jahrzenten eine der  niedrigsten Geburtenraten weltweit hat und die Kinder und die zukünftigen Arbeitskräfte bereits jetzt fehlen, müssen die Frauen in die Produktion. Politik und meinungsbildende Presse arbeiten zielstrebig an der Heranbildung oder besser Heranzüchtung eines neuen Frauenbildes.

Welches Frauenbild entsteht daraus? Zunächst einmal: Die Mutterschaft, vor allem die Mehrfach-Mutterschaft ist ein Risikofaktor  für den beruflichen Erfolg und das gesellschaftliche Ansehen der Frau.

Gebraucht wird in den Zeiten des demographischen Wandels die universal einsetzbare Frau bis etwa Mitte 30, bei der all das, was auf Mutterschaft, auf Älterwerden oder das Risiko einer Mutterschaft oder das Risiko des Älterwerdens hindeutet, systematisch weggenommen wird. Nichts Rundes, nichts Überflüssiges, nichts Faltiges, Runzliges oder Fettes darf bleiben bei der marktkonformen Frau!

„Ich weiß genau, dass ich statistisch ein 20-30%-Risiko habe, dass die Frau wegen Mutterschaft auf Teilzeit gehen oder ganz ausscheiden wird. Da kannst du noch so viel Betreuung im Betriebskindergarten oder Flexitime anbieten. Mutterschaft der weiblichen Angestellten ist ein betriebswirtschaftliches Risiko. Dieses bezifferbare Risiko spiegelt sich bei den Gehaltsverhandlungen völlig korrekt wider. Equal-Pay-Forderungen sind unsinnig.“ So verriet mir einmal bei einer Tasse Kaffee unter dem Siegel der Vertraulichkeit einE UnternehmerIn.

Gefragt und verlangt ist angesichts des demographischen Wandels die alterslos mädchenhafte oder auch alterslos knabenhafte Frau bis zum Alter von maximal 35, die androgyne Frau, die Frau, bei der man nicht weiß, ob man in des Gesicht eines Jungen oder eines Mädchens blickt. Als wesentliches Knockout-Kriterium für beruflichen Erfolg kann heute „das Mütterliche“ gelten, also insbesondere jeder Hauch von Übergewicht.

Die „schönen Seiten“, das bunt bebilderte Magazin der FAZ und der NZZ lieferte an diesem Wochenende eine reich bebilderte Jagd- und Foto-Strecke für die Richtigkeit meiner Analyse: Kati Nescher, Lena Hardt, Luca Gajdus, Corinna Ingenleuf … das sind einige der erfolgreichen deutschen Frauen, deren Ruhm die meinungsbildende Presse weltweit erschallen lässt. Herrlich auch der Name Luca – ein italienischer Männername. Besser kann man das androgyne Ideal der modernen Frau nicht ausdrücken als durch die Wahl eines Männernamens!

Noch einmal: Die Geringschätzung des Mütterlichen, die sportliche, schlanke, rundum fitte Erscheinung ist der hervorstechende Zug des heute vorherrschenden Frauenbildes. Mithilfe von Gender Mainstreaming wird systematisch an dem Verschwinden des Mütterlichen gearbeitet. Ob die Frauen selbst das so wollen, wird nicht gefragt.

Dichter wie Friedrich Hölderlin, Friedrich Schiller oder Heinrich Hoffmann von Fallersleben würden heute keine Minute in der öffentlichen Arena überleben. Sie würden hochkant aus jeder Talkshow geworfen, Männerquote hin, Männerquote her. Hoffmann würde vor allem wegen seines heute weithin verfemten Deutschlandliedes, Hölderlin jedoch vor allem wegen seines allein schon wegen des Titels anstößigen  „Gesangs des Deutschen“ rausgeworfen oder zerrissen.

Dass der obsiegende OB-Bewerber Friedrich Kuhn mitten im Wahlkampf allerdings einen von den Franzosen als so typisch deutsch empfundenen Dichter wie Friedrich Hölderlin mit seiner Ode „Stuttgart“ zustimmend zitiert, nötigt mir Hochachtung ab. Chapeau, Herr Friedrich! Lassen Sie sich nicht mainstreamen oder gendern!

Den deutschen Dichtern danket!

Quellenangaben:

Jana Drews: „Fräuleins“, in: Z. Die schönen Seiten. Beilage zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Neuen Zürcher Zeitung. Ausgabe Herbst 2012, 5/12, Seite 27

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/mode-design/deutsche-models-auf-dem-vormarsch-fraeuleins-11938891.html

Friedrich Hölderlin: „Gesang des Deutschen“
Heinrich Hoffmann von Fallersleben: „Das Lied der Deutschen.“

Zitiert nach: Das deutsche Gedicht. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Wulf Segebrecht. S. Fischer Verlag, o.O., 2005, S. 189 und S. 252

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Männer braucht das Kind!

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Mrz 252011
 

Ja heidernei, was lese ich da beim Frühstück auf Seite 1 der Süddeutschen Zeitung? Die Franzosen wollen jetzt schon einen Baby-Zwangsurlaub für frischgewordene Väter einführen! Liberté, Egalité, Paternité!  Diable, dann kann Mann ja nicht mehr in Ruhe an seiner Karriere stricken!

Sehr gutes Gespräch genau dazu gestern bei der CDU Kreuzberg-West über die Rolle der Väter bei der Erziehung der Kinder! Was meint die CDU Kreuzberg-West? Folgendes meint sie: 

Väter sind unersetzlich, werden aber oft durch eine verwirrende Feminisierung des Rollenbildes verunsichert oder setzen sich komplett aus den Familien ab. Viele schweren sozialen Probleme entstehen in Kreuzberg aus dem Fehlen der Väter, aus dem Fehlen jeglicher männlicher Vorbilder. 

Was tun?

 1) Männer sollen treu zu ihren Familien stehen, mehr Zeit und Aufmerksamkeit ihren Kindern widmen. Dies ist das A und O.  Dabei kommt es nicht auf eine Angleichung der Rollenbilder an, sondern im Gegenteil auf eine Absetzung der Frauen- von der Männer-Rolle. „Vater ist anders als Mutter – nicht alle Menschen sind wie Mama!“ Eine unverzichtbare, eine überragend wichtige Erfahrung für Jungen!

2) Mehr Männer sollten für pädagogische Berufe geworben werden, etwa als Erzieher und Grundschullehrer!

3) Wir brauchen eine gesellschaftliche Aufwertung dieser Berufe entsprechend ihrer überragenden Bedeutung für die gesamte Gesellschaft! Auch finanziell soll es sich lohnen Erzieher zu werden.

4) Der Staat soll die Trennung von Elternpaaren nicht noch belohnen, bestehende Anreize für Trennungen, etwa im Sozialrecht, soll er abschaffen.

5) Schulbücher und Unterricht sollten taugliche Rollenmodelle auch für Jungen anbieten. Das tun sie jetzt nämlich überhaupt nicht. Es fehlt an den Kreuzberger Schulen häufig an Anreizen für die Ausbildung eines stabilen Männlichkeitsbildes. Zum Schaden für die ganze Gesellschaft.

Männer braucht das Kind!

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Feb 012011
 

01022011305.jpg „Das Tal den Bewässerern, die gut für es sind! Der Boden denen, die ihn bebauen! Das Haus denen, die es besitzen!“

Ich bin ein Vertreter des Rechtsstaatsprinzips. Letztlich soll das geschehen, was dem Recht entspricht und was die Gerichte feststellen. So sieht es auch Cem Özdemir: „Unsere Leitkultur ist das Grundgesetz.“ Und im Grundgesetz steht: Die Bundesrepublik ist ein Rechtsstaat (Artt. 20 und 28).

Wenn der Rechtsstaat sich selbst aufgibt und der Gewalt weicht, ziehen Willkür, Unrecht und Missbrauch ein. Letzlich entscheidet dann, wer die besseren Waffen hat, wer mehr Kugeln losballern kann. „Sie haben für jeden eine Kugel“, las ich soeben gegenüber der SPD-Parteizentrale.

Der Rechtsstaat muss die Entscheidungen der Gerichte durchsetzen. Ich unterstütze den Rechtsstaat.

Amtsgericht – Eilantrag gescheitert – Liebig 14 wird geräumt – Berlin – Berliner Morgenpost – Berlin

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Dez 302010
 

Soeben las ich den Kindern Stifters Bergkristall vor. Adalbert Stifters Deutsch ist von jenem Bemühen um Reinheit gekennzeichnet, wie es einige große Meister der deutsche Sprache immer wieder bewiesen haben – zu ihnen zählen beispielsweise auch Franz Kafka und dessen erklärtes Vorbild Heinrich von Kleist. Sie verwenden in der Tat fast keine Fremdwörter. Goethe und Schiller hingegen streuen sie gerne und ohne zu zögern ein.

Minister Ramsauers Bemühen um Eindämmen der Anglizismen-Flut halte ich für im Grundsatz richtig.

Zur Zeit des Barock bemühten sich zahlreiche wackere Männer wie etwa Gryphius, Lohenstein oder Harsdörffer, die deutsche Sprache vom klirrenden Zierat, vom welschen Tand zu reinigen. Noch Immanuel Kant kämpfte um 1720 ersichtlich mit dem Deutschen, bahnte Wege des Denkens in einer Sprache, die sich noch nicht auf eine Norm hatte festlegen lassen.

Erst danach konnte unter vielen Mühen so etwas wie eine einheitliche deutsche Hochsprache sich bilden, in der Lessing, Goethe, Schiller, G.W.F. Hegel und später auch Kleist oder Kafka schrieben. Auch das Grundgesetz richtet sich in Lautung und Wortschatz etwa nach den Normen, die sich um 1770 herausgebildet hatten.

Diese im Großen und Ganzen einheitliche, wenn auch in sich stark differenzierte deutsche Hochsprache, die wir seit etwa 1770 schreiben und sprechen, gilt es zu pflegen und weiterzuentwickeln. Das scheint mir das Anliegen Ramsauers zu sein. Und darin stimme ich ihm zu.

Es stört mich in der Tat, wenn die grünen Männer in einem Manifest von role models sprechen – statt von männlichen Vorbildern.

Sprachfeldzug des Verkehrsministers: Ramsauer jagt Schlagzeilen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik

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TATÜ TATA! Jetzt kommt der wahnsinnig nette, der mütterliche Staat!

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Dez 072010
 

10112010052.jpg Schaut euch dieses schöne Bild an! Dies ist eine bundesweit als vorbildlich gerühmte Schule. Freundliche, helle Farben herrschen vor.

Runde, gewölbte Formen umschmeicheln die Kanten der Fenster. Es ist, als sollte alles Sperrige, Herrscherlich-Gebietende durch einen sanften, weiblichen Ton abgemildert werden.

Eine fröhliche Elefantenkuh lädt groß und klein zu fröhlichem Spiel ein. „Hier seid ihr alle willkommen, oh ihr niedlichen Menschen-Babys!“, scheint sie zu trompeten.

Die Schule zeigt sich schmeichelnd, einladend, freundlich, beruhigend, stillend. Sie tritt wie eine große Kuh auf. Die Verheißung ist: Bei mir geht es euch gut. Ihr bekommt zu essen und zu trinken – und hier seid ihr behütet.

Bis in die Architektursprache hinein präsentiert sich unser Staat heute gerne als hegend-mütterliche  Gestalt.

Alma mater – die nährende Mutter bietet allen Zöglingen ihre stillende sanfte Brust an. Im Bild: Eine Schule in Neukölln. Dort wird der Schwur auf den allesversorgenden, gütigen Staat, den MUTTERSTAAT feierlich abgelegt und flugs gebaut.

Vor den verantwortlichen Frauen der Rütli-Schule hege ich allergrößte Hochachtung. Sie sind Vorbilder für alle Mädchen!

Wir haben starke Frauen in Berlin, in Deutschland! Sie sind Vorbilder, an die wir uns stets wenden können! Kaum gibt es irgend ein Problem, schreien die Kinder, also die Bürger, und die Politiker, die Sprachrohre und Trompetenrüssel der infantilisierten Bürger,  sofort nach dem gütigen, dem mütterlichen Staat.

„Stadtteilmütter“  – dieses ebenfalls vielgerühmte Projekt setzt erneut ganz auf das Mütterliche! Die Väter werden buchstäblich abgeschrieben. Von ihnen wird offenbar nichts mehr erwartet.

Ich halte dieses Phänomen – also die Überlastung des Mütterlich-Weiblichen, die Entlastung des Väterlich-Autoritären – für eine der größten Fehlsteuerungen unserer Sozial- und Bildungspolitik überhaupt.

Es sind unsere JUNGS, die meist keinerlei Vorbilder erkennen können. In den Schulbüchern wimmelt es von weiblichen Allesversteherinnen. Die Jungen, denen ich begegne, sind meist komplett ausgehungert nach der Erfahrung echter männlicher Vorbilder. Das kann ein Direktor sein, ein Lehrer, der eigene Vater, ein Fußballtrainer. Auch die besten weiblichen Kräfte können das männliche Vorbild nicht ersetzen. Im Gegenteil. Der allzu mütterliche Staat verwöhnt die Jungen, sie fahren Schlitten mit ihm.

Der allzu mütterliche Staat verzieht die Jungen (nicht die Mädchen) zu Zügellosigkeit und Zuchtlosigkeit, zu Kriminalität und Faulheit. Redet mit den männlichen Kindern und Jugendlichen in unseren sogenannten Schwerpunktschulen – sie werden euch gleich zu Beginn eindecken mit einer langen Liste an unflätigen Ausdrücken, einer Suada an Wörtern, die sie schon kennen und beherrschen wie richtige Männer. Das beginnt schon bei Sechs- und Achtjährigen.

Damit üben sie, die 6-8-jährigen Kinder, sexistische verbale Gewalt über ihre Lehrerinnen und Mütter aus. Sie beweisen ihren schrankenlosen Männlichkeitswahn. Die Männer können sich alles herausnehmen, können sich alles leisten.

Ich erlebe und erlebte so viele Kinder, die ohne greifbaren Vater aufwachsen oder aufwuchsen. Alle hatten sie lebenslang daran zu tragen. Vor allem aber war und ist es für die Mütter eine fast nicht zu stemmende Belastung, die der Mutter-Kind-Beziehung sehr schadet und geschadet hat. Gerade unsere arabischen und türkischen Jungen (aber auch die deutschen) brauchen eigentlich deutliche männliche Vorbilder. Sie brauchen den Vater als grenzensetzende Autorität. Den Müttern und den Lehrerinnen tanzen sie sonst auf der Nase herum.

Das ist die Erfahrung, die viele Lehrerinnen machen.

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Brauchen Männer Models?

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Dez 012010
 

viadrina-20102010007.jpg Die grünen Männer sprechen sich – wie dieses Blog berichtete – recht unverblümt für Models aus:

„Wir wollen role models aus Sport, Medien, Politik und Kultur, die nicht den Macker spielen müssen, weil sie eben selber stark genug sind, auch schwach sein zu dürfen.

Dies erstaunt. Models sind doch oft so un-grün! Diese Models – derzeit angesagt: Julia Stegner, Doutzen Kroes, Toni Garrn usw. – wirken oft nicht naturwüchsig, sondern auf ein bestimmtes mädchenhaftes Weiblichkeitsbild hinfrisiert. Wie ist das mit dem grünen, dem naturnahen, umweltfreundlichen  Menschenbild vereinbar?

Wie? Ich liege falsch? Ach so … jetzt dämmert es mir! Role models – das heißt ja Vorbilder. Ach so! Männer brauchen also Vorbilder. Das ist richtig.

Jungen brauchen Vorbilder – den guten Vater, den tüchtigen Lehrer, den fleißig schaufelnden Lokomotivführer, den behütend-freundlichen Polizisten, den strengen Fußballtrainer.

Warum sagt ihr das nicht gleich? Wollt ihr denn einfache Bürger ausschließen, die nicht so gut Englisch können wie ihr, o ye‘ faithful green men?

Diese Sucht, alle unbequemen oder unanständigen oder unzeitgemäßen Dinge mit englischen Tarnbezeichnungen zu verhüllen, finde ich ziemlich billig (cheap)! Ist das noch die Sprache Goethes, Schillers, Heinrich Bölls, der Gebrüder Humboldt? Neben dem offenbar unzüchtigen Wort „Vorbild“ (role model), das man offenbar nicht mehr in den Mund nimmt, fallen mir auf: „Gemeinde oder Gemeinschaft“ (heißt jetzt community), „Geschlecht“ (heißt gender), „Forschung“ (studies), „Leben“ (life), „sei!“ (be!) usw.

Übrigens: Nanni Moretti, der italienische begnadete Darsteller, rastet in dem Film Palombella rossa aus, als eine sehr sehr nette Italienerin ihm sagt:

„Il suo ambiente è molto cheap.“ Das ist zu Deutsch: „Ihr Umfeld ist sehr cheap.“

Er kriegt einen Tobsuchtsanfall, weil eine Frau in einem Gespräch über Feminismus ein solches englisches Tarnwort verwendet. Wie cool ist das denn. Die Worte sind wichtig!

Schaut selbst:

YouTube – Le parole sono importanti

Bild: Humboldt Viadrina School of Governance, Berlin, Wilhelmstraße

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Autos als Blechhaufen zu bezeichnen! Wie herzlos!

 Fahrrad, Leitkulturen, Männlichkeit  Kommentare deaktiviert für Autos als Blechhaufen zu bezeichnen! Wie herzlos!
Nov 072010
 

22032010001.jpg Viele junge Männer und Frauen in Friedrichshain-Kreuzberg hängen an ihrem Auto. Das erste eigene Auto ist der Beweis gelungener Integration in die Welt der erwachsenen Männer! Den eigenen BMW oder Mercedes (auch wenn gemietet für einen Tag) lieben sie mehr als das eigene Fahrrad – sofern sie denn eins haben. Fragt sie selbst!

Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz ?
My friends all drive Porsches,
I must make amends!

So die großartige Vertreterin der jahrhundertelang Benachteiligten und Unterdrückten in den USA, Janis Joplin!

Diesen Ausweis der Männlichkeit, der gelungenen Integration, als „Blechhaufen“ zu bezeichnen, wie das die Grünen in ihrem Leitantrag zur Verkehrspolitik tun, ist wirklich herzlos!

Den Fundis, die – wie der Tagesspiegel heute auf S. 10 berichtet – mehr „Herz, Optimismus und Empathie“ fordern, ist insofern zuzustimmen. Das Auto ist Symbol der Stärke, des Erfolges, der Macht, der Schönheit, der Freiheit für riesige Bevölkerungsteile! In diese Gefühlslage gilt es sich hineinzuversetzen. Das ist echte Empathie, o ihr Fundis!

Guter Schlagabtausch auch auf S. 16 zwischen Leser Gerhard Feder und Senatorin Junge-Reyer!

Wenn wirklich aus den Studien hervorgeht, dass durch flächendeckendes Tempo 30 deutlich weniger Verletzte, deutlich weniger Tote im Straßenverkehr zu beklagen sind, dann wird es für die Autoliebhaber schwer, ein schlagendes Argument gegen die flächendeckende Einführung von Tempo 30 vorzubringen. Man könnte ja mal einen Versuch starten, z.B. in Friedrichshain-Kreuzberg.

Wenn aber Tempo 30 bezirksweit angeordnet wird, dann wird dies mit Sicherheit auch die Radverkehrspolitik im Bezirk berühren.

Aber dennoch werden weniger Leute so eine Partei wählen, die die körperliche Unversehrtheit und das Wohlergehen aller Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer als oberstes Hauptinteresse erwähnt, wie dies Frau Junge-Reyer macht.

Das würde ja bedeuten: Der Mensch steht im Mittelpunkt der Verkehrspolitik.

Ich selbst bin ja ebenfalls ein Freund schnellen Fahrens. Nicht zuletzt deswegen habe ich mir ein Rennrad namens Burâq zugelegt! Mit diesem überschreite ich sehr oft Tempo 30. Wenn Tempo 30 flächendeckend kommen sollte, werde ich mich selbstverständlich widerstrebend mit allen meinen Fahrrädern daran halten. Bereits heute halte ich mich und meinen Burâq – nach scharfer Ermahnung durch meinen Sohn – überall an Tempo 30, z.B. auch auf der Havelchausse.

Bild: Radweg in Kreuzberg.

Parteitag der Berliner Grünen: Migranten mehr fordern – das finden Fundis herzlos – Landespolitik – Berlin – Tagesspiegel

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Freiheit oder Despotie?

 Europäisches Lesebuch, Freiheit, Griechisches, Leitkulturen  Kommentare deaktiviert für Freiheit oder Despotie?
Apr 152010
 

Wir hatten in diesem Blog mehrfach das Buch Ester der jüdisch-christlichen Bibel und die „Perser“ des Aischylos für unsere Betrachtungen über unterschiedliche Staatsmodelle im Osten und Westen herangezogen.

Ein insgesamt gut recherchierter, faktenkundiger Artikel von Gunther Latsch erscheint soeben in Spiegel online über das alte Perserreich. Ich meine: Der Verfasser erkennt zu recht, dass die damals, im 5. Jahrhundert geprägten Stereotypen unser Reden über den Gegensatz Orient-Okzident bis heute prägen. So leisten etwa heute noch, im 21. Jahrhundert nach Christus, die türkischen Schulkinder täglich einen Treue-Eid auf den mythologisch überhöhten toten Staatsgründer Atatürk. Jedes türkische Kind muss sich dieser ununterbrochenen Kette der Letztverantwortung einfügen. Das ist das uralte monarchische Staatsdenken, das sich direkt bis auf die orientalischen Großreiche – darunter das Reich der Achämeniden –  des 1. Jahrtausends vor Christus zurückführen lässt. Der mythisch überhöhte Gründer-König des Staates trägt die letzte Verantwortung für das Gedeihen der ganzen Gemeinschaft. Deswegen muss er um jeden Preis geschützt werden. Und deshalb durfte er nicht in vorderster Front mitkämpfen. Denn der Tod des Despoten gefährdete den Fortbestand des gesamten Staates. Durch die feierliche Verpflichtung auf den toten Staatsgründer wird diese Verantwortungsgemeinschaft weitergegeben.

Auch westliche Staaten haben in einem Rückgriff auf jahrtausendealte Despotie-Modelle diesen persönlichen Treue-Eid immer wieder eingeführt und verlangt. So galt der Treue-Eid ab 1933 bis 1945 auch in Deutschland, in der Sowjetunion wurden ebenfalls bis 1954 wieder und wieder persönliche, quasi-religiös bekräftigte Eide auf die Person des Staatenlenkers gefordert. Italien verlangte ebenfalls etwa 20 Jahre lang, bis 1944, den persönlichen Treueid. Eine Nachwirkung des uralten despotischen Staatsdenkens, gegen das sich damals – im späten 5. Jh. v. Chr. – Athen und seine Verbündeten zur Wehr setzten!

Allerdings kann ich dem Verfasser Gunther Latsch  nicht folgen, wenn er den Griechen des 6.-5. Jh. v. Chr. ein verächtliches Herabschauen auf die Perser unterstellt („verhasst verlacht verkannt“). Die Griechen haben lediglich die Andersartigkeit  ihrer winzigen Stadtrepubliken sehr zutreffend erkannt. Von einer Verachtung der Perser waren sie weit entfernt. Das Maß aller Dinge waren eben für das Staatsdenken zunächst einmal die orientalischen Großreiche, von Ägypten angefangen! Man lese doch bitte wieder einmal Herodot, angeblich den Vater der „abendländischen Geschichtsschreibung“. Was sehen wir da? Etwa drei Viertel seines Werkes „Historien“ behandeln östliche, also „orientalische“, despotisch geführte Großreiche! Der Ausnahmecharakter, das Besondere am griechischen, später am abendländischen Freiheitsbegriff, tritt bereits bei Herodot und Aischylos deutlichst vor Augen. Die zentrale, herausgehobene Stellung des Königs, des Pharaos, des Großkönigs, die sakrale Würde des Despoten, das ist ein Merkmal, das den Griechen wieder und wieder ins Auge sticht. Warum? Weil sie es selber nicht mehr aufweisen. Die griechischen Städte sind viel kleiner, und viele von ihnen haben das „Königtum“ abgeschafft und ersetzt durch wählbare Beamte, durch „Ältestenräte“ und dergleichen mehr. Sie haben den göttlich überhöhten Alleinherrscher, den „Despoten“  beseitigt und durch „Ratsversammlungen“ oder wählbare „Stadtobere“ ersetzt! Eine kulturrevolutionäre Tat allerersten Ranges, ohne die unsere „Vereinigten Staaten von Amerika“ und auch unsere „Bundesrepublik Deutschland“ nicht denkbar wären.

Die Abschaffung des despotischen Alleinherrschers war die Gründungstat, die die Republik ermöglichte. Sie erst ermöglichte jenes hohe Maß an Freiheit, das heute gerne in Festtagsreden beschworen wird. Unsere persönliche Freiheit, die Grundrechte, die im Laufe der Jahrtausende entwickelten Menschenrechte verdanken sich letztlich dem Aufstand gegen das despotische Staatsmodell der antiken Großreiche.

Leider droht dieses Wissen vom überragenden Rang der Freiheit auch in Europa immer wieder verlorenzugehen, wie die totalitären europäischen Großreiche des 20. Jahrhunderts belegen.  Sowjetrussland (ab 1917), Italien (1921-1944) und Deutschland (1933-1945) halte ich für drei besonders verheerende Rückgriffe auf despotische Staatlichkeit.  Despotische Staaten wie die drei genannten bringen zwar ein scheinbar höheres Maß an Versorgungsgewissheit. Dem steht als Preis jedoch ein hohes Maß an Unfreiheit, Entwicklungsverhinderung und häufig grausame Willkür gegenüber.

Gegen jeden Rückfall in diese alten Modelle vom allesbesorgenden despotischen Überstaat gilt es sich zu wehren.

Persiens Großkönig Xerxes: Verhasst, verlacht, verkannt – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wissenschaft
Anders als bei den Griechen sei „die persönliche Bewährung in vorderster Front nicht eine legitimatorische Voraussetzung des persischen Herrschertums“ gewesen. „Im Gegenteil: Der Tod eines Königs im Kampfe hätte eine gefährliche und gesetzlose Zeit heraufbeschworen, in der das Reich und die Herrschaft leicht in Unordnung hätten geraten können. Unter den Augen des aufmerksamen Königs tapfer zu kämpfen und dafür gegebenenfalls königliche Anerkennung zu finden genügte einem persischen Untertan; kein Perser hätte an dem thronenden Xerxes in Salamis Anstoß genommen.“

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Dez 062009
 

Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus zeichnet sich ein Gegensatz zwischen orientalischer Herrschaftskultur und europäischer Freiheitskultur ab. In den Persern des Aischylos, aber auch im Buch Ester der Hebräischen Bibel wird dies exemplarisch fassbar.

Die orientalische, die östliche Herrschaftskultur beruht auf der Unterwerfung des Einzelnen unter die göttlich überhöhte Vorrangstellung der Macht. Die Macht des Selbstherrschers setzt das Recht, schützt den Einzelnen vor Anmaßungen anderer, verlangt aber bedingungslose Anerkennung und Verherrlichung. Bis zum heutigen Tage herrschen in den meisten Nachfolgestaaten der antiken Großreiche des Ostens autokratische, auf Unterwerfung beruhende Regierungen. Die einzige Ausnahme stellen Israel und – mit allerdings erheblichen Einschränkungen – die Türkei und teilweise Libanon dar. Alle anderen Staaten vom Maghreb bis nach Pakistan sind autokratische oder diktatorische Regimes, in denen sich niemals über die Jahrtausende hin eine echte Freiheitskultur entfaltet hat.  Die Bürger dieses Staaten sind an ihre Versorgungsdiktaturen gewöhnt. Die Macht setzt sich durch, gestützt auf einen willfährigen Polizei- und Beamtenapparat.

Aus diesen Ländern der Versorgungsdiktaturen kommen die „problematischen“ Migrantengruppen zu uns. Da sie in ihren Herkunftsländern niemals aktive Teilhabe am öffentlichen Leben erlangt haben, setzen sie ihre Karriere als Versorgungsempfänger in Deutschland nahtlos fort. Folge: es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, etwa Elternabende zu besuchen. Alles, was der Staat macht, wird von den Bürgern hingenommen. Weder wird der Staat kritisiert, noch wird er aktiv verändert. Der Staat – hier also vertreten durch die Schule – soll seine Versorgungsleistungen erbringen. Zu diesen Leistungen gehört auch die Erziehung der Kinder. Man liefert Kinder ab, und die Schule soll sie erziehen. Der Islam mit seinem starken Akzent auf Endgültigkeit, mit seinem geschlossenen Weltbild, mit seiner nicht-diskursiven Ethik eignet sich ideal als Kitt solcher autokratischer Herrschaftsverbände.

Ganz anders das europäische Modell der abendländischen Leitkulturen! Europäische Leitkulturen sind dynamisch. Sie entstehen aus dem häufig streitigen Gegeneinander unterschiedlicher Machtpole und Machtinteressen. Machtverherrlichung ist nicht ihr Hauptzweck, sondern Befragung, Bekämpfung oder auch Sicherung der stets gefährdeten Macht. Europäische Leitkulturen sind nach vorne offen, sie zeichnen sich durch stetes Umdeuten der Herkünfte aus. Zu den europäischen Leitkulturen gehören deshalb untrennbar offene Kanonbildungen – ja der Kanon kultureller Werte und Werke ist selbst Gegenstand fortlaufender Neudeutung und Neuschaffung.

In der Berliner Schulpolitik herscht riesige Verwirrung über die Herkunftsländer unserer Migranten – sofern man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt.  Unser Sozialsystem wird von den Zuwanderern aus Türkei, Libanon oder Jordanien als bruchlose Fortsetzung der orientalischen Versorgungsdiktaturen erlebt und dankbar entgegengenommen. Die orientalisch-islamische Herrschaftskultur wird meist unbefragt weitergegeben. Dies erfahre ich auf Schritt und Tritt bei der Begegnung mit jungen migrantischen Männern in Kreuzberg.

Diese jungen migrantischen Männer wachsen in ein kulturelles Vakuum hinein, da die deutsche Gesellschaft – also wir – es nicht mehr vermag, ihre eigenen Werte überzeugend zu formulieren. Vielmehr wird in der deutschen Politik der Staat zunehmend zum „Anspruchsgegner“ gemacht, der uferlos auswuchernde Versorgungs- und Glückseligkeitswünsche zu befriedigen hat. Diese Grundhaltung „Versorge uns oh Staat!“ reicht bis weit in die CDU und die FDP hinein.

Man kann dies auch an den neuesten Schulreformversuchen ablesen. So wird etwa in der Broschüre des Berliner Senats zur neuen Sekundarschule nirgendwo die Rolle der Familie oder der fundamentale Beitrag des Einzelnen erwähnt – vielmehr wird das gesamte Schulwesen als eine Art BVG-Verschiebebahnhof dargestellt. Es kommt nur darauf an, den richtigen Waggon zu erwischen, alles andere regelt der Staat für die Schüler.

Ich halte dies für gefährlich. Wir brauchen nicht den Untertan, den unmündigen Leistungsempfänger. Wir brauchen den mündigen, seiner Rechte und Freiheiten bewussten Menschen und Bürger, der seine Glückseligkeit nicht vom Staat erwartet, sondern selbst dafür arbeitet.

 Posted by at 21:28